Kitabı oku: «Nikolai Roerich: Kunst, Macht und Okkultismus», sayfa 4

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Überhaupt vermied es der prominente Künstler, sich irgendwie politisch zu positionieren. Bis zur Revolution stand er bei Hof in hohem Ansehen, war aber auch mit Maxim Gorki, dem Schriftsteller und späteren Mitbegründer des »sozialistischen Realismus«, befreundet, und Alexander Blok, der vielleicht größte Poet seiner Zeit, Verfechter einer »skythisch-asiatischen« Sicht auf die russische Geschichte und Prophet der russischen Revolution, hielt Roerichs Bilder in hohen Ehren. Als Blok einmal gebeten wurde, eine Zeichnung Roerichs, die ihm der Maler geschenkt hatte, für einen Abdruck zur Verfügung zu stellen, antwortete er, er könne sich aus »gefühlsmäßigen Gründen«57 auch nicht für einen Moment von ihr trennen.

Roerichs größter Verehrer unter den Dichtern war Aleksej Remisow, der zwar nicht ganz die Bedeutung Alexander Bloks hat, aber doch in jeder Anthologie russischer Dichtkunst vertreten ist. Remisow war ein Slawophiler und wie Roerich der Meinung, ein Anknüpfen an die vorpetrinische Vergangenheit könne »Russlands Seele retten« und die gefürchtete Revolution verhindern. 1915 schrieb Remisow ein Gedicht zu dem 1907 entstandenen Gemälde »Die Route der Waräger«, der aus Skandinavien stammenden Begründer der Rus. »Die Route der Waräger« zeigte Drachenboote, die aus den Schären, den für die nördliche Ostsee typischen niedrigen Felseninseln, ins offene Meer hervorbrechen. Gemalt ist das Bild aus der Perspektive eines Kriegers auf einem Felsenhügel, der vor seiner Behausung, einem primitiven, mit Leder oder Baumrinde bedeckten Zelt, sitzt.

In dem Gedicht findet man die bemerkenswerten Zeilen:

»Nach einigen Jahrhunderten fand er sich wieder in Russland.

Doch er kam nicht vom Meer der Waräger, sondern aus der Stadt Kostroma

und ließ sich an der Moika nieder [dem Sitz der kaiserlichen Gesellschaft]

und es ist schon nicht mehr Rurik,

wie man ihn in Nowgorod gerühmt hat,

sondern Roerich.«58

Bleibt noch zu vermerken, dass das einfache Volk seine eigene Meinung zu »Urrussen« und »Warägern« wie Roerich hatte: Als 1914 eine antideutsche Welle durch Petersburg rollte, deutsche Geschäfte zerstört wurden und die Stadt in Petrograd umbenannt wird, brannte der Mob auch eine Galerie nieder, die so »deutsche« Künstler wie Roerich zeigte. Wie traumatisch dies für Roerich war, kann man daran ermessen, dass er darüber einige Jahre später eine autobiografische Geschichte schrieb. Proteste gegen diese oder andere Äußerungen eines extremen russischen Chauvinismus sind übrigens von Nikolai Roerich nicht überliefert.

Selbstredend war der Roerich der Petersburger Jahre niemand, der jemals durch eines der bekannten Laster schöpferisch tätiger Menschen aufgefallen wäre: Er trank und rauchte nicht, hatte keine außerehelichen Affären und kannte weder Schaffenspausen noch Ausbleiben seiner Inspiration. Dazu war er noch schriftstellerisch tätig, ungezählt seine Artikel zu Kunst und Kultur. Er war ein Meister der schönen Worte. 1903 lernte er die Fürstin Tennischewa kennen, eine idealistische Aristokratin, deren Ziel es war, die alte russische Volkskunst und das russische Kunsthandwerk wiederzubeleben, und zu diesem Zweck auf ihrem Landsitz Talaschkino im Nordwesten Russlands Schulen und Werkstätten gründete.

