Kitabı oku: «Der Schlüssel zur Tragödie», sayfa 4
4.1.3. Göttliche Strafe für unabsichtlichen Frevel
Nachdem der Chor geendet hat, kehrt Creon von der Totenbeschwörung des Laius zurück. OedipusTragödienOedipus befragt ihn über die Ergebnisse. Creon lässt sich erst nach Androhung von Folter (518–519) und Hinrichtung (521–522) dazu bewegen, zu sprechen, da er die Reaktion des OedipusTragödienOedipus fürchtet. Dieser geriert sich wie ein wahrer Tyrann, der mit brutaler Gewalt seine Ziele zu erreichen sucht.TragödienOedipus1 Creons Bericht (530–658) ist sehr ausführlich gehalten. Der Spannungsbogen bis zur Erscheinung des Laius (619) wird kontinuierlich gesteigert, indem minutiös zunächst der Ort der Beschwörung beschrieben wird: Bei der Auflistung der Opfergaben finden sich deutliche Parallelen zum zweiten Chorlied, denn Milch und Wein, die dort als Hochzeitsgaben gereicht wurden (495–496), werden als Trankopfer dargebracht (libat et niveum insuper / lactis liquorem, fundit et Bacchum manu, 565–566). Auch die bewusste Verwendung der Personifikation von Bacchus für den Wein lässt die Anknüpfung an das Lied enger erscheinen. Nach einigen Prodigien und dem Auftritt weiterer Gestalten aus der Unterwelt2 kommt Laius aus dem Totenreich herauf. Anstatt seinen Mörder zu benennen, prangert er an, dass Theben dem Frevel des maternus amor (629) verfallen sei.3 Er führt dies auch als den Grund für das Leiden seines Vaterlandes an, Götterzorn sei auszuschließen (patria, non ira deum, / sed scelere raperis, 630–631). Schließlich enthüllt Laius die Identität seines Mörders und denunziert einen König, sowohl den Vatermord als auch die Blutschande begangen zu haben (634–635). OedipusTragödienOedipus greift an diesem Punkt der Berichterstattung noch nicht in Creons Rede ein, da er immer noch keine Verbindung zu seiner eigenen Person sieht.TragödienOedipus4 Auch weitere Hinweise, so beispielsweise auf die Sphinx (640–641), führen nicht dazu, dass OedipusTragödienOedipus begreift. Erst als Creon von der konkreten Aufforderung an die Thebaner berichtet, ihren König zu vertreiben, um sich von der Pest zu befreien (647–653), beginnt OedipusTragödienOedipus zu ahnen, wer gemeint ist. Der beschworene Geist prophezeit gar noch in Andeutungen die Blendung (655–658), bevor er seinem Sohn Rache schwört und verschwindet. OedipusTragödienOedipus wird von heftiger Furcht ergriffen, doch er glaubt weiterhin an einen Irrtum, hält er doch Merope und Polybus für seine leiblichen Eltern. Auch für den Mord an Laius fühlt er sich nicht verantwortlich, denn er sieht keine Verbindung zu dem Mann, den er vor seiner Ankunft in Theben einst erschlug. Schließlich kommt er zu dem für ihn einzig logischen Schluss: Er wittert eine Verschwörung zwischen Creon und dem Seher Tiresias, die ihn vom Thron vertreiben wollten (669–670). Es folgt ein kurzer rhetorischer Schlagabtausch zwischen OedipusTragödienOedipus und Creon, der versucht, die Vorwürfe von sich zu weisen, und den König ermahnt, sich lieber in sein Schicksal zu fügen (tibi iam necesse est ferre fortunam tuam, 681).5 OedipusTragödienOedipus gebärdet sich jedoch despotisch und lässt sich zu einigen fragwürdigen Herrschaftsaussagen hinreißen (regna custodit metus, 704). Als Creon dem König immer wieder rhetorisch gewandt Paroli bietet, greift dieser schließlich zu Brachialgewalt, um den vermeintlichen Widersacher zum Schweigen zu bringen: Der König lässt seinen Schwager in Ketten legen und ins Verlies werfen. Diese Handlung zeugt von Tyrannei, doch dahinter steht vor allem die blanke Angst vor den unbegreiflichen Geschehnissen und Ahnungen, die ihn zu überwältigen drohen. Es geht hier nicht in erster Linie um die politische Zeichnung eines Tyrannen,6 sondern um die Illustration eines Gemütszustandes. OedipusTragödienOedipus befindet sich an dieser Stelle auf dem Gipfel seiner Verblendung und paradoxerweise am weitesten von der Wahrheit entfernt, wo sie doch das erste Mal im Stück klar ausgesprochen wurde.TragödienOedipusTragödienOedipusTragödienOedipus7 Den letzten konsequenten Schritt zur Lösung des Rätsels kann er nicht gehen, da er nicht in der Lage ist, das Pestleiden aus einem weitreichenden Ursachenkomplex zu lösen und es auf sich selbst zu beziehen.
