Kitabı oku: «Seewölfe Paket 20», sayfa 11
Dan winkte verlegen ab.
„Das hättet ihr genauso geschafft“, sagte er. „Außerdem habt ihr ja auch euren Teil dazu beigetragen. Das gezielte Drehbassenfeuer in der Dunkelheit war auch nicht gerade von schlechten Eltern. Aber nun zum Grund unseres Kommens: Weder die Black Queen noch Caligula sind dort drüben. Wir konnten beide nicht entdecken.“
Der Seewolf legte die Stirn in Falten.
„Ich habe das fast schon erwartet“, sagte er, „zumal uns hier an Bord auch schon einige Dinge recht merkwürdig erschienen sind. Nun, Caligula mag sich noch nicht bis zum Schlupfwinkel durchgeschlagen haben, aber wo die Queen steckt, das ist rätselhaft.“
„Vielleicht ist sie in ihrem eigentlichen Schlupfwinkel geblieben“, sagte Dan. „Das Dorf da drüben ist nämlich kein Piratenschlupfwinkel. Die Kerle haben vorgestern die armen Fischer überfallen und alle, die sich zur Wehr setzten, niedergemetzelt. Dann haben sie sich dort eingenistet und mit dem Gelage begonnen. Einer von ihnen, ein Kreole, hat sich sogar zum Bürgermeister aufgeschwungen. Von einer schwarzen Frau wußten die Dorfbewohner allerdings nichts, demnach war die Queen von Anfang an nicht dabei.“
Hasard schlug sich mit der Hand vor die Stirn.
„O Lord“, sagte er, „jetzt geht mir langsam ein Licht auf.“
„Was meinst du damit, Sir?“ Die Augen der Männer hingen plötzlich wie gebannt an seinen Lippen.
„Meuterei!“ sagte Hasard. „Es ist zwar unvorstellbar, aber es kann gar nicht anders sein. Nur so kann ich mir erklären, warum die Queen weder bei dem Überfall dabei war noch sich auf dem Schiff aufgehalten hat. Außerdem sieht es hier an Bord, auch in ihrer Kammer, so aus, wie man das nie von ihr erwartet hätte.“
Für einen Augenblick waren die Arwenacks sprachlos. Der Gedanke, daß die Kerle der Black Queen gemeutert haben könnten, war ihnen genauso unvorstellbar wie zuvor dem Seewolf.
„Das kann doch gar nicht sein“, meinte Gary Andrews schließlich.
„Es gibt keine andere Erklärung“, erwiderte der Seewolf. „Wenn die Queen, wie wir erfahren haben, ihre schwere Verwundung überlebt hat, ist sie wahrscheinlich noch ziemlich geschwächt. Caligula aber ist nach Havanna aufgebrochen, und diesen Umstand könnten die Kerle ausgenutzt haben. Bitte – ich kann mich auch irren, aber eine Meuterei würde alles erklären, was uns bis jetzt noch unverständlich war.“
So langsam gewöhnten sich die Arwenacks an diesen Gedanken.
„Zum Teufel, ich kann’s immer noch nicht recht glauben“, murmelte Smoky, „aber du mußt recht haben, Sir. Der Gedanke bietet sich regelrecht an.“
„Verschaffen wir uns doch gleich einmal Gewißheit“, schlug der Seewolf vor. „Für was haben wir denn drei ehrenwerte Mitglieder der noblen Bande an Bord? Wecken wir ruhig einen von ihnen auf, die Kerle pennen ohnehin schon lange genug.“
„Nehmen wir doch den Dürren, den wir auf der Back gefunden haben“, forderte Smoky, „der pennt schon am längsten.“ Schon verschwand er hinter der Nagelbank, packte den Kerl und schleifte ihn vor den Seewolf. Dann zog er ihm mit spitzen Fingern den Knebel aus dem Mund.
„Zuerst brauchen wir eine Pütz Wasser“, sagte Hasard, „damit er frisch und munter wird.“
Wenig später ergoß sich der Inhalt einer Schlagpütz über den Kopf des besinnungslosen Piraten. Er schlug die Augen auf, hustete und blinzelte in den Schein der Laterne, die man inzwischen entzündet hatte.
Hasard lächelte spöttisch, als ihn der Kerl dumm anglotzte.
