Kitabı oku: «Metamorphose auf dem Mars», sayfa 2
Sie stand in einer einzigen fließenden Bewegung auf und reichte ihm die Hand. Die Leichtigkeit, mit der sie sich und ihre atemberaubende Figur bewegte, versetzte ihm einen Stich in der Herzgegend und vor seinem inneren Auge tauchte eine antike Gestalt auf: Aphrodite, wie sie, angeblich schaumgeboren, vor den Gestaden Zyperns dem Meer entstiegen sei. Er konnte nicht anders, er starrte sie unverwandt an und ihm wurde schmerzlich bewusst, dass sie noch viel schöner war als auf ihren Fotos. Als das Ganze peinlich zu werden begann, verzogen sich ihre Lippen zu einem ironischen Lächeln und sie sagte: „Wollen Sie sich nicht setzen?“
Erik gelang es, sich irgendwie in den Stuhl zu zwängen, auf den sie gedeutet hatte. Verzweifelt versuchte er, sein inneres Gleichgewicht wiederzufinden, und die ersten Worte einer Konversation musste er sich förmlich abringen. „Hatten Sie einen guten Flug?“, begann er. „Der Flug zog sich hin“, erklärte sie bereitwillig. „Ich musste in New York umsteigen und der Anschlussflug hatte Verspätung. Außerdem macht mir die Zeitumstellung zu schaffen.“ Er schwieg, denn außer einem Kopfschütteln und einem Laut des Mitgefühls fiel ihm nichts ein. Als sich die Stille zwischen ihnen unangenehm in die Länge zog, ergriff sie die Initiative. „Ich habe Sie mir ganz anders vorgestellt – ich meine Ihre Größe. Bisher habe ich nur das Bild in Ihrer Akte zu Gesicht bekommen und da wirkten Sie kleiner als in Natura. Ist es nicht so, dass Raumfahrer eine gewisse Größe nicht überschreiten sollten, schon wegen des Gewichtes und der Enge in den Raumfahrzeugen?“
„Im Allgemeinen stimmt das schon, ich bin mit meinen Eins-neunzig eigentlich zu groß für einen Raumfahrer, doch bei meiner Einstellung hat man eine Ausnahme gemacht“, brummte Erik. „Gilt das auch für die anderen Crewmitglieder?“, wollte sie wissen. „Wo sind sie übrigens, ich hätte sie gerne kennengelernt?“ „Die anderen sind eher mittelgroß, bis auf Han Li, der klein und zierlich sein soll. Louis Vargas und Han Li sind noch nicht eingetroffen, aber Gregori Danilov kann ich Ihnen zeigen. Er sitzt dort drüben in der Ecke und spielt Schach.“ Erik drehte sich um und wies auf Danilov.
Die Ärztin blickte interessiert auf den Russen, der jedoch so in sein Schachspiel vertieft war, dass er ihren Blick nicht bemerkte. Ehe sie noch weitere Fragen stellen konnte, betrat Louis Vargas das Casino und zog sofort alle Blicke auf sich. „He, Erik, lass deine Finger von unserer neuen Kollegin!“, rief er über die Tische hinweg und lachte laut über das verdutzte Gesicht seines Kommandanten. Leichtfüßig wie ein Sambatänzer steuerte der Brasilianer auf ihren Tisch zu. Er begrüßte zunächst Julia Winter und meinte galant: „Wenn ich gewusst hätte, dass eine so schöne Frau auf mich wartet, wäre ich selbstverständlich früher gekommen.“ Erik klopfte er zur Begrüßung lediglich kumpelhaft auf die Schulter, während er keinen Blick von der Ärztin ließ. Julia Winter schien Vargas auch zu gefallen, denn sie lächelte gutmütig über seine Scherze, während sie ihn interessiert betrachtete.
Der Brasilianer bot mit seiner athletisch wirkenden Figur, seinen ebenmäßigen, bronzefarbenen Gesichtszügen und seinem schwarzen, leicht gekräuseltem Haar auch keinen schlechten Anblick. Seine dunklen Augen, in denen der Schalk funkelte, sprühten vor Lebensfreude und, wenn er lachte, blitzten seine weißen Zähne gleich einer Perlenkette auf. „Na, wo steckt denn der Rest der Crew?“, wandte er sich an Erik, nachdem er die Ärztin so lange angestarrt hatte, bis diese errötend den Blick gesenkt hatte. „Danilov sitzt dort drüben und versucht, seinen Schachcomputer auszutricksen, und Han Li ist bis jetzt noch nicht aufgetaucht“, erwiderte Erik leicht irritiert.
