Kitabı oku: «Fast am Ziel», sayfa 7

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KRIEGSFRIEDEN
UMWEG #23

Wir versuchten, was wir konnten, aber diesen Schlossblick von der Bucht in den Sonnenuntergang, den erwischten wir einfach nicht. Wir kamen weder mit den Beinen noch mit den Rädern dicht genug an den Abhang, um runterzugucken. Aufgeben, wenn es um nichts geht, ist mir fremd. Rafał, so gutmütig wie abenteuerlustig, folgte meinem Vorschlag, die Klippe einen schmalen Weg herunterzufahren, der nichts als ‚Beach‘ versprach, was hier üblicherweise bedeutet, dass man dafür zahlen muss, auf Felsen liegen zu dürfen. Ein paar späte Sonnenselige kamen uns in ihren Autos entgegen. Unten war es leer: Diese Leere, die vorher schon im Trubel zu spüren ist, die sich aber erst mit dem Abziehen der letzten ‚Juxer‘ über das Land breitet und die die Wellen einzuebnen scheint. Alles wird flach. Wir stiegen aus. Ein Stück weiter sah ich etwas, das ich mir 95als Lösung unseres Wohin-Problems vor- stellen konnte. Rafał fuhr weiter über Sand und auf den Parkplatz. Von Nahem sah das Gebilde aus Räumen und Terrassen einladend aus, und das Personal so, als sei es anspruchsvolle Kundschaft gewohnt. „Wir wollen nur etwas trinken“, wehrte ich in meinem schnöseligsten Italienisch ab, aber jemand, der mir auch einen Smoking oder seinen Liebhaber verkauft hätte, führte uns verbindlich lächelnd an den Essmöglichkeiten vorbei auf eine Terrasse mit Strandbar ohne Strand und wenigen Gästen mit Gläsern.

Wir setzten uns dicht ans Meer, die Sonne war weg, und ich fand es etwas kühl. Silke trinkt dann meist Mineralwasser ‚con gas‘ und wenn möglich mit einer Scheibe Zitrone, manchmal gibt es sogar Sanbitter, das erinnert von Ferne an Campari ohne Alkohol; Rafał bestellt im Allgemeinen Aperol Spritz, besonders, wenn er wieder ans Steuer muss, und ich bleibe bei Negroni. So wie vorhin an der Badebucht gerade alles vorbei war, so hatte hier noch nichts angefangen. Die schwarzweiß angezogenen jungen Männer und Frauen, die später der Kundschaft gefallen sollten, lehnten noch lässig an der Theke. Schwarz- weiß war auch die ganze Einrichtung mit den tiefen Tischen und hochlehnigen Sesseln. Alles war wunderbar künstlich und gestylt. Nichts erinnerte an irgendetwas Lebendiges, es war die Kulisse für das Manifest von Unvergänglichkeit der Materie: Sterben ist unmöglich, alles wird zu Pulver und aus Pulver neu gemacht. Die Sonne war weg, die Gläser leer, wir gingen.

Form besteht aus Wiederholung, als wörtliches Zitat oder als Abwandlung des Ursprünglichen. Wir wählten den einfachsten Weg und fuhren zum Obelisken. Wer zwei Abende hintereinander ins selbe Lokal geht, der ist doch Stammgast, nicht? Der Wirt fragte: „Avete riservato?“ Da ich sonst ja eigentlich immer reserviere, fühlte ich mich ertappt, als hätte ich die Pasta-Zange in die Tasche gesteckt. „No“, antwortete ich schuldbewusst. Wir bekamen aber trotzdem einen Tisch, in der zweiten Reihe. Es war voller als gestern. Die Gruppe direkt vor uns beherrschte die Szene. Alle waren hübsch angezogen. Eine höchst aufgeräumte junge Frau versuchte, die ganze Gesellschaft zu belustigen, dreizehn, ohne sie. Sie ging herum und hielt dabei Plädoyers wie im Gerichtssaal. Einige lachten an einigen Stellen, andere schienen durchgehend das Einschlafen zu vermeiden. Offenbar sprach sie über jeden von ihnen, nicht unfreundlich, aber auch nicht sehr inspiriert, eher engagiert. Vielleicht war es unterhaltsamer, den Auftritt vom Nebentisch aus zu beobachten als 96dabeizusitzen. Das wäre mir früher nicht passiert: lieber zu beobachten als teilzunehmen. Warten statt machen. Eigentlich stand ich nie auf der Bühne, immer saß ich im Parkett. Ein schaler Gedanke. Der Averna schmecke wie Hustensaft. Ich trinke ihn ohne Eis, nicht, weil es gesünder ist, sondern, weil es intensiver schmeckt, heute nach Hustensaft.

