Kitabı oku: «Danke Lena», sayfa 2
Die große Rivalin schlägt zurück
Bei den Frauen deutete ziemlich lange alles auf eine noch größere Demonstration der Stärke hin. Denn auch Magdalena Neuner behielt in der Verfolgung lange das Heft fest in der Hand. Ein Fehler beim zweiten Schießen war zu verschmerzen, weil auch Domratschewa patzte. Und als die Weißrussin beim dritten Besuch am Schießstand wieder eine Scheibe stehen ließ, da war der Goldhauch in der Arena schon wieder spürbar. Doch diesmal blieb das ganz große Happy-End aus. Eine Strafrunde wäre für Neuner beim letzten Schießen wohl zu verkraften gewesen. Doch gleich das erste Projektil verfehlte das Ziel derart deutlich, dass der Trainerstab um Frauen-Bundestrainer Gerald Hönig schon ein ähnliches technisches Missgeschick wie zum WMAuftakt bei Ole Einar Björndalen witterte. Aber die Wallgauerin hatte beim Anlegen wohl schlicht zu viel Druck auf den Abzugshebel gebracht und den Schuss zu früh ausgelöst. Noch eine zweite Scheibe blieb schwarz. Und diesmal war es Domratschewa, die die Gunst der Stunde nutzte. Die Weißrussin behielt die Nerven und als Neuner mit 13 Sekunden Rückstand aus der Strafrunde zurück auf die Strecke lief, da ahnte sie schon, dass dieser Tag kein goldenes Ende nehmen würde. »Dafür ist Dascha eine zu gute Läuferin«, sagte sie. Auf der Schlussrunde nahm die 25-Jährige deshalb schon lieber Fahrt heraus, um Kräfte zu sparen für die noch strapaziösere zweite WM-Hälfte. Das ganz große Gefühlskino durften diesmal jedoch andere genießen. Domratschewas Coach Klaus Siebert war 1979 in den Farben der DDR selbst der erste Weltmeister von Ruhpolding. Was er als Aktiver geschafft hatte, das blieb ihm als Coach über zwölf Weltmeisterschaften hinweg versagt. Ob als Privattrainer von Ricco Groß oder als Chefcoach in Österreich, China und nun eben Weißrussland – einen Weltmeister produzierte der Sachse, der erst Monate zuvor von einem Krebsleiden geheilt worden war, nie. Bis zu diesem Moment, in dem Darja Domratschewa ausgerechnet an der Stätte seines eigenen sportlichen Märchens triumphierte. »Das ist schon ein Traum«, schwärmte Siebert mit feuchten Augen.
Und Magdalena Neuner? Die Frau, die sogar von den internationalen Fangemeinden gefeiert wurde, haderte im Ziel zwar ein wenig mit dem letzten Stehendschießen: »Die zwei Fehler ärgern mich schon ein bisschen.« Doch den Frieden hatte sie mit Silber schnell geschlossen. »Ich habe jetzt einen kompletten Medaillensatz gewonnen, das ist doch super«, sagte sie. Sprach`s und genoss ein bisschen Auszeit von der Weltmeisterschaft. Zur Halbzeit hatte der Deutsche Skiverband einen Familienabend angesetzt, einer Party, bei der die Athleten im Kreis ihrer Lieben für ein paar Stunden Abstand vom strapaziösen WM-Alltag nehmen sollten. Männer-Bundestrainer Fritz Fischer wurde dabei an so ziemlich allen Instrumenten auffällig, derer er habhaft werden konnte. Neuner versuchte sich dagegen spektakulär gemeinsam mit Freundin und Zimmerkollegin Miriam Gössner als Sängerin. Was eine schöne Einstimmung war, auf die Dinge, die bei dieser WM noch kommen würden. Allen voran auf den Wettbewerb, der ihr in den sechs Jahren im Weltcup am meisten zu schaffen gemacht hatte: den Einzelwettbewerb.
