Kitabı oku: «Die Schlucht», sayfa 37
Drittes Kapitel
Nil Andreitsch mußte beinahe aus dem Wagen gehoben werden, als er zu Hause ankam. Seine Haushälterin rieb ihm die Schläfen mit Essig, legte ihm ein Senfpflaster auf den Leib und schimpfte ganz gehörig über Tatjana Markowna.
Doch die Hausmittel erwiesen sich als zu schwach, um dem Alten seine Ruhe vollständig wiederzugeben. Er erwartete, daß am nächsten Tage der Gouverneur bei ihm erscheinen würde, um sich nach dem Hergang der Sache zu erkundigen und ihm sein Beileid auszudrücken. Er wollte ihm dann empfehlen, Raiski als einen unruhigen Menschen aus der Stadt zu verweisen und der Bereschkowa die schriftliche Versicherung abzunehmen, daß sie nie wieder Wolochow ihr Haus betreten lassen würde.
Doch es vergingen drei Tage, ohne daß der Gouverneur, oder der Vizegouverneur, oder auch nur einer der Räte sich bei ihm sehen ließ. Selbst mit einer Beschwerde vorzugehen, all die alten Geschichten aufzuwühlen – das hielt er aus irgendwelchen Gründen nicht für geraten.
Der frühere Gouverneur, der alte Pafnutjew, der so gefürchtet war, daß sich nicht einmal die Damen vor ihm bei Tische niederzusetzen wagten, hätte die Schuldigen schon wegen der Respektsverletzung gegenüber einem Manne von Rang und Würden zur Rechenschaft gezogen. Der gegenwärtige Gouverneur jedoch verhielt sich in dieser Beziehung vollkommen gleichgültig. Er achtete nicht einmal darauf, wie seine Beamten sich kleideten, ging selbst in einem abgeschabten alten Rocke umher und war nur darauf bedacht, daß aus seinem Amtsbereich keine bösen Nachrichten nach Petersburg gelangten.
Nil Andreitsch Tytschkow hatte auch erwartet, daß irgendeiner seiner früheren Untergebenen, der jungen Beamten, sich bei ihm einfinden würde: er hätte dann vielleicht etwas aus dem feindlichen Lager erfahren können. Doch die jungen Herrchen ließen sich nicht sehen.
Er ließ sich schließlich dazu herab, wie von ungefähr, beim Spazierengehen, in zwei oder drei ihm bekannten Häusern vorzusprechen, doch wurde er nicht empfangen, und die Bedienten musterten ihn mit seltsam neugieriger Miene.
»Die Dinge stehen schlecht für mich,« dachte er und blieb nun ganz zu Hause.
Am nächsten Sonntag schickte er nach dem Arzte, der auch beim Gouverneur und in Malinowka behandelte.
Der Doktor war sichtlich bemüht, ihm nicht ins Gesicht zu sehen, und wenn er es tat, so geschah es mit demselben Ausdruck der Neugier, der Nil Andreitsch auch bei den Lakaien aufgefallen war. Er hatte es eilig, und als Tytschkow ihn zum Frühstück einlud, sagte er, er sei bereits bei der Bereschkowa eingeladen, wo auch der Gouverneur und alle andern sein würden. Er habe gesehen, daß der Bischof sogleich nach dem Gottesdienste zu ihr hinfuhr, und er müsse zusehen, daß er sich nicht verspäte. Er empfahl sich, nachdem er Nil Andreitsch Ruhe und strenge Diät verordnet hatte.
»Alles geht verkehrt!« sagte Tytschkow, stieß einen tief aus dem Innern kommenden Seufzer aus und ließ den Kopf hängen.
Er begriff, daß seine Autorität nun für immer untergraben, daß er der »letzte Mohikaner«, der letzte »General Tytschkow« sei.
Auch die jungen Beamten, die noch ganz kürzlich sich die Lippen beleckt hatten, wenn Nil Andreitsch ihnen ein Wort des Lobes spendete, waren plötzlich sehend geworden, hatten die in Raiskis tapferem Verhalten liegende »Wahrheit« erkannt und schämten sich, daß sie so lange vor einem falschen Götzen auf den Knien gelegen hatten. Sie alle hatten Raiski ihre Visite gemacht.
Dieser hatte in einer kurzen Skizze die Erscheinung Tytschkows für den Plan seines Romans festgehalten – weshalb, wußte er eigentlich selbst nicht, da er sich nicht recht klar war, welche Rolle ein Nil Andreitsch in seinem Werke spielen könnte.
»Er ist mir eben so unter die Feder gekommen, wie Openkin,« sagte er sich, als er die letzte Zeile seiner Skizze niedergeschrieben hatte.
