Kitabı oku: «Nikolai Roerich: Kunst, Macht und Okkultismus», sayfa 8
Im Zentrum der Ausstellung hing das Monumentalgemälde »Der Schatz der Welt«, auf dem ein himmlischer Wächter mit dem »Gral« in der Hand abgebildet war, dem heiligen Kelch, nach dem Parsifal in Wagners gleichnamiger Oper strebt. Die Rede bei dem Bankett hielt der bekannte Schriftsteller und Okkultist H. G. Wells. Beim Heben seines Sektkelches sagte Wells: »Dieser einfache Gegenstand, den niemand von uns als etwas Besonderes ansieht, kann, unter bekannten Umständen, ein seltener Schatz werden.«138 Eine Prophezeiung, die knappe drei Jahre später in Erfüllung gehen sollte, als der Gral tatsächlich auf wundersame Weise wieder in der Welt erschien. Den Roerichs nämlich, und zwar in Paris, in einem noblen Hotel.
Unter finanziellen Gesichtspunkten war die Ausstellung eine Enttäuschung. Im London der Nachkriegszeit saßen selbst bei den Verehrern der Kunst Roerichs die Geldmittel nicht so locker, dass sie seine hohen Preise hätten zahlen können. Und Nikolai Roerich, ein hervorragender Kenner des Kunstmarktes, wusste, zu billig durfte er sich keinesfalls verkaufen, sonst hätte er seinen Marktwert auch in besseren Zeiten gedrückt.
Im Sommer 1920 wurde Nikolai Roerich der Vorschlag gemacht, seine Bilder auf eine Wanderausstellung zu schicken, die drei Jahre lang durch 29 Städte der USA gehen sollte. Die Einladung kam vom Direktor des Chicago Art Institute, Robert Harshe, einem Theosophen, der den Künstler gleich auch noch für drei Produktionen der Chicagoer Oper engagieren wollte. Am 2. Oktober 1920 bestiegen er und seine Familie einen Dampfer, der sie in die Neue Welt brachte.
Teil II
Mahatma Morya und seine Künderin
Kapitel 1
Amerikanischer Albtraum
Im Oktober 1920 traf das Ehepaar Roerich mit den beiden Söhnen in New York ein. Nicht als Immigranten, sondern mit dem Ziel, so lange zu bleiben, bis genug Geld zusammen war, nach Indien zu reisen und endlich den Mahatmas zu begegnen. Anfänglich ließ sich alles gut an. Es wartete bereits die Presse, die das Schiff enterte, noch bevor die Passagiere durch den Zoll waren, um den bekannten Maler und Mitautor von »Frühlingsopfer« zu interviewen. Doch die Ernüchterung setzte schnell ein.
Bald schimpfte Nikolai Roerich über die Kulturlosigkeit der Einheimischen und die Banalität ihrer Ansichten. Und schlimmer noch, selbst das Geld floss im Land des Dollars nicht wie erwartet. Auch in Amerika herrschte Nachkriegskrise und es gab soziale Unruhen, die mit der ersten großen Hexenjagd der amerikanischen Geschichte, den sogenannten »Palmer Raids« (Palmer’schen Razzien) beantwortet wurden. Kommunisten oder solche, die man dafür hielt, wurden in oft zweifelhaften Prozessen zu langen Gefängnisstrafen verurteilt, und selbst die Flüchtlinge aus dem Land der Oktoberrevolution gerieten automatisch unter Verdacht. Den Reichen und Wohlhabenden stand der Sinn in dieser Zeit nicht nach Geldausgeben, und Roerichs Bilder verkauften sich nur sehr schlecht.
Schon im November wurde klar, von dem Bilderverkauf, wie auch den drei Aufträgen für die Oper in Chicago, würden die Roerichs nicht leben können, und so tauchte ein neuer Plan auf. Am Abend des 4. Dezember 1920 legten die Roerichs ihn zum ersten Mal dar. Zuhörer waren Sinaida und Morris Lichtmann, zwei jüdische Emigranten aus Russland, die zu diesem Zeitpunkt eine kleine und schlecht gehende Klavierschule in Manhattan betrieben. Einige Stunden zuvor hatte Sinaida Lichtmann auf einer Vernissage zum ersten Mal die Bilder Nikolai Roerichs erblickt und »direkt der Unendlichkeit« gegenübergestanden, wie sie Jahrzehnte später schrieb. »Die Roerichs luden uns ein, sie noch an diesem Abend in dem Hotel zu besuchen, wo sie abgestiegen waren. Schon vom ersten Moment sprachen sie davon, die Amerikaner mit russischer Kultur und Kunst bekannt zu machen. N.K. Roerich erzählte von seiner Absicht, eine künstlerisch aufklärerische Einrichtung in Amerika zu gründen, und lud uns ein, an all dem teilzunehmen. Wir sprachen lange bis Mitternacht und erzählten ihm von unserem Leben und unserer musikalischen Tätigkeit und gleichfalls über die verbreitete Abwesenheit kultureller Interessen in der amerikanischen Gesellschaft.
