Kitabı oku: «Prostatakrebs-Kompass», sayfa 7
Während ER-alpha Proliferation und Wachstum unterstützt und damit die Entstehung hormonabhängiger Tumoren fördert, vermittelt ER-beta die Zelldifferenzierung und schützt damit vor Tumoren. ER-beta vermittelt seine protektiven Wirkungen dadurch, dass er die Signaltransduktion (Lindberg et al., 2003), aber auch die Expression von ER-alpha moduliert (Imhof et al., 2006).
Vieles deutet darauf hin, dass ER-beta in der Prostata der wesentliche ER ist, als Tumorsuppressor agiert und eine antiproliferative, differenzierende Schutzwirkung hat (Imamov et al., 2005). Ein ER-beta-knockout-Experiment an Mäusen verdeutlicht dies: Wurde den Mutanten mit Prostatakarzinom das ER-beta-Gen mittels Adenoviren wieder zugefügt, gingen Invasion und Wachstum der Prostatakarzinomzellen zurück. In Zellen, die ER-beta im Übermaß exprimierten, wurde Apoptose ausgelöst, während die Prostata von ER-beta-knockout-Mäusen eine verminderte Apoptoserate zeigte (Cheng et al., 2004).
ER-beta ist im gesunden Prostataepithel ein klarer Tumorsuppressor, doch möglicherweise verändert sich diese Rolle im Prostatakarzinom – entweder durch verminderte ER-beta-Expression oder indem seine Tumorsuppressorfunktion zurückgeht (Fixemer et al., 2003). Bonkhoff und Mitarbeiter gehen davon aus, dass ER-alpha und ER-beta in hormonrefraktären Prostatakarzinomen Heterodimere bilden (Fixemer et al., 2003), wobei der proliferative ER-alpha der dominierende Aktionspartner zu sein scheint. Dies wird durch molekularbiologische Untersuchungen bestätigt (Li et al., 2004b) und ist ein Hinweis darauf, dass im hormonrefraktären Stadium der ER-beta durch Heterodimerbildung mit ER-alpha seine antiproliferative Wirkung verliert und die proliferative Wirkung von ER-alpha dominiert.
Untersuchungen an der unreifen Prostata von Mäusen legen nahe, dass auch zwischen der Expression von ER-beta und dem Androgenrezeptor (AR) eine Beziehung besteht (Weihua et al., 2002): So weisen proliferierende Zellen in der unreifen ventralen Prostata deutlich höhere Konzentrationen des AR bei gleichzeitig geringer ER-beta-Expression auf, während das Verhältnis bei nicht proliferierenden Zellen umgekehrt ist. In Abwesenheit des ER-beta kommt es vermutlich entweder zu einer Steigerung der mRNA des AR oder zu einer Verminderung seines Abbaus.
3beta-Adiol ist der wohl wichtigste endogene ER-beta-Agonist und spielt bei der Regulation des Prostataepithels eine wichtige Rolle. Es wird in der Prostata aus Dihydrotestosteron unter Einwirkung des Enzyms 3beta-Hydroxysteroiddehydrogenase (17 HSD 3) gebildet (s. Abb. 6, Seite 42). Der Androgenmetabolit erreicht in der gesunden menschlichen Prostata deutlich höhere Konzentrationen als Estradiol (Voigt und Bartsch, 1986). Im Gegensatz zu Estradiol, das mit gleichstarker Affinität an ER-alpha und -beta bindet, zeigt das schwächer affine 3beta-Adiol eine leichte Bindungsselektivität zum ER-beta-Rezeptor. Viel größer ist jedoch die Selektivität bezüglich der intrinsischen Aktivität: Im ERE-Luziferase-Assay (ERE = estrogen responsive element) steigerte 3beta-Adiol bei gleicher Konzentration die ERE-Promotor-Aktivität von ER-beta stärker als das viel höher affine Estradiol. Trotz niedrigerer Affinität zeigte 3beta-Adiol an ER-beta also eine höhere Wirkung als Estradiol. 3beta-Adiol bindet und blockiert zudem ER-alpha, zeigt aber in Bezug auf die ERE-Promotor-Aktivität von ER-alpha eine extrem geringe Wirkung (Pak et al., 2005). Dies bedeutet für das Wirkprofil von 3beta-Adiol, dass es sich schwerpunktmäßig um einen ER-beta-Agonisten und um einen ER-alpha-Antagonisten handelt und damit einen bedeutenden endogenen, antiproliferativen Schutzfaktor darstellt. Eine Studie lieferte zudem einen Hinweis darauf, dass 3beta-Adiol vermutlich als Komplex mit ER-beta bei der Regulation der AR-Expression eine große Rolle spielt und überschießendes epitheliales Wachstum verhindert (Weihua et al., 2001).
