Kitabı oku: «Nikolai Roerich: Kunst, Macht und Okkultismus», sayfa 7

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Dieses einzige wesentliche Interesse Londons, die fortgesetzte Isolierung Tibets nämlich, fand seinen Ausdruck schließlich auch darin, dass London 1906, gegen den Willen der Tibeter, die fortbestehende Oberherrschaft Pekings bestätigte. So war man die lästige Pflicht los, die tibetische Außenpolitik zu kontrollieren.

Doch in Tibet hatte man auch seine Schlüsse aus der eigenen Hilflosigkeit gezogen. Und die bestanden darin, selbst den Kontakt zur Außenwelt zu suchen. Zu diesem Zweck schickte man Agwan Dordschiew nach St. Petersburg, wo er 1905 eintraf.

Selbstverständlich rissen sich Okkultisten aller Couleur und die Theosophen um den Berater des Dalai Lama aus dem geheimnisvollen und kaum erforschten Tibet, das sich hervorragend für Projektionen aller Art eignete. So auch Nikolai Roerich. Von dem Burjaten hörte der Künstler nach der Blavatzky ein weiteres Mal von Schambala, dem Paradies der tibetischen Buddhisten, das jedoch, im Gegensatz zum gelobten Land der Bibel, ein ganz irdisches Gegenstück haben sollte, das irgendwo tief versteckt in Himalaya lag. Auch überreichte Dordschiew Roerich nach Fertigstellung des Tempels ein Geschenk117 des Dalai Lama, womit er dessen Fantasie noch einmal anheizte.

Selbstverständlich erschöpfte sich Dordschiews Petersburger Mission keineswegs in der Beglückung von Okkultisten und Theosophen. Im November 1907 veröffentlichte er einen Artikel in der Zeitschrift der russischen Geografischen Gesellschaft mit dem Titel »Über die Annäherung Russlands an Tibet und die Mongolei«, in dem er eine Zusammenarbeit der drei Völker auf kulturell-ökonomischer Grundlage und die Gründung einer »buddhistischen Großföderation« propagierte.

Es war der Versuch des Burjaten, mit Hilfe Russlands die kulturell engverwandten Mongolen und Tibeter vor der machtpolitischen Expansion Großbritanniens auf der einen und der demografischen Expansion Chinas auf der anderen Seite zu bewahren. Dies waren Überlegungen, die er schon länger hegte und die ihn bei den Briten zum unbeliebtesten Mann in Tibet gemacht hatten sowie ihm den Verdacht eintrugen, er sei ein russischer Agent. Der japanische Mönch Kawaguchi, der sich Anfang des Jahrhunderts verkleidet in der tibetischen Hauptstadt aufhielt, berichtet, Dordschiew, der Vormund des damals noch minderjährigen Dalai Lama, habe ihm gegenüber die Prophezeiung erwähnt, aus Russland werde ein mächtiger Fürst kommen und Tschan Schambala, das nördliche Schambala, eine gewaltige buddhistische Macht, gründen.118 Eine offene Provokation für die Briten im benachbarten Indien und einer der Gründe für die Invasion 1904.

Diese als »Prophezeiung« verkleideten Überlegungen Dordschiews, denn natürlich musste im zutiefst gläubigen Tibet derart Umwälzendes religiös »ummäntelt« werden, trafen auf offene Ohren bei den Imperialisten in Petersburg, die ähnliche Gedanken hegten. Allerdings weniger, um Tibeter und Mongolen vor Fremdherrschaft zu bewahren, als vielmehr um »neuen Lebensraum für Russland« zu erobern, wie es ein »Sprachrohr des Generalstabes« ausdrückte.119 Das alles traf mit der Stimmung jenes Teils der Intelligenzija zusammen, der das »Asiatische« an Russland betonte.

In der schwankenden Gemütslage des silbernen Zeitalters wurden sogar Stimmen wie die des Philosophen Wladimir Solowjew ernst genommen, der Anfang des 20. Jahrhunderts von der Wiederauferstehung der mongolischen Großmacht überzeugt war. Er schöpfte dies aus dem Tibetbuch der beiden französischen Missionare Huc und Gabet, die dort Mitte des 19. Jahrhunderts der buddhistischen Bruderschaft der Kelane begegnet waren, die sich zum Ziel gesetzt hatte, »Tibet, China, die Mongolei und Russland [zu] erobern«, um das Kommen des Buddha Maitreya einzuleiten.120

Doch das alles waren nur Träume, die den harschen machtpolitischen Realitäten nicht standhalten sollten. Die Idee eines von Russland abhängigen zentralasiatischen Großstaats, der alle Anhänger des Dalai Lama, die Tibeter und Mongolen, vereinen sollte, traf auf den heftigen Widerstand Großbritanniens, das dem innerlich zerrissenen Zarenreich bald seine Grenzen aufzeigte. Alles was davon blieb, war die russische Unterstützung für eine Autonomie der Äußeren Mongolei innerhalb Chinas, die 1945 schließlich zur internationalen Anerkennung des neuen Staates führte. Aber der Traum war in die Welt gesetzt. In der kommenden Zeit der Wirren, in der alles möglich schien, wird es mehrere Versuche geben, das Kommen des Buddha Matreya zu beschleunigen.