Bereits am folgenden Tag übergab uns Roerich einen konkreten Plan für die Arbeit einer Schule der vereinigten Künste, den er zuvor mit Elena Iwanowna ausgearbeitet hatte. Wir begannen mit der Arbeit an der offiziellen Registrierung der Schule, die 1921 eröffnet wurde.«139
1921 wurde auch »Cor Ardens« (lateinisch: flammendes Herz), eine Gesellschaft zur Förderung der Kultur, gegründet, die sich vorläufig durch wenig mehr als ihre beiden illustren Ehrenvorsitzenden auszeichnete. Es waren Rabindranath Tagore sowie der belgische Dramatiker Maurice Maeterlinck, ein Verehrer der Kunst Nikolai Roerichs. Die Gründung von Gesellschaften mit wohlklingenden Namen und das Akquirieren von Ehrenvorsitzenden, die nicht immer mit Wissen der so Ausgezeichneten stattfand, sollte ein weiterer Kernpunkt der Tätigkeit Nikolai Roerichs in Amerika werden.
Sinaida Lichtmann war die erste, glühende Anhängerin der Roerichs und eine starke, bestimmende Persönlichkeit, mit der es »keinen Sinn hatte, sich zu streiten«, wie sich ein Mitarbeiter erinnert.140
Sie stammte aus der ukrainischen Hafenstadt Odessa, aus einer Weltgegend, in der es periodisch zu mörderischen Pogromen gegen die jüdische Minderheit kam. Sinaida war musikalisch hochbegabt, gab bereits als Kind Klavierkonzerte und siedelte nach ihrem zwölften Lebensjahr mit den Eltern nach Deutschland über, wo sie erst in Berlin und dann in Wien von dem berühmten Pianisten Leopold Godowsky unterrichtet wurde.
Nach dem Tod des Vaters verließ sie 1912 mit ihrer Mutter sowie Morris, ihrem gleichfalls jüdischen und aus der Ukraine stammenden Ehemann, Deutschland und reiste in die USA. Morris stand unter ihrer Fuchtel und sollte zu den neuen, noch bescheidenen, wie auch den späteren weltumfassenden Plänen des Ehepaars Roerich nicht viel mehr als seine Kenntnisse der Kabbala beitragen. Sinaida Lichtmann dagegen sollte zur rechten Hand und wichtigsten Vertrauten der Roerichs aufsteigen.
Vorerst jedoch konnte von großen Plänen keine Rede sein. Die Schule der Lichtmanns ging zwar in der großspurig »Master School of Arts« getauften neuen Einrichtung auf, aber ein Besucher der Räumlichkeiten vermerkte, die Möblierung sei noch 1922 sehr ärmlich und das Piano geliehen gewesen. Es gab so wenig Schüler, dass, um einen besseren Eindruck zu machen, Außenstehende engagiert wurden, Schüler zu spielen, und im Sommer 1922 konnte selbst die Miete nicht mehr bezahlt werden.
Auch die Roerichs gerieten bald in Schwierigkeiten. Das »Hotel des Artistes«, in dem sie in New York untergekommen waren, wollte bezahlt sein, wie auch die Ausbildung ihrer Söhne, die man an den besten Universitäten eingeschrieben hatte. Juri, der ältere, studierte in dem auch damals nicht billigen Harvard und Swjatoslaw, der jüngere, an der renommierten Columbia University in New York.
Die Gebühren hatten die Roerichs gerade noch aufbringen können. Dafür blieben sie die Hotelmiete schuldig, bis das »Hotel des Arts« sie hinausbeförderte. Doch statt die Schulden an das Hotel anzuerkennen, schaltete Roerich einen Anwalt ein. Diesem blieb er so lange sein Geld schuldig, bis der ihm endlich einen Brief schrieb, der mit der ironischen Anrede »My dear Professor« begann: »Nachdem ich lange genug gewartet habe, um mir eine Medaille für christliche Geduld zu verdienen, erlaube ich mir jetzt, Sie daran zu erinnern, dass die 250 Dollar, die Sie mir für meine loyalen Dienste schulden, noch immer unbezahlt sind.« Es folgte eine Liste von elf (!) verschiedenen Streitigkeiten, in denen der »Professor« die Dienste des Anwalts beansprucht hatte. Sechs davon handelten erkennbar von Gelddingen.
