Kitabı oku: «Flüchtige Verstrickungen», sayfa 3

Yazı tipi:

Auch bei einem Teil meiner Gäste hatte ich den Eindruck, dass sie diese Nacht für endlos erklärt haben mussten, denn keiner machte Anstalten sich dem Sog seines Partners zu entziehen, oder gar meine Fete verlassen zu wollen. Ob im Dunstschleier meines Zimmers oder auf dem Treppenabsatz, ein Abklingen des Geräuschpegels konnte ich nirgendwo ausmachen, obwohl es mittlerweile bereits auf drei Uhr zuging. Erst als die Nacht sich anschickte dem neuen Tag ganz sanft das Feld zu räumen, wurde es allmählich stiller in meinem Haus zwischen den Welten.

Ob in seliger Zweisamkeit vereint, oder dem ausgiebigen Alkoholgenuss erlegen, nach und nach ergab sich jeder dem natürlichen Bestreben, gemeinsam mit seiner Eroberung in eine horizontale Lage zu kommen. Ähnlich wie im Dornröschenmärchen, in dem der Hofstaat in eine plötzliche Starre verfällt, lagen irgendwann all meine Gäste voll narkotisiert und durcheinander gewürfelt, dicht an irgendeinen Partner gekauert, und schliefen einen kollektiven Schlaf.

Gitti ging es genau wie mir, die aufregende Spannung des verliebt seins hatte uns bisher vom Einschlafen abgehalten. Vermutlich waren wir auch die Letzten, die noch gegen die Müdigkeit ankämpften, weil wir uns einfach nicht ergeben wollten. Durch die dicht beschlagenen Fensterscheiben dämmerte schon der Morgen, als wir beide eng ineinander gerollt schließlich den vergeblichen Kampf gegen das Wachbleiben aufgaben. Beim Hinüberdämmern in das andere Ufer der Nacht hatte ich noch den köstlichen Geschmack erfüllten Begehrens auf der Zunge und ließ mich fallen, hinein in einen glückseligen Traum.

Irgendwann unterbrach ein penetrant wiederkehrendes lautes Klopfen meinen wundervollen Traum, und zwar genau an der Stelle, wo meine Lippen dabei waren Gittis kleine Brüste zärtlich zu umschmeicheln. Ich war völlig benommen und gar nicht in der Lage irgendetwas zu realisieren, als diese dumpfen Schläge, die wie das Schlagen einer Trommel unaufhörlich mein Gehör malträtierten, wie wild auf mich einhämmerten. Als hätte mich ein Blitz getroffen, katapultierte ich mich aus meinem träumenden Glückstaumel, schnellte jäh hoch und glaubte meinen Augen nicht zu trauen, denn in der weit geöffneten Wohnungstür stand, meinen Namen laut in den Raum schreiend, meine Nachbarin:

„Stehen sie auf, schnell, es brennt, stehen sie auf!“ Sie war total aufgeregt, fuchtelte wild mit ihren Händen herum und drängte mich, umgehend mit ihr nach unten zu kommen. Ihre Verbalattacke zeigte so schnell bei mir erst einmal keine Wirkung, denn ich war krampfhaft bemüht überhaupt aufzustehen, und unternahm alle Anstrengungen um in die Senkrechte zu kommen, rieb mir verzweifelt die Augen, weil ich nach wie vor überzeugt war, dass ich mich noch im Traumland befände.

Aus weiter Ferne, von draußen kommend, registrierte ich in meinem vermeintlichen Wachkoma letzte akustische Warnsignale einer Feuerwehr, die gerade dabei waren wieder abzuebben, bis sie, wie auf ein Kommando hin, plötzlich schlagartig verstummten. Alle Kraft zusammen nehmend rappelte ich mich mühsam auf, und stand zunächst zur Säule erstarrt zwischen den am Boden liegenden, ineinander verflochtenen Leibern. Meine Nachbarin geriet fast außer sich und drängte mich, doch nun endlich zu kommen. Als ich auf sie zuwankte, wollte ich einfach nicht wahrhaben, was ich da vor mir sah:

Aus dem Treppenhaus kommend arbeiteten sich dicke Schwaden schwarzer Rauchwolken langsam bis in mein Zimmer vor, rollten wie eine dunkle Regenwolke auf mich zu und nahmen mir fast den Atem. Spätestens jetzt war ich hell wach und wieder Herr meiner Sinne. Mir selbst einen Stoß versetzend, hüpfte ich torkelnd über das am Boden liegende Menschenknäuel, rüttelte Gitti und danach alle anderen wach und rannte wenig später, nur mit der Unterhose bekleidet, als hätte man mich beim verbotenen Liebesakt ertappt, hinter meiner Nachbarin her die Treppe hinunter.

