Kitabı oku: «1968 in der westeuropäischen Literatur», sayfa 2

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Die gegenwärtige Methodologie zur Untersuchung literarischer Werke mithilfe eines kulturwissenschaftlichen Ansatzes beruht auf dem Konzept der Interdisziplinarität. Die kulturwissenschaftliche Neuorientierung der Literaturwissenschaft wird von immer mehr Forschern der Anglistik, Germanistik und Romanistik umgesetzt – besonders im Bereich der Untersuchungen, die einen vergleichenden Zweck haben (vgl. Nünning/Sommer, 2004: 9) – mit dem Ziel, den sprachenübergreifenden und interdisziplinären Dialog zu verstärken.16 Im Sammelband Kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaft (2004) stellen Ansgar Nünning und Roy Sommer fest, dass eine kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaft nicht nur ihre Berechtigung hat, sondern auch von großer Bedeutung in der Gegenwart ist, indem sie erlaubt, das Wertesystem, die Normen und Perspektiven sowie die Kollektivvorstellungen zu untersuchen, die sich in literarischen Texten zeigen (vgl. ebd.: 19).17 Die kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaft bedeutet keineswegs, die in der Literatur- und in der Kulturwissenschaft vorhandenen Analyseparadigmen außer Acht zu lassen. Im Gegenteil: Was Ansgar Nünning und Roy Sommer als »einen neuen Diskurs« (ebd.: 10) der Annäherung von Literatur- und Kulturwissenschaft bezeichnen, das berücksichtigt die Besonderheiten beider Disziplinen. Auf diese Weise werden die in dieser Arbeit analysierten Werke in ihrer Qualität als kulturelle Dokumente und als literarische Texte verstanden. Es wird angestrebt, auf ihre Singularität zu achten, die unbestreitbar durch die Fiktionalität und durch einen einzigartigen semiotischen Charakter geprägt ist.

Im Rahmen dieser theoretischen und methodologischen Ausrichtung muss der Beitrag von Doris Bachmann-Medick erwähnt werden, die die »Hybridisierung« bei der Analyse literarischer Texte verteidigt (vgl. Bachmann-Medick, 2004: 156) und die sich dabei Analyseinstrumente anderer Disziplinen der Sozial- und Geisteswissenschaften bedient.18 Dennoch soll diese »Hybridisierung« die Vorgehensweise jeder einzelnen Disziplin nicht in Frage stellen. Für den konkreten Fall der Literaturwissenschaft bemerkt die Autorin, dass nur eine kulturwissenschaftliche Sichtweise, die die Eigenart des jeweiligen literarischen Textes berücksichtigt, dazu beitragen könne, die Verbindungen zwischen kultureller Bedeutung und Textualität zu erkennen, nämlich das, was die Fiktionalisierung, die wirkungsästhetischen Strategien und die stilistischen und formalen Innovationen betrifft (vgl. ebd.).19

