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Kitabı oku: «Die Schlucht», sayfa 57

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In der Vorstadtkirche musterte Raiski alle Anwesenden und prägte sich, während er Wjera suchte, die Physiognomien aller alten Weiber ein, die in der Kirche waren. Wjera war nicht anwesend, und so ging er nach der kleinen Kirche auf dem Berge. Dort sah er gleichfalls zunächst nur ein paar alte Frauen und Männer. Dann aber erblickte er in einem dunklen Winkel hinter einer Säule Wjera – mit vorgeneigtem Kopfe, den Schleier vor dem Gesicht, kniete sie auf dem kalten Gestein des Fußbodens.

Er trat hinter eine zweite Säule in ihrem Rücken. Während sie betete, stand er da und sann über ihre Lage nach; ein Gefühl tiefen, zärtlichen Mitleids mit ihr erfüllte sein Herz, als er sie so nutzlos sich in dem schweren Kampfe aufreiben sah.

Er blickte auf dieses junge, kaum erblühte und doch schon so schwer heimgesuchte Leben; er sah, wie das Schicksal dieses jugendliche Geschöpf bedrängte und quälte, obschon es keine andere Schuld trug als die, daß es glücklich sein wollte. Und er grollte im stillen über die grausamen, niemand verschonenden Gesetze des Seins, die dieser schwachen, kaum zur Entfaltung gelangten Lilie dasselbe schwere Kreuz auferlegten wie irgendeinem hartgesottenen Bösewicht.

»Allein um ihrer Schönheit willen sollte sie verschont bleiben . . . Doch wer ist’s, der sie schonen soll? Und was hat sie überhaupt verschuldet?« dachte er, und unwillkürlich geriet er in den Bann der mystischen Vorstellung, daß es im Menschenleben gewisse vom Schicksal vorbereitete, geheimnisvolle Momente gebe, in denen ein unerwartetes Zusammentreffen von Umständen oder eine Begegnung dem Menschen eine unheilvolle Idee, ein krankhaftes Gefühl, einen verbrecherischen Wunsch einflößt, wovon ihm nur Pein und Marter erwächst – und alles dies um irgendeines ihm selbst unbewußten, unbekannten Zweckes willen, der ihn unerbittlich zu aufreibendem Kampfe zwingt.

In anderen Momenten wieder, so schien es ihm, treten Zufälle ein, die, von einer unbekannten Macht herbeigeführt, den Menschen vor seinem Verhängnis bewahren, so daß er den jähen Abgrund, den er unbewußt überschritt, erst gewahr wird, sobald er ihn in seinem Rücken hat.

Während er so das wirre Gewebe seines eignen Lebens, wie alles Lebens überhaupt, durchmusterte und den forschenden Blick auf Wjeras kaum begonnenes Dasein wandte, durchschaute er immer klarer dieses Spiel künstlich verflochtener Zufälligkeiten, diesen Irrlichtertanz schlimmer Täuschungen und Verblendungen, diese im vorhinein gelegten Fallstricke, diese Fehltritte, Irrungen, Entgleisungen – und diese anscheinend ebenso zufälligen Auflösungen der verwirrten Fäden und Knoten . . .

»Was soll man tun? Soll man um jeden Preis diesem Kampfe mit all seinen Fährlichkeiten zu entrinnen suchen und einem sicheren, sturmlosen, ruhigen Hafen zustreben, wie es auch diese schlichten Seelen hier tun?« Er ließ seinen Blick über die Köpfe der betenden Greise und Greisinnen hinschweifen. »Oder soll man ohne vieles Nachdenken in den trüben Fluten dieses ziellos dahinströmenden Lebens mitschwimmen? Wo ist der Schlüssel zum Verständnis all dieser Dinge, zur Erkenntnis eines wirklich vernunftgemäßen, gangbaren Weges?«

Er blickte auf Wjera: sie verharrte unbeweglich im Gebet und wandte die Augen nicht von dem Gekreuzigten ab.

»Die Ärmste!« dachte er betrübt, ging hinaus und setzte sich, Wjera erwartend, in der Vorhalle nieder.

Nach einem Weilchen kam sie heraus. Sie reichte ihm schweigend die Hand, und sie gingen den Berg hinunter. »Sie waren in der Kirche?« fragte sie.

