Kitabı oku: «Beziehungsweisen», sayfa 7

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An Kaszyński, StefanStefan Kaszyński, 4. Juli 2013 Nr. 79

Ich dachte gestern, es wäre womöglich eine kleine List der Geschichte, damit wir miteinander in Kontakt kommen, denn in Gedanken – in geistigen Räumen – habe ich Sie schon öfter gesucht. Warum? Die indirekte Antwort liegt in Ihrem Satz „Ich glaube nicht, dass St. J. Lec, Stanislaw JerzyLec eine Weltkarriere gemacht hätte ohne die Sprachkunst von Dedecius, KarlDedecius.“* Dagegen ist kein Wort zu sagen, nichts spräche dagegen, alles dafür – doch: wofür genau? Man müsste sagen: Für Dedecius, KarlDedecius, für seine Sprachkunst. Das würde ich sagen, nicht gesagt haben wollen. Das betrifft die vom Deutschen ausgehende „Weltkarriere“, nicht die vom Polnischen ausgehen sollende! Lec, Stanislaw JerzyLec ist ein deutscher Aphoristiker geworden (vielleicht zur Freude des Auch-Wieners in ihm), er ist und bleibt ein polnischer, und sein Name steht für das überwiegend Polnische in der Aphoristik seiner Zeit, die weitgehend verkommen, wenn nicht bereits verlassen war. Dedecius, KarlDedecius steht für den Doppelblick, gleichfalls einmalig in der Zeit, und Sie, als Dritter, entscheiden die Lage. So sehe ich Sie, so glaube ich Sie verstanden zu haben. Denn es war Ihr Vorhaben, österreichisch darüber – mit einem polnischen Blick oder einem Blick aus Polen – zu entscheiden. Mir fällt dabei ein Name ein, den Sie – würden Sie nicht mit ihm vertraut sein – zu Herzen und zu Forschung nehmen könnten: Otto Forst de Battaglia, OttoForst de Battaglia**. Warum ich an ihn denke und warum in Zusammenhang mit Ihnen – demnächst. Sie haben vielleicht schon selbst daran gedacht.

* Karl Dedecius, KarlDedecius (1921–2016): Übersetzer polnischer und russischer Literatur, Gründungsdirektor (1979–1997) des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt

** Otto Forst de Battaglia, OttoForst de Battaglia (1889–1965), österreichischer Historiker, Übersetzer, besonders polnischer Literatur, Literaturkritiker

Von Stefan Kaszyński, StefanKaszyński, 4. Juli 2013 Nr. 80

Lec, Stanislaw JerzyLec, ein alter Galizianer, war in den vierziger Jahren Pressereferent an der polnischen Vertretung in Wien. Er hatte schon damals Gedichte und Aphorismen geschrieben. Ein mir gut bekannter Schriftsteller und Übersetzer, Oskar Jan Tauschinski, Oskar JanTauschinski, der mit Lec, Stanislaw JerzyLec befreundet war, hatte versucht, für diverse Wiener Zeitungen einige seiner Aphorismen zu übersetzen. Die Übertragungen waren stilistisch und semantisch einwandfrei und doch wurden sie kaum beachtet. Erst als der erste Band von Dedecius, KarlDedecius erschienen ist, wurde Lec, Stanislaw JerzyLec im deutschen Sprachraum berühmt. Woran lag das? Von der intellektuellen Qualität der Aphorismen abgesehen, sicherlich am Zeitpunkt, aber doch nicht nur. Dedecius, KarlDedecius hatte genial die ironische Aura (W. Benjamin, WalterBenjamin) von Lec, Stanislaw JerzyLec getroffen, alles andere gehört zur Technik des Übersetzens, die man lernen kann, die Nachempfindung der Aura aber nicht, das ist eine Sache des Talents. Dedecius, KarlDedecius war von seiner Genialität fest überzeugt und hatte demnächst ganze Anthologien von Lyrik und Aphorismen selbst übersetzt, damit hatte er seine auratische Begabung entzaubert, denn alle Gedichte oder Aphorismen verschiedener Autoren aus fünf Jahrhunderten waren zuerst Dedecius, KarlDedecius und später Tuwim, JulianTuwim, Herbert, ZbigniewHerbert, Lec, Stanislaw JerzyLec oder Mrożek, SławomirMrożek. Und Lec, Stanislaw JerzyLec, der war auch ein ausgezeichneter Lyrikübersetzer (Brecht, BertoltBrecht, Celan, PaulCelan, BachBachmann, Ingeborgmann), er hatte aber niemals fremde Aphorismen übersetzt, die hatte er eher imitiert. Einiges bei ihm kommt von der Ebner-Eschenbach, Marie vonEbner, von Kraus, KarlKraus oder Lichtenberg, Georg ChristophLichtenberg. Canetti, EliasCanetti hat dazu einen Aphorismus gemeistert. Wie dem auch sei, Ihre Unruhe ist durchaus berechtigt, und ich möchte sie Ihnen auch nicht abnehmen.

