Kitabı oku: «Metamorphose auf dem Mars», sayfa 5
Schafften sie es bis zum Mars? Kamen sie auf dem Planeten um? Oder erwischte es sie erst auf dem Rückflug? Wetten wurden noch angenommen! Die wenigsten glaubten daran, dass sie die vier Männer und die hübsche junge Frau je wiedersehen würden. Besonders eine Frage machte deutlich, dass es hier im Wesentlichen um reine Sensationsgier ging. Sie wurde von einem untersetzten glatzköpfigen Mann an Julia Winter gestellt.
Der Mann lächelte süffisant und begann: „Frau Dr. Winter, stimmt es, dass die harte Gammastrahlung des Weltraums insbesondere das Erbgut in den Keimdrüsen schädigt, sodass man eventuell mit Missgeburten rechnen muss? Stimmt es ferner, dass die NASA Ihnen deshalb angeboten hat, die Keimzellen der Astronauten kryostatisch zu konservieren? Und haben Sie von diesem Angebot Gebrauch gemacht?“ Die Ärztin fixierte den kleinen käferartigen Mann mit einem derartig eisigen Blick, dass Erik glaubte, dem Mann müsste auf der Stelle das Blut in den Adern gefrieren. Dann antwortete sie mit frostiger Stimme: „Ad 1: ja, ad 2: ja, ad 3: kein Kommentar!“ „Was meinen Sie damit?“, fragte der Reporter verblüfft. „Das ist doch klar“, entgegnete die Ärztin verächtlich. „Ja, es ist wahr, die Gammastrahlung schädigt das menschliche Erbgut und ja, es stimmt, die NASA hat uns dieses Angebot gemacht. Doch Sie werden sicher nicht im Ernst erwarten, dass ich Ihnen und der ganzen Weltöffentlichkeit auf die Nase binden werde, ob ich dieses Angebot angenommen habe. Wenigstens einen Hauch von Intimsphäre sollte man auch Astronauten lassen!“
Der Reporter, einer von der hartnäckigen Art, wollte sich mit dieser Antwort nicht zufriedengeben und versuchte sein Glück bei Erik. „Kapitän Barnard, Sie sind doch ein liberaler Geist und ein Mann von Welt“, begann er schmeichlerisch, „vielleicht können Sie mir sagen, ob Sie vom Angebot der NASA Gebrauch gemacht haben?“ Erik verschlug es angesichts der Frechheit des Mannes für einen Moment die Sprache und er überlegte fieberhaft, wie er es dem unverschämten Frager heimzahlen könnte. Nach kurzem Nachdenken erwiderte er: „Sie scheinen sich ja mächtig für Spermien-Konservierung und extrakorporale Befruchtung zu interessieren. Daher würde ich Ihnen raten, probieren Sie es selbst einmal aus, d. h., falls Sie dazu noch in der Lage sind und die Sache nicht mangels Masse in die Hose geht.“ Der Reporter lief rot an, wollte noch etwas sagen, überlegte es sich dann aber anders und setzte sich. Unnötig zu erwähnen, dass die Astronauten an diesem Tag vor weiteren unverschämten Fragen verschont wurden.
Glücklicherweise gehen im Leben selbst die unangenehmsten Dinge einmal zu Ende – wie übrigens alles einmal enden wird … so auch diese Pressekonferenz. Bob sprach ihnen allen aus der Seele, als er meinte: „Zum Teufel mit diesem neugierigen Reporterpack, das einen besoffen schwatzt und Löcher in den Bauch fragt! Ich glaube, wir haben uns etwas Erholung verdient, daher ließ ich in der Kantine ein Abschiedsessen für uns vorbereiten. Dafür opfere ich blutenden Herzens meinen letzten Whisky-Vorrat.“ „Oh“, rief Gregori, „habe ich mich da verhört, ich dachte immer, Alkohol sei auf der ISS verboten?“ „Ist er auch“, meinte Bob grinsend, „aber gerade du als Russe solltest wissen, dass Alkohol selbst auf den verschlungensten Pfaden seinen Weg zum Endverbraucher findet.“
Eine Abschiedsfeier, noch dazu mit reichlich Whisky, das war wirklich ein gelungener Einfall von Bob und ein versöhnlicher Abschluss eines stressigen Tages. Die fünf Astronauten folgten Bob in die Kantine und sämtliche Besatzungsmitglieder der ISS, die keinen Dienst hatten, schlossen sich ihnen an. Die gedämpfte Stimmung, ausgelöst durch den anstehenden Abschied der fünf Astronauten, wurde mit reichlich Alkohol vertrieben. Erst gegen Mitternacht löste Miller die Feier mit den Worten auf: „Alles beim Teufel, mein ganzer vom Mund abgesparter Whisky! Es wird Zeit, schlafen zu gehen. Gute Nacht, ihr Halunken.“ Manche der Zecher fanden nur mit Mühe ihre Schlafkojen, dafür schliefen sie tief und fest, wie Steine.