Schon auf dem ersten Treppenabsatz konnte ich erkennen, dass die dicken Rauchschwaden, aus der Besenkammer kommend, im Begriff waren sich in rasender Geschwindigkeit weiter nach oben zu arbeiten, um mittlerweile das gesamte Treppenhaus einzunebeln. Durch die dichte schwarze Wand hindurch sah ich hin und wieder, wenn auch nur schemenhaft, die silbernen Blitze blanker Feuerwehrhelme huschen. Zwischen dem undurchsichtigen Nebel erblickte ich einige emsig durcheinander wirbelnde Männer, die mit angelegter Gasmaske damit beschäftigt waren, mittels einer langen Eisenstange ein großes, stark qualmendes Monster aus der Besenkammer herauszuziehen.

Endlich auf dem unteren Treppenabsatz angekommen, stand ich mit zitternden Knien wie ein Häufchen Elend hinter meiner mit zusammengekniffenen Augen dastehenden Nachbarin. Vor lauter Angst schlotternd sah ich auf die total verschlafenen, durchnächtigten Gestalten, die sich mittlerweile treppauf hinter mir wie zu einem Gruppenfoto drapiert hatten. Wie angewurzelt standen sie alle auf den Stufen der Treppe, jeglicher Lebensäußerung unfähig. Ich blickte durchweg in blasse, erschrockene Gesichter, die sich Taschentücher oder Kleidungsstücke vor den Mund gehalten hatten. Sah wie meine Freunde mit geröteten Augen und kreidebleichen Gesichtern wortlos die Rettungsaktion der Feuerwehrmänner verfolgten.

Immer noch völlig benommen hatte ich das Gefühl, wie ein Außenstehender an dieser bizarren Szenerie teilzunehmen. Meine verschlafenen Augen beobachteten, wie die Männer in ihren schwarzen Uniformen mit vereinten Kräften, bewaffnet mit Schaufeln, Stangen und einem roten Schaumlöscher, den schwelenden, bereits nach draußen beförderten Brandherd mit dickem weißem Schaum besprühten, der sich wie eine frische Schneedecke wellenförmig über das qualmende Monster legte.

Schon nach dieser kurzen Löschaktion wurde mir langsam klar, der vermeintliche Übeltäter war der zusammengerollte alte Teppich gewesen. Diese nachlässig in die Kammer abgestellte Rolle hatte vermutlich dem letzten Pärchen als Ruheplatz nach dem Schlüpfersturm gedient und beim Einschlafen musste einer der Liebenden seine Zigarette nicht richtig entsorgt, oder sie in taumelnder Erregung im Teppich ausgedrückt haben.

Die Brandursache war damit für mich zweifelsfrei geklärt. Nicht so klar waren mir allerdings in diesem Moment die Folgen, die dieser abenteuerliche Abschluss meiner illustren Geburtstagsfete für mich noch haben konnte. Und obwohl mich meine Nachbarin vor Ort verbal erst einmal zur Schnecke gemacht hatte, half sie mir zu meinem großen Erstaunen im Nachhinein bei der Protokollaufnahme, zu der ich allein wohl gar nicht fähig gewesen wäre. Unaufhörlich hatte sie beschwichtigend auf den Feuerwehrhauptmann eingeredet, der sich offensichtlich wohl auch durch ihren Redeschwall wieder hatte beruhigen lassen. Wie ich später feststellen konnte, mussten ihre mit viel Geschick vorgetragenen Argumente diesen Mann letztlich sogar überzeugt haben:

Dies sei ausnahmslos mein jugendlicher Leichtsinn gewesen, gepaart mit der hinlänglich bekannten Unachtsamkeit junger Leute, all diese leichtsinnigen Verhaltensweisen hätten letztlich zu diesem kleinen Vorkommnis geführt. Erstaunlicherweise musste das für den Hauptmann irgendwie einleuchtend geklungen haben, denn er schien es sogar zu glauben, hatte dem absolut nichts mehr entgegenzuhalten, machte kehrt und befahl seinen Leuten den Rückzug. Als die alarmierte Feuerwehr nach einer knappen halben Stunde, und dass ohne die Androhung irgendeiner Strafe wieder abzog, war ich mehr als beruhigt und konnte endlich wieder tief durchatmen, ein großer Stein fiel lautlos von meinem Herzen.