An Stefan Kaszyński, StefanKaszyński, 5. Juli 2013 Nr. 81

Immerhin war Lec, Stanislaw JerzyLec die Geburtsstunde des Dedecius, KarlDedecius. Das kann man sagen. Wie oft? Wie war das persönliche Verhältnis der beiden zueinander? Wirkt Lec, Stanislaw JerzyLec beim Wegfallen des politischen Hintergrunds, was bei ihm allerdings mehr war als nur Hintergrund – je nach Gewebe: ob fein oder grob, ob eingefädelt oder verstrickt? Was mir – in der notwendigen, aber auch zwanghaften Vergleichung – zu schaffen machte, war, dass Lec, Stanislaw JerzyLec als deutscher Klassiker galt. Man wusste, woher er kommt und wusste vieles mehr – es half nichts, denn sagte man auch „Dedecius, KarlDedecius“, meinte man doch Lec, Stanislaw JerzyLec. Also galt seine Aphoristik als deutsches Sprachkunstwerk, er wurde als deutscher Meister rezipiert. Die Aphoristik hat zweimal die Realität bezwungen, einmal kritisch, einmal sprachlich. Und gerade im Deutschen, das ganz auf die / oder auf der Abwehr des Ostens bestand. Das ist eine besondere Stunde gewesen, und diese holt auch Willy Brandt, WillyBrandt in die Geschichte des Aphorismus. Das war die Stunde des Ostens im Westen, ein Augenblick, ein Nu in nuce.

Canetti, EliasCanetti kam danach oder hinzu. Keiner, der kam, vermochte an Lec, Stanislaw JerzyLec vorbeizugehen. Sie denken, das habe mich beunruhigt, das hat es, denn ich war allerdings um ein deutsches Sprachkunstwerk bemüht und wäre beinahe gescheitert. Das wäre der Fall, wenn ich nicht bei Hanser erscheinen könnte. Und ich konnte zuerst nicht – denn – so hieß es – „wir haben den Lec, Stanislaw JerzyLec bereits“ (das galt schon als Argument). Zum Glück gab es im Verlag Christoph SchSchlotterer, Christophlotterer, der den Unterschied zu erkennen und genau auszusprechen vermochte. Lec, Stanislaw JerzyLec wäre mir um ein Haar zum Verhängnis geworden. Und so gar nicht zu Recht, denn er war ein Meister aus Polen, aber kein Meister aus Deutschland. Und dennoch korrespondieren wir so viele Jahre danach über diesen sonderbaren, doch auch erheblichen und erhebenden Fall. Das gehört zum Lohn der Literaturliebhaber.

Von Stefan Kaszyński, Stefan Kaszyński, 5. Juli 2013 Nr. 82

Ich stimme mit allem, was Sie geschrieben haben, überein, mit einer Ausnahme. Die Geburtsstunde von Dedecius, KarlDedecius war die Lyrikanthologie „Lektion der Stille“ (1957)*. Das hat er so gesehen, und Göpfert, Herbert G.Göpfert** vom Hanser Verlag hat mir das bestätigt.

* Karl Dedecius, KarlDedecius (Hg.): Lektion der Stille. Neue polnische Lyrik. München: Hanser 1959

** Herbert G. Göpfert, Herbert G.Göpfert (1907–2007), Verlagsleiter des Hanser Verlages

An Stefan Kaszyński, StefanKaszyński, 5. Juli 2013 Nr. 83

Göpfert, Herbert G.Göpfert weiß es genau, jedermann besser. Es geht nicht um die Anfänge des Begabten – das ist Lebens- und Literaturgeschichte, es geht um das fragwürdige Wesen, das behauptet wird: heute wie gestern, wenn die Zukunft sich die Erinnerung aus Jux vornimmt. Dann heißt Dedecius, KarlDedecius Lec, Stanislaw JerzyLec, heißt Lec, Stanislaw JerzyLec Dedecius, KarlDedecius. Das meinte ich mit der „Geburtsstunde“. Dedecius, KarlDedecius hatte seine Talente, Beschäftigungen, Institute und Leistungen, sie stehen alle auf einem anderen Blatt, verdienten vielleicht oder wohl Blatt um Blatt gewürdigt zu werden. Aus der Zeit heraus und vom Himmel fiel Dedecius, KarlDedecius ein Stern mit Namen „Lec, Stanislaw JerzyLec“ in den Schoß. Er hatte keine Zeit, sich zu besinnen, so war es um ihn geschehen. Korrespondierten wir in einer anderen Sprache miteinander, nichts davon bliebe handfest oder auch nur dem Gedanken nah.

