Kitabı oku: «Zwischen Aufbruch und Randale», sayfa 5
KRIEG IN DEN STÄDTEN
Es war dunkle Nacht. Meine Freundin und ich kamen gerade voll guter Laune von einem Die-Firma-Konzert in Ostberlin, irgendwann Anfang 1990, kurz nach dem Mauerfall. Wir betraten den Tunnel zur S-Bahn am Alexanderplatz. Dort ließen uns laute Sprechchöre aufhorchen.
„Hoch die internationale Volksrandale!“, konnten wir aus den Gesängen, die lautstark im Tunnel hallten, gerade so verstehen. Wir drehten unsere Köpfe und sahen etwa 50 Vermummte. Die Gesichter durch Hassmasken unkenntlich gemacht. Etwa 200 Meter hinter uns. Das war in Kreuzberg, wo wir in dieser Zeit wohnten, nichts Ungewöhnliches. Dort waren alle Nase lang Demos, bei denen solche und ähnliche Sprechchöre angestimmt wurden. Doch wir befanden uns in Ostberlin. Den Unterschied sollten wir bald am eigenen Leib erfahren. Jugendliche fingen an zu rennen. „Wollten sie ihre S-Bahn noch bekommen?“, ging uns noch durch den Kopf. Immer mehr rannten an uns vorbei. Die Sprechchöre wurden lauter. „Rennt!“ schrie ein Punk mit grünem Iro in unsere Richtung, während er im Eiltempo vorbeiflitzte. Uns wurde mulmig zumute. Wir drehten unsere Köpfe in Richtung der Sprechchöre. Die Vermummten rannten auch. Sie waren vielleicht nur noch sechzig Meter von uns entfernt. Doch was sollte uns schon passieren. Wir lauschten noch einmal genauer auf die Sprechchöre: „Hoch die rechtsradikale Fußballrandale!“, verstanden wir nun.
Scheiße! Das waren Nazis. Vermummte, bewaffnete Nazis. Etwa 50 Stück. Wir begannen um unser Leben zu rennen. Wir rannten und rannten. Schließlich bogen wir ab und sahen unter einer Brücke der S-Bahn einen Trabi. Ein Mann wollte gerade einsteigen. In dieser Zeit war es üblich, dass viele DDR-Autos auch als „Schwarz“-Taxi fungierten. Taxis waren ja nach wie vor Mangelware. Wir rannten auf den Autofahrer zu und fragten ganz außer Puste: „Können Sie uns mitnehmen?“ „Klar!“, antwortete er. „Steigt ein.“ Während wir blitzschnell ins Auto huschten, kam der Punk mit dem grünen Iro um die Ecke gerannt. „Schnell! Steig mit ein!“, schrien wir ihm aufgeregt entgegen. Er sprang mit ins Auto.
Als wir alle drinsaßen, startete der Fahrer den Motor. Im selben Moment kamen die grölenden Nazis um die Ecke. „Fahren Sie los!“, sagten wir zu dem Mann. Doch dieser schaltete mit dem Zündschlüssel den Motor wieder aus. Die angriffslustige Horde umzingelte den Trabant. „Das überleben wir niemals“, ging es mir durch den Kopf. Der Fahrer stieg aus. „Raus aus meinem Auto!“, schrie er uns an. „Aussteigen? Nie im Leben!“, ging es uns allen dreien durch den Kopf. Das wäre unser Todesurteil.
Wir sahen durch die Fensterscheiben die hasserfüllten Augen unter den Sturmmasken leuchten. Sie blitzten wie Raubtieraugen, die gerade Beute gemacht hatten. Sie deuteten auf uns. 50 brutale bewaffnete Schläger. Wir versuchten geistesgegenwärtig, die Türen von innen zu verriegeln. Seit dieser Nacht weiß ich, dass im Trabi nur die Beifahrertür von innen zugesperrt werden kann. Die Nazihools zerrten an den Türgriffen. Wir versuchten die Fahrertür zuzuhalten. Das gelang uns kaum. Immer wieder schafften sie es, die Tür zu öffnen. Schlugen brutal auf uns ein und versuchten, uns aus dem Auto zu zerren.
