Kitabı oku: «Nikolai Roerich: Kunst, Macht und Okkultismus», sayfa 6

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Kapitel 11
Die große weiße Bruderschaft

»Eine genaue und völlig faktentreue Biografie dieser bemerkenswerten Frau wird nie geschrieben werden. Sie verbrachte ihr Leben lang damit, sicherzustellen, dass es unmöglich sein würde, Fakten von ihrer Fantasie zu trennen«.97

Das schreibt die amerikanische Biografin Madame Blavatzkys, Maria Carlson, über Madame Blavatzky, eine Frau, die für wichtig genug erachtet wurde, 2008 von der Universität Oxford in ein Lexikon der hundert bedeutendsten Frauen der Weltgeschichte aufgenommen zu werden. Madame Blavatzky, oder Helena Petrowna Blavatzky, kurz H.P.B., war die Begründerin der Theosophie, einer religionsartigen Bewegung, die ungemein großen Einfluss auf das Geistesleben des späten 19. und des 20. Jahrhunderts hatte. Allein in Russland kann man Einflüsse der Theosophie auf das Werk Kandinskys, Skriabins und Malewitschs nachweisen, um nur die bekanntesten Namen zu nennen. Nicht zu vergessen Anatoli Lunatscharski und Maxim Gorki, deren Doktrin vom »sozialistischen Realismus« nicht nur von Bechterew und Kotik, sondern auch von der Theosophie beeinflusst wurde.

Das allerdings hinderte später die Bolschewiki nicht daran, die Theosophie zu unterdrücken und ihren Einfluss auf führende Protagonisten des sowjetischen Kulturlebens aus der Geschichte zu streichen. In England und Amerika jedoch dauerte ihr Einfluss an und weitete sich sogar aus. Neben Künstlern wie William Butler Yeats, einem der bedeutendsten Dichter englischer Sprache, bekannten sich eine Reihe Abgeordneter des britischen Unterhauses zur Theosophie, und der wichtigste Bankier seiner Zeit, Sir Norman Montagu, der Leiter der britischen Notenbank, war ebenfalls Theosoph. Wie in England war die Theosophie in den USA gerade unter den Reichen und Mächtigen weit verbreitet. Henry Wallace, der neben Roosevelt lange Zeit mächtigste Politiker der Vereinigten Staaten, glaubte an die Lehren der Blavatzky, und auch Roosevelt selbst waren, wie wir noch sehen werden, theosophische Gedanken keineswegs fremd.

Nur Deutschland ging einen Sonderweg. Rudolf Steiner, der dortige Vorsitzende der theosophischen Gesellschaft, verließ diese 1912, nahm die große Mehrheit ihrer Mitglieder mit sich und gründete die anthroposophische Gesellschaft.

Helena Blavatzky wurde 1831 als Tochter des russischen Obersten Peter Hahn von Rottenstein und seiner Ehefrau Helena im damaligen Jekaterinoslaw, dem heutigen Dnjepropetrowsk, in der Ukraine geboren. Ihr Vater stammte aus einer mecklenburgischen Adelsfamilie, über die Mutter war sie mit dem Architekten der russischen Industrialisierung, dem berühmten Finanzminister Sergej Witte, sowie der Zarenfamilie selbst verwandt.

Die junge Helena wird von ihren Biografen übereinstimmend als störrisch und unzugänglich beschrieben. Sie soll schon früh ausgeprägte mediale Fähigkeiten gehabt haben und ließ in ihrer Umgebung Spukgestalten auftauchen. Mehrmals wurde sie von ihren Verwandten dem Exorzismus unterworfen, was »sicherlich der Psyche ihrer Tochter nicht gerade dienlich war«, wie ein deutscher Biograf anmerkt.98

Mit 17 Jahren verheiratete man sie an den 60-jährigen General und Staatsrat Blavatzky. Gerade einmal drei Monate lang hielt sie bei ihm aus, bis sie, als Matrose verkleidet, in die Türkei floh und ein unstetes Wanderleben begann.

Man weiß relativ wenig über ihr Leben von 1849 bis 1859. Wie auch für spätere Zeiten in ihrem Leben gibt es eine »offizielle« Biografie, die einzig und allein auf ihren Behauptungen gründet, und eine »inoffizielle«, die sich auf das beschränkt, was sich nachweisen lässt.

Laut ihrer »offiziellen« Biografie soll sie bis zu ihrem 29. Lebensjahr an so verschiedenen Orten wie Kairo, wo ein koptischer Meister sie drei Monate in die Geheimnisse der Magie einweihte, in New Orleans, wo sie sich mit Voodoo beschäftigt habe, und in Indien und Tibet gewesen sein. Eine unglaubliche Reise, wenn man bedenkt, dass Tibet Ausländern verschlossen war und Blavatzky weder damals noch später Tibetisch konnte.

