Kitabı oku: «Metamorphose auf dem Mars», sayfa 3

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Übrigens solltest du dich freuen, die in alle Teile der Welt übertragene Zeremonie steigert doch deine Berühmtheit!“ „Gerade die ist mit zuwider“, hatte Erik geknurrt. „Man kann keinen Schritt mehr tun, ohne dass einem die Medienhyänen auflauern. Das ganze Privatleben ist im Eimer! Und zu allem Überfluss muss ich von dir erfahren, dass wir das Fernsehen noch mit ‚Geschichten aus dem Cockpit der PROMETHEUS‘ beglücken dürfen. Seid Ihr jetzt ganz meschugge geworden? Wir sind doch keine Schauspieler! Ich versuche mir gerade Gregori als publikumswirksamen Weltraumhelden vorzustellen – ein reizender Gedanke!“

Pullok winkte ab: „Gregori kommt gar nicht ins Bild, er wird die Kamera bedienen. Wir haben das alles schon bis ins Kleinste geplant und die Fernsehrechte sind auch schon verkauft. Sie wurden uns förmlich aus den Händen gerissen.“ „Kann ich mir denken“, meinte Erik wütend. „Und uns hat man erst gar nicht gefragt!“ „Wir dachten, ihr wäret begeistert“, entgegnete Pullok unschuldig. „Schließlich wird dadurch eure langweilige Routine an Bord etwas aufgelockert und ihr werdet als angehende Filmstars noch berühmter, als ihr es eh schon seid. Denk doch auch mal an das viele Geld, das uns eure Show einbringen wird. Die NASA musste Milliarden an Krediten aufnehmen, um die Finanzierungslücke für euer Unternehmen zu schließen. Da ist es wohl nicht zu viel verlangt, wenn ihr auch einen kleinen Beitrag leistet.“ „Ich weiß zwar, dass die NASA notorisch klamm ist, aber dass du uns klammheimlich an die Medienhaie verhökert hast, ohne uns vorher auch nur zu fragen, das will mir nicht in den Kopf.“ „Ich teile es dir doch jetzt in aller Form mit und bis es so weit ist, vergehen noch Monate“, entgegnete Pullok erstaunt.

So war der Streit um die Übertragung von Fernsehsendungen noch einige Zeit weitergegangen, bis es Erik zu viel wurde und er Pullok wortlos stehen ließ. Jetzt, unter dem Ansturm der Medien auf dem Flugfeld, kochte die Erinnerung an den Streit in Erik wieder hoch. Er starrte Pullok finster an, der gerade in Anlehnung an Neil Armstrong den Flug zum Mars als einen riesigen Schritt für die Menschheit pries.

Kapitel 2

Auf der ISS

Die Verabschiedung der Astronauten auf dem Flughafen von Houston war, was die Medien betraf, allerdings ein Klacks im Verhältnis zu dem, was sie auf Cape Canaveral erwartete. Praktisch jede Fernsehstation, die etwas auf sich hielt, hatte ein Aufnahmeteam vor Ort, als die fünf Astronauten zur ISS starteten. Erik atmete auf, als bei ihrem Shuttle die Türe des Cockpits hinter ihnen einrastete und die Augen der Öffentlichkeit ausschloss.

Seine ärgerliche Anspannung wich, denn was jetzt kam, war ihm vertraut. Bei den drei Raumflugneulingen dagegen nahm sie eher noch zu. Julia wirkte ungewöhnlich bleich, als sie sich mit fahrigen Bewegungen die Gurte ihrer Andrucksliege umschnallte. Auch Louis hatte viel von seiner Fröhlichkeit eingebüßt und musterte mit ernster Miene das Innere des Shuttles. Das Gesicht von Han war zwar wie immer ausdruckslos, doch in seinen Augen blinkte die Angst. Nur Gregori schien für seine Verhältnisse gut gelaunt, als er die Checkliste für den Start durchging. Pullok hatte nämlich ihn und nicht Erik damit beauftragt, das Shuttle zu fliegen. Erik fühlte sich bemüßigt, die drei Neulinge zu beruhigen, und sagte forsch: „Der Flug zur ISS wird ein Katzensprung. Wenn Gregori das Andockmanöver gleich beim ersten Mal gelingt, sind wir in ca. 3 Stunden dort!“