Silke ging nicht nach drinnen wie Rafał und ich. Sie mag Stehklos nicht. Rafał hatte ein Date. Sein Smartphone bietet ihm allabendlich genügend Auswahl, um nicht im Hotelzimmer versauern zu müssen. Ich versüßte mir den Abendrest mit ‚Vienna‘ von Eva Menasse. Ab morgen würden wir auf dem Balkan sein, dem ‚Pulverfass‘, wie er wegen seiner revolutionären Unruhen gegen die österreichische Herrschaft seit dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches genannt wurde. Mir kam mein Gedicht von 1994 in den Sinn, dann schlief ich ein.

Kriegsfrieden Auf einem Stehklo in Sarajewo stand ich beim Hagel der Granaten mit einem bosnischen Soldaten allein zu zweit. Alles war eh so total beschissen, es kam schon gar nicht mehr drauf an. Da hab ich ihn – verrückte Zeit! – mitten im Pissen küssen müssen: schaurig, traurig, von Mann zu Mann.

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DIE SCHWEINE UND DER ADEL
UMWEG #24
SONNTAG, 17. JULI 2016

Um 10:00 Uhr waren wir schon wieder in Slowenien. Wir hatten es geschafft, uns eine halbe Stunde eher als vom Plan befohlen, auf den Weg zu machen. Rafał hatte meine Habseligkeiten ein- gesammelt und verstaut, während ich in mein ‚Reisekostüm‘ geschlüpft war: taubenblaue Jeans, taubenblaues Polohemd, taubenblauer, serviettendünner Pullover über den Schultern. „Ton in Ton“, machten sich Roland und Pali über mich lustig. An mir prallte das ab: Wenn sich alle Menschen von Kopf bis Fuß in einer einzigen Farbe kleiden würden, egal ob Shocking Pink oder Béchamel-Beige, dann wäre die Touristenwelt keine solche ästhetische Katastrophe, wie sensible Augen sie allsommerlich durchleiden müssen. Während Rafał beim Verfrachten des Gepäcks in ersten Morgenschweiß geraten war, hatte ich meine Kreditkarte aus dem Portemonnaie genestelt und die Rechnung beglichen. Wenn ein Rechtshänder das mit links macht, wirkt es nicht besonders lässig. Silke ist sowieso immer als Erste fertig. Ihre Zeiteinteilung ist perfekt. Sollte sie nicht auf die Sekunde pünktlich sein, weiß man, sie kommt gar nicht mehr.

Dieses Mal fuhren wir nicht an der Küste entlang, sondern abkürzend durch das slowenische Inland. Das Auffälligste hinter der sonst kaum erkennbaren Grenze waren die Schweine. Alle zwei, drei Kilometer konnten wir sie besichtigen, manchmal sogar einander schräg gegenüber zu beiden Seiten der Straße. Ihre Besonderheit bestand darin, dass sie im Ganzen an langen Spießen über Holzkohlefeuern hingen und schon ersten Schmorduft in den morgendlichen Himmel entsandten. Gewiss, wir waren nicht mehr in Italien, aber zum Islam Bosniens war es noch weit.

Um das Land nicht einfach zu achtlos zu durchqueren, hielten wir an einer Tankstelle. Ich gönnte dort nicht nur dem Mercedes seinen Diesel, sondern auch mir eine schön verpackte Flasche Whisky mit zwei Gläsern: Johnnie Walker. Silke machte das dazu passende gouvernantenhafte Gesicht, dann ging es weiter nach Kroatien. Die Grenze 98war offen auf unserer Seite, auf der Gegenfahrbahn herrschte Andrang. Überall denkt man: ‚Flüchtlingsroute‘. Seit vorigem Sommer, als ich ‚Europa im Kopf‘ schrieb, hat sich in allen europä- ischen Köpfen von Istanbul bis Edinburgh alles verändert.