An Jürgen Stenzel, JürgenStenzel, 8. Juli 2013 Nr. 84

Paul Raabe, PaulRaabe* – ich wäre gern mit Dir bei seiner Bestattung! In jeder Hinsicht und Richtung – ein weitläufiger Mensch, vielleicht auch der Geräumigste, den ich kannte. Ein Mann voller – mitunter erlesener – Gesten. Viel Äußerliches, nach Außen gekehrtes, und das sage ich fast nur, um ergänzen zu können, daß wir („irgendwie“) innerlich verbunden waren. Ich kannte ihn so ziemlich 50 Jahre. Ich habe ihm seine Fehler weder vorgerechnet noch nachgetragen, einen großen machte er unvorsichtigerweise – ganz gegen seine Gepflogenheit: Er hat seiner – ihn abgöttisch verehrenden Schwester – meine Autobiographie zur Herausgabe empfohlen. Daraus ist „Allerwegsdahin“ geworden – zum Kummer der Elisabeth.** Und nun steht Lebensgeschichte wieder auf der Tagesordnung – und Paul Raabe, PaulRaabe ist tot. Sich mit ihm, Kopf an Kopf, an Bücher und Menschen zu erinnern, das gehörte zum Schönsten.

* Paul Raabe, PaulRaabe (1927–2013), Literaturwissenschaftler und Bibliothekar

** Elisabeth Raabe, ElisabethRaabe, Literaturwissenschaftlerin und Verlegerin

An Ingeborg Kaiser, IngeborgKaiser, 25. Juli 2013 Nr. 85

Ein anderes Problem – aus den Tagebüchern erwachsend: Klatsch und Tratsch. Was ist deren Funktion, wie zu behandeln? Beide Probleme, die ich eben nannte, tauchen gleichzeitig im Tagebuch auf. Zwei Freundschaften, die ich gern beschreiben oder besprechen würde, sind im Tagebuch von allerlei Klatsch umrankt, die zu H. G. Adler, Hans GünterAdler* und die zu W. H. Auden, Wystan HughAuden**. Ich steige groß in die Beziehung ein, wie es meine Art ist („ist“ musst du mit „war“ übersetzen), bestrebt, schnell die größte Nähe zu erreichen, um ebenso schnell auf Abstand zu gehen. Die Kräfte werden angespannt und nach allen Richtungen ausgedehnt, die Gespräche dauern Stunden, sie werden immer anregender: Im Tagebuch nun – müde heimkehrend oder am nächsten Tag oder noch später aufgeschrieben oder eher nur festgehalten – sieht es aus wie Aufwerfen von Themen, wie Um-sich-Werfen mit Namen, hie und da eine Auskunft, ein Geständnis, ein kluges oder giftiges Wort, eine Erinnerung, alles in allem Stichworte, die ich – es sind die Jahre meines Unterwegs – selten und wenig ausführte. Hinzu kommt, dass ich damals meine Tagebücher weitgehend auf Hebräisch führte, das müsste ich nun ins Deutsche übersetzen. Das ist aufwendig, zeitraubend, mir auch sehr oft lästig, weil nur weniges daran mich freuen könnte. Auch große Dichter führen Literatengespräche, ich hielt davon wenig, doch fast alles fest. Klatsch ist eine bewährte Gedächtnisstütze, aber auch eine Erinnerungsspeise. Das würde ich gern herausbekommen, ehe ich mich meines Klatsches erbarme oder nicht. Die Namen würden das Buch beleben, die Gefahr besteht, dass solche Quasi-Gespräche stark von meinem Stil abwichen. Die genannten kämen mir insofern entgegen, weil ich sie in einen österreichischen Kontext stellen könnte, H. G. Adler, Hans GünterAdler ist Prager, spielt in meinem damaligen Leben aber auch eine ziemliche Rolle, Auden, Wystan HughAuden war in jenen Jahren (ich weiß jetzt nicht einmal, ob bis ans Ende seines Lebens) Wahl-Österreicher, er lebte nicht nur in Österreich, er bewohnte das Haus Josef Weinheber, JosefWeinhebers, über den er damals ein langes (umstrittenes) Gedicht schrieb.