So viel hatte Magdalena Neuner schon gewonnen, doch zu einer Medaille bei einem Großereignis hatte es auf diesen verflixten 15 Kilometern noch nie gereicht. Auch im Weltcup fällt ihre Bilanz in dieser Disziplin, die Schießfehler mit einer Strafminute so heftig ahndet, vergleichsweise bescheiden aus. Nur ein einziges Mal, in Antholz 2010 bei der Generalprobe für die Olympischen Spiele in Vancouver grüßte das schönste Lächeln des Weltcups nach einem Einzelwettbewerb von der höchsten Stufe des Siegertreppchens. Und nun sollte gerade hier also zumindest eine Medaille herausspringen. Was Mut machte: Auch auf der langen Strecke hatte Neuner, die 2009 sogar schon einmal die kleine Kristallkugel in dieser so aufreibenden Disziplin für sich entschieden hatte, in dieser Abschiedssaison ihre Qualität bewiesen. Bei beiden Auflagen, in Östersund und Nove Mesto, brachte sie es immerhin auf Platz drei. »Ich weiß, dass ich es kann«, war sich Neuner sicher.
Der große Traum platzt am Schießstand
Alles gerichtet also eigentlich für einen weiteren WM-Feiertag. Die Sonne strahlte über der Chiemgau Arena, die ein weiteres Mal mit 26.000 Zuschauern fast aus den Nähten platzte. Auch die Strecke präsentierte sich so gut wie nie bis dahin in den tollen Tagen von Ruhpolding. Doch es deutete sich ernüchternd früh an, dass Neuners großes Medaillenmärchen an diesem Nachmittag nicht fortgeschrieben werden würde. Gleich beim ersten Schießen ließ die Wallgauerin zwei Scheiben stehen. Und fügte sich damit ziemlich nahtlos ins Bild des deutschen Teams ein. Auch Andrea Henkel und Tina Bachmann patzten bei dieser ersten Liegendeinlage zweimal, nur Miriam Gössner kam zunächst mit einem Fehler davon. Da war es auch ein schwacher Trost, dass es Darja Domratschewa noch schlechter ergangen war – der Weißrussin blieb nach vier Fehlern nicht einmal mehr ein Hoffnungsschimmer. Was war geschehen? Die Windverhältnisse am Schießstand hatten sich nach dem Anschießen vor dem Start entscheidend verändert. Natürlich haben die Betreuer die Athletinnen auf der Strecke auf die drehenden Luftbewegungen hingewiesen. Passierte es im falschen Stil, wie Magdalena Neuner später anmerkte? »Die Trainer haben eine gewisse Nervosität verbreitet«, erklärte sie, »so etwas überträgt sich natürlich auch einmal auf die Athleten.« Wie auch immer – in jedem Fall zogen Neuner & Co. beim Anblick der Windfähnchen offenkundig die falschen Schlüsse. Und mussten sich dafür später ihrerseits Kritik von den Übungsleitern gefallen lassen. »Mich wundern die Fehler schon«, merkte Frauen-Bundestrainer Ricco Groß an, »die Verhältnisse waren nicht leicht, aber die Läuferinnen sind alle so erfahren, dass man von ihnen eigentlich schon verlangen kann, auf diese Situation richtig zu reagieren.«
Und so hatte man eben schon mit dem ersten Schießen gehörig Druck auf die eigenen Schultern gebracht. Magdalena Neuner kämpfte verbissen. Gehörte in der Spur wieder zu den schnellsten, bei der zweiten Schießeinlage stand immerhin die Null. Was den Horizont angesichts von rund einer Minute Rückstand auf Platz drei zumindest noch leicht in Bronze schimmern ließ. Daran änderte auch nicht viel, dass Neuner beim dritten Besuch am Schießstand erneut ein Ziel verfehlte. Die Amerikanerin Susan Dunklee, die sich mit der Startnummer eins (»Ein beängstigendes Gefühl, so ein Rennen vor so vielen Leuten zu eröffnen«) fast unbemerkt im Spitzenfeld festgebissen hatte, hatte der Deutschen immer noch nur gut eine Minute voraus. Ein makelloses viertes Schießen und Neuner wäre mit dem Rückenwind des leise Hoffnung schöpfenden Publikums wohl wieder in den Medaillenkampf zurückgekehrt. Die 25-Jährige riskierte viel und verlor alles: Drei Scheiben blieben stehen. Auf der Schlussrunde blieb nicht mehr als Schadensbegrenzung. Während sich Tora Berger mit nur einem Fehler ihre zweite Goldmedaille in Ruhpolding nach dem Gewinn der Mixed-Staffel sicherte – die Norwegerin setzte sich vor der Französin Marie-Laure Brunet und Helena Ekholm (Schweden) durch, die sich ebenfalls