»Die Benutzung Ihres Namens durch die Artists League; Sie vs. Johnson wegen $900; der Kredit von Naumburg; der Kredit von Goldberger; der Kredit von Otto Kahn; die Sache Fifth Avenue Bank.«141 Auch waren die Roerichs die Miete der Schule, 312 West 54th Street, schuldig geblieben, und die Fifth Avenue Bank drohte, seine Bilder, die er für einen Kredit von $8000 verpfändet hatte, versteigern zu lassen.
Einer ihrer Jüngerinnen wird Helena Roerich später über diese Schreckenszeit berichten, sie habe zum ersten Mal in ihrem Leben selbst kochen und sogar putzen müssen.142
Die Roerichs waren 1921 erkennbar im sozialen Abstieg begriffen. Ihnen drohte ein Schicksal wie das vieler weißrussischer Emigranten, die von der Spitze der Gesellschaft ins tiefste soziale Elend abgestürzt waren. Im Berliner Stadtteil Charlottenburg, zu jener Zeit Charlottengrad genannt, drängten sich auf den Bürgersteigen Russen, die ihre letzten Ringe an Passanten verkauften; in Paris schlugen sich ehemalige Großfürsten als Droschkenkutscher durch, und im Hafen von Schanghai machten adelige Fräulein chinesischen Prostituierten Konkurrenz. In Schanghai, wo das europäische Prestige nicht nur durch weiße Prostituierte, sondern auch durch schlichte Bettelei ehemaliger Soldaten und Offiziere erheblich ins Wanken geriet, erwogen die Kolonialmächte sogar, jedem geflüchteten Russen monatlich einen Betrag auszuzahlen, um sie endlich von den Straßen zu bekommen. Doch letztlich siegte der Geiz und die Flüchtlinge wurden ihrem Elend überlassen.
Von der hoffnungslosen Atmosphäre in den Zentren der Emigration wegzukommen war für Roerich, dem auch Angebote aus Paris vorgelegen hatten, einer der Gründe gewesen, nach Amerika zu kommen. Jetzt waren er und seine Frau auf dem besten Weg, das Schicksal ihrer geflüchteten Landsleute zu teilen.
Möglicherweise nahm Nikolai Roerich in dieser Lage sogar Zuflucht zur Kunstfälschung. Jedenfalls versuchte er 1920/21 mehrmals ein Bild von Rembrandt zu verkaufen, von dem unklar ist, wie es in seine Hände gelangt war. Aus Petersburg kann er es kaum mitgenommen haben, und in der Emigration fehlte ihm das Geld. Aber es gibt eine weitere Möglichkeit. 1922 notierte seine Anhängerin Sinaida Lichtmann in ihr Tagebuch: »NK erzählte eine lustige Geschichte über den bekannten Pariser Kunsthändler Selmeier. Er bestellte bei einem Künstler eine Kopie von Rembrandt für 250 Francs. Danach bat er ihn, mit seinem Namen zu unterschreiben, und schickte dieses Bild nach Amerika. Gleichzeitig sandte der Kunsthändler eine anonyme Denunziation an den amerikanischen Zoll, dass Selmeier ein Rembrandt-Bild mit einer fremden Unterschrift nach Amerika geschickt habe. Der amerikanische Zoll hielt das Bild fest und verhängte einen Strafzoll. Selmeier schwor, dass dieses Bild nicht von Rembrandt, sondern von eben diesem Künstler stamme. Der Zoll antwortete ihm, dies sei ein echter Rembrandt. Man zwang ihn, eine große Strafe zu zahlen, und gab ihm eine Bestätigung. So konnte er das Bild in Amerika für eine gewaltige Summe verkaufen.«143
War Nikolai Roerich über eine Variante dieses Tricks an ein Bild von Rembrandt gekommen? Zuzutrauen wäre es ihm, denn als alles nichts fruchtete und die Lage sich nicht verbesserte, versuchte er es schließlich mit einem Versicherungsbetrug. Mit Hilfe eines weiteren Anwaltsbüros – diesmal Bloomberg & Bloomberg – wandte er sich an das Chicago Art Institute mit der Behauptung, man habe seine Bilder beschädigt. J. Arthur McLean, der Geschäftsführer der Kunsteinrichtung, antwortete am 17. August 1922: »Ich bin verwundert über ihre Annahme, dass an der Sammlung ein Schaden von 18000 oder 19000 Dollar entstanden sein soll. Das kommt mir so unglaublich vor, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass Sie das ernst meinen.«144
Ein späterer Jünger der Roerichs wird notieren, er sei dabei gewesen, wie der Künstler die angeblich schwerwiegenden Schäden in dreißig Minuten behoben habe.145
In diesen verzweifelten Jahren übernahm immer mehr ein Mann aus dem fernen Indien das Kommando. Es war niemand anders als Mahatma Morya, jener uralte Weise im Himalaja, bei dem Madame Blavatzky – nach ihrer Einreise nach Tibet versteckt unter Heu – Mitte des neunzehnten Jahrhunderts drei Jahre lang als seine »Chela« die Geheimwissenschaften studiert haben soll. Er kommunizierte mit der Familie durch Helena, die Frau des Künstlers, und teilte ihnen bald seine verblüffenden Pläne mit. Doch bevor wir zu diesen Plänen kommen, ist es nötig, einen Blick zurück in das vorrevolutionäre Petersburg und die Ehe von Nikolai und Helena Roerich zu werfen.