In diesem Zusammenhang schrieb Roerich folgende, für die Petersburger Zeit typische Zeilen: »Am heiligen Herd, weit entfernt von den Bazillen der Stadt, kreiert das Volk ohne sklavische Gefallsucht, ohne Stempel der Fabrik und schöpft mit Liebe und Muse. Wieder erinnert man sich an die Ratschläge der Vorfahren und die Schönheit und Haltbarkeit der alten Gegenstände. Durch das gute Vorbild werden bei der Jugend neue Bedürfnisse geweckt und verstärkt. Auch ohne Schnaps kann man einen Feiertag feiern, wenn ringsum solch wahrhaft anziehende, den Alltag überwindende Gegenstände geschaffen werden.«59

Heutige Kritiker allerdings bemängeln, bei den Hervorbringungen dieser Werkstätten, die sich in Europa großer Beliebtheit erfreuten, habe es sich weniger um authentische Volkskunst denn um die Simulation derselben gehandelt. Bekanntestes Beispiel sind die »urrussischen Matroschkas«, die »Puppen in der Puppe«, die keineswegs auf irgendeine Tradition, sondern schlicht auf einen Einfall von Sergej Maljutin, dem Meister der Werkstätten von Talaschkino, zurückgehen, den japanische Schachtelpuppen auf diese Idee gebracht hatten.60 Und Tennischewa selbst sollte in ihren Erinnerungen schreiben, die örtlichen Bäuerinnen »mochten unsere Farben nicht, sie seien zu fad«.61 Die Fürstin musste Prämien zahlen, um sie zur Arbeit zu bewegen.

Die Spannung zwischen den gegängelten Bauern und der zwar wohlmeinenden, aber letztlich herablassenden Adeligen sollte sich 1917 gewaltsam entladen, als die ehemaligen Untertanen der Fürstin den Landsitz, die Werkstätten und gleich auch noch eine von Roerich ausgemalte Kirche niederbrannten.

Von solchen Spannungen ist den Schriften Nikolai Roerichs nichts, aber auch gar nichts zu finden. Der Künstler warf sich in die Pose eines »Propheten der Kunst«, der inneren Veränderung des Menschen durch die »Schönheit«, die letztlich alle Widersprüche der Gesellschaft beseitigen werde. Beispielhaft sind diese 1908 geschriebenen Sätze: »Die wichtigste Rolle beim Erlangen von Harmonie im Leben spielt die Kunst. Eben sie bringt Freude an der Schönheit, Freude an der Erhellung des menschlichen Verstands mit sich. […] Unter den Massenbewegungen sollte an erster Stelle die Wertschätzung der Arbeit stehen, deren Krone die Weiterverbreitung der Kunst und des Wissens ist. Außerdem sind dies die beiden Antriebe einer internationalen Verständigung, die die aufbegehrende Menschheit braucht. Kunst ist das Herz und Wissen das Gehirn des Volkes. Nur mit Herz und Weisheit kann sich die Menschheit vereinen und gegenseitig verstehen.«62

Wer sollte da widersprechen? Die Fürstin Tennischewa verehrte den »Propheten der Schönheit« als »Menschen, der im Geist lebt«, als »vom Funken des Schöpfers Auserwählten«, als »jemanden, durch den Gott die Wahrheit spricht«63 , und für den Kritiker Gollerbach stand der Name Roerich »schon lange für einen ganzen Kosmos, für eine ganze Welt von Bildern mit tiefster Bedeutung, die der schöpferische Wille des Künstlers ins Leben gerufen hat. Seine Bilder sind beseelt von der Weisheit im antiken Sinne des Wortes: Sophia bedeutet Meisterschaft, die Fähigkeit etwas zu schaffen. Nicht umsonst heißen wahre Künstler bei Pindar und Aristoteles die Weisen.«64

Kapitel 7
Der Mann mit der Maske

Wenn man sich durch die Artikel liest, die von und über Nikolai Roerich im Petersburg der Zarenzeit erschienen sind – seine Anhänger haben sie in mehreren Bänden herausgegeben –, so könnte man beinahe denken, hier habe ein Heiliger gewirkt. Hier finden wir nicht nur Lobeshymnen Gollerbachs und anderer Kritiker, hier sind auch die zahlreichen Aufrufe Nikolai Roerichs zu Schönheit und Kultur zusammengetragen.

Tatsächlich war Nikolai Roerich ein begnadeter Leiter seiner Kunstschule, die bald nur noch Roerichschule hieß. Er beendete die Bevorzugung höherer Kreise, nahm Schüler allein nach Eignung auf, erweiterte die Schule um verschiedene Zweige des Kunsthandwerks und erwies merkantiles Geschick, indem er einen blühenden Handel mit Postkarten aufzog, die in der Schule hergestellt wurden. Nicht zu vergessen, dass er auch den musikalischen Zweig der Schule förderte, der bis dahin eher vernachlässigt worden war. Genauso unzweifelhaft ist sein Eintreten für die Erhaltung der Überreste des russischen Mittelalters, die von der beginnenden Industrialisierung gefährdet wurden.