Kapitel 3
Flug zum Mars
Nachdem Erik in der Nacht geschlafen hatte, als wäre er in ein schwarzes Loch gestürzt, war sein Erwachen weniger erfreulich. Im ersten Augenblick glaubte er, die Raumkrankheit habe ihn doch noch erwischt. Die vormals geraden Wände seiner Kabine schienen sich nach innen zu wölben und bildeten bizarre Winkel mit dem Fußboden. Der wiederum glich einer schiefen Ebene, sodass Erik das Gefühl hatte, kopfüber in den Pazifik zu stürzen, den die ISS gerade überflog. Nebulös und bruchstückhaft tauchten die Erinnerungen an den gestrigen Abend auf und Erik erkannte, dass sein Zustand rein gar nichts mit der Raumkrankheit zu tun hatte. Im Stillen schmähte er den Einfall von Bob, ihren Abschied mit so viel Alkohol zu feiern, einen Einfall, den er tags zuvor noch für grandios gehalten hatte. Ein Blick auf seine Uhr zeigte ihm, dass er vergessen hatte, die Weckfunktion einzustellen und dass er verschlafen hatte. Der Umstieg in die PROMETHEUS sollte in einer halben Stunde stattfinden und er lag hier, festgezurrt in seiner Koje.
Einen Fluch auf den Lippen, schnallte er sich los und hechtete zum Waschbecken. Im Spiegel über dem Becken blickten ihm blutunterlaufene Stieraugen und ein kalkweißes Gesicht entgegen. An einer sorgfältigen Toilette war natürlich nicht zu denken. Er griff nach einer Tube, presste daraus etwas Wasser auf einen Waschlappen und fuhr sich damit übers Gesicht. Danach versuchte er, mit einer Bürste sein Haar zu bändigen, gab es jedoch bald wieder auf. Schließlich schwebte er zu seinem Raumanzug hinüber, der an einem Haken an der Wand baumelte. Zum Glück handelte es sich um das neueste Modell für Astronauten, kein Vergleich mehr mit den klobigen unhandlichen Dingern aus dem vorigen Jahrhundert, die gleich eine ganze Gruppe von Helfern beim Anziehen beschäftigt hatten. Erik schlüpfte in einen Anzug aus mehrschichtigem, synthetischem Material, das sich wie eine zweite Haut um seinen Körper legte.
Eine leichte Ausbeulung am Rücken des Anzuges verriet das integrierte Lebenserhaltungssystem, das man nicht mehr als Koffer mit sich herumschleppen musste. Erik schnappte sich den Helm seines Anzuges und machte sich auf den Weg zum Verbindungstunnel zwischen ISS und der PROMETHEUS. Dort erwarteten ihn schon Bob mit seinen Leuten sowie der Rest seiner Crew. Bob kam auf ihn zu mit den Worten: „Mein Gott, wo bleibst du bloß, hast du dich verlaufen? Du wirst noch einmal zu deiner eigenen Beerdigung zu spät kommen!“ „Beerdigung ist gar nicht mal so falsch“, brummte Erik und deutete in Richtung PROMETHEUS. „Diese Konservendose von einem Raumschiff könnte recht gut zu unserem Sarg werden.“ „Defätismus“, knurrte Gregori, „und das vom Kommandanten höchstpersönlich, der eigentlich ein Vorbild an Zuversicht sein sollte.“ „Entschuldigt“, seufzte Erik, „ich bin noch nicht ganz wach.“
Zu Bob gewandt, meinte er: „Wo sind denn unsere Magnetstiefel oder sollen wir zur PROMETHEUS fliegen?“ „Erraten“, staunte Bob. „Dank deiner Verspätung hinken wir unserem Zeitplan hinterher und deshalb werden wir euch einen kräftigen Schubs verpassen, damit ihr schnell durch den Tunnel segeln könnt. Eure Magnetstiefel haben wir schon im Schiff verstaut.“ „Aber wenn wir uns beim Aufprall am Ende des Ganges verletzen?“, gab Erik zu bedenken. „Keine Sorge“, beruhigte ihn Bob, „ich habe am Ende des Tunnels zwei Männer postiert, die euch auffangen werden. Und nun sag Adieu, du Held, denn als Kommandant hast du die Ehre, als Erster hinüberzufliegen.“
Zwei von Millers Männern hakten Erik unter, schwenkten ihn ein paarmal vor und zurück, und ließen ihn dann los. Der Kommandant der PROMETHEUS segelte mit beachtlicher Geschwindigkeit auf sein Schiff zu. Wie versprochen, wurde er von zwei Männern, die in ihren Magnetstiefeln einen prima Halt hatten, mühelos aufgefangen. Das gleiche Verfahren wurde bei den restlichen Crew-Mitgliedern angewandt. Lediglich Julia Winter wurde von Bobs Männern derart hin und her geschwenkt, dass sie wie eine Kanonenkugel angeflogen kam und die Männer, die sie auffangen wollten, einfach umriss. Die Männer lachten und halfen der Ärztin wieder auf die Beine. Zorn blitzte in den Augen der jungen Frau auf, doch sie beherrschte sich und schluckte die Bemerkung, die ihr auf den Lippen lag, hinunter.