Trotzdem war ich zutiefst hilflos, stand wortlos fröstelnd, nur mit einer dünnen Unterhose bekleidet, inmitten meiner ebenso spärlich bekleideten Gäste, und starrte hilflos auf die große, noch leicht vor sich hin schwelende Teppichrolle.

Ein wenig ratlos waren wir alle, standen barfuss auf dem feuchtkalten Rasen und mussten erkennen, wie schnell sich der Hauch von dolce Vita, der eine ganze Nacht lang über uns geschwebt hatte, ganz schnell wieder im Nichts auflösen konnte.

Durch den aufsteigenden Nebel mühten sich bereits die ersten Sonnenstrahlen. Für mich und meine Freunde endete, wenn auch mit einem kleinen Schrecken, ein aufregender Geburtstag und ein neuer Septembermorgen nahm seinen Anfang.

3

Ausgerechnet am Morgen nach meinem Geburtstag musste ich recht früh in das DEFA Studio fahren. Meine letzten Gäste hatten sich gegen sieben Uhr verabschiedet, und ich musste mich sputen um die auffälligsten Hinterlassenschaften meiner Fete einigermaßen aus dem Weg zu räumen, hüpfte eilig ins Bad, um unter der Dusche meinem Normalzustand wieder ein wenig auf die Sprünge zu helfen. Als ich wenig später ungefrühstückt aus dem Haus stürzte, fühlte ich mich doch etwas wacklig auf den Beinen und verlangsamte meinen Gang um mir zur Stärkung eine Zigarette anzuzünden.

Schon mit den ersten Rauchwölkchen schickte ich alle störenden Gedanken erleichtert in den Morgenhimmel, denn das wunderbare Erlebnis mit Gitti hatte sich ganz tief in mir eingekrallt. Meine Gedanken balancierten zwischen Traum und Wirklichkeit. Dieses Fallenlassen hatte ich bisher in keiner Beziehung, und schon gar nicht in dieser Intensität gefühlt, mehr noch, unsere Schwingungen waren absolut auf gleicher Ebene verlaufen. Ob geistig oder sexuell, unsere Empfindungen hatten sich auf wundersame Weise ergänzt, sich im Miteinander ausgetauscht, waren letztlich sogar ein wenig in einander verschmolzen. Für mein Zeitempfinden hatte das intensive Zusammensein mit Gitti eine gefühlte Ewigkeit gedauert und trotzdem befürchtete ich, dass all dies vermutlich wohl ein schöner Traum bleiben würde. Gitti hatte schließlich einen Partner an den sie durch ihre Ehe mehr oder weniger gebunden war, ich hingegen war ledig und frei.

Wenn ich jetzt versuchte nüchtern darüber nachzudenken, begann meine anfängliche Euphorie, die auch an diesem Morgen überhaupt nicht nachlassen wollte, ganz allmählich wieder zu zerbröseln, und letztlich ergab sie sich dem Zwang der nüchternen Realität. Genau diese Wirklichkeit aber wollte ich auf keinen Fall annehmen, wollte sie einfach beiseite wischen, wollte weiter träumen, musste aber erkennen, dass sich erste trübe Schleier über den gerade gelebten Traum legten. Die eben noch vorhandenen imaginären Glücksmomente wurden im Handumdrehen wieder weggewischt, aufgesaugt vom nebligen Dunst des Alltäglichen.

An ihrer Stelle tauchten scharf konturierte Bilder wie aus dem Nichts vor mir auf, stellten sich mir in den Weg, überlebensgroß, blieben unverrückbar und in jedem dieser Bilder sah ich plötzlich ein Hindernis, stand vor einer Barriere, vor Problemen die aus verschiedenen Gründen vorerst nicht zu lösen waren. Zwiespältige Gefühle schlichen sich in mein Unterbewusstsein, nagten an meiner Hochstimmung, stellten mir die unbequeme Frage nach einer klaren Entscheidung. Aber wollte ich überhaupt Fragen zulassen, Konflikte an mich heranlassen, oder wollte ich mich wieder einmal dem Augenblick des kleinen Glücks hingeben? War der Zustand in den ich über Nacht gefallen war nur eine Momentaufnahme, oder konnte ich auf ein gemeinsames Morgen hoffen? Fragen, die mich total verunsicherten, die ich einfach nicht beantworten konnte, vielleicht aber auch gar nicht wollte.