Aber bei all den Hymnen muss man etwas sehr Wesentliches bedenken: Nikolai Roerich war auch ein Meister der Manipulation und jemand, der sein »Image« immer genauestens im Auge behielt. So lesen wir in dem bereits zitierten Brief von Lasarewski an Gollerbach: »Nichts Menschliches war Roerich fremd. Er hielt enge Verbindung mit Leuten von der Börse und Geschäftemachern des alten Petersburg vom Typ Manus [Industrieller und Bankier] und Rubinstein [bedeutender Petersburger Bankier, gehörte zur Umgebung Rasputins] und zog daraus eine Überfülle von irdischen Segnungen. Aus seiner Freundschaft mit Rumanow, Ksjunin oder Manuilow wusste er bestens Bescheid, was hinter den Kulissen der damals einflussreichen Presse vor sich ging, und zog daraus sehr großen Gewinn. Er war ein sehr stiller Typ.«

Tatsächlich waren seine Verbindungen so gut, dass es ihm gelang, Rezensionen eigener Werke und Interviews mit sich selbst zu verfassen und dann unter anderem Namen zu veröffentlichen. Schließlich konnte er auch direkt gefährlich werden, wenn er das sorgfältig gepflegte Bild des »Propheten der Schönheit« in Gefahr sah. Er scheute vor keiner Klage zurück, kannte aber auch andere Mittel. So in Sachen der Affäre mit den Bildern für Zarskoe Selo. Wir erinnern uns, Roerich hatte seine Bilder, ohne ein Wort zu sagen, aus einer Sammelausstellung genommen, sie dem Zaren gezeigt und dann schnell vor Eröffnung wieder zurückgestellt.

Aber damit war die Geschichte noch nicht zu Ende. Lasarewski berichtet, nach einiger Zeit habe Roerich erfahren, der Redakteur einer einflussreichen Moskauer Zeitung, der ihm so oder so nicht sehr wohlgesonnen war, wolle etwas über das Vorgefallene veröffentlichen.

»Der Redakteur der Petersburger Ausgabe war Jude und lebte in der Hauptstadt nicht ganz legal. [Juden durften sich in den Städten Petersburg und Moskau nur mit Sondergenehmigung ansiedeln.] Roerich tauchte bei dem Redakteur auf und forderte, den Artikel nicht zu veröffentlichen. Der Redakteur weigerte sich, denn er fand ihn interessant. Als er sah, dass er so nicht zum Ziel kam, sagte ihm Roerich ruhig, wenn der Redakteur ihm nicht zusichern würde, den Artikel nicht zu veröffentlichen, werde er sich sofort an die richtige Stelle wenden, um mitzuteilen, dass der Redakteur in Petersburg als angeblicher Verkäufer lebe, aber in Wirklichkeit einer völlig anderen Sache nachgehe und dabei noch in der Presse tätig sei. Was blieb dem Redakteur da noch übrig. Die Anmerkung wurde vernichtet.«

Dieser andere Roerich tritt uns auch in den Briefen an seine Frau entgegen. Wie zu Anfang ihrer Beziehung schrieb er ihr fast jeden Tag einen Brief, wenn er auf Reisen war, und er war viel auf Reisen: 1906 durch Italien und die Schweiz, 1907 in Frankreich, 1908 zur Kur in Bad Neuenahr, 1911 wieder in Bad Neuenahr und 1913 schließlich zur Premiere des »Frühlingsopfers« in Paris. In den Briefen sucht man vergeblich nach Spirituellem, dem Streben nach dem Hohen, Schönen und Guten. Zum einen beschäftigte ihn seine Karriere, besonders seine internationale, denn in Russland war er längt anerkannt.