In dem Moment, als der Brasilianer in die Richtung blickte, in die Erik gedeutet hatte, kippte der Russe frustriert seinen König um und verstaute seine Schachfiguren. Danach stand er auf und kam langsam, scheinbar immer noch über sein verlorenes Spiel grübelnd, auf ihren Tisch zu. Als er die Gruppe erreicht hatte, schien er beim Anblick von Julia Winter etwas aufzuwachen. Er rang sich bei der Begrüßung der Ärztin ein „Hallo“ ab und schüttelte Vargas wortlos die Hand. Danach setzte er sich unaufgefordert neben die Ärztin, stützte den Kopf in die Hände und grübelte vor sich hin. Die Ärztin betrachtete den Russen mit hochgezogenen Augenbrauen, deutete dann, zu Vargas gewandt, einladend auf die noch freien Plätze am Tisch, worauf auch dieser Platz nahm.
Julia Winter betrachtete die drei Männer neben sich mit den Augen der Psychologin. Gregori, der Russe, schien, ganz im Gegensatz zu dem Brasilianer, ein ziemlich introvertierter Typ zu sein. Wie er dasaß, das grobknochige Gesicht mit der Hakennase gänzlich unbewegt, da musste sie unwillkürlich an die titanischen Kunstfiguren der Stalin-Ära denken. Sein militärisch kurzer Bürstenhaarschnitt betonte die strengen Gesichtszüge noch und sein Körper, obwohl er nicht größer als der Brasilianer war, wirkte noch massiger und athletischer. Dieser Mann war vermutlich ein mit Eigensinn und Willensstärke ausgestattetes Kraftpaket.
Erik Barnards Anblick löste in der Ärztin widerstreitende Gefühle aus. Er war gut 15 Zentimeter größer als die beiden anderen und von eher schlanker Statur. Sein dunkelblondes Haar umrahmte ein Gesicht, das eher zu einem Künstler als zum Kommandanten eines Raumschiffs passte. Doch die sensible Mundpartie wurde konterkariert durch eine raubvogelartige Nase und kalt blickende Augen, die auf Willensstärke und Intelligenz hindeuteten. Im Augenblick wirkten seine Gesichtszüge allerdings angespannt, so, als ob ihm irgendetwas Sorgen machte.
Da die Ärztin ihre Kollegen musterte und Gregori, finster wie eine Gewitterwolke, vor sich hin brütete, herrschte am Tisch eine angespannte Stille.
Alle schienen erleichtert, als der Bann durch das Erscheinen von Han Li gebrochen wurde. Der Asiate betrat zögernd den Raum und sah sich suchend um. Dabei erinnerten die großen, leicht mandelförmigen Augen hinter einer schmalen Nickelbrille an die einer Eule. Han Li war höchstens einen Meter sechzig groß und von zierlicher Gestalt. Zudem schienen seine Arme und Beine, gemessen an seiner Körpergröße, etwas zu kurz geraten zu sein. Louis flüsterte Erik zu: „Ach herrje, diese halbe Portion übersteht doch nicht einmal den 1. Tag unseres Astronautentrainings.“ Erik erwiderte leise: „Täusche dich nicht, Asiaten sind oft zäher, als sie aussehen. Außerdem hätten ihn die Mediziner nie zum Training zugelassen, wenn er nicht fit und kerngesund wäre.“ Han Li hatte sie schließlich entdeckt und eilte, so schnell ihn seine kurzen Beine trugen, auf ihren Tisch zu. Dort angekommen, verbeugte er sich, schüttelte jedem die Hand und piepste: „Freut mich sehr, Sie alle endlich kennenzulernen.“ Dabei schien ein höfliches Lächeln für alle Zeit auf seinem Gesicht festgefroren zu sein. Nachdem er glaubte, der Konvention der Begrüßung Genüge getan zu haben, setzte er sich und sah alle erwartungsvoll an. Louis ergriff als Erster das Wort: „Tja, nachdem wir nun vollzählig sind, ist es, denke ich, an der Zeit, auf gute Zusammenarbeit und das Gelingen unserer Mission anzustoßen.“ Er winkte einen Stuart herbei und bestellte eine Flasche Champagner.
Na toll, dachte Erik, Louis kommt mir wieder einmal zuvor, die Idee hätte eigentlich von mir kommen müssen. Er konnte es sich nicht verkneifen, Louis einen kleinen Seitenhieb zu verpassen, und sagte: „Das finde ich riesig nett von dir, dass du uns zu einem Glas Sekt einlädst.“ „Oh“, meinte der Brasilianer, „das muss ein Missverständnis sein – der Sekt geht natürlich, wie üblich, auf den Leiter der Gruppe, unseren hochverehrten Kommandanten!“ Erik schaute zwar etwas verwundert, wusste jedoch darauf nichts zu erwidern.