»Ja, ich war dort,« antwortete er.

Sie schritten langsam bergab durch das Dorf und kamen über das ungepflügte Feld nach dem Garten. Wjera ging mit gesenktem Kopfe, während Raiski nur immer an die Aufklärungen dachte, die sie ihm hatte geben wollen, und diese erwartete. Der Wunsch, aus der quälenden Ungewißheit endlich herauszukommen und seinen eigenen Leiden ein Ende zu setzen, trat in diesem Augenblick bei ihm in den Hintergrund. Er dachte vielmehr an sie – er fühlte, daß ihm allein jetzt die Pflicht oblag, ihr zur Seite zu stehen, ihren Weg zu erhellen, ihr bei der Lösung irgendeines verhängnisvollen Knotens, beim Überschreiten eines jähen Abgrunds zu helfen, sie erforderlichenfalls mit seiner Erfahrung, seiner Vernunft, seinem Herzen, seiner ganzen Kraft zu unterstützen.

Sie hatte ihn selbst dazu aufgefordert, hatte halb und halb ein Bekenntnis vor ihm abgelegt, und wenn sie es nicht ganz tat, so geschah es nur, weil die ihr eigene Vorsicht sie davon zurückhielt, und weil vielleicht auch noch ein Rest von Stolz in ihr vorhanden war, der sie hinderte, sich für besiegt zu erklären.

Wie gern hätte er ihr seine Hilfe zuteil werden lassen! Aber er wußte ja nichts, und er hatte nicht einmal das Recht, seine Befürchtungen irgend jemandem mitzuteilen. Aber selbst wenn sie ihn von dem gegebenen Ehrenwort entband, wenn er der Großtante alle seine Vermutungen und Befürchtungen mitteilte – würde das wohl den gewünschten Erfolg haben? Es war nicht anzunehmen. Die veraltete Lebensweisheit der Großtante, so praktisch sie auch sein mochte, würde an Wjeras Trotz zuschanden werden, die einen kühneren Verstand, einen lebendigeren Willen, ein entwickelteres Denken besaß als Tatjana Markowna.

Sie hatte ein Verständnis für die modernen Begriffe, die mehr und mehr in das öffentliche Bewußtsein übergegangen waren; sie hatte offenbar irgendwo diese neuen Ideen, dieses neue Wissen in sich aufgenommen und stand unvergleichlich hoch über den Menschen, in deren Mitte sie lebte. So sehr sie auch bemüht war, ihre geistige Überlegenheit nicht merken zu lassen, so verriet sie sich doch zuweilen durch ein zufällig hingeworfenes Wort oder die Nennung des Namens irgendeiner Autorität auf dem einen oder andern Gebiete der Wissenschaft.

Ihre Zunge wurde gleichsam auf Schritt und Tritt zur Verräterin an ihr selbst; ihr freier Gedankenflug, der ihn gleich bei seiner ersten Begegnung mit ihr so überrascht hatte, ihr ganzer geistiger Zuschnitt, ihr Charakter – alles dies verlieh ihr ein solches Übergewicht über die Großtante, daß alle Bemühungen Tatjana Markownas, ihr aus irgendwelchen Nöten zu helfen, sicherlich vergeblich gewesen wären.

Die Großtante konnte wohl Wjera vor irgendeiner groben Verirrung warnen, konnte sie vor einer Krankheit, einem plumpen Betruge bewahren, sie mit eigener Lebensgefahr aus dem Feuer retten: was aber konnte sie tun, um Wjera vor einer Leidenschaft zu retten, falls sie wirklich in eine solche verstrickt war?

Zweifellos war die Großtante eine kluge Frau, die mit sicherem Blick und richtigem Urteil die Erscheinungen des Lebens, wie sie sich in großen Zügen ihrem Auge darboten, zu deuten wußte. Sie hatte auch einen recht anschlägigen Kopf, der sich in dem kleinen Königreich, das sie regierte, wohl bewährte: sie war eine berufene Richterin menschlicher Tugenden und Laster, die sie streng nach den Gesetztafeln Mosis und nach dem Evangelium beurteilte.