Dann geht es in den Briefen um Geld, immer wieder um Geld. Roerich rechnete jede seiner Ausgaben auf den Pfennig, die Kopeke oder den Sous ab und machte sich Sorgen um Aktien, mit denen er spekulierte. Dabei war er keineswegs arm. Er stieg in guten Hotels wie dem Westphälischen Hof in der Neustädtischen Kirchstraße im Nordwesten Berlins ab, der, wie wir auf dem Briefpapier des Hotels lesen, über »elektrisches Licht« und einen »elektrischen Aufzug« verfügte, hielt sich zweimal in dem noblen Kurort Bad Neuenahr auf und hatte genug Geld, um mehrmals die wichtigsten Länder Westeuropas zu besuchen. Schließlich legte er noch vor der Revolution eine Sammlung mit 300 Bildern alter Meister an, darunter Tizian, Rembrandt und Breughel. Welche Bedeutung für ihn Geld hatte und wie er vorging, um sein Vermögen zu mehren, lässt sich aus den Briefen an seine Frau ablesen. Im Juni 1911 schrieb er ihr in seinem ersten Brief aus Bad Neuenahr, nie hätte er eine solche Ansammlung von Missgeburten wie hier gesehen, und weiter, die Juden oder Jüdchen [Roerich benutzte die abwertende Bezeichnung Schidi, oder Schidki] hätten hier alles in der Hand. In dem nächsten Brief jedoch lesen wir, er habe die »Jüdchen« mit seinen Reden für sich eingenommen und die glaubten jetzt sogar, er sei einer der ihren. Und weiter heißt es, das sei gut, denn er werde jetzt Gelegenheit haben, von den »Jüdchen« gute Börsentipps zu bekommen.

Mit ähnlicher Berechnung ging er vor, um sich die wichtigsten Mäzene Russlands geneigt zu machen. Tennischewa hatte er schon in der Tasche, und der wichtigste Mäzen von allen, der Zar, war ihm auch zugetan. Und doch machte er sich offensichtlich Sorgen um die Gunst des Herrschers. In einem Brief aus Bad Neuenahr, in dem es zuerst um Geldprobleme ging, schrieb er ihr dann zum Schluss als »gute Neuigkeit«: »Habe gestern die ganze Nacht vom Zaren geträumt. Er war schrecklich freundlich zu mir.«65

Nicht überall kam Roerich gut an. Interessant ist der Fall Schtscherbatow, ein hoher Adeliger und einer der wichtigsten Förderer der Künste, den Nikolai Roerich in den Briefen an seine Frau mehrmals erwähnt hat. Einmal heißt es, mit der Tennischewa habe er erörtert, wie man Schtscherbatow für gemeinsame Unternehmungen heranziehen könne, und ein anderes Mal besuchte er ihn persönlich, doch der Fürst habe ihn zwar »geküsst und gemeint, es solle kein Schatten zwischen ihnen sein, aber doch kein Bild gekauft«.66 Schtscherbatow wiederum hat in seinen Erinnerungen dieses eindringliche Porträt Roerichs hinterlassen: »Eine völlig andere, aber ebenso einmalige Figur unter den Künstlern Petersburgs war der geheimnisvolle Roerich. Er drang in verschiedenen Sphären, einschließlich die des Hofes, schnell und gekonnt, mit Berechnung und Feingefühl ein. Er wusste die richtigen Worte zu gebrauchen, um das Ziel, das er im Auge hatte, zu erreichen und Karriere zu machen.

Für Roerich war ich immer Fürst Schtscherbatow, und ich fühlte und es belastete mich, dass er offensichtlich die Rolle eines Freundes spielen wollte und immer sehr freundlich und interessiert zu mir war.

Als Mensch war er zweifellos ein schlauer, durchtriebener, echter Tartuff, einnehmend, zuvorkommend, glatt, verlogen, einschmeichelnd, eher ungut, immer mit sich selbst im Kopf und äußerst ehrgeizig. Über ihn kann man sagen, er war ein geborener Intrigant. Er hatte buchstäblich eine Maske aufgesetzt, und sein wahres Lachen ließ er niemanden erblicken. Es war immer etwas Geheimnisvolles in seinem hellen, milchfarbenen Gesicht mit den rosa Wangen, den akkurat gekämmten Haaren und Bart. Er war nördlichen, norwegischen Typs und bemerkte dunkel, dass sein Familienname mit dem Namen Rurik verbunden war. Wie, das war nicht ganz verständlich.