Nach dem Sekt lockerte sich die Stimmung merklich auf. Sie unterhielten sich angeregt über ihre Mission sowie über das anstehende Training, wobei sie es tunlichst vermieden, über die Risiken ihres Fluges zum Mars zu diskutieren. Julia Winter wollte vor allem wissen, wie das morgen beginnende Training ablaufen würde. Da Gregori nur einsilbig antwortete, wenn man das Wort an ihn richtete, wandte sie sich mit ihrer Frage an Erik: „Sie haben doch schon oft dieses Trainingsprogramm absolviert, ich würde gerne wissen, was da auf mich zukommt.“ „Die ganze Sache wird schweißtreibend“, begann Erik. „Unser Tagesablauf sieht in etwa so aus: Wecken um 6 Uhr, danach Frühstück, um 7 Uhr beginnt das Training mit Jogging zum Aufwärmen, dann folgt eine Stunde Konditionstraining im Fitnessstudio. Um 10 Uhr wird es dann spannend, denn dann ziehen wir uns die Raumanzüge an und hüpfen ins Wasserbecken. Dort, unter Wasser, das mit seinem Auftrieb die Schwerelosigkeit im Raum simulieren soll, traktiert man uns mit einer Shuttle-Imitation, an der wir allerlei Tests ausführen müssen.“
„Mit Raumanzügen unter Wasser?“, erkundigte sich die Ärztin und erbleichte, „Sie müssen nämlich wissen, ich habe Tauchen nie gemocht. Ich liebe diese dämmrige Tiefe nicht, wo man immer das Gefühl hat, irgendein Ungeheuer könne daraus hervorbrechen.“ „Nun, das Becken ist nur 10 Meter tief und zudem hell ausgeleuchtet, da verstecken sich bestimmt keine Ungeheuer“, versuchte Erik, die junge Frau zu trösten. „Na schön, wie geht es weiter?“, erkundigte diese sich tapfer. „Nach dem Mittagessen, so gegen ein Uhr, stehen Übungen am Flugsimulator auf dem Programm. Das Innere des Simulators entspricht dabei haargenau unserem Mannschaftsmodul auf der PROMETHEUS, mit der wir hoffentlich in etwa einem Jahr unterwegs zum Mars sein werden. Gegen 4 Uhr nachmittags wird es dann nochmals turbulent. Wir werden ins Beschleunigungskarussell gesetzt und nach und nach bis auf 7 g beschleunigt. Gregori hat allerdings schon 10 g für kurze Zeit ausgehalten. Ich kann Ihnen versichern, man fühlt sich dabei wie ein breitgetretener Fisch auf dem Trockenen! Wenig später dürfen Sie in der Unterdruckkammer bei minimalem Sauerstoffpartialdruck verzwickte Rechenaufgaben lösen. Damit will man ihre Konzentration bei Sauerstoffmangel testen. Danach … “ „Danach – ist hoffentlich Schluss“, stöhnte Vargas, „der Mensch muss schließlich einmal ausruhen und was essen.“ Gregori Danilov blickte den Brasilianer mitleidig an und verzog verächtlich den Mund. „Beinahe Schluss, Louis“, fuhr Erik ungerührt fort, „denn nach der Unterdruckkammer folgt nur noch das abendliche Jogging und ein kurzer Check beim Arzt, der dir mitteilt, ob du den Tag ohne größere Blessuren überstanden hast.“ „Das ist ja ein Horrorszenario!“, rief Louis aufgebracht. „Wenn ich das vorher gewusst hätte, hätte ich mich zu diesem Marsabenteuer erst gar nicht gemeldet.“ In diesem Augenblick ergriff Han Li das Wort und gab Erstaunliches von sich. Mit gefalteten Händen sagte er andächtig: „Ein sehr, sehr gutes und ausgewogenes Trainingsprogramm, ich kann es gar nicht erwarten, morgen damit zu beginnen!“ Die anderen vier sahen ihn entgeistert an.
