Kitabı oku: «Elfenzeit 7: Sinenomen», sayfa 5

Yazı tipi:

Beinahe hätte er die Worte ausgesprochen, doch im letzten Moment fing er sich. »Eine simple Gleichung«, sagte er stattdessen.

Anne nickte sichtlich zufrieden, zog ihre Jacke aus und legte sie sich um die Schultern.

»Wir sollten Holz sammeln für ein Feuer, bevor es ganz dunkel wird«, sagte Nadja. Sie hatte die Knie angezogen und sah auf die Ebene hinaus.

»Nicht nötig. Es wird nicht kälter werden.« Anne zog ihre Stiefel aus. »In diesem Reich muss niemand frieren.«

Robert setzte sich. Das Gras war trocken und weich. »Kein Hunger, kein Durst, keine Armut, keine Kälte … wo ist der Haken?«

Anne legte sich die Jacke über den Kopf. »Es regnet jeden Abend um die gleiche Zeit«, sagte sie.

Sie hatte den Satz noch nicht ausgesprochen, als schwere warme Tropfen aus dem plötzlich grauen Himmel fielen. Innerhalb von Sekunden wurden sie zu einem Sturzbach. Nadja sprang von dem Felsen und hockte sich unter einen Vorsprung. Robert schlug den Kragen seiner Jacke hoch. Instinktiv wollte er ebenfalls Schutz suchen, doch dann fiel ihm ein, dass er nicht mehr krank werden konnte. Er stand auf, steckte die Hände in die Hosentaschen und sah dem Regen zu. Es war ein perfekter Regen mit perfekten Tropfen, die in perfekten geraden Fäden fielen.

Nur einen Lidschlag später wechselte das Wetter. Der Regen versiegte, als habe man die Fäden durchgeschnitten. Abendrot senkte sich über die Ebene.

»Aber es dauert nie lange«, schloss Anne und schüttelte Wasser aus ihrer Jacke.

»Du weißt all das.« Nadja kam näher heran. Regentropfen glitzerten in ihren Haaren. »Aber du weißt nicht, wer dieses Reich erschaffen hat?«

»Das ist richtig.«

Robert sah Nadjas Misstrauen. »Es wird sich bestimmt alles klären, wenn wir den Berg erreicht haben«, sagte er, ohne es selbst zu glauben. Der Olymp ragte majestätisch jenseits der Ebene auf. Die Entfernung ließ sich nicht schätzen. Vielleicht waren sie ein paar Tage von ihm entfernt, vielleicht ein paar Monate.

Wenn Zeit hier überhaupt eine Rolle spielt, dachte Robert, als er sich wieder ins Gras setzte. Der Boden war nicht mehr feucht. Das Erdreich schien den Regen vollständig aufgenommen zu haben.

»Wieso will Catan zum Olymp?«, fragte Nadja unvermittelt.

Anne zog ihre Jacke an. »Der Palast des Königs liegt am Fuß des Bergs.«

»Und wie will er Talamh bis dahin ernähren?«

»Nadja.« Anne klang ungeduldig, machte dann jedoch eine Pause und fuhr ruhiger fort. »Er wird nicht zulassen, dass deinem Sohn etwas geschieht. Der König wird das Kopfgeld nur zahlen, wenn Talamh lebt. Was sollte er mit einem toten Säugling anfangen?«

Robert verzog das Gesicht. Ihre Wortwahl war nicht gerade taktvoll.

»Und was will er mit einem lebenden?« Nadjas Stimme zitterte.

»Ich weiß es nicht«, antwortete Anne.

Ihre Worte hingen in der Luft. Die Unterhaltung brach ab.

Es wurde rasch dunkel. Nadja legte sich unter den Felsvorsprung und drehte sich auf die Seite, die Arme um den Körper geschlungen. Robert wusste, dass sie Angst um ihren Sohn hatte, doch helfen konnte er ihr nicht. Sie sprach ja noch nicht einmal mehr mit ihm.

Anne legte sich neben ihm ins Gras. Sie hatte Recht behalten. Die Nacht war kaum kühler als der Tag. Robert sah in den schwarzen, lichtlosen Himmel.

»Es gibt keine Sterne«, sagte er.

Anne schüttelte den Kopf. Die Geste war kaum zu sehen. »Der König wollte nicht, dass sich seine Untertanen nach den Sternen sehnen, also erschuf er ein Reich ohne.«

»Er klingt nicht ganz gesund. Geistig, meine ich.« Robert stützte sich auf die Ellenbogen. Er spürte die Wärme, die von der Muse ausging und hörte ihren Atem. »Weißt du wirklich nichts über ihn?«

»Nein. Wenn ich versuche, an ihn zu denken, stoße ich gegen eine Wand.« Der Gedanke schien sie zu verstören.