Roerich war zweifellos talentiert, und genauso ohne Zweifel war seine heiße Liebe zur Kunst. […] Er war ein hervorragender Zeichner, hatte ein unbestechliches Gefühl für Farben, und es fehlte ihm nicht an Fantasie oder besser Erfindungsgeist, obgleich man in vielen seiner Gemälde etwas Aufgeblasenes und Gekünsteltes spürt.«67

Seine Genossen von der malenden Zunft sahen ihn ähnlich. Für den Maler Serow war Roerich ein »typischer Petersburger Karrierist«68 , und sein Altergenosse und ehemaliger Mitstudent an der Kunstakademie Grabar, der sich in seinen Erinnerungen bewundernd über Roerichs Fähigkeit zur Arbeit und anerkennend zu dessen Bildern äußern sollte, schrieb an anderer Stelle: »Roerich war für uns alle ein Rätsel. Ich weiß nicht jetzt und ich habe es auch niemals gewusst, wo der wahre Roerich aufhört und wo die Pose, die Maske, die rücksichtslose Vorstellung beginnt, die darauf berechnet ist, unter der Maske des Weisen den Zuschauer, den Leser und Käufer einzufangen. Aber dass diese zwei Elemente, die Wahrhaftigkeit und die Lüge, die Aufrichtigkeit und die Falschheit im Leben und in der Kunst Roerichs untrennbar verbunden sind, […] daran kann es keinen Zweifel geben.«69

Kapitel 8
Dunkle Träume an der Newa

Wer heute durch den historischen Kern St. Petersburgs spaziert, glaubt sich in eine andere Zeit versetzt. Man kann stundenlang gehen, ohne ein modernes Gebäude zu sehen. Um den »Stare Newski«, wie die Petersburger den Newski Prospekt nach dem Ploschtschad Wostanja (Platz des Aufstands) nennen, ist man in der Welt der Mietskasernen des 19. Jahrhunderts. Fünfstöckige Gebäude mit mehreren Hinterhöfen, in denen es nach Kohl riecht, kleine baumlose Plätze und gepflasterte, enge Straßen, durch die manchmal eine Straßenbahn rumpelt. Die Straßen sind wenig belebt, und im Winter liegt über allem der dichte Dunst vom nahen Bottnischen Meerbusen, den die Straßenlaternen in den langen, nördlichen Nächten kaum durchdringen.

Zum Zentrum hin werden die Straßen breiter, der Newski Prospekt füllt sich mit Passanten und Geschäften, und dann überquert man die berühmten Kanäle Moika, Gribojedowa und Fontanka mit ihren Palästen aus dem 18. Jahrhundert. Schließlich erreicht man die Newa, den wasserreichsten Fluss Europas, und vor einem liegt das berühmte Panorama mit Admiralität, dem spitzen Turm der Peter-und-Paul-Kathedrale und dem himmelblauen Winterpalast.

Rein physisch hat sich die Stadt seit den Zeiten, da Nikolai Roerich hier malte, eine Kunstschule leitete und intrigierte, kaum verändert, und obgleich keine Hauptstadt mehr, ist sie immer noch die zweitgrößte Stadt Russlands, ein wichtiges Kultur- und Wissenschaftszentrum. Und doch ist sie ein Museum ihrer selbst. Um die Newa, auf der Wassiliinsel und um die Kanäle herum trägt beinahe jedes zweite Gebäude eine Plakette (und manchmal ganze Reihen davon), die künden, wer hier einmal gelebt hat. Die Komponisten Strawinsky und Rachmaninow, die Dichter Gumilijow, Alexander Blok, Anna Achmatowa, Belyj, Gorki und Mandelstam und die Maler Wrubel, Roerich und Serow. Und das sind nur die bekanntesten Namen. Es gibt Hunderte, wenn nicht Tausende von Plaketten, die auch an Philosophen wie Berdjajew oder an Wissenschaftler wie Oldenburg, den berühmten Begründer der fernöstlichen Abteilung der russischen Akademie der Wissenschaften, erinnern.

All diese Namen gehören in eine kurze Zeitspanne, zwei Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg, die als »silbernes Zeitalter« der russischen Kultur in die Geschichte eingegangen ist und mit der Revolution endgültig zu Ende ging. Die einen, wie Strawinsky und Berdjajew, starben in der Emigration, andere wie Blok, der verhungerte, und Gumiljow, der erschossen wurde, überlebten Revolution und Bürgerkrieg nicht, und kaum einem der Genannten war ein normales Leben vergönnt.

