Kitabı oku: «Nikolai Roerich: Kunst, Macht und Okkultismus», sayfa 5
Kapitel 9
Von wundertätigen Mönchen und Gotterschaffern
Der Okkultismus erfasste die höchsten Kreise des Landes und war zweifellos ein Faktor im kommenden Zusammenbruch der alten Ordnung. Das berühmteste Beispiel war die Zarenfamilie selbst. Der Bruder des Zaren, Georgi Michailowitsch, sowie seine beiden Onkel, Nikolai Michailowitsch und Peter Nikolajewitsch, waren Mitglieder im Geheimorden der Martinisten, einer freimaurerähnlichen Organisation. Als Spiritus Rector der Martinisten trat der Franzose Papus auf, über den es in dem Standardwerk The Occult in Russian and Soviet Culture heißt: »Der allgegenwärtige Papus (Gérard Encausse) war der führende französische Okkultist des Fin de Siècle. Elf seiner zahlreichen Werke über die Kabbala, Alchimie, Spiritismus, das Rosenkreuzertum und den Tarot wurden in das Russische übersetzt. Eine von ihm gegründete Faculté des Sciences Hermétiques zog russische Studenten zu okkulten Kursen an, die zur Basis für viele private Studienkreise in Russland wurden. Papus wurde mit seinen Verbindungen zur Freimauerei und zum Rosenkreuzertum ein wichtiges Verbindungsglied zwischen den russischen Okkultisten und der französischen Blüte des Okkultismus.«79
Es gibt Vermutungen, sogar der Zar selbst sei Martinist gewesen. Zumindest ist belegt, dass Papus im Oktober 1905, die erste Revolution war auf ihrem Höhepunkt, bei einer Séance am Zarenhof mit »intensiver Konzentration des Willens« Alexander III. kontaktierte, den Vater Nikolais II., der seinem Sohn riet, gegen die Revolution standhaft zu bleiben.80 Noch größeren Einfluß bei Hof, allerdings nur bis 1903, genoss ein weiterer Franzose aus der Umgebung von Papus, ein Wunderheiler namens Nizier Anthelme Philippe, allgemein nur als »Philippe« bekannt. Philippe, der behauptete, Arzt zu sein, war in seiner Heimatstadt Lyon dreimal zu Geldstrafen wegen Hochstapelei verurteilt worden. Der angebliche Doktor, dessen Wesensart von seinen Anhängern als »beruhigend und stärkend« beschrieben wurde und dessen »geringste Bewegung heilende Wirkung« gehabt haben soll, versprach der Zarin, ihr nach vier Mädchen endlich zu einem Thronfolger zu verhelfen.81
Philippe hatte bald solchen Einfluss am Hof, dass die russische Regierung in Paris intervenierte, der ehemalige Fleischergeselle möge doch außerhalb der Reihe zum Arzt ernannt werden. Aber die Franzosen blieben standhaft. So verlieh man ihm schließlich in Petersburg ein Arztpatent. Das Anfang vom Ende für Philippe kam, als die Zarin 1902 wieder schwanger wurde und Philippe weissagte, das Geschlecht des werdenden Kindes sei männlich. Bekanntlich versetzt der Glaube Berge, nur leider stellte sich heraus, dass der Glaube der Zarin an Phillippe eine Scheinschwangerschaft zur Folge gehabt hatte. Es gab einen Skandal, der sich bis in die Petersburger Presse verbreitete. Der Wunderheiler musste nach Frankreich zurückkehren, und dort ereilte ihn die Rache der russischen Geheimpolizei, der der dickliche Franzose mit dem Walrossschnauzbart schon lange ein Dorn im Auge gewesen war. Die Kollegen von der Sûreté entfesselten gegen den Wunderdoktor ein Kesseltreiben und ein Jahr später erlag er einem Herzinfarkt.