Ganz gewiß aber war sie keine Kennerin des Lebens, soweit das Spiel menschlicher Leidenschaften es bestimmt und zu einem buntfarbigen, aus feinsten Fäden gewebten Gebilde gestaltet. Kein Mensch ließ sich hier in dieser stillen, ländlichen Einsamkeit von dieser Seite des Lebens auch nur etwas träumen, am wenigsten Tatjana Markowna, die – alte Jungfer.

Wenn sie einmal in ihren jungen Jahren die Liebe, die Leidenschaft oder etwas Ähnliches kennen gelernt hatte, so war das doch höchstens eine Leidenschaft ohne Erfahrung, eine unerwiderte oder gewaltsam unterdrückte Neigung gewesen – kein Liebesdrama, sondern ein lyrisches Gefühl, das in ihr allein sich abspielte, in ihr erlosch, in ihrer Seele begraben ward, ohne eine Spur zu hinterlassen oder in das helle Bild ihres Lebens auch nur einen einzigen, noch so kleinen Riß zu bringen.

Wie sollte sie etwas ahnen von den Schrecknissen dieses Kampfes? Wie konnte sie einer, die zu versinken drohte, die Hand reichen und beim Umgehen des Abgrunds behilflich sein? Sie hätte auch gar nicht an das Vorhandensein einer Leidenschaft geglaubt, sie hätte einfach nach Tatsachen gefragt.

Diese Schüsse in der Tiefe der Schlucht, diese geheimnisvollen Spaziergänge Wjeras dort unten im Dickicht – gewiß, das waren wohl Tatsachen, aber gegen diese Tatsachen hätte die Großtante eben ihre Maßnahmen getroffen, sie hätte ihre Hauspolizisten mit Knütteln bewaffnet und als Wachen aufgestellt, hätte dem Liebhaber aufgelauert und Wjera damit nur einen neuen Schlag versetzt.

Oder sie hätte Wjera nicht aus dem Hause gelassen – und auch das wäre eine Demütigung, eine Kränkung gewesen, da sie damit ihre Freiheit verletzt hätte. Nie würde Wjera eine so grobe Vergewaltigung ertragen, sie würde einfach vor der Großtante fliehen, wie sie vor ihm über die Wolga geflohen war. Es gab kein Mittel, mit dem die Großtante hier hätte helfend eingreifen können. Wjera war ihrer Moral und ihrem Erfahrungskreise entwachsen, alle Belehrungen und Ermahnungen Tatjana Markownas hätten sie nur verletzen können oder, wie jene traurige Historie von der armen Kunigunde, ihren Spott herausgefordert. Der letzte Rest von Vertrauen zur Großtante wäre dadurch vielleicht bei Wjera zerstört worden.

Nein, diese Autorität war veraltet; sie konnte wohl noch einer Marsinka Respekt einflößen, nicht aber der unabhängigen, geistig entwickelten, modern denkenden Wjera.

Das einzige Mittel, den Schlüssel zu dem Geheimnis ihres Herzeleids zu finden, hielt Wjera selbst in der Hand; doch sie vertraute ihn niemandem an, sie warf nur jetzt, da ihre Kraft sie im Stiche ließ, gelegentlich ein Wort, eine Anspielung hin, um erschrocken alles wieder zurückzunehmen und sich von neuem zu verstecken. Offenbar fühlte sie sich nicht stark genug, den gordischen Knoten zu durchhauen, und ihr Stolz, oder ihre Gewohnheit, nach eignem Gutdünken zu leben, wenn sie auch dabei zugrunde ging, verschloß ihr das Wort im Munde.

Alles das ging Raiski durch den Kopf, während er schweigend neben Wjera herschritt. Um jeden Preis hätte er sie zum Sprechen bringen mögen, nicht mehr um seiner selbst willen, sondern nur noch um ihretwillen, um sie zu retten. Aber er wußte nicht, wie er es anfangen sollte, ihr endlich die Zunge zu lösen. Schließlich wollte er es noch einmal versuchen, ihr von der Seite her beizukommen: vielleicht würde er in der Unterhaltung aus ihren Antworten auf seine Fragen einen Anhalt gewinnen, vielleicht würde irgendein Name fallen, bei dem er dann verweilen könnte, um ihr so das Geständnis zu erleichtern, das ihr anscheinend so ungemein schwer fiel, daß sie es trotz ihres Versprechens nicht über die Lippen zu bringen vermochte. Mit List und Schlauheit wollte er sich ihr nahen: sie war jetzt müde und erschöpft – vielleicht plauderte sie in einem schwachen Augenblick aus, was er wissen wollte.