Der 1. Tag des Astronautentrainings lief für Erik nicht so ab, wie er sich das vorgestellt hatte. Das fing schon am frühen Morgen beim Joggen an. Han Li spurtete los, als wolle er unbedingt den Landesrekord über 10 Kilometer brechen. Natürlich ließen sich die anderen mitreißen, denn sie konnten einfach nicht glauben, dass Li mit seinen kurzen Füßen dieses mörderische Tempo lange durchhalten würde. Mit ihren geschwächten Muskeln vom kürzlichen Aufenthalt auf der ISS fielen zunächst Gregori und Erik zurück. Danach mussten auch Louis und Julia einsehen, dass das Tempo von Han für sie zu schnell war, und Han entschwand ihren Augen. Als Gregori und Erik schließlich schwer atmend als Letzte durchs Ziel liefen, fanden sie einen putzmunteren Han vor, der Lockerungsübungen machte. „Das gibt es doch gar nicht, dass uns diese halbe Portion so aus den Schuhen läuft“, keuchte Gregori. „Du vergisst, dass für unsere drei Leidensgenossen die Erdschwere, im Gegensatz zu uns, etwas ganz Normales ist“, stöhnte Erik. „Aber warte nur ab, unsere Zeit kommt noch!“
Zunächst kam jedoch die Plackerei im Fitnessstudio, und das fiel den beiden auch nicht leichter als das Laufen. Manchmal scheint es im Leben allerdings einen gerechten Ausgleich zu geben, denn beim Tauchgang im Raumanzug waren Gregori und Erik nicht zu schlagen. Nachdem die künftigen Raumfahrer die Sache hinter sich gebracht hatten, sagte Louis giftig zur bleichen Ärztin: „Kunststück, die beiden haben das ja schon bis zum Erbrechen geübt!“ Der Russe und der Amerikaner durften nämlich als Erste zeigen, was sie bei der simulierten Schwerelosigkeit alles draufhatten. Als schließlich die Ärztin an die Reihe kam, rief der Übungsleiter schon sehr bald: „Um Gottes willen, zieht sie hoch, bevor sie uns noch ersäuft!“
Julia Winter war ganz geknickt wegen ihrer Tollpatschigkeit, sodass die anderen sie zu trösten versuchten. „Kopf hoch, das wird schon mit der Zeit, man kann nicht überall erstklassig sein“, meinten sie unisono. Bei den Übungen am Flugsimulator waren der Amerikaner und der Russe als ausgebildete Shuttle-Piloten gegenüber den anderen wiederum im Vorteil. Erik wunderte sich allerdings, wie schnell auch die anderen drei dazulernten. Das war wohl der Tatsache geschuldet, dass auch sie alle einen Pilotenschein besaßen. Die schlimmste Schikane an diesem Tag war jedoch der Beschleunigungstest im Karussell. Erik hielt vor dem Test eine aufmunternde Ansprache an seine drei Neulinge. „Wenn man das Siebenfache seines Normalgewichts wiegt, fühlt man sich wie eine Flunder und man schafft es nicht einmal mehr, seine Hand schnell zu heben. Also atmet ruhig und geratet nicht in Panik, wenn ihr glaubt, der Kopf zerspringt euch, und das Herz wie eine überdimensionale Ölpumpe in euren Ohren dröhnt.“
Nach dem Test atmeten alle erleichtert auf, nur Han torkelte zum Klo und erbrach sich ausgiebig. Der Konzentrationstest in der Unterdruckkammer wurde ein Fiasko für die Männer, denn ausgerechnet die einzige Frau unter ihnen schlug sie um Längen. Das war auch ein schwerer Schlag für Eriks Selbstbewusstsein, denn bisher war immer er der beste Proband gewesen. „Frauen brauchen für ihre Hirntätigkeit eben weniger Sauerstoff, das haben wir Russen schon vor Jahren festgestellt“, knurrte Gregori.
Am Anfang stöhnten die fünf Menschen, die sich die Eroberung des Mars’ in den Kopf gesetzt hatten, unter den Anforderungen des Astronautentrainings, doch mit der Zeit gewöhnten sich ihre Körper an die Strapazen. Nach einigen Wochen wurde das körperliche Training reduziert, dafür wurde das wissenschaftliche Programm, das für die Erforschung des Planeten dienen sollte, intensiviert. So sollte Vargas den Mars mineralogisch untersuchen und sein Klima erkunden. Han Lis Aufgabe war es, nach primitivem Leben zu suchen. Die Ärztin sollte Studien über die Wirkung langer Schwerelosigkeit auf den menschlichen Organismus beisteuern und erforschen, was für Schäden die harte Gammastrahlung des Weltraums den Menschen zufügen konnte.