In der Luftschleuse hielten sich die fünf Astronauten nicht lange auf, sondern sie krochen gleich weiter, einen schrägen Gang hinauf zum Mannschaftsmodul der PROMETHEUS. Das Mannschaftsmodul hatte die Form einer Kugel von 30 Metern Durchmesser. Die Ingenieure hatten diese Form bewusst gewählt, da hier das Verhältnis von Oberfläche zu Rauminhalt optimal war. Sie sparten damit zum einen Gewicht für die Hülle, zum anderen konnten wegen der geringen Oberfläche weniger Gammastrahlen ins Innere dringen.
Das Innere der Kugel wurde durch drei Querwände in drei Segmente unterteilt. Im vorderen Segment befand sich das Cockpit der PROMETHEUS. Das mittlere war quasi der Wohn- und Schlafraum der Besatzung. Im hinteren Segment gab es eine kleine Ambulanz für medizinische Notfälle sowie ein Ersatzteillager. Die fünf Raumfahrer begaben sich alle ins Cockpit, denn keiner von ihnen wollte das Ablegen des Raumschiffs von der ISS verpassen, zumal sich im Cockpit die großen Monitore befanden, welche die Umgebung der PROMETHEUS zeigten.
Erik setzte sich als Pilot in den rechten Sessel, während Gregori als Copilot links neben ihm Platz nahm. Die drei Wissenschaftler standen hinter ihnen und verfolgten ungeduldig mit, wie die beiden Piloten mit der Überprüfung der Instrumente begannen. Der Countdown wurde sowohl vom Kontrollzentrum auf der Erde als auch von der ISS aus überwacht.
Zuerst gaben die beiden unabhängig voneinander operierenden Bordcomputer grünes Licht für den Start. Kurz danach gaben auch die Stationen auf der Erde und der ISS den Start frei. „Glückwunsch, ihr seid auf ‚go‘“, rief ihnen Bob zu und Sekunden später erschien das schweißnasse Gesicht von Pullok auf dem Monitor über ihren Köpfen. Widerstreitende Gefühle spiegelten sich auf diesem Gesicht. Einerseits wirkte Pullok erleichtert, dass die „Mission Mars“ endlich losging, andererseits quälte ihn die Sorge, dass etwas schiefgehen könnte.
Seine Abschiedsworte ließen erahnen, was in ihm vorging. „Also Leute, ihr habt Startfreigabe, viel Glück und Hals- und Beinbruch“, begann er forsch. „Aber tut mir den Gefallen, strapaziert euer Glück nicht allzu sehr bei diesem sowieso schon riskanten Unternehmen. Ich habe allerdings volles Vertrauen in euch und habe daher ein Vermögen darauf verwettet, dass ihr heil zurückkehren werdet. Also enttäuscht mich nicht, sonst muss ich in Zukunft als armer, vereinsamter Mann mein Leben auf diesem schnöden Planeten fristen.“ „Wir werden unser Bestes tun, damit du nicht verhungern musst“, erwiderte Erik lachend. „Ich schalte jetzt den Monitor aus, bleibe aber in Funkverbindung mit euch.“ „Ja, ist gut“, stimmte Pullok zu, „und denkt immer daran, wir sind immer für euch da, wenn es Schwierigkeiten geben sollte.“
Erik schaltete den Monitor vor seinem Pilotensessel auf Außenansicht. Er zeigte jetzt die ISS rechts vom Raumschiff. Der linke Bildschirm über dem Kopf von Gregori zeigte immer noch das Kontrollzentrum der Raumstation. Auch Bob wollte sich noch von ihnen verabschieden, doch ihm versagte dabei die Stimme. So winkte er ihnen nur zu und machte das Siegeszeichen. Die Astronauten winkten zurück und dann schaltete Gregori auch diesen Schirm auf Schiffsumgebung. Er zeigte nun das linke Umfeld der PROMETHEUS und im Hintergrund einen blauvioletten Himmel mit einzelnen verstreuten Sternen.