Der orthodoxen Kirche waren die Okkultisten am Hof ein gewaltiges Ärgernis. Die Staatskirche, die nicht einmal über einen Patriarchen verfügte, sondern seit Peter dem Großen Teil des Staatsapparats ohne jede Eigenständigkeit war – sogar das Beichtgeheimnis konnte auf Anfragen der Geheimpolizei aufgehoben werden –, fürchtete nach dem Schwinden ihres Einflusses auf die Gesellschaft, nun auch den Hof zu verlieren. Um das Feld nicht den Okkultisten zu überlassen, lancierte man eine Reihe von Wunderheilern, Hellsehern und »heiligen Mönchen« der Staatskirche an den Hof, die sich dort allesamt nicht lange halten konnten. Bis auf den letzten, Grigori Rasputin, der sich als so erfolgreich erwies, dass er schließlich seine erstweiligen Förderer, den Bischof Hermogen und den Leiter der Peterburger geistigen Akademie Theophan, absetzen ließ, als diese versuchten, ihn wieder loszuwerden.
Der halbe Analphabet Rasputin, mit seiner »echt bäuerlichen, einfachen Frömmigkeit«, der anfänglich der gehobenen Geistlichkeit der Hauptstadt als geeignet erschien, der blutleeren Staatskirche zumindest am Hof zu neuem Ansehen zu verhelfen, war, wie man zu spät bemerkte, alles andere als ein getreuer Sohn der Kirche, sondern durch das Altgläubigentum geprägt. Die Altgläubigen gingen auf die russische Kirchenspaltung im 17. Jahrhundert zurück, als Zar Alexej und Patriarch Nikon neue Riten einführten, die von vielen – darunter gerade den frömmsten – Priestern und Laien abgelehnt wurden. Bis zum 20. Jahrhundert schwer verfolgt, spalteten sich die »Altgläubigen« wiederum in eine Vielzahl von Untersekten auf und nahmen mit der Ausbreitung nach Sibirien in Einzelfällen auch Elemente des Schamanismus und des tibetischen Buddhismus auf, was in den zwanziger Jahren das Interesse Nikolai Roerichs weckte. Man schätzt, dass am Vorabend der Revolution bis zu einem Drittel der Bevölkerung einer dieser Sekten angehörte.82
Im Fall von Rasputin gilt als gesichert, dass er während seiner Jugend zu den Chlysten gehörte, einer streng geheimen Sekte, die den geistigen Hochmut, das Gefühl besser zu sein als andere, für die größte aller Sünden hielt, es aber nicht als Sünde betrachtete, im Angesicht der Staatsmacht jegliche Sektenangehörigkeit zu verleugnen. Eben um diese Sünde des Hochmuts zu vermeiden, veranstalteten die Chlysten von Zeit zu Zeit Orgien. Vermutlich gehen die berühmten sexuellen Ausschweifungen Rasputins auf seine Zeit als Chlyst zurück, aber die Behauptung, eine sexuelle Vereinigung mit ihm werde seine Anhängerinnen »reinigen«, war ganz seine eigene Erfindung.
Rasputin verfügte zweifellos über ungewöhnliche Fähigkeiten. Belegt ist, dass er den Zarewitsch, der an der unheilbaren Bluterkrankheit litt, mehrmals und sogar aus der Ferne vor dem Tod bewahrt hat, und gleichfalls gut belegt ist, dass Rasputin den Fall der Monarchie vorausgesagt hat, sollte sie sich in einen Krieg verwickeln. Dafür brauchte es keine prophetischen Gaben, sondern Kenntnis des einfachen Volkes, und die war bei der rechten Intelligenz wie auch bei den höheren Militärs und der Geistlichkeit stark unterentwickelt. Dort glaubte oder wollte man glauben, die revolutionäre Unruhe sei auf eine Verschwörung des Weltjudentums zurückzuführen. Zum »Nachweis« erfand die zaristische Geheimpolizei »Die Protokolle der Weisen von Zion«, die wohl folgenreichste Fälschung des 20. Jahrhunderts. Interessant ist in dem Zusammenhang, dass man lange Papus verdächtigt hat, der Autor zu sein, und auch wenn er heute von diesem Verdacht befreit ist, so vermutet der amerikanische Historiker Robert D. Wrath, Papus sei wahrscheinlich der Stichwortgeber für eine aufsehenerregende Kampagne im L’Écho de Paris gewesen, die eine jüdische Verschwörung zur Untergrabung der französisch-russischen Allianz behauptete.83
Im vorrevolutionären St. Petersburg gingen Verschwörungstheorien und Okkultismus Hand in Hand. Der strikte Kriegsgegner Rasputin wurde von rechten Hofkreisen und bald von der ganzen rechten Presse verdächtigt, deutscher Agent zu sein. Unter der Hand behauptete man das auch von der Zarin, die völlig unter dem Bann Rasputins stand. 1914 wurde aus rechtsradikalen Kreisen zum ersten Mal ein Attentat auf ihn verübt, das ihn ausschaltete, als es um die Frage des Kriegseintritts Russlands ging. Im Ersten Weltkrieg wuchs sein Einfluss so sehr, dass sich mit einer geeigneten Summe beinahe alles, bis hin zur Ernennung von Ministern, durch Rasputin erreichen ließ. Alle Versuche, ihn loszuwerden, schlugen fehl. Unter dem Einfluss seiner Frau weigerte sich der Zar, Rasputin vom Hof zu verbannen.