Drei Tage lang hatte Raiski ganz unter dem Banne des Ereignisses vom Sonntag gestanden. Er war ganz hin gewesen von Tatjana Markowna, der gutherzigen Tante, der gastfreien Hausfrau, die sich plötzlich in eine mutige Löwin verwandelt hatte.
Diese blitzenden Augen, diese stolze Haltung, der ehrliche, gerade, gesunde Sinn, der plötzlich, allen Vorurteilen und trägen Gewohnheiten zum Trotz, in ihr zum Durchbruch gekommen war, gingen ihm nicht aus dem Kopfe.
Er hatte seine Leinwand aufgespannt und ihre Gestalt in einer wohlgelungenen Skizze festgehalten, in der Absicht, dann später sorgfältig das Ganze auszuarbeiten, ihre stolze Haltung, ihren Zorn, ihre überlegene Größe zum Ausdruck zu bringen und seinem Gemälde einen Platz unter den Familienporträts anzuweisen.
Die Liebe und Zuneigung, die er für sie empfand, war, wenn dies überhaupt möglich war, noch gewachsen. Auch sie sah ihn jetzt mit freundlicheren Augen an als früher, obschon sie es nicht verhehlen konnte, daß ihr »Ausfall«, wie sie sich ausdrückte, sie doch innerlich noch beunruhigte und sie nicht wenig Mühe hatte, den »Widerspruch mit sich selbst«, in dem sie sich nach Raiskis Worten befand, schweigend in sich auszugleichen. Da hatte sie nun einen Menschen vierzig Jahre lang respektiert, hatte ihn stets vor allen Leuten als einen ernsten, ehrenhaften Mann gerühmt, hatte sich vor seinem Urteil gefürchtet und andere damit geschreckt – und nun hatte sie plötzlich diesen selben Mann zum Hause hinausgeworfen! Sie bereute nicht, was sie getan, sie fand ihr Verhalten vollkommen gerechtfertigt, aber sie machte sich doch so ihre Gedanken darüber, daß sie vierzig Jahre lang freiwillig diese Lage ertragen hatte, und daß ihr Großneffe im Handumdrehen das Richtige getroffen hatte . . .
Nie würde sie ihm sagen, daß er recht hatte – nein, niemals: dazu war er doch noch zu jung, wie leicht könnte er sich überheben! Doch konnte sie ihm ja ihre Anerkennung auf eine solche Weise zu erkennen geben, daß sie selbst dabei in kein Dilemma kam und er seinen Triumph nicht zu hoch anschlug.
Das war der Grund, weshalb sie jetzt für ihn so freundliche Blicke hatte und ihn im stillen höher einschätzte als früher.
Immer noch blieb ihr indes dieses unbehagliche Gefühl, das nicht sowohl in dem Kampfe mit dem inneren Widerspruche seinen Grund hatte, als ganz einfach in der Tatsache, daß der Skandal in ihrem Hause passiert war, daß sie einem alten Manne, einem ehrenhaften . . . oder nein: einem ernsthaften . . . oder nein: einem ordengeschmückten alten Manne die Tür gewiesen hatte . . .
Sie seufzte nun zwar über das, was geschehen, hatte jedoch nicht den Wunsch, es ungeschehen zu machen – wohl aber, es als etwas längst Vergangenes zu betrachten, es durch irgendein Wunder um zehn Jahre zurückliegend und gänzlich vergessen zu wissen.
Was nun Raiski betraf, so hatte Wjeras Kuß seine Seele in Aufruhr versetzt. Er war vor lauter Rührung den Tränen nahe gewesen und hatte von diesem Kuß neue, kühne Hoffnungen abgeleitet. Dieses schlichte Ereignis, diese unvorbereitete Szene, bei der er sich so ehrenhaft und wacker benommen, würden, so glaubte er, schließlich zu dem Ziele einer Annäherung an sie führen, die er bisher unter solchen Mühen und mit so geringem Erfolge angestrebt hatte.
Er befand sich jedoch im Irrtum – dieser Kuß führte durchaus keine Annäherung herbei. Er war nichts weiter als ein plötzliches Auflodern der Sympathie, die Wjera für sein Verhalten empfand, war ebenso unvorbereitet und spontan wie sein eigenes Eingreifen, ein Blitz, der aufzuckte und verschwand.
Wohl hatte sein tapferes Verhalten diesen Blitz der Sympathie hervorgerufen, aber sie hatte ja auch niemals an seinem Charakter gezweifelt, sie wollte nur nichts von jener engeren Freundschaft wissen, die er erstrebte, wollte ihm nur in ganz beschränktem Maße die Rechte des Freundes einräumen.
