Kitabı oku: «Wellen meines Lebens», sayfa 3
Als es dann nichts mit dem Englischlernen wurde, wurde uns als Alternative Französisch angeboten. Ich hatte schon immer Spaß am Sprachenerlernen. So lernte ich für die nächsten 2 Jahre Französisch. Nach einer langen Diskussion mit meiner Mutter willigte ich dann doch ein, den 10-Klassenabschluss zu machen, was mir (allein unter Wölfen, denn ich wurde zusehends gemobbt) sehr schwerfiel.
Ich lernte mit 15 Jahren bei einem Heimgang von der Orchesterprobe durch die Innenstadt einen jungen Mann kennen. Seinem Aussehen nach war er Ausländer. Wir standen beide um einen Zeitungskiosk herum und betrachteten uns die Zeitungen. Der Kiosk hatte schon geschlossen. Ich dachte, wenn er jetzt ein Nordafrikaner war, die sprachen doch auch Französisch. Dann ist das Französischlernen am Ende doch nicht so nutzlos und man kann sich in Aussprache und Grammatik vervollkommnen. Also sprach ich ihn auf Französisch an. Er freute sich sehr darüber und antwortete mir auch, was ich bei den wenigen Kenntnissen bis dahin natürlich nicht verstand. Russisch konnte er gar nicht, aber etwas gebrochen Deutsch. Er war Student und stammte aus Algerien. Wir unterhielten uns noch eine Weile, dann brachte er mich zum Bus. Wir verabredeten uns dann für ein neues Treffen. Ich glaubte nicht, dass er kommen würde. Aber er erschien zum verabredeten Zeitpunkt. So kamen wir uns immer näher. Er unterstützte mich tatsächlich bei meinem Französischlernen. Wir gingen viel spazieren, und er erzählte mir einiges von sich. Ich verliebte mich in ihn. Er war verständnisvoll, aufmerksam und wie ein Vertrauter trotz des Altersunterschiedes von 8 Jahren.
Natürlich konnte ich meinen Eltern so was nicht sagen, es musste alles geheim bleiben. Denn die jungen Mädchen, die sich mit Ausländern herumtrieben, waren in den Augen der Erwachsenen Nutten und Prostituierte, die sich nur Kinder andrehen ließen und dann verlassen wurden, wenn die Studienzeit vorbei war und die Männer wieder in ihre Länder zurückkehrten. Das konnte ich natürlich nicht riskieren, denn auch meine Eltern würden nicht anders denken. Aber er war nicht so. In der heutigen Zeit würde ich so was nicht mehr machen. Nach einiger Zeit lud er mich zu sich in seine Unterkunft ein, denn es wurde Winter und zum Spazierengehen zu kalt. Aufgeregt und mit der Perücke meiner Mutter, einer Brille und Klamotten, die ich selten anhatte, verkleidet, fuhr ich mit dem Bus in die besagte Unterkunft. Dort hausten in Baracken viele der ausländischen Studenten zusammen. Eine visuelle Privatsphäre gab es nur durch 1x3 m mit Stoffbahnen geteilten und mit einem Bett, einem Kleiderständer und einem Nachttisch versehenen Abteilen. Hören konnte man alles. Und ich hörte auch Gestöhne und Liebesgeflüster aus den anderen Abteilen, wo denn wirklich der Prostitution gefrönt wurde. Zum größten Teil wurde Arabisch oder Französisch gesprochen. Manchmal auch gebrochen Deutsch. Ein bisschen mulmig war mir schon. Würde Mohammed, wie er hieß, nun auch die Chance nutzen und über mich herfallen, um vor den anderen was zu erzählen zu haben? Aber nichts dergleichen geschah. Ich hatte aus Protest schon mit 12 Jahren heimlich das Rauchen angefangen, nur sporadisch erst mal. Mohammed rauchte die „Karo“ ohne Filter. Die stanken fürchterlich und waren auch nicht meine Marke. Aber wir rauchten sie dann beide. Die Zeit mit ihm war wunderschön, weil mir das Zusammensein mit ihm das gab, was ich bei meinen Eltern nicht hatte. Er war immer vernünftig, und nie hat er mich angerührt. Klar haben wir uns auch geküsst, aber das kam dann von mir aus. Er sagte mir eines Tages, dass ich wissen sollte, dass er mit einer Nutte ab und an schlief. Ich war erst mal geschockt. Aber er sagte, ich sei minderjährig, und er bekäme großen Ärger, wenn wir miteinander schlafen würden, so gerne er es wolle. Und ich hätte auch nichts dagegen gehabt, aber die Angst vor meinen Eltern war dann doch zu groß. Er versprach mir dann, wenn ich 18 wäre und sein Studium zu Ende wäre, würden wir beide nach Algerien gehen und heiraten. Viele Fotos seiner Familie und seiner Heimat hatte er mir schon gezeigt. Ich glaubte daran und hatte dann auch wieder ein Ziel vor Augen, an das ich mich klammern konnte. Als ich die Beichte mit der Nutte verdaut hatte, hatte ich dann auch nichts mehr dagegen, denn Männer müssen ihrer Hormone wegen wohl Umgang mit Sexualpartnern haben. So viel Ahnung hatte ich damals noch nicht vom anderen Geschlecht, denn Aufklärung hatte ich bis dato nur in der Schule erfahren. Bei uns zu Hause war dieses Thema tabu.