Robert nahm ihre Hand. Anne drehte sich zu ihm. Es war dunkel, trotzdem konnte er ihr Gesicht erkennen.

»Cool«, sagte er.

Sie runzelte die Stirn. »Was?«

»Ich kann im Dunkeln besser sehen.«

»Nicht besser als ich.«

»Ich würde es nicht wagen, etwas besser zu können als du.« Er lächelte, Anne nicht. Ihre Mimik war ausdruckslos, nur ihre Augen musterten ihn, glitten über sein Gesicht, dann über seinen Körper. Sie drückte seine Hand so fest, dass es weh tat.

Oh Gott, wie sehr möchte ich mit ihr schlafen, dachte Robert. Er drehte den Kopf. Nadja lag keine drei Meter entfernt. Er hörte ihren Atem. Sie war wach.

»Ich bin müde«, sagte er rasch. Es war weniger eine Aussage als ein Befehl, den er an seinen Körper richtete.

Anne ließ seine Hand los. »Ich auch.« Ihre Stimme klang rau. Sie räusperte sich. »Gute Nacht.«

Sie schloss die Augen.

Robert ließ sich ins Gras fallen und seufzte leise. Der Himmel über ihm war so schwarz und leer, dass er glaubte hinein zu stürzen. Er drehte sich auf die Seite, schloss die Augen, öffnete sie jedoch wieder, als ihm plötzlich ein Gedanke kam.

»Sollten wir nicht Wache halten?«, fragte er.

Er wartete einen Moment, aber weder Anne noch Nadja antworteten. Robert hob die Schultern und versuchte zu schlafen.

Als er die Augen das nächste Mal öffnete, dämmerte es bereits. Er setzte sich auf. Anne schlief neben ihm, der Platz unter dem Felsen, an dem Nadja gelegen hatte, war leer. Einen Augenblick lang befürchtete er, sie habe sich auf eigene Faust auf die Suche nach Talamh gemacht, doch dann sah er sie an dem kleinen Bach hocken. Sie hatte die Jacke ausgezogen und wusch sich das Gesicht.

Robert stand leise auf, um Anne nicht zu wecken. In manchen Situationen war es besser, ohne sie zu handeln. Dies war eine solche Situation.

»Ich hoffe, es schmeckt nicht immer noch nach Chili con carne«, sagte er, als er neben Nadja trat. Sie zuckte zusammen, hatte ihn wohl nicht gehört. Dann sah sie auf. Wasser lief über ihr Gesicht.

»Es schmeckt nach Minze.« Sie trocknete sich mit ihrer Jacke ab und stand auf.

»Nadja, wir müssen reden.«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, müssen wir nicht.«

Robert ergriff ihren Arm, aber sie sah ihn so wütend an, dass er wieder losließ. »Okay«, sagte er. »Dann muss ich eben reden. Wirst du mir wenigstens zuhören?«

»Wozu?« Sie hielt seinen Blick. »Damit du sie in Schutz nehmen kannst? Damit du Entschuldigungen dafür finden kannst, dass sie dich in ein Ungeheuer verwandelt hat?«

Sie wurde immer lauter, schrie beinahe. Robert hatte sie noch nie so wütend erlebt.

»Jeder hat dich gewarnt. David, ich … wir alle wussten, was früher oder später geschehen würde. Aber du wusstest es ja besser. Und jetzt sieh, was sie aus dir gemacht hat. Du bist tot, Robert! Sie hat dich umgebracht!«

Tränen schimmerten in ihren Augen.

»Es war nicht so, wie du denkst. Sie hat …«

»Und du nimmst sie trotzdem noch in Schutz.« Die Wut verflog aus Nadjas Stimme. Resignation trat an ihre Stelle. »Nach allem, was sie getan hat und …«

Robert unterbrach diesmal sie. »Nadja, ich habe Anne darum gebeten.«

»Was hast du?«

Er rieb sich mit einer Hand den Nacken. »Es gab keine andere Möglichkeit. Ich wäre gestorben, wenn sie es nicht getan hätte, und sag nicht, ich sei tot. Wenn die Blutgräfin mich gebissen hätte, wäre ich wirklich zu einem Ungeheuer geworden.«

»Und was bist du jetzt?«, fragte Nadja. Sie wischte sich mit einer ärgerlichen Bewegung die Tränen aus den Augen.

Er hob die Schultern. »Ich weiß es nicht. Niemand weiß es, selbst Anne nicht.«

Die Muse war aufgewacht und lauschte mit ausdruckslosem Gesicht der Unterhaltung. Robert war froh, dass sie sich nicht einmischte.