Er hatte sein Wort ihr gegenüber gehalten: er besuchte sie nicht mehr, sah sie nur bei Tisch und verfolgte sie nicht. »Noch zwei, drei Gespräche mit ihr – und sie ist für mich abgetan, wie es die Bjelowodowa, wie es Marsinka schließlich war,« sagte er sich. »Der Zauber wird, wie immer bei mir, seine Wirkung verlieren – und ich kann getrost abreisen.«
»Jegor!« rief er – »hol’ doch einmal meinen Reisekoffer vom Boden herunter! Sieh nach, ob Schloß und Riemen in Ordnung sind: ich bleibe nicht mehr lange hier.«
Im Hause war es still, seit der Wette mit Mark waren bereits vierzehn Tage vergangen, und Boris Pawlytsch war noch immer nicht verliebt, beging noch immer keine Torheiten und Tollheiten. Tagsüber dachte er gar nicht mehr an Wjera, nur am Abend und Morgen erschien ihr Bild, als wenn er es riefe, vor seiner Seele.
Er suchte sich ihr gegenüber so zu geben, als ob er gar nicht mehr an sie denke, und das gelang ihm in der Tat. Gar zu gern hätte er in ihr auch die Erinnerung an sein früheres törichtes Benehmen getilgt.
»So weit wäre ich ja glücklich gekommen: ich schäme mich, daß ich mich habe hinreißen lassen – also ist der Sieg nicht mehr fern!« frohlockte er insgeheim, obschon er sich doch, nicht ohne strengen Selbstvorwurf, sagen mußte, daß ihm keine noch so geringe Einzelheit entging, die Wjera betraf, daß er, ohne hinzusehen, ihren Eintritt gleichsam fühlte, wenn sie ins Zimmer trat, daß er genau wußte, welche Miene sie machte, was sie jedesmal sagen würde, warum sie schwieg.
»Das alles ist doch nur Schein, nur Schein,« sagte er sich, seine Empfindungen analysierend – »ein wirkliches Gefühl ist gar nicht vorhanden.«
Er malte an dem Porträt Tatjana Markownas und schrieb an dem Entwurf zu seinem Romane, der sich immer mehr auswuchs. Er schilderte seine erste Begegnung mit Wjera und den Eindruck, den sie auf ihn gemacht hatte; als Beiwerk fügte er die Charakteristiken der sie umgebenden Personen, eine Schilderung der Wolgalandschaft, eine Beschreibung seines Landgutes hinzu und wurde nach und nach bei der Arbeit lebendig. Der Schein, das »Phantom« nahm allmählich greifbare Gestalt an. Das Geheimnis geistigen Schaffens ging seinem Verständnis auf.
Er war heiter und vergnügt, ging ein paarmal sogar mit Wjera wie mit der ersten besten, liebenswürdig plaudernden Dame spazieren und ließ ganz absichtslos, ohne irgendeinen besonderen Eindruck auf sie machen zu wollen, sein ganzes Raketenfeuer von Geist, Witz und Anekdoten vor ihr spielen. Er schwelgte in seinen Phantasien, erging sich in harmlosen Scherzen, entwickelte in tiefsinnigen Auseinandersetzungen seine Weltanschauung – mit einem Worte: er führte ein ruhiges, angenehmes Leben, ohne irgendeine Zumutung an sie zu stellen.
Mit Vergnügen stellte er fest, daß sie keine Furcht mehr vor ihm hatte, daß sie ihm vertraute, ihr Zimmer nicht mehr vor ihm verschloß, nicht mehr im Garten einer Begegnung mit ihm auszuweichen suchte, da sie ja nun wußte, daß er nach einer kurzen Begrüßung von selbst gehen würde; sie bat sich ohne große Umstände Bücher von ihm aus, ja sie holte sich sogar selbst welche bei ihm, und er gab sie ihr, ohne sie zurückzuhalten, ohne sich ihr als geistiger Mentor aufzudrängen. Er fragte sie auch nicht über das Gelesene aus, dagegen schilderte sie selbst ihm zuweilen die Eindrücke, die sie bei der Lektüre gewonnen. Sie saßen öfters nach dem Mittagessen zu zweien im Zimmer der Großtante, und Wjera empfand durchaus keine Langeweile, wenn sie ihm zuhörte, ja sie lächelte sogar öfters über seine Scherze. Mitunter geschah es dann, daß sie plötzlich mitten im Gespräch, oder bevor noch eine Seite zu Ende gelesen war, sich erhob und unter irgendeinem unauffälligem Vorwand sich entfernte. Niemand wußte, wohin sie ging. Nach einer, nach zwei Stunden kehrte sie zurück, blieb auch wohl ganz weg – aber was sie auch tun mochte: Raiski fragte und forschte nicht nach.