Keine Frage, Helena beeinflusste ihren Mann auf ungewöhnlich starke Weise. Sina Lichtmann notierte 1922 in ihr Tagebuch: »Sie ist NKs Inspiration. Ohne sie malt er keine Bilder und bittet sie immer, den Platz auszuwählen, wo er malen soll, und ihn an gesehene Farben zu erinnern. Wenn der Ort ausgewählt ist, aber ihr das Sujet nicht gefällt, dann wird er um nichts in der Welt malen.«146
Helena Roerich, die Urgroßnichte des Feldherrn Kutusow, des Siegers über Napoleon, scheint schon früh in der Ehe das Kommando übernommen zu haben. Allerdings lenkte sie ihren Mann eher indirekt, ließ ihm die Illusion, alles aus eigenem Antrieb erreicht zu haben. Das zumindest ist die Sicht von Helena Roerich selbst, die ihren beiden Jüngerinnen Sinaida und Esther Lichtmann viele Einzelheiten aus ihrer Ehe erzählte.
Die blendend schöne Helena, »toujours belle«, wie Benois in sein Tagebuch notierte, leitete laut Sinaida Lichtmann den Aufstieg ihres Mannes in der kaiserlichen Gesellschaft. Sie war es auch, die ihn auf die Theosophie gestoßen hatte.
Helena Roerich hatte viel Zeit für sich selbst in St. Petersburg. Wie in besseren Kreisen üblich erledigten Angestellte alle Arbeiten im Haus. Wie Esther Lichtmann aufschrieb, »liebte sie die Einsamkeit. Sie nahm sich jeden Morgen zwei Stunden und befahl, sie nicht zu stören. Sie sagte, sie ziehe sich an, aber in Wahrheit saß sie und las oder, am wichtigsten, dachte nach.«147 Dabei kamen ihr manchmal visionäre Erlebnisse, die sie, wie auch ihre Träume, dem berühmten Psychiater Bechterew mitteilte. Ein Traum sei so farbig gewesen, dass Bechterew bemerkt habe, sie solle Künstlerin werden.
»Helena Roerich hat eine wunderbare Vorstellungskraft«, notierte Sinaida Lichtmann nach einem Spaziergang. »Sie sieht ganze Bilder in den Wolken und kann das so mitteilen, dass auch andere anfangen, dies zu sehen. Dank ihr sahen wir Schlösser und Berge und zwei breite Straßen, die in eine ferne Stadt führten, und eine große Figur mit einer scharfkantigen Mütze und danach zwei Sonnen.«148
Möglicherweise ging Helenas »wunderbare Vorstellungskraft« mit einer Neigung zur Epilepsie oder einer anderen Art von psychischer Erkrankung einher. Aus einem Briefwechsel mit Nikolai Roerich weiß man, dass sie 1913 mehrere Wochen in einem Krankenhaus war, und aus ihrer Bemerkung, man habe ihr alle Haare abrasiert, lässt sich auf eine Operation am Kopf schließen. Auch gibt es Hinweise, dass die enge Beziehung der Roerichs mit Dr. Rjabinin nicht nur auf »ein gemeinsames Interesse an psychischen Phänomenen« zurückzuführen war, sondern auch auf eine Behandlung Helenas durch den bekannten Psychiater. Möglicherweise verhielt es sich mit Bechterew ähnlich.