Danilov war sowohl für die Wartung der Technik in der PROMETHEUS als auch im Mars-Lander zuständig. Außerdem sollte er den Zusammenbau des Mars-Habitats leiten. Die Bauteile dafür, sowie genügend Vorräte an Luft, Nahrung und Ersatzteile für ihren 18 Monate dauernden Aufenthalt auf dem Planeten, waren schon 1 Jahr vor ihrer geplanten Landung mit unbemannten Lastraketen zum Planten befördert worden. Und Erik? Nun, der hatte die Aufgabe, alle Vorhaben zu koordinieren und zu überwachen.
Nachdem Erik mit seiner Crew 6 Monate im Trainingszentrum in Houston geschuftet hatte, erreichte sie eine freudige Nachricht. Zwei unbemannte Frachtschiffe hatten den Mars erreicht und ihre Ladung an Vorräten und Ausrüstung für die kommende Marsmission sicher an Fallschirmen zu Boden gebracht. Die zur Erde gefunkten Bilder sowie die in der Fracht befindlichen Sensoren zeigten, dass offenbar alles heil unten angekommen war. Pullok war so begeistert, dass er die künftige Crew der PROMETHEUS sowie seinen gesamten Stab zu einer kleinen Feier einlud. Er konnte es sich nicht verkneifen, eine kurze Rede zu halten, in der er freudestrahlend verkündete, dass man mit dem heutigen Tag der Eroberung des Mars’ einen gewaltigen Schritt näher gekommen sei.
Kaum hatte Pullok seine pathetische Ansprache beendet, stürmte man das Buffet und auch an „geistigen Getränken“ wurde nicht gespart. Erik saß neben Pullok, der begeistert ein Glas Rotwein nach dem anderen trank, bis seine Augen glasig und seine Zunge schwer wurden. Da wurde der Missionschef sentimental, umarmte mit seinen gewaltigen Armen den verdatterten Kommandanten und nuschelte: „Weißt du, Erik, du bist ja mein bester Mann und infolge der mentalen Konditionierung, die man dir verpasst hat, ja sozusagen mein verstecktes Ass im Ärmel! Dir kann ich es anvertrauen: Vorhin, bei meiner Rede, habe ich gelogen. Ich glaube nicht daran, dass alles in Butter ist, dass alle vorausgeschickten Gegenstände, die ihr für euren 18 Monate dauernden Aufenthalt braucht, heil geblieben sind. Dagegen spricht die Wahrscheinlichkeit. Also bitte ich dich nur um eines: Gehe kein Risiko ein, versäume um Himmels willen nicht das Startfenster zur Rückkehr vom Mars. Du weißt, wenn ihr innerhalb einer Woche nach Ankunft wieder startet, schafft ihr die ständig größer werdende Distanz zur Erde so gerade noch. Ich pfeife auf die Erforschung des ‚Roten Planeten‘, wenn es euch das Leben kostet. Ihr seid wie meine Familie und wenn ihr nicht zurückkehrt, erschieße ich mich, bei Gott, ich hänge mich auf oder nehme Gift!“, rief er mit überkippender Stimme und eine einsame Träne rollte über sein Gesicht.
Erik war die Entgleisung Pulloks in aller Öffentlichkeit äußerst peinlich und er sagte mit Nachdruck: „Nein, ich werde nichts vergessen, wir kehren zurück, Ernest, ganz sicher. Willst du dich nicht etwas ausruhen? Die Ansprache, das Fest, der ganze Rummel, das kann schon an die Nieren gehen.“ „Ausruhen, niemals!“, begehrte Pullok lautstark auf und kippte vor Empörung beinahe vom Stuhl.
„Ein Missionschef ist immer im Dienst, Urlaub gibt es nicht und ausruhen werde ich mich erst dann wieder, wenn ihr heil zurück seid!“ Endlich wurden zwei seiner Adjutanten auf die prekäre Verfassung ihres Chefs aufmerksam. Sie kümmerten sich um ihn, redeten begütigend auf ihn ein und erteilten ihm Ratschläge. Daraufhin wurde Pullok noch renitenter und wütender. Deshalb hakten sie ihn einfach unter und schleppten ihn aus dem Saal.