Außer seiner Arbeit nahmen ihn auch einige Bekanntschaften in Anspruch, die er in der Stadt gemacht hatte. Er war öfters beim Gouverneur zu Tisch und hatte auch mit Marsinka und Wjera zusammen ein Sommerfest bei dem Branntweinpächter mitgemacht, doch hatte dessen Tochter, zum großen Leidwesen Tatjana Markownas, keinen besonders tiefen Eindruck auf ihn gemacht, und als die Großtante ihn hierüber ausfragte, meinte er trocken, sie sei »ein Mädchen wie viele andere«.
Wjera war ihm gegenüber von einem unerschütterlichen Gleichmut: das war eine Tatsache, über die er sich nicht mehr täuschen konnte, der er sich notwendig beugen mußte. Obschon er in ihrem Vertrauen und ihrer Freundschaft Fortschritte machte, blieb diese Freundschaft doch noch immer sozusagen negativ, und ihr Vertrauen bestand lediglich darin, daß sie von seiner Seite kein unanständiges Spionieren mehr befürchtete. Ein Lächeln zitterte um ihr Kinn, als er sich mit einem Tollhäusler verglich, den man als geheilt entlassen, den man wieder allein zu lassen wagt, in dessen Zimmer man wieder die Fenster öffnet, dem man bei Tisch Messer und Gabel gibt und sogar gestattet, sich selbst zu rasieren – dessen Tobsuchtsanfälle jedoch noch in aller Gedächtnis sind, so daß niemand die Garantie dafür übernehmen mag, daß er nicht eines schönen Tages doch noch aus dem Fenster springt oder sich die Kehle durchschneidet.
Ihre Freundschaft war noch nicht so weit gediehen, daß sie ihn, als den Älteren, Erfahreneren, in irgendwelchen Dingen um Rat gefragt oder ihm anvertraut hätte, wofür oder für wen sie sich interessierte. Noch weniger natürlich gab sie ihm ihre Geheimnisse preis.
Der einzige Wunsch, den sie ihm gegenüber kategorisch zum Ausdruck gebracht hatte, war, daß sie in ihrer Freiheit auf keine Weise beschränkt zu sein wünsche, daß sie sich selbst überlassen bleiben wolle, daß man sie überhaupt nicht bemerken und von ihrer Existenz keine Notiz nehmen solle.
»Nun, diese Bedingungen wären ja erfüllt – was soll aber jetzt werden?« sprach er bei sich selbst. »Ist damit alles abgetan? Ich muß doch zusehen, ob ich nicht weiter gelange – mit aller Vorsicht natürlich . . .«
Er setzte es durch, daß sie ihn nicht mehr Cousin, sondern »Bruder« nannte, zu dem traulichen »Du« jedoch wollte sie sich nicht verstehen: sie meinte, daß dieses Wort schon an sich zu mancher Vertraulichkeit Anlaß gebe, die der einen oder andern Seite doch unerwünscht sein könnte und den Schein einer Freundschaft erzeuge, die vielleicht nicht auf beiden Seiten vorhanden sei.
»Nun, bist du mit mir zufrieden?« sagte er einmal nach dem Tee zu ihr, als sie allein geblieben waren.
»In welcher Hinsicht?« fragte sie, ihn neugierig ansehend.
»Wie kannst du nur so fragen – in welcher Hinsicht!« wiederholte er erstaunt. »Mit der Wandlung, die ich in mir vollzogen habe?«
»Mit welcher Wandlung?«
»Aber ich bitte dich: ich habe an mir gearbeitet, habe alle meine Ansichten und Wünsche ganz dir angepaßt, habe geschwiegen, dich nicht bemerkt – welche Mühe hat mich das gekostet! Und sie hat von alledem nichts gemerkt! Ich lege mir alle diese Prüfungen auf, und sie . . . das also ist mein Lohn!«
»Ich denke, Sie haben das alles schon vergessen?« sagte sie gleichgültig.
»Hast du es denn schon vergessen?«
»Ja – und das ist eben Ihr Lohn . . .«
Er sah sie verwundert an.
»Ein schöner Lohn: sie hat alles vergessen!«
»Allerdings – ich habe vergessen, wie lästig Sie mir fielen, und ich finde, daß Sie sich jetzt so benehmen, wie Sie sich von Anfang an hätten benehmen sollen.«
»Weiter nichts?«
»Was verlangen Sie denn noch mehr?«
»Und unsere Freundschaft?«
»Das ist doch Freundschaft! Ich bin mit Ihnen sehr intim befreundet . . .«
»Das habe ich verkehrt angefangen,« sagte er sich im stillen und tadelte sich selbst darum, daß er sich von Wjera gleichsam ein Trinkgeld für sein Wohlverhalten erbitte. »Eine schöne Freundschaft: ich höre nicht das Geringste von dir, nichts erzählst du mir, nichts vertraust du mir an – ganz wie eine Fremde bist du . . .« versetzte er.