Es fiel ihm ein, daß sie seinen Fragen bisher stets ausgewichen war, wenn er wissen wollte, woher sie ihre Kenntnisse und ihr überraschend klares Urteil über so viele Dinge besaß, die einem jungen Mädchen in ihrer Lage sonst fremd blieben. Woher stammte ihre kühne, freie Denkweise, ihr Selbstvertrauen und ihre Selbstbeherrschung? Das waren doch sicherlich nicht Resultate der Erziehung, die sie in der französischen Pension genossen hatte! Wer war ihr Mentor, ihr geistiger Führer gewesen? So sorgsam er auch Umschau hielt – er sah niemanden, der es hätte sein können.

Ganz allmählich dachte er ihr das Geständnis zu entlocken.

»Hör’ einmal, Wjera, ich wollte dich etwas fragen,« begann er in gleichgültigem Tone. »Leontij erwähnte heute, du hättest die Bücher in meiner Bibliothek gelesen, und du hast doch nie von ihnen gesprochen! Ist’s richtig, was er sagte?«

»Ja, einige davon habe ich gelesen. Warum?«

»Mit wem hast du sie gelesen, mit Koslow?«

»Einzelne – ja. Er hat mir den Inhalt einiger Werke erklärt. Andere habe ich allein gelesen, noch andere mit dem Priester, dem Manne Nataschas . . .«

»Welche Bücher hast du mit dem Priester gelesen?«

»Ich erinnere mich jetzt nicht mehr . . . Die Kirchenväter zum Beispiel. Er hat sie mir und Natascha erläutert, und ich bin ihm dafür sehr verpflichtet . . . Auch Spinoza habe ich mit ihm gelesen . . . und Voltaire . . .«

Raiski lachte unwillkürlich.

»Worüber lachen Sie?« fragte sie.

»Welch ein Übergang – von den Kirchenvätern zu Spinoza und Voltaire! Die Bibliothek enthält ja auch sämtliche Enzyklopädisten, hast du die auch gelesen?«

»Nein, das wäre doch zu viel verlangt! Nikolaj Iwanowitsch hat einiges davon gelesen und mir und Natascha den Inhalt mitgeteilt . . .«

»Wie kommt es, daß ihr nicht bis zu Feuerbach gelangt seid, und zu seinen Geistesverwandten . . . den Sozialisten und Materialisten? . . .«

»Auch zu denen sind wir gelangt,« sagte sie mit schwachem Lächeln – »das heißt nicht ich, und auch nicht Natascha, sondern eben nur ihr Mann. Er bat uns, einzelne Stellen auszuschreiben, die er mit dem Bleistift bezeichnet hatte . . .«

»Weshalb?«

»Er wollte sie wohl für irgendeinen Journalaufsatz oder sonstwie verwenden, ich weiß das nicht mehr . . .«

»In der Bibliothek meines Vaters sind diese neuen Bücher nicht vorhanden. Woher hattet ihr sie?« fragte Raiski lebhaft und spitzte dabei die Ohren.

Sie schwieg.

»Vielleicht von jenem unter Polizeiaufsicht stehenden Verbannten, dem du damals geholfen hast? Erinnerst du dich nicht? Du schriebst mir von ihm . . .«

Sie hörte nicht auf ihn, sondern ging nachdenklich schweigend weiter.

»Du hörst nicht zu, Wjera?«

»Wie? Doch, ich höre . . .« sagte sie, aus ihrem Hinbrüten erwachend. »Wo ich die Bücher herbekam? Nun, so von dem einen und andern hier in der Stadt . . .«

»Wolochow hat diese Bücher hier verteilt . . .« bemerkte er.

»Kann sein . . . Ich habe sie von den Lehrern bekommen . . .«

»Ist vielleicht einer von den Lehrern, irgendein Mr. Charles, im Spiel?« ging’s ihm durch den Kopf.

»Was hält denn Nikolaj Iwanowitsch von Spinoza und allen diesen Autoren?«

»Sehr viel; ich habe mir nur wenig davon gemerkt . . .«

»Was sagte er von ihnen?« fuhr Raiski eindringlich fort.