Dem zweiten Schirm schenkten die Astronauten jedoch keine Beachtung. Sie blickten wie gebannt auf den ersten, der das Bild der Raumstation und darunter die Erde zeigte. Wehmut beschlich ihre Herzen, denn wohl jedem war klar, dass sie die Erde und auch die Raumstation womöglich niemals wiedersehen würden. Erik betrachtete mit gerunzelter Stirn seine vier Begleiter und sagte betont munter: „Tja, Leute, nun sind wir auf uns allein gestellt und es liegt an uns, ob wir aus unserer Mission einen Erfolg machen oder nicht. Gregori, kopple uns ab.“ Der Russe betätigte einen Schalter und die PROMETHEUS schwebte frei neben der ISS. Erst als Erik etwas Schub auf die rechte Navigationsdüse gab, löste sich das Raumschiff träge, beinahe widerwillig von der Raumstation. Nachdem sich die PROMETHEUS etwa 300 Meter von der ISS entfernt hatte, erklärte Erik feierlich: „Leute, jetzt wird es spannend! Ich zünde das chemische Haupttriebwerk für eine Minute. Genießt noch einmal die dreifache Erdschwere, ehe wir fast 4 Monate lang in fast völliger Schwerelosigkeit dahindümpeln.“
Von Genuss konnte natürlich keine Rede sein. Nach drei Monaten Schwerelosigkeit auf der ISS erschien ihnen die 3-g-Beschleunigung wie ein Albtraum. Insbesondere die drei Wissenschaftler glaubten, sie würden von der Faust eines Titanen in ihre Sitze gequetscht. Pünktlich und nach 60 Sekunden Brenndauer, die ihnen wie eine Ewigkeit vorkamen, schaltete sich das Haupttriebwerk ab. „Puh“, keuchte Julia, „ich glaube, ich kann gut und gerne auf die Schwerkraft verzichten.“ „Nichts leichter als das, Verehrteste“, antwortete ihr Erik. „Wenn wir das Plasma-Triebwerk zünden, erhalten wir einen Schub, der nur eine minimale Schwerkraft simuliert, sodass jeder von uns nur etwa ein Pfund wiegen wird.“ „Han natürlich nur ein halbes Pfund“, fügte Gregori grinsend hinzu. Der Asiate steckte den Seitenhieb des Russen weg, ohne mit Wimper zu zucken.
Nach einem kurzen Augenblick der Überlegung stellte er Gregori eine Frage: „Eins verstehe ich nicht, Greg. Wenn unser Plasma-Triebwerk einen so mickrigen Schub liefert, woher nehmen wir dann die Geschwindigkeit, um die Erdanziehung zu überwinden?“ Der Russe schnappte nach dem Köder wie ein hungriger Fisch. „Hm, Han, du magst zwar ein exzellenter Biologe sein, aber von Physik hast du augenscheinlich wenig Ahnung.“ Er blickte auf ein Instrument und erklärte: „Im Augenblick fliegen wir mit circa 50.000 Stundenkilometern und ich kann dir auch sagen, wie die zustande kommen.“ Er zählte an den Fingern ab: „Erstens haben wir die Geschwindigkeit der Erde um die Sonne mitgenommen, hinzu kommt die Geschwindigkeit der ISS in der Erdumlaufbahn und dann haben wir unsere Geschwindigkeit noch durch Zündung unseres Triebwerkes erhöht. Außerdem unterschätze mir nicht die Leistung unseres Plasma-Triebwerks. Es bringt uns zwar nur circa 300 Pond Schub pro Sekunde, aber wenn man das auf den Tag hochrechnet, so macht das immerhin … “ „25.920.000 Pond Schub pro Tag“, ergänzte Han und begann nun seinerseits zu grinsen. Der Russe stockte und warf einen misstrauischen Blick auf den Professor, ehe er ärgerlich fortfuhr: „Han, du alter hinterhältiger Asiate, das hast du natürlich alles gewusst. Immer wieder falle ich auf dein unschuldiges, glattes Kindergesicht herein!“ „Greg, wie hätte ich es nicht wissen sollen? Das haben wir doch alle beim Training auf der Erde bis zum Erbrechen vorgerechnet bekommen. Aber du erzählst alles, was mit Raumfahrttechnik und Flugbahnen zusammenhängt, mit solcher Begeisterung, dass ich dir diese Frage einfach stellen musste“, erklärte Han fröhlich. „Der Teufel soll dich … “, begann Gregori, doch Erik unterbrach das Geplänkel: „Schluss mit dem Geschwätz, Gregori, hast du den Reaktor schon hochgefahren?“ Der Russe, der immer noch verärgert war, erwiderte patzig: „Reaktor auf 50 Prozent Leistung, Eure Majestät können alsbald auf vollen Plasma-Schub zugreifen.“ „Du, pass auf“, knurrte Erik. Doch der Kommandant beruhigte sich schnell wieder, als der Russe wenig später mit cooler Stimme mitteilte: „Reaktor jetzt auf volle Leistung, Zerstrahlungs-koeffizient auf Maximum!“ Mit einem Knopfdruck startete Erik das Plasma-Triebwerk.