Im Widerstreit der Gefühle kamen Zweifel auf, darunter mischten sich Gedanken an meine frühere Freundin Marion, schließlich war sie in Babelsberg meine erste große Liebe gewesen. War diese Nacht mit Gitti vielleicht der Beginn einer neuen Liebe, und war es die uneingeschränkte wirklich große Liebe, die ich damals in jener Babelsberger Sommernacht auch schon bei Marion glaubte gefunden zu haben, oder war es vielmehr jene Blindheit, die man grundsätzlich einer totalen Verliebtheit zuschreibt?

Wenn ich jetzt die beiden Beziehung miteinander verglich, Gitti aus meiner Betrachtung herausließ, traten Marions Konturen schon etwas deutlicher in den Vordergrund und das alles verklärende Rosarot, in dem ich sie einst gesehen hatte, wich dem nüchternen, analytischen Blick auf das Wesentliche unserer damaligen Beziehung:

Marion hatte ich bei einem Tanzabend im Ratskeller kennen gelernt. Sympathie und ein kleiner Anflug von Verliebt sein war von uns beiden ausgegangen, genau wie das natürliche Verlangen nach Körperlichkeit, nach dem Ausloten unserer sexuellen Intimität. Nach diesem ersten Kennen lernen war nicht einmal eine Woche verstrichen, und es gab wieder einen heißen Tanzabend in den Clubräumen des Ratskellers. Am Ende des Abends hatte auch Marion das Bedürfnis mit zu mir zu kommen, weil wir beide überzeugt waren, jetzt müsse es einfach sein.

Es war eine Nacht, die sich noch lange in meinem Gedächtnis aufgehalten hat, einzig vom Überschwang der Gefühle diktiert, wie es so oft bei der ersten großen Begegnung zweier Liebenden empfunden wird. Im Taumel zwischen heftigen Umarmungen und zärtlichen Küssen dauerte es quälende Stunden bis ich glaubte, dass sich unsere Schwingungen nach unendlich zähem Ringen endlich auf gleicher Wellenlänge getroffen hätten. Bei mir hatte sich dieses Gefühl von Harmonie zwar erst ganz allmählich hergestellt, und deshalb wollte ich unbedingt herausfinden, ob auch unsere Körper in der Lage waren, sexuell einen harmonischen Gleichklang zu entwickeln. Aber schon wenig später schlich sich bei mir so etwas wie Enttäuschung ein. Zu meinem Bedauern musste ich erkennen, dass wir im erotischen Umgang miteinander grundsätzlich sehr unterschiedliche Vorstellungen und Empfindungen hatten. Im Nachhinein erinnere ich mich noch sehr genau an den Verlauf jenes Abends, diktiert von der Suche nach der großen Liebe, an meine unendliche Sehnsucht nach Erfüllung, und an die einzelnen Vorgänge, wie sie auf meinem Sofa abgelaufen sind, sich nachhaltig in mein Gedächtnis eingegraben haben:

Ungewöhnlich lange war ich damit beschäftigt Marion auszuziehen, um sie nach Überwindung meiner Scheu endlich meiner Begehrlichkeit zuführen zu können, sie einfach zu nehmen, um so meinem zögerlichen Verhalten ein für allemal ein Ende zu setzen, so mein Vorsatz. Dieses ständige Hinauszögern von entschlossenem Handeln, besonders wenn es darum ging, eine Frau richtig zu erobern, hatte primär etwas mit meiner damaligen Einstellung des Herangehens an den weiblichen Körper, mit meiner Auffassung von Sexualität, zum Teil aber auch mit meinen total verklemmten Ansichten im Umgang mit dem weiblichen Wesen zutun, Relikte aus der religiös geprägten Erziehung meiner Eltern. Was auch immer es gewesen sein mag, in meinem Unterbewusstsein hatte sich schon in frühen Kindheitstagen diese ängstliche Ehrfurcht vor der Sexualität des weiblichen Körpers eingenistet. Falsch sortierte Befindlichkeiten, die auch noch später jedes vordergründige sexuelle Begehren unterdrückten, mich permanent daran hinderten, pure Sexualität genussvoll ausleben zu können.