Mit Mohammed schrieb ich mich unterdessen schon auf Französisch. Ich angelte seine Briefe immer mit einer Fahrradspeiche aus dem Briefkasten, damit sie ja nicht meinen Eltern in die Hände fielen. Das Französisch diente auch der Sicherheit, falls es doch mal sein sollte.
Dann kam ein Jahr, in dem unsere polnischen Freunde bei uns waren und wir im selben Jahr zu ihnen nach Polen eingeladen wurden. Ich durfte für 14 Tage mit ihnen nach Polen in die Ferien fahren. Meine Eltern wollten mich dann wieder abholen beim Gegenbesuch. Im „Warszawa“ fuhren wir zu fünft nach Sopot, deren Heimat, fast bis zur russischen Grenze. 14 Stunden waren wir unterwegs. Ich schlief hinten an der Schulter von Zdislaw. Wir waren uns sehr nahe. In Polen waren wir dann täglich unterwegs und er zeigte mir seine Heimat. Ich konnte nun schon so viel Polnisch, dass ich viel verstand und mich auch selbst verständlich machen konnte. Das imponierte seinen Eltern sehr. Wir besuchten auch viele Kirchen und Gotteshäuser, da die ganze Familie streng katholisch war. So nach und nach festigte sich unsere Beziehung. Seine Eltern fragten mich, ob ich mir vorstellen könnte, in Polen zu bleiben nach meinem Schulabschluss. Einer Heirat mit Zdislaw stand dann aber doch der kirchliche Glaube im Weg. Da war ich doch schon etwas geschockt. Ich war 16 Jahre alt und hatte da noch keine festen Zukunftspläne. Sie wollten, dass ich dem katholischen Glauben beitrete. Ich war evangelisch getauft, hatte aber mit Kirche nie was am Hut gehabt. Das erzürnte die strenggläubige Familie dann doch sehr. Zdislaw war sehr traurig darüber, denn er hatte sich tatsächlich in dem Alter schon Hoffnung gemacht. So nach und nach schlief dann die Verbindung ein. Einige Jahre später schickte er mir einen Brief mit Fotos seiner polnischen Frau und 2 Kindern. Da war ich dann auch über die Trennung hinweg und alles war gut.
Die Sache mit Mohammed endete dann auch bald. Meine Mutter hatte doch eines Tages im Briefkasten einen Brief von ihm gefunden und mich daraufhin zur Rede gestellt. Mir blieb nichts anderes übrig, als alles zu erklären. Dann ging natürlich die ganze Litanei mit den Ausländern und den Nutten los und ob ich denn auch in so einen Verruf geraten wolle. Aber dafür waren wir schon zu lange zusammen, als das das noch passieren würde. Dass ich ihn allerdings häufig in seiner Unterkunft besucht habe, erzählte ich ihr nicht. Ich ließ sie im Glauben, alles sei nur eine Brieffreundschaft um des Französischlernens willen. Einige Zeit später kam das Buch „Nicht ohne meine Tochter“ heraus, welches ich mir auch gleich in der Bibliothek auslieh. Später wurde das Buch auch verfilmt. Die ganze Geschichte beruhte auf einer wahren Begebenheit und glich bis zu einem gewissen Punkt auch meiner Geschichte mit Mohammed. Da überkam mich doch eine große Angst. Wenn ich später darüber nachdachte, wie schwer die Geburten meiner Kinder waren und wie unterentwickelt in der Medizin Algerien war, hätte ich dort wohl kein einfaches Leben gehabt. Später brach da auch noch der Krieg aus und vom Islam verstand ich auch nichts.
So war ich froh, dass das Schicksal mich vor einer schlimmen Zukunft bewahrt hat.