Letztlich ist das Zusammenspiel zwischen ER-alpha, ER-beta, dem Progesteron- und Androgenrezeptor und ihren Isoformen, Liganden und Coaktivatoren sehr komplex. Der Forschungsbedarf ist noch groß, insbesondere auch in Bezug auf die ER-beta-Isoformen und deren sich veränderndes Verteilungsmuster und Wirkungsweise während der Kanzerogenese. Fraglich ist, ob sich ein solch komplexes und hochgradig dynamisches Zusammenspiel so aufklären lässt, dass sich daraus für den Patienten und seine individuelle, ebenso komplexe Tumorbiologie klare Konsequenzen ergeben. Allgemeingültige Antworten wird es wohl letztlich nicht geben, denn kein Betroffener und kein Prostatakarzinom gleicht dem anderen.
Phytoöstrogene wie Soja-Isoflavone können Prostatakrebs und möglicherweise auch der gutartigen Prostatahyperplasie vorbeugen.
Als Arzt und Betroffener sollte man immer daran denken, dass sich beim fortgeschrittenen, metastasierten Prostatakarzinom vor allem unter Anti-Hormontherapie die Tumorbiologie sehr dynamisch verändert und normalerweise gesunde Stoffe, wie z. B. Isoflavone (Kurahashi et al., 2007), unter Umständen eine paradoxe Wirkung haben und das Tumorwachstum fördern können. So wie sich die individuelle Beschaffenheit der Tumorbiologie im Krankheitsverlauf allmählich verändert, muss sich auch die Therapie anpassen. Daher sollte der Erfolg der Naturstoffe, insbesondere auch hochdosierter Phytoöstrogene, sowie der Erfolg von Änderungen in der Einnahme an der PSA-Dynamik gemessen werden.
Die nachfolgende Tabelle gibt eine Übersicht über die unterschiedlichen Zell- und Gewebstypen der menschlichen Prostata sowie über deren Rezeptoreigenschaften im physiologischen und pathologischen Zustand (Tab. 2).
Tab. 2: Hormonrezeptorstatus in der Prostata
Zelltyp | Sekretorisches Epithel | Basalzellen | Stroma (Bindegewebe) |
Vorkommen | Differenzierungskompartiment | Proliferationskompartiment | |
Eigenschaften | • PSA-sezernierend • hormonsensibel • androgenabhängig | • stammzellartig | |
Androgenrezeptor (AR) | androgenabhängig | androgenunabhängig, aber Androgen-rezeptiv | vorhanden |
Östrogenrezeptoren (ER-alpha, ER-beta) | Kein ER-alpha Hohe Expression von ER-beta (wirkt als Tumorsuppressorgen antiproliferativ und differenzierungsfördernd, verhindert Hyperplasie des sekretorischen Epithels) Gleichgewicht von AR und ER-beta | ER-alpha (wirkt als Onkogen: proliferativ, blockiert Differenzierungswandel) Geringe Expression von ER-beta (antiproliferativ, differenzierend) Gleichgewicht von AR, ER-alpha und ER-beta | ER-alpha fördert über Wachstumsfaktoren die Proliferation des Epithels. |
Kanzerogenese | Anstieg der Expression von ER-alpha und AR, Abnahme der ER-beta-Expression Verlagerung der Proliferationsaktivität von der Basalzellschicht in die Sekretionsschicht | Hormonrefraktäre Prostatakarzinomzellen nehmen wieder die Stammzelleigenschaften von Basalzellen an. |
3.5.3 Altersbedingte Veränderungen fördern Kanzerogenese
Verschiebung des Östrogen-Androgen-Gleichgewichts
Prostatakrebs ist ein typischer Alterskrebs: Seine höchste Inzidenz liegt jenseits des 65. Lebensjahres. Auf den ersten Blick ist es erstaunlich, dass das androgenabhängige Prostatakarzinom seine höchste Inzidenz zu dem Zeitpunkt im Leben des Mannes hat, an dem der Androgeneinfluss am niedrigsten und der Östrogeneinfluss am höchsten ist. Dies weist auf die besondere Bedeutung der Östrogene in der Kanzerogenese des Prostatakarzinoms hin.