Den Akt der körperlichen Vereinigung betrachtete ich vielmehr als die absolute Krönung, hielt ihn für den Tabernakel der Liebe, sah in ihm das allerhöchste Glücksgefühl. Sich mit seinem ganzen Körper, mit allen Sinnen uneingeschränkt dem Partner hinzugeben, für mich der Beweis für die wahre, für die große Liebe. Dieses Denken steuerte in jenen Tagen einzig und allein mein gesamtes Handeln. Reines animalisches Verlangen hatte ich weit hinter die Größe einer wahren Beziehung gestellt, und ausnahmslos der ethischen Begrifflichkeit von Liebe untergeordnet.

Die Nachhaltigkeit solcher Augenblicke, Momente in denen ich ganz andere Erfahrungen machen musste, hat noch lange in mir gelebt. Auch heute erinnere ich mich noch genau an einzelne Sequenzen jener Nacht mit Marion, an meine überaus schüchterne, zärtliche Vorgehensweise, an das Zittern meiner Finger, die zaghaft versuchten Marions Körper zu berühren, wie sie unendlich zögerten, sich sogar sträubten, ja beinahe verkrampften, sich umständlich mühten, um bis zu ihren kleinen runden Hügeln vorzudringen. Kein anderes Begehren im Sinn, als ihre zarten Brüste sanft streicheln zu können.

Ohne es zu wollen, hatten zwei Gefühlswelten in mir rumort, waren einen ungleichen Kampf gegeneinander angetreten, lösten ein Beben in mir aus, von dem ich befürchten musste, dass es mich augenblicklich zerreißen könnte. Mein rationales Denken war in diesem Moment wie ausgelöscht, ich wusste überhaupt nicht mehr, war es genau diese immerwährende verdammte Ehrfurcht, oder war es schlicht die ungeheure Aufregung in mir, die mit einem Schlag meinen ganzen Körper erschütterte, ihn nahezu handlungsunfähig machte. Alle Voraussetzungen für eine körperliche Vereinigung, für das genussvolle Ausleben von Sexualität, waren damit schon im Vorfeld wieder ausgeschaltet worden, hatten das gemeinschaftliche Erlebnis einer gegenseitigen Befriedigung einfach blockiert. Wie nicht anders zu erwarten, kam es bei mir zur vorzeitigen Ejakulation.

Viele Monate brauchte es bis ich begriffen hatte, dass Marions Vorstellungen von einem erfüllten Liebesleben auf einer ganz anderen Ebene gelegen hatten. Dieses zögerliche Handeln, meine übertriebene Sensibilität und meine Zaghaftigkeit, all diese Verkrampfungen hatten bei ihr wohl eher einen Pennäler haften Eindruck hinterlassen und ich war mir im Nachhinein völlig sicher, dass sie von mir ganz einfach nur erwartet hatte, genommen zu werden.

Obwohl wir fast gleichaltrig waren, kam ich mir damals sehr viel jünger, insbesondere aber sehr viel unreifer vor. Wenn ich dieses Phänomen heute aus der Distanz betrachte, scheint sich dieser geschlechtertypische Unterschied bei gleichaltrigen Jugendlichen, setzt man ein von gegenseitiger Achtung geprägtes Frauenbild voraus, bis heute nicht wesentlich verändert zu haben. Mag sein, dass die Erfahrung unterlegen zu sein, damals für mich eine große Enttäuschung auf der Suche nach Erfüllung, aber auch eine wichtige Erkenntnis in einem lang andauernden Reifeprozess war.

Seit jener Nacht hatte sich unsere Beziehung mehr und mehr abgekühlt, nichts war geblieben vom leidenschaftlichen Begehren, von Schwingungen auf gleicher Wellenlänge, vom Gleichklang der Empfindungen. Mein unerfüllter Wunsch nach wirklicher Liebe, mein Streben nach Harmonie, all meine schwärmerischen Sehnsüchte, sie verloren sich in Belanglosigkeit.

Zuweilen geschah es, dass sich unsere Wege wieder kreuzten, ob auf Tanzabenden im Ratskeller, oder auch im Lindencafe. Zu verbindlichen Verabredungen ist es seit dem ersten Abend unserer Begegnung aber nie wieder gekommen, nicht einmal auf ein Glas Rotwein im Cafe. Manchmal endet eine große Liebe eben auch genau so schnell wie sie begonnen hat.