Nun befinden wir uns schon in der Mitte des Januars. Der erste Schnee war schon gefallen, taute aber nach kurzer Zeit schnell wieder weg. Ich hatte mir eine weitere Auszeit vom Schreiben genommen, um auch das 2. Kapitel noch mal genau zu überdenken. Einige Korrekturen waren auch da vonnöten. Aber die nächsten Kapitel sollen jetzt die interessantesten werden, denn nun geht das Leben los.
3. Kapitel - Der stete Weg nach vorn und endlich ein Ziel vor Augen
Schon in der Schulzeit hatte man in den Sommerferien in einem Alter von 14 Jahren die Möglichkeit, sich in verschiedenen Betrieben ein bisschen Geld dazuzuverdienen.
Das nutzte ich natürlich auch. In einem Pflanzenbetrieb erntete ich 14 Tage lang Mohrrüben, oder ich sammelte im Zoo Papier und fegte Wege. Natürlich war an Tierpflege oder Arbeiten mit den Tieren nicht zu denken. Aber ich nahm Kontakte in den Pausen mit den Tierpflegern auf und durfte dann auch in der Mittagspause mal einen jungen Löwen oder Leoparden streicheln. Aber die meiste Aufmerksamkeit widmete ich den Pferden. Der Zoo war europäischer Zuchtbetrieb für Arabische Vollblüter. Die gab es in ägyptischen und polnischen Zuchtlinien. Jeden Mittwoch fand die Tierschau des Zoos statt für die Besucher. Alle Tiere, die sich vorführen ließen, wurden dann auf einer großen Anlage präsentiert. Ein Moderator sagte etwas zur Geschichte der Tiere. Die Pferde wurden vom Personal vorgeritten oder auch gefahren. Neben der Anlage wurden Getränke und Esswaren gereicht. Diese Veranstaltungen wurden vorher groß angekündigt und waren immer gut besucht. Im Anschluss fand dann ein Ponyreiten für die Kinder statt auf dieser Anlage.
Ich hatte mich in den Jahren im Zoo schon so gut bekannt gemacht, dass ich auch mal in die Futterküche durfte, das Personal in der Kantine in den Pausen bedienen durfte und auch die Pferdeanlage außerhalb des Zoos, welche etwas abseits lag, besuchen konnte.
Das war dann immer das Ziel meiner einsamen Radtouren in der Schulzeit, wenn ich Sorgen hatte oder allein sein wollte. Es wirkte sehr beruhigend, die auf den verschiedenen Koppeln grasenden Pferde zu beobachten und auch ab und an mal ein Tier zu streicheln. Danach ging es mir dann wieder besser.
Als die Personalkantine im Zoo einmal wegen Ungeziefer gereinigt und behandelt werden musste, musste alles Inventar in das Elefantenrevier gebracht werden. Dabei kam ich auch den Dickhäutern ganz nah und konnte sie streicheln. Ich durfte da dem Küchenpersonal zur Seite stehen bei der Aktion. Der Kammerjäger waltete seines Amtes und ein paar Tage später wurde dann alles wieder an seinen alten Platz gebracht. Es war eine sehr schöne Zeit während der Zooarbeit. Ich hätte gerne als Lehrling im Zoo angefangen. Aber ohne Beziehungen führte da kein Weg rein.
Das Hengst-Depot in Redefin
Schon zu DDR-Zeiten gab es jedes Jahr die legendären Hengstleistungs-Schauen im Hengst-Depot „Redefin“.
Da der Verkauf der Pferde dem Staat Devisen einbrachte, wurde das Hengst-Depot staatlich subventioniert. Die Mecklenburger Warmbluthengste waren legendär für ihren freundlichen Charakter und in aller Welt als Reit- und Fahrpferde sehr begehrt. Ebenso zur Zucht.
Eine große Schau aus allen Disziplinen des Reit- und Fahrsportes, dazu ein kleines Springturnier, Zuchtschauen und Begutachtung von Nachkommen berühmter Hengste waren dann unter anderem Bestandteile eines mehrstündigen Programms.
Mit Bussen und vielen Pkws musste man rechtzeitig anreisen, um einen geeigneten Parkplatz zu bekommen und einen günstigen Sitzplatz. Karten erhielt man nur vor Ort, Vorverkäufe gab es nicht, nur Vorbestellungen.
Beim FDGB, wo meine Mutter arbeitete, wurden jedes Jahr Betriebsausflüge unterschiedlichster Art für die Mitarbeiter und deren Familien organisiert. Ich war zu dem Zeitpunkt im 2. Halbjahr der 9. Klasse und wusste immer noch nicht, was ich mal werden wollte.