Auf dem Höhepunkt von OedipusTragödienOedipus’ Verzweiflung interveniert nun der Chor mit seinem dritten Lied (709–763). Die Anfangsverse wirken zunächst wie eine Entlastung des OedipusTragödienOedipus: Nicht er sei der Grund für Thebens Leid, sondern alter Götterzorn (non tu tantis causa periclis, / non haec Labdacidas petunt / fata, sed veteres deum / irae secuntur, 709–712). Es wird eine Erbschuld des thebanischen Volkes erwogen. Hierbei ist im Gegensatz zum zweiten Lied auffällig, dass allen folgenden Beispielen gemein ist, dass der göttliche Frevel nicht wissentlich begangen wurde.
Zunächst beschreibt der Chor die Stadtgründung durch Cadmus, der sich auf der Suche nach seiner Schwester Europa schließlich auf Apolls Geheiß im thebanischen Gebiet niedergelassen habe (712–724). Sodann folgen einige Verse (726–730), die die Tötung des Drachen durch Cadmus beschreiben und der den Anfang einer Liste von nova monstra (724) bildet, die Theben im Laufe der Jahre heimsuchten. Die Tötung des Drachen ist deshalb von Belang, weil dieser ein Sohn des Ares war und Cadmus Theben somit bereits von der Gründung an Götterzorn aufgeladen hat. Allerdings lässt er sich auf den Kampf mit dem Ungeheuer nur ein, da dieses eine Quelle verteidigt, an der Cadmus Wasser für ein Jupiter-Opfer holen soll. Da der Drache dabei einen Großteil seiner Gefährten tötet, bleibt Cadmus nichts anderes übrig, als sich zu verteidigen. Die Tötung des Aressohnes ist also kein bewusster Fehltritt, denn Cadmus weiß nicht, um wen es sich bei seinem Gegner handelt, sondern im Gegenteil der Versuch, eine gottesfürchtige Handlung wie geheißen auszuführen. Für den Rezipienten des Chorliedes drängt sich erneut die Assoziation mit OedipusTragödienOedipus auf: Auch er begeht ohne Absicht ein nefas. Um zu verhindern, dass das Verhalten des Cadmus als vorsätzlicher Frevel wahrgenommen werden könnte, hält Seneca die Beschreibung der Begebenheiten bewusst knapp und spart Details aus. 8 Der ‚Nachwuchs‘, der aus den Zähnen des Drachen entsteht, die Sparten (731–750), die sich direkt nach ihrer Schöpfung bis auf wenige Ausnahmen gegenseitig töten, begründen die Tradition des Brudermords. Der Chor endet mit der Geschichte von Actaeon (751–763), der aufgrund des Zorns Dianas von seinen eigenen Hunden zerrissen wurde. Seit Ovid ist Actaeon vom Vorwurf der Hybris freigesprochen, da er die Göttin versehentlich erblickt und das Zusammentreffen nicht willentlich herbeigeführt hat.Ovidmet.Ovid9 Eine Abrundung des dritten Liedes fehlt. Dieser offene Schluss wirkt wie eine Einladung, die Geschichte bis zu OedipusTragödienOedipus selbst fortzuspinnen.10 Die Parallelen zwischen mythischer Vergangenheit und OedipusTragödienOedipus sind offensichtlich: Cadmus und OedipusTragödienOedipus erlangen beide ihr Reich durch Tötung eines Ungeheuers, beide müssen später ihr Leben in der Fremde beenden.11 Die Nennung der Sparten, die sich gegenseitig töten, verweist auf den kommenden Krieg zwischen Eteocles und Polyneices. Auch Actaeons Schicksal lässt sich mit dem des OedipusTragödienOedipus vergleichen, denn, wie Töchterle konstatiert: „Actaeon erkennt am Ausgangspunkt seines Übels, am Badeplatz der Diana, seine neue Natur, OedipusTragödienOedipus findet an seinem Ursprungsort seine wahre Identität.