»Er bezeichnete ihre Schriften als Versuche stolzer Geister, der Wahrheit aus dem Wege zu gehen, sich neben der Wahrheit her eigene Seitenwege zu suchen – er meinte aber, daß sie doch wieder alle zum Hauptwege zurückführen . . .«

»Was sagte er sonst noch?«

»Was er sonst noch sagte? Ich weiß das nicht mehr so genau. Er meinte unter anderm, daß alle diese Versuche nur der Sache der Wahrheit dienen, daß sie gleichsam im Feuer läutern. Es sei dies ein unvermeidlicher Kampf, ohne den der Sieg und die Herrschaft der Wahrheit nicht von Bestand sein würden . . . Er hat so viel und so vielerlei in diesem Sinne geredet! . . .«

»Und die Frage des Pilatus, was Wahrheit sei – hat er die nicht beantwortet?«

»Ja – er sah sie dort« – sagte sie, nach der Kirche zurückweisend – »wo wir soeben waren . . . Aber das wußte ich auch ohne ihn . . .«

»Und du meinst, daß er recht hatte? . . .« fragte er, in dem Bestreben, wenigstens einen flüchtigen Blick in ihre Seele zu werfen.

»Ich meine es nicht nur, sondern ich glaube fest, daß er recht hat. Und Sie?« fragte sie lebhaft, während sie sich nach ihm umwandte.

Er nickte bejahend mit dem Kopfe.

»Warum fragen Sie mich nach diesen Dingen?«

»Es gibt doch Leute, die das alles nicht glauben; ich wollte wissen, auf welchem Standpunkte du stehst . . .«

»Ich meine doch, ich habe Sie nie darüber im Zweifel gelassen. Sie haben mich oft im Gebet gesehen . . .«

»Ja, doch hätte ich dich gern laut beten hören. Sag’ einmal – um was bittest du eigentlich, Wjera . . . für wen? . . .«

»Für die Ungläubigen . . .«

»So . . . und ich dachte, du betest, daß dein Kummer, deine Unruhe von dir weichen möge . . .«

»Mein Kummer beruht eben darin . . .« flüsterte sie so leise, daß er ihre Worte nicht hörte.

Als sie an der Kapelle vorüberkamen, blieb sie einen Augenblick davor stehen. Es war dunkel in dem kleinen Raume. Mit einem heimlichen Seufzer ging sie weiter, nach dem Garten zu, und immer langsamer ging sie. Als sie an das alte Haus gelangt war, machte sie Halt und bat Raiski durch ein Kopfnicken, näherzukommen.

»Hören Sie, was ich Ihnen sage . . .« begann sie leise und unentschlossen, als müßte sie sich Zwang antun.

»Sprich, Wjera . . .«

»Sie sagten . . .« fuhr sie noch leiser fort— »das sicherste Mittel gegen diese . . . Unruhe . . . sei, nicht dahin zu gehen . . .« Sie zeigte nach der Schlucht hin.

»Allerdings – ich weiß kein besseres Mittel . . .«

»Ich wollte Sie nun bitten . . .«

Sie war stehengeblieben und hielt ihn am Saume des Paletots fest.

»Sprich nur, Wjera,« flüsterte auch er, in leichter Ungeduld zitternd, wie in schlimmer Vorahnung. »Gestern noch dachte ich nur an mich, an meinen eigenen Schmerz und Kummer; heute aber gehört dir allein mein ganzes Denken und Sinnen – ob ich dir nicht eine Last abnehmen, dir beim Lösen eines Knotens behilflich sein, dich vielleicht retten kann . . .«

»Ja, helfen Sie mir . . .« sagte sie, während sie mit ihrem Taschentuche die Tränen fortwischte, die ihr in die Augen getreten waren. »Ich bin so schwach . . . so krank . . . meine Kraft reicht nicht zu . . .«

»Würde Tantchen nicht doch noch besseren Rat wissen als ich? Sei offen gegen sie, Wjera; sie ist eine Frau, sie wird deinen Kummer vielleicht besser verstehen . . .«

Wjera preßte das Taschentuch noch fester an ihre Augen und schüttelte abwehrend den Kopf.