* Siehe Anm. zu Brief Nr. 20

** Auden, Wystan HughAuden übersetzte EB; vgl. Das Mehr gespalten, S. 195

An Werner Helmich, WernerHelmich, 8. August 2013 Nr. 86

Denke ich an meine Zeit und Zeitgenossen, glaube ich über Lec, Stanislaw JerzyLec und Canetti, EliasCanetti schreiben zu müssen, so wenig es mir danach ist, auch interessiert es mich kaum noch. Also beginnen wir damit, wenn Sie erlauben und dazu bereit sind: Ich lege meinen Briefwechsel mit Stefan Kaszyński, StefanKaszyński zu Lec, Stanislaw JerzyLec bei. Und meine Tagebuchreflexionen über Canetti, EliasCanetti, Sie tun Ihren Senf dazu oder dämpfen mich, nur das Nötige und Plausible durchlassend.

Die Ähnlichkeiten sind immer das Befremdliche

Canetti, EliasCanetti entdeckt Pessoa, FernandoPessoa* und stellt erstaunt, zufrieden und fast dankbar fest, dass Pessoa, FernandoPessoa und er während dreißig Jahren Zeitgenossen waren. Ähnlich erging es mir mit ihm, Canetti, EliasCanetti, anlässlich eines Vergleiches zwischen ihm und mir. Dass man Zeitgenosse ist, will etwas heißen, was macht es aber aus, und warum will man Zeitgenosse eines Nichtgenossenen sein? Was machen die zwischen uns liegenden, klaffenden, trennenden Jahren aus? Es läuft auf den Zeitgeist hinaus. Lebten wir in Zeit und Geist genössisch? Unverwandt sehen wir uns an, als Verwandte wenden wir uns voneinander ab. Alle Verwandlungen laufen aufs Verwandte hinaus.

Canetti, EliasCanetti geht weit, ist immer, in allem weitgehend, bleibt aber kreisend im Umkreis seiner Gedanken, auf den einen fixiert, der seine Kreise stört. Seine Bilder wechseln, der Rahmen bleibt, die Wand wird neu getüncht. Er will über seinen Horizont hinaus, bleibt gern „unter der Sonne“, am liebsten bei seiner Leselampe.

Von Hanser habe ich die letzten Aufzeichnungen Canetti, EliasCanettis und eine Auswahl seiner Aussprüche über Dichter erhalten.** Nicht alles von Gewicht, nicht alles hat Substanz, manches ist gezwungen, wie wenn es ihm schade wäre um seine Lektüre. Er will das Buch nicht umsonst gelesen haben. Die vergeudete Zeit darf nicht auch verlorengegeben werden. Reflexion und gefälltes Urteil rechtfertigen die verlorene Zeit als Zeitvertreib.

Ins Bild gerückt, fällt der Rahmen auf. / Viele Bilder sind Rahmengeschichten. / Das beweist mir, dass unter demselben Titel / jeder ein anderes Buch liest

Vor allem will Canetti, EliasCanetti etwas gesagt haben, darum hört er nicht auf zu lesen. Kraus, KarlKraus war die Schule seines Lebens, seine Ohrmuschel hat Kraus, KarlKraus geformt. Was Abraham Sonne, AbrahamSonne*** ihm bedeutete, hat er lang und breit zu sagen versucht, klar ist es nicht geworden. Sonne, AbrahamSonne war ein weiser Mann aus Galizien, aus dem man schwer klug werden konnte, aus dem niemand klug geworden ist. Das spricht für seine Dichtung, die ihre Fürsprecher bis heute hat. Er war der Dichter schlechthin. Er musste nur seinen Mund öffnen oder auch nur seine Augen. Sie spielten eine größere Rolle als die Handvoll Gedichte, die er meinte hinterlassen zu haben. Die Hinterlassenschaft wurde an- und ernst genommen, 14 Gedichte. Von Sonne, AbrahamSonne weiß ich kein Lied zu singen, hätte aber einiges zu berichten und ein Wort zu sagen.

* Fernando Pessoa, FernandoPessoa (1888–1935): Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares. Zürich: Ammann 2003; Wenn das Herz denken könnte … . Sätze, Reflexionen, Verse und Prosastücke. Ausgewählt von Marie-Luise Flammersfeld und Egon Ammann. Zürich: Ammann 2006

** Elias Canetti, EliasCanetti: Über den Tod. Mit einem Nachwort von Thomas Macho. München: Hanser 2003; Über die Dichter. Mit einem Nachwort von Peter von Matt. München: Hanser 2004

*** Abraham Sonne, AbrahamSonne (1883–1950): hebräischer Lyriker, österreichisch-israelischer Literaturkritiker und Gelehrter. Canetti, der ihn 1933 kennenlernte, schildert ihn als Dr. Sonne, AbrahamSonne in seinem Memoirenband „Das Augenspiel“.