Mit zunehmendem Alter verschiebt sich bei Männern das Androgen/Östrogen-Verhältnis auf die Seite der Östrogene. Diese Verschiebung des Hormongleichgewichts geschieht durch eine Abnahme der Testosteron- und Dehydroepiandrosteron- (DHEA-)Produktion. Gleichzeitig werden aus Testosteron immer mehr Östrogene und immer weniger Dihydrotestosteron (DHT) gebildet. Mit dem Alter nehmen so die Östrogenkonzentrationen, die den ER-alpha aktivieren zu, während die Spiegel der typischen ER-beta-Agonisten (3beta-Adiol, DHEA) abnehmen (s. Abb. 6).

Abb. 6: Bildungswege und ER-Bindungspräferenzen verschiedener Androgen- und Östrogenmetaboliten
Auch bei der Entwicklung der gutartigen Prostatahyperplasie steht der relative Androgenmangel mit der altersbedingten Verschiebung des Androgen-Östrogen-Gleichgewichts im Vordergrund (Bonkhoff und Remberger, 1998): Der relative Androgenmangel führt zur Überexpression des AR im Proliferationskompartiment (hypersensitive Basalzellen) und zur Beschleunigung des Differenzierungswandels von Basalzellen zum sekretorischen Zelltyp mit einer Hyperplasie des sekretorischen Epithels. Darüber hinaus verursacht der relative Androgenmangel eine verminderte Expression des Androgen-regulierten ER-beta im sekretorischen Epithel, wodurch der protektive, antiproliferative Einfluss des ER-beta abgeschwächt und die Kanzerogenese begünstigt wird.
Die Prostata als Speicher von Kanzerogenen
Im Laufe des Lebens können sich in der Prostata beträchtliche Mengen an Kanzerogenen ansammeln. Hierzu zählen klassische Kanzerogene, die beim Braten, Schmoren oder Grillen von Fleisch auftreten (z. B. heterozyklische Amine, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe), sowie exogene, östrogen wirksame Substanzen (z. B. PCB, Phthalate [verbreitete Weichmacher aus Kunststoff], Bisphenol A). Diese wirken einerseits direkt kanzerogen und fördern andererseits durch ihre östrogene Wirkung die Proliferation. Auch Metalle wie Kupfer, Nickel und Eisen wirken proinflammatorisch, prooxidativ und dadurch prokanzerogen. Viele Metalle wirken auch als Metalloöstrogene. Bei Metalloöstrogenen handelt es sich um anorganische Xenoöstrogene, die an Östrogenrezeptoren binden und die Genexpression in humanen, östrogensensitiven Zellen beeinflussen. Beispiele für Metalloöstrogene sind Aluminium, Arsen, Cadmium, Kupfer, Blei, Quecksilber und Nickel (Darbre, 2006).
Veränderungen der Biotransformation
Auch die Aktivität der Metabolisierungssysteme ist bei der Entstehung des Prostatakarzinoms von Bedeutung, denn Östrogene werden über Phase-1-Enzyme zu Kanzerogenen transformiert. Eine genetisch oder ernährungsbedingte Schwäche der Phase-2-Entgiftung bei gleichzeitiger Dominanz der Phase-1-Giftung ist ein entscheidender Schritt in Richtung Tumorentstehung, der sich mit steigendem Alter immer mehr auswirkt, denn aus den im Alter zunehmend vorhandenen Östrogenen werden durch Phase-1-Enzyme krebserregende Chinone gebildet (s. Kapitel 3.5.2, ab Seite 36).