Die Veränderung war kaum zu spüren. Allerdings zeigte ihnen der sanfte Druck in ihrem Rücken wenigstens wieder an, wo in dem Raumschiff vorne und hinten war. Mit leiser Stimme verkündete Erik feierlich: „Nun beginnt unsere Reise erst wirklich. Das andere war alles nur Vorspiel, doch jetzt sind wir tatsächlich auf dem Weg zum Mars. Stellt bitte eure Uhren jetzt auf 0 Uhr Bordzeit ein. Wir werden, um den menschlichen Biorhythmus nicht überzustrapazieren, an Bord einen 24-Stunden-Tag einhalten. Abwechselnd wird jeder von uns 5 Stunden Dienst im Cockpit übernehmen. Der Diensthabende hat die Instrumente zu überwachen und den Funkverkehr mit der Bodenstation aufrechtzuerhalten. Gregori wird diese Aufgabe als Erster übernehmen. Das wäre vorerst alles.“
„Das habe ich mir beinahe gedacht“, brummte der Russe. Erik ging nicht weiter auf diese Bemerkung ein. Er wandte sich vielmehr an den Rest der Crew und meinte: „Also Leute, worauf wartet ihr noch, ihr könnt euch jetzt in den Mittelteil des Moduls zurückziehen. Genießt eure Freizeit!“
Nachdem die drei Wissenschaftler das Cockpit verlassen hatten, seufzte Erik: „Die sind wir los. Ich wollte die drei nicht in Panik versetzen, aber ich glaube, in den nächsten Stunden liegt einer der gefährlichsten Abschnitte unserer Reise vor uns.“ „Du meinst, der Reaktor könnte echt Zicken machen?“, staunte der Russe. „Nein, nein, ich sorge mich vielmehr um den herumfliegenden Weltraumschrott. Wir sind noch in einer relativ niedrigen Umlaufbahn, sodass wir durchaus mit einem derartigen Relikt ausgemusterter menschlicher Technik kollidieren können. Dabei fürchte ich vor allem die kleineren Teilchen. Vor den größeren Brocken, wie ausgemusterten Satelliten, warnt uns das Radar und wir können zur Not ausweichen. Daher habe ich auch dich zur ersten Wache eingeteilt. Du warst Testpilot und kannst mit riskanten Situationen umgehen.“ „Stimmt“, räumte Gregori ein, „doch wenn uns etwas trifft und gleich alle drei Segmente des Mannschaftsmoduls durchschlägt, kann ich auch nicht mehr viel ausrichten.“
„Die Wahrscheinlichkeit für ein derartiges Szenario halte ich für äußerst gering“, meinte Erik nachdenklich. Und selbst wenn, ist noch nicht alles verloren. Die Konstrukteure der PROMETHEUS haben natürlich an die Möglichkeit eines Treffers gedacht und Vorkehrungen getroffen. Bei einem Druckabfall werden alle Segmente des Mannschaftsmoduls luftdicht voneinander abgeriegelt und mit Hochdruck ein Stickstoff-Sauerstoffgemisch in sie gepumpt. Der Wachhabende, der gemäß Sicherheitsbestimmungen im Raumanzug Dienst tut, kann dann die anderen in ein Segment der Kugel bugsieren, das noch genügend Luft enthält, und die Löcher abdichten.“ „Ja, wenn er nicht selbst getroffen wurde“, brummte der Russe. „Alle Eventualitäten kann man natürlich nicht ausschließen“, gab Erik zu. „Aber tröste dich, je weiter wir uns von der Erde entfernen, desto unwahrscheinlicher wird ein solches Szenario.