Von Werner Helmich, WernerHelmich, 8. August 2013 Nr. 87

Ich kenne Ihre beiden Zeit- und Gattungsgenossen recht gut: Lec, Stanislaw JerzyLec habe ich frühzeitig als Germanistikstudent verschlungen, mir alle „Unfrisierten Gedanken“ gekauft, natürlich alles auf Deutsch, also über Dedecius, KarlDedecius. Mein Eindruck bei ihm – ich habe ihn lange nicht wiedergelesen – ist, dass er seine Wirkung in Deutschland neben Dedecius, KarlDedecius stark dem Kalten Krieg verdankt. Der Aphorismus als subversive Gattung gegen die Grabeshülle der Zensur, und gerade beim polnischen Nachbarn, das hat uns Germanisten damals fasziniert. Bei Canetti, EliasCanetti ist es komplexer, über ihn habe ich in Bologna mehrfach gesprochen und halte ihn – neben dem Narrativen, vor allem der selbststilisierenden Autobiographie – für einen sehr komplexen Aphoristiker mit einem großen Reichtum an subtilen Pointen. Warum er Ihnen in vielem fremd bleibt, glaube ich auch zu ahnen – es dürfte letztlich mit seiner Weltanschauung zusammenhängen. Ich bin leider durch die Lektüre des erschütternden Briefwechsels Veza Canetti, VezaCanettis mit seinem Bruder Georges* vor ein paar Jahren auf manche dunkle Seite bei ihm gestoßen – eine zu genaue Kenntnis der Biographie ist immer eine schlimme Voraussetzung zur literarischen Würdigung.

Wie Sie über sie schreiben, kann Ihnen niemand vorschreiben, am allerwenigsten ich. Ich vermute, das Ihrem Duktus Angemessenste ist auch hier eine Gattungsmischung, wie Sie sie mit dem Briefwechsel schon andeuten. Ob Sie die beiden beurteilen sollen wie ein Kollege, d.h. Konkurrent (aber mit einem völlig anderen Schwerpunkt!) oder wie ein Literaturkritiker, lässt sich von außen nicht entscheiden. Kraus, KarlKraus und Sonne, AbrahamSonne** aus einer anderen Perspektive als Canetti, EliasCanetti – ebenfalls gut. Könnten Sie sich vorstellen, in Lec, Stanislaw JerzyLec und Canetti, EliasCanetti neu als Leser einzutauchen, und sei es für ein paar Tage – um eine historische Lektüreerfahrung mit der jetzigen zu vergleichen: Lec, Stanislaw JerzyLec und Canetti, EliasCanetti wiedergelesen? Ich weiß aber nicht, ob da ein starker Widerwille (vermutlich vor allem gegenüber Canetti, EliasCanetti) blockiert, ob Sie also eine solche Neulektüre überhaupt interessiert. Wenn Ihnen beide gar nichts mehr sagen, würde ich nicht über sie schreiben.

* Elias und VezaCanetti, EliasCanetti, Veza Canetti: Briefe an Georges. München: Hanser 2006

** Vgl. Anmerkung zu Brief Nr. 86

An Werner Helmich, WernerHelmich, 8. August 2013 Nr. 88

Wahrnehmung, Eindruck, Analyse. In der Zeit lebend, an Zeitgenossen vorbei. Auch das Früher hat die Verspätung in sich. „Später einmal“, sagen wir. Auch bei der Analyse spielt der Eindruck eine Rolle, während Sie den Text analysiert haben wollen. Diesem Wollen ging der Eindruck voraus, und „er bleibt in der Gegend“. Tagebuch ist ein Zeitphänomen. Sie schreiben keine Tagebücher, Sie lesen und besprechen – und schreiben Ihr wissenschaftliches Hauptwerk. Es wird zu lesen ein Vergnügen sein, und nach allen Richtungen belehrend. Ich schreibe „apodiktisch“ (so heißt es), aber nicht belehrend, vor allem nicht erklärend (wozu ich keine Begabung habe).

Mein Leben ist vorbei, geblieben sind Eindrücke, viele von ihnen könnte man Erinnerungen nennen, sie sehen danach aus. Einige davon waren einmal Lektüren und Lesefrüchte. Urteile wollen gefällt werden, Gerechtigkeit kommt nach dem Gericht, geht ihm nicht voraus. Wollte ich über Canetti, EliasCanetti und Lec, Stanislaw JerzyLec schreiben, ich folgte Ihrem Rat, das Resultat wäre das von Ihnen erwartete: ein Aufsatz, und wäre er noch so kurz, die Lektüre müsste jedenfalls lang sein. Nun schreibe ich keine Aufsätze.