Einen davon sollte Nikolai Roerich unternehmen. Aber davon konnte noch nicht im mindesten die Rede sein, als Roerich mit Agwan Dordschiew am Bau des Tempels an der Newa zusammenarbeitete. Vorläufig hatte er einen ganz anderen Traum. Er hatte vor, in das geheimnisvolle Indien zu reisen, in das Heimatland Tagores, Ramakrishnas und Vivekanandas. 1913 erörterte er die geplante Reise mit dem in Paris lebenden russischen Orientalisten Golubew, der ihm von den Denkmälern des indischen Altertums und den verlassenen Höhlenstädten Adschanti und Ellori erzählte.121 Und nicht nur nach Indien zog es den Künstler. Dr. Rjabinin schreibt in dem Vorwort zu seinem Tagebuch, er und die Roerich hätten auch über die Lehrer des Ostens gesprochen, deren Lehre die tiefe Kenntnis des Geistes widerspiegele, die sich in geheimen Zentren der Eingeweihten, vor allem in dem der Bruderschaft des Himalaya, angesammelt habe. »Das letztere Zentrum war für uns immer Quelle unübertrefflichen Wissens und der Wahrheit. Den Weg dorthin wollten wir über Indien nehmen.«122 Nikolai Roerich wollte also zu den Mahatmas der Blavatzky nach Tibet aufbrechen, deren Aufenthaltsort er auch zu kennen glaubte: Es war das mystische Schambala der tibetischen Buddhisten.

Kapitel 13
Krieg und Revolution

Der Erste Weltkrieg durchkreuzte die Reisepläne. Die Kriegsjahre verbrachte Nikolai Roerich weiter als Leiter der Kaiserlichen Gesellschaft.

Indirekt bekam er die antideutsche Stimmung in der nun zu Petrograd umbenannten Hauptstadt zu spüren, als der Mob bei Kriegsbeginn nicht nur deutsche Geschäfte verwüstete, sondern auch Brand an die Druckerei Knebel legte, in der sich nur kurze Zeit zuvor Bilder Roerichs befunden hatten, die für einen Bildband benötigt wurden. Proteste gegen die Ausschreitungen sind von Nikolai Roerich nicht bekannt. Dafür startete Roerich anlässlich der Bombardierung der Kathedrale von Reims durch die Reichswehr eine laute Kampagne gegen diese Barbarei, bei der er nicht mit kräftigen Worten sparte und Deutschland für alle Zeiten den Rang einer Kulturnation absprach. Er richtete seine Schreiben auch an die Diplomaten neutraler Staaten in Petrograd, was die Presse in Frankreich und England dankbar aufnahm. Hier war er ein Kind seiner Zeit. Auch deutsche Geistesgrößen wie Gerhart Hauptmann oder Thomas Mann ließen es nicht an chauvinistischen Äußerungen fehlen.

Doch Nikolai Roerich ging noch einen Schritt weiter: Der prominente Künstler forderte eine internationale Konvention zum Schutz von Kulturgütern im Kriegsfall. Sicher war sie ernst gemeint, litt aber unter dem Mangel, implizit nur die gegnerische Seite solcher Taten für fähig zu halten. Nebenbei darf man vermuten, dass der »Prophet der Schönheit und Kultur« an dem guten Licht nicht uninteressiert war, das solche löblichen Absichten auf ihn warfen.

Von kleineren Reisen in die Umgebung der Hauptstadt abgesehen, blieb Nikolai Roerich während der ganzen Kriegszeit in Petrograd. Bis zur Nacht vom 16. zum 17. Dezember 1916, als er die Stadt verließ und mit seiner Familie nach Finnland reiste. Eine aus mehrerlei Gründen seltsame Reise. Zum einen ist der angebliche Grund, den er in seinen Erinnerungen anführt, er habe die Feiertage auf dem Land verbringen wollen, nicht überzeugend. Zumindest nicht, wenn man bedenkt, dass bis zum Weihnachtsfest noch eine Woche Zeit war und der vielbeschäftigte Künstler einen Posten hatte, den er nach eigener Auffassung gerade in der Kriegszeit für sehr wichtig hielt. Immerhin ging es darum, mittels der Kunst die Moral des Heeres zu heben. Und dann war es eine eiskalte Nacht, die Temperatur lag bei minus vierzig Grad und im Waggon war die Heizung ausgefallen. »Natürlich waren die Großmütterchen und Tantchen strikt gegen die Reise, aber wir kamen bestens an«, wie sich Roerich später erinnert. »Das Hotel in Serdobol war völlig leer.«123