“12 Das dritte Chorlied mutete zunächst wie eine Exkulpierung von OedipusTragödienOedipus an. Dies scheitert jedoch, denn „[…] der Versuch des Chores, die Unschuldsbehauptung seines Königs mit mythologischen Beweisen zu stützen, schlägt für den Zuschauer ins Gegenteil um und stimmt ihn auf die Anagnorisis ein.“13 Neben den Anspielungen auf die thebanische Vergangenheit spiegelt das dritte Lied in der konzentrierten Form der mise-en-abyme vor allem die Frage nach der Ursache des Leidens wieder, die den dritten Akt dominiert hatte. Diese wird in einer Erbschuld gesehen, die eine höhere Macht verärgert habe. Dies erinnert zwar an die Antwort, die bereits das zweite Lied aufgezeigt hatte, doch die Konzeption ist hier eine andere: Hatten sich die Gegner des Bacchus im zweiten Lied noch bewusst auf ein Kräftemessen mit dem Gott eingelassen, geraten die Protagonisten der mythischen Beispiele hier unfreiwillig in eine Situation, die die Götter erzürnt. Seneca verzichtet hier interessanterweise auf eine erneute Anspielung auf den Pentheus-Mythos, obwohl er sich sonst im Stück wiederholt darauf bezieht.14 Da Pentheus ein Paradebeispiel für bewussten Götterfrevel ist, muss er ihn an dieser Stelle unbedingt aussparen. Obwohl in keinem der Beispiele also vorsätzlich ein Vergehen begangen wurde, ist die göttliche Strafe jedoch, unabhängig von der Motivation des Übeltäters, gleichermaßen hart. Die Situation erscheint somit am Ende des dritten Chorliedes unlösbar: Nefas wird bestraft, egal ob ein Vorsatz vorliegt oder nicht. Es findet keinerlei Differenzierung unter moralischen Kriterien statt, die bei einem scelus einen Täter entlasten könnten. Der vierte Akt setzt sich mit dieser hoffnungslosen Ausgangssituation auseinander.
4.1.4. Utopie: Selbstbestimmung des Menschen
OedipusTragödienOedipus erscheint wie verwandelt. So befindet er sich beinahe in derselben Stimmung wie im Prolog, als er, von dunklen Ahnungen geplagt, der Wahrheit schon nahe war. Er hat wieder eine reflexive Grundhaltung eingenommen, hält zum ersten Mal seit seiner Anfangsrede wieder einen Monolog (764–775) und besinnt sich auf sich selbst zurück.1 Er erinnert sich, lange vor seinem Regierungsantritt einen Mann im Streit erschlagen zu haben (768–769). Allerdings sieht er weiterhin keine Parallele zu dem Mord an Laius, hatte der Kampf doch fernab von Theben stattgefunden. Um einen Zusammenhang endgültig auszuschließen, forscht OedipusTragödienOedipus bei Iocaste genauer über die Umstände des Todes nach. OedipusTragödienOedipus muss in diesem Dialog (773–783) jedoch erkennen, dass tatsächlich er selbst Laius getötet hat (782–783). Um die Erkenntnis zu vervollkommnen, berichtet ein Bote vom Tod des Polybus und im Zuge dessen auch von der damaligen Adoption (802). Der Hinweis auf die entstellten Füße des Säuglings (812) und die Heranziehung des Hirten Phorbas, der dem Königspaar das Kind damals übergeben hatte, lassen keinen Zweifel mehr daran, dass es sich um OedipusTragödienOedipus gehandelt haben muss. Phorbas enthüllt schließlich auch das schreckliche Geheimnis des Inzests (coniuge est genitus tua, 867). Der folgende Monolog des OedipusTragödienOedipus kreist um die Strafe, die er für sich selbst für angemessen hält: Den Tod, an den er zunächst denkt, sieht er als unverhältnismäßig milde für seine Taten an und fordert sich zu einer noch härteren Selbstbestrafung auf (aude sceleribus dignum tuis, 879). Nach diesem Entschluss eilt er zum Palast, um Iocaste zu informieren.