Sollte Helena Roerich tatsächlich unter Epilepsie oder irgendeiner anderen Form geistiger Krankheit gelitten haben, so beeinträchtigte dies jedenfalls nicht im Geringsten den Einfluss auf ihren Mann. Sina Lichtmann resümierte die Erzählungen Helena Roerichs über ihre Ehe mit den Worten: »… ohne seine Frau hätte es Roerich als größten Künstler und Menschen nicht gegeben.«149
Man kann hinzufügen, ohne sie wäre Nikolai Roerich wahrscheinlich, wie so viele andere Emigranten, im Exil verzweifelt und auch nie nach Amerika gekommen. Für Nikolai Roerich bedeutete die Revolution den Verlust seines Ansehens, seiner Stellung, den Zusammenbruch seiner Welt. Für Helena Roerich war die »Revolution ein Feiertag. Denn«, so notierte Esther Lichtmann, »sie hatte sich trotz des Luxus und des Reichtums immer gefragt, was kommt jetzt?«150
Und was kam, das waren Mahatma Morya und Mahatma Kut Humi.
Kapitel 2
Erste Offenbarungen
Es war am 24. März 1920 in London am Eingang des Hyde Park, nicht weit von der Wohnung der Roerichs an den Queens Gate Terraces. An genau demselben Ort, an dem Kut Humi 1848 der 21-jährigen Blavatzky erschienen war, gaben sich die Mahatmas 72 Jahre später Helena Roerich zu erkennen.
Aber folgen wir ihren eigenen Worten: »Ich war gerade beim Eingang zum Hyde Park, als sich die Menge plötzlich teilte und ich zwei hochgewachsene Inder erblickte, die mir geheimnisvoll zulächelten.«151
Nicht mehr und nicht weniger teilte sie Jahre später Sinaida Lichtmann mit, und es ist natürlich die Frage, woher Helena Roerich wusste, dass dies ausgerechnet Kut Humi und Meister Morya waren. »Mit dem Herzen, mit dem untrüglichen Blick der Seherin«, könnte man antworten, und ebendies scheint auch Sinaida Lichtmanns Annahme gewesen zu sein. Und um die Bedeutung dieser Begegnung noch zu verstärken, erzählte Helena ihrer Jüngerin auch, vor ihre Reise nach London habe sie von der Theosophie »absolut nichts gewusst«.152 Erst Sinaidas Schwägerin Esther Lichtmann wird sie zehn Jahre später – vermutlich hatte sie ihre frühere Behauptung längst vergessen – die Wahrheit erzählen, nämlich dass es Dr. Rjabinin gewesen war, der sie bereits vor der Revolution mit der Theosophie bekannt gemacht hatte.
Aber die Begegnung am Hyde Park wurde erst einmal angezweifelt. Helena Roerich berichtete ihrer Jüngerin weiter, zu Hause hätte man sie ob ihrer Behauptung sogar ausgelacht. Wer da gelacht hat, hat Helena leider nicht mitgeteilt. Kaum ihr Ehemann, von dem keinerlei öffentliche Meinungsverschiedenheit mit seiner Frau überliefert ist, sondern vermutlich einer ihrer beiden Söhne, Swjatoslaw oder Juri oder vielleicht auch beide zusammen. Der ältere, Juri, war zu diesem Zeitpunkt 18 Jahre alt und studierte in London am Institut für orientalische Sprachen, der jüngere, den alle Welt nur Swetik nannte, war erst 16. Beide hatten in ihrer Kindheit wohl zu viele Exaltiertheiten ihrer Mutter erlebt, um jedes ihrer Worte auf die Goldwaage zu legen. Aber was die Mahatmas anging, so sollte den Söhnen das Lachen noch vergehen.
Vorläufig jedoch kehrte wieder Ruhe ein, das Erscheinen der beiden Mahatmas blieb ein singuläres Ereignis. Nikolai Roerich und seine Frau Helena widmeten sich in London, wie bereits erwähnt, ihren Séancen. Ein häufiger Teilnehmer wurde bald Wladimir Schibajew, der spätere Sekretär von Nikolai Roerich.
»Ich wurde am Abend des 2. Juni 1920 von dem Künstler und Akademiemitglied Roerich eingeladen und saß wie gewöhnlich mit seinem Sohn in dessen Zimmer, wo wir über verschiedene wissenschaftliche Themen sprachen. Ich wusste nicht, dass Roerich und seine Frau zusammen mit dem jüngeren Sohn in der Nähe spiritistische Versuche vornahmen. Auch wusste ich nicht, dass sie ihre Leiter fragten, ob es erlaubt sei, mich zum Kreis zuzulassen. Als diese Frage bejaht wurde, bat man mich herein und an den Tisch zu setzen. Im Zimmer war helles Licht und jeglicher Betrug ausgeschlossen. Der Tisch zitterte nervös und rutschte hin und her, und als wir ihn fragten, wer es denn sei (ein Schlag bedeutete Ja, zwei Schläge Nein, drei Schläge ein verstärktes Ja), nicht etwa der Lehrer, da rutschte der Tisch, und es gab einen Schlag.«
Mit »Lehrer« war ein geistiger Führer aus dem Jenseits gemeint.