Also behalte den Radarschirm im Blick und sei wachsam, ich werde dich in 5 Stunden ablösen.“ Gregori murmelte etwas Unverständliches vor sich hin und Erik verließ das Cockpit.
Er zwängte sich durch die schmale Röhre, die den Kommandostand mit dem mittleren Segment des Mannschaftsmoduls verband. Hier, sozusagen im Wohn-Schlafraum der Astronauten, saßen Han und Louis angeschnallt vor ihren Computern. Von Julia Winter war nichts zu sehen. Erik schwebte zu Louis hinüber und schaute ihm über die Schulter. Der Planetologe steuerte über seinen Computer das Außenteleskop der PROMETHEUS. Das Bild zeigte die leicht gekrümmte, blaue Silhouette der Erde. „Ist sie nicht wunderbar?“, begeisterte sich Louis. „Erst aus dem Orbit kann man erkennen, auf welch herrlichem Planeten wir leben. Siehst du: dort unten erkennt man Südamerika, Brasilien, meine Heimat. Ich habe das untrügliche Gefühl, dass Maria eben zu mir hochblickt.“
„Falls deine Frau eben zu dir hochblicken sollte, wird sie nichts weiter erkennen als blauen Himmel. Wir sind schon zu hoch“, sagte Erik lächelnd. „Irrtum“, konterte Louis, „hast du vergessen, dass ich Astronom bin? Natürlich habe ich ein passables Teleskop auf dem Hausdach und Maria kann damit umgehen. Zudem kennt sie unsere Flugbahn.“ „Selbst dann wird sie uns gleich einer Sternschnuppe durch das Gesichtsfeld huschen sehen. Wir sind schon zu schnell.“ „Immerhin wird sie wissen, dass in dieser Sternschnuppe ihr Mann sitzt. Vielleicht wünscht sie sich was.“
Und nach einen kurzen Augenblick fügte Louis träumerisch hinzu: „Und ich weiß sogar schon, was. Apropos Wunsch, ich hätte gern den Raumanzug gegen etwas bequemere Klamotten getauscht. Weshalb sitzen wir, wenn auch ohne Helme, immer noch in diesen Anzügen herum? Droht uns irgendeine Gefahr?“ Erik fühlte sich ertappt und stotterte: „Eine reine, von der Bodenstation angeordnete, Vorsichtsmaßnahme. In ein paar Stunden legen wir die Dinger ab.“ „Ach komm schon, mir kannst du nichts vormachen, als Astronom kenne ich mich in der Raumfahrt fast so gut aus wie du. Du fürchtest eine Kollision mit irgendwelchem Weltraumschrott, hab ich recht?“ „Na ja, diese Möglichkeit ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Doch je weiter wir uns von der Erde entfernen, desto unwahrscheinlicher wird sie.
Wo ist übrigens unsere Miss Universum?“ Louis deutete mit dem Daumen nach unten. „Sie steckt auf der Krankenstation, will offenbar nach dem Rechten sehen.“ „Na schön, ich haue mich aufs Ohr, bis ich Gregori in ca. 5 Stunden im Cockpit ablösen werde. Danach bist du mit dem Wachdienst an der Reihe, dann Han und zum Schluss unsere Ärztin. Ich hoffe, mein Schlaf wird nicht durch irgendwelche Katastrophen gestört.“ Er klopfte Louis auf die Schulter, stieß sich von dessen Stuhl ab und schwebte hinüber zu den wannenartigen Schlafkojen, die auf der andern Seite des Raumes lagen.
Sie hatten das notwendige Quäntchen Glück. In den ersten drei Tagen ihrer Reise zum Mars verlief alles wie am Schnürchen. Ihr Schiff kollidierte nicht einmal mit einem Stäubchen und die Technik an Bord funktionierte einwandfrei. Nun hatte die PROMETHEUS das Gravitationsfeld der Erde praktisch verlassen und lag bereits auf dem Kurs, der sie in einer lang-gestreckten Parabel zum Roten Planeten bringen würde.