Der vierte Akt erklärt die Ursache der Pest: OedipusTragödienOedipus hat die Naturgesetze verletzt und somit seine ganze Stadt ins Unglück gestürzt. Die Tragik in der Figur des OedipusTragödienOedipus liegt darin, dass diese Missachtung der Natur nicht wissentlich geschieht, sondern gerade sein unbedingter Wille, die Prophezeiung zu vermeiden, ihn unerbittlich seinem Schicksal zuführt. OedipusTragödienOedipus hat versucht, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, ist damit jedoch gescheitert. Das vierte Lied (881–914) charakterisiert den Versuch einer freien Selbstbestimmung des Menschen als erstrebenswerte Utopie.
Die ersten Verse äußern den Wunsch, das Leben nach eigenem Ermessen gestalten zu können (fata si liceat mihi / fingere arbitrio meo, 882–883). Ausgehend von der Prämisse der Selbstbestimmung spinnt der Chor diesen Gedanken weiter und erörtert die Lebensführung, die er nach eigenem Willen wählen würde, nämlich den Lebensweg an der goldenen Mitte zu orientieren (tuta me media vehat / vita decurrens via, 890–891). Dieses Ideal wird durch Seefahrtsmetaphern verdeutlicht (883–889).Horazcarm.HorazTragödienOedipus2 Der Chor untermalt die These sodann anhand des Beispiels von Daedalus und Icarus (892–908). Icarus wird äußerst negativ gezeichnet. So haften ihm in der Schilderung des Chores die Attribute der Unüberlegtheit (demens, 893) und Selbstüberschätzung (nimis imperat, 896–897) an, seine Flugbahn zeuge außerdem von Tollkühnheit. Das Meer wird nicht nach Icarus benannt,Horazcarm.Horaz3 sondern Icarus nimmt dem Meer gewaltsam seine ursprüngliche Bezeichnung (nomen eripuit freto, 897). Icarus wird als Paradebeispiel für das Missachten der aurea mediocritas dargestellt. Der Chor resümiert diese Beispiele und Metaphern in einer allgemeinen Lebensregel: Alles, was das Maß übersteigt, habe keine stabile Grundlage (quidquid excessit modum / pendet instabili loco, 909–910). Hier ist erneut eine Zuschauerassoziation mit OedipusTragödienOedipus intendiert, der sich die Königsherrschaft angemaßt habe. OedipusTragödienOedipus hatte im Prolog selbst über die Gefahren dieser exponierten Position reflektiert.4
Der Chor wird an dieser Stelle jäh durch den Botenbericht eines Palastdieners unterbrochen. Es wirkt beinahe so, als hätte der Chor seinen Gedankengang noch nicht beendet, denn sein Bild des Lebens, das man nach freiem Willen und Maßgabe hehrer Ideale führen kann, verbleibt im Status einer Skizze, die noch schärferer Konturierung bedürfte. Doch die Weiterführung bleibt der Chor schuldig. Die Erklärung hierfür findet sich im letzten Chorlied. Auffällig im OedipusTragödienOedipus ist die Tatsache, dass es sich scheinbar um ein Stück mit sechs Akten und fünf Chorliedern handelt. Die letzten Akte sind jedoch eng miteinander verknüpft, was für die beiden letzten Chorlieder ebenso gilt. Das vierte Lied zeichnet die Utopie der Selbstbestimmung, das fünfte Lied beschreibt im direkten Anschluss daran die Realität des durch das fatum determinierten Menschen. Es handelt sich also vielmehr um eine Unterteilung der Lieder in 4a und 4b. Dasselbe gilt für die Schlussakte. Es würden sich für die letzten beiden Akte außergewöhnlich kurze Passagen ergeben. Auch inhaltlich ist der vermeintliche 6. Akt (998–1061) nicht mehr als ein kurzer Ausblick, um das Geschehen abzurunden, und hat somit den Status eines Epilogs. Es scheint plausibler, auch hier eine Unterteilung in 5a und 5b vorzunehmen.5