So nahmen wir dann mit der ganzen Familie an diesem Betriebsausflug nach Redefin teil. Meine Leistungen hatten sich nun schon wieder verbessert. Ich hatte mich jetzt auch mit einem Abschluss der 10. Klasse angefreundet.
Das Programm war einfach beeindruckend. Einige Reitturniere in „Trinwillershagen“ oder auch in „Dummerstorf“ hatten wir im Vorfeld schon öfter besucht. Auch durch die Besuche auf dem „Fohlenhof“ des Zoos war ich nun etwas auf Pferde geeicht. Selbst in einem der Urlaubsorte, zu denen meine Eltern mit uns als Kinder fuhren, durften wir schon einmal einen Geländeritt frei auf einem Pferd mitmachen. Der Betreuer ritt durch ein Wasserbett und einen Hohlweg voraus. Die Reittouristen folgten im Gänsemarsch. Die Pferde kannten das und waren ganz brav, auch wurde nur im Schritt geritten. Aber für uns Amateure und Nichtreiter reichte das voll aus und wurde zu einem tollen Ferienerlebnis.
Auch in Eisenach konnte man damals per Esel zur „Wartburg“ den Weg hinaufreiten. Das nur mal am Rande.
Aber auch die Moderation während der Veranstaltung bestärkte mich immer mehr in dem Ziel, in meinem Leben mal etwas mit Pferden machen zu wollen.
Ich las die Bücher von der Autorin „Sieglinde Dick“ zum x. Mal.
Mein Vater war von diesem Berufswunsch natürlich gar nicht begeistert. Er kam mit Argumenten aus seiner Zeit bei den Polen und Russen während und kurz nach dem Krieg.
Schwer arbeiten von morgens bis nachts. Wie lange mein Körper das wohl mitmachen würde. Was ist mit Familienplanung, Kindern …?
Meine Mutter schlug in dieselbe Kerbe. Sie hätte mich gerne im Büro gesehen, Wochenende frei, geregelte Arbeitszeiten, jährlichen Urlaub …
Aber mein Entschluss war gefasst. Ich drängelte solange, bis sie nachgaben. Aber mit einer Lehrstelle auf einem Gestüt wurde es dann nichts. Alles voll und nur mit Beziehung zu kriegen, die wir natürlich nicht hatten. Eine Fachausbildung mit Abitur war nicht möglich, da ich nicht für die EOS (Erweiterte Oberschule) vorgesehen war. Da war guter Rat teuer. Meine Eltern hatten sich aber auch in dieser Hinsicht für mich eingesetzt. Aber alles umsonst. Die Tränen flossen und meine Zuversicht war wegen der erneuten Ziellosigkeit dahin.
Dann kam meine Mutter eines Tages mit der Nachricht, dass ein Bekannter eines Kollegen auf einem Dorf in der Kartoffelforschung arbeite und dort gäbe es auch eine Reitsportgemeinschaft. Ob ich es da mal versuchen möchte. Aber die Vorstellung, bei jedem Wetter auf dem Feld zwischen Engerlingen und Kartoffeln zu wirtschaften, befriedigte mich auch nicht. Ich lehnte dankend ab. Ich wollte unbedingt zu großen Tieren.
Dann ein paar Tage später überraschte sie mich erneut. In diesem Dorf gab es auch eine Rinder-Zuchtanlage und eine Schäferei. Was ich denn davon halte.
Bisher hatte ich noch nie eine Kuh aus der Nähe gesehen und glaubte auch noch daran, dass braune Kühe Kakao geben. Mit Schafen zu arbeiten, daran interessierten mich nur die Hunde. Aber immer allein zu sein beim Hüten, war auch nicht so mein Ding.
So wollte ich es mal mit den Kühen versuchen.
Meine Lehrausbildung auf dem Volkseigenem Gut (VEG)
Die Abschlussprüfungen in der zehnten Klasse standen an. Durch die schriftlichen Prüfungen in Deutsch, Mathematik, Russisch und Biologie war ich gut durchgekommen. Ich hatte den Ehrgeiz, meinen Abschluss mit eins oder zwei zu machen. In den mündlichen Prüfungen wäre ich gerne in Geographie und Kunst geprüft worden, da meine Leistungen in den Fächern auf Kippe standen. Aber das ging nicht. Die Teilnehmerzahl war voll, da wir ein sehr stark vertretener Jahrgang waren.