„Ich muss immer an die Shuttle-Katastrophen aus dem vorigen Jahrhundert denken, und jetzt sitze ich selbst in so einem Ding“, meinte die Ärztin gepresst. „Aber, aber, das kann man doch nicht miteinander vergleichen“, gab Erik zu bedenken. „Unser Gefährt ist ein wieder verwendbarer Raumgleiter, der wie ein Flugzeug startet und landet. Wir nennen es nur aus Tradition Shuttle. Es funktioniert viel zuverlässiger, denn es besitzt keine absprengbaren Teile. Glauben Sie mir, hier sind Sie viel sicherer, als wenn Sie sich mit Ihrem Wasserstoff-Auto in den Verkehr von New York stürzen.“ Von Louis kam ein ersticktes Lachen: „Netter Vergleich, nur sitzen wir hier auf mehr flüssigem Wasserstoff, als unsere verehrte Kollegin mit ihrem Minicar in ihrem ganzen Leben verbrauchen kann.“ „Exakt 110 Tonnen“, ließ sich Han mit piepsiger Stimme vernehmen. „Schluss mit dem Gequassel!“, rief Gregori. „Wir haben grünes Licht von der Bodenstation, es geht los!“

Nachdem er sich vergewissert hatte, dass alle gut festgeschnallt waren, startete er die Triebwerke. Ein gedämpftes Brausen drang in die Kabine und der Gleiter begann sanft zu vibrieren. Gregori blickte kurz auf Erik, der neben ihm im Copiloten-Sessel saß, und als dieser nickte, schob er den Hebel für die Raketentriebwerke leicht nach vorne. Das Ergebnis der vergleichsweise winzigen Bewegung war frappierend.

Die Triebwerke heulten auf und die Insassen des Shuttles wurden durch die rasante Beschleunigung in ihre Sitze gepresst. Die Lichter der Startbahn glitten immer schneller vorbei, wurden schließlich zu einer grellgelben Linie – und die Maschine hob ab. Sie durchstieß in einem irrwitzigen Steigflug die niedrig hängenden Wolken und verschwand aus den Augen der gaffenden Zuschauer. Die vielen Leute, die den Start des Shuttles verfolgt hatten, wollten sich schon wegen der Kürze des Schauspiels enttäuscht abwenden, als sie ein lauter Knall zusammenzucken ließ. Das Shuttle hatte die Schallmauer durchbrochen.

Im Inneren des Gleiters wurde es für die Insassen langsam ungemütlich. Nach dem Durchbrechen der Schallmauer hatte Gregori die Nase des Shuttles senkrecht nach oben gerichtet und auf vollen Schub geschaltet. Wie ein Geschoss raste der Gleiter in den Himmel, während seine Besatzung unter der Beschleunigung von 6 g ächzte. Zum Glück währte der mörderische Andruck nur einige Minuten. Den Astronauten wurde dabei der Brustkorb zusammengeschnürt und ihr Herz dröhnte in ihren Ohren wie ein Dampfhammer und vermochte dennoch ihr sirupartiges Blut kaum durch die Adern zu treiben. Dann erreichte der Gleiter die vorgesehene Geschwindigkeit, die ihn in einer Parabel zur ISS tragen würde, und Gregori schaltete die Triebwerke ab.

Die Neulinge unter Eriks Kommando seufzten erleichtert auf, um gleich darauf festzustellen, dass die plötzliche Schwerelosigkeit auch so ihre Tücken hatte. Auf die besorgte Frage Eriks: „Na, wie geht’s, sind alle wohlauf?“, entgegnete Louis stöhnend: „Der Druck ist Gott sei Dank weg, doch jetzt ist mir speiübel und ich habe das Gefühl, kopfüber zu Teufels Großmutter zu stürzen.“ Erik lachte und meinte: „Ja, die Schwerelosigkeit, simuliert im Wasserbecken, oder sie tatsächlich im freien Fall zu erleben, macht schon einen gewaltigen Unterschied. Aber tröste dich, Louis, mit der Zeit gewöhnt man sich daran und das Gefühl ständigen Fallens verschwindet allmählich.“ „Eine simple Störung unseres Gleichgewichts-Organs im Innenohr“, erklärte Julia mit müder, schleppender Stimme, „die Lymphe in den Bogengängen und die Statolithen im Innenohr funktionieren nur bei vorhandener Schwerkraft oder Beschleunigung. Unter null Gravitation leiden wir quasi unter einer verschärften Form der Seekrankheit.“ „Na toll, Ihre Erklärungen, Frau Doktor, haben mir ungemein geholfen! Mir wäre es allerdings lieber gewesen, Sie hätten mir ein Mittel gegen diese ‚Seekrankheit‘ verordnet.“ „Ich habe bereits vor dem Start ein Antiemetikum genommen und mir geht es ausgezeichnet“, meldete sich Han Li mit vergnügter Stimme. Ich dachte, das hätten Sie alle getan, sonst hätte ich Sie daran erinnert.“ Die anderen starrten Han entgeistert an, bis ihnen einfiel, der kleine Chinese war nicht nur Biologe, sondern auch Arzt, und wie es schien, ein umsichtiger dazu. Erik räusperte sich: „An Bord haben wir leider keine Antiemetika, aber auf der Raumstation sind wir gewiss damit ausgestattet. Also, habt noch etwas Geduld!“