»Aber ich weiß, dass ich kein Ungeheuer bin«, fuhr er fort. »Ich laufe nicht herum und beiße Leute. Ich bringe niemanden um.« Er lächelte. »Es hat sich nichts geändert, Nadja, abgesehen von all dem Superheldenzeug.«

Sie antwortete nicht darauf, aber sie wandte sich auch nicht ab.

Ein Anfang, dachte er.

»Jemand kommt«, sagte Anne und stand auf. Ihr Blick richtete sich auf die Ebene. Robert sah nichts außer Staub und Sand. Bist du sicher?, wollte er fragen, doch da schälten sich bereits Gestalten aus dem Dunst.

Sie waren zu zweit und ritten auf Pferden. Robert hörte Metall klirren und kniff die Augen zusammen.

»Damit hätte ich jetzt nicht gerechnet«, sagte er, als die Reiter näher kamen. Ihre Rüstungen blitzten in der Sonne. Sie trugen Helme, Kettenhemden, Brust- und Beinpanzer. Die Visiere waren geöffnet, ihre bärtigen Gesichter staubgrau. Die Pferde, auf denen sie ritten, waren groß und ebenso gepanzert wie sie selbst.

»Ritter?« Nadja hob die Augenbrauen.

Robert nickte. »Sieht so aus.«

Die beiden Männer kamen näher. Ihre Rüstungen saßen schlecht, klapperten, knirschten und quietschten bei jeder Bewegung. Ein paar Meter vor Robert zügelten sie ihre Pferde. Die Staubwolke legte sich.

»Wer seid ihr?«, fragte der Größere der beiden. Er hatte nur ein Auge und sprach mit einem merkwürdig kehligen Akzent.

Anne trat vor. »Wir sind Reisende.«

Die Männer sahen sich an. Eine lautlose Unterhaltung schien sich zwischen ihnen abzuspielen, dann zogen sie gleichzeitig ihre Schwerter.

»Ihr lügt«, sagte der Einäugige.

Mit einem wilden Schrei trieb er sein Pferd voran. Robert stieß Nadja zur Seite. Die Flanke des Pferdes traf seine Schulter, wirbelte ihn herum. Er stürzte. Das Wasser des Bachs schlug über ihm zusammen. Es schmeckte nach Minze.

Prustend kam er hoch und duckte sich sofort wieder, als eine Schwertklinge auf seinen Kopf zu schoss. Pferdehufe wühlten Wasser und Schlamm auf. Der Einäugige fluchte.

Im nächsten Moment saß Anne hinter ihm im Sattel. Mit beiden Fäusten schlug sie in seinen Nacken, traf aber nur die Rüstung. Er drehte das Schwert in seiner Hand und stach nach ihr. Sie wich der Klinge aus, klammerte sich an ihn und versuchte, ihm den Helm vom Kopf zu reißen.

Das Pferd tänzelte nervös und wieherte. Robert sah das Weiße in seinen Augen, als er sich aus dem Bach kämpfte. Die Kleidung hing schwer von seinem Körper. Sein Blick fand Nadja. Der zweite Reiter trieb sie vor sich her. Sie wich ihm aus und schlug Haken, um Hufen und Schwert zu entgehen.

Einen Moment zögerte Robert, wusste nicht, wem er helfen sollte.

Scheiße, dachte er, dann riss er sich die Jacke vom Leib und lief auf den Reiter zu, der Nadja angriff. Der Mann sah ihn, bevor er an ihn herangekommen war und wendete sein Pferd. Er griff hinter sich und zog einen Morgenstern aus einer Satteltasche.

»Zum Ruhme Gottes!«, brüllte er. Dann klemmte er sich die Zügel zwischen die Zähne und gab seinem Pferd die Sporen.

Robert blieb nicht stehen. Ein Teil von ihm achtete auf den Morgenstern, den der Ritter über seinem Kopf schwang, ein anderer auf das Schwert in seiner rechten Hand. Die Hufe des Pferdes pflügten den Boden auf, schleuderten Gras und Sand in die Luft. Es war keine vier Meter entfernt, dann drei, zwei. Robert stieß sich ab.

Der Sprung katapultierte ihn über den Kopf des Pferdes. Er sah die Überraschung in den Augen des Ritters, dann prallte er auch schon gegen ihn. Metallplatten schlugen krachend aufeinander. Der Morgenstern wurde dem Ritter aus der Hand geprellt und flog durch die Luft. Robert schlug mit dem Kopf gegen eine gepanzerte Schulter. Scharfer Schmerz zuckte bis in sein Genick. Die Umgebung verschwamm. Er sah den roten Himmel über sich, die Rüstung unter sich, dann schlug er auf.

Der Ritter stöhnte. Hufe bohrten sich neben seinem Kopf in das Gras. Sein reiterloses Pferd wieherte und galoppierte davon.