»Ich vertraue keinem Menschen etwas an: weder Tantchen noch Marsinka . . .«
»Das ist allerdings richtig. Doch Tantchen und Marsinka sind wohl zwei recht liebe, gute Seelen, zwischen ihnen und dir aber gähnt ein ganzer Abgrund . . . während zwischen dir und mir recht viel Gemeinsames besteht . . .«
»Ach ja, ich habe ganz vergessen, daß ich nach Ihrer Meinung ›weise‹ bin,« sagte sie mit leichtem Spott.
»Du bist geistig rege, bist klug, und wenn dein Herz noch nicht seine Sprache gefunden hat, so bebt es doch schon voll Erwartung . . . Ich sehe das . . .«
»Was sehen Sie?«
»Daß du dich versteckst und irgendetwas verbirgst . . . Gott mag wissen, was!«
»So mag doch Gott allein um mein Geheimnis wissen!«
»Du bist ein Charakter, Wjera!«
»Ist das ein Fehler?«
»Im Gegenteil: es ist ein großer Vorzug – vorausgesetzt, daß der Charakter echt und nicht bloß vorgespiegelt ist.«
Sie zuckte die Achseln, als halte sie eine Antwort für überflüssig.
»Fühlst du wirklich nicht das Bedürfnis, dich irgend jemandem anzuvertrauen, deine Gedanken mit ihm zu teilen? Möchtest du nicht zuweilen das, was dir im Leben dunkel und rätselhaft ist, mit Hilfe fremden Verstandes, fremder Erfahrung aufgeklärt sehen? Es gibt doch so vielerlei, was für dich neu ist . . .«
»Nein, Bruder, bisher verspüre ich nichts von diesem Bedürfnis. Falls es sich einstellen sollte, werde ich mich vielleicht an Sie wenden . . .«
»Vergiß nicht, Wjera, daß du einen Bruder, einen Freund besitzst, der bereit ist, alles für dich zu tun und selbst Opfer zu bringen . . .«
»Warum wollen Sie denn Opfer bringen?«
»Darum, weil du so . . .« – ›schön bist‹, hatte er fortfahren wollen, doch ein strenger Blick aus ihrem Auge schnitt ihm das Wort im Munde ab. »Darum, weil du so . . . verständig, so originell bist . . . und weil ich eben Opfer bringen will!« schloß er den Satz.
»Und wenn ich Ihre Opfer nicht annehmen mag?«
»Nun, dann ist eben von Freundschaft zwischen uns keine Rede.«
»Ist denn die Freundschaft ein so selbstsüchtiges Gefühl, und ist ein Freund nur danach zu beurteilen, ob er dies oder jenes für einen getan hat? Können zwei Menschen einander nicht auch ohne das gern haben, um des Charakters, des Geistes willen? Wenn ich jemanden liebte, würde ich es sogar um jeden Preis vermeiden, ihn mir oder mich ihm zu verpflichten . . .«
»Warum?«
»Ich habe den Grund schon einmal genannt: weil ich mir die Freundschaft nicht verderben will. Es würde dann keine Gleichberechtigung mehr vorhanden sein, die beiden Freunde würden nicht durch das reine Gefühl, sondern durch Dienstleistungen miteinander verknüpft sein, und das würde ihr Verhältnis trüben; der eine würde höher, der andere niedriger stehen – wo bliebe da die Freiheit?«
»Du bist wirklich drollig, Wjera, mit deiner Freiheitsschwärmerei! Wer hat dir das nur eingeflüstert? . . . Das war sicherlich nur ein Dilettant der Freiheit! Nach dieser Theorie dürfte man ja niemanden mehr um eine Zigarre bitten, dürfte das Taschentuch nicht aufheben, das du fallen gelassen hast, ohne daß gleich ein Leibeigenschaftsverhältnis begründet würde! Merk’ dir’s: von der Freiheit zur Sklaverei ist nur ein Schritt, wie vom Erhabenen zum Lächerlichen. Wer hat dir nur diese Ideen beigebracht?«
»Niemand,« sagte sie und erhob sich mit leichtem Gähnen von ihrem Platze.