Die mündlichen Prüfungen waren dann mit Staatsbürgerkunde und Russisch für mich anberaumt. Die Verteidigung der schriftlichen Prüfungen in Biologie und Deutsch hatte ich bereits hinter mir. Überall zufriedenstellende Noten. Zum Glück brauchte ich Mathematik nicht zu verteidigen. Die schriftliche Prüfung hatte ich ganz gut gemeistert.
Aber dann bekam ich eines Nachts furchtbare Bauchschmerzen. Hohes Fieber und Durchfall begleiteten die Sache. Und das während der Prüfungszeit. Ich war völlig fertig. Ich konnte mich vor Schmerzen fast nicht bewegen. Meine Mutter ging mit mir zum Arzt. Fiebersenkende Mittel und Schmerzmittel sollten mich bald wieder auf die Beine bringen.
Aber nichts geschah, mein Zustand verschlimmerte sich stündlich. Meine Mutter ging am nächsten Tag wieder zum Arzt mit mir. Dieser wurde sehr ungehalten, dass ich schon wieder auf der Matte stand. Er meinte, ich solle etwas Geduld haben, nicht so enge Röcke tragen und dann ginge es mir auch bald etwas besser. Meine Mutter war geschockt. Als ich dann nächste Nacht bereits gelb wurde, brachten meine Eltern mich in die Notaufnahme des Krankenhauses.
Eine sofortige Not-OP rettete dann mein Leben. Ich hatte eine „schrumpfende Galle im fortgeschrittenen Stadium“ und einen Stein. Der Arzt war empört, als ich ihm die Vorgeschichte erzählte. Er sagte, dass ich am nächsten Morgen hätte tot sein können.
Meine Eltern waren geschockt. Aber dem behandelnden Kinderarzt passierte trotz dieser gefährlichen Fehldiagnose nichts. Er meinte, in meinem Alter hätte man keine Gallensteine, soweit man noch kein Kind zur Welt gebracht hat. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel.
Als ich dann wieder auf dem Damm war, gingen die mündlichen Prüfungen weiter. Staatsbürgerkunde und Russisch standen noch an. Beide Prüfungen bestand ich mit „sehr gut“, obwohl die Russisch-Lehrerin mich so manches Mal nicht verstand, da ich Polnisch sprach. Aber mir fielen immer noch rechtzeitig die russischen Vokabeln ein.
Mein größter Erfolg war aber, dass ich in Sport als Endzensur eine zwei erhielt. Hatte sich meine Mühe also gelohnt. Der Gesamtabschluss meiner 10 Klassen fand dann mit der Note „gut“ bei allen Familienmitgliedern und auch bei mir selbst große Anerkennung.
Meine erste Begegnung mit der Landwirtschaft konnte also beginnen. Meine Zensuren waren gut für diesen Beruf, der sich dann „Zootechniker/Mechanisator Spezialisierung-Richtung Milchproduktion“ nannte.
Ich bewarb mich schriftlich und wurde gleich angenommen. Von allen 4 zehnten Klassen war ich die einzige Schülerin, die in die Landwirtschaft ging. Der Schulabschluss war dann nur noch eine Formsache. Er wurde aber trotzdem feierlich begangen.
Dieser Beruf erforderte eine Arbeit in Schichten. Die Kühe wurden 2-mal gemolken, die Kälber 3-mal gefüttert und getränkt. Männliche Rinder gab es in dieser Anlage nicht.
Das volkseigene Gut war ein Vorzeigebetrieb der DDR. Die Tiere wurden in „Offenstallhaltung mit Schleppschaufelentmistungssystem“ gehalten. Die Kühe waren zu 16 Tieren in Laufställen untergebracht, die mit Liegeplätzen, abgetrennten Futterplätzen und Spaltenböden ausgestattet waren. Stroh gab es nicht, die Liegeplätze waren durch Bügel voneinander abgetrennt und mit Gummimatten ausgelegt. Ein Dach hatten die Tiere über den Liegeplätzen über dem Kopf, auch die Futterplätze waren überdacht, aber trotzdem zog es überall.