Das silberne Zeitalter lebte in zwei gegensätzlichen Welten. Die helle, rationale und wissenschaftliche Welt von Marx und dialektischem Materialismus, Max Planck und der Quantenmechanik, Albert Einstein und der Relativitätstheorie und das geheimnisvolle dunkle Reich von Friedrich Nietzsche und der ewigen Wiederkehr, von Richard Wagner und dem modernen Mysterienspiel. Doch beide Welten verbanden sich auch auf manchmal reichlich seltsamen Wegen. Die Revolutionäre, die an die »wissenschaftliche« Geschichtsinterpretation Karl Marx’ glaubten, waren auch davon überzeugt, die Allmacht des befreiten Menschen werde alle Grenzen löschen, die Wissenschaft und Magie traditionell trennten. Was früher die Sache von Magiern, Zauberern und Alchimisten war, würde nach der Revolution die Aufgabe von Wissenschaftlern und Ingenieuren werden: die Überwindung der Naturgesetze, die absolute Herrschaft über Raum und Zeit und selbst der Sieg über den Tod. Nach dem Sieg der Bolschewiki sollte man allerlei Versuche zur Überwindung der Sterblichkeit anstellen, die allerdings nie weiter als bis zur Wiederbelebung gefrorener Fische und Amphibien gelangten, und zumindest in Teilen der Intelligenz glaubte man, seine spätere »Wiedererweckung« sei der Grund, warum man Lenin einbalsamiert habe.70

Die letzten Jahrzehnte vor der Revolution waren eine Zeit sozialer Gegensätze, rastlosen Experimentierens und des Infragestellens aller Werte und alles Hergebrachten. Nachdem Kosaken in eine friedliche Menge von protestierenden Arbeitern geschossen hatten, kam es 1905 zur ersten russischen Revolution. Im Süden des Landes, wo adelige Großgrundbesitzer noch über die Hälfte des Bodens verfügten, war der Horizont im Herbst vom Widerschein brennender Herrensitze erleuchtet. Und in den Großstädten bildeten sich in den Fabriken zum ersten Mal »Sowjets«, Räte, die versuchten, die Macht zu übernehmen. 1906 setzte sich die Zarenmacht noch einmal durch. Es gab 5000 Exekutionen, Zehntausende von Verhaftungen und Verbannungen, aber auch Kompromisse wie das Zulassen eines Parlaments und landwirtschaftliche Reformen.

Doch bei sensiblen Beobachtern blieb das Gefühl, auf schwankendem Boden zu stehen, die Ahnung, dass die gesellschaftliche Ordnung vor der Auflösung stand. Am besten hat das Lebensgefühl dieser Zeit Andrej Belyj in seinem berühmten Roman Petersburg beschrieben, wo jede Wendung in der Geschichte mit einer Beschwörung des Himmels über der Stadt anhebt:

»Schwärme von grünlichen Wolkenfetzen jagten ununterbrochen über die grenzenlosen Weiten der Newa. Auf der Petersburger Seite verschwand der schlanke Turm der Peter-Paul-Festung in den Wolken. Aus den Fabrikschloten stieg ein dunkler Rußstreifen auf, beschrieb einen düsteren Bogen am Himmel und tauchte mit seinem Ende ins Wasser. Die Newa rauschte, schrie im dunklen Heulen einer Dampfersirene auf, schlug die eisernen Schützen der Schleuse klirrend gegen die Pfeiler und leckte über den Granit.«71

Das Petersburg der Vorkriegszeit war zwar eine rasch wachsende Stadt mit zwei Millionen Einwohnern, aber die Protagonisten der kulturellen Blüte wie auch die Anführer der Revolution kamen aus einer eng umgrenzten Schicht. Es waren im Wesentlichen die Kinder der verschwindend kleinen Mittelschicht und des niederen und mittleren Adels. Darunter viele Nachfahren vor allem Deutscher, aber auch anderer Westeuropäer, sowie Juden. Alles in allem ein Personenkreis von einigen Zehntausend.

Die geistige Heimat dieser Schicht war Europa, und zwischen ihnen und den Neuankömmlingen vom Land lagen Welten. Im weiten Russland waren immer noch drei Viertel der Bevölkerung Bauern, von denen nur die Minderheit Teil lesen und schreiben konnte.