4.1.5. Realität: Unausweichliche Determination durch das fatum
An das Chorlied schließt sich der Auftakt des letzten Aktes an. Ein Botenbericht schildert die Selbstjustiz des OedipusTragödienOedipus nach der Anagnorisis. Dort wird auch wiedergegeben, wie OedipusTragödienOedipus seine Bestrafung begründet. Der Tod sei nicht hart genug, da er ermögliche, dem Schicksal zu entrinnen. Dies sei eine Erlösung und keine Strafe. Der Selbstmord als Ausweg bleibe somit Menschen vorbehalten, die sich weniger vorzuwerfen hätten. Der Tod sei zwar angemessen für einen Vatermörder, nicht aber für einen, der ein inzestuöses Verhältnis mit seiner Mutter gepflegt habe, da dies eine Perversion der Naturgesetze sei (natura in uno vertit Oedipoda, 943). An der Formulierung des Verses zeigt sich die innere Spannung, die OedipusTragödienOedipus zerreißt: Die treibende Macht der Katastrophe ist als Subjekt des Satzes die Natur selbst. OedipusTragödienOedipus ist nur Spielball ihrer Machenschaften. Gleichwohl befindet er sich seiner Vergehen schuldig, da er sie ja begangen hat.TragödienOedipus1 Sein ganzes Streben, dem Schicksalsspruch zu entgehen, muss ihm völlig sinnlos erscheinen, denn er erkennt nun, dass er dem Schicksal in die Hände gespielt hat. Er muss einen Weg finden, um sich vor dem Sturz in die Absurdität zu schützen. Sein SophoklesSchicksal im Nachhinein anzunehmen, kann nicht ausreichen. Es gilt, eine geeignete Bestrafung zu finden, um die Verbrechen zu sühnen. Die Ablehnung des Selbstmordes ist auffällig, da die Stoa diesen gerade für solch ausweglose Situationen empfiehlt.TragödienPhoenissae2 Doch OedipusTragödienOedipus will nicht fliehen, sondern strafen. Passend erscheint ihm die Methode der Blendung. Dies sei weitaus schlimmer TragödienPhoenissaeals der Tod, würde so doch ein langsames, besonders qualvolles Dahinsiechen befördert, das jeglichen Lebensgenuss verhindere TragödienTroades(949–951).3 Es ist allerdings fraglich, ob Seneca die Entscheidung des OedipusTragödienOedipus positiv bewerten wollte. Die grausige, detailgetreue Beschreibung des Aktes der Blendung selbst (958–974)TragödienOedipusTragödienOedipus4 hebt vielmehr ihre Unverhältnismäßigkeit hervor.TragödienOedipus5 Die Bestrafung des OedipusTragödienOedipus resultiert nicht aus rationaler Überlegung und bewusster Entscheidung, sondern aus einem übersteigerten Affekt.TragödienOedipus6 In scharfem Kontrast zu diesem drastischen Bild hebt nun der Chor zu seinem letzten Lied (980–997) an und entspinnt eine abschließende philosophische Reflexion, die an das vierte Lied anknüpft.