Geralf und Daniela 1989/1990 in Berlin
Der Autobesitzer wechselte zwischen wütendem Schreien in unsere Richtung, dass wir aussteigen sollen, in ein flehendes Gejammer in Richtung des Schlägertrupps, dass sie doch bitte seinem Auto nichts antun sollen. Sie droschen immer weiter auf uns ein. Besonders den Punk auf dem Beifahrersitz erwischte es schlimm. Aber auch wir auf der Rückbank mussten etliches einstecken. Wir schlugen und traten um uns. Durch die offene Fahrertür konnte aus Platzmangel zum Glück immer nur ein Nazi zuschlagen. Wir schafften es immer wieder, den jeweiligen Angreifer aus dem Auto zu verjagen und die Autotür eine Weile geschlossen zu halten.
Den Faschisten wurde es zu bunt. Sie brüllten in den Trabi, dass wir aussteigen sollen. Da wir im Leben nicht daran dachten, auszusteigen, begannen sie, uns „auszuräuchern“. Immer wenn sie die Fahrertür aufbekamen, sprühten sie Unmengen CS-Gas und Pfefferspray ins Innere. Dann warteten sie einen Moment, rissen die Tür wieder auf und hofften, dass wir nun rauskämen. Wir wären lieber im Trabi erstickt, als dass wir ausgestiegen wären.
Immer wieder sprühten sie in unsere Richtung. Die Augen brannten. Wir bekamen keine Luft mehr. Die Lungen schmerzten. Wir hatten Hustenanfälle. Nach etlichen weiteren Gas-Attacken holten sie ein Feuerzeug und einen Molotow-Cocktail oder Flasche Benzin hervor. „Das ist eure letzte Chance, auszusteigen!“, grölten sie. „Das ist unser Ende“, dachten wir. Wir sind gefangen in diesem DDR-Papp-Auto unter einer S-Bahn-Brücke und keine Zeugen weit und breit. Und wenn wir aussteigen, schlagen sie uns auch tot. Wir stiegen nicht aus. Durch das CS-Gas waren wir eh kaum noch ansprechbar. Da mischte sich der jammernde und flehende Autobesitzer wieder ein. „Bitte brennt meinen Trabi nicht an. Ich habe doch mit der ganzen Sache nichts zu tun“, wimmerte er. Der Wortführer der Schläger schrie zurück: „Warum lässt du denn solches Pack in dein Auto?“
Doch das Jammern des Autobesitzers zeigte Wirkung. Der „Führer“ wies seine Nazigang an, das Auto doch nicht anzuzünden. Nun begannen sie wieder, auf uns einzuschlagen. Sie zerrten an unseren Armen, während wir uns an den Sitzen festkrallten. Dann wieder CS-Gas und Pfefferspray. „Wie lange halten wir das noch durch? Werden wir diese Nacht überleben?“, das waren unsere Gedanken. Wir hatten kaum noch Kraft zum Schreien, geschweige denn zur Gegenwehr. Die 50 Nazihools dagegen liefen zur Höchstform auf. Sie rüttelten immer stärker am Auto. Plötzlich heulten Sirenen. Die Nazis rannten davon. Mehrere Polizeiautos bogen unter die Brücke. Das Blaulicht erhellte die Gegend. Ich war in meinem Leben noch nie so froh, Polizei zu sehen. Sie holten uns, mehr tot als lebendig, aus dem Auto. Ein paar Faschos fingen sie.
Wir fuhren mit ihnen auf eine Polizeiwache. Dort sagte man uns, dass sie keine Anzeige aufnehmen, da wir ja nicht wirklich schwer verletzt wären. Und dass einige der verhafteten Nazis aus Westberlin stammten. „Hier habt ihr deren Ausweise. Wir wissen, wie ihr das in Kreuzberg löst“, sagten sie und verließen den Polizeiraum für ein paar Minuten. „Wir fahren euch jetzt zum Grenzübergang“, sagten sie beim Betreten des Raums. Der Punk mit den grünen Haaren sollte zu Fuß das Polizeirevier verlassen. Er hatte einen DDR-Ausweis. „Das könnt ihr nicht machen. Die wissen, dass ihre Kameraden hier sind. Die warten draußen auf mich.“ „Daran können wir auch nichts ändern“, war die Antwort. Nun schalteten wir uns ein und überredeten die Beamten, den Ostberliner doch bis zur Grenze mitzunehmen. Er konnte von dort ja nach Hause laufen. Sie willigten ein. Es gab trotz des Mauerfalls noch gravierende Unterschiede im Umgang mit Menschen mit West- und Menschen mit Ostausweis. Erst nach dem Grenzübertritt fühlten wir uns wieder in Sicherheit.