„Ich wünsche, wohl geruht zu haben“, sagte er. „Leider haben wir dich wecken müssen, weil wir dringend etwas mit dir zu besprechen haben.“
„Wa-was ist los?“ stammelte der Kerl und wollte sich aufrichten. Doch jetzt bemerkte er, daß er gefesselt war und sank sofort auf die Planken zurück. „Wer – wer seid ihr? Und was wollt ihr?“
„Oh, das ist schnell erklärt, mein Freund“, fuhr der Seewolf fort. „Wir, das heißt, meine Kameraden und ich, gehören zu den Männern von der Schlangen-Insel. Wir möchten nur eine ganz simple Auskunft von dir haben. Was ist mit der Black Queen geschehen?“
Die Augen des Kerls weiteten sich. Ein gehöriger Schrecken fuhr ihm durch alle Glieder. Doch er gewann seine Fassung schnell zurück.
„Was soll die dämliche Frage?“ stieß er hervor. „Ich sage kein Wort. Wie kommt ihr überhaupt auf dieses Schiff?“
„Mit deiner freundlichen Hilfe“, erwiderte Hasard.
„Blödsinn! Ich habe niemandem geholfen!“
Hasard lächelte verbindlich. „Doch, mein Freund. Statt Ankerwache zu gehen, hast du selig geschnarcht. Also – reden wir nicht um den Brei herum. Die ‚Caribian Queen‘ ist fest in unserer Hand. Deine Kumpane, die dort drüben in dem Fischerdorf wie die Wahnsinnigen gehaust haben, gibt es – dem Himmel sei Dank – nicht mehr. Du und zwei Saufeulen, die dich ablösen wollten, seid die einzigen, die von eurem Haufen übriggeblieben sind. Wenn du jetzt nicht hübsch das Maul auf tust und mir klipp und klar sagst, was ich wissen will, werden nur noch zwei übrigbleiben. Doch zu denen wirst du nicht gehören.“
Der Kerl schluckte hart. Zuerst konnte er nicht fassen, was der Engländer da sagte. Casco und all die anderen sollten tot sein? Das war unfaßbar! Man mußte sie in der Dunkelheit überfallen haben. In der Tat – es war kein Gegröle mehr zu hören. Wahrscheinlich sagte der Engländer doch die Wahrheit.
„Ich – ich …“, stotterte der Schnapphahn. Ein kalter Schauer rieselte ihm über den Rücken.
„Was ist?“ hakte Hasard ein. „Sprich nur aus, was dir auf dem Herzen liegt. Warum ist die Black Queen nicht auf diesem Schiff. Wo steckt sie?“ Er packte den Kerl an seinem schmuddeligen Hemdkragen und zog ihn ein Stück näher zu sich heran. Gleichzeitig zog er sein Messer aus dem Gürtel.
„Ich – ich sage ja alles!“ In den Augen des dürren Mannes war deutlich die Angst zu erkennen. Gerade vor den Engländern, die der „Caribian Queen“ in den vergangenen Monaten manch harte Schlacht geliefert hatten, empfand er höllischen Respekt.
„Dann heraus mit der Sprache!“ herrschte ihn der Seewolf an.
„Die – die Queen ist nicht mehr unser Kapitän.“
„Das haben wir bereits bemerkt“, meinte Hasard sarkastisch. „Warum sagst du nicht, daß ihr gemeutert habt?“
Jetzt begann der Schnapphahn zu jammern.
„Ich kann nichts dafür, glaubt mir! Casco hat die Führung an sich gerissen, ich konnte nichts dagegen tun.“
„Hör auf, den Jammerlappen zu spielen“, sagte der Seewolf kalt und setzte ihm gleichzeitig das Messer an die Kehle. „Ich will jetzt die ganze Geschichte hören, und zwar lückenlos!“
Von jetzt an redete der Kerl wie ein Buch. Er erzählte alles über die Meuterei, über den Auftrag Caligulas und berichtete auch haarklein über das, was mit der siechen Black Queen geschehen war. So erfuhren die Seewölfe, daß sie jetzt einsam und verlassen mit vier Getreuen auf einem Eiland der Islas de Mangles saß.
Als er alles ausgeplaudert hatte, ließ ihn Hasard einfach auf die Planken zurückfallen.
„Jetzt wissen wir, was gespielt wird“, sagte er. „Mit dir allerdings sind wir noch nicht zu Ende. Du wirst uns als Lotse zu dieser Insel bringen.“
Der Kerl erklärte sich dazu zitternd bereit.