»Danach wurden die Buchstaben mitgeteilt. Das ging so, dass einer der Anwesenden laufend die Buchstaben des Alphabetes sagte und, wenn ein Buchstaben ausgesprochen wurde und ein Schlag ertönte, man wusste, welcher Buchstabe gemeint war.«
Es war eine interessante Séance. Der junge Student erfuhr, sein geistiger Führer sei ein Italiener namens Sarto, der 1350 in Pesaro gelebt habe, und dass er, Schibajew, selbst ein »Medium« sei. Schließlich wurde Schibajew aus dem Jenseits mitgeteilt, »er solle sich in den Aufbau der neuen Welt vertiefen«.
»Darauf gingen wir in ein anderes Zimmer, wo mir Münzen und Talismane gezeigt wurden, die bei der letzten Séance gesandt worden waren, sowie automatische Zeichnungen mit den Porträts der Lehrer, die aus der Hand von Nikolai Konstantinowitsch stammten. Danach saß Nikolai Konstantinowitsch in dem beleuchteten Zimmer, drehte den Kopf zur Seite, bedeckte das Gesicht mit der linken Hand, hielt mit der rechten Hand den Bleistift über dem Papier und begann zu zeichnen. Wir zogen wieder den kleinen Tisch zu Rate. Wir erfuhren, die Roerichs sollten, koste es was es wolle, dieses Land sofort verlassen. Wohin? – Nach Ceylon.«153
Bekanntlich folgte die Pleite von Roerichs Auftraggeber, und statt Ceylon hieß das neue Ziel notgedrungen Amerika. Schibajew, der ja als Sekretär hatte mitfahren sollen, blieb den Roerichs weiter verbunden. Sie hatten vor ihrer Abreise eine logenartige Organisation gegründet und ihn darin aufgenommen. Eine sehr kleine Organisation allerdings, es gab gerade einmal die Roerichs sowie einen weiteren russischen Studenten, George Chklaver, als Mitglieder.
Dass Schibajew, später Schlüsselfigur im Organisationsgeflecht der Roerichs, zwar beeindruckt, aber noch nicht völlig bei der Sache war, kann man daraus schließen, dass er nach ihrer Abreise engen Kontakt mit einem Kreis russischer Spiritisten, den sogenannten Bawaisten, aufnahm. Dieser »Kreis der höheren Ziele« wurde von einem verstorbenen Lehrer aus Kasan namens Bawajew geleitet, der seinen Jüngern bei Séancen Hochinteressantes nicht nur aus dem Jenseits, sondern auch aus der Musik und den Sprachwissenschaften mitteilte. Sechs Jahre lang wurden den »Bawaisten« Lehren aus dem Jenseits zuteil, und es bestanden Pläne, hundert Bände zu veröffentlichen und die Arauch der heilige S. (vermutlich Sergej von Radonesch), der heilige F. (vermutlich Franz von Assisi) sowie ein gewisser Schtschagij und jemand namens Chorotschai. Und das waren nicht einmal alle. Am häufigsten tauchte ein Allal-Ming Schri Ischwara auf, dessen Nachname bis auf einen Buchstaben dem des Landsitzes in der Nähe von Petersburg entsprach, wo Nikolai bis zur Jahrhundertwende jeden Sommer verbracht hatte. Allal-Ming Schri Ischwara, der im Familienkreis nach kurzer Zeit nur noch Allal Ming hieß, war, bis auf Ausnahmen, bald die einzige Stimme aus dem »Äther«, die sich regelmäßig meldete.
Die Nachrichten waren anfänglich selten und dabei reichlich kryptisch und recht banal. »Aum – tat sat – aum«, erfuhren die Roerichs oder »es lärmt das Leben, seid vorsichtig« und »lasst alle Vorurteile, denkt frei«.
An Nikolai persönlich waren Nachrichten gerichtet wie: »Viel Nutzen bringst Du der Welt« oder »Deine Bilder haben Bedeutung für das Kommende«.