Solche Überfälle waren nicht nur in Ostberlin an der Tagesordnung. Überall in Ostdeutschland attackierten Nazis Andersaussehende: Punks, Gruftis, Hippies, Studenten im Schlabberlook und jeden, der irgendwie alternativ aussah. Und natürlich die wenigen Ausländer, die es damals gab. Ab und zu traf es auch Behinderte.
Ich besorgte mir CS-Gas. Ohne das betrat ich den Osten nicht mehr. Dieses kleine Sprühfläschchen rettete uns nach einem Punkkonzert in Wolmirstedt vermutlich das Leben. Als das Konzert beendet war, gingen wir zum Bahnhof. Zum Zug ins nahegelegene Magdeburg. Kaum eingestiegen, stießen wir auf etwa 30 Nazis. Einer von ihnen stand sofort auf und holte zum Schlag aus. Er wollte meiner Freundin ins Gesicht schlagen. Ich zögerte nicht lange und sprühte ihm, während er zuschlagen wollte, rasch eine Ladung CS-Gas ins Gesicht. Der Typ schrie jämmerlich auf. Niemand wusste, was geschehen war. CS-Gas war in der Ostprovinz damals noch weitgehend unbekannt. Wir nutzten den Überraschungseffekt und flüchteten ins nächste Zugabteil. Die Nazis kümmerten sich um ihren heulenden Kumpel. Keiner wusste so recht, was mit ihm war. Er dachte, er wäre blind. Nun wollte der ganze Waggon auf uns losgehen.
Wir hielten die Tür zu. Als sie es doch schafften, das Zugabteil mit Gewalt aufzureißen, drohte ich wieder mit dem Gas. Das hielt sie erst mal in Schach. Doch für wie lange? Der eine Teil der Nazis kümmerte sich immer noch um den Kameraden, der glaubte, nun blind zu sein. Die anderen standen kampfbereit in der Tür des Zugabteils, aber trauten sich nicht weiter vor.
Schließlich erreichten wir Magdeburg. Während die Nazis ausstiegen und von außen alle Türen bewachten, sprangen wir auf der Gleisseite aus dem Zug und rannten in die Dunkelheit. Die Nazis warteten, dass wir aus dem Zug steigen würden. Einige von Ihnen gingen los und holten die Bahnhofspolizei und übergaben ihr den jammernden Freund.
Wir konnten alles von unserem Versteck von der anderen Seite aus beobachten. Unsere Herzen pochten bis zum Hals. Zunächst suchten die Faschos zusammen mit den Polizisten den gesamten Bahnhof ab. Als die Polizei weg war, suchten sie allein weiter nach uns. Zum Glück war die Suche vergebens. Wir trauten uns auch lange, nachdem sie weg waren, nicht aus unserem Versteck. Irgendwann rannten wir dann los. Rannten durch das dunkle Magdeburg und stellten uns an eine Straße, an der ein Wegweiser Richtung Berlin zu sehen war. Erstaunlicherweise hielt ziemlich schnell ein Auto an. „Wohin wollt ihr?“, fragte der Fahrer. „Richtung Berlin“, war unsere Antwort. „Ich fahre nach Berlin“, hörten wir noch und verließen eilig diesen schrecklichen Ort.
Torsten Lamprecht Mitte der 1980er bei einem Punkfestival in der Christus-Gemeinde in Halle (Saale)
„Lampe“ Torsten Lamprecht wurde am 11.5.1992 im Alter von 23 Jahren in Magdeburg ermordet
Der 17-jährige Punk Frank Böttger wurde am 8.2.1997 in Magdeburg ermordet.