„Bei meiner Arbeit verfiel ich zunächst in meinen alten Fehler: während des Schreibens geriet ich nämlich wieder in die Gebärde der Abhandlung hinein. Eine Abhandlung schreiben aber kann ich nicht.“ (Ferdinand Ebner, FerdinandEbner, Freitag, 6. Dezember 1918, Schriften 2, S. 854)

Und wäre ich dazu fähig, Ihre Fähigkeit ginge weit über meine hinaus, niemals würde ich mit Ihnen konkurrieren wollen. Also zugegeben: Wissenschaftlich – „eng am Text“ – sind meine Urteile wertlos. Auf einen kleinen Teil meiner Zeitgenossen habe ich zeitgenössisch, verspätet oder verfrüht reagiert, in meiner Zeit, nicht auf der Uhr, nicht auf die Minute, weder gerecht noch ungerecht. Die Reaktion fand in Briefen und Tagebüchern statt, aus Tagebüchern und Briefen können sie geholt – nicht frisiert werden. Das tue ich eben: meine Tagebücher und Briefe durchkämmen. Meine Unzulänglichkeit kommt dabei heraus, gegen sie ist kein Kraut gewachsen, auch eine eingehende Lektüre wäre nur Bitterkraut. Wer bräuchte sie denn? Sie haben Recht, wenn Lec, Stanislaw JerzyLec und Canetti, EliasCanetti mich nicht mehr interessieren, dann soll ich über sie nicht schreiben, sie auch nicht wieder lesen. Nun habe ich sie anno dazumal aber doch gelesen und bin nun dabei, meine „Erinnerungen“ zu schreiben. In diesen Rahmen sollten sie hineinwachsen oder hineingepasst werden. Das war die laute Frage eines schlechten, immer stiller werdenden Gewissens.

An Hans-Martin Gauger, Hans-MartinGauger, 9. Oktober 2013 Nr. 89

Reich-Ranicki, MarcelReich-Ranicki war der echte – von allen Seiten kritisierte Kritiker; ein Glück, dass die Akademie ihn dreimal nicht wählte. Sein Fehlen wird den Blick auf ihn schärfen. Bei mir beginnt es schon, bei Dir auch, das zeigt das Ausrufezeichen: „Dieser Ruhm ist ein Phänomen!“ Der Ruhm war schon immer, umstritten wachsend, da, den verdeckten fördert Dein Ausrufezeichen hervor – auch er wird umstritten wachsen, weil niemand diese Lücke ausfüllen könnte. Ob aber diese Lücke lange spürbar bliebe? Der Berg von Namen, über den er mit seinem Ruhm sitzt oder steht, wird immer kleiner, am Ende bleibt vielleicht nur ein Reich-Ranicki, MarcelReich-Ranicki-Hügel. Er war weise genug, sein Schreiben in Ton und Bild zu retten. Aber das ist nicht das, was mich bewegen wird, sobald ich über ihn schreiben kann. Er hat viel Ergreifendes an sich, was Kritiker in der Regel ja nicht haben. Reich-Ranicki, MarcelReich-Ranicki mit seiner Passion für Literatur gehört mehr in die Geschichte als zur Literatur. Denke ich an Deutschland (nach 1950) in der Nacht, sehe ich auch das Aufgehen dieses Sterns, den ich selbst 1963 für ein Irrlicht hielt. Ich war damals in Hamburg. Halt, da falle ich in Erinnerungen zurück. Von seinem Tod habe ich aus einer hebräischen Zeitung erfahren. Er hatte für meine Arbeit kein Verständnis, aber Respekt und war derjenige, der pünktlich für Besprechungen meiner Kleinbücher sorgte; als er wegging, herrschte lange FAZ-Stille um meine Bücher. Als er seinen ersten Vortrag hier im Goethe-Institut halten sollte, ließ er mich es Wochen davor wissen, ich sollte unbedingt dabei sein. Ich hatte es als „Bangen“ verstanden.

An Martina Kraut, MartinaKraut, 16. Oktober 2013 Nr. 90

Heute bekam ich einen dicken, schweren Gruß aus Weinsberg (Kerner-Haus), er enthielt u.a. eine Anthologie, in der auch ein Gedicht Kerner, JustinusKerners abgedruckt ist: Grund der Sendung, die Anthologie beschäftigt mich aber – des Titels wegen, er heißt: „Die besten deutschen Gedichte. Ausgewählt und herausgegeben von Marcel Reich-Ranicki, MarcelReich-Ranicki.“* Ob es diesen Titel schon gegeben hat? Ich würde gern darüber schreiben, zumal ich ohnehin an Reich-Ranicki, MarcelReich-Ranickis Erscheinung denken muss.