Der Flug zur Raumstation dauerte jedoch nicht so lange, dass die Geduld der Besatzung überstrapaziert wurde. Schon wenige Minuten, nachdem sie in den freien Fall übergegangen waren, machte Gregori sie auf einen glänzenden Punkt vor ihnen aufmerksam. Es war die aus Modulen zusammengesetzte, in der Sonne funkelnde ISS. Mit ihren ausladenden Sonnenpaddeln wirkte sie wie ein bizarres, riesiges Insekt, das die Erde umkreiste.

In den letzten 50 Jahren hatte man die ISS ständig ausgebaut und vergrößert, sodass sie schließlich bis zu 40 Leute aufnehmen konnte. Die routinemäßige Besatzung betrug 25 Astronauten und Forscher aus verschiedenen Ländern. Sie erforschten die Erde aus dem All und beschäftigten sich mit Dingen, wie die Drift der Kontinente, das Klima und Experimente in der Schwerelosigkeit. In den letzten 5 Jahren waren allerdings mehr Ingenieure und Techniker als Forscher auf der ISS anzutreffen gewesen, denn sie hatten die Aufgabe, die PROMETHEUS in der Erdumlaufbahn zusammenzubauen. Die Teile des Raumschiffes wurden auf der Erde gefertigt und dann mit computergesteuerten Shuttles in die Umlaufbahn gehievt. Jetzt, da die PROMETHEUS endlich nach 5 Jahren Bauzeit fertiggestellt worden war, waren die Ingenieure zur Erde zurückgekehrt und die Astronauten und Forscher hatten wieder das Regiment auf der Raumstation übernommen. Die derzeitige Besatzung freute sich schon auf die Ankunft der fünf Mars-Astronauten. Sie wurden sogar schon sehnlichst erwartet, denn sie würden die Routine auf der ISS unterbrechen und neues Leben in die Bude bringen.

Gregori gelang das heikle Andockmanöver gleich im ersten Anlauf und die Astronauten krochen aus der Enge ihres Shuttles in die komfortable Luftschleuse der Raumstation. Hier wurden sie von Bob Miller, dem derzeitigen Kommandanten der ISS, begrüßt. Miller winkte Erik und Gregori, die er schon von früheren Aufenthalten kannte, freundschaftlich zu, während er die drei Neulinge interessiert musterte. Überflüssig hinzuzufügen, dass sein Blick dabei am längsten bei Julia Winter verweilte. Erik stellte Miller die drei Neuankömmlinge vor. Ganz Kavalier, begrüßte dieser Julia Winter zuerst, doch tat er es auf eine etwas sonderbare Weise. Er stieß sich von der Wand der Luftschleuse ab, segelte auf die Ärztin zu, doch anstatt sich an der Haltestange abzufangen, die rings um die Luftschleuse angebracht war, umklammerte er die schöne Frau. Ja, dachte Erik amüsiert, Bob versteht es meisterhaft, die Schwerelosigkeit zu seinen Gunsten auszunützen. Die Ärztin sah das offenbar genauso, denn nach einem kurzen Augenblick der Überraschung erschien eine steile Falte auf ihrer Stirn und ihre blauen Augen sprühten Feuer. Bob ließ die indignierte Frau los und entschuldigte sich mit den Worten: „Ja, ja, die Schwerelosigkeit, sie spielt einem hier oben immer wieder Streiche. Sie werden das bei sich selber auch noch erfahren, daher schlage ich vor, dass Sie sich anfangs an den Haltestangen entlanghangeln, bis Sie sich an Ihre Gewichtslosigkeit gewöhnt haben.“

Nachdem Bob, unverschämt lächelnd, bei der Ärztin einen Handkuss angedeutet hatte, segelte er gekonnt zu Han Li hinüber. Diesmal passierte ihm natürlich nicht das Malheur, dass er die Haltestange verfehlte. Dennoch verlief auch hier seine Begrüßung nicht glatt. Han ließ nämlich die Haltestange los, um Bob die Hand zu schütteln, und als er sich, in typischer asiatischer Höflichkeit, tief verbeugen wollte, stieß er mit dem Fuß gegen die Wand der Luftschleuse. Der Stoß ließ ihn einen Salto nach vorne machen und er schwebte davon. Gregori fing den schmächtigen Biologen auf und bugsierte ihn zurück zu Miller.