»Nein, sie versteht das nicht . . . sie hat nichts der Art kennen gelernt . . .«

»Was kann ich also für dich tun? . . . Sag’ mir alles . . .«

»Fragen Sie mich nicht, Bruder, ich kann Ihnen nicht alles mitteilen. Ich würde es von Herzen gern sagen, Tantchen sowohl wie Ihnen . . . und ich werde es auch einmal tun . . . wenn alles vorüber ist . . . jetzt aber vermag ich’s nicht . . . »

»Wie kann ich dir aber helfen, wenn ich weder von deinem Kummer noch von der drohenden Gefahr etwas Näheres weiß? Entdecke dich mir, dann wird die nüchterne Analyse eines fremden Verstandes deine Zweifel zerstreuen, vielleicht auch die Schwierigkeiten beseitigen und dich auf glatte, ruhige Bahn zurückführen . . . Es genügt zuweilen, daß man seine Lage klar und nüchtern überschaue – das allein schon schafft Erleichterung. Und wenn du selbst dich nicht stark genug dazu fühlst, dann laß mich die Sachlage prüfen! Du weißt, daß zwei Köpfe oft klüger sind als einer . . .«

»Hier bedarf es keiner Köpfe, keiner Analyse . . .« sagte sie fast verzweifelnd – »es ist auch nicht nötig, mich auf ruhige Bahnen zu lenken . . . alle Worte sind überflüssig. . .«

»Wie vermag ich dir also zu helfen?«

Sie sah ihn aus nächster Nähe mit tränenerfüllten Augen an.

»Verlassen Sie mich nicht, verwenden Sie kein Auge von mir,« flüsterte sie. »Und wenn dort unten« – sie zeigte nach der Schlucht – »wieder der Schuß fällt. . . . dann seien Sie an meiner Seite . . . Lassen Sie mich nicht hin, sperren Sie mich ein: mit Gewalt, wenn es sein muß . . . So weit ist es mit mir gekommen!« flüsterte sie, wie über sich selbst entsetzt, warf verzweifelnd den Kopf zurück, als wollte sie einen Seufzer unterdrücken, und richtete sich dann plötzlich wieder auf. »Und vor allem . . .« sprach sie leise weiter – »sprechen Sie nie mit einem Menschen darüber, auch mit mir selbst nicht! Das ist alles, was Sie für mich tun können – darum habe ich Sie zurückgehalten! Ich bin eine abscheuliche Egoistin, ich habe Sie in Ihren Plänen gestört . . . Aber ich fühlte, daß ich schwach wurde . . . ich hatte sonst keinen Menschen, Tantchen hätte mich nicht verstanden. . . . Sie allein .: . verzeihen Sie mir!«

»Du hast wohl daran getan,« sagte er voll Eifer. »Verfüge ganz über mich – ich habe jetzt alles begriffen und bin bereit, für immer hierzubleiben, nur um dich zu beruhigen, wenn dir das wirklich deine Ruhe wiedergibt . . .«

»In acht Tagen werden die Schüsse für immer aufhören,« sagte sie, ihre Tränen mit dem Tuche trocknend.

Sie nahm seine beiden Hände und drückte sie; dann ging sie, ohne sich umzusehen, nach ihrem Zimmer – leise, mit ungleichmäßigen Schritten, stieg sie, sich am Geländer festhaltend, die Treppe hinauf.

Zehntes Kapitel

Zwei Tage vergingen. Des Morgens sah Raiski Wjera fast gar nicht unter vier Augen. Sie erschien zum Mittagessen, trank abends zusammen mit den andern den Tee, sprach über allerhand gleichgültige Dinge und schien nur zuweilen ein wenig ermüdet.

Raiski hatte wieder seinen Roman vorgenommen und allerhand Eintragungen gemacht, dann hatte er Koslow besucht und war auf einen Augenblick beim Gouverneur und noch zwei oder drei Leuten in der Stadt gewesen, deren nähere Bekanntschaft er gemacht hatte. Den Abend verbrachte er im Garten, wo er bemüht war, Wjera ihrer Bitte gemäß nicht einen Augenblick aus den Augen zu lassen, und auf jeden Laut in der Schlucht unten lauschte.