Was Nikolai Roerich in seinen Erinnerungen nicht erwähnt, ist, dass in eben dieser Nacht der Favorit der Zarin, der Wunderheiler Grigori Rasputin, ermordet wurde. Und das war wohl mehr als ein Zufall. Nicht in dem Sinne, dass Nikolai Roerich Teil der Verschwörung war. Dazu wäre er viel zu vorsichtig gewesen, und die Bluttat hätte auch nicht seinem Charakter entsprochen. Auch wenn er sie aller Wahrscheinlichkeit nach, wie fast die gesamte Öffentlichkeit, gebilligt hat. Aber es ist sehr gut möglich, dass er von dem geplanten Attentat Kenntnis hatte. Denn der Mörder war niemand anders als der schwerreiche Fürst Felix Jussupow, einer der Patienten Dr. Rjabinins. Und dass Jussupow aus seinen Absichten großen Hehl machte, kann man wirklich nicht behaupten. Selbst der »unrussische« Benois, alles andere als ein Freund ultranationalistischer Ansichten, wie sie die Verschwörer vertraten, notierte einige Wochen vor dem Attentat in sein Tagebuch, Jussupow habe ihn besucht und die ganze Zeit nur über seinen Hass gegen Rasputin gesprochen. Weite Kreise waren in die Pläne eingeweiht. Kreise, mit denen der gut vernetzte Nikolai Roerich wahrscheinlich auch Verbindung hatte. Verließ also Nikolai Roerich in eben dieser Nacht Petrograd, um nicht fälschlich unter Verdacht zu geraten? Spürte er, dass diese Tat zum Auftakt für Revolution und Bürgerkrieg werden sollte? Jedenfalls waren die Folgen unabsehbar und Nikolai Roerich war, wie sich zeigen sollte, niemand, der sich in dem bald entstehenden Chaos gut zurechtfand.

Doch vorerst blieb alles ruhig, und Anfang Januar 1917 war Nikolai Roerich wieder in Petrograd. Der Zar hatte so sehr an Einfluss verloren, dass die Mörder, die schnell gefunden waren, nicht einmal in Haft kamen. Felix Jussupow selbst wurde nur unter Hausarrest gestellt.

Bis Mai 1917 blieb Roerich in Petersburg.124 Er erlebte die Hungerunruhen, Schießereien und den Vandalismus, die der Februarrevolution vorausgingen. Nach der Revolution bildete Maxim Gorki ein Komitee zur Bewahrung der russischen Kulturgüter, das weiteren Zerstörungen vorbeugen sollte. Die prominentesten Kulturschaffenden der Hauptstadt, so auch Nikolai Roerich, wurden zur Mitwirkung eingeladen. Der gleichfalls anwesende Alexandre Benois notierte die chaotischen Sitzungen in seinem Tagebuch. Am 4. März schrieb er: »Bei Gorki versammelten sich mehr als 50 Personen. Zum Vorsitzenden wurde Roerich bestimmt, ich hatte mich geweigert. Bei der Sitzung kam, wie ich vorausgesehen hatte, nur totaler Wirrwarr heraus – wunderbares Material für eine Satire. […] Gorki brummte mit seiner Bassstimme gutmütig, die Künstler sollten die Bewachung der Museen selbst unternehmen. Dröhnend unterbrach ihn der Hooligan Majakowski in seiner Soldateninform. […] Überhaupt nicht am richtigen Ort erwies sich Roerich, der in grobem Ton und hastig die Namen der Personen vorlas, die zur provisorischen Regierung abgestellt werden sollten. Als Minister für Kultur schlug ich Diaghilew vor, dann Grabar und als Dritten Roerich. Der Letztere wäre vor Stolz fast geplatzt und machte nicht einmal eine abwehrende Geste. Welch bescheidener Ehrgeiz.«125 Tatsächlich sollte Nikolai Roerich die Tatsache, dass man ihn einmal zum Kulturminister vorgeschlagen hat, noch öfters mit Stolz erwähnen. Aber der Würdenträger des Zaren und Leiter der Schule der »Kaiserlichen Gesellschaft«, der Okkultist und »Sucher nach heiligen Zeichen«, zeigte sich der neuen, chaotischen Lage nicht gewachsen. Mit der Zerstörung der alten Rangordnung kam er nicht zurecht. Das zumindest legt das Tagebuch von Benois nahe, der in Gorkis Komitee die Zügel übernommen hatte. Am 21. März lesen wir: »Als völlig fehl am Platz hat sich Roerich erwiesen, der den Anschein macht, als wäre er von mir eingeschüchtert. Vermutlich daher stimmt er allem, was ich vorschlage, sofort zu. Ein wenig Leben kommt in ihn nur dann, wenn es um irgendwelche unbedeutenden Einzelheiten geht.«126