Für Nikolai Roerichs Expedition nach Tibet sollte sich eben die Begrenztheit dieses Kreises als entscheidend erweisen. Revolutionäre und Künstler, Wissenschaftler und Lebensreformer aller Art kannten sich gegenseitig, tauschten sich aus, bekriegten und befreundeten sich. Auch wenn es nicht gesichert ist, dass Roerich, wie er Mitte der zwanziger Jahre aus durchsichtigen Gründen behaupten sollte, Lenin persönlich kannte, so war er doch lange vor der Revolution bereits so wichtigen Männern der frühen Sowjetunion wie dem radikalen Schriftsteller Maxim Gorki, dem späteren Außenminister Tschitscherin und Anatoli Lunatscharski, dem Kulturkommissar der Bolschewiki, begegnet.

Die kommende Auflösung des Zarenreiches zeigte sich zuerst in seinen geistigen Grundlagen. Das »Dritte Rom«, das sich immer als Hort, Schützer und Bewahrer der einzig wahren christlichen Religion, der Orthodoxie mit dem Zaren als Oberhaupt, verstanden und alle anderen Religionen streng kontrolliert oder sogar verfolgt hatte, hob in den Jahren nach 1905 allmählich alle Beschränkungen auf. Die Freimaurerei wurde zugelassen, 1908 die Theosophie, und die früheren Staatsfeinde par excellence und heftigsten Widersacher der Staatskirche, die Anhänger orthodoxer Sekten, genossen zum ersten und für lange Zeit auch zum letzten Mal in der russischen Staatsgeschichte Religionsfreiheit.

In Russland brach eine Welle des Okkultismus und des Sektenwesens los, die in der Geschichte ihresgleichen sucht. Wurde noch der Vater Helena Roerichs mit der Entlassung aus dem Staatsdienst bedroht, weil er zehn Jahre nicht zur Beichte war, so sollte Nikolai Roerich unbekümmert am Bau eines buddhistischen Tempels mitwirken. Während sich unter dem einfachen Volk Seher ausbreiteten, die das nahende Ende der Welt verkündeten, und lange unterdrückte Sekten wie die Molokane (die Milchtrinker) und radikale Untergruppen der Bespopovzi (Priesterlose, die jeglichen Kontakt mit dem Staat ablehnten) oder sogar die Chlopzen (Selbstkastrierer) ihre Anhänger mehrten, wurden die höheren Kreise von verschiedenen Varianten eines sich oftmals »wissenschaftlich« gebenden Okkultismus erfasst.

Zwischen 1881 und 1918 sind mehr als 30 russische Zeitschriften und über 800 Sachbücher dokumentiert, die sich nur mit Okkultismus befassen; die meisten davon erschienen in den Jahren nach 1905.72 »Überall gibt es Publikationen über Hypnotismus und ähnliche mystische Fragen«, schrieb ein überwältigter Zeitgenosse. »In den Fenstern der Buchläden und den Aushängen der Zeitungskioske, überall springen einem diese Bücher über Spiritismus, Handleserei, Okkultismus und Mystizismus in allen Variationen entgegen. Selbst unschuldige Bücher werden mit Buchdeckeln verkauft, die mit das Auge beleidigenden mystischen Emblemen und Symbolen dekoriert sind.«73

»Der Okkultismus in einer verwirrenden Vielfalt von Formen wurde die Lieblingsbeschäftigung der Zeit«, wie die Historikerin Maria Carlson in ihrem Buch über den Einfluss der Theosophie auf das silberne Zeitalter schreibt. Weiter stellt sie fest: »Jeder gebildete Leser, der kein Einsiedler war, war zumindest oberflächlich mit Theosophie und Spiritismus vertraut. Aber da gab es auch das Rosenkreuzertum, die Freimaurerei, den Martinismus und natürlich die aufsehenerregenden Erscheinungen des populären Mystizismus: den Tarot, die Schlafwandelei, die Handleserei, den Mesmerismus, die Astrologie und die Geomantik.«74

Die Zeitgenossin und bekannte Schriftstellerin Nina Berberowa schrieb später, im vorrevolutionären Russland habe es »keinen Beruf, keine Institution und keine zivile oder private Organisation oder Gruppe gegeben, die ohne Freimaurer war«.75

Am bedeutendsten unter den okkulten Beschäftigungen war zweifelsfrei der Spiritismus, das heißt der Glaube an die fortgesetzte Existenz der Toten und die Fähigkeit der Lebenden, mit ihnen durch ein Medium in Kontakt zu treten.