Das Ende ist bekannt. Eine Verschwörung aus Parlamentsabgeordneten und Zarenverwandten, an der nach letzten Erkenntnissen britische Agenten beteiligt waren, organisierte in der Nacht vom 30. auf den 31. Dezember 1916 (16. und 17. Dezember nach altem Stil) seine Ermordung. Wie sich bald darauf zeigte, trafen die Voraussagen Rasputins ein, der der Zarenfamilie für eben diesen Fall ein blutiges Ende der Dynastie vorausgesagt hatte.
Doch auch die entschiedensten Gegner der alten Ordnung, die Bolschewiki, waren nicht frei vom Okkultismus des silbernen Zeitalters. Ja, man kann sogar sagen, ihre spätere Kunstdoktrin, der »sozialistische Realismus«, hatte seine Wurzel in einigen der abseitigeren Theorien, die damals in aller Munde waren. Man kann dies an Gorki und Lunatscharski, den beiden wichtigsten Protagonisten der frühen sowjetischen Kulturpolitik, festmachen.
Anatoli Lunatscharski, ein Schriftsteller, der nach der Revolution als Volkskommissar für Aufklärung Kopf der sowjetischen Kulturpolitik werden sollte, hatte für einen »überzeugten Materialisten«, wie sich die Bolschewiki zum Nachweis ihrer Überlegenheit und im Gegensatz zu ihren Gegnern gerne beschrieben, ausgesprochen eigentümliche Neigungen.
Wie die Literaturwissenschaftlerin Bernice Glatzer Rosenthal berichtet, besaß er detaillierte Kenntnisse der Dämonologie und hatte vor der Revolution sogar einiges über weiße Magie veröffentlicht.84
Er verfolgte diese Interessen auch noch nach der Revolution. 1919 veröffentlichte er ein Theaterstück (Wassilia die Weise) mit okkultem Inhalt, und es ist belegt, dass er Bekannten noch Anfang der dreißiger Jahre aus der Hand las.
Diese Neigungen hatte er mit Maxim Gorki gemeinsam, dem späteren Säulenheiligen der sowjetischen Literatur. Mit ihm tat er sich während der Revolution von 1905 zusammen, um gemeinsam einen neuen Gott, eine Art marxistische Ersatzreligion zu erschaffen. Es lohnt sich, dieses Projekt, das von der sowjetischen Geschichtsschreibung später totgeschwiegen wurde, näher vorzustellen. Es gehört zum Okkultismus des silbernen Zeitalters in seiner revolutionären Variante, ohne den die Auftritte des Nikolai Roerich 1926 in Moskau nicht vorstellbar sind.