Louis Vargas hingegen hatte aus der schwierigen Begrüßungszeremonie schnell gelernt. Offenbar musste man seinen Körper dafür irgendwo fest verankern. Er klammerte sich deshalb wie ein Ertrinkender mit der linken Hand an die Führungsstange, während er mit der Rechten den Händedruck von Bob erwiderte. Miller wandte sich nach seiner Begrüßung den fünf Neuankömmlingen zu und sagte mit unüberhörbarer Ironie in der Stimme: „Nachdem ich Sie als die künftigen Helden der Raumfahrt, die sich anschicken, den Mars zu erobern, nun alle kennengelernt habe, zeige ich Ihnen wohl am besten zunächst Ihre Quartiere. Ja, noch was! Von Ihrer Bodenstation habe ich grünes Licht erhalten, die Wissenschaftler unter Ihnen in das Forschungsprogramm der Station zu integrieren. Ich freue mich also auf ihre kompetente Mitarbeit, die Ihnen die Langeweile hier oben hoffentlich vertreiben wird. Erik und Gregori haben den Auftrag, die PROMETHEUS zu testen und einsatzbereit zu machen. Wenn Sie mir bitte folgen wollen!“

„Die PROMETHEUS testen“, knurrte Gregori neben Erik, „darauf wäre ich von alleine nicht gekommen. Bob kann es schon wieder einmal nicht lassen, den Chef heraushängen zu lassen.“ „Hier oben ist er der Chef, also sollten wir seine Anordnungen befolgen“, bemerkte Erik lakonisch.

In den kommenden Wochen fehlte den Neuankömmlingen auf der ISS, genau wie Bob verkündet hatte, schlichtweg die Zeit, sich zu langweilen. Die drei Wissenschaftler der Crew, nämlich Dr. Winter, Professor Han Li und Dr. Dr. Vargas fügten sich nahtlos in das Forschungsprogramm der Internationalen Raumstation ein. Erik und Gregori hingegen testeten die PROMETHEUS auf Herz und Nieren. Besonders der Russe war in seinem Element und kein Relais oder Stromkreis, kein Computer oder Schalter entgingen seiner sorgfältigen Prüfung.

Endlich war es so weit: Ein Probeflug mit der PROMETHEUS konnte riskiert werden. Erik wollte diese erfreuliche Nachricht seiner Crew mitteilen und bat sie zu einem Treffen im Gemeinschaftsraum der ISS. Als alle versammelt waren, begann er forsch: „Meine Herrschaften, unser Raumabenteuer rückt näher, morgen starten wir zu einem Probeflug mit der PROMETHEUS.“

„Was heißt, wir?“, wollte der Brasilianer wissen. „Na, Gregori und meine Wenigkeit, wir sind schließlich die ausgebildeten Piloten für dieses Vehikel“, entgegnete Erik. „Ich denke, wir sollten bei diesem Jungfernflug alle dabei sein“, wandte Han Li ein. „Wir haben doch alle am Simulator geübt und sollten uns beim Steuern des Schiffes abwechseln, um etwas Praxis im Umgang mit der PROMETHEUS zu bekommen.“ „Erprobungen neuer Fluggeräte sind etwas für Testpiloten“, brummte Gregori, „wenn etwas schiefgeht, dann verglühen wenigstens nur zwei von uns in der Erdatmosphäre.“ „Du machst mir Spaß, Gregori!“, rief Julia Winter und zog einen Schmollmund. „Wie sollen wir denn mit diesem Vehikel bis zum Mars kommen, wenn du schon einen kurzen Probeflug für gefährlich einstufst?“ „Wir haben natürlich Vertrauen in die Konstrukteure des Raumschiffes“, versuchte Erik, die Gemüter zu beruhigen. „Trotzdem halten wir einen Probeflug unbedingt für erforderlich, allein schon wegen des neuen Plasma-Triebwerkes. Das muss schließlich monatelang einwandfrei funktionieren, sonst können wir den Flug zu einem fremden Planeten gleich ganz vergessen. Zwar wurde es schon auf der Erde im Dauerbetrieb getestet, doch noch niemals unter Weltraumbedingungen. Das herauszufinden, ist Aufgabe von Greg und mir, denn wir waren Testpiloten, ehe wir zur Raumfahrt wechselten. Wie ihr euch denken könnt, gehören Risiken zu unserem Beruf, und deshalb wollen wir sie so klein wie möglich halten.“ „Das heißt, ihr wollt uns nicht dabeihaben“, konstatierte Louis etwas verschnupft. „Ist das definitiv?“ „Ja, das ist definitiv“, betonte Erik in ungewohntem Befehlston. „Ja, dann“, meinte Louis und verließ gekränkt das Casino. Han und Julia folgten seinem Beispiel.