Mein Interesse für die kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaft wird durch die in den Prosawerken dieser Arbeit vorliegende Verbindung zwischen literarischem und politisch-soziokulturellem Diskurs gerechtfertigt: Die Zeitgeschichte ist mit der Fiktion verwoben und die Ereignisse der Epoche spielen eine herausragende Rolle in der Entwicklung, dem Verhalten und der Mentalität der unterschiedlichen Figuren der einzelnen Werke. In ihrer Interpretation von »Kultur als Text« verteidigt Doris Bachmann-Medick, dass die literatur- und kulturwissenschaftliche Hermeneutik der Gegenwart nicht von den sozialen Ereignissen und von den Handlungszusammenhängen, die zu einer gewissen wahrgenommenen Realität gehören, getrennt werden darf (vgl. Bachmann-Medick, 2014: 77). Auch im Sammelband Methoden der literatur- und kulturwissenschaftlichen Textanalyse (2010), herausgegeben von Vera und Ansgar Nünning, wird erwähnt, dass die kulturelle Dimension eines literarischen Textes (beziehungsweise der kulturelle Kontext, der soziale Hintergrund und die soziokulturelle Umgebung) bei der literarischen Analyse durch ein Verfahren des wide reading berücksichtigt werden muss (vgl. Hallet, 2010: 293f.). Dieses Verfahren, das eine ausgedehnte komplementäre Lektüre ermöglicht, auch durch den Zugang zu nicht-literarischen Texten, ist besonders wichtig bei der Analyse literarischer Texte mit einer starken zeitgeschichtlichen und soziokulturellen Komponente, wie es bei den Prosawerken dieser Arbeit der Fall ist. Indem ich den Schwerpunkt meiner Studie auf die Darstellungen der Jugend und auf die literarische Bearbeitung des soziopolitischen Aufruhrs der Jugendrevolte lege, beabsichtige ich, zu untersuchen, auf welche Weise jedes der ausgewählten Werke nicht nur dazu beiträgt, das kulturelle Gedächtnis der zeitgeschichtlichen, politischen und sozialen Ereignisse von 1968 herauszukristallisieren, sondern auch ein originelles Bild des Generationenkonfliktes und der Studentenunruhen am Ende der 1960er-Jahre zu schaffen: originell, denn es ist nicht in den Zwängen der geschichtswissenschaftlichen und soziologischen Perspektive gefangen, sondern geht vom kritischen und persönlichen Blick eines jeden Autors aus, der die der Literatur eigene kreative Freiheit dazu benutzt, Wirklichkeiten zu konstruieren, die sich nicht darauf beschränken, die reale Welt, von der sie erzählen, widerzuspiegeln.20

Ausgehend von dem Bild, das jedes einzelne Werk vom Generationenkonflikt und der Studentenrevolte bietet, liegt das Ziel meiner Studie auf der Darstellung eines heterogenen und vielfältigen Porträts der Berührungspunkte und Divergenzen, die bei der Fiktionalisierung der Erlebnisse der Jungen und nicht mehr Jungen im Laufe der 1960er-Jahre vorkommen. Auf diese Weise, und dem komparativen Charakter der vorliegenden Studie entsprechend, wird den jüngsten Tendenzen und methodologischen Ansätzen im Rahmen der Vergleichenden Literaturwissenschaft spezielle Aufmerksamkeit gewidmet. Diese Disziplin, so Steven Tötösy de Zepetnek, steht in der Tradition der Förderung interdisziplinärer und interkultureller Studien von Literatur und Kultur (vgl. Tötösy de Zepetnek, 2003: 235).

Die Forscher César Domínguez, Haun Saussy und Darío Villanueva unterstreichen in Introducing Comparative Literature. New Trends and Applications (2015), dass die Vergleichende Literaturwissenschaft am Ende des 20. Jahrhunderts in ein »neues Paradigma« eintrat, das eine eher kulturwissenschaftliche Interpretation der Literatur voraussetzt (vgl. Domínguez/Saussy/Villanueva, 2015: 13).21 Diese Interpretation soll nicht nur auf den literarischen Text als solchen, sondern auch auf den Kontext seiner Entstehung, seine Rezeption und auch auf soziale Faktoren achten, deren Analyse auch über nationale Grenzen hinausgehen sollte (vgl. ebd.). Darüber hinaus heben diese Forscher hervor, dass es noch eine andere Dimension gibt, die im Rahmen des »neuen Paradigmas« berücksichtigt werden muss: »It consists, basically, in the imperative of abandoning of any supposed genetic relation to justify comparative analysis, and attending to the empirical evidence that is available to us« (ebd.: 15). Wie sie verdeutlichen, bezieht sich diese »empirische Evidenz« auf ein gemeinsames Element zwischen zwei literarischen Systemen oder zwischen einem literarischen Werk und einem Werk aus einem anderen künstlerischen Bereich, ohne dass eine Abhängigkeit zwischen zwei oder mehr Werken unterstellt wird (vgl. ebd.). Diese Perspektive der Vergleichenden Literaturwissenschaft ist besonders hilfreich in der vergleichenden Gegenüberstellung von Darstellungen, Themen oder Stoffen, die diversen literarischen Texten gemeinsam sind, unabhängig von ihrer Gattung (vgl. Nebrig, 2012: 91–96).