Die Arwenacks brauchten eine Weile, bis sie die Geschichte verdaut hatten. Die mächtige Queen siech und auf einer einsamen Insel ausgesetzt – wenn das keine Neuigkeit war!
Doch die allgemeine Verblüffung dauerte nicht lange. Es gab schließlich einiges zu tun. Jetzt, nachdem sie schon die ganze Bande aufgerieben hatten, wollten sie auch die Black Queen und Caligula, ihren Geliebten, nicht entwischen lassen.
Hasard setzte mit Dan und einigen anderen Männern zu dem geplünderten Fischerdorf über und besah sich die ganze Bescherung. Der Kutscher hatte sich bereits um alle Verwundeten gekümmert, auch um diejenigen Dorfbewohner, die bei dem Piratenüberfall verletzt worden waren.
Der Seewolf übergab den gepeinigten Frauen als Trost, und in gewissem Sinne auch als Entschädigung, einen erklecklichen Teil aus der Schatzbeute des Zweideckers, auch wenn das keine toten Ehemänner, Väter oder Brüder ersetzte. Zumindest war den überlebenden Dorfbewohnern damit ein neuer Anfang möglich.
Als sich die Arwenacks und Kolberger schließlich wieder an Bord der „Caribian Queen“ begaben, die Anker hievten und die Segel setzten, um mit dem erbeuteten Zweidecker zur „Pommern“ zu segeln, standen die Frauen am Ufer und winkten im Schein der immer noch brennenden Feuer mit bunten Tüchern.
„Wie es scheint, haben wir da drüben gerade im richtigen Moment zugeschlagen“, sagte Dan zufrieden.
Der Seewolf nickte.
„Nicht auszudenken, was sonst aus den Frauen geworden wäre.“
Noch in derselben ereignisreichen Nacht brachen die beiden Schiffe, die „Pommern“ und die „Caribian Queen“, zu den Islas de Mangles auf.
8.
Bereits einen Tag vor der Vernichtung der Piratenbande erreichte Caligula auf der erbeuteten Schaluppe den bisherigen Schlupfwinkel der Black Queen.
Es war Vormittag, als der kleine Einmaster mit raumem Wind in die Bucht einlief. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, die Hitze bedeckte die gleißende Wasserfläche mit einem dunstigen Schleier.
Caligula, immer noch mit Handketten versehen, stand breitbeinig in der Schaluppe und blickte sich suchend um. Sein wildwuchernder schwarzer Bart verlieh ihm ein groteskes Aussehen.
Immer wieder ließ er seine Blicke über die Bucht schweifen, doch gleich, welche Richtung er in Augenschein nahm – nirgends war die „Caribian Queen“ zu sehen.
Verdammt, er hatte sich doch nicht in der Bucht geirrt? Genau hier, im Schutze dieser Insel, hatte das Schiff vor Anker gelegen, und zwar seit einigen Monaten. Jetzt aber war es verschwunden – einfach weg. Bei allen Göttern und Teufeln, so was gab es doch gar nicht! Hatte die Black Queen vielleicht einen anderen Schlupfwinkel gewählt? Wenn ja – warum?
Der Gedanke war dem herkulischen Neger unvorstellbar. Sie wußte doch, daß er hierher zurückkehren würde. Demnach konnte sie doch nicht einfach verschwinden. Caligula war regelrecht verwirrt, weil er sich keinen Reim auf die leere Bucht bilden konnte.
Während er weiter in den Schlupfwinkel hineinsegelte, begann er fürchterlich zu fluchen. Da war es ihm unter größten Anstrengungen gelungen, den Häschern des fetten Gouverneurs in Havanna zu entwischen und sich unter großen Schwierigkeiten und Gefahren bis zum Schlupfwinkel durchzuschlagen, und jetzt war da niemand. Es sah aus, als habe sich der riesige Zweidecker in Luft aufgelöst.
Wo sollte er jetzt suchen? Das Gebiet der Islas de Mangles war groß und die vielen Inseln hatten zahlreiche versteckte Buchten aufzuweisen. Hatte es vielleicht Ärger gegeben, so daß die Queen deshalb gezwungen war, ein anderes Versteck anzulaufen? Warum aber hatte sie dann nicht an ihn gedacht? Sollte er den neuen Ankerplatz der „Caribian Queen“ vielleicht riechen?