Die Landschaft blieb gleich, eine leicht hügelige Ebene mit Wiesen, Laubbäumen, kurzen Häusern entlang der Straße, die jetzt zur gebührenpflichtigen Autobahn ausgebaut worden war. Da kam man sich doch gleich wieder kosmopolitischer vor als bei den slowenischen Schweinen. Aber nachdem wir die Autobahn verlassen hatten, hörte ‚Südkärnten‘ rasch auf. Die Ebene war gar keine gewesen. Wir erreichten eine Anhöhe, und von der aus sahen wir erst, dann fuhren wir, in Serpentinen steil hinab. Unten lag die Adria, weit und blau, oben wurde es von Kurve zu Kurve mediterraner: Pinien, Oliven, Agaven. Der in den Hang gebaute Ort, das war Opatija. Ich war gespannt. Meine Eltern waren 1960 von einem Golfurlaub in Kärnten dort gewesen und hatten es ‚niederziehend‘ gefunden.

Zwischen 1966 und 1979 war ich fast jedes Jahr in Italien gewesen. 1973 nicht. In Rom war Ingeborg Bachmann gestorben, in Neapel die Cholera ausgebrochen. Beides hatte mich genügend entsetzt, um mich auf andere Gedanken zu bringen. Die Europäer beschäftigte die Ölkrise, die Amerikaner die Watergate- Affäre, Harald und ich sannen nach Jahren des selbstverständlichen Italienurlaubs darüber nach, ob Ferien außerhalb Italiens möglich wären. So kamen wir auf die Balkan-Route, allerdings von Nord nach Süd, und unser erster Aufenthalt war in Opatija gewesen. Wir hatten im ‚Gailtal‘ in Kärnten übernachtet – damals lieferte der Name noch Munition für Zoten – und wir waren schwelgerisch begeistert gewesen von der Landschaft: zeitlos verträumt. Von Opatija waren wir nicht begeistert. Ostblock! Alexanderplatz am Mittelmeer, so schien es uns. Wir blieben keine Stunde.

Opatija, dieser Adria-Dreck, das war früher ‚Abbazia‘ gewesen, das mondänste Seebad der Donau-Monarchie. So viele gekrönte Häupter gaben sich dort die Ehre und die Klinke in die Hand, dass ‚Das goldene Blatt‘ eine Dependance hätte einrichten müssen. Neben dem Wiener und dem Berliner Kaiser nebst Gattinnen war dort aber auch die Familie Rinke anzutreffen. Maria Elshorst, die schöne ‚höhere Tocher‘ aus Essen, wollte so schnell wie möglich weg von ihrer kaltherzigen Mutter, die an ihren Kindern den Groll darüber ausließ, dass sie statt ihres 99ärmeren Favoriten den ungeliebten, reichen Bierbrauer hatte heiraten müssen.

Maria hingegen heiratete den feschen Leutnant Reinhold Rinke, die Anträge von Kommerzienräten und Bankdirektoren hatte sie abgewiesen, weil sie nicht nur katholisch, sondern auch doof – na ja, verblendet – war. ‚Offizier‘, das war Ende des 19. Jahrhunderts absolut angesagt, schmückender als jeder andere Beruf. Reinhold gab vor der Ehe sein Ehrenwort, dass er keine Schulden hätte, hatte aber doch welche, die dann sein Schwiegervater bezahlen musste, und obendrauf noch die Rechnung für ein neues Pferd. Das war ein Offizier sich damals wert, wenn er sich herabließ, eine Bürgerliche zu heiraten. Nach dem Ersten Weltkrieg saß Maria dann da: Ihr untüchtiger Gatte fand nie mehr eine vernünftige Position, ihr Vater verlor sein ganzes Vermögen während der Inflation, und ihre vier Söhne mussten großgezogen werden. Noch in den Sechzigerjahren hat sie auch mir gegenüber ihre Entscheidung bereut. Selber schuld. Gott, zu dem sie jeden Sonntag ging, konnte nichts dafür; allerdings hat er ihr den Schenkelhals gebrochen – eine Woche, nachdem sie die Caritas-Spende eingestellt hatte –, um sie zu strafen, wie sie ahnte.