Er singt von der Macht des Schicksals, der sich niemand widersetzen könne (fatis agimur: cedite fatis, 980). Die gleichmäßigen anapästischen Dimeter verleihen dem Lied eine bedrückende und resignierende Note. Die Parzen hielten die Lebensfäden stets fest in der Hand, eine Veränderung des Lebenslaufes sei nicht möglich (981–986). Der Mensch sei von der Wiege bis zur Bahre determiniert (primusque dies dedit extremum, 988). Kein Gott könne diese Tatsache verändern (non illa deo vertisse licet, 998), Beten sei zwecklos in Anbetracht dieser unumstößlichen Ordnung (it cuique ratus prece non ulla / mobilis ordo, 991–992). Sein Schicksal zu fürchten und vor ihm davonlaufen zu wollen, mache alles nur noch schlimmer (multis ipsum metuisse nocet / multi ad fatum venere suum / dum fata timent, 993–995).7 Anders als im vorhergehenden Lied verzichtet der Chor hier auf ein Exempel. Zuvor hatte das Icarus-Motiv dazu gedient, erneut Assoziationen mit OedipusTragödienOedipus zu wecken. Am Ende des letzten Liedes folgt stattdessen eine Überleitung (995–997), die den nach seiner Blendung auftretenden Oedipus TragödienOedipusankündigt. Der Zuschauer muss an dieser Stelle die Bezüge nicht mehr selbst herstellen: OedipusTragödienOedipus fungiert hier als lebendes Beispiel.
Iocaste eilt hinzu und wird mit der rasenden Agaue verglichen (1004–1006). Der Vergleich mit der Mutter des Pentheus ist an dieser Stelle das erste Mal explizit aufgeführt und rundet so die Reihe der Anspielungen auf die Episode ab. Auch Iocaste hat von dem Inzest mit ihrem Sohn erfahren. Sie versucht, die Schuld dem Schicksal allein zuzuschreiben, denn niemand könne schuldig werden, wenn das Schicksal es von vorneherein bestimmt habe (fati ista culpa est: nemo fit fato nocens, 1019).8 Iocaste wählt hier die stoische Argumentationsweise der Schuldlosigkeit bei fehlendem Vorsatz. OedipusTragödienOedipus lässt sich jedoch auf diese Erklärungsstrategie nicht ein. Es stellt sich für ihn nicht die Frage nach der objektiv feststellbaren Schuld, für ihn ist klar, dass er im Bewusstsein seiner Taten nur über die Selbstbestrafung bis zu einem gewissen Grade seinen inneren Frieden wiedererlangen kann. Iocaste wählt daraufhin den Selbstmord und ersticht sich mit dem Schwert, bezeichnenderweise in den Unterleib.Tragödien[Octavia]Nero9 OedipusTragödienOedipus klagt, nun auch noch indirekt zum Mörder seiner Mutter geworden zu sein (bis parricida, 1044),Nero10 das Schicksal sei also noch härter zu ihm gewesen als ursprünglich prophezeit. Er beschließt daraufhin, ins Exil zu gehen, und fordert sein grausames Schicksal und sämtliche damit verbundene Übel auf, die Stadt mit ihm zu verlassen. Der Kreis schließt sich am Schluss des OedipusTragödienOedipus. Mit der Verheerung der Pest hatte das Stück begonnen, mit ihrem Auszug endet es.