Wie populär die Geisterbeschwörung war, das zeigt Rebus, die mit 16000 Abonnenten wichtigste Zeitschrift der Spiritisten des vorrevolutionären Russland. Dort findet man die erstaunlichsten Artikel. 1914 zum Beispiel wurde von dem »geheimnisvollen Hund Dschek« berichtet, ein »Wunder der Natur« und »ernsthafter Konkurrent des Menschen in Sachen Hellsehen und Gedankenlesen. Alle Professoren, Ärzte und Studenten und die gesamte wissenschaftliche Welt interessieren sich für den geheimnisvollen Hund. […] Auf blendende Weise ist der wissenschaftlichen Welt bewiesen worden, dass auch Tiere hellsehen können, was alle Ärzte und Wissenschaftler bisher bestritten haben. Dschek errät aufs Genaueste, wie viel Geld die Anwesenden in der Tasche haben, wie alt sie sind, wann sie geheiratet und wie viele Kinder sie haben. Wie viel Gehalt sie bekommen, die Zahlen, die Anwesende gewürfelt haben, und welches Lotterieticket gewinnen wird, was dem Hund bereits eine Unmenge Dank eingetragen hat.«76

Auch wenn der Artikelschreiber wohl übertrieben hat, wenn er von der »gesamten wissenschaftlichen Welt« schreibt, die sich für den hellsehenden Hund interessiert habe, so steht außer Zweifel, dass sich einige der besten Wissenschaftler Russlands intensiv mit allen Aspekten des Okkultismus befassten. Der Chemiker Mendelejew, der Begründer des Periodensystems der chemischen Elemente, bekannte sich nach anfänglicher Ablehnung 1900 zum Spiritismus77 , und der berühmte Psychiater Bechterew, nach dem Regionen des Gehirns und eine Nervenkrankheit benannt sind, betrieb ausgedehnte Studien zur Gedankenübertragung wie auch zu ihrer krankmachenden Variante, der »psychischen Infektion«, von deren Realität er überzeugt war.78 In den zwanziger Jahren sollte Bechterew Chef eines eigenen Instituts, des »Instituts des Gehirns«, werden, in dem er neben mehr konventionellen Forschungen auch Untersuchungen zu außersinnlichen Phänomenen betrieb. Und sogar die Geheimpolizei wird ein eigenes Forschungsinstitut betreiben, in dem es unter anderem um das »Gedankenlesen« ging, und man geht wohl nicht fehl, wenn man vermutet, dass die bekannten Anstrengungen zur »Desinfektion« von Trägern »kranker Gedanken«, die die sowjetische Geheimpolizei durchführte, u.a. auf Bechterews Überzeugungen zurückzuführen waren.

57.Belikov/Knjazeva, S. 121.
58.Hrsg. »Pax Cultura«, Grad – Kamen Rerixa, Moskau 2007, S. 9f.
59.Belikov/Knjazeva, S. 70.
60.Figes, S. 290.
61.Ebd.
62.Zit. n. Belikov/Knjazeva, S. 90.
63.Andrejew, S. 145.
64.Zit. n. Belikov/Knjazeva, S. 90f.
65.Tretjakow, 28./29. 6. 1911.
66.Tretjakow, 44/354, November 1907, Paris, Besuch bei Schtscherbatov und 44/195, 1909 Brief an Tennischewa.
67.Zit. n. Andrejew, S. 148.
68.Zit. n. Andrejew, S. 145.
69.Zit. n. Andrejew, S. 147.
70.Michael Hagemeister, »Russian Cosmism in the 1920s and Today«, in: Bernice Glatzer Rosenthal (Hrsg.), The Occult in Russian and Soviet Culture, New York 1997, S. 188. Im Folgenden als Occult.
71.Andrej Belyi, Petersburg, Frankfurt/Main und Leipzig 1991, S. 51.
72.Maria Carlson, »Fashionable Occultism«, in: Occult, S. 152.
73.Maria Carlson, No Religion Higher Than Truth, Princeton, 1993, S. 4. Im Folgenden als Carlson.
74.Carlson, S. 4.
75.Maria Carlson, »Fashionable Occultism«, in: Occult, S. 147.
76.Oleg Šiškin, Ubit’ Rasputina (Tötet Rasputin), Moskau 2000, S. 60.
77.Maria Carlson, »Fashionable Occultism«, in: Occult, 137f.
78.Mikhail Agursky, »An Occult Source of Socialist Realism«, in Occult, S. 254.

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