Wenn ich in diesem Zusammenhang jetzt wieder über das Erlebnis der letzten Nacht nachdachte, sie den enttäuschenden Erfahrungen mit Marion gegenüberstellte, empfand ich unser zufälliges Aufeinandertreffen völlig anders gelagert. Wenngleich ein leidenschaftliches Ausleben dieser erfüllten Zweisamkeit schon beim nächsten Treffen Probleme bereiten konnte, hatte sich das Erlebnis Gitti fest in meinem Körper eingebrannt, jagte durch meine Adern wie ein heißer Lavastrom, überschüttete mich mit lauter Glückshormonen, und hinterließ das einmalige Gefühl des völligen erfüllt Seins.

Obwohl ich mich jetzt auf dem Weg zur Arbeit befand, spürte ich wieder einmal in mir diese ungeahnte Leichtigkeit, schwebte geradezu meinem Ziel entgegen, wollte in meiner anhaltenden Hochstimmung diesen sonnigen Septembertag mit allen Sinnen genießen. Für einen kurzen Moment verlangsamte ich meinen Schritt und blieb kurz stehen, um mir eine weitere Zigarette anzuzünden. Gegen die Sonne blinzelnd sog ich den ersten Zug tief in mich hinein, stieß den bläulichen Rauch verspielt in den wolkenlosen Morgenhimmel, ließ alle schwermütigen Gedanken mit den kleinen Wölkchen ziehen, und alle fröhlichen Gedanken wieder an mich heran. So eben hatte ich mein Gleichgewicht wieder gefunden und schlenderte beschwingt vor mich hindösend der Bushaltestelle entgegen.

In diesem Schwebezustand, in dieser sorglosen Zwiesprache mit dem Morgen, hätte ich beinahe übersehen, dass nur wenige Schritte vor mir ein junges Mädchen leichtfüßig auf die Bushaltestelle zusteuerte. Um nicht den Eindruck zu erwecken, ihr hinterher zu rennen, verlangsamte ich neugierig geworden meinen Gang und betrachtete aus der Distanz noch etwas verträumt ihr langes schwarzes Haar, dass nur wenige Meter vor mir auf wunderbare Weise in der Sonne flimmerte. Gerade geschnitten berührte es bei jedem ihrer Schritte sanft abrollend ihre Hüften, wie eine stetig wiederkehrende Meereswoge, die im feinen Sand kräuselnd versickert. Das schulterlange Haar, beinahe deckungsgleich am Saum ihres roten Pullovers endend, fächelte bei jeder wallenden Bewegung bläulich schwarze Reflexe auf das kräftige Rot ihres Pullis.

An der Haltestelle angekommen blieb sie plötzlich stehen und drehte sich unverhofft zu mir ein. Es waren nur wenige Meter die uns jetzt noch voneinander trennten, so dass ich augenblicklich wie angewurzelt stehen blieb, um aus lauter Verlegenheit nach einer neuen Zigarette zu fingern, peinlich darauf bedacht, die vorhandene Distanz zwischen uns beizubehalten.

Wie es aussah waren wir an diesem Morgen auch die einzigen Fahrgäste, die auf den Bus wartend an der etwas verwaisten Haltestelle standen. Weit und breit konnte ich keine Menschenseele entdecken, ein Gefühl von Unsicherheit beschlich mich: Wie sollte ich mich jetzt verhalten, wie konnte ich mich dem fremden Mädchen nähern, wie trat ich ihr freundlich gegenüber, ohne sie plump anzumachen?

Viel Zeit zum Überlegen blieb mir aber nicht und so fasste ich allen Mut zusammen, überwand meine Hemmungen und deutete durch ein verhaltenes Nicken meiner gegenüberstehenden Schönen den Morgengruß an. Zuerst sah sie mich etwas verwundert an, aber schon wenig später schienen sich ihre Mundwinkel zu einem zaghaften Lächeln entschlossen zu haben, mehr noch, ihr kirschroter Mund hauchte mir sogar ein freundliches „Guten Morgen“ entgegen. Diese unerwartete Freundlichkeit machte mich allerdings wieder ein wenig nervös, sodass ich die Augen zusammenkniff und unsicher gegen die Sonne blinzelte, um das hübsche Mädchen besser in Augenschein nehmen zu können.