Irene (1960 am Wörthersee)


Irene mit Verehrer (1960)


Reinhold Rinke (um 1900)

100Im Juli 1914 war die Welt der politisch nicht sehr aufgeweckten Maria Rinke noch in Ordnung. Die Familie machte Urlaub in Abbazia. Alle vier Söhne hatten Keuchhusten gehabt, Guntram, den Jüngsten, hatte es am schlimmsten erwischt. Während sich die älteren drei erholten, sahen sich die Eltern schon mal weiße Särge an, weil sie beschlossen hatten, die Leiche ihres Jüngsten nicht extra überführen zu lassen ins Reich, erzählte Guntram gern feixend. Wäre er damals wie befürchtet gestorben, wäre ich nicht geboren worden, und auch ohne Hitler wäre ich nicht auf die Welt gekommen, weil sich ohne seinen Krieg meine Eltern nicht im Zug begegnet wären. Spermien, Eizellen, Gene. Hätte es jemand in Indien oder Kanada, schwarz, weiß, gelb, rot, irgendwann ins Leben geschafft, der trotzdem ‚ich‘ gewesen wäre? Schwer zu sagen, fest steht, dass am 1. August 1914 der Erste Weltkrieg begann, Reinhold wurde sofort eingezogen, und eine Ära ging zu Ende. Abbazia erholte sich nie davon. Nach dem Ersten Weltkrieg ging es an Italien, das war nicht so schlimm, aber nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu Jugoslawien und verfiel völlig.

Merkwürdig: Mein Kopf denkt immer noch, er sei jung, aber Schwanz und Arschloch widersprechen heftig …101

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Originale Bilder: ©xbrchx/shutterstock.com, ©Sangaroon/shutterstock.com, Montage: ALEKS & SHANTU

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WILLKOMMENE ENTTÄUSCHUNG
UMWEG #25

Seit Kroatien selbstständig ist, haben sich alle viel Mühe gegeben. Als wir den Stau zum Zentrum hinter uns hatten, kamen wir auf eine gepflegte Palmenpromenade mit herrschaftlichen Hotels aus K.-u.-k.-Glanzzeiten.

104Weiße Fassaden, hohe Fenster, Stuck. Rechts und links, über Kilometer. Aber so ein Trubel. Menschenmassen in Cafés und Strandbars. Um die Hautevolee handelte es sich dabei offensichtlich nicht. Silke war nicht begeistert, aber ich fand, wir müssen der Umgebung eine Chance einräumen. Mittendrin, vor dem Grandhotel ‚Palace Bellevue‘, fanden wir sogar eine einsame Lücke am zugeparkten Straßenrand, für die sollte man sich in Kuna erkenntlich zeigen. Selbstverständlich hatte Silke bereits in Hamburg Kuna besorgt, aber eher, um Restaurant-Rechnungen zu begleichen, als um Kleingeld in Automaten zu stopfen. Rafał wollte wechseln, die ‚Boutiqueusen‘ wollten nicht. Schon vorher hatte ich eine herbe Enttäuschung zu verkraften gehabt: Die Balustrade zur Terrasse musste zwar über viele Stufen erobert werden, doch von dort bot sich bestimmt ein herrlicher Blick über die Promenade aufs blaue Meer, während man in bequemen Fauteuils versank und anregende Getränke schlürfte. So war es nicht. Das Meer war durchaus blau, die Terrasse nicht bewirtschaftet. Das Hotel wirkte bestreikt. In der Halle musste ich an ‚The Shining‘ denken. ‚Grandhotel Palace Bellevue‘! Warum nicht noch ‚Excelsior Casino Bellagio Mandarin Four Seasons Alcazar‘ dazu? Jemand, der das Hotel später und gründlicher als wir besucht hatte, stellt bei ‚TripAdvisor‘ fest, dass dort der Charme des Kommunismus wieder auflebe. Aber von außen sah es gut aus, fand ich. Silke und ich setzten uns an der Promenade unter die Arkaden eines ansehnlichen Gebäudes und warteten ab, bis Rafał vom Geldwechseln plus -einwerfen zurückkam und die überforderte Kroatin unsere Bestellung aufnahm. Wir sahen den Ausschnitt von Opatija und seinem Strand, den unsere Plätze uns boten, und Silke sagte: „Hier möchte ich nicht Urlaub machen.“