Zunehmende Fettspeicher und Aromatase-Aktivität
Der Hauptanteil männlicher Östrogene (Estradiol) wird aus Testosteron durch das Enzym Aromatase gebildet (s. Abb. 6). Die Aromatase ist im Fettgewebe, aber auch direkt in der Prostata aktiv. Die Vermutung liegt nahe, dass der kanzerogene Effekt der Androgene in der Prostata zumindest teilweise über die Konversion von Testosteron zu Estradiol und über dessen Rezeptor ER-alpha erfolgt. Übergewicht, also eine Steigerung des Körperfettanteils und damit der Östrogenproduktion, ist zudem ein bekannter Risikofaktor für die Entwicklung verschiedenster Krebsarten. Sowohl für die Entwicklung der gutartigen Prostatahyperplasie als auch des Prostatakarzinoms spielt die Aromatase-Aktivität eine entscheidende Rolle (Hiramatsu et al., 1997; Matzkin und Soloway, 1992).
3.6 Insulinresistenz, Insulin und IGFs in der Krebsentwicklung
Wie im 2. Kapitel (ab Seite 5) bereits dargelegt, handelt es sich bei Prostataerkrankungen wie der gutartigen Vergrößerung und Prostatakrebs um typische Zivilisationserkrankungen. Immer mehr Studien und die neue EAU-Leitlinie weisen darauf hin, dass das metabolische Syndrom die Pathogenese und das Fortschreiten dieser Erkrankungen fördert (Heidenreich et al., 2014; Alcaraz et al., 2009; De Nunzio et al., 2012).
Insulin wirkt in erster Linie als anaboles Hormon. Es hat sowohl mitogene als auch anabole metabolische Funktionen, wie die zelluläre Aufnahme von Glukose, Aminosäuren, Mineralstoffen und Fetten sowie die Förderung der Proteinbiosynthese und der Fettsäuresynthese. Epidemiologisch korreliert das Risiko für Krebserkrankungen des Dickdarms, der Bauchspeicheldrüse, des Endometriums, der Brust und der Prostata mit dem Blutspiegel von Insulin und IGF-1 (Insulin-like growth factor 1).
Die wichtigsten Eigenschaften von Insulin und IGFs im Zusammenhang mit kanzerogenen Erkrankungen sind die Förderung der Zellproliferation und die Hemmung der Apoptose. Insulin erhöht die Bioverfügbarkeit von IGF-1, indem es dessen Synthese fördert und die Synthese seiner Bindungsproteine (IGFBP-1 und -2) vermindert. IGF-1 ist ein Wachstumsfaktor für embryonale und adulte Zellen und kann die Apoptoseinduktion reduzieren. Es reguliert den Zellzyklus durch die Modulation von Cyclinen, cyclinabhängigen Kinasen und cyclinabhängigen Kinase-Inhibitoren. IGF-1 und vor allem IGF-2 spielen eine zentrale Rolle in der Nischenregulation von embryonalen Stammzellen und Tumorstammzellen (Bendall et al., 2007). Die IGFs werden in der Leber produziert, allerdings haben auch Tumoren die Fähigkeit, das mitogenere IGF-2 selbst zu synthetisieren (Braun et al., 2011). Die IGFs binden an IGF-Rezeptoren und teilweise auch an Insulinrezeptoren. Insulin stimuliert so die Proliferation und hemmt die Apoptose von Krebszellen auf zweifache Weise: direkt und indirekt über IGFs.
Insgesamt werden erhöhte IGF-1-Werte mit verschiedenen Krebsarten, wie Kolorektal-, Prostata- und prämenopausalem Mammakarzinom, assoziiert (Norat et al., 2007). In einem systematischen Review und einer Meta-Regressionsanalyse wurde festgestellt, dass die im Blut zirkulierenden IGF-1- und IGFBP-3-Konzentrationen positiv mit dem Auftreten häufig vorkommender Krebsarten assoziiert sind (Renehan et al., 2004).