Während er noch fieberhaft überlegte, was in dieser verzwickten Situation am besten zu tun sei, vernahm er plötzlich schwache Rufe, die der Wind über das Wasser trug. Wie von einem Skorpion gestochen fuhr er herum und blickte in die Richtung, aus der die Laute erklungen waren.
Jetzt sah er auch, wer die Rufe ausgestoßen hatte.
Vier schwarze Gestalten rannten brüllend am Ufer entlang und winkten verzweifelt zu ihm herüber.
Caligula riß sofort das Ruder herum und steuerte hart nach Backbord. In gewissem Sinne fiel ihm ein Stein vom Herzen. Die Kerle, die da drüben winkten, gehörten bestimmt zur Besatzung des Zweideckers, auch wenn er das bis jetzt noch nicht genau feststellen konnte. Offenbar hatte die Queen sie hier zurückgelassen, damit sie ihn bei seinem Eintreffen über das neue Versteck unterrichten konnten. Also hatte sie doch an ihn gedacht. Das wäre ja auch noch schöner gewesen!
Zügig rauschte die Schaluppe durch das kabbelige Wasser und hielt auf das Ufer der Insel zu. Bald konnte Caligula die Kerle deutlich erkennen, die sogar ein Stück ins seichte Wasser gewatet waren. Sie winkten immer noch, als befürchteten sie, die Schaluppe könne plötzlich wieder verschwinden.
Caligula beobachtete das mit kritischem Blick. Verdammt, das sah ganz danach aus, als sei etwas passiert. Warum sonst gebärdeten sich die vier Kerle so wild? Nach seiner Landung fauchte er sie sofort an.
„Was ist los? Redet schon! Warum benehmt ihr euch wie ein paar Verrückte?“
Limba und seine drei Kumpane, die von Casco und den anderen Meuterern ins Wasser geworfen worden waren, redeten alle gleichzeitig.
„Meuterei!“ schrie einer. „Die Schweine sind mit dem Schiff abgehauen!“ ein anderer.
Erst nach einer heftigen Geste Caligulas beruhigten sich die Kerle, und Limba berichtete in kurzen Worten, was nach seinem, Caligulas, Weggang von der „Caribian Queen“ geschehen war.
„Auch die Black Queen ist hier“, fügte er hinzu. „Wir haben dort hinten zwischen den Palmen eine Notunterkunft für sie errichtet, denn sie ist ja noch nicht wieder richtig auf den Beinen.“
Caligula ließ einen ellenlangen Fluch vom Stapel. Hatte er überhaupt richtig gehört? Meuterei? Und dieser verdammte Casco war mit fast der gesamten Mannschaft und dem Schiff verschwunden?
Für einen Augenblick glaubte Caligula, wahnsinnig zu werden. Ohne jeden Grund, wie aus einer reflexartigen Bewegung heraus, verpaßte er einem der Kerle, der am leichtesten zu erreichen war, einen Fausthieb, der ihn rücklings in den Sand schleuderte. Dann sank er fluchend auf die Knie und trommelte mit beiden Fäusten unaufhörlich in den Ufersand. Die Kette zwischen seinen Händen klirrte und schepperte. Er tobte, fluchte und brüllte wie ein wundes Tier.
Nach einer Weile beruhigte er sich wieder und erhob sich. Die vier Kerle hielten sich in gebührendem Abstand von ihm auf. Schließlich wußten sie, wie unberechenbar er war.
Das Gesicht Caligulas glich einer steinernen Maske. Er folgte den vier Piraten wortlos zu einer Palmengruppe, hinter der sich üppiges Grün über die Insel hinzog. Der starre Ausdruck in seinem Gesicht löste sich erst, als er die Stimme der Black Queen vernahm. Sie hockte, halb liegend, in einer Nothütte, die die vier Männer mit ein paar Ästen und Palmblättern errichtet hatten, und sah ihn böse an.
„Hättest du nicht früher zurückkehren können?“ keifte sie. „Weiß der Teufel, wo du dich herumgetrieben hast. Sicherlich hast du sämtliche Hurenhäuser von Havanna abgeklappert, statt deinen Auftrag auszuführen und auf schnellstem Weg zum Schiff zurückzukehren. Jetzt stecken wir bis obenhin im Dreck.“
Caligula platzte erneut der Kragen. Er blieb vor der Queen stehen und riß die Arme hoch.
„Hier, sieh dir diese Kette an! Werden einem diese Dinger vielleicht in den Hurenhäusern angelegt?“
Die Queen starrte mit zusammengekniffenen Lippen auf seine Handgelenke.