4.1.6. Oedipus: Einsicht in die existentielle Absurdität
TragödienOedipusDas fünfte Chorlied ist das Resultat einer langen Reflexionskette, die über das ganze Stück hinweg geflochten wurde.1 Alle Kerngedanken, die in den vorigen Chorpartien zur Sprache gekommen waren, werden durch die Conclusio zu einem abschließenden Ergebnis geführt. Seneca schafft hier einen synthetisierenden Schlusschor, der die Interpretation der Tragödie auf den Punkt bringt. Im ersten Lied hatte der Chor eine Exposition der desolaten Situation gegeben und somit die Frage nach dem Leid definiert. Im zweiten Lied hatte er eine göttliche Strafe vermutet, die für einen vorsätzlichen Frevel erfolgt sei. Im dritten Lied wurde dieser Gedanke dahingehend weitergesponnen, dass das Strafmaß für unabsichtlichen Frevel das gleiche sei. Das vierte Lied stellt einen Gegenentwurf dar, das Bild eines Menschen, der nach eigenem Gutdünken sein Leben völlig frei gestalten kann. Im Rahmen einer solchen utopischen Konzeption ist allerdings jeder Frevel das Resultat einer freien Gewissensentscheidung und damit zu verurteilen. Doch der Chor wird unterbrochen und kann diesen Gedanken gar nicht zu Ende bringen, da diese Konzeption der Welt nicht der Realität entspricht. Deswegen versucht er auch gar nicht, im letzten Lied noch einmal darauf einzugehen, sondern stellt abschließend fest, nach welchem Gesetz die Welt seiner Meinung nach funktioniert: Der Mensch ist vollkommen determiniert. Alles wird durch die Macht des fatum regiert.TragödienOedipus2 Daraus ergibt sich die Frage nach der Schuld des einzelnen und welche Eigenverantwortung bleibt, wenn jede Handlung determiniert ist. Diese Fragestellungen entsprechen dem Konflikt, in dem sich OedipusTragödienOedipus befindet und an dem er verzweifelt. Der Mensch hat auf das Schicksal keinen Einfluss und ist ihm hilflos ausgeliefert. Die Konsequenzen für sein bewusstes oder unbewusstes Fehlverhalten muss er ertragen. Das Rechtssystem der stoischen Ethik, das Schuldlosigkeit bei fehlendem Vorsatz proklamiert, wird somit wirkungslos. OedipusTragödienOedipus ist das Negativbeispiel für einen Menschen, der an der stoischen Schuldkonzeption zerbricht und keinen Ausweg aus der unlösbaren Absurdität des Seins findet.TragödienOedipusTragödienOedipusTragödienOedipus3 Dieser Verstehensprozess eines Menschen, der am Ende erkennen muss, dass die eigene Existenz absurd ist, ist minutiös in den Chorliedern abgebildet. In der Form einer mise-en-abyme verdichten sie die Aussagen der einzelnen Akte und legen so in chronologischer Reihenfolge die Problemstellung des gesamten Dramas dar.
Ist das dabei gewonnene, resignierende Ergebnis nun aber als Aporie oder gar Absage an die stoische Philosophie zu verstehen? Sicherlich nicht. Seneca geht es zunächst darum, den status quo aufzuzeigen und anhand einer Extremsituation zu illustrieren, dass das fatum nicht immer nur Angenehmes für das Individuum bereithält.4 Der OedipusTragödienOedipus bietet hierfür noch keinen idealen Lösungsansatz: OedipusTragödienOedipus ist maßlos in seiner Art zu strafen, getrieben wird er dabei von den Affekten der Furcht und des Zorns, nicht von vernünftiger Überlegung.5 Ferner bringt seine Bestrafung nur bedingt Hilfe. Zwar befreit er sein Volk von der Seuche, für ihn selbst gibt es jedoch keine Rettung.TragödienOedipus6 Doch das Stück verbleibt nicht völlig ohne Lösung: OedipusTragödienOedipus gibt einen Hinweis auf das richtige Verhalten, indem das seinige als eindeutig falsch gezeichnet wird. Er dient als überzeichnete negative Kontrastfolie, von der es sich abzusetzen gilt. Daraus lassen sich bereits einige Maximen für das richtige Handeln ableiten. So erscheint beispielsweise Iocastes Selbstmord als wesentlich würdevollere Methode. Dieser geht jedoch der Aspekt der Bestrafung ab, da er eine Erlösung aus dem Leiden der Welt darstellt. Ausführlicher wägt OedipusTragödienOedipus die Frage nach dem Selbstmord in den PhoenissenTragödienPhoenissae ab. Dort kommt er letztlich zu dem Schluss, nicht der Tod, sondern das Weiterleben in einem absurden Weltsystem sei die schlimmste Strafe.TragödienPhoenissae7 Diese Überlegung sowie die Reflexion darüber, wie ein angemessener Umgang mit einem ungnädigen fatum konkret aussehen kann, kommen eingehender in den TroadesTragödienTroades zur Sprache.