In diesem Rahmen hat diese Arbeit das Ziel, Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Texten verschiedener Literaturen zu untersuchen, die sich mit dem Generationenkonflikt, den akademischen Unruhen und der Studentenrevolte der 1960er-Jahre befassen und diese bearbeiten. Konkret wird dabei dem methodologischen Vorschlag von Peter Zima gefolgt, der ein Analysemodell der intertextuellen Beziehungen vorstellt, welches auf eine Differenzierung zwischen »typologischem Vergleich« und »genetischem Vergleich« beruht.22 So wie Zima erklärt (der Ausführung von Gerhard R. Kaiser folgend): »Während der genetische Vergleich als Kontaktstudie […] Ähnlichkeiten zum Gegenstand hat, die durch Kontakt, d.h. durch direkte oder indirekte Beeinflussung entstehen, werden im Rahmen eines typologischen Vergleichs Ähnlichkeiten untersucht, die ohne Kontakt aufgrund von analogen Produktions- oder Rezeptionsbedingungen zustande kommen« (Zima, 2011: 105; Hervorhebung im Original). In der vorliegenden Arbeit sind die Beziehungen zwischen den Texten typologischer Natur und der Vergleich wird in diesem Rahmen stattfinden.

Nach der Vorstellung der methodologischen Koordinaten sollen nun die Struktur und die Gliederung dieser Arbeit verdeutlicht werden.

Im ersten Kapitel werden die Studentenrevolte und der Aufruhr der jungen Generation von 1968 sowie die Vorgeschichte und die Nachwirkungen der Folgejahre dargestellt. Damit werden die wichtigsten Momente und Ereignisse in Westeuropa zunächst im Allgemeinen und dann spezifisch in jenen Ländern identifiziert, in denen die untersuchten literarischen Werke entstanden sind. Diese geschichtliche und soziokulturelle Kontextualisierung der außerliterarischen Wirklichkeit folgt den Prinzipien des wide reading. Da die zeitgeschichtlichen Ereignisse dieser Epoche mit der Diegese eines jeden Werkes verwoben sind und eine hervorgehobene Rolle in der Entwicklung, dem Verhalten und dem Charakter der unterschiedlichen Figuren spielen, ist diese Kontextualisierung essentiell.

Danach folgt die Einführung in jedes einzelne Werk. Nach der kurzen geschichtlichen und literarischen Einordnung der ausgewählten Texte liegt der Fokus auf den Erzählstrategien sowie auf Aspekten wie der Verknüpfung der Fiktion mit der Zeitgeschichte und den Wahrnehmungen der akademischen Unruhen und der Revolte gegen das Establishment auf öffentlicher und privater Ebene. Diese Einführung der unterschiedlichen Texte dient dazu, das Hauptkapitel dieser Arbeit vorzubereiten, d.h. das dritte Kapitel, das dem Vergleich der Darstellungen des Generationenkonfliktes und des akademischen, politischen und soziokulturellen Aufstands gewidmet ist.

Im dritten Kapitel erfolgt eine systematische Gegenüberstellung der ausgewählten Werke, wobei relevante Fragen, die alle Texte durchziehen, hervorgehoben werden (siehe S. 15). Zunächst werden die Profile der Generation der Eltern und der Kinder verglichen und dabei die Differenzierungen des Generationenkonfliktes analysiert. Die beiden folgenden Unterkapitel leiten über zum Vergleich der Darstellungen der Jugend, indem zwei grundlegende Fragen untersucht werden: die Frage des politischen Aktivismus der jungen Generation und die der sexuellen Befreiung und der Revolution der Sitten in den 1960er-Jahren. Im vierten und letzten Unterkapitel wird versucht, die Strategien bei dem Aufbau der Erzählung einander vergleichend gegenüberzustellen, besonders was die Aktion – meistens mit den Studentenunruhen und dem Bruch der jungen Menschen mit dem Establishment verbunden – oder was die Reflexion über die Zeit des Wandels betrifft. Die Erforschung all dieser Fragen mittels einer vergleichenden kulturwissenschaftlichen Lektüre dient der Untersuchung der Berührungspunkte und der Divergenzen in den verschiedenen literarischen Bearbeitungen der Atmosphäre von Bruch und Spaltung am Ende der 1960er-Jahre.