Kühe sind Herdentiere, und da herrscht eine Rangordnung. Die gehörnten schwarzbunten Kühe vertrugen sich nicht immer gleich, wenn sie neu zusammengestellt wurden, was jeden Monat nach der Milchkontrolle passierte. Dann wurden neue leistungsgerechte Kraftfutterpläne erstellt. Die Kühe wurden dann neu sortiert aufgrund unterschiedlicher Entwicklungsstadien der ungeborenen Kälber und auch unterschiedlicher Milchleistungen, was immer zu Unruhen und zu Verletzungen führte. Zum Melken wurden die Tiere dann gruppenweise entweder ins Melkkarussell oder in einen Fischgrätenmelkstand getrieben. Immer 8 Kühe standen sich in so einem Melkstand in Form einer Fischgräte gegenüber. Motiviert durch die sofort gegebenen Kraftfuttergaben in Form von Sojaschrot gingen sie besser oder schlechter auf ihre Plätze. Eine kurze Wasserdusche ins Gesicht beendete die Runde im Karussell, während der sie dann auch gemolken wurden. Im Melkstand (FGM) genannt, musste man per Stimme die Tiere zum Ausgang treiben. Ein Treiber, meistens ein Lehrling, brachte die Tiere dann wieder in ihre Stallungen. Die Tiere durften dabei nicht durcheinander geraten.
Extratiere, wie lahme Tiere oder schwer zu melkende Kühe, wurden in gesonderten Gruppen zusammengestellt. Sogenannte Schwermelker waren Kühe mit anatomisch veränderten Eutern, solche auch, die ihre Milch nicht gleich hergaben und länger für das Melken brauchten oder Tiere mit außergewöhnlich hoher Milchleistung.
In anderen Bereichen, wie dem „Abkalbestall“, erlernten wir Neugeburtenbetreuung, das „Trockenstellen“ der Kühe, das Anmelken von Färsen (Tiere, die zum ersten Mal kalbten) und die besondere Fütterung der werdenden Mütter. 8 Wochen vor der nächsten Geburt wurden die Kühe trockengestellt. Die Melkzeiten wurden immer mehr verlängert, bis der Milchfluss ganz versiegte und die Kühe sich auf die nächste Geburt vorbereiten konnten. Das gelang nicht immer ohne Eutererkrankungen. Dann musste der Tierarzt mit Medikamenten nachhelfen. Das nannte man das sogenannte „Trockenspritzen“. Die Kühe produzierten dann keine Milch mehr bis zur nächsten Kalbung.
Im Kälberstall wurden die neugeborenen Kälber unter Rotlicht in sogenannte Paletten gelegt, trockengerieben und mit Biestmilch versorgt aus einer Weinflasche. Die Mutterkühe bekamen ihre Kälber gar nicht zu Gesicht. Für die Kälber wurde von deren Müttern von uns 3-mal pro Tag 1 Liter der wichtigen „Biest- oder auch Kolostralmilch“ gemolken und per Flasche verabreicht. Diese erste Milch enthält alle Abwehrstoffe und Vitamine, die ein Kalb nach der Geburt nicht selbst hat und erst mit der ersten Milch von der Mutter bekommt. Das muss innerhalb der ersten 12 Stunden nach der Geburt geschehen, sonst kann das Kalb sterben. Die Kühe kalbten im Stall und man musste aufpassen, dass das Kalb nicht zu lange mit dem Boden in Kontakt kam, da der Nabel versorgt werden musste und sich dort keine Infektionen ergeben sollten. Darum gab es eine Nachtwache, also der Abkalbestall war ständig bewacht, da die Kühe das ganze Jahr kalbten. Etwa mit 14 Tagen wurden die Kälber für die Paletten zu groß und sie wurden zu 4-6 Tieren in überdachten Außenboxen bis zum Verkauf mit 4 Wochen zusammengestellt. Diese Boxen wurden dann vom Personal der FGM und des Karussells alle 2 Wochen per Hand ausgemistet. Hier wurden die Tiere auf Stroh gehalten. Die Ställe der erwachsenen Kühe wurden maschinell gereinigt. Es wurde der Mist per Traktor mit Schiebeschild auf einen Haufen zusammengeschoben und dann auf Miststreuer geladen und auf die Felder ausgebracht. Die Gülle fiel durch die Spaltenböden durch auf eine Art Förderband, „Schleppschaufel“ genannt. Am Ende des Stalles wurde der Klärschlamm gesammelt, mit Wasser wieder verdünnt, dann in die Güllebehälter gepumpt. Das übernahm die Futterbrigade, uns überließ man das Fegen der Liegeplätze.