Erik betrachtete mit einem gewissen Misstrauen, dass alles so glatt verlief. Er war ein ungeduldiger, entscheidungsfreudiger Mann und er begann die Routine an Bord allmählich als Last zu empfinden. Louis und Han hatten ihre wissenschaftlichen Ambitionen, mit denen sie sich beschäftigen konnten. Julia Winter checkte in ihrer Ambulanz den Gesundheitszustand der Mannschaft. Gregori hatte die Marotte, ständig die Technik der PROMETHEUS zu überwachen … und Erik? Was hatte er zu tun, womit konnte er sich beschäftigen, wenn er nicht gerade Dienst im Cockpit hatte? Er schlief viel, hörte manchmal über Kopfhörer Musik oder sah sich am Computer einen Film an. Das Ganze befriedigte ihn allerdings keineswegs. So sehnte er, mehr als alle anderen, die Ankunft auf dem Mars herbei, denn dann würde er wieder Entscheidungen treffen müssen.
Zu seinem eigenen Erstaunen freute er sich sogar auf seine medizinischen Tests bei Julia Winter. Sie brachten immerhin etwas Abwechslung in das tägliche Einerlei. Schon bei seinem ersten Arzttermin erwartete ihn eine Überraschung. Er lag angeschnallt auf der Liege, in dem kleinen abgeteilten Raum, der als Ambulanz diente, und die Ärztin stach ihm eine Nadel in die Armbeuge, um ihm Blut abzuzapfen. Während sich die Spritze langsam füllte, fragte sie ihn ganz nebenbei: „Kapitän, können Sie mir sagen, weshalb Sie alle Mannschaftsmitglieder duzen, nur mich nicht?“ Erik verzog das Gesicht, zum Teil, weil ihn die Frage überraschte, zum Teil aber auch, weil sie ihm äußerst unangenehm war. „Sehen Sie“, begann er vorsichtig, „Sie und ich – wir sind die einzigen unverheirateten Personen hier an Bord. Eine zu große Nähe zwischen uns würde das Mannschaftsgefüge stören. Als Kapitän muss ich objektiv sein, muss alle gleich fair behandeln, wenn Sie so wollen und … “, er wurde verlegen, verhaspelte sich.
„Ich verstehe“, sprang sie ihm bei, „Sie befürchten, eine sich anbahnende Beziehung zwischen uns könnte unsere Mission gefährden. Auch mir ist daran gelegen, dass unsere Mission reibungslos verläuft. Ich will jedoch keine Sonderbehandlung. Dadurch, dass wir uns als Einzige in der Crew siezen, wird mein Sonderstatus offenkundig. Sie erreichen damit das genaue Gegenteil von dem, was Sie eigentlich beabsichtigen.“ „Ich glaube, Sie haben recht“, gab Erik widerwillig zu. „Und überhaupt, ein Du schafft noch keine Beziehung, kann auch ein Zeichen von Kameradschaft sein.“
„Also wollen wir dazu übergehen?“, fragte sie knapp. „Einverstanden“, antwortete er nach kurzem Zögern. „Schließlich sind unsere Vornamen keine Zungenbrecher und werden uns leicht über die Lippen gehen. Also Julia – Sie … , ich meine natürlich du hast einen Vornamen, der mir schon immer gefallen hat. Er erinnert mich an Shakespeare, dessen Dramen mich schon immer beeindruckt haben.“ Julia lächelte bei diesem Kompliment und meinte: „Der Vornahme Erik passt hingegen eher zu einem verschlossenen Skandinavier als zu einem Amerikaner. Wie bist du zu diesem Namen gekommen?“ „Meine Vorfahren waren Hugenotten, die zunächst nach Schweden geflüchtet sind und dann nach Amerika auswanderten.“
„Oh, verstehe“, nickte Julia und zog mit einem Ruck die Nadel aus seiner Ellenbeuge. Mit der Spritze in der Hand blickte sie auf ihn herab und als sie sein erwartungsvolles Lächeln sah, fragte sie: „Ja, was gibt es noch?“ „Ich warte auf den Kuss. Ist der nicht üblich, wenn man vom Sie zum Du übergeht?“ „Nein, nein, bleib mir vom Leib, so war das nicht gemeint“, meinte
sie lachend. Das widerspricht doch völlig deinen vormaligen Absichten.“ „Ich halte mich nur an alt hergebrachte Traditionen“, erklärte er. „Außerdem bin ich angeschnallt, also wovor fürchtest du dich?“ „So sind mir die Männer übrigens am liebsten“, scherzte sie. „Ich meine, angeschnallt und bewegungsunfähig, da kommen sie wenigstens nicht auf dumme Gedanken!“
Sie wurde wieder ernst, schien mit sich zu ringen und sagte schließlich: „Na schön, ein Kuss auf die Wange kann nicht schaden.“ Sie näherte ihr Gesicht dem seinen, küsste ihn auf die Wange und für einen flüchtigen Moment roch er den verführerischen Duft ihrer Haut. Danach blieb ihm gerade noch Zeit, ihr seinen Kuss auf die Wange zu hauchen, weil sie ihren Kopf rasch wieder zurückzog.