„Was hat das zu bedeuten?“
Caligula hieb wild mit der Kette durch die Luft.
„Das bedeutet, daß man mich gefangengenommen hat!“ brüllte er. „Es war schon ein Kunststück, überhaupt wieder in diese Bucht zu gelangen, nachdem man mich in Havanna in den Kerker geworfen und gefoltert hatte. Wäre mir die Flucht nicht gelungen, würde ich jetzt noch im Verlies des Gouverneurs hocken und mich von den Ratten benagen lassen.“
Er berichtete mit erregter Stimme von dem, was in Havanna geschehen war. Die unliebsamen Dinge, wie zum Beispiel seine Geschwätzigkeit den Freudenmädchen gegenüber, verschwieg er wohlweislich.
Doch die sonst so intelligente und raffinierte Piratin brachte nur wenig Verständnis für die Ereignisse in Havanna auf. Ihre Gedanken kreisten im Augenblick nur um ihre ausweglose Lage.
„Was soll jetzt aus uns werden?“ geiferte sie zornig. „Wir hocken als arme Leute auf dieser beschissenen Insel und wissen nicht, was uns der morgige Tag bringen wird. Eins schwöre ich dir, Caligula: Sobald ich wieder gesund bin, werde ich diesen verdammten Hurensohn namens Casco jagen bis zum Ende der Welt. Und von dir erwarte ich das gleiche. Er wird bitter bezahlen für jede Minute, die ich auf dieser Insel verbracht habe.“
Darin pflichtete ihr Caligula lebhaft bei.
Dennoch war die Lage mehr als trostlos für das einst so erfolgreiche Gespann. Sie hatten – das mußten sie sich eingestehen – eine totale Niederlage erlitten. Der Traum von der Eroberung der Karibik war ausgeträumt, und zwar restlos. Sie standen vor einem völlig ungewissen Neuanfang. Die bisher so reiche Beute war weg, der Zweidecker war weg, und damit waren sie so arm wie die ärmsten Bettler. Hauptsächlich das war es auch, was sie nahezu um den Verstand brachte.
Caligula war nur noch ein entlaufener Sträfling, denn er hatte noch immer die Kette zwischen den Handgelenken, und die Queen war siech und schwach. Die einst so stolze Piratin, vor der jedermann gekuscht hatte, war nur noch ein gereiztes, keifendes und kränkliches Weib.
Die Stunden vergingen. Caligula, die Black Queen sowie Limba und die drei anderen Kerle hockten während der heißen Mittags- und Nachmittagsstunden im Schatten der Palmen und brüteten die meiste Zeit dumpf vor sich hin. Erst gegen Abend hatte sich Caligula zu einem Entschluß durchgerungen.
„Auf jeden Fall können wir nicht auf dieser Insel bleiben“, sagte er. „Hier gehen wir langsam vor die Hunde. Außerdem weiß man nicht, was Casco und den anderen Hurensöhnen noch einfällt. Ich halte sie sogar für imstande, dem Seewolf einen Tip zu geben, damit er weiß, wo er uns finden kann. Auf diese Weise hätte uns Casco rasch vom Hals.“
„Du hast recht“, bestätigte die Queen. Ihre Stimme klang wieder ruhiger und besonnener. „Der Boden ist hier zu heiß für uns. Auch wenn wir noch nicht wissen, wie es weitergehen soll, müssen wir zunächst von hier verschwinden.“
Die Schlußfolgerung, die Caligula geäußert hatte, klang zwar logisch, aber tatsächlich hatte er ganz andere Gründe für seinen Vorschlag. Er erinnerte sich nämlich dunkel daran, daß er bei den Huren in Havanna großspurig herumposaunt hatte, wo „sein“ Schiff zu finden wäre. Da brauchte nur eine ihr Wissen beim Gouverneur oder seiner Hofclique gegen blanke Münzen einzutauschen, und schon würde eine ganze Armada aufbrechen, um ihn zu schnappen.
Das war der Grund dafür, daß Caligula es plötzlich sehr eilig hatte, von den Islas de Mangles zu verschwinden.
Sofort scheuchte er die vier Männer hoch. Die Schaluppe wurde eilig ausgerüstet. Der Proviant bestand ausschließlich aus Kokosnüssen und Früchten, die man auf der Insel gefunden hatte. Etwas Trinkwasser hatten die vier Männer, die der Black Queen treugeblieben waren, notdürftig in leere Kokosnüsse gefüllt.