Unter einem FGM verstand man einen vollautomatisierten Melkstand, wo sich 8 Kühe jeweils gegenüber in Form einer Fischgräte standen. Jeweils 2 Melker waren im sogenannten Melkkeller damit beschäftigt, die Euter zu säubern, ein sogenanntes „Vorgemelk“ in einen Behälter abzuzweigen, um die meisten Keime der Milch aufzufangen und dann das Melkzeug an die Zitzen der Kuh anzusetzen, welches per Unterdruck hielt. Mittels eines am Melkzeug angebrachten Schiebers erzeugte man den dazu benötigten Unterdruck. Ein Pulsator, als Taktgeber, regelte dann den nachempfundenen Saugtakt eines Kalbes und die Milch floss. Wenn der Milchfluss versiegte, unterbrach der Pulsator seine Arbeit und das Tier konnte per Hand nachgemolken werden. Das Melkzeug wurde dann gereinigt, desinfiziert und an der nächsten Kuh angebracht. Wenn das Ende des Milchflusses der Kuh nahte, wurde der Pulsator durch eine sogenannte „Physiomatik“ ausgeschaltet. So ging es dann immer von einer Seite zur anderen. War eine Seite fertig, wurden die Kühe in ihre Ställe gebracht und die nächsten betraten das FGM. Natürlich wurden die Neulehrlinge von den Alteingesessenen auch manchmal ganz schön auf die Schippe genommen. Da hieß es denn, „hol mal den Gebärmutterberieselungsbolzen“; oder „bring schnell eine Kanne Vakuum, die Melkzeuge fallen ab“. Wir waren dann auch erst mal eingeschüchtert von solcher Aufgabenerteilung und versuchten unser Bestes, während die anderen sich kaputtlachten. Im Karussell waren die Kühe auch nur mit ihren Eutern für uns zu sehen, da wir tiefer standen. Da kam es schon mal vor, dass ein Spitzbube an der anderen Seite des Karussells eine Zitze der Kuh abknickte und stattdessen seinen Daumen hinhielt, an den wir dann das Melkzeug ansetzten. Dann wunderten wir uns, dass eine Zitze zu viel am Euter war, als er die Zitze wieder losließ und dann losprustete. Natürlich fiel das Melkzeug dann ab und der ganze Vorgang musste wiederholt werden, was die Zeit meistens nicht zuließ und wir von den Meistern einen Rüffel bekamen. Aber als wir dann später im 2. Lehrjahr waren, verhielten wir uns auch nicht anders.
Wenn die Kühe aufgrund Unachtsamkeit des Treibers mal ausbrachen, mussten alle mithelfen beim Einfangen. Kühe haben die Eigenart, nicht im Herden-Verband zusammenzubleiben, sondern jede lief in eine andere Richtung. Da waren diese für uns tiefen Klärschlammmassen natürlich ein unüberwindbares Hindernis. Für die Kühe allerdings nicht. Und wie es kommen musste, zu Beginn konnte ich das nicht einschätzen und wollte durch die Schlammschicht hinterher. Meine Füße wurden durch die Massen sofort blockiert. Ich fiel der Länge nach in den stinkenden Haufen. Selbst nach dreimaligem Duschen und Haarewaschen wurde ich den Gestank nicht los. So wusch ich mich aus lauter Verzweiflung mit Desinfektionsmittel. Erst nach drei Tagen nahm der Geruch endlich ab und ich konnte mich wieder unter Menschen wagen. Die Arbeitszeiten wurden in Schichten geteilt. Frühschicht begann um 2.30 Uhr bis 9.00 Uhr und die Spätschicht begann um 13.00 Uhr und endete um 19.00 Uhr. Jede 2. Woche nach der Frühschicht am Samstag war dann frei bis um 13.00 Uhr am Montag, wo man dann in die Spätschicht wechselte. Die Gegenschicht musste während der freien Zeit der anderen Schicht 4 Schichten hintereinander arbeiten (Doppelschichten).
In der Sommerzeit gingen die Trockensteher (Kühe, die 8 Wochen vor dem Kalben waren) und die melkenden Kühe sowie die Färsen und Jungtiere auf die Weiden.
Das war immer schön anzusehen, wenn sie erhobenen Schwanzes im Galopp auf die Weiden getrieben wurden. Sie freuten sich über die Bewegung und natürlich über das Grünfutter. Die Milchkühe wurden dann immer zum Melken in die Anlage geholt und danach wieder auf die Weide gebracht. Dafür wurden wir als Erstes als Lehrlinge angelernt. Aufgrund meiner Gallen-OP bekam ich einen Schonplatz für die erste Zeit. Und dieser Schonplatz war „Weidetreiber“. Ebenso wurde ich auch in die Geheimnisse des Koppelbauens eingewiesen. So lernte ich meinen späteren Schwiegervater kennen, der mich öfter mal mit dem Trecker mitnahm, wenn wir uns begegneten. Er sorgte dafür, dass alle Tiere Zugang zum Wasser hatten.