„War das nicht etwas zu grob, Erik?“, gab der Russe zu bedenken, nachdem die Wissenschaftler den Raum verlassen hatten. „Ich meine, musstest du so den Kommandanten heraushängen lassen, da Wissenschaftler doch gewohnt sind, das Für und Wider einer Entscheidung ausgiebig zu diskutieren. Schließlich sind wir ein Team und auf sie angewiesen.“ „Das musste sein“, brummte Erik. „Je eher sie sich daran gewöhnen, wer hier die Befehle erteilt, desto besser. Und apropos Diskussionen! Meinst du, wir können uns in Notsituationen den Luxus von Diskussionen leisten? Ich denke, nein! Je früher die Kommandostrukturen geklärt sind, desto schneller können Entscheidungen getroffen und durchgeführt werden. Das habe ich schon früh auf der Militärakademie lernen müssen.“ „Okay, du bist der Kommandant“, räumte Gregori mit undurchdringlicher Miene ein.

Wie ein überdimensionaler Elefantenrüssel spannte sich der Verbindungs-Tunnel von der ISS zur PROMETHEUS. Durch diesen ziehharmonikaartigen Tunnel stapften Gregori und Erik mit ihren Magnetstiefeln und versetzten ihn in rhythmische Schwingungen. Beide wirkten angespannt, denn nun musste es sich erweisen, wie raumtüchtig das Schiff, mit dem sie den Mars erreichen wollten, tatsächlich war.

Während der Russe unter der Anspannung noch wortkarger als sonst wirkte, versuchte Erik, sie durch Reden erträglicher zu machen. „Siehst du, unsere Kameraden haben es uns nicht übel genommen, dass wir sie auf der Station zurückgelassen haben“, wandte er sich an Gregori. „Alle drei sind im Kontrollraum erschienen, um uns zu verabschieden und uns Glück zu wünschen.“ Da der Russe schwieg, fuhr er fort. „Na ja, wer begibt sich schon freiwillig in diese Konservendose, wenn er nicht muss. Außerdem fügen sich unsere drei Koryphäen so brillant in das Forschungsprogramm der Station ein, dass es eine Schande wäre, sie von dort früher als nötig wegzubeordern. Erst neulich hat mir Louis ganz begeistert berichtet, wie toll er die Erderkundung aus dem Orbit findet. Vom Wettergeschehen über die Erderwärmung bis zur Drift der Kontinente, das alles kann mit nie gekannter Präzision registriert werden. Zurzeit arbeitet er, mittels Radarabtastung, an einer Reliefkarte unserer guten alten Erde. Mit dieser Methode kann man die Höhe des Mount Everest bis auf 3 Zentimeter genau messen. Man stelle sich das einmal vor!“ Der Russe grunzte, schritt jedoch ungerührt weiter.

Erik blickte Gregori irritiert von der Seite an, da dieser offenbar durch nichts zu beeindrucken war. Er nahm einen neuen Anlauf: „Und unser Professor für Biologie testet unentwegt das Wachstum der Pflanzen in der Schwerelosigkeit, mit typischer asiatischer Ausdauer.“ Als der Russe auch dazu keinen Kommentar abgab, versuchte es Erik mit Humor. Er blieb stehen, grinste zweideutig und meinte: „Ist dir schon aufgefallen, mit welchen Wehwehchen die Besatzung der Raumstation der Krankenstation die Türen einrennt, seit unsere hübsche Ärztin dort dem Stationsarzt assistiert? Die Männer haben schon ein halbes Jahr keine Frau mehr gesehen, und dann gleich ein solches Exemplar! Nun ist mir auch klar, weshalb Bob Miller damals in der Luftschleuse Julia so offensichtlich umklammerte.“ „Hm, ich verstehe“, brummte der Russe und machte sich konzentriert an der Tür der Luftschleuse zu schaffen, denn sie hatten das Ende des Verbindungstunnels erreicht.