Robert schüttelte sich benommen. Er lag halb auf dem Ritter und halb auf dem Boden. Ein eiserner Handschuh blitzte vor ihm auf. Er wollte ausweichen, doch sein Körper reagierte langsam, wie der eines Betrunkenen. Die Faust traf seine Schläfe. Knochen knirschten in seinem Kopf.

Er sackte zusammen, spürte, wie der Ritter ihn von sich schob, hörte, wie er grunzend hochkam. Dann klärte sich sein Blick. Der Mann hielt einen Dolch in beiden Händen und kniete vor ihm. Er grinste.

»Zum Ruhme Gottes«, sagte der Ritter atemlos.

Er holte aus. Die Klinge des Dolchs blitzte im roten Morgenlicht.

Es knallte.

Robert blinzelte, als der Mann innehielt. Seine Augen füllten sich mit Blut. Er öffnete den Mund, schloss ihn und kippte nach vorn. Die Klinge bohrte sich neben Robert in den Sand. Der Ritter fiel darauf. In seinem Helm steckte der Morgenstern.

Nadja stand schwer atmend hinter ihm. »Ist er tot?«

»Ja«, sagte Robert. Die Benommenheit wich langsam von ihm. Tot konnte er wirklich nicht sein, so, wie er sich fühlte. Er kam auf die Beine und sah sich nach dem zweiten Ritter um. Seine Augen weiteten sich, als er sah, wie Anne einem Schwerthieb im letzten Moment auswich. Der Ritter war vom Pferd gesprungen, setzte ihr mit Schwert und Dolch zu. Immer wieder versuchte sie seine Deckung zu durchbrechen, aber er war zu gut.

Robert drehte sich zu Nadja um. »Bleib hier«, sagte er, dann sprang er mit einem Satz über den Bach. Der Ritter wandte ihm den Rücken zu. Unbemerkt schlich Robert sich an. Ihn trennten noch mehrere Meter von seinem Gegner.

Der Ritter täuschte einen Schwertschlag an und setzte mit dem Dolch nach, als Anne ausweichen wollte. Sie ließ sich fallen. Der Stoß ging über sie hinweg, doch ein Tritt des Ritters traf sie in den Magen, warf sie auf den Rücken.

Der Mann brüllte triumphierend und hob sein Schwert.

»Anne!«, schrie Robert entsetzt. Etwas zischte an seiner Schulter vorbei. Der Ritter wurde ins Gras geschleudert und blieb reglos liegen. In seinem Rücken steckte ein Speer.

Robert fuhr herum, während Anne sich aufrichtete. Nadja stand nur ein paar Schritte entfernt. Vor ihr ragte ein gepanzertes Reittier auf. Es war größer als ein Pferd, aber ähnlich gebaut. Zwei geschwungene Hörner ragten seitlich aus seinem Kopf. Unter der Rüstung war es schwarz. Blaue Augen blitzten zwischen dem Metall.

Ein Ritter saß in einem hölzernen Sattel, die Hände auf den Knauf gelegt, die Zügel locker in der Hand. Er wirkte zu klein für das Tier, wie ein Kind, das man auf einen Ackergaul gesetzt hatte. Das Visier seines Helms war geschlossen. Ein Schwert hing an seinem Gürtel, eine Armbrust auf seinem Rücken. Er trug einen verstaubten, ehemals weißen Waffenrock, auf dem ein leuchtend roter Hammer abgebildet war. Rechts und links des Hammers waren zwei ebenso rote Symbole zu sehen: Alpha und Omega.

Der Ritter löste einen Lederriemen unter seinem Kinn, dann zog er sich mit beiden Händen den Helm vom Kopf. Sein Haar war so kurz, dass es wie ein dunkler Schatten wirkte. Graue Bartstoppeln bedeckten sein Gesicht. Eine Narbe zog sich von seiner linken Wange bis zum Kinn. Seine Augen waren so blau wie die seines Reittiers.

Er stellte den Helm auf seinen Oberschenkel und stützte sich mit dem Ellenbogen darauf.

»Beim brennenden Inferno«, sagte er, »wo kommt ihr drei Narren denn her, und wie habt ihr es geschafft, bis hierher zu überleben?«

Robert verzog das Gesicht. »Nun …«, begann er.

6.
Die Maori

»Rian! Wir sollten uns überlegen, was …«

»Wir gehen jetzt da rein, David.«

»Du kennst die Menschen. Sie mögen es nicht, wenn sie bei ihren Ritualen unterbrochen werden, und das hört sich ganz danach an.«

»Sie haben aufgehört zu singen und unterhalten sich. Ich denke, wir dürfen stören.«

»Und was willst du ihnen erzählen?«

»Gar nichts. Ich werde fragen, wo wir hier sind und alles Weitere wird sich ergeben.« Rian sah sich kurz um und pochte an die kunstvoll geschnitzte Tür.