Am Schluß wurde die schwarze Piratin in die Schaluppe verfrachtet, und kurz vor Einbruch der Abenddämmerung segelte der Einmaster aus der Bucht.
„Wohin geht die Fahrt?“ fragte Limba zaghaft.
„Nach Süden“, erwiderte Caligula kurz angebunden. Mehr wußte er im Augenblick selber noch nicht.
9.
Am Spätnachmittag des 27. April im Jahre des Herrn 1594 steuerten die „Pommern“ und der erbeutete Zweidecker jene einsame Insel an, die der Pirat, der von Hasard in die Mangel genommen worden war, als Schlupfwinkel bezeichnet hatte.
Hasard war auf Nummer Sicher gegangen und hatte den Kerl sogar eine Zeichnung der Insel anfertigen lassen, bevor man ihn zusammen mit seinen beiden Kumpanen in die Vorpiek gesperrt hatte.
Vor einer Stunde jedoch hatte man ihn herausgeholt und ihm einen Platz auf dem Achterdeck zugewiesen. Nach Hasards Berechnungen konnte man nicht mehr allzu weit vom Ziel entfernt sein, deshalb sollte der Schnapphahn jetzt als Lotse dienen.
Er tat es bereitwillig, sobald ihn ein Blick aus den eisblauen Augen des Seewolfs traf.
Natürlich erregte der verluderte Kerl auf dem Achterdeck sehr das Mißfallen Edwin Carberrys. Immer wenn er in der Nähe des Piraten zu tun hatte, hielt er sich die Nase zu und japste hinterher nach Luft.
„Ich hätte nie geglaubt, daß echte Rübenschweine so gottserbärmlich stinken würden“, röhrte er und zog dabei jeweils eine Grimasse, die den Kerl zusammenzucken ließ. „Da könnte einem schon der Appetit für den ganzen Tag vergehen. Mir macht’s ja nicht mehr viel aus, weil er mir ohnehin schon vergangen ist.“
„Warum denn das?“ wollte der Seewolf wissen. „Du bist doch sonst nicht so appetitlos, Ed?“
„Aber heute bin ich es, Sir. Heute ist nämlich jener schwarze Tag, an dem es dicken Hirsebrei gibt.“
Hasard schüttelte verwundert den Kopf.
„Dicken Hirsebrei?“
„Jawohl, Sir, das hat mir der Kutscher schon gestern im Vertrauen gesagt. Und das soll ein echt englisches Essen sein. Daß diese klebrige Pampe einem echten Engländer wie mir schon tagelang im voraus den Magen umkrempelt, das interessiert den Töpfeschwenker überhaupt nicht. Warum auch, er hat ja stinkende schwarze Salben und anderen Schweinkram mit dem er einem wieder aufpäppelt, wenn etwas schiefgelaufen ist. Ich als Profos nenne das verantwortungslos, jawohl.“
Obwohl Hasard nicht wußte, welche Ereignisse der üblen Laune Eds vorausgegangen waren, konnte er sich doch ein Grinsen nicht verkneifen.
„Wart’s ab, Ed, und laß dich überraschen. Vielleicht hat sich der Kutscher das längst anders überlegt.“
„Glaub’ ich nicht, Sir. Dem ist es gleichgültig, ob man von dem Zeug krank wird oder nicht. Ich bin es nämlich schon.“
„Du siehst aber noch ganz gesund aus“, mischte sich Pete Ballie ein.
„Was verstehst du schon von Krankheiten, du triefäugiger Sumpfhahn“, fauchte ihn der Profos an. „Ich fühle mich hundeelend. Dicker Hirsebrei und dann noch so ein stinkendes Rübenschwein an Bord – da soll man noch bei Gesundheit bleiben!“
Noch bevor der Profos aufzählen konnte, welche üblen und vor allem äußerst ansteckende Krankheiten man von dickem Hirsebrei kriegen konnte, meldete Luke Morgan, der in den Großmars aufgeentert war, einen schwarzen Strich an der Kimm.
„Das wird die Insel sein“, sagte der Seewolf, und der Pirat nickte eifrig. Auch die Männer, die als Notbesatzung die „Caribian Queen“ übernommen hatten, schienen bereits bemerkt zu haben, daß Land in Sicht war.
Der große Augenblick stand also nahe bevor – jetzt sollte auch mit der Black Queen selber abgerechnet werden – und hoffentlich auch mit Caligula.