nur je eine Fahrkarte geleistet hatten. Neuner blieb Platz 23, schlechter war sie im gesamten Winter nie dagestanden. Und auch ihre Teamkolleginnen konnten an diesem verkorksten Tag nicht entscheidend in die Bresche springen, Andrea Henkel (4 Fehler) stand als 20. noch am besten da. So tief auf den Ergebnislisten hatte man deutsche Läuferinnen bei einer WM seit zweieinhalb Jahrzehnten nicht mehr suchen müssen. Und natürlich hatte die Abfuhr auch an einer so ausgemachten Frohnatur wie Neuner gezehrt. In den Minuten danach präsentierte sich die Wallgauerin, die ihren Traum vom sechsfachen Edelmetall in Ruhpolding so unsanft begraben musste (»Hört sich blöd an, aber mir ist es lieber so als Vierte«) merklich gereizt. Zwei Tage danach erklärte sie, die ausgegebenen sechs Medaillen seien doch vor allem das gewesen, was die Reporter gerne hören wollten, »ich muss mir nichts mehr beweisen«. Spätestens hier konnte man ahnen, dass die Last, das Gesicht der größten Biathlon-WM aller Zeiten zu sein – am Ende hatten atemberaubende 240.000 Menschen die elf Wettbewerbe verfolgt – eben auch an einer ausgemachten Frohnatur nicht spurlos vorbei gehen würde.
Doch wie hatte sich dieses Einzel-Debakel auf das Team ausgewirkt? Kollektive Verunsicherung oder vielleicht doch ein Jetzt-erst-Recht-Gefühl für die so prestigeträchtige Staffel am vorletzten WM-Tag? Aus der bis dato so unglücklich geschlagenen Männer-Abteilung gab es immerhin Rückenwind. Schlussläufer Arnd Peiffer, Andreas Birnbacher & Co. hatten sich tags zuvor nur den illustren Ensembles aus Norwegen und Frankreich geschlagen geben müssen und dem Deutschen Skiverband eine viel umjubelte Bronzemedaille beschert. Und die Frauen? Wollten es nun zumindest besser machen als im Saisonverlauf, als man das Podest in drei Anläufen stets verfehlte. Die Trainer hatten sich dabei eine veränderte Taktik ausgedacht. Anders als etwa ein Jahr zuvor in Sibirien sollte Magdalena Neuner nicht als Schlussläuferin, sondern nach der soliden Tina Bachmann bereits an Position zwei starten. Die dahinter steckende Idee war leicht zu erraten: Man wollte diese Staffel aus einer Position der Stärke von vorne gestalten und die vermeintliche Wackelkandidatin Miriam Gössner als dritte Läuferin mit einem möglichst großen Polster auf die Runde schicken.
Eine »Nähmaschine« zum Abschied
Und die Sache ließ sich zunächst ja auch gar nicht schlecht an. Bachmann leistete sich nur einen winzigen Nachlader beim ersten Schießen und legte auf der Strecke eine bärenstarke Vorstellung hin. Praktisch zeitgleich mit der französischen Vorzeigeläuferin Marie-Laure Brunet kehrte sie ins Ziel zurück. Beste Voraussetzungen also eigentlich für Neuner. Sie übernahm zwar in der Spur erwartungsgemäß sofort das Kommando. Doch schon beim ersten Schießen zeigte sich, dass ihr die Sicherheit der ersten WM-Hälfte abhanden gekommen war. Drei Projektile rauschten am Ziel vorbei. Ausgerechnet im Liegendschießen – jener Disziplin also, in der Neuner mit einer Trefferquote von 91 Prozent in dieser Saison zu den stärksten der Szene zählte. Das verlorene Terrain auf die führenden Teams aus der Slowakei und Frankreich hatte Neuner bis zur Rückkehr in den Schießstand schon wieder herausgelaufen. Dort allerdings unterlief ihr ein folgenschwerer Fehler. Statt im gewohnten Tempo zügig in die Anlage einzufahren, schlitterte Neuner hinter der betont langsamen Anastasia Kuzmina in den Stand. Als die 25-Jährige das Gewehr schließlich anlegte, war ihr Puls bereits unter jene Regionen abgesackt, in denen sie die Schießübungen normalerweise absolviert. Die Folge ist das berüchtigte Muskelzittern, das die Biathleten »Nähmaschine« nennen. »Eigentlich hatte ich von Beginn an eine«, sagte sie. Vier Fehler waren die Folge. Neuner musste in die Strafrunde, und das war ein Handicap, das auch für eine Ausnahmeläuferin nicht wettzumachen ist. Sie lief zwar bis zur Erschöpfung, am Ende schickte sie Gössner aber doch statt mit einem dicken Polster mit knapp elf Sekunden Rückstand auf die Runde.