Viertel nach eins stiegen wir wieder in den gut durchgewärmten Mercedes und fuhren entsprechend den Vorstellungen der Navifrau die Promenade weit entlang bergauf bis zu einer schmalen Seitenstraße, die dann wieder runterführte. Als der Weg gerade be- sonders unübersichtlich war, verkündete sie ihr gefürchtetes „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“ Wagen standen dicht an dicht geparkt, hinter uns hupte es, Rafał ließ uns aussteigen und fuhr auf gut Glück weiter. Irgendwo vor Koper musste Istrien doch noch eine Abstellmöglichkeit bieten.

Silke und ich gingen zum ‚Valle Losca‘. Draußen konnte man nicht sitzen, schade. Drinnen auch nicht. Sehr schade. Es war geschlossen. Silke hatte nicht nur geschrieben, sie hatte mit den Leuten 105telefoniert. War trotzdem zu und wir aufgeschmissen. Silke versuchte, Rafał auf dem Handy zu erreichen, klappte nicht. Bei ‚TripAdvisor‘ hatte es geheißen: ‚Super Lokal, lecker Essen, toller Chef und Bedienung, geniales Ambiente, entspannte Atmosphäre …‘ und nur in diesen Tönen. Half ja nichts. Die Luft stand schwül vor der abweisenden Tür. Obwohl ich sowieso nie Hunger habe, kam ich mir ausgesperrt vor. Ich teilte Silkes Mischung aus Empörung und Schuldgefühlen: Als ob man in Badehose am Vatikan abgewiesen wird oder in Burka am Bankschalter. Nur war eben keiner da, bei dem wir uns beschweren konnten, dass wir doch manierlich angezogen seien und Trinkgeld in der Landeswährung bereithielten. Rafał kam, und wir gingen gleich mit ihm zurück durch die fahle Hitze. In dem Einbahnstraßengewirr hätte er uns mit dem Auto nie wieder gefunden. Es war natürlich schmerzlich, die schöne, rare Parklücke so schnell zu verlassen, aber dort zu parken, wo man nicht sein will, nur weil da Platz ist, wirkt irgendwie dickköpfig.

Mit stechendem Blick sah ich nach rechts und wurde bald fündig: Ein Dreieck zwischen unserer und einer einmündenden Straße beherbergte ein Restaurant mit großer Terrasse. Davor fanden wir sogar eine Möglichkeit zu parken, versehen mit einem Schild, dass das verboten sei. Wir dachten, das Lokal sei auch geschlossen, aber eine freundliche Frau kam und sagte, wenn wir ihre Gäste seien, dürften wir da parken, sie kenne die Polizisten. Wir saßen unter Sonnenschirmen von ‚Jana‘, dem kroatischen Mineralwasser, dass Rafał so schlecht leiden konnte, dass er bis zu unserer Abreise aus Kroatien auf alle möglichen Getränke auswich, die seine Leber sicher nicht alle lieber mochte als den salzigen Sprudel. Während derselben Zeit bekam ich keinen Fernet Branca, ein Malheur für meinen Darmtrakt ab Kehle; gut, dass ich wenigstens Whisky hatte.