Im April erkrankte Nikolai Roerich an einer schweren Lungenentzündung. Anfang Mai reiste er mit seiner Familie wieder nach Finnland, der Auftakt zu einem lebenslangen Exil. Nur noch besuchsweise sollte er nach Russland zurückkehren. In Finnland verschlimmerte sich seine Krankheit so sehr, dass er ein Testament verfasste, in dem er alles seiner Frau vermachte. Auch zog er angesichts des Todes eine Bilanz seines bisherigen Lebens. Zählte seine Freunde auf, darunter Remisow, Gorki, Benois und die Tennischewa, und seine Feinde, zu denen er bemerkenswerterweise nur zwei Personen, mit Namen Tolstoi und Botkin, zählt. Beide hatten ihm das Leben bei seinem Aufstieg in der Kaiserlichen Gesellschaft schwergemacht. »Man kann mein Leben unmöglich als arm bezeichnen. Es war ein besonderes Leben, und nur wenige hatten Einblick in es. Ich war nie ein Wolf im Rudel. Ich bin als einsamer Bär unterwegs. In einem ersten Buch vergleiche ich den Menschen der Steinzeit mit einem Bären. Dieser Bär gleicht mir. Lieber ein Bär sein, bloß kein Wolf. Versteht Ihr?«127

In dieser Bilanz erweist sich einmal mehr, wie gut es Roerich zeitlebens verstand, seine Geheimnisse zu wahren. Da wäre zum Beispiel folgende Begebenheit, über die sonst nichts weiter bekannt ist: »Verleumdungen und Lügen verfolgten mich, aber die Wahrheit siegte. Man hat mich beschuldigt, einen Menschen getötet zu haben, aber auch diese Verleumdung habe ich überstanden.«128

In Finnland malte Roerich die düsteren Steinlandschaften Kareliens, es herrschen bleierne, schwere Töne vor. Auch in seinen Gedichten herrschte ein dunkler Ton. Vergeblich suchte er nach »heiligen Zeichen«:

Vergeblich

Nicht sichtbar sind die heiligen Zeichen

Lass Deine Augen ruhen

Ich weiß, sie sind ermüdet. Schließe sie

Ich werde für Dich nachsehen. Ich sage

Dir, was ich erblicke. Höre zu!

Um uns ist dieselbe Ebene

Graue Büsche rascheln.

Stählern schimmert der See.

Verschlossen schweigen die Steine

kalt schimmern sie in den Wiesen.

Kalte Regenwolken, die sich zu Krähenfüßen

runzeln. Auf ewig sind sie weggegangen.

Sie wissen, schweigen und bewahren.

Vögel sehe ich nicht. Keine Tiere eilen durch

die Ebene. Wie zuvor ist niemand da.

Niemand kommt. Keinerlei Zeichen.

Kein einziger Wanderer.

Ich verstehe, sehe und weiß nicht.

Angestrengt hast Du Dein Auge völlig

vergeblich.129

Ganz zog Nikolai Roerich sich nicht von der Welt zurück. Er führte einen ausgedehnten Briefwechsel mit den Mitarbeitern der »Kaiserlichen Gesellschaft«, die jetzt nicht nur umbenannt, sondern auch völlig umorganisiert werden musste. Aber das geschah alles aus der Ferne, und die Briefe machen einen halbherzigen Eindruck. Zwar entwarf er detaillierte Pläne, aber betonte immer, erst müsse er gesund werden. Benois gegenüber bekannte er in einem Brief im Dezember, er wisse selbst nicht, welche Krankheit er habe. Sei dies Tuberkulose oder irgendetwas mit den Nerven. Weiter berichtete er, er schreibe an einem Mysterienspiel, und ganz zum Schluss riet er Benois eindringlich, doch die Prophezeiungen von Ramakrishna zu lesen. Dies sei eine sehr ernsthafte und sehr humane Lehre.130

In Russland spitzten sich die Dinge 1917 zu. Auf der einen Seite standen die Radikalen, die Bolschewiken, die den Krieg gegen Deutschland beenden und das Land der Grundbesitzer verteilen wollten, auf der anderen Seite die Anhänger der alten, patriarchalischen Ordnung und die Vertreter der besitzenden Klassen. In der Mitte fanden sich die Liberalen, die Sozialdemokraten und sonstige Anhänger gemäßigter Reformen. Vorläufig herrschte noch Frieden zwischen den Fraktionen, doch der Bürgerkrieg kündigte sich bereits an. Im September führte die provisorische Regierung den ersten Schlag. Man verbot zwei Zeitungen der Bolschewiken und inhaftierte, soweit fassbar, ihre Führer.