Helena erfuhr: »Vertiefe Dich in das Wesen des Ewigen, indem Du Ramakrischna liest«, und der ältere Sohn Juri schließlich erhielt Mitteilungen wie die, er solle sich durch Arbeit der »versprochenen Stadt nähern« und werde so dem »Gesuchten« näher kommen.154
Die letzte Mitteilung in London war auf den 21. September datiert und an Nikolai Roerich persönlich gerichtet. Er bekam den Auftrag, eine Serie von Bildern mit dem Namen »Ausweg« zu malen, und auch die Namen einzelner Bilder: »Der am Morgen aus dem Meer Kommende«, »Schrecken (Göttin der Dämmerung)«, »Mädchen am Morgen bei den Stromschnellen«, »Das Licht der Kraft entzündet die Finsternis«.
Im Oktober 1920 trafen die Roerichs in New York ein, und vorerst blieben die Mitteilungen aus dem Jenseits so dürftig wie bisher.
Doch dann, ab Januar 1921, nahm die Zahl der Botschaften sehr stark zu. Anfänglich noch wurden sie bei Séancen übermittelt, aber dann, nach einigen Monaten, Helena Roerich »direkt« eingegeben.
Folgende Zeilen aus den ersten Januartagen 1921 – eine genaue Datierung fehlt – standen am Anfang. »Denkt über die gewaltige Gabe der Liebe an den einen Gott nach und versteht es, die große Gabe der Sicht auf die zukünftige Einheit der Menschheit zu entwickeln. Die einzige Rettung ist es, den Geist auf das Leuchten der Wahrheit zu richten.
Der gewaltige Geist der Liebe lebt in der einen Vision, die dem kühnen Geist gegeben wird. Du – die Sehende! Helena Roerich, reine Kunst – die zuverlässige Mitteilung der leuchtenden Erscheinung des Geistes. Durch die Kunst erhältst Du das Licht! Euer Karma – Russland zu verherrlichen!«
Am fünften Januar folgte der erste datierte Eintrag.
»Sieben Regeln für die Séancen:
Bildet einen Kreis und wartet geduldig auf die Neuigkeiten, die Euch offenbart werden.
Sammelt die Offenbarungen.
Gleicht die Zeit der Séancen mit London und Paris ab, um mit den Freunden in Korrespondenz zu treten. [Gemeint sind die »Logenmitglieder« Schkljawer und Schibajew in Paris und London.]
Sammelt die Energiewellen und die Wellen der Elektronen.
Versucht den Menschen zu helfen, die Nachrichten der Geister schaffen Gutes.
Sucht einen neuen Apparat, um mit den Geistern in Verbindung zu treten.
Die weltweite Energie rettet die Menschheit.«
Nur unterbrochen von außergewöhnlichen Umständen, wie Krankheiten von Helena Roerich oder anstrengenden Reisetagen, sollten die nächsten Jahrzehnte Tag für Tag Mitteilungen aus dem »Äther« folgen. Anfänglich wurden sie noch im Klartext notiert, doch je komplizierter, größer und gefährlicher die Mission der Roerichs, desto verschlüsselter wurden die Niederschriften. Die Anhänger der Roerichs sollten noch Jahrzehnte nach dem Tod der beiden viel Mühe darauf verwenden, hinter ihren Sinn zu kommen.
1921 war noch alles einfach. Neben Botschaften eher mystischer und dunkler Natur ging es ganz konkret um die Belange derer, die sich im Kreis versammelten. Den Kern bildeten Helena und Nikolai Roerich. Zeitweise dabei waren die Söhne Juri und Swetik, die beiden Lichtmanns, Ksenja Muromzew, eine direkte Cousine von Helena, zusammen mit ihrem Mann, der während der Kriegszeit für den russischen Rüstungseinkauf in den USA zuständig gewesen war, sowie weitere russische Emigranten wie der Bildhauer Gleb Derjuschinski. Allen gemeinsam war die Sorge um in Russland verbliebene Verwandte und die schwierige materielle Lage. Mit Ausnahme der Muromzews waren sie auch alle mehr oder minder am Schulprojekt der Roerichs beteiligt.
Meist war es Allal Ming, der bei den Séancen erschien, aber es kamen auch andere Geister zu Hilfe. So am 2. Februar, als den Roerichs aus dem Jenseits geraten wurde, die berühmten Komponisten Rachmaninow und Prokofjew, die es gleichfalls nach New York verschlagen hatte, sollten die Examen der Musikabteilung der geplanten Schule abhalten. Diese sicherlich werbewirksame Idee stammte von niemand anderem als dem verstorbenen russischen Komponisten Skrjabin, einem bekannten Theosophen. Zumindest zu Prokofjew nahmen die Roerichs Verbindung auf, denn am 1. August teilte Allal Ming mit, man solle sich vor Prokofjew hüten, er sei noch nicht bereit. Am 23. Oktober hieß es, Prokofjew solle mitgeteilt werden, man könne ihn aus allen Gefahren retten. Das scheint den Komponisten aber nicht beeindruckt zu haben, denn ein Jahr später, am 21. Juni 1922, wurde er in den Aufzeichnungen als »Widersacher« bezeichnet, den Allal Ming gerade in die Schranken weise. Ein allerletztes Mal schließlich fand der Name Prokofjew in einer Liste mit Feinden Allal Mings »als nicht ernst zunehmender Witzbold« Erwähnung.