Die nette Frau erschien mit Fischen, die so behaglich auf Eis gebettet lagen, dass man fast mit ihnen tauschen wollte. Es wurde ein wunderbares, sorgloses Essen. Die Toiletten waren Schmuckstücke, und es kamen sogar noch zwei weitere Gäste. Ich wünschte unserer Gastgeberin für den Abend mehr Publikum, aber wir mussten ja weiter; die Küstenstraße südwestlich, entlang an Villen und Nadelhölzern in etwa hundert Metern Höhe. Es hätte laut Routenplaner 35 Minuten dauern sollen, nach einer Stunde kamen wir ans Ende einer Schlange. Ich vermutete ein Verkehrshindernis. Rafał stieg aus und ging um die Ecke: Bis unten standen Autos, die alle auf die Fähre wollten. Ich 106war wütend. Warum blieben die nicht in Opatija oder in Bad Salzuflen? Wir warteten fast zwei Stunden, bis auf der Straße etwas geschah. Mein Unterleib war wie üblich schneller, musste sich aber vom Hirn disziplinieren lassen. Gleichzeitig sagte ich mir gebetsmühlenartig, wie schön es hier am Straßenrand sei, das gut gekühlte Auto, das Gras, der Sand, die Dornen.

Ich war gerade dabei, mich zu beschimpfen, dass andere jetzt im Schlauchboot auf dem Mittelmeer treiben und die Nacht nicht überleben werden, da ging es weiter, zwar langsam, doch stetig. Wir kamen sogar noch auf die Fähre, ich konnte es kaum fassen, und fast genauso schön, es gab sogar eine Toilette. Kein Vergleich zu der gediegenen Örtlichkeit unseres Mittagessens, aber manchmal hat man keine Wahl und kann, um das Gegenbild zu bemühen, eine schlichte Mahlzeit zur rechten Zeit mehr genießen als ein erlesenes Gericht zur falschen. Die Menschen im Schlauchboot brauchte ich gar nicht, um dankbar zu sein. Menschen, die ihr Glück nicht genießen können, weil das Leid der Welt sie zu sehr stört, sind zu bewundern, wenn sie daraus Konsequenzen ziehen, ansonsten denke ich, die haben einen an der Waffel.

Menschen, die ihr Glück nicht genießen können, weil das Leid der Welt sie zu sehr stört, sind zu bewundern, …107

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Originale Bilder: ©SeDmi/shutterstock.com, ©Kitch Bain/shutterstock.com, ©Vova Shevchuk/shutterstock.com, Montage: ALEKS & SHANTU

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AM HANG
UMWEG #26

Die Überfahrt nach Cres dauerte keine Stunde. Rafał flitzte wie immer durch die Gegend. Ich saß mit Silke auf einer Bank.

110Ständig traten Leute an die Reling und versperrten uns den Blick aufs Wasser. Sie hatten alle mein Plädoyer für einfarbige Kleidung nicht gelesen, sondern bevorzugten als Lieblingsfarbe Bunt. Menschenfreundlicher wird man wohl nicht im Alter, das kommt nur in rührenden Kinderbüchern vor. Wenn man viel Geld hat, kann man ausweichen, wenn man keins hat, muss man seine Umwelt ertragen.

Raus aus dem Schiff kommt man immer schneller als rauf auf das Schiff. Das klingt nach Arche Noah und Titanic, ist aber bloß wahr und trifft auch auf Flugzeuge zu. Wir hatten bald Asphalt unter den Rädern und waren in Erobererlaune. Damit wir nicht zu übermütig wurden, mussten wir hinter einer Caravan-Karawane herfahren. Bergauf, bergab. Die Umgebung war ziemlich garstig: karstig, steppig, Gestrüpp. Trotzdem verließ ein Wohnwagen nach dem anderen die Straße, um es sich auf einem der vielen Campingplätze gemütlich zu machen. Hochmütig winkten unsere Blicke ihnen nach: Wir würden es viel, viel schöner haben. Da war ich mir sicher. Silke legt mir unter Briefe, die ich lesen muss, und Vordrucke, die ich unterschreiben muss, immer ein, zwei Magazine, die ich nicht zur Kenntnis zu nehmen brauche. Dazu gehört auch das ,American Express‘-Magazin ‚Departures‘.

Bis ich zwölf war, bekam ich 50 Pfennig Taschengeld in der Woche. Nach zwei Monaten hatte ich die vier Mark für eine Caterina-Valente-Platte zusammen. Dann wurde mein Taschengeld auf zwei Mark im Monat erhöht, aber ich mochte Caterina Valente nicht mehr, konnte also sparen. Erst weitere zwei Jahre später kam Mozart, und Shirley Bassey trat ihren Siegeszug in mein Herz nicht vor 1967 an.