In Magdeburg entwickelte sich damals eine Faschoszene, die sowohl vom Gewaltfaktor als auch von der Anzahl der Mitglieder selbst in Ostdeutschland ihresgleichen suchte. Übergriffe auf Punks und Andersdenkende waren an der Tagesordnung. Vorläufiger trauriger Höhepunkt war der Überfall auf das Ausflugslokal Elbterrassen am 9.5.1992. Dort überfielen 60 bewaffnete Naziskins und Neonazis mit Baseballschlägern, Stahlrohren und Leuchtspurmunition eine Geburtstagsparty. Sie schlugen mit grenzenloser Brutalität auf die Partygäste, größtenteils Punks, ein. Unter den Augen der Polizei!
Der Überfall dauerte etwa eine halbe Stunde. Die Polizei, die mit zwei Streifenwagen vor Ort war, hielt es weder für nötig, einzugreifen, noch Verstärkung zu holen. Währenddessen wurden viele Gäste der Elbterrassen krankenhausreif geschlagen. Schwerverletzte wurden später mit Schädelbasisbruch, Kieferbruch und anderen Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert. Torsten Lamprecht überlebte den Überfall nicht. Er verstarb mit zertrümmertem Schädel kurze Zeit später im Krankenhaus. „Lampe“ war schon zu DDR-Zeiten Punk und damals häufig zu Gast bei Konzerten in der Hallenser Christusgemeinde. Nun war er tot. Kurz darauf schmissen Nazis bei seiner Mutter die Fensterscheiben ein.
Es gab damals in Magdeburg einen Überfall nach dem anderen. Punks wurden brutal zusammengeschlagen und sogar entführt. Es wird berichtet, dass etwa drei Dutzend Nazis einen Trabi mit mehreren Punks im Inneren umgeschmissen und angezündet haben. Die Insassen konnten zwar dem Feuer entkommen, einer mit schweren Verbrennungen, doch den Nazis, die vor dem brennenden Auto warteten, entkamen sie nicht. Magdeburg war ununterbrochen in den Schlagzeilen. Am 12.5.1994, „Männertag“, gab es ausufernde Hetzjagden auf Ausländer. Wieder unter den Augen der anwesenden Polizei.
Am 8.2.1997 wurde ein 17-jähriger Punk namens Frank Böttcher an einer Bushaltestelle in Magdeburg-Olvenstedt von Nazis mit sieben Messerstichen und Tritten gegen den Kopf getötet. Am 3.1.1998 wurde die Wohnung von Peter Böttcher, dem Bruder Frank Böttchers, von 13 Naziskins überfallen. Dabei gab es fast einen weiteren Toten. Dem anwesenden Gordon G. wurde die Schädeldecke zertrümmert und das Nasenbein gebrochen. Vier Tage mussten die Ärzte um sein Leben ringen und ihm wurde eine Metallplatte in den Kopf eingesetzt. Diese Aufzählung solcher gewalttätigen Übergriffe ließe sich noch weiter fortführen.
Auch in Städten wie Dresden, Karl-Marx-Stadt, Cottbus, Weimar, Wurzen, Erfurt, Rostock, Anklam, Halberstadt, Frankfurt (Oder) und Leipzig, um nur ein paar Beispiele zu nennen, explodierte die Naziszene. Überall gab es Angriffe auf Andersaussehende, alternative Konzerte, Migranten und besetzte Häuser. Aber es formierte sich auch immer mehr Gegenwehr. Auch militant. Ein Umdenken begann.
1992 gab es einen weiteren Mord, der die Szene und mich wie kein zweiter erschütterte und aufrüttelte. In dieser Zeit war ich oft bei Freunden in der Schreinerstraße in Berlin-Friedrichshain. Mein Freund Silvio Meier hatte dort mit Gleichgesinnten ein Haus besetzt. Dieses war schon öfter von Nazis angegriffen worden. Deshalb war es stark verbarrikadiert. Wenn es Nacht wurde, gingen wir oft noch in den Eimer, einen 1990 gegründeten Underground-Club in einem besetzten Haus in Berlin-Mitte. Um dort hinzukommen, mussten wir U-Bahn fahren. Meist stiegen wir an der Haltestelle Samariterstraße ein. Die Strecke war ziemlich gefährlich. Die Züge kamen aus Berlin-Lichtenberg und fuhren zum Alexanderplatz. Beides waren in dieser Zeit Nazigebiete. Die Wahrscheinlichkeit, dort auf Nazis zu treffen, war also sehr hoch. Wenn wir das Geld hatten, fuhren wir lieber mit dem Taxi. Ich weiß nicht, wohin Silvio mit seinen Freunden in der Nacht des 21.11.1992 wollte. In dieser Nacht war ich nicht dabei. Aber genau an diesem U-Bahnhof ist es passiert. Silvio Meier wurde dort von Nazis erstochen. Einige seiner Freunde wurden mit Messerstichen schwer verletzt.