In dieser Situation ergriff Nikolai Roerich Partei. Am 15. Oktober beendete er – aber veröffentlichte erst zwei Jahre später – einen Artikel mit wütenden Angriffen gegen die Bolschewiki. Er bezeichnete sie als »wilde Horden« mit »offenem Hang zu Raub und Gewalt«, als »Versammlung verwilderter Arbeiter, die das menschliche Antlitz verloren haben und beim ersten Schuss auseinanderlaufen«. Man sollte »diese verwilderten Haufen vernichten«.131

Bekanntlich vollzogen die »verwilderten Haufen« wenige Tage später, am 25. Oktober, einen erfolgreichen Staatsstreich, die welthistorische Oktoberrevolution.

Anfang Januar 1918 traute sich Nikolai Roerich zusammen mit seiner Frau ein letztes Mal nach Petrograd und besuchte Benois, der die zwei Begegnungen ausführlich, und wie immer ironisch, in seinem Tagebuch notierte. Beim ersten Mal beschwerten sich die beiden über das Leben in Finnland, was Benois allerdings nicht sehr beeindruckte. Sein Kommentar: »Diese Klagen hatten hauptsächlich zum Ziel, dass – gebe Gott – nicht andere Russen Finnland überschwemmen.«

Beim zweiten Mal ging es einen Abend lang in erster Linie um die Schule der ehemaligen Kaiserlichen Gesellschaft. Ein energischer Bolschewik hatte die Sache an sich gerissen und dominierte den noch von Roerich eingesetzten Verantwortlichen, Helenas Cousin Stepan Mitusow, nach Belieben. Doch dann, gegen Ende des Gesprächs, stellte sich heraus, die Schule war gar nicht der Hauptgrund für Roerichs Reise nach Petrograd gewesen!

»Beiläufig wurde klar, dass Roerich wegen seines Safes hier ist, Helena Iwanowna aber, die sonst so Umsichtige, in Finnland den Schlüssel für den feuerfesten Safe vergessen hat, der wiederum den Schlüssel für den Safe ihrer verstorbenen Mutter enthält. Deswegen zurückzufahren hat keinen Sinn, denn es ist eine Revision der Schließschränke zu erwarten. Der arme Roerich! Erst hat er sich vor der Revolution in Sicherheit gebracht und jetzt ist er mittendrin gelandet und steckt hier fest. Das ist selbst für einen solchen Schlaukopf und Weisen keine einfache Lage!«132

Lange blieben die Roerichs nicht in Petrograd, aber die verpasste Gelegenheit, wenigstens einen Teil dessen mitzunehmen, was während all der Jahre angesammelt worden war, sollte seine Helena später, im Exil, noch öfter beklagen. Zurück blieb auch die wertvolle Gemäldesammlung mit Cranach und Rembrandt, die danach in der Eremitage aufging.

Kapitel 14
Der Weg ins Exil

Nikolai Roerich in Finnland, das war ein Mann zwischen den Zeiten. Der bekannte »Prophet der Schönheit«, der Würdenträger des Zaren, auf dessen jedes einzelne Wort geachtet wurde, spielte auf einmal keine gesellschaftliche Rolle mehr und eine neue war noch nicht in Sicht.

Er lebte mit seiner Familie in Serdobol, einer kleinen Stadt in Karelien, in der Nähe des Ladogasees, wo nach und nach immer mehr Russen eintrafen, die vor den Bolschewiken geflüchtet waren. Unter ihnen der liberale Politiker Gessen, der mit dem Künstler jeden Tag lange Spaziergänge machte. In seinen Erinnerungen schrieb Gessen, Roerich sei ein äußerst interessanter Gesprächspartner gewesen, man habe ihn aber von der Seite betrachten müssen, da es ihm unangenehm war, »dem Gegenüber ins Auge zu blicken. Auch kann ich mich nicht erinnern, ihn einmal lachen gesehen zu haben, es hätte auch nicht zu seinem Stil gepasst.«

Nikolai Roerich war zu Gessen ungewöhnlich offen. »Als wir uns dann näher kennenlernten, sprach er immer öfter über geheime Kräfte, die auf die Zivilisationen einwirkten, über die vielen Errungenschaften alter Kulturen, die spurlos verschwunden seien, und über die Telepathie. Wie bestellt, wurde ein solcher Vorfall auch in unserer Beziehung entdeckt.

Schließlich bekannte er sich zu seinem tiefen Glauben an die Theosophie und erklärte, er würde, hätte er keine Kinder, sofort nach Indien zur Theosophischen Gesellschaft reisen. […] Sein ungewöhnlich fruchtbringendes künstlerisches Schaffen spiegelte sein theosophisches Streben. Geheimnisvolle Rufe, unruhige Sehnsucht, unbeantwortetes Beten um ein Wunder und die kühne Behauptung eines solchen sowie aufwühlende Schwermut wehten einen von seinen Bildern an. Mit ihrem Glanz und ihrer Durchsichtigkeit waren Ölfarben für ihn nicht geeignet und auch keine scharfen Striche. Es zog ihn zum Unklaren, Verschwimmenden, und daher war er zu den mittelalterlichen Tempera zurückgekehrt, die Strenge, Härte und das Geheimnisvolle wiedergeben.