Nach heutigen Begriffen wurde ich knappgehalten, aber weil meine Mutter an den Kassen von ‚C&A‘ und ‚Salamander‘ für meine Kleidung und meine Schuhe zahlte, brauchte ich nicht mehr, fanden meine Eltern. Essen gab es ja für mich umsonst, Süßigkeiten mochte ich sowieso nicht, und zu Weihnachten und zum Geburtstag bekam ich neue Puzzles, die konnte ich dann legen. Mir reichte das, ich fühlte mich nicht unterversorgt. Pali sagte später: „Du wurdest immer zu knappgehalten, darum hast du kein Verhältnis zum Geld bekommen.“ In seinen Augen war ich geizig, er in meinen verschwenderisch.

Nach dem Abitur bekam ich vierzig Mark im Monat, das reichte fürs Kino und einmal Restaurant. Für Garderobe war weiterhin meine Mutter zuständig, die Privatstunden für Komposition bei Professor Klussmann zahlte mein Vater. 111Als ich 1969 Lehrling bei der ,Deutschen Grammophon‘ wurde, musste ich mir ein Konto zulegen, auf das die 270 Mark im Monat überwiesen wurden. Im zweiten Jahr waren es fünfzig Mark mehr. Mein erstes Gehalt als Festangestellter betrug 1200 Mark. Da fing ich an, über eine eigene Wohnung nachzudenken. 1973 bezog ich sie. Da verdiente ich schon 1800 Mark und kam gut damit aus. Inzwischen hatte ich europaweit zu reisen begonnen. Mein Reiseetat überschritt bald mein Gehalt. Damals hatte jedes Land seine eigene Währung, es war praktischer, mit Kreditkarte zu zahlen. ‚Diners Club‘ war die erste am Markt und auch meine erste. Dann wurde es chic, mehrere Kreditkarten zu haben, ich hatte drei. Die ,American Express‘ habe ich behalten, als ich ‚Deutsche Grammophon‘ verließ, und sogar ‚platinum‘ beantragt. Warum, weiß ich gar nicht. Ich habe sie wohl am meisten genutzt und fand sie ‚exklusiver‘ als ,Visa‘ und ,Mastercard‘, dafür ist sie zur Strafe auch weniger einsetzbar.




Roland (1979)

Zwischen Hawaii und Australien habe ich in den Achtzigerjahren große Summen mit dieser Karte bezahlt. Zwischen 1994 und 2014 wurde wenig mehr als eine monatliche Versicherung bei ihr abgebucht. Jetzt freut sie sich wieder. Mein Leben gliedert sich, die 112Seele mal weggelassen, per heute in drei Abschnitte: 23 Jahre Entwicklung, 24 Jahre Berufsleben, 23 Jahre Selbstständigkeit. Wie lange nun die Entwicklung dauern wird, bleibt interessiert abzuwarten, auch von meinem ,kundenorientierten‘ Kreditinstitut. ,American Express‘-Mitglied bin ich seit 1979, da waren die meisten Mitarbeiter des Unternehmens noch gar nicht geboren, und das Magazin gab es auch noch nicht. Gegen meine Gewohnheit blätterte ich die Februar-Ausgabe durch und stieß auf das ‚Boutique Hotel Alhambra‘, genauer gesagt, auf dessen Bilder. Die gefielen mir, und ich dachte, das müsse doch von Meran aus für eine Urlaubswoche zu erreichen sein: nach 28 Jahren endlich wieder etwas Neues. Achtundzwanzig Jahre. Kaum zu glauben! Aber seit Maui hatte ich keine Insel, kein Land mehr besucht, das neu für mich war. Die eine Übernachtung in Oslo 1991 zähle ich nicht.

Nun habe ich aber, die Festplatte macht es möglich, meinen Bericht von damals an Pali nochmal gelesen: Die norwegische Landschaft passt zu dieser hier, 2000 Kilometer weiter südlich, und die Stimmung von damals ist allgegenwärtig, also zähle ich jenen Aufenthalt doch und füge hier meinen gekürzten Text ein:

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Litres'teki yayın tarihi:
25 mayıs 2021
Hacim:
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ISBN:
9783963114236
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