Russische Briefe und Erinnerungen deuten darauf hin, dass sie in diesen Jahren tatsächlich unterwegs war, aber zusammen mit einem Opernsänger namens Arkadi Metrowitsch und nur innerhalb des russischen Reiches und in Europa. Mit Sicherheit befand sie sich in den frühen 1850er Jahren in London, um die Weltausstellung im Hyde Park zu besuchen. Wie sie – allerdings Jahrzehnte später – berichtete, traf sie dort zum ersten Mal einen jener Mahatmas oder Meister, die ihr späteres Leben bestimmen sollten. Es sei ein schöner, indischer Prinz namens Kut Humi gewesen, der der zwanzig Jahre alten Helena eröffnete, sie sei als seine Schülerin auserwählt, eine Gesellschaft zu gründen, die sich über die ganze Welt ausbreiten werde.

Ihr Biograf Karl H. Frick merkt an dieser Stelle übrigens sarkastisch an, dass es vermutlich nicht nur der Scheinleib des Prinzen war, der die junge Helena interessiert habe. Aber weiter in der Geschichte dieser bemerkenswerten Frau.

Folgt man der theosophischen Geschichtsschreibung, dann gelangte sie drei Jahre später zum ersten Mal »in einem Heuwagen versteckt, in das verbotene Land Tibet, wo ihr Meister wohnte, und brachte unter der Obhut von dessen Schwester drei Jahre zu. Sie lernte in Tibet Sanskrit und wurde in die okkulten Wissenschaften eingeweiht.«99

Dieser zweite Weise aus dem Himalaya, den Blavatzky Master oder Mahatma Morya nennt, wird beschrieben als »ein Mann von ungewöhnlicher Größe, reich und unabhängig, in die Geheimnisse der Magie und Alchemie eingeweiht«.100 Obgleich vom Aussehen her nur 40 Jahre alt, habe er schon mehr als 300 Jahre in seiner jetzigen Inkarnation zugebracht. Master Morya übrigens sollte noch gehörig in die Geschicke Nikolai Roerichs eingreifen.

Zurück zu dem, was man in Blavatzkys Biografie nachweisen kann. 1858 wurde sie in Paris mit dem berühmten Medium D. D. Home bekannt und ein häufiger Besucher von spiritistischen Kreisen.

Im Winter 1859/60 kehrte sie nach Russland zurück und blieb eine Zeit lang in Pskow im Norden Russlands bei ihrer Schwester Vera, wo sie bald das Zentrum der Aufmerksamkeit wurde. Ihre Schwester schreibt, Helena Petrowna sei in Begleitung von Poltergeistern (»Esprits frappeurs«) eingetroffen und habe Tische dazu gebracht, zur Decke zu schweben, oder sie zu schwer zum Aufheben gemacht. Sie habe Séancen abgehalten, bei denen der russische Dichter Alexander Puschkin auftauchte, und mit ihren unglaublichen psychischen Kräften einen Mord aufgedeckt

Nach dem Besuch bei ihrer Schwester reiste Helena Petrowna nach Süden, um ihre Familie in Odessa und Tiflis zu besuchen. Sie verbrachte geraume Zeit damit zu, ihre Verwandten zu besänftigen, die nicht sehr froh waren, das schwarze Schaf der Familie wiederzusehen.

Später behauptete sie, 1863 habe sie Russland verlassen, um über Italien, Griechenland und den Fernen Osten wieder nach Tibet zu reisen, wo sie angeblich als Chela (Jüngerin) von den Mahatmas der großen weißen Bruderschaft unterrichtet wurde. Auch diese Reise ist nicht belegt. Tatsächlich blieb sie einen großen Teil dieser Zeit in Russland, hatte eine Affäre, wurde schwanger und gebar ein uneheliches Kind. Ihr Sohn war behindert und starb, als sie 1864 oder 1865 mit Arkadi Metrowitsch wieder ins Ausland reiste. Sie kehrte nach Hause zurück, um das Kind zu beerdigen, und verließ Russland erst 1871.

1873 kam Madame Blavatzky, wie sie sich nun nannte, in die USA, ließ sich in New York nieder und verdiente sich ihren Lebensunterhalt als Journalistin. Sie veröffentlichte sensationelle Zeitungsartikel, die sich gegen die Jesuiten und den Papst richteten, schrieb für den amerikanischen Leser über den Kaukasus und vor allem über den Spiritismus, das Lieblingsthema der Zeit. Sie beschäftigte sich ausgiebig mit verschiedenen östlichen okkulten Systemen und ermunterte ihre amerikanischen Kollegen, sie als Hellseherin, als Medium und als Mystikerin zu sehen. Am 8. September 1875 gründeten sie und ihr getreuer Adlat, Colonel Henry Olcott, ein ehemaliger Soldat und inzwischen Journalist, die Theosophische Gesellschaft.