Er saß auf der Bank am Rande der Schlucht, oder ging in den Alleen spazieren, und erst gegen Mitternacht hörte sein anstrengendes Amt, diese stetige Erwartung, im nächsten Augenblick den Schuß zu hören, auf. Er wünschte nun förmlich, ihn zu hören, damit ihm Gelegenheit geboten würde, Wjera energische Hilfe zu leisten und sie für immer aus ihrer Not zu erretten.

Doch die beiden Tage waren, wie gesagt, ganz still vergangen; bis zum Ablauf der Frist, die sie selbst genannt hatte, waren noch fünf Tage hin. Raiski nahm an, daß Wjera an Marsinkas Geburtstage, der in zwei Tagen stattfinden sollte, sich schwerlich von den Ihrigen trennen würde – und wenn dann am Tage darauf Marsinka mit Wikentjew und dessen Mutter, wie es geplant war, sich nach Koltschino begab, würde es Wjera kaum über sich gewinnen, die Großtante allein zu lassen. So würde nach seiner Annahme die Woche dahingehen und mit ihr auch die finstere Wolke verschwinden.

Beim Mittagessen bat Wjera ihn, doch am Abend zu ihr zu kommen – sie wollte ihm, sagte sie, einen Auftrag geben. Als er zu ihr hinaufkam, war sie eben im Begriff, einen Spaziergang zu machen. Sie schien geweint zu haben, ihre Nerven waren offenbar stark angegriffen, ihre Bewegungen hatten etwas Welkes, ihr Gang etwas Schleppendes. Er reichte ihr den Arm, und da sie vom Garten aus den Weg nach dem Felde einschlug, glaubte er, sie wolle zur Kapelle, und er führte sie über die Wiese und die Felder dorthin.

Sie folgte ihm schweigend, in tiefer Nachdenklichkeit, aus der sie erst vor der Kapelle erwachte. Sie trat ein und schaute auf das nachdenkliche Gesicht des Heilands.

»Ich glaube, Wjera – du hast einen Helfer, der stärker ist als ich,« sagte Raiski, am Eingange der Kapelle stehenbleibend. »Du bedarfst meines Beistandes nicht. . . . du wirst auch ohne mich nicht dorthin gehen. . . .«

Sie nickte beipflichtend mit dem Kopfe und schien selbst in dem Blicke des Gekreuzigten Kraft und Ermutigung, Stütze und Hilfe zu suchen. Aber dieser Blick blieb nachdenklich und ruhig wie immer, als sähe er teilnahmlos auf ihren Kampf, ohne ihr zu helfen oder sie zurückzuhalten. . .

Ein Seufzer entstieg ihrer Brust.

»Ich gehe nicht!« sagte sie leise, doch bestimmt, während sie die Augen von dem Bilde abwandte. Weder ein Gebet noch ein Begehren vermochte Raiski von ihrem Gesichte abzulesen. Ein Ausdruck tiefer Müdigkeit und Gleichgültigkeit, vielleicht auch stiller Demut lag auf ihrem Gesichte.

»Wir wollen nach Hause gehen, du bist so leicht angezogen,« sagte Raiski.

Sie stimmte ihm bei.

»Was für ein Auftrag war es denn, den du mir geben wolltest?« fragte er.

»Ach ja,« fiel ihr ein, und sie holte ihr Portemonnaie hervor.

»Holen Sie mir doch, bitte, beim Juwelier Schmidt den Schmuck, den ich vorige Woche als Geburtstagsgeschenk für Marsinka ausgesucht habe. Er sollte noch einige Perlen einsetzen, die ich ihm aus meinem Schmuckkasten gab, und ihren Namen eingravieren. Hier ist das Geld.«

Er nahm das Geld, das sie ihm reichte.

»Das ist aber noch nicht alles. Am Geburtstage selbst, also übermorgen, ganz zeitig früh . . . ist’s Ihnen aber nicht zu früh, um acht Uhr aufzustehen?«

»Durchaus nicht – wenn du es wünschst, bleibe ich die ganze Nacht auf, gehe überhaupt nicht schlafen . . .«

»Gut also – dann gehen Sie doch dahin, nach der großen Gärtnerei, die Ihnen ja bekannt ist. Ich habe mit dem Gärtner schon gesprochen, suchen Sie mir im Gewächshause die schönsten Blumen, die er nur hat, zu einem Strauß zusammen und schicken Sie mir ihn auf mein Zimmer, bevor Marsinka noch aufsteht . . . Ich verlasse mich auf Ihren Geschmack . . .«

»Sieh doch! Ich mache also Fortschritte in deinem Vertrauen Wjera!« sagte Raiski lachend. »Jetzt verläßt du dich schon auf meinen Geschmack und auf mein Ehrenwort, und sogar Geld hast du mir anvertraut . . .«

»Ich würde das alles selbst tun, aber ich kann nicht . . . ich fühle mich so schwach, so müde! . . .« fügte sie hinzu, während sie über seinen Scherz zu lächeln versuchte.