Erik verstand Pulloks Besorgnis, was ihr Marsabenteuer betraf, denn auch ihn plagten häufig vor dem Einschlafen Horrorvisionen. Da tummelten sich in seiner Fantasie Solarstürme und Meteoriteneinschläge auf ihrer Reise durch den Weltraum und was auf dem Mars selbst alles passieren konnte, daran wagte er noch nicht einmal zu denken. Kurz erwog er, die Feier einfach zu verlassen, denn der unrühmliche Abgang Pulloks hatte ihn seines Gesprächspartners beraubt. Anderseits hatte er, eben wegen seiner häufigen Albträume, wenig Lust, schon schlafen zu gehen. Als er sich unschlüssig umsah, bemerkte er, dass Julia Winter im Augenblick nicht von Männern umschwärmt wurde, und so schlenderte er zu ihr. Sie empfing ihn mit den Worten: „Ah, guten Abend, Erik, war das nicht Pullok, den man gerade aus dem Saal geführt hat? Es ist hoffentlich nichts Ernstes?“ „Nein, das Übliche, vermutlich Überarbeitung und zu viel Rotwein“, antwortete Erik ausweichend. „Na, dann bin ich beruhigt“, meinte die Ärztin. „Ich wundere mich nur, Sie so fit auf den Beinen zu sehen, haben Sie bei dem Saufgelage nicht mitgehalten?“ Es ist immer wieder erstaunlich, wie es ihr gelingt, mich in die Defensive zu drängen, dachte Erik irritiert. Dieses Mal würde er jedoch nicht mitspielen. „Ich mache mir nicht viel aus Alkohol – wenn es das ist, was Sie wissen wollten. Und Pullok ist auch kein Säufer, nur der Druck, ein so gefährliches Unternehmen zu leiten, macht ihn fertig. Im Übrigen sollten auch Sie sich langsam darüber klar werden, an welchem Himmelfahrtskommando Sie teilnehmen. Ich habe Mühe, Sie zu verstehen. Sie sind jung, Sie sind hübsch, haben eine gute Karriere als Ärztin vor sich und die Männer reißen sich um Sie. Also, warum haben Sie sich gerade eine Reise zum Mars in den Kopf gesetzt?“ „Kommen Sie mir jetzt mit dem typischen Klischee, das immer noch 90 Prozent der Männer vertreten, nämlich: Heirat, Kinder und Haushalt ist das Beste für den überwiegenden Teil der Frauen?“, erwiderte die Ärztin kalt, „doch da muss ich Sie enttäuschen, mein Lieber, es gibt noch mehr im Leben! Sie rätseln über meine Motive für den Flug zum Mars? Na gut, ich will sie Ihnen verraten.“ Aha, jetzt kommt ihr Vater ins Spiel, dachte er, doch zu seiner Verblüffung folgte eine ganz andere Erklärung. „Als Ärztin bin ich an allem interessiert, was mit dem Leben zusammenhängt“, fuhr Julia fort.
„Die Evolution und die Entwicklung des Lebens auf der Erde hat mich schon immer fasziniert. In der Paläontologie, die mein bevorzugtes Hobby ist, kann man verfolgen, wie sich im Verlaufe großer Zeitabschnitte Arten entwickelt, eine mehr oder minder lange Blütezeit durchlebt haben und wieder untergegangen sind.
Dabei fällt auf, dass sie im Verlaufe ihrer Existenz versucht haben, alle Lebensräume, auch die unwirtlichsten, zu besetzen. Nehmen Sie die Quastenflosser, wenn sie trotz aller Risiken nicht an Land gekrochen wären, gäbe es bis heute keine Landtiere und also auch keine Menschen. Man fragt sich unwillkürlich, was trieb diese Tiere zu solch einer riskanten Verhaltensweise? Offenbar muss es neben dem Trieb, sich zu vermehren, noch einen weiteren mächtigen Trieb geben, der die Lebewesen zwingt, alle ihnen gebotenen Nischen zu besiedeln, und seien sie noch so lebensfeindlich. Auch wir Menschen scheinen diesen Trieb zu besitzen und daher ist es nur folgerichtig, dass wir jetzt den ersten Schritt zur Besiedlung eines fremden Planeten tun. Da haben Sie mein Motiv: Ich will dabei sein, wenn wir diesen Schritt machen, denn auch in mir ist der ‚Wandertrieb‘ mächtig.“
Verblüffung zeichnete sich auf dem Gesicht Eriks ab, denn die Ärztin hatte etwas geschildert, das er selbst nur allzu oft verspürt hatte. Sein ruheloses Leben, es hielt ihn nie lange an einem Ort, immer trieb es ihn Gott weiß wo hin. Stets hatte er es für bloße Neugierde gehalten, doch Julias Erklärung passte besser. Mit aller Macht trieb es ihn in die Ferne und nun vermochte ihn nicht einmal mehr die Erde zu halten. Es zog ihn hinaus ins Weltall! Obwohl diese unerwartete Gemeinsamkeit zwischen ihm und Julia seine Vorbehalte ihr gegenüber dämpften, war seine Skepsis, was Frauen im Weltraum betraf, noch nicht ganz erloschen. Und so hörte er sich sagen: „Wandertrieb, meinen Sie, sei der Grund für Ihr Weltraumabenteuer? Das mag eine Rolle spielen, doch gibt es dafür nicht gewichtigere Gründe? Wie wäre es mit Ruhm und Selbstbestätigung?“ Julia lächelte wehmütig und meinte: „Ruhm ist in unserer schnelllebigen Zeit etwas sehr Vergängliches, Selbstbestätigung, ja das mag eine Rolle spielen, denn wer sucht die nicht?“ „Oder Bestätigung dem Vater gegenüber“, dachte Erik flüchtig und laut sagte er: „Sie erwähnten, dass Tiere, vor allem Herdentiere, einem unbezwingbaren Wandertrieb ausgesetzt sind. Ich muss da immer an die Lemminge denken. Stimmt es, dass sie nicht einmal an den Klippen halt machen, sondern sich hinabstürzen und jämmerlich ersaufen?“ Die Ärztin lachte laut auf. „Sie vergleichen uns offenbar mit diesen Tieren. Auch uns treibt es in gefährliche Regionen, allerdings hoffe ich doch sehr, dass wir nicht blindlings in unser Verderben rennen.“ „Wer weiß das schon?“, murmelte Erik.