Das frühe Gegenlicht zeichnete ein weiches Profil ihres Körpers in den Morgen, so dass mich die Anmut ihrer Erscheinung unmittelbar gefangen nahm. Vages Hoffen schoss durch meine verschlafenen Gedanken, unterdrückte Strategieüberlegungen zuckten plötzlich wie Blitze durch mein Hirn. Mutiger geworden rückte ich schon einen Schritt näher an ihre Seite und überlegte, wie ich jetzt aus heiterem Himmel ein Gespräch beginnen könne, brachte aber kein einziges Wort hervor.

Mein seltsames Verhalten musste sie aber bemerkt haben, denn ihre großen dunklen Augen musterten mich jetzt nicht ohne Neugier. Ihr ebenmäßiges Gesicht mit den lang herunterfallenden schwarzen Haaren hatte sich dabei so zu mir eingedreht, dass das schön geformte Antlitz unwillkürlich Kindheitserinnerungen in mir weckte. Für einen Moment hatte ich die Königstochter aus dem Märchen vor Augen, dachte an die blasse Schönheit von Schneewittchen, und an das auffallend leuchtende Rot des Mundes in ihrem blassen Antlitz. Und genau dieses märchenhafte Bildnis war es, welches jetzt auf wundervolle Weise den traumhaft strahlenden Herbstmorgen ergänzte, ihn mit gleißendem Sonnenlicht durchflutete. Mein anfänglicher Mut, meine Hoffnung, bis zum Eintreffen des Busses wenigsten kurz mit ihr sprechen zu können, zerrann auf einmal wieder genauso schnell wie er aufgekommen war. Die Anhäufung der vielen positiven Einflüsse um mich herum, das Erlebnis der vergangenen Nacht, das alles war zu viel, ließ mich taumeln, und meine Fähigkeit zu sprechen erlahmen. Mein hoffnungsvoller Blick verschleierte sich, versank schlicht im grauen Dunst der Wirklichkeit, indem sich auch diese wunderbare Vorstellung genau so schnell wieder auflöste, und Schneewittchen lautlos in den Märchentraum zurückschickte.

Schon wenige Minuten später hüpfte ich, im Kopf zwar noch ein wenig benommen, körperlich aber wesentlich gestärkter, mit der Leichtigkeit einer Gazelle in den vorgefahrenen Linienbus. Ich setzte mich ohne Scheu direkt hinter meine Märchenprinzessin, ließ meine Träumereien ganz langsam ausklingen und mich gemächlich zum Rathaus Babelsberg schaukeln. Als der Bus anhielt, ließ ich auch das Schwärmen aus meinen Kindheitstagen allein im Bus zurück, und schubste Geist und Körper aus dem Traum in die Wirklichkeit. Die beiden Stufen des Ausgangs nahm ich mit einem schwungvollen Satz und mir war, als wäre ich gerade als Prinz dem Märchen entsprungen.

Leichtfüßig, und ohne mich noch einmal nach Schneewittchen umzusehen, begab ich mich gut gelaunt auf den restlichen Weg ins Studio. Ein kurzer Blick auf die große Standuhr an der Haltestelle verriet mir, dass ich einen Schritt zulegen musste, denn ein wichtiger Termin wartete schon auf mich.

Ab und zu, bei meinen morgendlichen Gängen zur Bushaltestelle, tauchte das hübsche schwarzhaarige Mädchen wieder auf, trotzdem brachte ich aber nie den Mut auf sie anzusprechen. Eine Restzeit Gitti musste sich wohl nach wie vor noch in mir eingenistet haben, und ließ sich auch nicht so einfach wieder wegwischen. Dieses tief greifende Erlebnis schränkte meine Unternehmungslust jedes Mal erheblich ein, und bremste meinen Drang nach neuen Eroberungen für lange Zeit gewaltig ab. Der kleine Funke Hoffnung, ja allein der Gedanke sie noch einmal wieder zusehen, sie endlich wieder in meine Arme nehmen zu können, blockierte geradezu meine innere Bereitschaft, mich für neue Beziehungen öffnen zu können.

Erst einige Monate später habe ich Schneewittchen im Lindencafe näher kennen gelernt, erfuhr ihren richtigen Namen und darüber hinaus, dass sie eine Schneiderlehre absolvierte. Aber erst Jahre später hat uns der Zufall auf einer ganz anderen Ebene wieder zusammengeführt.

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