Dadurch dass die vorliegende Arbeit fünf literarische Räume untersucht, wird die Erforschung der interliterarischen und interkulturellen Beziehungen der literarisierten Revolte in einem größeren internationalen Maßstab weiter vorangetrieben. Ich hoffe, dass diese transnationale Perspektivierung neue Sichtweisen für eine vergleichende Lektüre von Schlüsseltexten der deutschen, französischen, italienischen, spanischen und portugiesischen Literatur eröffnet, die durch den Generationenkonflikt und die akademischen, politischen und soziokulturellen Unruhen in Westeuropa am Ende der 1960er-Jahre verbunden sind.

1 Historischer und kultureller Rahmen der akademischen Unruhen und des Generationenkonfliktes der 1960er-Jahre in Westeuropa

Die Zeit der akademischen Unruhen und des Generationenkonfliktes am Ende der 1960er-Jahre ist ein zentraler Aspekt der Diegese jedes der in dieser Arbeit analysierten Prosawerke. Die geschichtlichen Ereignisse des Jugendprotestes gegen das Establishment sind nicht nur miteinander im Erzählfaden verwoben, sondern sie spielen auch eine Hauptrolle für das Verhalten, die Mentalität und den Lebenslauf der verschiedenen Figuren in jedem Text. Seien sie durch aktivistische Überzeugungen bedingt oder lediglich durch Neugier, die Ereignisse der sogenannten »Neuen Zeiten« zu begleiten, bleiben viele der jungen und nicht mehr jungen Figuren nicht unbetroffen von den Vorkommnissen jener Epoche und fühlen das Bedürfnis, die nationale und internationale Wirklichkeit auf eine kritische Weise zu lesen.

Da die Darstellung des Generationenkonfliktes und der ideologischen Brüche in der Handlung jedes Prosatextes über die nationalen Grenzen hinausgeht und sich nicht allein auf die Unruhen des Jahres 1968 beschränkt, ist es notwendig, die verschiedenen ökonomischen, soziopolitischen und kulturellen Faktoren der 1960er-Jahre zu berücksichtigen. Durch den supranationalen Charakter dieser Faktoren können die Gemeinsamkeit der Erfahrungen, die die junge Generation der roaring sixties überall in den unterschiedlichen Ländern in Westeuropa erlebte, besser hervorgehoben werden. In diesem Kapitel wird somit eine historische, politische und soziokulturelle Darstellung vorgenommen, die sich sowohl auf einen transnationalen als auch auf einen zeitlich breiter angelegten Rahmen bezieht. Ihr Ziel ist es, die Vorläufer dieses Jahres des Aufruhrs sowie einige der Konsequenzen der Zeit danach zu erörtern.1 Angesichts der Besonderheiten der Herkunftsländer der einzelnen Prosawerke wird auch eine ausführliche Schilderung der landesspezifischen historischen Ereignisse gegeben. Diese soll die Entstehung und die Entwicklung der Studentenbewegung und des Generationenkonfliktes der 1960er-Jahre in der Bundesrepublik Deutschland, in Frankreich, Italien, Spanien und Portugal verdeutlichen.

1.1 Das soziokulturelle Brodeln im Westeuropa der späten 1960er-Jahre

Die 1968er-Studentenbewegung und die Protestkultur der jungen Generation am Ende der 1960er-Jahre nahmen weltweit eine einzigartige Gestalt an und wurden somit zur »ersten globalen Revolte« (Kraushaar, 2000: 19) nach dem Zweiten Weltkrieg.1 Die Vielzahl der Protestorte, die Originalität der Protestaktionen und die Intensität der Unruhen sind prägende Zeichen der 1968er-Studentenbewegung. Sie erreichte ihren symbolischen Höhepunkt 1968, das als Schlüsseljahr des Aufruhrs bekannt wurde (vgl. Marwick, 1998: 585). 1968 war nicht nur für den Protest gegen die etablierten Werte entscheidend, sondern gab auch ein Zeichen für eine einzigartige soziokulturelle Wende der westlichen Welt. Provokation, Konfrontation und Widerstand internationalisierten sich und verwandelten sich in Parolen der jungen Menschen. Sie gaben der erneuernden Geisteshaltung Ausdruck, die eine ganze Generation zusammengebracht hat. Wie Mark Kurlansky in 1968: The year that rocked the world (2004) schreibt:

What was unique about 1968 was that people were rebelling over disparate issues and had in common only that desire to rebel, ideas about how to do it, a sense of alienation from the established order, and a profound distaste for authoritarianism in any form. […] The rebels rejected most institutions, political leaders, and political parties. (Kurlansky, 2004: xvii)

Diese »Rebellen« waren vorwiegend junge Menschen in ihren Zwanzigern, hauptsächlich Studenten, deren Familien meist der Mittel- und Oberschicht angehörten und die sich als Kraft politischer und soziokultureller Veränderung behaupten wollten, indem sie sich von den etablierten Weltanschauungen, Lebensstilen wie auch von den verschiedenen Formen, in Gemeinschaft zu sein, zu unterscheiden beabsichtigten. Diese jungen Protestler der 1960er-Jahre gehörten zwar verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen soziokulturellen Wirklichkeiten an und hatten daher auch landesspezifische Protestziele. Aber der Wille, die Gesellschaft zu verändern und mit dem Status quo zu brechen, vereinte die junge Generation auf der Suche nach einer Utopie von transnationalem Wandel. Die Grenzen jedes Landes überschreitend hat sich diese Utopie teils latenter, teils offenkundiger in vielen westeuropäischen Ländern verbreitet.2 Trotz der bestehenden Divergenzen in den politischen Systemen wurde der Kampf der Aktivisten überall spürbar, sowohl in den demokratischen Gesellschaften als auch in Ländern, die sich in Westeuropa noch unter dem diktatorischen Joch befanden – was der Fall in Spanien und Portugal war. In der Sichtweise der europäischen Protestler basierte das Hauptproblem auf der Diskrepanz zwischen der Realpolitik, die von ihnen als dysphorisch wahrgenommen wurde, und dem Bild von Ruhe und Wohlstand, welches durch die Regierung verbreitet wurde. Ende der 1960er-Jahre waren die Bundesrepublik, Frankreich und Italien – zusammen mit dem Vereinigten Königreich – die am höchsten entwickelten Ökonomien in Westeuropa. Sie alle wurden von Verfechtern des Kapitalismus und konservativen Regierungen, parlamentarischen Mehrheiten oder großen Koalitionen geführt, so dass die rebellierenden Studenten sie als autoritär, manipulierend und desinteressiert an der Schaffung von Alternativen kritisierten. Selbst im totalitären Spanien und Portugal hatte sich dieses Bild von friedlichen und wohlhabenden Ländern verbreitet. Hier jedoch war der Begriff, den die jungen Menschen von Propaganda und Manipulation hatten, ein ganz anderer und trotz der Repression demonstrierten sie und organisierten verschiedene Protestaktionen gegen die herrschenden Regime.3

Diese gemeinsame Widerstandsbereitschaft kennzeichnet wiederum die ideologische und soziokulturelle Generationenspaltung jener Zeit. Für die jungen Menschen repräsentierte die ältere Generation real und symbolisch die herrschende Ordnung, die von bürgerlichen, traditionellen und konservativen Vorstellungen geleitet wurde. Sie sahen in dieser Ordnung eine Kultur der Oberflächlichkeit und des Scheins, die sie beenden wollten, und profilierten sich als Verteidiger einer Erneuerung. Ihr Ziel war es, eine neue Welt zu erbauen, eine Welt, die auf Kreativität, Freiheit und auch auf politischem und gesellschaftlichem Engagement beruht. Diese neue Ordnung predigte das Ende des West-Ost-Konfliktes des Kalten Krieges und somit eine gerechtere und humanere globale Gesellschaft. Wie Rudi Dutschke, einer der Anführer der westdeutschen Studentenbewegung am Ende der 1960er-Jahre, behauptete:

Jede radikale Opposition gegen das bestehende System, das uns mit allen Mitteln daran hindern will, Verhältnisse einzuführen, unter denen die Menschen ein schöpferisches Leben ohne Krieg, Hunger und repressiver [sic!] Arbeit führen können, muß heute notwendigerweise global sein. Die Globalisierung der revolutionären Kräfte ist die wichtigste Aufgabe der ganzen historischen Periode, in der wir heute leben und an der menschlichen Emanzipation arbeiten. (Dutschke, 1968: 85)