Die »Gotterschaffung« war ein Projekt, das von Maxim Gorki ausging. 1901, vier Jahre bevor die Revolution von 1905 scheinbar dazu Gelegenheit bot, schrieb Maxim Gorki in einem Brief: »Jetzt entgleitet Gott den Ladeninhabern und die Hundesöhne sind ohne Unterschlupf. Das ist, wie es sein muss! Lasst sie in ihrem Leben nackt herumspringen, mit ihren leeren kleinen Seelen, und wie zerbrochene Glocken stöhnen. Und wenn sie vor Kälte und der Hoffnung auf geistige Erlösung sterben, werden wir uns einen Gott schaffen, der großartig, wunderbar, freudig und der Beschützer des Lebens sein wird, der jeden und alles liebt. So soll es sein.«85
Die »Gotterschaffung« Gorkis ging von der Vorstellung aus, »Götter« seien nichts anderes als die Manifestationen der Gedanken einer großen Menschenmenge, und das im durchaus materiellen Sinne. Gorki war Anhänger des Neurologen Naum Kotik, der die Existenz einer »psycho-physischen« Energie behauptete, die im Gehirn hergestellt und von dort in die Arme und die Extremitäten geleitet werde. Eine der erstaunlichen Eigenschaften dieser Energie sei ihre Fähigkeit, in Objekte zu strömen (Papier zum Beispiel), so dass man sie aufbewahren und transportieren könne. Mit Hilfe dieser Energie sei es möglich, telepathisch Gedanken und Gefühle zu übermitteln, und in höherer Konzentration sei sie als Träger für die Suggestion der Massen geeignet. Im Zusammenhang mit den Forschungen von Kotik schrieb Maxim Gorki, jedes Jahr sammele sich mehr und mehr Gedankenenergie in der Welt an und eines Tages werde diese Energie im Stande sein, Dinge zu bewirken, die man sich heute noch gar nicht vorstellen könne.
1908 verdichtete Maxim Gorki diese Vorstellungen in seinem Roman Die Beichte, in dem eine Schlüsselszene zeigt, wie eine gelähmte Frau durch die physische Energie einer Menschenmenge geheilt wird. Die Masse schließt dabei mit gemeinsamer Anstrengung den gelähmten Körper an den allgemeinen Willen an, und so, wie eine Glühbirne leuchtet, wenn durch sie der Strom schießt, so heilt die Energie der Massen den gelähmten Körper der Frau.
Die Beichte war nicht Gorkis bestes Buch, aber mit Sicherheit eines seiner umstrittensten. Lenin hasste es regelrecht. In Romanform legte Gorki seine Überzeugung dar, dass »die wahren Gotterschaffer die Menschen selbst und das bedeutendste Ergebnis ihrer Anstrengungen das frühe Christentum war, bevor die Kirche es verzerrte«, wie der Literaturwissenschaftler Mikhail Agursky den Inhalt resümiert.86 Tatsächlich findet man in dem Buch Sätze wie den folgenden: »Christus war der erste wahre Volksgott, der aus der Seele der Menschen geboren wurde, wie der Phönix aus den Flammen«. Als die allgemeine okkulte Energie dann schwächer wurde, sei Christus gestorben, aber das Volk könne ihn wiedererwecken. »Die Zeit wird kommen, da sich der Wille des Volkes wieder auf einen Punkt konzentrieren und so eine unbezwingbare, rätselhafte Kraft ins Leben rufen wird. Dann wird Gott wieder auferstehen.«87
Gorkis und Lunatscharskis Pläne, während der Revolution von 1905 die Gedanken der Massen zu »konzentrieren«, um einen besseren Gott zu schaffen, wurden von Lenin, dem das Ganze zuwider war, im Keim erstickt.