Die lebhaften Diskussionen brachen auf einen Schlag ab. Dann waren schwere Schritte zu hören, die sich den beiden Türflügeln näherten. Das Tor wurde aufgerissen und die Zwillinge sahen sich einer Menschenmenge gegenüber, die sie mit zunehmendem Staunen betrachtete.

Kein Wunder. Zwei so hochgeschossene, schmale, bleichhäutige und blonde Wesen wie die Zwillinge gab es hier bestimmt nicht oft. David und Rian starrten die braunhäutigen Menschen nicht minder verdutzt an.

Für ein paar Sekunden herrschte Totenstille, man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Von den Männern waren viele tätowiert, einige trugen nur einen traditionell wirkenden Wickelrock. Diese Menschen hier sahen anders aus als alle, denen die Zwillinge je begegnet waren. Sie hatten schon Schwarzhäutige gesehen, und Mandeläugige, aber solche wie diese – noch nie.

David fühlte sich wieder so fremd und annähernd hilflos wie damals, als sie zum ersten Mal den Boden von Paris betreten hatten.

»Ja, bitte?«, fragte jemand in stark akzentuiertem Englisch. »Wer seid ihr?«

Ein alter Mann schon sich nach vorn, der außer einem weißblau gemusterten Wickelrock und einem riesigen jadegrünen Amulett auf der mächtigen Brust nichts trug. Sein Gesicht war zur Hälfte mit verschlungenen Ornamenten tätowiert. Mit seinem weißen Haar und dem stechenden Blick sah er sowohl respekteinflößend als auch auf eine seltsame Weise vertrauenerweckend aus. Hinter ihm standen einige Dorfälteste, darunter Frauen, eine der jüngeren hielt ein Baby auf dem Arm, das jetzt mitten in die Stille hinein anfing, laut zu weinen.

Was David umgehend an Talamh erinnerte.

Doch das Kind beruhigte sich schnell wieder, als die Mutter leise auf es einsprach.

Rian räusperte sich. »Tut mir leid, wenn wir stören«, sagte sie auf Englisch. »Aber unser Auto ist hier in der Nähe gestohlen worden. Mein … mein Freund hier und ich waren auf einer Campingtour und wir sind ausgeraubt worden.«

David lobte sie insgeheim. Das war eine halbwegs plausible Geschichte. In der Nähe des Strandes, an dem sie sich nach dem Übergang durch das Portal wiedergefunden hatten, hatte sich außer diesem winzigen Ort keine Spur irgendeiner menschlichen Ansiedlung gezeigt. Es konnte gut sein, dass sie tatsächlich nur an einem stillen Fleckchen Erde einen einsamen Abenteuer-Urlaub hatten verbringen wollen. Sowas erlebten diese Leute hier sicher öfter.

Im Hintergrund sagte eine der alten Frauen etwas in einer anderen Sprache. David runzelte kurz die Stirn; diese Sprache hatte er schon einmal gehört – im Fernsehen, wahrscheinlich. Und dann fiel es ihm ein.

»Sie sprechen Maori«, wisperte er seiner Schwester in der Elfensprache zu – was die Menschen konnten, konnten sie auch –, »das Land hier heißt Neuseeland, glaube ich. Wo sie diesen Film gedreht haben, du weißt schon, den Dreiteiler, der Weihnachten letztes Jahr im Fernsehen kam, als wir noch in Venedig waren … stundenlang hat der gedauert, und Nadja und du, ihr wart gar nicht mehr von der Glotze wegzukriegen. Ihr habt tonnenweise Nougat verdrückt und Taschentücher verbraucht.«

»… irgendwas mit einem Ring?«, gab sie zurück. Dann hellte sich ihr Gesicht auf. »Natürlich! Der Herr der Ringe! Du hast Recht, das sind die …« Sie versetzte ihrem Bruder einen leichten Stoß, als sie merkte, dass die Menschen sie erneut anstarrten.

David sah aufmerksam von einem zum anderen. Der alte Mann, der die erste Frage an Rian gerichtet hatte, drehte sich um und antwortete mit ruhiger Stimme auf das, was die alte Frau, deren graumelierte Haare ordentlich aufgesteckt waren, vorgebracht hatte. David hatte nicht genau verstehen können, was die Frau gesagt hatte. Seiner Elfenzunge gelang es rasch, sich andere Sprache anzueignen, aber so schnell war sie dann auch wieder nicht. Sie schienen heftig darüber zu debattieren, was man wohl mit diesen beiden seltsamen Fremden tun sollte.