Der Lotse schnitt ein ängstliches Gesicht, als fürchte er sich jetzt noch vor der Queen. Offenbar malte er sich aus, was mit ihm geschehen würde, wenn er ihr jemals in die Hände fiel.
„Wir verfahren so, wie wir das besprochen haben“, sagte Hasard. „Wir werden unter äußersten Vorsichtsmaßnahmen auf der entgegengesetzten Seite der Schlupfwinkelbucht vor Anker gehen, damit sich das Gesindel nicht vorzeitig verkriecht.“
„Das Schnapphühnchen soll sich nur verkriechen“, sagte Ed, der jetzt seine schlechte Laune vom Hirsebrei auf die Queen übertrug. „Man wird es über die ganze Insel gackern hören, wenn ich es von der Stange fege!“
Nach mehr als einer Stunde erreichten die beiden Schiffe ihr Ziel. Nachdem die Anker Grund gefaßt hatten, wurde je ein Boot von der „Pommern“ und der „Caribian Queen“ abgefiert, denn zwei Suchtrupps sollten sich von verschiedenen Seiten her an die Bucht heranpirschen. Ein Kommando übernahm der Seewolf selbst, das andere Renke Eggens.
Die Boote erreichten die Insel mühelos und wurden dort an einer geschützten Stelle vertäut. Zwei Männer blieben als Wache zurück.
Das Eiland sah malerisch aus. Hohe Palmen und Farnbäume gaben ihm das Gepräge und boten Schutz vor der flirrenden Hitze. In den Baumwipfeln lärmten Scharen von bunten Vögeln, viele davon hoben sich erschreckt in die Luft, als sie die Männer sahen.
„Ich kann mir vorstellen, daß es hier genug Trinkwasser, Früchte und vielleicht sogar jagdbares Wild gibt, um eine Weile zu überleben“, sagte Hasard. „Trotzdem wird die Black Queen nicht darauf erpicht sein, hier ihren Lebensabend zu verbringen.“
Da pflichteten ihm die Männer grinsend bei.
Die beiden Suchtrupps trennten sich bald, um die Bucht in die Zange zu nehmen. Sie gelangten gut voran, und das üppige Grün verhinderte, daß man sie vorzeitig entdeckte.
Bald fiel das Gelände etwas ab, das Grün wurde spärlicher und ließ die riesigen Palmen noch höher erscheinen.
Hasard hob plötzlich die Hand und stoppte seine Schritte – die Bucht lag vor ihnen.
„Von jetzt an wird nur noch geflüstert!“ befahl er. „Wir haben von der Queen und den paar Kerlen zwar nicht mehr viel zu befürchten, aber ich möchte trotzdem ein Versteckspiel vermeiden.“
Nachdem man den Strand fast erreicht hatte, verteilte man sich und pirschte sich vorsichtig an die Palmgruppen heran.
Aber es war nirgends jemand zu sehen, und das ließ die Männer stutzig werden. Der Profos blickte besonders grimmig drein. Er gehörte zur Gruppe des Seewolfs und hielt wie alle anderen eine schußbereite Steinschloßpistole in der Hand.
Da plötzlich deutete Hasard auf eine windschiefe Blätterhütte, die sich, etwas versteckt, zwischen den Palmstämmen befand.
Dort wurde die Baumgruppe umzingelt, und der Seewolf sowie Ed und Ferris nahmen die Hütte in Augenschein. Wie sie fast schon erwartet hatten, war sie leer.
„Eine Notunterkunft“, sagte Hasard. „Es sieht ganz danach aus, als seien die Vögel ausgeflogen.“
„Verdammt, das wäre aber ärgerlich, Sir“, sagte der Profos. „Das Schnapphuhn kann doch unmöglich zur nächsten Insel geschwommen sein.“
„Das sicherlich nicht“, sagte Hasard, „aber es liegt immerhin im Bereich des Möglichen, daß es Caligula gelungen ist, ein Fahrzeug aufzutreiben und hierher zu segeln. Er kannte ja den Schlupfwinkel.“
Renke Eggens, der inzwischen ebenfalls mit seiner Gruppe eingetroffen war, bestätigte die Vermutung des Seewolfs. Der sichtbare Beweis für ihre Richtigkeit sollte den Männern gleich geliefert werden.