Er fühlte sich nicht wohl in seiner Haut, denn er musste seine Meinung über Julia Winter revidieren. Ihre Motive bei diesem Raumabenteuer ähnelten den seinen. Wie konnte er da Julia kategorisch infrage stellen? „Was ich Ihnen noch sagen wollte“, begann er zögerlich: „Sie machen sich bei Ihrer Astronautenausbildung erstaunlich gut. Also werde ich meine Meinung Ihnen gegenüber korrigieren und Sie als Crewmitglied akzeptieren.“ Julia Winter strahlte, als habe er ihr das schönste Kompliment gemacht. „Heißt das, Sie mindern Ihre Vorbehalte, was Frauen im Weltall betrifft?“
Er musste über ihre vorsichtige Ausdrucksweise lächeln. „Ganz recht, ich mindere sie, gebe sie aber nicht völlig auf!“
Ehe sie sich über ihre bessere Beziehung zueinander noch so recht freuen konnten, wurden sie gestört. Gregori und Louis kamen vom Buffet zurück. Der Russe, der seinen Teller bis zum Rand vollgeladen hatte, nahm wortlos links neben der Ärztin Platz und widmete sich sofort seiner Mahlzeit. Louis stand mit seinem Teller etwas unschlüssig herum und blickte mit gerunzelter Stirn auf Erik. Der bemerkte, dass er den Stuhl des Brasilianers in Beschlag genommen hatte, dachte jedoch nicht daran, aufzustehen. Er wollte sehen, wie Louis es anstellen würde, seinen Kommandanten vom Stuhl zu jagen. Der Brasilianer löste das Problem auf seine unnachahmliche lockere und charmante Art. „Wenn du mir mein Besteck herüberreichst, kann ich im Stehen weiteressen“, meinte er lächelnd. Erik tat erstaunt. „Ach, ich sitze auf deinem Platz, das tut mir leid. Ich hatte nicht vor, dich von der Seite unserer schönen Astronautin zu vertreiben, bitte sehr!“ Und er erhob sich. Natürlich hätte er sich auf die andere Seite des Tisches setzen können, doch er zog es vor, in sein Quartier zu gehen. So wünschte er den drei anderen noch einen schönen Abend und verließ das Casino.
Nie und nimmer hätte er sich eingestanden, dass er nur deshalb das Fest verließ, weil er nicht mit ansehen wollte, wie Louis Julia den Hof machte. Die Situation bestätigte ja geradezu seine Vorbehalte, was Frauen in einer Mannschaft mit Männern betraf: Sie schafften es immer wieder, Zwietracht zu säen. Dass Louis versuchte, heftig mit Julia zu flirten, war ja noch verständlich, Brasilianer fanden sich von Haus aus für unwiderstehlich; dass aber der introvertierte Russe der künftigen Astronautin kaum von der Seite wich und ihr, wie ein Sklave, den schweren Raumanzug nachschleppte, befremdete Erik doch sehr. Und selbst der kleine Chinese zog die Gesellschaft der Ärztin allen anderen Crewmitgliedern vor, wenn auch aus rein beruflichen Gründen, wie er immer wieder betonte.