So einfach – „die besten“, und dies, ohne Dichter zu sein. Es gab einmal einen Poeten hohen Ranges, einen durchaus kühnen Menschen, Rudolf Borchardt, RudolfBorchardt, seine Anthologie nannte er „Ewiger Vorrat deutscher Poesie“**. Auch darüber kann man streiten, dabei hätte man’s aber mit der Ewigkeit zu tun. Für einen geheuteten wie mich schwer zu denken. Titel wie Namen, die Übereinstimmung beider, beschäftigen mich. Was mich verblüffte, ging mit dem Namen des Herausgebers auf. Der Name deckt den Titel, einzig dieser Name – Marcel Reich-Ranicki, MarcelReich-Ranicki –, der alles enthält, was wir von ihm zu sagen wissen. Die schönsten Gedichte kennt jeder, der Gedichte liest oder liebt, die besten nur Reich-Ranicki, MarcelReich-Ranicki. Der Titel geht zwingend aus dem Namen hervor (nicht aus seinem Vorwort).

* Marcel Reich-Ranicki, MarcelReich-Ranicki (Hg.): Die besten deutschen Gedichte. Frankfurt: Suhrkamp 2012

** Rudolf Borchardt: Ewiger Vorrat deutscher Poesie. München: Verlag der Bremer Presse 1926

Von Werner Helmich, WernerHelmich, 8. November 2013 Nr. 91

Seit mehr als einem Monat sitze ich nun von früh bis spat an dem erzkatholischen, aber auch wohltuend verrückten kolumbianischen Aphoristiker Gómez Dávila, NicolásGómez Dávila, um meine weit auseinandergehenden Leseeindrücke zu einem einigermaßen homogenen Aufsatz zu verwursten, für den mir nicht einmal ein Seitenzahllimit vorgegeben worden ist, und das ist bei Zeitschriftenaufsätzen selten.* Die Schwierigkeit ist: Manches von ihm finde ich sehr gut (und ich bin literarisch eher streng) und vieles sehr schlecht, und beides werde ich in irgendeiner Weise auch sagen und begründen müssen (wenn auch in verschiedenen Kapiteln), auch wenn mich die stark gespaltenen Forschergemeinden dann zweifach zerreißen werden – und die kolumbianische Hausmacht obendrein, für die er ein Nationalheiliger ist, obwohl er öffentlich geschrieben hat: Lo que comparto con mis compatriotas es sólo mi pasaporte (Sie werden das sicher auch ohne Übersetzung verstehen). Zwischen alle Stühle – da gehört der Kritiker hin.

* Werner Helmich, WernerHelmich: Gómez Dávila, NicolásGómez Dávila, Skandalon und monstre sacré. Ein Klärungsversuch. In: Roman. Zs. f. Literaturgeschichte 38, 2014, S. 431–482

An Werner Helmich, WernerHelmich, 22. November 2013 Nr. 92

Die Lesereise war zu lang und zu wenig ergiebig, ich freue mich, zur vertrauten Landschaft meines Schreibtisches zurückgekehrt zu sein, zu meinem Briefwechsel aus Holz, zu Ihrem „erzkatholischen, aber auch wohltuend verrückten kolumbianischen Aphoristiker Gómez Dávila, NicolásGómez Dávila“, der immerhin schöne Blüten zu treiben scheint zwischen Graz und Jerusalem. Ich müsste rufen: Her mit ihm, mehr von ihm! Damit geizen Sie, freilich mit Grund und Rüge: „Was Sie nicht auf Spanisch lesen können, muss Ihnen spanisch bleiben“. Ich hatte einst die Fähigkeit, alle Sprachen auf Hebräisch zu lesen. Mit dem Deutschen waren auch diese Kreise gestört. Nun denke ich mit Ihnen über die Schwierigkeit nach:

„Manches von ihm finde ich sehr gut (und ich bin literarisch eher streng) und vieles sehr schlecht, und beides werde ich in irgendeiner Weise auch sagen und begründen müssen (wenn auch in verschiedenen Kapiteln), auch wenn mich die stark gespaltenen Forschergemeinden dann zweifach zerreißen werden – und die kolumbianische Hausmacht obendrein, für die er ein Nationalheiliger ist, obwohl er öffentlich geschrieben hat: Lo que comparto con mis compatriotas es sólo mi pasaporte (Sie werden das sicher auch ohne Übersetzung verstehen).“