»Ziel ist ein esoterischer Bruder- und Schwesternbund für die ganze Menschheit, der zur Erkenntnis des Wahrheitskerns jeglichen religiösen Lebens verhelfen soll. Durch die Erforschung der tieferen geistigen Kräfte und mit Hilfe der theosophischen und mystischen Elemente der Magie, sowie durch andere ›klassische‹ Geheimwissenschaften sollen alle geheimnisvollen, dem Menschen noch nicht aufgeschlossenen Naturgesetze erklärt und verständlich gemacht werden. Schließlich sollen die im Menschen verborgenen okkulten Kräfte entwickelt werden, um ihm übersinnliche Wahrnehmungen zu vermitteln.«101 Ganz im Geist der Zeit verstand sich die Theosophie ausdrücklich als »Wissenschaft« und nicht als religiöser Glaube und gab sich das Motto: Keine Religion ist wichtiger als die Wahrheit. Religionsähnliche Elemente, wie der Glaube an die Reinkarnation, galten durch die Praxis, d.h. den Spiritismus, als wissenschaftlich bewiesen.

Zwei Jahre später veröffentlichte Blavatzky ihr Buch Die entschleierte Isis. In diesem komplexen Buch (und einem noch komplexeren zweiten, dem 1888 erschienenen Die Geheimlehre) verglich sie die Weltreligionen unter Einbeziehung okkulter Traditionen wie Gnosis, Kabbala und Alchemie, aber auch Hellsehen, Spiritismus und Hypnose. Durch die »vergleichende Esoterik«, wie sie ihre Methode nannte, destillierte sie eine universelle Ursprungsdoktrin heraus und behauptete, diese »Weisheitsreligion« oder »Geheimlehre« sei der Kern aller Weltreligionen und werde von unsterblichen Eingeweihten seit Tausenden von Jahren behütet.102 Die Religionsstifter Jesus, Mohammed und Buddha seien Inkarnationen der »Mahatmas« oder »Meister« gewesen, folglich seien diese, wie auch die anderen Weltreligionen, in der Theosophie enthalten. Diese uralten Weisen würden im Himalaya leben, und zwar an einem Ort namens »Schambala«. Die letztere Idee hatte Blavatzky dem tibetischen Buddhismus entnommen, wo »Schambala« besonders für die einfachen Gläubigen eine Rolle spielte, die man am ehesten mit der vergleichen kann, die die Vorstellung vom Paradies für europäische Christen spielte.

Schon länger hätte die Bruderschaft nicht mehr in die Weltgeschichte eingegriffen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts jedoch wäre die »Bruderschaft der weißen Loge, die Hierarchie der Eingeweihten, die die Evolution der Menschen beaufsichtigen und führen und die diese Wahrheiten unbeeinträchtigt erhalten haben«103 , zu dem Entschluss gekommen, es sei nun Zeit, einige dieser Wahrheiten durch Auserwählte nach und nach enthüllen zu lassen. Die erste Auserwählte sei sie, Blavatzky, selbst, und sowohl Die entschleierte Isis als auch später Die Geheimlehre seien ihr von den Mahatmas diktiert worden, mit denen sie in direktem psychischem Kontakt stehe.

Die Geheimlehre, die sie in ihrem gleichnamigen zweiten Buch auslegte, war eine »eklektische, synthetische, dogmatische Doktrin mit pantheistischen Beimischungen und stark durchtränkt von exotischem buddhistischem Gedankengut und Vokabular«, weshalb man die Theosophie auch als Neobuddhismus bezeichnet hat.104 Das aber führt in die Irre. Wie die Kennerin Maria Carlson darlegt, mischte »die Theosophie Teile und Bruchstücke des Neuplatonismus, Hinduismus, der Kabbala, des Rosenkreuzertums, des Hermetismus und anderer okkulter Doktrinen aus Vergangenheit und Gegenwart zusammen und versuchte eine ›wissenschaftliche Religion‹, eine moderne Gnosis zu sein, die sich auf das absolute Wissen geistiger Dinge, statt auf den Glauben gründete.«

Dem Ganzen war eine im Wesentlichen jüdisch-christliche Ethik unterlegt, der eine Art spiritueller Darwinismus beigemischt wurde. Angeblich würden die mit dem stärksten Geist überleben, oder aber die, die sich spirituell am weitesten entwickelten.