Doch die 21-jährige Garmisch-Partenkirchenerin zeigte im bestmöglichen Moment, dass in ihr eben doch weit mehr steckt als eine bis dato unauffällige WM vermuten ließ. Mit zwei Nachladern beim ersten Schießen blieb sie der führenden Anais Bescond immerhin auf der Spur. Bei der Rückkehr an den Schießstand musste sie im Gegensatz zur zweimal patzenden Französin nur eine Extra-Patrone in Anspruch nehmen. Staunend verfolgten die 28.000 euphorisierten Fans im Stadion wie Gössner Schlussläuferin Andrea Henkel als Führende ins Rennen schickte. 17,5 Sekunden Vorsprung waren eine Vorgabe, die sich die Thüringerin nicht nehmen ließ. Mit all ihrer Routine räumte die 34-Jährige alle zehn Scheiben direkt ab. Die Schlussrunde wurde dank des Sicherheitsabstands zu den Verfolgern aus Frankreich und Norwegen zum großen Triumphzug. Selbst Männer-Bundestrainer Fritz Fischer ging auf der Strecke vor der vorbeigleitenden Henkel auf die Knie, die schließlich mit hoch erhobener Deutschland-Fahne das goldene Abschiedgeschenk für die scheidende Teamkollegin perfekt machte.
Und selbst Bundestrainer Uwe Müssiggang fand es eine nette Fügung, dass ausgerechnet die Vorläuferin bei diesem Goldcoup gepatzt hatte. »Die Lena hat so viele Rennen für uns gewonnen«, sagte der Medaillenschmied des DSV, »heute haben es einmal die anderen für sie gemacht. Das ist auch ein schönes Zeichen für die Zukunft.«
Wer hätte da schon widersprechen wollen.
Zwischen Bergen und Buben, Glauben und Musik – Eine Kindheit im Idyll
Im Februar 2012, kurz vor ihrer finalen Weltmeisterschaft in Ruhpolding, gab Magdalena Neuner ein langes Interview. Im Zeitgeist-Lifestyle-Magazin »Fit for fun« reflektierte sie noch einmal über ihre Karriere und sagte: »Ich wollte nie berühmt sein. Ich wollte Olympiasiegerin werden.« Freilich, das war womöglich etwas naiv gedacht. Denn natürlich bedingt das eine das andere, sportlicher Erfolg sorgt oft für Ruhm, vor allem in Boom-Sportarten wie dem Biathlon, und wenn man dann noch so aussieht und auftritt und für jedermann sympathisch rüberkommt wie Magdalena Neuner, dann erst recht.
Wer Magdalena Neuner in den fünf Jahren ihrer Welt-Karriere beobachtete, zwischen den ersten WM-Titeln 2007 und dem Karriereende 2012, der konnte feststellen, dass es Neuner tatsächlich selten von sich aus ins Rampenlicht getrieben hat. Sie nahm die Termine für die Medien hin, sie akzeptierte, dass es Teil des Geschäfts war und dazugehörte. Sie vermittelte aber nie das Gefühl, das wirklich zu brauchen. Manchmal war sie mit mehr Begeisterung dabei, manchmal mit weniger.
Und einmal, als sie vor einem Kamera-Objektiv stand und das Blitzlicht aufflackerte, da fing sie auch hemmungslos zu schluchzen an, weil sie in dem Moment einfach gar nicht wollte. Das war 1991 in Wallgau. Als vierjähriges Mädchen, als Model für den örtlichen Fremdenverkehrsverband.
Für den Tourismus in Wallgau begann damals gerade eine Blütezeit. Deutschland war gerade wiedervereinigt, und Hansjörg Zahler, der Bürgermeister, kann sich noch gut an die Szenen erinnern, als die ersten Urlauber aus dem Osten angekommen waren. Wie sie von Norden auf der B11 vom Walchensee herkamen, über die Kuppe unmittelbar vor der Ortseinfahrt, und wie sich dann die ganze Schönheit der weiten Isar-Ebene Richtung Karwendel und Werdenfels vor ihnen auftat. »Zeitweise ist auf der Straße nix mehr vorwärts gegangen«, sagt Zahler. »Auf so ein Panorama waren die nicht eingestellt, die waren fix und fertig.« Für die Neuankömmlinge war es so etwas wie der Blick in das gelobte Land.