Er ergriff Rian am Arm. »Wir sollten gehen«, sagte er leise.

Sie blieb stehen. »Warum?«

»Nun, wir wissen jetzt, wo wir sind. Also machen wir uns auf die Suche nach einem geeigneten Portal, das wir mit diesen Informationen leichter finden können, und verschwinden.«

»David, ich habe Hunger, ich bin verletzt, schmutzig und müde. Ich möchte die Menschen um Gastfreundschaft bitten. Wir brauchen beide Erholung, bevor wir uns auf die Suche nach Nadja machen können. Oder überhaupt auf die Suche nach einem Portal.«

»Sie werden uns nichts geben. Sieh sie dir doch an! Sie lassen uns immer noch auf der Schwelle stehen.« David zog beharrlich an Rians Arm, aber sie setzte sich zur Wehr. Also gab er nach, es sollte nicht zu auffällig werden.

Immer mehr der Anwesenden schienen sich in die Diskussion des Tätowierten und der Frau einzumischen, bis schließlich die ganze Gruppe ihre Meinung kundtat. David nahm an, die beiden Älteren seien Mann und Frau. Auch wenn er bisher nur Bruchstücke der Konversation verstand, der Klang der Worte ließ auf enge Vertrautheit schließen, und auf häufige Auseinandersetzungen, wie unter einem alten Paar eben so üblich. Als bestes Beispiel dafür waren Fabio und Julia Oreso vorangegangen.

Schließlich mischte sich ein Halbwüchsiger in die Diskussion ein. Im Gegensatz zu den meisten anderen trug er normale Kleidung, wie Jugendliche sie wohl in jedem Land der Erde trugen: Eine etwas zu weite Jeans, die ihm mehr schlecht als recht auf den Hüften hing, ein abgetragenes rotes T-Shirt, auf dem ein stilisierter Totenkopf zu sehen war. Darunter stand: No Frag 2day, Frag 2morrow. Auf dem strubbligen schwarzen Haar saß eine speckige Baseballkappe mit der Aufschrift: Haunalea High School.

Nachdem er die anderen offenbar unverblümt auf Maori angefahren und damit überraschend für Ruhe gesorgt hatte, drehte sich der Junge um, kratzte sich etwas verlegen hinter dem Ohr und sah Rian an. »Klingt ja wirklich voll blöd, was euch da passiert ist«, sagte er auf Englisch. Sein Dialekt war – auch wenn er breiter klang, als es Rian und David gewohnt waren – gut zu verstehen. »Wo genau habt ihr denn zelten wollen?«

Rian sah ihn mit einem schmelzenden Blick an und verlieh ihrer Stimme einen süßen und bittenden Klang. Dabei hätte sie gar nicht so dick auftragen müssen, der Junge war sowieso schon hin und weg von ihr.

»Wir sind ungefähr zehn Kilometer in dieser Richtung«, sie wies hinter sich, »am Strand gewesen. Wir fanden’s toll, unter offenem Himmel im Sand zu schlafen, aber da kamen diese Räuber und haben uns mit vorgehaltener Pistole dazu gezwungen, ihnen alles zu geben, was wir hatten, selbst unsere Schlafsäcke! Und dann haben sie uns noch verprügelt, damit wir ihnen nicht folgen konnten!«, fügte sie hinzu, packte kurz entschlossen Davids Arm mit der Schnittwunde und hielt ihn dem Ältesten unter die Nase. »Seht – die hatten sogar ein Messer. Mir haben sie aufs Knie geschlagen. Es ist geschwollen und mein Knöchel verstaucht!«

Die Runde schwieg. Der Junge sah unsicher aus und schien etwas Mitfühlendes sagen zu wollen, doch ein Blick des Ältesten brachte ihn zum Schweigen.

»Kommt mit hinüber in mein Haus. Raunga, du kommst mit«, sagte er und schritt nach einem kurzen Blick auf Rian und David würdevoll an beiden vorbei. Der Junge lächelte ein wenig schief und nickte kurz, dann folgte er dem Häuptling.

Oder wer auch immer der Alte sein mag, dachte David.

Rian atmete kurz durch und folgte dem Jungen, der hinüber zu einem Haus ging, das dem Versammlungshaus gegenüberlag. Es war von einem Vorgarten mit Gemüsebeeten und einer Veranda umgeben und schien neu geweißelt. An den Giebeln wies es die gleichen geheimnisvollen und schönen Schnitzereien auf wie das Versammlungshaus.