Ich lernte als Erstes, wie man Pfähle in den Boden bringt und den Draht befestigt, auch wenn er unter Strom steht. Oft bekam ich Stromschläge, die nicht ohne waren, aber langsam gewöhnte ich mich daran, wie man Stromschläge vermeiden konnte.
Das Melken machte mir auch viel Spaß. Ebenso mit der ganzen Reinigung der Melkanlagen und der Technik umzugehen. Die Trockensteher mussten 2 mal pro Woche auf Gesundheit der Euter kontrolliert werden. Dabei nutzten wir gleich den Herdentrieb aus, indem wir die Färsen auch gleich mit dem Melkstand bekannt machten, damit sie später, wenn sie aus dem Abkalbestall zu uns kamen, nicht so ängstlich waren. Das Hineintreiben in die Melkstände und auch in das Karussell kannten diese Tiere dann schon.
In der Frühschicht wurden auch tierärztliche Maßnahmen wie Euter- oder Lahmheitsbehandlungen durchgeführt. Wenn Kälberverkäufe oder Färsenzukäufe durchgeführt wurden, mussten wir als Lehrlinge auch hilfreich zur Seite stehen. Als Azubis durchliefen wir alle Bereiche der Anlage. Jede hatte so ihren Reiz. Aber am liebsten arbeitete ich im FGM (Fischgrätenmelkstand). Da bekleidete ich wegen Arbeitskräftemangels schon im 2. Halbjahr des 2. Lehrjahres die Meisterstelle und hatte die Verantwortung in jeglicher Hinsicht über 265 Kühe.
Auch das Improvisieren lernten wir schon sehr früh. Das Gestänge der Stände im FGM, an dem die Gummimatten befestigt waren, musste auch nach einer gewissen Zeit entrostet und neu gestrichen werden. Es war ja jeden Tag 2-mal dem Wasser
ausgesetzt. Da es keine Pinsel gab, schnitten wir den Kühen die ohnehin nutzlosen und immer mit Kot behafteten Schwanzquasten ab, reinigten sie und befestigten sie an im Wald gesammelten Stöcken. Wir stellten uns so die benötigten Pinsel her. Zwar hielten die nicht sehr lange, aber sie erfüllten ihren Zweck.
Aber auch in der theoretischen Ausbildung lernten wir viel über Melktechnik, Mathematik in der Landwirtschaft, Rinderzucht, Veterinär-Kunde und natürlich Marxismus/Leninismus.
Unsere Exkursionen führten uns in andere Anlagen mit anderen Konzepten und Schwerpunkten, nach Dummerstorf ins Forschungsinstitut, wo bei am Kopf verkabelten Kühen die Wiederkaubewegungen und das Fressverhalten gemessen und erforscht wurden. In der Forschungseinrichtung konnten wir an präparierten Tieren in einer anderen Abteilung auch in deren Pansen einen Blick werfen, um die Verdauungsvorgänge darin mal zu sehen. Die Kühe waren operativ präpariert worden mit einer Öffnung und einer Verschlusseinrichtung, die man entfernen konnte, ohne den Tieren Schmerzen zu bereiten. Mit den Tieren wurden dann Versuche zum Thema Fütterung betrieben.
Aber auch der Schlachthofbesuch blieb uns nicht erspart. Da musste ich passen und den Raum fluchtartig verlassen. Die Rinder wurden ja noch human getötet mit einem Bolzenschussgerät, aber die Schweinetötung war das reinste Gemetzel. Zusammengetrieben in Buchten lief einer mit einem Elektroschockgerät und versuchte, die Schweine damit hinter den Ohren zu berühren. Das gelang dann ganz gut, wenn die Bucht randvoll war und die Tiere nicht so viele Bewegungsmöglichkeiten hatten. Die Letzten traf er aber nicht immer, sodass sie dann lebendig in den Brühapparat getaucht wurden, aufgehängt am Haken an der Achillessehne. Der Krach und die Todesschreie der Tiere waren ohrenbetäubend. Die Tiere, die als Nächstes an der Reihe waren, bekamen das natürlich alles mit und schrien genauso ohrenbetäubend schon im Vorraum. Die Schlachter-Lehrlinge bewarfen uns dann auch noch so zum Spaß mit abgetrennten Ohren und Augen. Das war dann zu viel für mich, ich musste den Raum verlassen und mich draußen übergeben. In der Wurstverarbeitung stank es widerlich, überall floss das Blut. Seitdem hab ich mein Leben lang keine Wurst mehr gegessen.