Sie fanden nämlich deutliche Fußspuren im Sand, die erkennen ließen, daß sich mehrere Personen zwischen der Hütte und dem Wasser hin und her bewegt hatten. Auch mußte an jener Stelle, an der die Fußspuren endeten, ein Boot gelandet sein, das war deutlich festzustellen. Da niemand weggeschwommen sein konnte, mußte also doch Caligula die Hand im Spiel gehabt haben. Mit ziemlicher Sicherheit hatte er die Queen und die paar Kerle an Bord genommen und war mit ihnen davongesegelt. Aber wohin?
Der Seewolf war nahe daran, einen wüsten Fluch vom Stapel zu lassen, doch er verkniff sich diese menschliche Erleichterung.
„Es hat keinen Sinn, daß wir uns darüber ärgern“, sagte Hasard schließlich. „Wenn wir auch keinen totalen Sieg verbuchen können, haben wir doch auf jeden Fall einen ganz beachtlichen Erfolg errungen. Vor allem scheint der Versuch der Queen, den Bund der Korsaren durch die Spanier vernichten zu lassen, vorerst gescheitert zu sein. Die Bande der Queen existiert so gut wie nicht mehr, und sie und Caligula werden in absehbarer Zeit ihre Machtgier kräftig zügeln müssen. Die Königin ist von ihrem Thron gestürzt, und zwar ganz schön tief.“
„Hoffentlich hat sie sich dabei kräftig ihren schwarzen Hintern verstaucht“, sagte Ed boshaft.
Die Männer sahen ein, daß es zwecklos war, weiter nach der schwarzen Piratin zu suchen. Sie kehrten deshalb auf kürzestem Weg zu ihren Booten und dann auf ihre Schiffe zurück. Auf der „Pommern“ wurde anschließend Rat gehalten über das, was weiter zu tun sei.
Bald war man sich darüber einig, daß man zunächst einmal zur Schlangen-Insel zurücksegeln würde. Die „Caribian Queen“, dieses kampfstarke Schiff, sollte künftig unter der Flagge des Bundes der Korsaren segeln – vielleicht sogar wäre Siri-Tong, die Rote Korsarin, bereit, das Schiff ihrer bisher härtesten Gegnerin zu übernehmen.
„Und was soll mit den drei stinkenden Rübenschweinen geschehen?“ wollte Ed wissen.
„Wir werden sie auf dieser Insel lassen, und zwar ohne Waffe, Werkzeuge und Proviant“, erwiderte der Seewolf. „Besser haben sie es nicht verdient.“
„Nun ja“, sagte Ed, „ich hätte schon was Besseres gewußt.“
„Was zum Beispiel?“
„Ich hätte sie mit dem gesamten Hirsebrei gefüttert, den der Kutscher gekocht hat. Das wäre eine weit schlimmere Strafe für diese blaukarierten Affenärsche.“
Die Arwenacks lachten brüllend über diesen todernst vorgebrachten Vorschlag und das grimmige Gesicht ihres Profos’. Dennoch wurde natürlich die Anordnung Hasards beachtet. Die drei Schnapphähne wurden kurzerhand an Land gesetzt, da half ihnen kein Zetern, kein Fluchen und kein Bitten.
Anschließend teilte Hasard die Mannschaft auf. Ein Teil der Arwenacks und ein Teil der Kolberger wechselte auf den Zweidecker über, den Dan O’Flynn für die Heimreise zur Schlangen-Insel als Kapitän übernehmen sollte.
Die Stimmung an Bord der „Pommern“ hob sich rasch – nicht zuletzt bei Edwin Carberry. Als der Kutscher wie entschuldigend erklärte, er habe den geplanten Hirsebrei leider nicht zubereiten können, da die Hirse infolge der tropischen Hitze schlecht geworden sei, erhellte sich das Gesicht des Profos’. Und als der Kutscher hinzufügte, er habe sich deshalb erlaubt, Berge von deftigen Speckpfannkuchen zu braten, strahlte Ed wie ein frischgebackener Kuchen.
Er hieb dem Kutscher begeistert auf die Schulter.
„Ich habe schon immer gesagt, Kutscher, daß du ein kluges Kerlchen bist und echtes Interesse an der Gesundheit der ganzen Mannschaft hast!“
Unter dem Grinsen der Arwenacks und Kolberger wurden die Anker gehievt. Noch während der Nacht liefen die beiden Schiffe aus der Bucht, um ostwärts an der kubanischen Küste entlangzusegeln.
ENDE