Zur Entstehung der Widerstandsbereitschaft der jungen Generation und ihrer Kritik an der Gesellschaft trugen historische, soziopolitische und kulturelle Faktoren bei, die sich überall in Westeuropa manifestierten und die jungen Leute vereinigten. In seiner Analyse der Vorläufer von 1968 charakterisiert Laurent Joffrin den ökomischen Kontext der Nachkriegszeit und hebt ähnliche Merkmale dieser jungen Generation vor:

Dans l’après-guerre occidental, les « baby-boomers » reçoivent d’emblée, par le hasard de l’histoire, des traits marquants, communs à des millions d’enfants sur trois continents. Ils ne connaîtront plus la guerre sur leur sol […]. Ils grandiront dans une atmosphère de croissance rapide et régulière. Ils vivront tous les effets, culturels, bienfaisants ou pervers, de la « société d’abondance ». […] Nés dans la pénurie, les « baby-boomers » sont nubiles dans un début d’abondance et adultes dans la prospérité. (Joffrin, 2008: 36f.)

[In der Nachkriegszeit im Westen haben die »Babyboomer« sofort, durch historischen Zufall, markante Züge bekommen, die Millionen von Kindern auf drei Kontinenten gemeinsam sind. Sie werden keinen Krieg im eigenen Land kennen lernen […]. Sie werden in einem Umfeld schnellen und beständigen Wachstums groß werden. Sie werden alle Effekte, kulturell, wohltuend oder pervers, der »Überflussgesellschaft« erleben […]. In Mangelzeiten geboren, wurden die »Babyboomer« in einem anfänglichen Kontext von Überfluss zu Jugendlichen und im Wohlstand Erwachsene.]

Der Zerstörung durch den Zweiten Weltkrieg folgte in Europa eine Zeit des physischen und psychischen Wiederaufbaus. Sie war angetrieben durch Bevölkerungswachstum in städtischen Bereichen und durch eine beispiellose Industrialisierung.4 Das Klima von allgemeinem Wachstum, Wohlstand und Sicherheit (vgl. Flores/De Bernardi, 2003: 92) verbunden mit der Wahrnehmung von soziopolitischer Stabilität der 1950er-Jahre bereitete den Boden für die Entstehung der Überflussgesellschaft. Die Babyboomer, die in der Konsumgesellschaft erzogen wurden, in der der Kapitalismus und standardisierte Verhaltensregeln dominierten, hatten die Gelegenheit, nicht nur den technologischen Fortschritt zu verfolgen, sondern auch die Vorteile des modernen Luxus zu genießen. Viele von diesen Vorteilen wurden durch die Industrialisierung für einen Großteil der Bevölkerung zugänglich. Der Fernseher, zum Beispiel, wurde damals zum allmächtigen Massenkommunikationsmittel und Unterhaltungsmedium (vgl. Marwick, 1998: 80f.). Außerdem wurden Vorteile wie schicke Modekleidung, Urlaubsreisen ins Ausland, der Kauf eines eigenen Autos und andere äußere Statusmerkmale zu Symbolen einer Scheinwelt, die die Mentalität der bürgerlichen Schichten im Europa der 1950er- und 1960er-Jahre prägten. Gemäß der anerkannten Standards des American way of life wurde das materielle Besitztum conditio sine qua non sowohl für einen außergewöhnlich hohen Sozialstatus als auch für einen vom Komfort geprägten Lebensstil.5 Dieser Lebensstil sollte durch ein konservatives Verhalten, durch Moralvorstellungen und gutes Benehmen eingehalten werden.6

Auf der einen Seite ermöglichte der wirtschaftliche Aufschwung eine allgemeine Verbesserung der Lebensbedingungen in Westeuropa, aber auf der anderen Seite endete er in einem ideologischen Zwiespalt, der ein erstes Zeichen war für den Antagonismus zwischen Eltern und Kindern. Die Herausbildung einer Kultur des Konsums und der bürgerlichen Werte in den 1950er-Jahren und bis zur Mitte der 1960er-Jahre (vgl. Judt, 2010: 485), das verbreitete Szenario politischer Stagnation sowie ein Paradigmenwechsel im Wirtschaftsbereich waren in den Augen der jungen Menschen zentrale Aspekte, die Ende der 1960er-Jahre den Weg für Aufruhr bereiteten.7