»Es ist dir doch nicht unangenehm, was ich da sage, Wjera?« fragte er hastig. »Glaube nicht etwa, daß ich dich ausforschen, dich verhören will, leg’ nicht gleich jedes Wort auf die Goldwage! Ich wollte nur ein wenig mit dir plaudern . . .«
»Ich bin ›weise‹ genug, Bruder, um schwarz und weiß unterscheiden zu können, und ich plaudere gern mit Ihnen. Kommen Sie doch heute Abend wieder zu mir, oder hierher in den Garten – wir wollen dann weiterplaudern, wenn es Sie nicht langweilt.«
Er wäre am liebsten aufgesprungen vor Freude.
»Meine liebe Wjera!« sagte er.
»Ich fürchte nur, daß es für Sie nicht sehr interessant ist, mit mir so zusammen zu sein: ich bin immer so schweigsam, Sie müssen die Kosten der Unterhaltung fast allein tragen . . .«
»Nein, nein – bleib ganz so, wie du bist, sei, wie du sein willst . . .«
»Wirklich? Darf ich wirklich so sein?«
»Lach’ mich nicht aus, Wjera – ich scherze nicht, bei Gott! . . .«
»Nun kommen Sie schon mit Beteuerungen, wie Wikentjew . . . da muß ich Ihnen wohl glauben. Heute abend also, nicht wahr?«
Viertes Kapitel
Auch am Abend kam Raiski mit Wjera nicht weiter. Er redete, schwärmte, geriet in Glut, wenn er in ihre dunkelbraunen Samtaugen sah, doch die Glut erlosch im nächsten Augenblick wieder, weil diese Augen gar so gleichgültig dreinschauten.
Er sah vor sich ein herrliches Geschöpf, das alles in sich zu vereinigen schien, was ein köstliches Glück voll Lust, voll Qual gewährleisten konnte – aber dieses Glück war ihm verschlossen. Er hatte sich selbst des Rechtes begeben, seine Sehnsucht nach diesem Glück zu äußern und sie, die dort vor ihm saß, anders als mit den Augen eines Bruders anzuschauen. Sie mußte für ihn eine Fremde, eine Unbekannte bleiben.
Ja, das mußte nun schon so sein: er hatte sich selbst damit einverstanden erklärt. Er durfte keinen Versuch machen, sich Wjera zu nähern. Wäre hier nur, wie bei Marsinka, die naive Mädchenunschuld, die unbewußte, kindliche Unbefangenheit in Frage gekommen, dann wäre es ihm weit leichter gefallen zu entsagen.
Doch bei Wjera war von Unbewußtheit keine Rede: aus ihrem Wesen, ihrem Benehmen sprach vielmehr, wenn nicht die Erfahrung – diese hielt er für ausgeschlossen – wenn nicht das Wissen, so doch ein deutliches Vorgefühl der Erfahrung und des Wissens. Nicht ihre Unschuld, sondern ihr Stolz war es, der seinen zudringlichen Blick und sein Bestreben, ihr zu gefallen, in die Schranken wies. Sie wußte jedenfalls schon, was der leidenschaftliche Blick, was diese der Schönheit dargebrachten Huldigungen zu bedeuten hatten, wußte, wohin alles das führt, wann das Liebeswerben eines Mannes für ein Mädchen beleidigend ist, und weshalb es das ist.
Sie ahnte oder erriet die Tragweite der Gefühle und Leidenschaften und der Kämpfe, die sie mit sich bringen. Sie sah die Entwicklung dieser Leidenschaften voraus, die Katastrophen, die sich aus ihnen ergeben konnten, und sie ermaß, wie tief solche Katastrophen in das Leben des Weibes eingreifen.
Diese spürende, vorzeitig erratende Wachsamkeit war sicherlich keine Frucht der Erfahrung. Eine gewisse Voraussicht, ein Vorgefühl, ein Ahnungsvermögen findet sich vielfach bei Menschen mit scharf beobachtendem Verstande, namentlich bei Frauen, oft ohne jede Erfahrung, der bei fein empfindenden Naturen der Instinkt gleichsam die Wege ebnet. Er gibt ihnen Winke, die den naiven Naturen unverständlich bleiben, die aber dem scharfen Auge der Begabteren, das beim Leuchten des aus den Wolken niederfahrenden Blitzes momentan das Bild der Landschaft erfaßt, alles oder vieles sagen, was für das Verständnis der zukünftigen Erfahrung von Wert ist.
Und Wjera hatte dieses rasch erfassende Auge: sie brauchte in der Kirche oder auf der Straße nur einen Blick auf die Menge zu werfen, und sie fand sogleich den heraus, den sie gerade suchte. Ein rascher Blick auf die Wolga zeigte ihr alles, was das Bild belebte: das Schiff in der Ferne, das Boot am andern Ufer, die weidenden Pferde auf der Insel, die Flößer auf der Barke, die Möwe in der Luft und den Rauch, der drüben im fernen Dörfchen aus dem Schornstein aufstieg. Und so rasch und sicher wie ihr Auge schien auch ihr Verstand alles zu erfassen.