Doch überleben sollten die Grundannahmen Gorkis, nämlich der Glaube an Gedankenübertragung und die materielle Wirksamkeit von Gedanken. Beide sollten zu wichtigen Voraussetzungen für den »sozialistischen Realismus« werden. Zumindest ist das die Meinung des Wissenschaftlers Mikhail Agursky. »Obgleich Bechterew oder Kotik in Gorkis Schriften zum sozialistischen Realismus nicht erwähnt werden, haben ihre Ideen doch dazu beigetragen, Theorie und Praxis des ›sozialistischen Realismus‹ zu formen. Im sozialistischen Realismus sollten die Künste und besonders die Literatur den psychischen Prozess der Massen regulieren, um sie so zu der großen Anstrengung zu befähigen, die es brauchte, um den Sozialismus zu errichten. […] Einfach nur sozialistische Ideen zu propagieren reichte nicht aus. Um die gewünschte Reaktion zu erhalten, mussten die Massen durch ›externe Stimuli‹ angeregt werden, und um diesen ›Stimuli‹ die Möglichkeit zu geben, sich durchzusetzen, musste ein politisches System geschaffen werden, das nur ›reinen Gedanken‹ die Möglichkeit zum Ausdruck gab und die Gesellschaft vor ›dunklen Kräften‹ verteidigen konnte.«88
Kapitel 10
Versuche mit der Anderwelt
Nikolai Roerich und seine Frau Helena waren als typische Kinder des silbernen Zeitalters an jeder Form des Okkultismus brennend interessiert, wobei einiges wohl ewig im Dunkeln bleiben wird. Da wäre die Frage, ob der Künstler nicht Mitglied einer jener esoterischen Geheimgesellschaften war, in denen sich viele der einflussreichsten Männer des Landes versammelten. Zu denken wäre dabei vor allem an die Martinisten. Mit ihrer Mischung aus russischem Nationalismus und esoterischer Verschwörungstheorie könnten sie zur damaligen Geistesverfassung Roerichs gepasst haben. Auch hätte die Mitgliedschaft engster Verwandter des Zaren an seine lebenslange Neigung appelliert, sich die Unterstützung höchster Kreise zu sichern.
Doch sosehr russische Journalisten eben dies nach dem Ende des Kommunismus zu beweisen suchten, über bloße Behauptungen sind sie nie hinausgekommen. Belegbar sind nur seine Affinität zu diesen Kreisen und vielfältige Verbindungen mit ihnen. Dazu kommen noch seine eigenen Behauptungen wie die, schon sein Großvater sei Freimauer und überhaupt seine Familie von alters her, beginnend mit den Templern, bei allen okkulten Bewegungen des Abendlandes prominent vertreten gewesen. Doch das hat dieselbe Überzeugungskraft wie die These, der Name Roerich sei auf Rurik zurückzuführen.
Anders steht es mit Naum Kotik, dem Theoretiker von der materiellen Wirksamkeit von Gedanken, und dem Psychiater Bechterew. Dem von Maxim Gorki so sehr geschätzten Naum Kotik setzte Nikolai Roerich 1928 in seinem Buch Altai-Himalaya ein Denkmal als »hochinteressanter Wissenschaftler«, der die materielle Wirklichkeit von Gedanken bewiesen habe.89 An derselben Stelle findet sich auch eine Beschreibung der Begegnung Gorkis mit einem indischen Fakir, der dem Schriftsteller auf eine glatte Metallfläche Bilder indischer Städte mit lebhaften Farben gezaubert habe. Gorki soll diese Begebenheit Roerich selbst erzählt haben.
Mit dem berühmten Psychiater Bechterew, dem Verfechter von der Realität der Gedankenübertragung, war Nikolai Roerich persönlich gut bekannt. In Roerichs Tagebuch seiner letzten Lebensjahre sind ihm mehrere Passagen gewidmet. Selbstredend teilte er die Auffassungen des Nervenarztes, der im Rahmen seiner Forschungen auch die ungewöhnlich lebhaften Träume Helena Roerichs analysiert hatte.
Schließlich und endlich teilte Nikolai Roerich und nicht minder seine Frau das Lieblingsinteresse des silbernen Zeitalters, die Kommunikation mit der Geisterwelt nämlich. Und diese Beschäftigung begann bereits sehr früh. Wir erinnern uns, als die Briefe Helenas in Paris ausblieben, wandte sich der junge Künstler an ein Medium, um auf anderem Weg Nachrichten über seine spätere Frau zu bekommen. Mit vollem Erfolg übrigens, wie er ihr in einem seiner unbeantworteten Briefe mitteilte.