Mit Silvio verband mich eine enge Freundschaft seit Beginn der 80er Jahre. Ich hatte den Quedlinburger in meiner WG in einer 1982 besetzten Wohneinheit in Halle (Saale) kennengelernt. Wir haben in dieser Zeit viel gemeinsam unternommen und erlebt, in Quedlinburg, Halle (Saale) und Ostberlin. Die Stasi verdächtigte uns der Bildung einer Sekte: der Käng-Guru-Sekte. Wir schrieben gemeinsam für die oppositionelle DDR-Untergrundzeitung mOAning star. Als wir zusammen nach Prag fahren wollten, wurde Silvio von den DDR-Grenzbeamten aus dem Zug geholt. Er kam zwei Tage später dann doch noch in Prag an. Von meiner Ausreisegenehmigung in die BRD im Mai 1989 erfuhr ich durch ein Telegramm an Silvio, bei dem ich gerade zu Besuch war.
Silvio war ein liebenswerter, lebenslustiger und fröhlicher Mensch mit einem starken Gerechtigkeitssinn. Einer, der immer genau wusste, was er wollte, und viele Pläne im Kopf hatte. Noch heute kommen mir manchmal die Tränen, wenn ich an seinen unsinnigen, viel zu frühen Tod denke.
Nach diesem Mord fingen viele in der Szene an, sich zu bewaffnen. Es gab Unmengen Vergeltungsaktionen im ganzen Land. Auch ich, eigentlich vom Wesen her eher pazifistisch veranlagt, besorgte mir eine Schreckschusspistole. Ohne diese ging ich keinen Schritt mehr aus dem Haus. Auf meinem Rücken unter der Jacke hatte ich zu dieser Zeit immer einen Knüppel. Im Notfall in Sekunden einsetzbar. In der Nacht lag die Pistole, gefüllt mit Gaspatronen, immer entsichert in meiner Hand.
Es gab immer mehr Gegenwehr. Immer öfter wurden nun auch Treffpunkte von Nazis überfallen. Bei antifaschistischen Großdemonstrationen kam es immer häufiger zu bürgerkriegsähnlichen Szenen. Die Jäger wurden oft zu Gejagten. Die Gewalt nahm unaufhörlich zu. Immer mehr Verletzte. Wo sollte das alles enden?
Es gab noch weitere Ereignisse, die die Situation anheizten. Die Pogrome in Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda und Quedlinburg. Nicht nur dort griff ein rechter Mob, unter den Augen der Polizei, Ausländerwohnheime an. Höhepunkt war Rostock. Vom 22. bis 26.8.1992 attackierten Naziskins, Neonazis und andere rechtsorientierte Jugendliche, angefeuert von der applaudierenden Bevölkerung, die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber und ein Wohnheim für ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter mit Steinen und Molotowcocktails. Während kurze Zeit vorher die antifaschistische Anti-DVU-Demo von der Polizei auseinandergeknüppelt worden war, schaute die Polizei hier über mehrere Tage nur tatenlos zu. Selbst als das „Sonnenblumenhaus“ mit Mollis in Brand gesteckt und gestürmt wurde, griff sie nicht ein. Im Haus befanden sich keine Flüchtlinge, sondern etwa 100 Vietnamesen, die schon lange in Rostock lebten, und ein Ausländerbeauftragter sowie ein Fernsehteam. Diese retteten sich von Etage zu Etage. Das Feuer stieg immer höher. Die Polizei zog sich komplett zurück und überließ die vom Feuer eingeschlossenen Menschen ihrem Schicksal. Während die Eingeschlossenen versuchten, mit Brecheisen die verschlossenen Notausgangstüren und Gitter zum Dach zu öffnen, wurden vom rechten Mob die Fenster mit Steinen eingeworfen. 3.000 Anwohner und Schaulustige feuerten sie applaudierend an. Unter Rufen wie „Wir kriegen euch alle!“ und „Gleich werdet ihr geröstet!“ wurden die Türen eingetreten und der Eingangsbereich gestürmt. Von Qualm, Feuer und Nazis umzingelt schafften die Vietnamesen, unter ihnen viele Frauen und Kinder, unter Todesangst die Notausgangstüren und weitere Stahlgitter aufzubrechen. So konnten sie sich endlich auf das Dach retten. Von dort kletterten sie auf das Dach des Nebenhauses. Die Flammen waren inzwischen schon im elften Stock angekommen. Es war ein Wunder, dass damals niemand ums Leben kam.