1966, 1967 und 1968 erlebten die Bundesrepublik, Frankreich, das Vereinigte Königreich und Italien – alle damaligen Antriebskräfte der westeuropäischen Ökonomie – eine Rezession, die der erste systemische Krisenmoment des Kapitalismus nach dem Zweiten Weltkrieg war. Nach dem Klima des wirtschaftlichen Optimismus der 1950er- bis zur Mitte der 1960er-Jahre, die für viele der goldene Zeitraum des Kapitalismus war (vgl. Flores/De Bernardi, 2003: 22), folgte eine Verlangsamung der Industrialisierung in ganz Europa, die direkte Auswirkungen im Finanzsektor dieser Länder hatte. Da die Regierungen sich gezwungen sahen, das Haushaltsdefizit zu kontrollieren, investierten sie weniger in den Sozialstaat und in den öffentlichen Sektor und optierten sie für Lohnsenkungen und für Steuererhöhungen bei den Arbeiterklassen. Diese waren es, die am meisten unter der Krise litten. Die negativen Folgen dieser Politik manifestierten sich im Anstieg der Arbeitslosenzahlen, in einer starken Inflationsrate und in der Verschlechterung der Lebensbedingungen der Ärmsten.

All diese Maßnahmen und ihre sozialen Konsequenzen brachten eine Unzufriedenheit in die Gesellschaft, die ein wichtiges Fundament der 1968er-Studentenbewegung wurde. Angesichts der Unfähigkeit der Regierungen, auf die ökonomische Krise zu reagieren und grundlegende Änderungen in der parteipolitischen Ideologie vorzunehmen, wurde die Unzufriedenheit der jungen Generation zuerst im akademischen Milieu und danach auf den Straßen großer Städte lauter. Diese Generation drückte ihre Empörung über den zunehmenden sozialen Abstieg und ihren Willen zu einer radikalen Transformation der vorherrschenden Institutionen aus.

Der Protest der jungen Leute Ende der 1960er-Jahre in Westeuropa wurde in den Universitäten entzündet, wo die Studenten nach einer grundlegenden Reform der akademischen und administrativen Strukturen des Hochschulsystems verlangten.8 Unter den Fahnen des Studentenkampfes verbreiteten sich besonders die Forderungen nach einer größeren Anpassung des Curriculums an die außeruniversitäre Wirklichkeit, nach Öffnung des Lehrkörpers zu dringenden Themen der Aktualität und nach mehr Investitionen im Bildungsbereich.9 Auf der anderen Seite wurden die hohe Zahl von Studenten pro Professor, das Fehlen von Stipendien und die geringe Rate von Neueinstellungen aufgrund von Kürzungen im Bildungsetat als Zeichen des Niedergangs der europäischen Hochschulen identifiziert. Die Universitäten beruhten auf veralteten Modellen, die nicht zu den neuen Zeiten passten, die der zunehmenden Zahl von Studenten kaum eine Ausbildung mit Qualität boten und ihnen die Teilhabe an Hochschulpolitik verwehrten. In einem Manifest, das 1968 veröffentlicht wurde, beschrieb der italienische Studentenführer Guido Viale die Wirklichkeit der damaligen Universitäten (in Italien und nicht nur dort), wie sie die Studenten erlebten:

[…] per la maggioranza degli studenti […] l’Università funziona come strumento di manipolazione ideologica e politica teso ad instillare in essi uno spirito di subordinazione rispetto al potere (qualsiasi esso sia) ed a cancellare, nella struttura psichica e mentale di ciascuno di essi, la dimensione collettiva delle esigenze personali e la capacità di avere dei rapporti con il prossimo che non siano puramente di carattere competitivo. (Viale, 2008: 77)

[[…] für die Mehrheit der Studenten […] funktioniert die Universität als Instrument für ideologische und politische Manipulation und dies mit dem Ziel, ihnen einen Geist von Unterordnung unter die Macht (egal welcher Art) einzutrichtern sowie die kollektive Dimension der persönlichen Forderungen und die Fähigkeit, mit dem Nächsten Beziehungen zu führen, die nicht nur rein kompetitiv sind, aus der psychischen und mentalen Struktur jedes Studenten zu löschen.]