Die von Madame Blavatzky dargelegte Kosmologie der Theososophie ist hochkomplex und stark vom Hinduismus beeinflusst. In unendlichen Zeiträumen wechseln sich »Pralaya« genannte Perioden der Ruhe und Auflösung mit solchen der »Manvantara«, der Aktivität und Entwicklung, ab. Was den Einzelmenschen betrifft, so durchläuft er eine komplizierte evolutionäre Abfolge, die rund 800 Inkarnationen umfasst. Und das nur auf dem Planeten Erde, denn gemäß der Geheimlehre muss er sie auch auf den sechs anderen Planeten des Sonnensystems (mehr waren damals nicht bekannt) durchlaufen.

Es gibt »dunkle« und »helle« Phasen, und was die Menschheit betrifft, so habe es einmal eine große Zivilisation, Atlantis, gegeben, die untergegangen sei, deren »Weisheit« sich aber in den »Mahatmas« erhalten habe. Jetzt sei die Zeit der »fünften Wurzelrasse«, der Arier nämlich, und innerhalb der arischen Rasse wiederum seien es die Slawen, die »siebte Unterrasse«, die nach der stürmischen, materiellen Entwicklung des Menschen den nächsten »Schub« der Evolution, die »geistige« Evolution nämlich, anführen werde. Sie wird zur Verwirklichung einer mehr spirituellen Menschheit beitragen, die mit der sechsten Wurzelrasse erreicht wird.

Im Einzelnen schrieb Madame Blavatzky in der Geheimlehre, »die grundlegende Mission dieser Epoche der Zivilisation ist es, den Menschen an die physische Ebene anzupassen, um die Vernunft und die praktische Logik zu entwickeln, den Verstand in die Materie zu vertiefen, damit sie verstanden und schließlich beherrscht werden kann«. Sobald diese Mission vollendet sei, »hat die Evolution den Gipfel der physischen Entwicklung erreicht und sie mit dem physisch Perfekten gekrönt. Von diesem Moment an beginnt die geistige Entwicklung.«105 Daher hätten die Mitglieder der großen weißen Bruderschaft diesen historischen Augenblick gewählt, um die Theosophie den Massen durch ihre Jüngerin zu offenbaren. Der Abstieg der Menschheit in die Materie sei vollendet, und damit sei sie bereit, das Wissen von der Geheimlehre zu erhalten, welches sie auf ihrer Reise Richtung Vergeistigung zur endlichen Vereinigung mit dem Göttlichen führen werde.

Anfänglich fand Madame Blavatzky wenig Anklang. Dann aber reiste sie mit Oberst Olcott nach Indien und wurde dort mit großem Erfolg empfangen. Von indischen Intellektuellen allerdings und nicht von den britischen Oberherren. Deren Überlegenheitsgefühl gegenüber den »Eingeborenen« war zu dieser Zeit so groß, dass sie, wie auf Ceylon, wo der Buddhismus betroffen war, versuchten, örtliche Religionen zu unterdrücken und die Bevölkerung mit allen Mitteln zur britischen Staatsreligion zu bekehren.

Die Kolonialbeamten, die an der angeblichen »Bürde des weißen Mannes« trugen, »die Eingeborenen zu zivilisieren«, witterten in der Theosophie eine gefährliche Tendenz, das indische Selbstbewusstsein zu heben, und in Madame Blavatzky eine russische Spionin. Madame Blavatzky, die jede Art Aufmerksamkeit genoss, sollte später Andeutungen machen, die diese – bis heute unbewiesenen – Gerüchte bestätigten. Damit verstärkte sich nur noch die Antipathie der Behörden, und Annie Besant, Blavatzkys Nachfolgerin, sollte den Ersten Weltkrieg im Gefängnis verbringen. Auch Nikolai Roerich, der nächste Auserwählte der Mahatmas, sollte dieses Misstrauen noch zu spüren bekommen.

Nach Errichtung zahlreicher Zweigstellen in Indien und der Erwerbung eines großen Areals in Adjar, einem Vorort von Madras, wo das Hauptquartier der Gesellschaft eingerichtet wurde, kehrte Madame Blavatzky nach Europa zurück, um für die Theosophische Gesellschaft werben. Dabei geriet sie ins Visier der Gesellschaft für psychische Forschungen in London.