Die kreisrunde Tür glitt zur Seite und sie krochen in die Luftschleuse der PROMETHEUS. Nachdem Gregori die Türe wieder sorgfältig verriegelt hatte, begaben sie sich in das kreisrunde Kommandomodul des Schiffes. Zwei Andruck-Liegen befanden sich vor einer ovalen Steuerkonsole, die mit einer schier unübersehbaren Anzahl von Konsolen, Schaltern und Bildschirmen bestückt war. Ein Handgriff, und die Liegen verwandelten sich in zwei komfortable Pilotensessel. Die beiden Raumfahrer nahmen Platz, schnallten sich an und Erik öffnete als Erstes einen Kommunikationskanal zur ISS. Das erwartungsvolle Gesicht von Bob Miller, der sich ein Lächeln abrang, tauchte auf. „Ich grüße das Himmelfahrtskommando auf der PROMETHEUS“, flachste er, „können wir mit der Prozedur beginnen?“ „Nur mit der Ruhe, wir müssen erst noch die Bordcomputer hochfahren“, entgegnete Erik und drückte die entsprechenden Knöpfe. Eine Reihe von Displays leuchtete auf und ein Ventilator begann zu summen.

„Vor das Vergnügen hat Gott die Arbeit gesetzt“, seufzte Erik und griff auf der Konsole vor sich nach einer ellenlangen Checkliste. Die Prozedur, wie Bob sich ausdrückte, war nichts anderes als die penible Überprüfung aller wichtigen Funktionen des Raumschiffes. Das war nicht nur eine Riesenarbeit für die beiden an Bord, nein, das Ganze wurde auch noch von den Leuten auf der ISS und von der Bodenstation gegengecheckt. „Dreifach genäht hält eben besser“, dachte Erik in einer Art Galgenhumor und zu Gregori gewandt knurrte er: „Du kannst anfangen.“ Der Russe begann, das Protokoll herunterzuleiern: „Computer hochgefahren, Außen-Kommunikationskanäle eingeschaltet, Kreiselkompass auf ‚on‘, Vorwärmpumpe für Steuertriebwerke auf ‚on‘ und so ging es endlos weiter. Würden sie nur eine Position des Protokolls übersehen, würde sie Bob mit erhobenem Zeigefinger darauf aufmerksam machen und der Bordcomputer Alarmgeräusche von sich geben. Die Prozedur war zwar nerv-tötend, aber absolut notwendig, denn schon eine kleine Nachlässigkeit konnte in der lebensfeindlichen Umgebung des Weltraums tödlich sein.

Endlich war den Initialisierungs- und Sicherheitschecks Genüge getan und Erik lehnte sich aufatmend zurück. Nach einer kurzen Pause erkundigte er sich bei Miller: „Na, wie sieht es bei euch aus, Bob?“ „Unsere Instrumente bestätigen die Ergebnisse eurer Bordinstrumente. Falls die Bodenstation nichts dagegen hat, habt ihr grünes Licht für den Start. Ich trenne jetzt den Verbindungstunnel ab und ihr könnt dann nach eigenem Ermessen loslegen. Viel Glück und Hals- und Beinbruch! Ja, noch etwas: Achtet auf euer rechtes Seitentriebwerk, damit ihr keinen Schaden an unserer Station anrichtet.“ „Wird gemacht, Bob“, erwiderte Erik, „obwohl, etwas Feuer unterm Hintern könnte euch doch bei der Kälte hier draußen nur willkommen sein. Adieu, wir sehen uns dann, so Gott will, in zwei Tagen wieder.“

Bob winkte lächelnd zum Abschied und verschwand vom Bildschirm. Ein Rumpeln ertönte und sie spürten eine leichte Erschütterung, als der Verbindungstunnel vom Schiff abgetrennt wurde. Trotzdem schwebte die PROMETHEUS noch nicht frei im Raum, denn drei Streben, mit Magnetklammern versehen, verbanden das Schiff noch mit der ISS. Erik befahl Gregori, die Klammern zu lösen. Danach blickte er zu seinem Copiloten hinüber und fragte: „Sind wir startbereit?“ Gregori deutete auf die zahllosen Anzeigen vor sich, die alle in beruhigendem Grün leuchteten, und meldete: „Der Computer meint, ja.“ Da atmete der Kommandant tief durch und befahl: „Rechte Steuerdüse auf ein Viertel, Heckdüse auf halben Impuls.“

Langsam, wie in Zeitlupe, löste sich die PROMETHEUS von der ISS und trieb davon. Während die Raumstation hinter ihnen langsam ihren Blicken entschwand, hatten die beiden Männer nun freie Sicht auf die blau schimmernde, leicht gekrümmte Planetenoberfläche.