Silvio Meier, Gerd und Geralf Anfang der 1980er Jahre auf dem Boulevard in Halle (Saale)
Überall im Osten wurden Ausländerwohnheime angegriffen. Diese Welle der Gewalt schwappte sogar in den Westen über. Am 23.11.1992 wurden in Mölln Brandsätze in zwei Häuser geworfen, die von türkischen Familien bewohnt waren. Im Feuer kamen zwei Mädchen im Alter von 10 und 14 Jahren sowie deren Großmutter ums Leben. Außerdem gab es neun zum Teil schwerverletzte Opfer.
Am 29.5.1993 wurde ein weiterer, tödlicher Brandanschlag auf ein von türkischen Familien bewohntes Haus in Solingen verübt. Fünf Menschen, darunter ein vierjähriges Mädchen, starben. Weitere 17, darunter ein Säugling und ein dreijähriges Kind, erlitten zum Teil schwere, bleibende Verletzungen.
Es formierte sich nun erstmals auch erwähnenswerter Widerstand auf der bürgerlichen Seite. Überall wurden Lichterketten gegen die rechte Gewalt organisiert. Hunderttausende Kerzen erhellten Deutschland. Die Brandenburger Punkband Bloody Bones reagierte damals mit dem Song „Im Zeichen deutscher Wertarbeit“. In diesem wurde mit Textzeilen wie „… über eure Lichterketten lachen sie nur, doch da gibt es etwas und das ist viel besser, schlitzt sie auf mit dem Solinger Messer …“ direkt auf diese Morde und die Lichterketten reagiert. Jeder konnte in dieser Zeit sehen, dass Reden keinen Sinn mehr machte. Während bei den faschistischen Gewalttätern fast immer ein Auge zugedrückt wurde, reagierte die Staatsmacht auf diesen Song sofort. Er wurde verboten. Die Band bekam massiven Ärger und erhielt die Auflage, das Lied nicht mehr live zu spielen. Während die Faschisten unter den Augen der Staatsmacht mordeten und brandschatzten, stand bei einem Konzert der Brandenburger Punkband sogar eine Hundertschaft Polizei bereit mit der Anweisung, das Konzert zu stürmen, sobald dieses Lied gespielt werden sollte.
Trotz der vielen Lichterketten blieb die tägliche Gewalt. Der Kampf wurde immer blutiger. „Bombardiert Rostock“ stand auf T-Shirts und „Partisanen gegen Deutschland“. Teile der Punkszene wurden immer politischer. Auch wenn sich viele Punks im Osten nicht als links bezeichnen wollten, gegen Nazis waren damals alle. So gab es immer mehr geplante antifaschistische Aktionen. Gewaltlos und auch militant. Die Gewaltspirale drehte sich ins Unermessliche. Ich spielte damals ernsthaft mit dem Gedanken, Deutschland den Rücken zu kehren und endgültig auszuwandern. In irgendein Land ohne diese ganze Rechts-Links-Konfrontationen. Ohne diese Ausländerfeindlichkeit. Ohne diesen Rassismus. Ohne Nazis. In ein Land mit entspannten, netten Menschen. Zum Beispiel Griechenland, Portugal oder Laos.
Ich hatte lange genug in einer Diktatur gelebt. Die Gefahr, dass eine neue Diktatur entsteht, war für mich eine reelle Bedrohung. Der Bürgerkrieg um die Vorherrschaft auf der Straße tobte schon eine Weile und wurde mit der Zeit immer blutiger. Es herrschte Krieg in den Städten.
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