Abgesehen von Blavatzkys angeblichen psychischen Fähigkeiten waren die Mahatmas und die große weiße Bruderschaft das größte Problem der Glaubwürdigkeit der theosophischen Bewegung. Hätten die Mahatmas weiter ruhig im Himalaya gelebt und nur über ihre »Chela« Blavatzky mit der Welt Verbindung gehalten, hätte ihre Existenz wie bisher nur auf den Behauptungen der Madame beruht und wäre unüberprüfbar geblieben. Doch mit dem stürmischen Wachstum der Gesellschaft in Indien gingen die Mahatmas dazu über, mit führenden Mitgliedern der Theosophischen Gesellschaft direkt zu kommunizieren. Briefe fielen von der Decke oder wurden geheimnisvoll auf anderen Wegen zugestellt. Als dann große, schweigsame, asketische Hindus, ganz in Weiß und mit einem Turban bedeckt, einzelnen Personen erschienen, vermutete die Gesellschaft für psychische Forschungen eine Täuschung.

Im Mai 1878 kam es zu einem ersten großen Skandal, als sich Emma Goulomb, eine alte Freundin und Verbündete von Blavatzky, gegen sie wandte. Mrs. Goulomb verkündete öffentlich, Madame Blavatzky sei eine Fälscherin und in dem okkulten Zimmer gebe es »eine Falltür, um Briefe von der Decke regnen zu lassen«.106

Darauf schickte die Gesellschaft für psychische Studien eines ihrer Mitglieder, Richard Hodgson, nach Adjar, um die Sache an Ort und Stelle zu untersuchen. Dort angekommen, entdeckte er, dass man die Beweise im okkulten Zimmer zerstört und die Wände neu verputzt hatte. Damit nicht genug, fand er in den nächsten drei Monaten auch noch heraus, dass die Briefe der Mahatmas ausschließlich auf Englisch und noch dazu in Blavatzkys Handschrift verfasst waren. Von Kleinigkeiten wie dem »tibetischen« Briefpapier gar nicht zu reden, das man in Darjeeling käuflich erwerben konnte und das zum Schreiben der Briefe erst nach dem Besuch der Blavatzky eben dort in Gebrauch gekommen war. Schließlich gaben indische Mitglieder der Gesellschaft zu, in die Verschwörung eingeweiht zu sein.

Die Gesellschaft für psychische Studien zog folgenden Schluss: »Was uns betrifft, so betrachten wir sie weder als die Sprecherin verborgener Weiser noch als bloße und vulgäre Abenteurerin. Wir glauben, dass Sie es verdient hat, auf ewig als eine der erfolgreichsten, erfindungsreichsten und interessantesten Hochstaplerinnen der Geschichte bezeichnet zu werden.«107

Der Skandal war gewaltig. Oberst Olcott, der Mitbegründer der Theosophischen Gesellschaft, verbannte sie aus Adjar, und Blavatzky kehrte nach Europa zurück. Erstaunlicherweise war das keineswegs das Ende der Theosophie und schon gar nicht der Blavatzky. Ganz im Gegenteil. Ihre Wohnung in der Lansdowne Road 17 wurde zur Pilgerstätte, und »Schriftsteller, Maler, Wissenschaftler, Aristokraten und Okkultisten jeglicher Art kamen, um die große Russin mit den enormen und eindringlichen Augen, den langen Fingern und eleganten Händen und der scharfen Zunge zu besuchen«.108 1888 veröffentlichte sie in London ihr zweites, großes Werk Die Geheimlehre, und als sie in London 1891 starb, wurde sie von Tausenden betrauert. Ihr Todestag, der 8. Mai 1891, wird bis heute von Theosophen in aller Welt als »Tag des Weißen Lotus« begangen.

Auch Master Morya und Kut Humi, die beiden Mahatmas und persönlichen Lehrer Blavatzkys, waren alles andere als diskreditiert. Nach dem Tod der Blavatzky fing ihr Siegeszug erst richtig an. Sie tauchten bei Séancen auf, gaben Malern wie dem Deutschen Hermann Schmiechen via »psychischer Eingebung« ihre Porträts ein und fuhren fort, Theosophen aller Nationen mittels »automatischen Schreibens« zu instruieren. Schließlich sollten sie niemand anders als Nikolai Roerich als ihren Lieblingsschüler und Messias auswählen. Allerdings das erst später, obgleich der Maler schon in seiner Petersburger Zeit mit den Schriften der Blavatzky vertraut war.

Kapitel 12
Träume von Indien und Tibet

Es war der Nervenarzt Dr. Rjabinin, der Verfasser des Tagebuchs der Tibetexpedition, der die Roerichs auf die Blavatzky aufmerksam machte. Dr. Rjabinin hatte in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg den Höhepunkt seiner Karriere erreicht. Er behandelte Patienten aus besten Kreisen, wie Fürst Felix Jussupow, einen der reichsten Männer des Landes, und sogar den japanischen Thronfolger, als dieser vor dem Ersten Weltkrieg die russische Hauptstadt besuchte. Nebenbei fand er noch Zeit für das im Vorwort des Tagebuchs vielsagend beschriebene Interesse an »Experimenten im Bereich des Geistes«, das er mit den Roerichs geteilt habe.