Tränen beim ersten Foto-Termin
Noch gewaltiger ist der Blick vom Krepelschrofen. Der Krepelschrofen ist ein kleiner Buckel gleich im Norden von Wallgau, 1160 Meter hoch, kein Hausberg, eher ein Haushügel. Da hinauf geht ein gemütlicher Wanderweg, von oben sieht man die Häuser, die Höfe, die Kirche von Wallgau. Real existierender Postkartenkitsch, wie er idyllischer nicht sein kann. Von hier aus betrachtet wirkt der Ort noch verwurzelter in das oberbayerische Erdreich als eh schon, und wer dann länger dort oben steht und nachdenkt, könnte meinen, dass es Wallgau vermutlich schon seit Anbeginn der Zeit gab, seit der Schöpfung der Welt, und dass das Dorf dem lieben Gott so gut gefiel, dass er daraufhin als passend schöne Kulisse ringsherum die Berge auftürmte, die saftig grünen Wiesen ausbreitete und einen kleinen Graben für das Rinnsal Isar aushob.
Damals jedenfalls, nach der Öffnung der Grenzen und der Wiedervereinigung, blühte der Tourismus auf in dem kleinen Dorf, und deswegen wollte die Gemeinde auch ihren eigenen Werbeprospekt erneuern. Mit Bildern vom Ort, von den Menschen und mit Bildern von Kindern in Tracht. Dabei kamen sie auch auf die kleine Magdalena von der Familie Neuner.
In Wallgau kannte man die Neuners, aber in Wallgau kannten sich eh alle, das tun sie auch heute noch. 1400 Einwohner, eine enge Dorfgemeinschaft, fast jeder irgendwo aktiv, ob bei der Freiwilligen Feuerwehr oder im Schützenverein, bei der Blaskapelle oder den Trachtlern, und manche auch überall. Wie heute noch lebten die Neuners auch damals schon in ihrem alleinstehenden Haus abseits der Hauptstraße Richtung Mittenwald, und weil die Lena in Wallgau schon aufgefallen war, weil sie immer so aufgeweckt und fröhlich war, dachten sie sich bei der Gemeinde, das würde ihr doch sicher Spaß machen, so ein Fototermin im Dirndl mit vier anderen Kindern.
Dachten sie.
Denn als es dann soweit war, wurde es der vierjährigen Magdalena zu viel. »Sie hat richtig herzzerreißend angefangen zu weinen«, sagt Zahler im Rückblick, »man hat das Gefühl gehabt, sie hatte richtig Angst.« Schließlich klappte es doch noch, saß die Lena in schöner Tracht auf der Wiese, der Fotograf war glücklich, der Prospektgestalter auch, nur bei genauem Hinsehen fällt dann auch heute noch auf, dass es eher ein verkrampftes Lächeln war bei Magdalena, richtig fröhlich wirkte sie nicht. Wenn keiner hinschaute, keine Kamera da war und kein Fotograf, dann lächelte die junge Magdalena Neuner oft. Ganz natürlich. Ganz normal.
Normal, das ist ein Begriff, den man oft hört, wenn man alte Bekannte der Neuners danach fragt, wie die Magdalena denn aufgewachsen sei.
Auch der 9. Februar 1987 war ja eigentlich ein normaler Tag. Auf der Welt passierten Dinge, die auch an anderen Tagen und in anderen Jahren passieren, in Beirut explodierte eine Bombe, über Afghanistan wurde ein Transportflugzeug abgeschossen, und in der deutschen Regierung stritt sich schwarz-gelb über eine neue Steuerreform. Nur dass die bundesdeutsche Hauptstadt damals noch Bonn hieß und nicht Berlin.
Das einzige bedeutsame Polit-Ereignis an jenem Tag war der Zusammenbruch der Koalition in Hessen. Es gab Streit um die Genehmigung für die Hanauer Nuklearbehörde Nukem, und als Umweltminister Joschka Fischer von Ministerpräsident Holger Börner seine Entlassungspapiere entgegennahm, war das erste rot-grüne Regierungsprojekt auf Landesebene gescheitert. Fischer sollte dennoch noch eine große Zukunft vor sich haben.