Drinnen war es so ordentlich, dass man vom Boden hätte essen können. Rian sah sich staunend um. Sie selbst wäre nie auf den Gedanken gekommen, täglich ihre Sachen zusammenzuräumen oder zu putzen. Dafür gab es doch Diener, und in der Menschenwelt erledigten das Grog und Pirx. Sie stieß David, der hinter ihr ging, den Ellbogen in den Bauch. »Sieh dich um. Ist ja wirklich sehr ordentlich hier, ganz anders als bei Nadja«, wisperte sie. Doch David hatte keine Zeit zu antworten, denn der Häuptling drehte sich um und hob die Hände.

»Bitte setzt euch hier an den Tisch. Meine Frau wird Kaffee kochen, dann könnt ihr uns eure Geschichte erzählen«, sagte er. Hinter ihm waren beinahe alle Teilnehmer der Dorfversammlung mit ins Haus gekommen. Jedenfalls hatte Rian auf den ersten Blick diesen Eindruck, aber als sie sich freundlich lächelnd zu den Leuten umsah, bemerkte sie, dass gar nicht alle in der Wohnküche Platz hatten und sich bis hinaus auf die Veranda drängten. Doch die beiden älteren Herrschaften schien das nicht zu stören.

»Bitte.« Die Stimme des Alten klang bestimmt und nicht so, als würde er Widerspruch dulden. Rian und David ließen sich prompt auf den zugewiesenen Stühlen nieder. Mit an den Tisch setzten sich der Junge, den der Alte Raunga genannt hatte, und noch ein würdiger alter Mann, von dem Rian annahm, dass er eng mit dem Jungen und mit dem Hausherrn verwandt war – alle drei sahen sich ähnlich.

Würdevoll nahm der Alte am Kopfende des Tisches Platz und verschränkte die Finger vor sich ineinander. Er saß sehr aufrecht und musterte die beiden Fremden eingehend. Nicht unfreundlich, wie Rian bemerkte.

»Ihr braucht also Hilfe. Die geben wir euch natürlich gern«, sagte der Alte und sah dabei Rian an. Kein Wunder, denn David hatte noch nicht ein Wort gesagt. Und vielleicht war es auch besser, dass er es nicht tat, schoss es Rian durch den Kopf. Doch sie ließ sich diesen Gedanken nicht anmerken und sah den Alten am Kopfende des Tisches offen und freundlich an.

Ein ungutes Gefühl meldete sich, als er wieder eine lange Pause einlegte. Er erwiderte ihren Blick zwar freimütig, doch Rian hatte den Eindruck, dass er tiefer in sie hineinsah, als sie es wollte. Sie verscheuchte den Gedanken und bedankte sich so höflich, wie es nur möglich war.

Der alte Mann nickte und nahm einen Becher entgegen, den seine Frau ihm reichte. Sie hatte sich eine Weile an ihrer Kaffeemaschine zu schaffen gemacht und den Jungen, Raunga, mit ein paar gezischten Worten und einem bösen Blick dazu gebracht, ihr zu helfen.

Raunga half nun, Kaffeegeschirr auf dem Tisch zu verteilen und warf dabei immer wieder verstohlene Blicke auf die beiden Gäste. Rian war sich bewusst, dass sie auf den Jungen nicht nur deshalb so eindrucksvoll wirkte, weil er Fremde selten sah. Sie war immer geschmeichelt, wenn sie erkannte, was für eine Wirkung sie auf Männer hatte – egal welchen Alters. Aber dieser hier war noch sehr jung, er stand gerade erst am Beginn der Mannwerdung.

Trotzdem war es sinnvoll, ihn auf ihrer Seite zu wissen. Auch wenn das Stammesoberhaupt wichtiger war, das sie nach wie vor mit unerschütterlicher Ruhe musterte. Rian konzentrierte sich wieder auf ihren Gastgeber und nahm sich eine Tasse Kaffee.

»Ich bin Rian, und das ist mein Bruder David Bonet. Wir leben in Paris«, improvisierte sie. »Wir haben einen ganz normalen Urlaub verbracht, bis uns diese Räuberbande überfallen hat.«

Der Alte nickte, aber er verzog keine Miene. »Ich bin Tamati Waka Nene, der tahunga. Ich bin der Oberpriester dieses Stammes. Meine Frau Maata macht gerade den Kaffee.«

Also hatte sie recht vermutet, die Grauhaarige war seine Frau.

Der Reihe nach stellte er alle vor, die sich mit ihnen an den Tisch gesetzt hatten. Da waren der ariki Teramati, das Oberhaupt, Onkel Tearoa und Tante Whetu. »Und meinen Enkel Raunga seht ihr hier.« Das wurde mit einer gewissen Missbilligung gesagt, das war klar erkennbar. Dem Jungen gefiel das auch nicht sonderlich, Rian sah genau, dass er die Augen verdrehte und seinem Großvater einen genervten Blick zuwarf. »Opa, mein Name ist Jimmy, das weißt du doch!«, murmelte er und Rian bemerkte amüsiert, dass er rot wurde, als er ihr einen verstohlenen Blick zuwarf. Allzu heftig wollte er seinem Großvater, ganz klar eine Respektsperson für so ziemlich jeden hier im Raum, dann doch nicht widersprechen.