Esther Lichtmann, eine der Jüngerinnen Helenas, wird 1930 aufschreiben, »wie Dr. Rjabinin ihr [Helena Roerich] eines Tages von der Blavatzky erzählte […] und sie zur Theosophischen Gesellschaft ging, die sich in genau demselben Gebäude befand, in dem einmal EI [Elena Iwanowna, d.h. Helena Roerich] gelebt hatte, als sie ein kleines Mädchen war. Dort traf sie eine alte dicke Frau mit Strickzeug in den Händen. Als EI sie um Bücher bat, sagte diese ihr, dies sei nicht so einfach und sie müsse erst Mitglied der Theosophischen Gesellschaft werden. EI war bereit, aber man erwiderte ihr, dass auch dies nicht so einfach ginge und Madame Kamenskaja [die Vorsitzende der russischen Sektion] alle, die Mitglied werden wollten, erst einer Prüfung unterziehe und dass es möglich sei, dass EI diese nicht bestehe. Natürlich hatte EI keine Lust auf solch einen Unsinn und begann in Buchläden zu suchen.«109

Die Urgroßnichte Kutusows war niemand, der sich von einer Madame Kamenskaja Vorschriften machen ließ, und schon gar nicht wollte sie Mitglied in einer Organisation werden, bei der andere die Regeln aufstellten. Viel eher schon wollte sie selbst eine solche gründen. Aber das lag gut zehn Jahre entfernt.

In den Jahren vor der Revolution waren ihre Kinder noch klein. Auch beriet sie ihren Mann bei seiner Karriere. Laut ihren eigenen Aussagen, die zu verschiedenen Zeiten von ihren beiden Lieblingsjüngerinnen, Esther und Sinaida Lichtmann, protokolliert wurden, hatte sie bereits früh entscheidenden Einfluss genommen und den Aufstieg ihres Mannes in der Kaiserlichen Gesellschaft geleitet, indem sie »seinen Geist entflammte und seine Gedanken lenkte. Klug war er schon immer gewesen, aber er konnte sich nicht entscheiden, und manchmal zeigte er menschliche Schwächen, die sie bezwingen musste.«110

Und nicht nur in Sachen Karriere hörte ihr Mann auf sie. Manchmal seien ihr morgens Visionen gekommen und »sie erblickte eine Hand, die ihr Nummern zeigte, und wenn er [Nikolai Roerich] dann bestimmte Wertpapiere mit diesen Nummern kaufte, dann machten sie immer einen Gewinn«.111

Helena, die das Leben einer Dame aus gutem Haus führte, mit Gouvernanten für die Kinder und Dienstboten für den Haushalt und reichlich Freizeit, erzählte auch, es sei sie gewesen, die sich als Erste mit Indien beschäftigt habe und die Nikolai Roerich »von alten Formen auf einen neuen Weg brachte und in ihm das Bedürfnis weckte, Bücher mit geistigen und religiös-philosophischen Themen zu lesen«.112

Sich mit der Theosophie zu beschäftigen und ihren Mann dementsprechend zu beeinflussen war da nur der nächste logische Schritt.

Tatsächlich sind im Werk Nikolai Roerichs ab 1908 deutlich theosophische Elemente spürbar. Einige seiner Gedichte erinnern in Ton wie Inhalt stark an Verse der Blavatzky, und es fehlt auch nicht die für einen überzeugten Theosophen typische Mischung von Religionen und religiösen Zeichen. Für seine treue Anhängerin Tennischewa malte er eine Kirche auf ihrem Landsitz Talaschkino aus und stellte die Gottesmutter in einem Stil dar, der Fürst Schtscherbatow »in Entsetzen versetzte, worauf die Tennischewa schwer beleidigt war. In einer russischen Kirche im Gouvernement Smolensk war eine Gottesgebärerin tibetischen Stils abgebildet.«113 Schtscherbatow war ziemlich nahe an der Wahrheit. Vorbild für die Gottesmutter war die indische Göttin Kali, wie Helena Roerich später in einem Brief bekennen sollte.