Nach der Natur zu malen, hatte er nicht nötig. Zwischen abstrakten Überlegungen und der Wirklichkeit, zwischen Legende und Realität gab es für ihn keine Grenzen.«133

Den größeren Teil des Jahres lebte Roerich zurückgezogen, widmete sich der Malerei und theosophischen Spekulationen. Keinerlei Artikel oder Aufrufe wurden publiziert. Währenddessen begann in Russland der Bürgerkrieg. Die Bolschewiken hatten den Bogen überspannt, und alle anderen politischen Kräfte stellten sich gegen sie. Die Weißen drangen vor, und eine Zeitlang sah es so aus, als sollten sie den Sieg davontragen.

Zum ersten Mal in seinem Leben wurde Nikolai Roerich, der es bis dahin immer vermieden hatte, sich klar zu positionieren, politisch tätig. Er wurde Sekretär des skandinavischen Komitees der Weißen, steuerte Deckblätter für antibolschewistische Broschüren bei und spendete sogar 15000 Finnmark an General Judenitsch, der im Sommer 1919 erst vor den Toren Petrograds zurückgeschlagen wurde.

Roerich wäre nicht Roerich gewesen, hätte er nach seinem finnischen Winterschlaf nicht auch wieder seine vielfältigen Verbindungen aufgenommen. Als den Finnen die russischen Emigranten zu viel und in der Presse Rufe laut wurden, sie bis auf einige Prominente auszuweisen, schrieb er an einen alten Bekannten, den Maler Akseli Gallen-Kallela, der einigen Einfluss in der neuen Regierung hatte, um ein finnisches Reisedokument zu erhalten. Anzumerken ist, dass Nikolai Roerich 1916 noch keinen Pass gebraucht hatte, als er mit seiner Familie in das noch zum russischen Reich gehörige Finnland gereist war, er aber ohne Dokumente nicht aus dem nunmehr unabhängigen Land gelassen wurde. Im Dezember 1918 kam er in Stockholm an, wo er für sich selbst, seine Frau und seine beiden Kinder einen Pass der weißen Exilregierung erhielt. Hier fügte es sich aufs Glücklichste, dass 1914 eine Reihe seiner Gemälde gerade in Schweden zu einer Ausstellung waren und wegen dem Kriegsausbruch dort hatten verbleiben müssen. Diese Bilder wurden mit seinen neuen, in Finnland gemalten zusammengefasst, und eine Ausstellungstournee durch Skandinavien begann, die großen Erfolg hatte. Nicht zuletzt, weil sich im Ausstellungskatalog die slawischen Heldengestalten aus Roerichs früher Periode in Gestalten aus »altskandinavischen Sagen« verwandelt hatten.134 Eine Interpretation, die lebhaftes Echo in der Presse fand, die vom »skandinavischen Geist« Roerichs schrieb.135 Der Teil der Bilder, der nicht verkauft worden war, kehrte mit dem Künstler zusammen nach Finnland zurück, wo man ihn zum Mitglied der finnischen Künstlervereinigung machte. Aber sosehr Nikolai Roerich diese Ehrung gelegen kam, er hatte nicht vor, sein weiteres Leben im Norden Europas zu verbringen. Weder er noch Helena hatten ihr ursprüngliches Ziel vergessen. Und der Weg dahin führte über London, das politische Zentrum des indischen Subkontinents.

Eben dorthin hatte es den Impresario Diaghilew verschlagen, der zu dieser Zeit dabei war, das berühmte Ensemble der »Ballets Russes« wieder zusammenzustellen. Als Nikolai Roerich dies erfuhr, schrieb er an ihn, wobei er einleitend bemerkte, man müsse die russische Sache jetzt auf allen Gebieten propagieren, aber Finnland sei zu klein, um einen großen Effekt zu erzielen. Dann kam er zum Eigentlichen: »Finde heraus, mein Lieber, was Du für mein Hinkommen und einen Auftritt dort tun kannst.«136

Diaghilew schrieb sofort zurück, um ihn als Bühnendekorateur zu engagieren.

Im Mai 1919 kam Roerich mit seiner Familie nach London, um dort über ein Jahr zu bleiben. Er lebte in einer der besten Gegenden, in Süd-Kensington im Londoner Westend, um die Ecke von Royal Albert Hall und Hyde Park. Es war eben am Eingang zum Hyde Park, wo 80 Jahre zuvor Madame Blavatzky zum ersten Mal Mahatma Kut-Humi begegnet war.