Gewiß wußte Wjera nicht alles, was sich auf das Spiel und den Kampf der Leidenschaften bezog, doch begriff sie, wie sich aus allem ergab, sehr wohl, daß im Herzensleben des Menschen sich eine ganze Welt von Freuden und Schmerzen birgt, daß Klugheit, Eitelkeit, Zärtlichkeit in diesem Wirbel eine wichtige Rolle spielen und die Seele des Menschen von Grund auf zerwühlen. Ihr lebhafter Instinkt eilte hier der Erfahrung offenbar weit voraus. Das waren die »Themen«, über die Raiski gern mit Wjera gesprochen hätte – gar zu gern hätte er gewußt, woher ihr diese scheinbare Bekanntschaft mit der Welt der seelischen Erregungen kam, warum sie ihn als Verehrer so bewußt, so stolz und trotzig ablehnte.
Aber sie tat, als bemerke sie seine Bemühungen, ihr Geheimnis zu erraten, überhaupt nicht. Wenn er eine Anspielung machte, so schwieg sie, und wenn sie bei ihrer gemeinsamen Lektüre an eine Stelle kamen, die von diesen Fragen handelte, hörte sie ganz gleichgültig zu, so nachdrücklich auch Raiski durch Betonung und Stimmfall auf die Stelle hinwies.
Diese immer wieder erneuerte Bemühung, hinter Wjeras Geheimnis zu kommen und sie zum »Leben« zu bekehren – eine Bemühung, die nach seiner Meinung durchaus nichts mit Liebe zu tun hatte – versetzte seine Nerven in einen Zustand starker Gereiztheit und machte ihn boshaft und bitter. Seine heitere Stimmung verschwand wieder, die Arbeit fiel ihm lästig, und alle Zerstreuungen waren nicht imstande, seine Laune zu verbessern.
»Das ist schon kein Forschen und Studieren mehr, sondern eine Tortur!« dachte er an solchen düsteren Tagen und legte sich zaghaft die Frage vor, wohin eigentlich seine Taktik führen solle, und wie er überhaupt dazu komme, sie zu befolgen.
Wenn er zuweilen mit nüchternem Blicke Umschau hielt, empfand er ein Gefühl der Beschämung, daß er einem jungen Mädchen gegenüber, das sich über ihn lustig machte, ihn wie einen Schüler hofmeisterte und seine ehrliche Freundschaft mit kühlster Gleichgültigkeit vergalt, eine so klägliche Rolle spielte.
Er erwischte sich bald wieder dabei, wie er Wjera mit argwöhnischem Blicke musterte; zwei- oder dreimal hatte er Marina wieder gefragt, ob das gnädige Fräulein zu Hause sei, und als er einmal Wjera nicht in ihrem Zimmer antraf, hatte er wohl einen halben Tag am Rande der Schlucht gesessen und auf sie gewartet. Als sie noch immer nicht kam, ging er nochmals nach ihrem Zimmer: sie war längst zu Hause, und auf seine in möglichst gleichgültigem Tone hingeworfene Frage, wo sie gewesen, hatte sie noch gleichgültiger erwidert: »Ich war unten am Ufer, an der Wolga . . .«
Schon wollte er ihr sagen, das sei nicht wahr, er habe wieder einmal auf Wache gestanden, doch hielt er an sich und maß sie nur mit einem erstaunten Blicke, der ihr nicht entging. Sie blieb vollkommen gleichgültig und hielt es nicht einmal für notwendig zu erklären, auf welchem Wege sie vom Ufer heimgekommen, und wie der scheinbare Widerspruch zu erklären sei.
Sie schien wirklich dort gewesen zu sein, oder doch sonst einen größeren Weg gemacht zu haben, denn sie war ermüdet, hatte ihre Stiefeletten mit den Hausschuhen vertauscht, trug einen Morgenrock statt des Kleides und hatte ein wenig heiße Hände.