Merklich war der Einfluss der Theosophie auch in den Schriften Roerichs zur Ur- und Vorgeschichte. Hatte er bereits in seiner frühen Phase als Ausgräber eine Tendenz gezeigt, in den Überresten der Vergangenheit vorzugsweise das zu sehen, was der Verehrer der Urslawen sehen wollte, so warf er nach und nach alle Vorsicht zur Seite. Getreu der theosophischen Vorstellung von den Mahatmas als verborgene Antreiber der Entwicklung von Religion und Kultur, postulierte er in dem 1909 erschienenen Artikel »Freude an der Kunst« zum ersten Mal eine Urkultur mit gemeinsamem Ursprung, die bereits in der Steinzeit bestanden habe. Diese war nur der Auftakt zu zahllosen späteren Artikeln, in denen er die erstaunlichsten Behauptungen aufstellte. 1912 schrieb er einen Artikel, der von der Realität von Atlantis ausging, dem Ursprungsort der Mahatmas, und der Zufall, dass einer der historischen Namen Tibets Gota ist, verführte ihn, wie auch die Pseudowissenschaftler der Nationalsozialisten, zu der Spekulation, der Himalaya sei das Ursprungsland der Goten.114

Sehnsuchtsland der Theosophen in aller Welt war Tibet, wo Madame Blavatzky angeblich ihre Einweihung in die okkulten Wissenschaften erfahren hatte und wo die Mahatmas, verborgen und ungestört von der Welt, an der Evolution der Menschheit zur sechsten Wurzelrasse arbeiteten.

1909 beschlossen die führenden Theosophen St. Petersburgs, an der Newa einen tibetischen Tempel zu errichten. An vorderster Stelle dabei war Nikolai Roerich. Vergeblich gifteten die orthodoxe Kirche und ihr verbundene Kreise gegen die Errichtung von »Götzenbildern« und die »Rückkehr des Heidentums nach Russland«.115

Der 1913 fertiggestellte gewaltige Bau, er steht noch heute an einem Arm der Newa, unterscheidet sich nur in einem, aber wesentlichen Detail von seinen tibetischen Vorbildern im Himalaya: In zwanzig Metern Höhe, direkt unter dem Dach, befinden sich schmale bunte Glasfenster, die das spärliche Tageslicht filtern, das in den großen, düsteren Altarraum fällt. Sie waren Nikolai Roerichs Beitrag zu dem Bau und stellen traditionelle, buddhistische Symbole, »die acht glücksbringenden Zeichen«, dar.116

Der Bau des buddhistischen Tempels in der Hauptstadt, noch dazu unter führender Beteiligung des »wirklichen Staatsrates« Roerich, war nicht nur ein Zeichen für den schwindenden Einfluss der Orthodoxie. Hier spielten noch ganz andere, geopolitische Motive eine Rolle, die in dem Vorsitzenden des Baukomitees, dem Lama Agwan Dordschiew, verkörpert waren.

Dieser Mann war ein Wanderer zwischen den Welten, wie er damals nur im Zarenreich denkbar war, dem einzigen Staat der Welt, in dessen Grenzen sich tibetischer Buddhismus und europäische Kultur direkt begegneten.

Dordschiew stammte von Burjaten ab, einer mongolischen Völkerschaft am Baikalsee, die sich zum tibetischen Buddhismus bekannte und im Dalai Lama ihre höchste geistige Autorität erblickte. Diesem kleinen Volk, auch heute zählen die Burjaten kaum mehr als eine halbe Million, kam bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts eine unverhältnismäßig große Bedeutung zu. Erst durch die Zaren, die sich der Burjaten bedienten, um das bis dahin noch völlig unbekannte Zentralasien zu erforschen und zu durchdringen, und dann die Sowjets, die einzelne Burjaten für ganz ähnliche Ziele einsetzten.

Was die Burjaten so besonders machte, war, dass sie als einzige Völkerschaft mit der durch Russland vermittelten europäischen Kultur und Technik vertraut und gleichzeitig Teil der viel größeren Ökumene des tibetischen Buddhismus waren, die ganz Tibet und sowohl Innere wie auch Äußere Mongolei umfasste. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war dies eine noch zutiefst mittelalterliche Welt, die nominell unter der bröckelnden Autorität des chinesischen Kaisers stand, aber bereits dunkel die Bedrohung durch die Machtmittel der Industriemächte wie auch den kommenden Druck Chinas spürte, das 1911 seine erste Revolution erlebte. Es war ein riesiges Gebiet, so groß wie drei Viertel des europäischen Kontinents, und damals noch so wenig erforscht, dass es für weite Teile nicht einmal Karten gab.