Wie das Baby, das an jenem Tag im Krankenhaus von Garmisch-Partenkirchen auf die Welt kam. Magdalena war das zweite Kind von Paul und Margit Neuner, der dreijährige Paul junior war schon da, 1992 kam dann noch der Christoph, 1994 die Anna.
Vier Kinder, und auch sonst eine große Familie, weit verzweigt, mit vielen Geschwistern, Onkeln, Tanten und Cousins, mit manchen hatte sie weniger Zeit verbracht, mit manchen mehr und mit einem ganz viel. Mit Albert Neuner.
Albert Neuner lebt ganz im Osten von Wallgau, im letzten Haus, im Bauernhof seiner Eltern, da wo er groß wurde. Albert Neuner ist ein Vetter von Magdalena, und als Magdalena Neuner 2007 in Baden-Baden zur »Sportlerin des Jahres« gekürt wurde, kam er als Ehrengast auf die Bühne und überreichte ihr die Trophäe. Damals ging es auch um den Verwandtschaftsgrad, und als die Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein nachfragte, wie die beiden familiär zusammenhängen, meinte Magdalena Neuner, dass das etwas kompliziert sei: »Eine Oma von mir ist die Schwester von seinem Vater, die andere Oma von mir die Schwester seiner Mutter, aber meine Eltern sind natürlich nicht verwandt.« Das kann man verstehen, muss man aber nicht, wer aber etwas davon verstehen will, wie die Lena so als Kind war, der spricht am besten mit ihm, mit Albert Neuner.
Auf Distanz zur »Prinzessinnen-Clique«
Albert Neuner kam ein halbes Jahr nach Lena zur Welt, im August 1987. Beide gingen zusammen in den Kindergarten, in die Schule, in den Trachtenverein, und schließlich begannen beide später auch zur selben Zeit mit dem Biathlon. Es gibt viele Fotos, auf denen die Magdalena und der Albert nach ihren Rennen nebeneinander stehen, immer in der gleichen Pose, die üblichen Schnappschüsse, meist hatten sie eine Medaille um den Hals oder einen Pokal in der Hand. Waren beide sehr erfolgreiche Sportler, aber das mit dem Biathlon kam ja erst in der Jugend.
In der Kindheit waren Albert und Magdalena fast immer zusammen, natürlich waren sie in der Grundschule auch in der gleichen Klasse. Zur Grundschule in Wallgau geht es nach dem Rathaus links, sie liegt nach dem Feuerwehrhaus und hat als Adresse Schulstraße 1. Alles liegt in Wallgau genau an dem Ort, wo es hingehört.
1993 kamen Magdalena und Albert in die erste Klasse, eine gemischte Klasse, Mädchen und Buben. »Aber mit den Mädls hat die Lena nie so viel zu tun haben wollen«, sagt Albert Neuner. »Meistens war sie mit uns beieinander, mit den Buben. Da hat es ihr mehr getaugt.«
Eine Gruppe von Mädchen habe es gegeben, sagt er, das sei die »Prinzessinnen-Clique« gewesen. Mit Vorliebe für Mode, Pferde, Rosa, aber zu der habe die Lena nie dazugehört, weil sie da auch nicht dazugehören wollte. »Die war fast nur bei uns«, sagt er, »wir Buben haben auch nie so rumgezickt und rumgedruckst.« Die Buben sagten schon eher immer genau das, was sie denken, gerade raus, offen und ehrlich, dazu das Herumtoben, sich verausgaben beim Sport und im Spiel, das war die Art, die einer Magdalena Neuner schon viel mehr behagte, damals wie heute.
Am Nachmittag nach dem Unterricht gingen die Buben und die Lena dann immer ins Freie an die frische Luft, etwas wie Stubenhockerei war ein Fremdwort. »Dass wir nicht raus sind, da hat das Wetter schon ganz schiach sein müssen«, sagt Albert Neuner, also richtig gräuslich. Dann, wenn sich die trübe Wolkensuppe tief herunter ins Tal hängte und einer dieser oberbayerischen Schnürlregen mit stoischer Beharrlichkeit ganze Tage auf den Ort herunterging, dann saß sogar Magdalena Neuner zu Hause, doch auch da war nicht träges Herumhängen angesagt, sondern Aktivität, da ging es ums Spielen und um viel Phantasie.