Es sieht nach „heikel“ aus, und ich gestehe, versucht gewesen zu sein, Ihren Text zu analysieren (ich fragte mich z.B., warum Sie schreiben „und ich bin literarisch eher streng“). Die schlagende Antwort geben Sie dann selbst: „Zwischen alle Stühle – da gehört der Kritiker hin.“ Genauer kann man den Ort des Kritikers nicht beschreiben, er ist der Herausgeforderte, ist es schon darum, weil er mehr und viel mehr wissen muss als der Autor, den er kritisiert. Über das Zwischen-den-Stühlen als festen Ort könnte noch weiter nachgedacht werden, hingegen kaum über: „Manches von ihm finde ich sehr gut … und vieles sehr schlecht.“ Ich schaue mir den Satz an, da steht manches gegen vieles, es ist ein Erwägen, schwer genug, auch heikel, weil es scheinbar ein Urteil enthält – allein vom Erwägen bedingt. Denn sagten Sie nur das eine oder das andere, wäre es nicht der Fall, es wäre eher das Normale „manches finde ich gut“, „vieles finde ich schlecht“. Eine Situation entsteht, die gewöhnliche eines Lesers, der nicht ohne Grund hingerissen werden will. Im Buch, das er liest, findet er „manches sehr gut“, im Buch, das er liest, findet er „vieles sehr schlecht“. Über das „sehr“ könnte man streiten. Ich ließ diese Zeilen über mich ergehen. Ich kenne nach wie vor Gómez Dávila, NicolásGómez Dávila nicht, ich werde mit ihm oft zusammen genannt, demnach wäre ich so gut und so schlecht wie er, scheint auch er nicht viel anderes gemacht zu haben als Aphorismen – ein Leben lang.* Kann ein „Lebenslang“ anders verlaufen, anderes zeitigen als „manches sehr gut und vieles sehr schlecht?“ Ist es eine berechtigte Frage überhaupt? (Aber sind „gut und schlecht“ überall gleich, auf alle Formen anwendbar? Wenn schlecht aber misslungen ist, könnte man nicht sagen: nicht gut, nicht recht, nicht wohl geraten? Wer müsste nicht, wenn er nur könnte, von seinem Tun und Lassen sagen? Das Lassen im Tun, das Aus- und Weglassen im Schreiben.) Sie scheint berechtigt zu sein, doch eher im Kleinen als im Großen oder Größeren. Auf einen Romanschreiber könnte dies nicht zutreffen, mit dem ersten schlechten Roman wäre er erledigt. Im Großen sieht man den Meister am Werk, im Kleinen nicht, sieht nur das „Tag-für-Tag“ und die Routine. Blitzgescheit und blitzgescheitert.

Fein und nobel, wie man ist, erwartete man auch vom Klugen nicht, dass er täglich weise sei, dass seine Sprüche immer träfen oder umwerfend wirkten. Das sehe ich ein, so sehr ich mich dagegen wehren möchte. Es wird mir nie gelingen, ich habe hunderte, ja tausende Einsätze geschrieben, Wortfügungen in die Welt gesetzt – alles ein Gefüge, keine Fügung. Es bleibt die ärgerliche – nicht zu umgehende, nicht zu entscheidende – Frage des Niveaus. Wie ranghoch muss man sein, um darüber entscheiden zu können. Ich bilde mir ein – und falle aus dem Rahmen.

* Einsamkeiten. Glossen und Text in einem. Ausgewählt und aus dem Spanischen übertragen von Günther Rudolf Sigl. Wien: Karolinger 1987; Auf verlorenem Posten. Neue Scholien zu einem inbegriffenen Text. Aus dem Spanischen von Michaela Meßner. Wien: Karolinger 1992; Aufzeichnungen des Besiegten. Fortgesetzte Scholien zu einem inbegriffenen Text. Wien: Karolinger 1992; Notas. Unzeitgemäße Gedanken. Berlin: Matthes und Seitz 2006; Scholien zu einem inbegriffenen Text. Wien, Leipzig: Karolinger 2006; Scholien. Ein Nachtrag. Wien, Leipzig: Karolinger 2014

Von Werner Helmich, WernerHelmich, 27. November 2013 Nr. 93

Über die GD-Arbeit* will ich gar nicht weiter klagen, auch wenn sie mich nach wie vor stark beschäftigt. Sie müssen im Übrigen nicht die Befürchtung haben, das, was ich in meiner leidenschaftlichen Auseinandersetzung so über ihn sage, könne insgeheim auch auf Sie gemünzt sein: nein, nein! Sie denken und leben ganz und gar anders als er, vor allem gehen Sie mit den aphoristischen Verfahren völlig anders um, andererseits ist es aber für die Spannweite der Gattung schon interessant, dass Sie trotz aller tiefgreifenden Unterschiede doch beide kluge und erbauliche Aphoristiker sind (dass das bei mir einen eigenen Klang hat, wissen Sie) und Lust an der Pointe haben, also noch in ein gemeinsames Haus gehören. Es gibt immer noch gute Gründe, gegen Croce, BenedettoCroce und andere an der Vorstellung festzuhalten, es gebe so etwas wie Gattungstraditionen – die wüste Welt wird dadurch punktuell ein bisschen ordentlicher.

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