In London führte der Künstler ein Dasein, das stark an seine Petersburger Zeit erinnerte. Da wäre die unablässige Arbeit. Für Diaghilews »Ballets Russes«, die dabei waren, an ihre Vorkriegserfolge anzuknüpfen, malte er die Bühnenbilder für »Fürst Igor«, »Schneewittchen«, »Zar Saltan« sowie den weniger bekannten »Sadko« und arbeitete noch an einer Reihe eigener Gemälde. Auch suchte und fand er Anschluss an höhere Kreise der britischen Hauptstadt. Er trat in die »Russian-British 1917 Fraternity« ein, eine Vereinigung von Mitgliedern des britischen Parlaments und hochgestellten Vertretern Russlands. Der »elitäre Klub«, wie ihn eine russische Historikerin137 bezeichnet, war 1917 gegründet worden, um zu verhindern, dass Russland nach der Februarrevolution einen Sonderfrieden mit Deutschland schloss. Als Ehrenvorsitzender war der britische Premier Lloyd George eingetragen.

Zum Einstand hielt er gleich nach seiner Ankunft in London einen Vortrag vor der illustren Gesellschaft mit dem Titel »Schänder der Kunst«, der scharf gegen die Bolschewisten gerichtet war. Dort zählte er die Intellektuellen und Künstler auf, die dem Roten Terror zum Opfer gefallen waren. Viele von ihnen hatte er persönlich gekannt. Er beklagte den Untergang des alten St. Petersburg. Wer nicht dem »Fleischwolf« zum Opfer gefallen war, wie man die Maschinerie der Tscheka, der Geheimpolizei der neuen Machthaber, nannte, wurde zu Hunderten auf das sogenannte »Professorenschiff« verladen und zwangsausgewiesen. Religiöse Künstler wie Viktor Wasnezow oder konservative Intellektuelle wie der berühmte Historiker Sergej Platonow sollten ihre Heimat nie wiedersehen.

Verblieben waren Männer wie Maxim Gorki, der angesichts der Massaker der Tscheka fast verzweifelte, aber sich nie wirklich gegen das neue Regime stellte, und Anatoli Lunatscharski, der Volkskommissar für Aufklärung, der die Propaganda der Roten leitete und eine neue Generation von revolutionären Intellektuellen um sich scharte. Geblieben war auch Stepan Mitusow, der Cousin von Helena Roerich, ein weicher Mensch und völlig unpolitischer Musiker, der nach der Revolution durch seine Freundschaft mit Lunatscharski einen administrativen Posten in der Kulturadministration Petrograds erhielt.

Auch (noch) nicht emigriert waren Grabar und Benois, die durch ihre Bekanntschaft mit Gorki geschützt waren. Die Mehrheit der früheren Kulturelite dagegen, Männer wie Strawinsky oder Diaghilew, und die meisten Mitglieder des Ensemble der »Ballets Russes« waren ins Ausland geflohen.

Die Londoner Rede Nikolai Roerichs gegen die Bolschewiki diente mindestens so sehr als Eintrittsbillet in die besseren Kreise, wie sie tiefster Überzeugung geschuldet war. Das kann man aus der Tatsache schließen, dass dies sein letzter, wenn auch lautstarker Auftritt für die weiße Sache war. Der »Sucher nach heiligen Zeichen« und seine Frau hatten andere Pläne. Politik gehörte nur im weitesten Sinne dazu. Und ein Zufall half bei der Verwirklichung, wie die Roerichs bald sicher glaubten.

1919 lernte Nikolai bei der Suche nach jemandem, der Russisch auf der Schreibmaschine tippen konnte, Wladimir Schibajew kennen, der an der Londoner Universität Sanskrit und Persisch studierte. Der aus Riga stammende junge Mann, der mit einem Buckel von wenig einnehmendem Äußeren war, interessierte sich wie das Ehepaar Roerich stark für jede Art des Okkultismus und für alles, was aus Indien kam. Außerdem war er Mitglied der Theosophischen Gesellschaft und mit deren führenden Londoner Vertretern bekannt. Durch Schibajew konnten die Roerichs eine Reihe wichtiger Verbindungen knüpfen. Mit prominenten indischen Künstlern und Nationalisten, die in Indien ansässig waren und ihn später mit Männern wie Nehru zusammenführten; mit dem indischen Schriftsteller und Nobelpreisträger Rabindranath Tagore, der sich von Roerichs Kunst begeistert zeigte und ihn nach Kalkutta einlud, und auch mit Annie Besant, der Vorsitzenden der Theosophischen Gesellschaft (TG) in Indien, sowie mit Bomandschi Pestondschi Wadia, einem führenden Mitglied der TG, der sich gerade in Großbritannien aufhielt.