Nicht besser endete die, wenn auch erheblich engere, Beziehung der Geister zu dem Bildhauer Gleb Derjuschinski. Hier die Eintragung vom 6. März, die einen guten Eindruck vom Detailreichtum der Aufzeichnungen vermittelt:
»Die gewöhnlichen drei Schläge von Allal Ming wurden dieses Mal von drei schwachen und sehr kurzen Schlägen begleitet. Auf die Frage, was diese zusätzlichen Schläge bedeuteten –
›Schurotschka‹ [die vor kurzem mit viereinhalb Jahren verstorbene Nichte von Derjuschinski] […]
Auf die Frage, wo sich Allal Ming befindet, antwortet Schurotschka: ›Auf dem Sofa, in der Nähe von Schurotschka.‹ – Auf unsere Frage, ob Schurotschka eine Beschreibung von Allal Ming geben könnte, kam folgende Antwort: ›Langes Gesicht, lange Haare, hohe Gestalt, schwarze Haare, zweigeteilter Bart.‹ – ›Strenges oder gutes Gesicht?‹ – ›Streng.‹«
Die kleine Schurotschka sollte noch öfters erscheinen, doch dann aus dem Kreis verschwinden. Gemeinsam mit dem Bildhauer, der sich 1922 mit Prokofjew zusammen in der Liste mit Feinden Allal Mings wiederfand. Was war geschehen? Das »Tagebuch« gibt Anhaltspunkte.
Am 24. März teilte Schurotschka mit, der »Onkel« (i.e. Derjuschinski) solle ein besseres Verhältnis zu Allal Ming und Roerich haben, denn »Roerich der Neue (sic!) wird den Russen seine Macht deutlich zeigen.« Bei derselben Sitzung bekam Derjuschinski auch den Namen seines geistigen Führers aus dem Jenseits mitgeteilt, ein gewisser Fitschia Possudsch aus dem 10. Jahrhundert. Als Derjuschinski die impertinente Frage stellte, wodurch sich sein neuer Lehrer auszeichne, antwortete Schurotschka, »Teurer Onkel, beleidige Fitschia nicht«.
Ganz gewiss nicht gefallen haben wird Derjuschinski die Meinung Schurotschkas zu seinem Plan, amerikanischer Staatsbürger zu werden. Wie auch Helena Roerich, die ebenfalls dagegen war, riet Schurotschka dringend ab. Und schließlich meldete sich selbst der Vater Derjuschinskis aus dem Jenseits mit der Mahnung, die russische Sache nicht zu verraten. Doch das alles änderte nichts an der Tatsache, dass die russische Sache zwar schön und gut, Derjuschinski wie alle Staatenlosen aber in einer unangenehmen Lage war. Verständlich, dass er die Warnungen aus dem Jenseits in den Wind schlug und die Versuche, die amerikanische Staatsbürgerschaft zu erlangen, weiter betrieb.
Ein letztes Mal nahm Derjuschinski am Abend des 7. Mai an einer Sitzung teil. Diesmal wurde er kurz abgefertigt. Allal Ming gab bekannt, er könne nicht die ganze Zeit über Derjuschinskis Angelegenheiten sprechen, und auf die Bemerkung von Derjuschinski, die Worte aus dem Jenseits würden ihn nur beunruhigen, antwortete ihm Allal Ming, mit Ängstlichen werde er sich nicht abgeben.
Eine ähnliche Entwicklung nahm die Beziehung Allal Mings zu den Muromzews. Der ehemalige Rüstungsbeauftragte der Zarenregierung war nach der Revolution völlig mittellos, wie man aus den Anfragen an Allal Ming schließen kann. Aber die Ratschläge halfen nicht. Also beschloss das Ehepaar, auf die Vermittlung Helena Roerichs zu verzichten und einen direkten Draht in die Astralwelt aufzubauen. Allal Ming hatte dafür nur Hohn und Spott übrig. In der Eintragung vom 8. Juni heißt es, Muromzew müsse erst »zwanzig Jahre geistig arbeiten, bevor er einen geistigen Führer verdient hat«.