Geleitet durch einen reformistischen Geist setzten sich die Studenten für eine demokratische Erneuerung der Universitäten ein und forderten öffentlich eine höhere Autonomie der Hochschulen bei den Verwaltungsentscheidungen, die frei von staatlichen Einflüssen bleiben sollten.10 Durch originelle Protestformen, wie Barrikaden, Sit-ins, Fakultätsbesetzungen, Parolen und Massendemonstrationen auf den Campus der Universitäten, versuchten sie, die Aufmerksamkeit der Bevölkerung auf die ihrer Auffassung nach fehlende Freiheit der Meinungsäußerung – sowohl innerhalb der akademischen Welt als auch in der Öffentlichkeit – zu erregen und rebellierten sie gegen die pseudodemokratische Farce, in der sie zu leben glaubten.11

Sowohl im Kampf gegen den Autoritarismus des Establishments als auch durch die Zurückweisung des standardisierten bürgerlichen Lebens – welches sie als konservativ, kleinlich, beklemmend und repressiv betrachteten (vgl. Morin et al., 2008: 14) – verlangten die jungen Leute mehr Transparenz und Befreiung der sozialen Kommunikationsmedien.12 Sie forderten auch die Herabsetzung des Wahlalters – damals durfte man erst mit 21 Jahren wählen –, so dass sie aktiv am nationalen Entscheidungsprozess teilnehmen konnten. Außerdem solidarisierten sie sich mit den Arbeitern und Angestellten bei Streiks und Demonstrationen für mehr soziale Gerechtigkeit. Dies erwähnen Martin Klimke und Joachim Scharloth in ihrer Einführung zum Sammelband 1968 in Europe: A History of Protest and Activism (2008):

Decrying the alienation and the lack of democratic participation in their societies, students from Western Europe largely blamed capitalism for the rise of technocratic and authoritarian structures. […] In this process, the universities could serve as «centers of revolutionary protest» to prevent domestic repression, connect to the working class, and transform the underlying roots of society […]. (Klimke/Scharloth, 2008: 1)

Entscheidend für die Vereinigung der europäischen jungen Leute und für die Verbreitung ihrer Proteststimmung war auch die Rolle der Studentenführer. Einer linken Ausrichtung treu, sei diese marxistisch, kommunistisch oder anarchistisch, engagierten sie sich auch in den Medien für eine Verstärkung des Aufruhrs. Rudi Dutschke, Daniel Cohn-Bendit, Mario Capanna oder Tariq Ali gaben Ende der 1960er-Jahre der Proteststimmung ein Gesicht. Und dank ihrer Stimmen und ihrer Initiativen wurden Mobilisierungsformen entwickelt und die Koordination der gemeinsamen Ideen und ihrer Verbreitung in den verschiedenen nationalen Bewegungen geleistet.13

Es sei daran erinnert, dass der allerorts vorhandene Zugang zu den verschiedensten Informationen in den Medien ̶ vor allem im Fernsehen14 – zum Interesse der Studenten für die Probleme der unterdrückten Völker und sozial Marginalisierten beitrug. So vereinten sie sich bei internationalen Protestaktionen. Der Kampf gegen Rassendiskriminierung und die Forderungen nach dem Ende der diktatorischen Regime, die selbst in europäischen Ländern wie Spanien und Portugal fortbestanden, sind Beispiele des Aufstands der jungen Menschen für eine gerechtere, freiere und egalitärere Gesellschaft. Außerdem fügten sich die Unterstützung von Befreiungsbewegungen der sogenannten Dritten Welt und die Verehrung von revolutionären Führern wie Che Guevara und Fidel Castro in den antiautoritären Kampf der jungen Generation damals ein. Dessen Ziel war es, koloniale und imperialistische Unterdrückung und Tyrannei, besonders in Afrika und Lateinamerika, zu beenden.15

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