Er suchte sich zu ermannen und wieder Gewalt über sich zu gewinnen, um endlich zur Ruhe zu kommen. Er ritt wieder häufiger nach der Stadt, knüpfte Gespräche mit der Aufseherstochter an und konnte sich über ihre Antworten totlachen. Auch mit Marsinka gab er sich wieder mehr ab, suchte in ihr poetische Stimmungen hervorzurufen, probierte es bei ihr mit der Melancholie oder mit leidenschaftlicher Erregung – nicht, um dabei etwas für sich zu profitieren, sondern um einen »frischen, lebendigen Zug« in ihr Seelenleben zu bringen. Doch an ihrem klaren, reinen, stillen Naturell scheiterten alle seine Versuche. Zuweilen scheint es ihm, als habe er ihr Gemüt ein wenig in Wallung gebracht, sie pflichtet ihm bei und hört nachdenklich zu, wenn er ihr irgend etwas recht Kluges, recht Tiefsinniges vorträgt, doch fünf Minuten später hört er sie schon wieder oben in ihrem Stübchen singen:
»Du mein herziger Schatz,
»Ach, wie liebe ich dich . . .«
Oder sie sitzt vor ihrem Brett und zeichnet einen Blumenstrauß, eine Taubenfamilie, ein Porträt ihrer Katze, wenn sie nicht in irgendeiner Ecke eins ihrer Bücher »mit glücklichem Ausgange« liest oder mit dem zu Besuch anwesenden Wikentjew schwatzt und disputiert.
Noch eine Woche verging, und bald war der Monat herum, den Mark bei seinem törichten Wettvorschlage als Frist gesetzt hatte. Raiski fühlte sich noch immer frei von »Liebe«. Nein, er hielt sich nicht für verliebt, seine Erregtheit war lediglich ein Ausfluß seiner Phantasie, seiner Neugier.
Es kam vor, daß er einige Tage hintereinander überhaupt nichts von Erregtheit verspürte, daß er Wjera mit denselben gleichgültigen Blicken ansah wie Marsinka. Die beiden Schwestern erschienen ihm dann wie zwei in den Ferien weilende reizende Institutsfräulein, die ihre besonderen Institutsgeheimnisse und Institutsideale, ihre naiven, zusammengelesenen und zusammengeträumten Theorien und Anschauungen hatten, die der Sturm der Wirklichkeit, die Erfahrung bald auf den Kopf stellen wird.
Wjera kam und ging, und er konnte ihr Tun und Treiben nun wieder beobachten, ohne jeden Augenblick zusammenzufahren, ohne sich zu erregen, ohne auf einen Blick, ein Wort von ihr zu lauern. Und eines Morgens, als er aufstand, fühlte er sich so sicher und fest, so gleichgültig und innerlich frei, daß er nicht nur auf die Erreichung irgendeiner Gunstbezeigung von seiten Wjeras, sondern auch auf ihre Freundschaft zu verzichten bereit war.
»Jetzt bin ich ganz kühl, ganz ruhig,« sagte er sich – »jetzt kann ich ihr, laut unserer Abmachung, endlich sagen, daß die Probe bestanden ist, daß ich nun imstande bin, ihr Freund zu sein, wie jeder andere auch. Und jetzt kann ich auch ruhig abreisen. Nur mit diesem Barrabas möchte ich noch einmal zusammenkommen, um ihm die letzten Hosen vom Leibe zu ziehen: warum läßt er sich auch auf Wetten ein!«
Im Vorbeigehen sagte er zu Jegorka, er möchte den Koffer vom Boden holen und ihn zur Abreise bereit halten. Er begab sich zu Leontij, um in Erfahrung zu bringen, wo sich Mark augenblicklich herumtreibe, und traf sie beide gerade beim Frühstück an.
»Wissen Sie,« sagte Mark, während er ihn aufmerksam musterte – »Sie haben eigentlich alle Anlage zu einem anständigen Kerl, nur etwas mehr Mut könnten Sie brauchen!«
»Mehr Mut – vielleicht, um jemanden in die Beine zu schießen, oder zur Nachtzeit in Wirtshäuser einzubrechen?« versetzte Raiski.
»Unsinn, was brauchen Sie in Wirtshäuser zu gehen – Sie haben ja bei Ihrem Tantchen daheim das schönste Wirtshaus! Nein – aber danken will ich Ihnen doch, daß Sie diesen alten Schuft, den Tytschkow, aus dem Hause geworfen haben. Sie sollen das gemeinsam besorgt haben, mit der Tante zusammen: das war brav von Ihnen!«
»Woher wissen Sie denn darum?«
»Die ganze Stadt spricht davon. Ausgezeichnet! Ich wollte schon zu Ihnen kommen, um Ihnen persönlich meine Anerkennung auszusprechen, doch da hörte ich, daß Sie sich mit dem Gouverneur zusammengetan haben, daß er Sie besucht, und daß Sie mitsamt der Tante vor ihm ›schön‹ machen. Das ist nun gar nicht schön von Ihnen! Ich hatte schon gedacht, Sie hätten auch ihn nur kommen lassen, um ihn die Treppe hinunter zu werfen.«