Nach der Heirat führte er, diesmal zusammen mit seiner Frau, die Unterhaltung mit dem Jenseits fort. Wie Alexandre Benois, selbst häufiger Teilnehmer von Seáncen, in seinen Erinnerungen schreibt, habe er persönlich diese Beschäftigung zwar aufgegeben, nicht jedoch sein Bekannter, »der berühmte Maler N. K. Roerich, der nach der Jahrhundertwende zusammen mit seiner Frau systematisch Kontakt mit der Geisterwelt hielt«.90
Die Beschreibung eines dieser »Kontakte mit der Geisterwelt« des Ehepaars Roerich findet man in den Erinnerungen Grabars. Diese herrliche, aber für ihn peinliche Episode sollte Nikolai Roerich zwar später abstreiten, aber das scheint wenig glaubhaft. Zu dem Zeitpunkt nämlich, als er dies abstritt, hatte er bereits eine so hohe Position nicht nur in der Einschätzung seiner selbst, sondern auch in der seiner »Jünger« erreicht, dass er gar nicht anders konnte.
Die Séance in der Wohnung der Roerichs sollte mit einem Polen namens Jan Gusik stattfinden, der 1909/1910 das Lieblingsmedium der guten Gesellschaft war. In Rebus, dem Zentralorgan der Spiritisten, wird er mehrmals erwähnt. »Wie man uns mitteilt, kommt es bei Séancen mit ihm zu recht starken Erscheinungen. Gewöhnlich ist der Begleiter Janeks ein ›materialisiertes Tier‹, das bei rotem Licht sogar sichtbar ist.«91 Wie man weiter aus Rebus erfährt, waren die Geister Gusiks ungewöhnlich aggressiv, und einige Teilnehmer seiner Séancen mussten sich danach wegen erlittener Verletzungen an einen Arzt wenden. Aber Gusik beschränkte sich nicht nur auf seine »Hausgeister«. Er rief auch Napoleon, Puschkin und Alexander den Großen, die offensichtlich auch die »Lieblingsgeister« anderer Spiritisten waren, denn Rebus schrieb in diesem Zusammenhang von Gewalt gegenüber Verstorbenen und rief dazu auf, auch einmal andere Geister zu beschwören.
Aber zurück zu Grabar: »Ich war kein Liebhaber des Tischrückens. Mir tat es immer um die Zeit leid, die auf derartige Nichtigkeiten verschwendet wurde, und war dagegen, einen ganzen Abend lang in ein Objekt findiger, aber nicht allzu schlauer Scharlatane verwandelt zu werden. Benois überredete mich, indem er sagte, es könnte lustig und interessant werden. Da ich fest davon überzeugt vor, dass all das Materialisieren und dergleichen Wunder nur durch die Scharlatane selbst, sowie durch die Mitwirkung anderer zum Haus gehöriger Personen durchzuführen war, verabredete ich mit zwei der Gäste, die mit mir einer Meinung waren, dass ich die ›Kette durchbrechen‹ würde.
Man hatte uns gewarnt, die Kette zu durchbrechen sei lebensgefährlich und werde im besten Fall dazu führen, dass man von dem herbeigerufenen Geist einen Schlag mit dem Knüppel auf den Kopf bekäme, von dem man sich nie wieder erholen werde. Außerdem informierte Roerich uns, dass Janek das stärkste Medium der heutigen Zeit sei und die Geister, die er materialisiere, völlig reale Formen annehmen würden. Bis hin zur Spürbarkeit. Ein gewisser Berggeist sei ihm besonders geneigt, der sich als Mann mit langen wilden Haaren materialisiere. ›Aber Gott bewahre, ihn zu berühren. Das würde ein Unglück geben.‹
Das Licht wurde ausgeschaltet, und von der Menge der Leute, die sich um den Tisch die Hände gaben, wurde es im Zimmer unerträglich heiß. Auf einmal hörte man seltsame Schläge. Wie von einer Gitarre oder einer Balalaika. Irgendetwas bewegte sich im Zimmer und machte die Geräusche.
›Es fängt an‹, hörte man ein Flüstern.