Schweigend, ja geradezu andächtig, beobachteten Erik und Gregori, wie weit unter ihnen federartige Wolken zogen. In den Wolkenlücken konnte man die dunklen Konturen der Kontinente ausmachen, umspült vom Blau der Weltmeere. Erik brach als Erster das Schweigen: „Erst aus dem Orbit kann man die ganze Schönheit und Einzigartigkeit unsere Erde erfassen“, meinte er sinnend. „Ich weiß nicht, von welchen Teufeln wir geritten werden, dass wir dieses Juwel partout verlassen wollen, um uns dem kalten lebensfeindlichen Weltall auszuliefern.“ Nach einer Pause fügte er hinzu: „Was ich schon immer wissen wollte, Greg, was trieb dich in dieses riskante Abenteuer?“ Gregori, aus seinen Betrachtungen gerissen, schnaubte ärgerlich: „Es geht zum Mars, dem ‚Roten Planeten‘, da darf ein Russe nicht fehlen, du Speichellecker des Kapitalismus! Außerdem solltest du wissen, dass in Wahrheit Russland die Pionierarbeit im Weltall geleistet hat.“ „Sehe ich das richtig, allein zum Ruhm von Mütterchen Russland, allein aus Patriotismus, sitzt du hier neben mir?“, staunte Erik. Als der Russe nicht antwortete, ahmte Erik einen Tusch nach und rief: „Leute, feiert mit mir den Helden der Sowjetunion! Er hält den Kommunismus immer noch eisern hoch, obwohl schon alles den Bach hinuntergegangen ist.“

Damit hatte es der Amerikaner endgültig geschafft, den Russen auf die Palme zu bringen. „Du solltest Ideale, von denen du nichts verstehst, nicht in den Schmutz ziehen“, erwiderte Gregori mit gefährlich leiser Stimme. „Natürlich ist das Experiment eines real existierenden Sozialismus’ im vorigen Jahrhundert leider gescheitert. Doch das lag weniger an der Idee selbst als an dem Unvermögen der Menschen, die mit der Realisierung dieser Idee betraut waren. Schon in der Urkirche gab es Bestrebungen, das Eigentum abzuschaffen und die Interessen der Gemeinschaft über die des Individuums zu stellen. Daran siehst du, dass diese Idee nicht so schlecht sein kann!“

„Das ist alles ideologischer Humbug und geht völlig an der Realität vorbei“, unterbrach Erik den Russen heftig und fuhr fort: „Ich kann dir auch verraten, weshalb das Ganze scheitern musste. Der Mensch ist nämlich in erster Linie ein eingefleischter Egoist und benützt den Altruismus nur, um dies zu bemänteln. Eure ganze Erziehung zum Sozialismus ist am Menschen abgetropft, denn die Selbstsucht des Menschen ist in seinen Genen verankert und kann durch Umerziehung nicht beseitigt werden. Und selbst wenn ihr bei einer Generation Erfolge gehabt hättet, die nächste hätte alles wieder zunichtegemacht.“ „Wir haben Erfolge gehabt“, fiel Gregori Erik wütend ins Wort, „aber nicht die kommende Generation, sondern unsere Partei, unsere oligarchische Führung hat sie zunichtegemacht. Das kann man im Nachhinein deutlich erkennen. Die Menschen in unserem Land hätten vielleicht noch weiter an den Kommunismus geglaubt, hätte nicht unsere Führung eine Karikatur aus der Idee gemacht.“ „Gut erkannt, Gregori“, stimmte ihm Erik zu, „aber gerade das stützt meine These – Egoismus dominiert Altruismus!“

Nach kurzem Schweigen fuhr Erik fort: „Wenn ich dich also recht verstehe, so hat dich Idealismus und Patriotismus zu diesem Marsabenteuer getrieben?“ „Nicht ganz – es gibt noch andere Gründe“, erwiderte der Russe zur Eriks Überraschung. „Ich bin wie du Testpilot gewesen und da habe ich mich daran gewöhnt, Risiken einzugehen. Seien wir doch einmal ehrlich: als Testpiloten brauchen wir den Adrenalin-Kick und, wie jeder Junkie, erhöhen wir die Risikodosis.“ Gregori starrte gedankenverloren auf die blau schimmernde Erde unter ihnen und fuhr dann etwas verlegen fort: „Ich glaube, es gibt noch einen weiteren Grund, doch den wirst du als Junggeselle wohl kaum verstehen. Du kennst nicht die russische Großfamilie! Meine Familie, meine Eltern und die Eltern meiner Frau, wir alle leben unter einem Dach. Da sind Reibereien vorprogrammiert. Versteh mich nicht falsch, ich liebe meine Familie und kehre gern zu ihr zurück. Zunächst ist die Wiedersehensfreude groß, doch nach ein paar Tagen stehe ich plötzlich in der lästigen Pflicht, ständig Familienstreitigkeiten zu schlichten oder meine drei Lausbuben zu züchtigen und dann, ob du es glaubst oder nicht, fühle ich mich erleichtert, wenn mich eine dringliche Aufgabe von zu Hause wegholt.“