Bald führten die Roerichs Schibajew bei den Séancen ein, mit denen sie in London wieder begonnen hatten und an denen weitere prominente Mitglieder des Exils, so auch der ihnen schon aus Finnland bekannte Politiker Gessen, teilnahmen. Bei einer dieser Séancen, bei denen es in der Erinnerung von Helena zu den unglaublichsten Vorfällen kam – Münzen fielen von der Decke und Geräusche waren zu hören, als trampelten ganze Elefantenherden durch das Zimmer –, wurden Nikolai Roerich Zeichnungen »eingegeben«, auf denen unter anderem Mahatma Kut Humi zu sehen war. Zweifellos war dies eine »wahre« Eingebung, denn die Abbildung glich stark einer weit älteren, die dem deutschen Maler Schmiechen eingegeben worden war und deren »Echtheit« noch Blavatzky persönlich bestätigt hatte.

Die Abbildung des Mahatma sowie einige weitere der von Nikolai Roerich »automatisch« empfangenen Zeichnungen wurden Wadia gezeigt, der den Künstler daraufhin an das Hauptquartier der Theosophen in Adyar, Indien, empfahl.

Einige Zeit später erhielt Nikolai Roerich einen Brief von Annie Besant persönlich, in dem die Vorsitzende der TG ihm zum Eintritt in ihre Gesellschaft gratulierte und eine offizielle Einladung nach Indien aussprach. Sein Visum bekam Nikolai Roerich am 28. Juli 1920, und er kaufte sofort Schiffstickets für sich und seine Familie sowie Schibajew, der als sein Sekretär mitkommen sollte.

Doch dann folgte eine Katastrophe, der tiefste Schlag, der sich für die Roerichs, die sich ihrem Ziel bereits so nahe geglaubt hatten, denken ließ. Der Finanzier von Diaghilew hatte Bankrott gemacht, und Roerich stand ohne jede Geldmittel da.

Eine letzte Hoffnung waren gute Verkäufe bei einer Mammutausstellung der Werke Nikolai Roerichs. 198 seiner Bilder wurden gezeigt, darunter die Serie »Träume von Indien«, die er erst in London gemalt hatte. Viele der Reichen und Berühmten des damaligen London waren da, und auch Winston Churchill wäre wohl dabei gewesen, hätten Bekannte nicht dringlich von einer Einladung des umstrittenen Politikers abgeraten, da sonst einige andere wichtige Persönlichkeiten nicht gekommen wären.

117.Genauer einen Hatak, einen gesegneten Seidenschal, der in Tibet und der Mongolei zur Ehrung überreicht wird.
118.Zit. n. V. A. Rosov, Nikolaj Rerix – Vestnik Zvenigoroda – Kniga pervaja (Nikolai Roerich – Der Bote Swenigorods, Erstes Buch), St. Petersburg 2002, S. 24. Im Folgenden als Zvenigorod I.
119.Zvenigorod I, S. 24.
120.Zvenigorod I, S. 22.
121.Andrejew, S. 156.
122.K.N. Rjabinin, Razvenčannyj Tibet (Tibet Enthüllt) Magnitogorsk 1996, S. 33f. Im Folgenden als Rjabinin.
123.Nikolai Roerich, Listy Dnevnika Tom III, Moskau 2003, S. 574.
124.In allen gängigen russischen Biografien wird der Beginn des Exils von Nikolai Roerich auf den 16. Dezember datiert. In dem 2008 in Petersburg erschienenen Materialienband N. K. Rerix, 1917–1919, Materialy k biografii weisen die Autoren nach, dass er sich bis Mai überwiegend in Petersburg befunden haben muss. Bis Ende April ist seine Anwesenheit an mehr als 30 verschiedenen Tagen dokumentarisch belegt (S. 33). Auch fehlen jegliche Briefe von ihm aus Finnland.
125.Benua/Dobužinčkij, Perepiska (Briefwechsel) (1903–1957), Petersburg 2003, S. 81.
126.Ebd. S. 83.
127.Zit. n. F. Belikov, »Rerixi: opyt duxovnoj biografii«, in: vexi duxovnogo puti. Moskau 2001, S. 95.
128.Ebd.
129.N.K.Rerix, 1917–1919 Materiali k biografii (Materialien zur Biografie), Petersburg 2008, S. 359.
130.Ebd. S. 123, Roerich an Benois 5. Dezember 1917.
131.Ebd. 320–322.
132.A. N. Benua, Moj dnevnik (Mein Tagebuch), Moskau 2003 S. 369, 387f.
133.Zit. n. Dubaev, S. 279f.
134.Zit. n. Dubaev, S. 162.
135.Dubaev, S. 169.
136.Zit. n. Dubaev, S. 165.
137.O.A. Kasnina, zit. n. Andrejew, S. 174.

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01 haziran 2026
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9788711449530
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