Unter dem Tisch war es besonders unruhig. Offensichtlich versuchte sich der Geist mit allen Kräften zu materialisieren. Ich beschloss, es war Zeit zu handeln. Leise befreite ich meine Hände von den Nachbarn zur Rechten und zur Linken und begann unter dem Tisch herumzufuchteln. Nach einigen Sekunden ertastete ich irgendetwas Festes, einen Kopf oder ein Knie, das von einem Fell bedeckt war, und begann es zu mir zu ziehen. Doch es gab nicht nach, es wurde kräftig festgehalten. Nach einigen Minuten fühlte ich einen kräftigen Schlag mit der Faust in den Rücken, von dem ich aufschrie und mich erhob. Danach machte jemand das Licht an und alles hörte auf. Die Séance wurde als ›unterbrochen‹ oder besser als ›nicht völlig geglückt‹ bezeichnet.«92
Die Karriere Gusiks in St. Petersburg war übrigens steil, aber kurz. Ihm wurde sein Impresario, ein geschäftstüchtiger Deutschrusse namens Czeslaw von Czinski, zum Verhängnis.
Czeslaw von Czinski war nach einem dreijährigen Aufenthalt in einem deutschen Gefängnis – der ehemalige Psychiater war mit einer minderjährigen Patientin aus dem Hochadel durchgebrannt – in St. Petersburg aufgetaucht, mit dem Ziel, sich rasch zu bereichern. Für 500 Rubel, eine gewaltige Summe für die damalige Zeit, versprach er die Aufnahme in so prestigeträchtige Geheimorden wie den der Martinisten oder die Freimaurer. Glaubwürdigkeit verlieh ihm das Oberhaupt der Martinisten, der berühmte Franzose Papus höchstpersönlich, indem er ein Vorwort zu einem Buch Czinskis schrieb, das dieser über Gusik 1909 veröffentlichte (derselbe Papus, der Nikolaus II. während der Revolution von 1905 zu der Beratung mit seinem verstorbenen Vater verhalf).
Das Ende der Karriere von Czinskis wurde nicht etwa durch Jan Gusiks Tiere verursacht, sondern durch eine von ihm selbst veranstaltete Séance. 1910 beschwor er publizitätsträchtig das Opfer eines Mordes, den Ingenieur Andrej Gilewitsch, der grauenhafte Einzelheiten des aufsehenerregenden Verbrechens preisgab und von seinen Leiden im Jenseits berichtete. Nur leider stellte sich nach einigen Monaten heraus, das Opfer des Verbrechens war nicht etwa Gilewitsch selbst, sondern ein Angestellter von ihm, ein verarmter Student aus der weiten Provinz, der seit dem Mord spurlos verschwunden war. Fälschlich identifiziert hatte die Leiche ein Bruder von Gilewitsch, der aus der beträchtlichen Lebensversicherung des angeblich Ermordeten monatlich Geld nach Paris überwies – an Andrej Gilewitsch selbst, der bald darauf ausgeliefert und wegen Mordes verurteilt wurde. Czeslaw von Czinski wurde danach auf sein Landgut verbannt.
Ebenso charakteristisch für das silberne Zeitalter wie der Okkultismus war die Faszination durch alles, was aus Indien kam. Man las die indischen Philosophen Ramakrishna und Vivekananda, vertiefte sich aber auch in die Veden und andere Texte des indischen Altertums. Das war ein gesamteuropäisches Phänomen. Da es in den alten Texten heißt, als hellhäutig beschriebene »Arier« hätten das Sanskrit und die in ihm geschriebenen heiligen Texte nach Indien gebracht, sollten die Nationalsozialisten eben diesen Namen für die von ihnen auserwählte Rasse übernehmen. Doch wie die Slawophilen in Russland zeigten, konnte man auch zu ganz anderen Schlüssen kommen. Nikolai Roerichs Mentor Stassow war durch die These bekannt, »die slawischen und die indischen Kulturen des Altertums seien eng miteinander verwandt und das indische Epos Mahabharata habe die alte russische Epik beeinflusst«.93 Alexander Blok spürte bekanntlich dem »Skythischen« in der russischen Seele nach, und unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg war der Gedichtzyklus Gitanjali des indischen Dichters Rabindranath Tagore, der 1913 den Literaturnobelpreis erhielt, in ganz Europa eine Sensation.