In der EPIC-Studie ging auch die IGF-1-Konzentration im Blut mit einem erhöhten Risiko für Prostatakrebs einher. Bei dem Patienten-Quartil, das die höchsten Werte aufwies, war das Risiko im Gegensatz zu dem Quartil mit den niedrigsten Werten sowohl kurz- als auch langfristig um 69 % erhöht (Price et al., 2012).
In der Physicians‘ Health Study wurde der Zusammenhang zwischen Prostatakrebs und den IGF-1- und IGFBP-3-Plasmakonzentrationen untersucht. Männer mit einem hohen IGF-1-Wert und einem niedrigen IGFBP-3- (IGF-bindendes Protein-3-)Wert wiesen das 9,5-fache Risiko für einen fortgeschrittenen Prostatakrebs auf, unabhängig vom Gleason-Score. Ein hoher IGF-1-Wert ging dabei mit einer Risikosteigerung um 410 % einher, ein hoher IGFBP-3-Wert senkte hingegen das relative Risiko um 80 % (Chan et al., 2002).
In weiteren Studien wurde gezeigt, dass Krebszellen ein gesteigertes Wachstum aufweisen, wenn erhöhte IGF-Spiegel vorhanden sind (Arnaldez und Helman, 2012). Entsprechend haben Personen, die am Laron-Syndrom leiden, einer Form des Kleinwuchses mit einem Mangel an IGF-1, nur ein sehr geringes Risiko an Krebs zu erkranken (Gallagher und LeRoith, 2011).
IGF-1 wirkt sich auf die Krebsentstehung aus, indem es die Proliferation und die Differenzierung von Zellen reguliert und die Apoptose hemmt. Diese Wirkung induziert es insbesondere durch Bindung an den IGF-1-Rezeptor. Onkogene Transformationsprozesse werden somit stark durch den IGF-1-Rezeptor beeinflusst (Fürstenberger und Senn, 2002).
Einfluss der Ernährung auf IGF-1-Spiegel
Erhöhte IGF-1-Spiegel korrelieren positiv mit dem Verzehr von Protein (insbesondere aus tierischen Lebensmitteln), Milch, Käse und Calcium. Niedrige IGF-1-Spiegel hingegen korrelieren mit dem Verzehr von Gemüse sowie von Carotinoiden aus orangen Früchten und grünem Blattgemüse (Norat et al., 2007). In Übereinstimmung damit haben Veganer deutlich niedrigere IGF-1- und höhere IGFBP-Spiegel als Mischköstler (Allen et al., 2000 und 2002).
In einer Studie konnte beobachtet werden, dass bei zwei Monate alten Säuglingen, die gestillt wurden, der IGF-1-Wert im Serum deutlich geringer war (93,3 ng/ml) als bei Säuglingen, deren Nahrung auf Kuhmilchprotein basierte (129,8 ng/ml) (Larnkjaer et al., 2008).
In einer einmonatigen Harvard-Studie an mongolischen Kindern wurde außerdem festgestellt, dass der tägliche Konsum von 710 ml Vollmilch sowohl zu erhöhten Plasmaspiegeln an IGF-1 und GH (Wachstumshormon) führte als auch zu einem stark beschleunigten Längenwachstum von etwa 1 cm pro Monat (Rich-Edwards et al., 2007). Dies erklärt, weshalb Asiaten, die traditionell wenig tierisches Protein zu sich nehmen und geringere IGF-1-Spiegel im Blut haben, üblicherweise eine geringere Körpergröße haben als Europäer. Auch die höhere Lebenserwartung von Asiaten kann zum Teil möglicherweise auf die geringeren IGF-1-Spiegel zurückgeführt werden, denn reduziertes IGF-1 scheint auch zu den „Anti-Aging“-Effekten beizutragen, die durch eine Kalorienrestriktion ausgelöst werden (Barzilai und Bartke, 2009).