Als Erik in die Nacht hinaustrat, empfingen ihn eine überraschend milde Luft und ein wolkenloser Himmel. Er atmete tief durch und begann, nach bekannten Sternbildern zu suchen. Das Frühjahrs-Dreieck war bereits untergegangen, doch das Sommer-Dreieck stand noch hoch am Himmel. Sein Blick glitt die Ekliptik entlang und dann hatte er gefunden, wonach er suchte: Er betrachtete das gelbrote Pünktchen, das nahe dem Stern Antares im Sternbild Skorpion stand, mit ergriffener Ehrfurcht. Da war er: der Mars, ihr fernes Ziel! Würden sie je den Fuß auf ihn setzen? Oder war alles nur ein flüchtiger, schöner Traum? In dieser stillen, wunderbaren Nacht besiegte er alle seine Zweifel und eine nie gekannte Zuversicht erfüllte ihn mit einem Mal.
Ja, dachte er entschlossen, wir werden dich trotz aller Hindernisse erreichen, ob dir das als antiker Kriegsgott nun passt oder nicht! In dieser Nacht plagten ihn keine Albträume und er schlief tief und fest bis zum nächsten Morgen.
Endlich war es so weit: Der Bau der PROMETHEUS im Erdorbit war abgeschlossen und auch die Ausbildung ihrer zukünftigen Besatzung ging ihrem Ende entgegen. Erik hatte den Zeitplan für die Marsmission von Pullok erhalten und mit seiner Mannschaft besprochen. Danach war vorgesehen, dass die fünf Astronauten Ende Dezember zur ISS fliegen würden, um sich dort 4 Wochen lang an die Schwerlosigkeit zu gewöhnen. Während dieser Zeit konnten sie die PROMETHEUS gründlich testen, sodass Ende Januar der Flug zum Mars starten konnte. Der Flug selbst würde etwa 4 Monate dauern.
Das Raumschiff sollte dabei den Planeten exakt zum Zeitpunkt seiner Opposition erreichen, also genau dann, wenn der Mars seine geringste Entfernung zur Erde aufwies. Pullok hatte die Ausbildung der Astronauten so geplant, dass sie kurz vor Weihnachten beendet war. Erik und seine Leute machten drei Kreuze und feierten, je nach Glaubensrichtung, ein ungetrübtes Christfest oder ihren gelungenen Abschluss. Erik musste zugeben, Pullok und sein Stab hatten, was die Mannschaft betraf, eine exzellente Auswahl getroffen. Insbesondere die drei Neulinge hatten sich bei der Astronauten-ausbildung bravourös geschlagen, während es für ihn und Gregori lediglich die ermüdende Wiederholung einer längst bekannten Prozedur gewesen war. Jeder der drei Weltraumneulinge vermochte nun die PROMETHEUS im Notfall allein zu steuern. Sie trugen ihre Raumanzüge wie eine zweite Haut und in simulierter Schwerelosigkeit beherrschten sie selbst die komplexesten Bewegungsabläufe. Zum Ausruhen und Feiern ließ ihnen Pullok allerdings wenig Zeit, denn schon eine Woche nach Weihnachten hatte er das Flugzeug bestellt, das sie nach Cape Canaveral bringen würde.
Der Abschied von ihrem Ausbildungscamp fiel ihnen trotz der Strapazen, denen sie dort ausgeliefert gewesen waren, nicht leicht. Dafür gab es vor allem zwei Gründe: Zum einen fühlten sie sich in dem Lager sicher und gut versorgt. Der andere Grund lag wohl an der Fürsorglichkeit und dem Engagement Pulloks, den sie alle schätzen gelernt hatten. Zum Abschied hielt er wieder einmal eine seiner feierlichen Reden. Im Blitzlichtgewitter der Kameras wurde es zu einer sehr emotionalen Rede, von der Pullok selber offenbar am meisten gerührt war. Das hektische Treiben der Reporter und die Sensationsgier der Menschen am Flughafen führten den Astronauten nur allzu deutlich vor Augen, dass diese feierliche Verabschiedung wie eine letzte Segnung von Opfertieren gesehen wurde, ehe man sie zur Schlachtbank führte.
Besonders Erik fühlte sich nicht wohl in seiner Haut, denn er hasste den ganzen Zirkus, der da um sie gemacht wurde. Er war deshalb sogar mit Pullok in Streit geraten. „Geht es nicht eine Nummer kleiner?“, hatte er gefaucht. Pullok hatte gekränkt geantwortet: „Aber Erik, ich weiß nicht, was du hast, ohne Presse und Fernsehen läuft doch nichts mehr auf unserer medienbesessenen Welt.