Nikolai Roerich teilte diese Faszination von Indien und las Vivekandanda, Ramakrishna und die Veden.94 Indien läutete eine neue Phase im Werk Nikolai Roerichs ein. Er malte Bilder wie »Dewassari Abuntu«, »Lakhmi die Siegreiche«, »Die Grenze des Kaiserreiches«, »Krischna«, »Träume Indiens« und »Gaijatris Gebot«. Er schrieb Märchen mit indischer Thematik, und eines davon, »Dewassari Abuntu« versuchte er sogar aufführen zu lassen.
Kunst ist bekanntlich Geschmackssache, und nicht bei jedem fand Roerichs neue Richtung Anklang. Benois zum Beispiel notierte anlässlich der letzten Ausstellung Roerichs vor der Revolution in sein Tagebuch, seine Bilder seien nicht überzeugend. »In allem merkt man viel zu sehr die Absicht. Auf der anderen Seite erinnern diese komplizierten und gewollt monumentalen Kompositionen auf das Verblüffendste an Illustrationen in deutschen Märchenbüchern oder deutschen Zeitschriften wie ›Jugend‹.«95
Aber der Effekt dieser Bilder war oft erstaunlich. Besonders wenn die Betrachter sich für Mystik interessierten. Sina Lichtmann, seine treueste Anhängerin, die seine Bilder vier Jahre später, bei einer Ausstellung in New York, zum ersten Mal erblickte, schrieb, ihr sei gewesen, als wäre die Menge plötzlich verstummt. »Ich stand direkt der Unendlichkeit gegenüber und dem ersten Menschen, der sich selbst eine Behausung geschaffen hatte, die sich dem Abbild Gottes verneigte.
Große Weiten kosmischen Maßstabes, Berge, Ströme von Wasser, massive Felsen, irdische und überirdische Boten, friedvolle Heilige und Helden bevölkerten Roerichs Welt. Mir stockte der Atem, Tränen rannen in die Augen, Gedanken und Gefühle überfüllten das Herz. Meine bis zu diesem Moment verschlossene Welt machte einer anderen Platz: einer Welt nicht irdischer Schönheit und Weisheit.«96
Auch schrieb Roerich, von Tagore beeinflusst, Gedichte, die im Exil als Blumen aus dem Garten Moryas veröffentlicht wurden. Dieser Gedichtzyklus, zweifellos das Beste, was er je veröffentlicht hat, rief die Bewunderung so verschiedener Persönlichkeiten wie Maxim Gorki und Tagore selbst hervor. »Wir begeben uns auf die Suche nach heiligen Zeichen« begann das 1915 geschriebene Gedicht »Wir werden sehen«. Auf der Suche nach dem Heiligen begegnete der Dichter dem Licht, dem Pfad, dem Labyrinth des Waldes, den Blumen, dem Wasser, den Bergen und der Ewigkeit. So banal und offensichtlich berechnend seine Zeitungsartikel mit ihren Aufrufen zur Schönheit und Kultur klangen, so subtil waren seine Gedichte. Auf den ersten Blick täuschend einfach, waren sie voll archetypischer Symbole, mystisch und schwer zu verstehen.
Die Suche nach »heiligen Zeichen«, die Faszination von den gleichermaßen schwer fassbaren Mitteilungen aus der Welt des Jenseits und den Theorien Bechterews und Kotiks führten folgerichtig zur Beschäftigung mit der Muse des »silbernen Zeitalters«, der genialen Zusammenfasserin aller okkulten Traditionen und Künderin von der »fünften Wurzelrasse«, deren fortschrittlichster Bestandteil eben die Slawen waren. Dies war Madame Blavatzky, die von sich behauptete, im Namen einer »großen, weißen Bruderschaft«, zu sprechen, die die Menschheit im Verborgenen anleite, und im Auftrag eben dieser Bruderschaft sollte sich Nikolai Roerich 1926 aufmachen, um im sibirischen Altai sein eigenes, ganz persönliches Utopia zu gründen.