Eine weitere, exzellente Humanstudie untersuchte den Effekt der Ernährungs- und Lebensweise auf IGF-1-Spiegel. In einer ersten Gruppe ernährten sich 21 Probanden pflanzenbasiert, für westliche Verhältnisse proteinarm (0,76 g Protein/kg Körpergewicht) und kalorienarm (1989 kcal), bewegten sich allerdings nicht viel. Eine zweite Gruppe bestand aus Sportlern (1,6 g Protein/kg KG, 2634 kcal) und eine dritte Gruppe aus leicht übergewichtigen Normalbürgern (1,23 g Protein/kg KG, 2346 kcal, BMI 26,5), die mit den beiden anderen Gruppen nach Geschlecht und Alter gepaart wurden. Das Ergebnis der Studie: Training, Reduktion von Übergewicht und eine langfristige Ernährung mit wenig Protein und Kalorien gingen mit einem niedrigen Gehalt an Wachstumsfaktoren und Hormonen im Plasma einher, die mit einem erhöhten Krebsrisiko im Zusammenhang stehen. Aber nur eine niedrige Proteinaufnahme hatte zusätzliche protektive Effekte, da diese, unabhängig von der Körperfettmasse, mit einer Senkung des IGF-1-Plasmaspiegels verbunden war (Fontana et al., 2006).
Ein Zusammenhang zwischen der IGF-1-Expression und der Art der konsumierten Nahrung konnte auch in Ratten nachgewiesen werden. Die in der Leber gebildete mRNA für IGF-1 stieg durch den Konsum von Casein (Milchprotein) an, während eine Weizenproteinbasierte oder Protein-freie Ernährung zu einer 60 %-igen Senkung der IGF-1-mRNA führte. Die Blut-IGF-1-Spiegel waren in der Caseingruppe deutlich höher als in der mit Sojaprotein gefütterten Gruppe (Miura et al., 2007).
Die hier aufgezeigten Studien verdeutlichen die Vorteile normalisierter Insulin- und IGF-1-Spiegel bei Prostatakrebs. Der im 7. Kapitel (Seite 201) beschriebene Dr. Jacobs Ernährungsplan kann insbesondere auch dabei helfen, diese zu erreichen.
3.6.1 Insulinresistenz, Hyperinsulinämie und Übergewicht
Übergewicht kann nicht nur das Rezidivrisiko für eine bereits bestehende Krebserkrankung erhöhen (Bastarrachea et al., 1994), sondern auch die Entstehung einer malignen Erkrankung fördern: Insbesondere die Hyperinsulinämie, die mit einem metabolischen Syndrom und Übergewicht einhergeht, diese kausal fördert und letztlich häufig zu Diabetes mellitus Typ 2 führt, ist ein wichtiger Risikofaktor für die Entstehung von Krebs (Belfiore und Malaguarnera, 2011).
Das viszerale Fettgewebe ist sehr stoffwechselaktiv und zeichnet sich durch die Produktion von Steroidhormonen und proinflammatorischen Signalmolekülen aus. So zeigen Adipöse ein aktives, subklinisch erhöhtes Entzündungsgeschehen. Insbesondere der Transkriptionsfaktor NF-kappaB ist aktiviert. NF-kappaB steht ganz oben in der Kaskade inflammatorischer, prokanzerogener Prozesse und regt die Ausschüttung von TNF-alpha sowie von Interleukin-1 an (Braun et al., 2011). TNF-alpha interferiert mit der intrazellulären Signalkaskade des Insulins und fördert damit ebenso wie Interleukin-1 eine Insulinresistenz. Diese Insulinresistenz bezieht sich nur auf die metabolischen Wirkungen des Insulins; die mitogenen Stoffwechselwege, Zellproliferation und -migration sowie deren gesamten Auswirkungen auf die Tumorgenese bleiben unbeeinflusst und werden durch das Überangebot an Insulin sogar noch verstärkt (Belfiore und Malaguarnera, 2011). Die Insulinresistenz führt u. a. zur Hyperinsulinämie. Diese fördert wiederum die Produktion von IGF-1. Die dadurch geförderte Proliferation und verhinderte Apoptose ist bei Krebszellen und Krebsvorstufen eine fatale Kombination.
Krebszellen überexprimieren sowohl den Insulin- als auch den IGF-1-Rezeptor, was sie besonders empfänglich für diese anabolen Stimuli macht. Die Signalkaskaden beider Rezeptoren sind hochaktiv und mit ihnen auch die mitogenen Wirkungen.