Der 1855 geborene Agwan Dordschiew hatte als Jugendlicher erst ein Gymnasium und dann eine russische Universität absolviert. Danach reiste er nach Lhasa, wo er in einem der großen Klöster in die Feinheiten der Lehre Buddhas eingeweiht wurde und nach jahrelangem Studium den Titel eines »Lcharamba«, eines tibetischen Gelehrten, erhielt. Im abgeschiedenen und unzugänglichen Lhasa, wo man nur nebelhafte Vorstellungen von der Außenwelt hatte, wurde der Burjate mit seiner Kenntnis Europas eine einflussreiche Persönlichkeit und wichtigster Berater des dreizehnten Dalai Lama in außenpolitischen Fragen.

Als Agwan Dordschiew nach Tibet kam, stand das Land noch unter der nominellen Oberhoheit des chinesischen Kaisers, der mit dem Dalai Lama, dem »Papst« der tibetischen Buddhisten und weltlichen Herrscher, ein Interesse gemeinsam hatte: das Land gegen äußere Einflüsse hermetisch abzuschirmen. Vor allem natürlich gegen die Briten im benachbarten Indien, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts große Anstrengungen unternahmen, Tibet zumindest kartografisch zu durchdringen. Zu diesem Zweck schickte man »Pundits« genannte Mitglieder indischer, aber mit den Tibetern verwandter Völkerschaften los, die sich als Pilger ausgaben, aber Gebetsketten mit hundert statt hundertacht Perlen hatten und im Knauf ihrer Wanderstöcke Kompasse versteckten. Mit Hilfe ihrer Rosenkränze zählten die »Pundits« ihre Schritte ab, und am Knauf ihrer Stöcke kontrollierten sie die Himmelsrichtung. Auf diese Weise kamen zumindest von den bewohnten Gegenden erstaunlich genaue Karten zusammen. Aber große Teile des Landes blieben noch unerforscht.

Anfang des 20. Jahrhunderts schließlich wurde in London beschlossen, die nicht mehr »zeitgemäße« Isolierung des Landes gewaltsam zu durchbrechen. Der mit Maschinengewehren ausgerüsteten Younghusband-Expedition stellten sich 1903 tibetische Krieger mit Steinschlossgewehren, Lanzen, Schwertern und angeblich unverwundbar machenden Amuletten entgegen. Es gab ein entsetzliches Gemetzel, und nachdem ein letztes Aufgebot von »Kriegsmönchen« niedergemacht war, wurde Lhasa eingenommen. Der Dalai Lama war da bereits auf dem Weg nach Urga, dem heutigen Ulan Bator, der Hauptstadt der Mongolei, die, obwohl gleichfalls noch unter Oberhoheit des chinesischen Kaisers, bereits stark den russischen Einfluss spürte. Dort ließ sich das begeistert begrüßte Oberhaupt auch der mongolischen Buddhisten vorläufig nieder.

Nachdem mit den Briten ein Vertrag geschlossen worden war, der begrenzten Handel sowie eine Vertretung des Empire in Tibet erlaubte, kehrte der Dalai Lama nach Tibet zurück. Von nun an wachte nicht Peking, sondern London eifersüchtig darüber, dass keine Außenstehenden mehr in jenes Land kamen, das, wie die Younghusband-Expedition gezeigt hatte, ein paar tausend Männern mit Maschinengewehren hilflos ausgeliefert war. Und damit war der Zweck der Expedition auch schon erfüllt. Denn an sich hatte man in England keinerlei Interesse an dieser riesigen, kalten Halbwüste mit kaum zwei Millionen Einwohnern außer dem einen, nämlich keiner anderen Macht die Herrschaft über das nördliche Grenzgebiet Indiens zu überlassen. Mit dieser Macht war Russland gemeint, mit dem Großbritannien in einer mit Geheimagenten geführten Auseinandersetzung um die Vorherrschaft in Zentralasien stand, die der britische Schriftsteller Rudyard Kipling unter der Bezeichnung »das Große Spiel« (The Great Game) verewigt hat.

97.Carlson, S. 43.
98.Karl R.H. Frick, Licht und Finsternis, Teil 2, Graz 1978, S. 259. Im Folgenden als Frick.
99.Frick, S. 261.
100.Ebd.
101.Frick, S. 263.
102.Carlson, S. 30.
103.Zit. n. Carlson, S. 140.
104.Carlson, S. 140.
105.Zit. n. Carlson, S. 119.
106.Carlson, S. 41.
107.Zit. n. Carlson, S. 42.
108.Carlson, S. 42f.
109.Esther Lichtmann, 19. 6. 1929.
110.Fosdik, S. 66.
111.Fosdik, S. 59.
112.Ebd.
113.Andrejew, S. 149.
114.Siehe: John McCannon, »By the Shores of White Waters«, in: Sibirica, 2 (2002), S. 171.
115.Andrejew, S. 155.
116.Ebd.

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01 haziran 2026
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