»Du bist mein Enkel und damit mein Nachfolger«, bemerkte Tamati Waka Nene ein wenig störrisch, doch da mischte sich schon seine Frau ein. »Eure ständigen Streitereien über dieses Thema interessieren die beiden jungen Leute hier sicher gar nicht«, sagte sie energisch und stellte mit einem entschuldigenden Blick eine Zuckerdose auf den Tisch.

Rian wollte sich die Dose heranziehen und verzog das Gesicht, als sie kurzer Schmerz am Arm durchzuckte. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie David ebenfalls die Stirn runzelte.

Die Atmosphäre hier am Tisch ist seltsam, dachte sie. Sie räusperte sich und nahm einen Schluck von dem Kaffee. Dankbar schenkte sie Maata Waka Nene einen Blick. »Ein sehr guter Kaffee, Madam«, sagte sie und wandte sich dann wieder an Tamati. »Vielleicht können Sie uns zum nächsten Motel bringen? Oder uns zumindest ein Telefon zur Verfügung stellen.« Sie hatte sich überlegt, Tom in München anzurufen, vielleicht wusste er darüber Bescheid, was in Island geschehen war. Nadjas Telefonnummer kannte sie zum Glück auswendig, also würde sie auf den Anrufbeantworter sprechen und warten, bis Tom zurückrief. Vielleicht hatte er auch einen Rat, wie sie weiter vorgehen sollten.

Wieder schwieg der Alte und sah Rian mit diesem seltsam wissenden Blick an, der ihr von Mal zu Mal unheimlicher wurde. Sie dachte an Davids Befürchtungen, dass der Getreue irgendetwas damit bezweckt hatte, sie beide ausgerechnet an diesen Ort zu schicken.

Es gibt auch noch die Möglichkeit, dass wir hier gelandet sind, weil es am weitesten weg ist von Nadja, Talamh und den anderen, die die Schlacht auf Island überlebt haben. Falls dort überhaupt jemand überlebt hat. Aber das wird uns nicht lange hier halten. Mit ein bisschen Elfenzauber bringe ich diese Leute schon dazu, uns zu helfen – ich muss mich nur erst erholen.

Sie sah sich um und lächelte die Umstehenden so freundlich wie möglich an. In dieses Lächeln legte sie wieder allen elfischen Charme, den sie aufbringen konnte. Immerhin dürfte den Maori unbekannt sein, was Elfen waren. Sie glaubten sicher an andere Dinge, sodass sie etwaige Seltsamkeiten nicht allzu abergläubisch bewerteten.

»Erzählt uns genau, was passiert ist«, sagte Tamati mit würdevollem Ton und vollzog eine Geste, die deutlich machte, dass er eine etwas ausführlichere Geschichte von Rian erwartete, als sie bisher geliefert hatte. »Wir können euch am besten helfen, wenn wir genau wissen, was passiert ist. Von Straßenräubern dieser Art haben wir hier an der Küste um New Plymouth herum noch nie gehört. Bevor wir Officer Spencer in Waitara Bescheid geben, müssen wir genau wissen, ob uns und unseren Schafherden draußen Gefahr droht. Denn so, wie Sie es vorhin kurz berichteten, scheint es sich um herumstreunende Jugendliche zu handeln, die alles zerstören, was nicht niet- und nagelfest ist.« Tamati Waka Nene runzelte die Stirn und sah seinen Bruder Teramati an, der ihm mit ernster Miene zunickte.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
640 s.
ISBN:
9783946773306
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:
Metin
Ortalama puan 4,7, 275 oylamaya göre
Ses
Ortalama puan 4,2, 739 oylamaya göre
Metin
Ortalama puan 4,9, 74 oylamaya göre
Metin
Ortalama puan 4,3, 44 oylamaya göre
Ses
Ortalama puan 4,8, 76 oylamaya göre
Metin
Ortalama puan 4,9, 2639 oylamaya göre
Metin
Ortalama puan 0, 0 oylamaya göre
Metin
Ortalama puan 0, 0 oylamaya göre
Metin
Ortalama puan 0, 0 oylamaya göre
Metin
Ortalama puan 0, 0 oylamaya göre
Metin
Ortalama puan 0, 0 oylamaya göre
Metin
Ortalama puan 5, 1 oylamaya göre
Metin
Ortalama puan 0, 0 oylamaya göre
Metin
Ortalama puan 0, 0 oylamaya göre