Erik, der bei den letzten Worten des Russen immer mehr zu grinsen begonnen hatte, konnte sich nicht länger zurückhalten und prustete los: „Greg, das ist köstlich, du bist also in erster Linie bei diesem Himmelfahrtskommando dabei, weil du vor deiner stressigen Großfamilie davonläufst?“ „Quatsch“, knurrte der Russe, „meine ersten beiden Gründe wiegen natürlich viel schwerer, aber warum erzähle ich dir das alles? Seit wann versteht ein Junggeselle etwas von Familienangelegenheiten?“

„Ah, ich verstehe, Patriotismus und Adrenalin-Kick“, japste Erik, der sich immer noch nicht beruhigen konnte und sich die Tränen aus den Augen wischte. „So viel zu meinen Gründen“, brummte Gregori beleidigt. „Nun würde ich aber im Gegenzug gerne wissen wollen, was dich zu diesem Selbstmordkommando veranlasst hat?“ Erik wurde wieder ernst. „Am besten fragst du dazu unsere Musterpsychologin, Julia Winter, denn die hat längst herausgefunden, weshalb ich hier bin“, antwortete er ausweichend. Der Russe lächelte zynisch und meinte: „Das glaube ich dir aufs Wort, denn unsere hübsche Kollegin versteht es meisterhaft, Männer einzuwickeln und ihnen die Würmer aus der Nase zu ziehen. Besonders gut gelingt ihr das bei unbedarften Machos, die hinter jedem Rock herlaufen.“ Diesmal reagierte Erik erbost und wütend: „Das ist doch lachhaft! Wer hat denn Miss Winter ständig den Raumanzug hinterhergeschleppt, war das nicht ein gewisser Gregori Danilov? Oder sieh dir mal Louis an! Seit er unsere Ärztin zum ersten Mal zu Gesicht bekommen hat, balzt er um sie herum wie ein betrunkener Auerhahn. Und selbst Han Li, dieser Zwerg, verbringt fast seine ganze Freizeit mit Julia, angeblich, um mit ihr über extraterrestrisches Leben auf dem Mars zu diskutieren.“ „Mein Gott“, amüsierte sich Gregori, „hat es dich aber erwischt. So eifersüchtig habe ich dich ja noch nie erlebt!“

„Eifersüchtig!“, donnerte Erik, „spinnst du jetzt komplett? Ich mache mir lediglich Gedanken darüber, wie wir dieses gefährliche Unternehmen über die Bühne bringen wollen, wenn wir, statt wie ein zusammengeschweißtes Team zu handeln, ständig untereinander Privatfehden und Rivalitäten austragen.“ „Na, dann würde ich an deiner Stelle schon mal damit anfangen, Job und Privates voneinander zu trennen, denn du bist der einzige Junggeselle unter uns, während wir drei anderen bereits erprobte Ehegatten und beziehungs-gefestigte Persönlichkeiten sind“, erklärte Gregori schmunzelnd. Erst jetzt bemerkte Erik, dass ihn der Russe auf die Schippe genommen hatte, und wiederholte lachend: „Erprobte Ehegatten und gefestigte Persönlichkeiten, das ist gut, das muss ich mir merken. Ich fürchte nur, wenn ihr nicht aufpasst, seid ihr bald tote gefestigte Persönlichkeiten. Aber Schluss mit dem Geplänkel, wir müssen das Plasmatriebwerk testen!“

„Sind wir weit genug von der ISS entfernt?“ Der Russe zog eine Anzeige zu Rate und meinte: „In 10 Minuten ist es so weit, dann können wir den Reaktor hochfahren, ohne die Station zu gefährden, wenn wir ihn im Notfall absprengen müssten.“ „Ich würde das an deiner Stelle nicht beschreien, doch ich bin sicher, ein solcher Notfall wird nicht eintreten. Schließlich wurde der Reaktor auf der Erde monatelang im Dauerbetrieb getestet.“ „Ja, ganz recht, auf der Erde, doch noch nie im Weltall!“, brummte Gregori. „Weißt du übrigens, dass ich seit Wochen den gleichen Albtraum habe? In diesem Traum versagt das Plasmatriebwerk gerade auf halber Strecke zwischen Erde und Mars.“ „Ein reizender Gedanke“, knurrte Erik. „Du weißt schon, was das bedeutet? Adieu Erde und her mit den Giftkapseln!“

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