Diese flüchtige Berührung schien bei ihr keinerlei Wirkung zu zeigen, während sie bei ihm einen Sturm der Gefühle auslöste. Sein Gehirn malte ihm beglückende Vorstellungen aus, während sich, zu seinem Erstaunen, bei ihm weiter unten gar nichts rührte. Grimmig fiel ihm ein, dass Pullok, dieser alte Halunke, ihnen ja Libido hemmende Mittel in ihre Nahrung gemixt hatte, und die schienen bereits ihre Wirkung zu entfalten. War das nun ein Fluch oder ein Segen? Dies zu entscheiden, fiel ihm im Augenblick schwer. Um sich abzulenken, rief er der Ärztin, die gerade dabei war, sein Blut in einer Kühlbox zu verstauen, nach: „Wie ist es denn um meine und die Gesundheit der Crew bestellt, Frau Doktor?“
„Deine Werte habe ich natürlich noch nicht, aber bei den anderen sieht es ganz gut aus“, antwortete Julia ihm über die Schulter. „Ich konnte lediglich eine leichte Anämie und Neutropenie in ihrem Blut feststellen.“ „Eine Neutro … was?“, wollte Erik wissen.
„Neutropenie bedeutet eine zu geringe Anzahl von weißen Blutkörperchen im Blut, genauso, wie Anämie eine zu geringe Zahl von roten Blutkörperchen bedeutet“, erklärte die Ärztin. „Das hängt sicherlich mit der Strahlenbelastung hier draußen zusammen und ich fürchte, die wird umso schlimmer, je weiter wir uns vom Erdmagnetfeld entfernen.“
„Wie schauen unsere Strahlen-Dosimeter aus?“, erkundigte sich Erik. „Wie gesagt, noch ist alles im grünen Bereich, aber das heißt nicht, dass alles so bleibt. Tja, und noch etwas: Louis, Han und selbst Gregori haben zu hohe Calciumwerte im Blut. Das zeigt mir, dass ihre Knochen in der Schwerelosigkeit zu demineralisieren beginnen. Ihr müsst also mehr trainieren, mehr im Netz arbeiten.“ „Schöne Aussichten!“ murrte Erik. „Ich hasse es, wie eine Fliege in diesem Netz zu zappeln.“
Das Netz, das sich im Wohn-Schlafraum der Astronauten befand, war eine grandiose Erfindung der NASA-Mediziner. Es bestand aus einem Kunststoffanzug, der mit elastischen Bändern in einem viereckigen Rahmen aufgespannt war. Wenn man in diesem Anzug steckte, den man mittels Klettverschlüssen an die eigene Körperform anpassen konnte, und sich bewegte, so musste man dies stets gegen den Widerstand der elastischen Bänder tun.
So konnte man, je nach Art der Bewegung, beinahe jeden Muskel trainieren. Da jeder, der in diesem Anzug schwitzte und wie eine Fliege in einem Spinnennetz zappelte, hatte sich für diese sinnige Einrichtung bei der Crew der Name „Netz“ eingebürgert. „Warst du heute schon im Netz?“, war eine der häufigsten Fragen, die man auf der PROMETHEUS zu hören bekam. Die Antwort lautete meistens: „Heute noch nicht, aber morgen will ich es wieder einmal versuchen.“ Da eine Viertelstunde Netztraining eine schweißtreibende Angelegenheit war, versuchte sich jeder, so gut es ging, davor zu drücken. Aber Julia Winter war unerbittlich. Sie führte Buch über das Training jedes Einzelnen und ermahnte jeden, der ihrer Meinung nach zu wenig gegen den Muskelschwund bei minimaler Schwerkraft tat. Julia hatte natürlich recht, die Mannschaft musste sich fit halten, ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden hingen davon ab.
Erik war daran gelegen, dieses leidige Thema schnell abzuhaken, deshalb fragte er die Ärztin: „Wie sieht es mit der psychischen Verfassung der Mannschaft aus?“ „Noch gut“, antwortete diese bereitwillig, „allerdings ist das nicht erstaunlich, wir sind ja noch nicht allzu lange im Raum und hatten noch keine stressigen Situationen zu meistern.“ Nach einem Augenblick der Überlegung fügte sie hinzu: „Nur Louis macht mir etwas Sorge.“ Erik fiel aus allen Wolken und rief: „Louis, unser Sonnyboy, mit psychischen Problemen, das kann ich mir gar nicht vorstellen!“
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.