Er holte am nächsten Morgen den bestellten Schmuck von Schmidt ab und überlegte, was für Blumen zu dem Strauße für Marsinka verwandt werden sollten. Es war nicht leicht, die Auswahl zu treffen, denn die Jahreszeit war bereits stark vorgerückt, und die meisten Blumen waren verblüht.

Dann suchte er eine Damenuhr mit Emaildeckel nebst goldener Kette aus, die er selbst Marsinka schenken wollte. Er mußte zu diesem Zweck bei Tit Nikonytsch vorsprechen und sich auf einen Tag zweihundert Rubel leihen, um dem Kampfe aus dem Wege zu gehen, den es gekostet hätte, wenn er das Geld von der Großtante verlangt haben würde: sie hätte ihn nicht nur einen Verschwender gescholten, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach auch sein Geheimnis vorher verraten.

Bei Tit Nikonytsch sah er eine prächtige Damentoilette in rosa Tüll und Spitzen, mit einem Spiegel, der von einer Porzellangirlande aus Amoretten und Blumen umrankt war, ein Kunstwerk von seinem Geschmack aus der Manufaktur von Sevres.

»Was ist das? Woher haben Sie dieses kostbare Stück?« sagte er, während er mit bewunderndem Künstlerauge die Gruppen der Amoretten, die Blumen und Farben betrachtete. »Das ist ja herrlich!«

»Es ist für Marfa Wassiljewna,« sagte Tit Nikonytsch mit einem liebenswürdigen Lächeln. »Ich freue mich sehr, daß es Ihnen gefällt – Sie sind ein Kenner. Ihr Geschmack bürgt mir dafür, daß das Geschenk in den Augen des lieben Geburtstagskindes Gnade finden wird. Was für ein treffliches Mädchen, und wie reizend! Diese Rosen hier kann man wirklich als ihr Ebenbild bezeichnen. Sie wird in diesem Spiegel ihr bezauberndes Gesichtchen sehen, und die kleinen Liebesgötter werden ihr zulächeln . . .«

»Woher haben Sie denn diese Rarität?«

»Ich bitte Sie, jedenfalls vor morgen weder mit Tatjana Markowna noch mit Marfa Wassiljewna davon zu reden,« sagte Tit Nikonytsch, ohne auf Raiskis Frage zu achten.

»Das kostet doch wenigstens tausend Rubel! Aber wo haben Sie es herbekommen?«

»Fünftausend Rubel in Assignaten hat mein seliger Großpapa dafür bezahlt, es gehörte zur Mitgift meiner Mutter. Es wurde bis jetzt auf meinem Erbgute bewahrt, im Schlafzimmer der Verstorbenen. Ich habe es im vorigen Monat ganz heimlich hierher transportieren lassen; anderthalb hundert Werst weit wurde es von sechs Leuten, die sich gegenseitig ablösten, auf den Armen getragen, damit es nicht beschädigt wurde. Ich habe nur den Tüll erneuern lassen, die Spitzen sind gleichfalls alt – ganz vergilbt, sehen Sie doch! Die Damen schätzen das sehr, während unsereins nicht so viel Wert darauf legt,« fügte er lächelnd hinzu.

»Und was wird die Großtante sagen?« bemerkte Raiski.

»Ohne Sturm wird es natürlich nicht abgehen, ich habe schon Angst, doch ich hoffe, in ihrer Herzensgüte wird sie mir verzeihen. Ich erlaube mir, Ihnen zu bemerken, daß ich die beiden jungen Damen so herzlich liebe, als wenn sie meine eigenen Töchter wären,« fügte er gerührt hinzu – »ich habe sie beide auf den Knien geschaukelt, habe sie mit Tatjana Markowna zusammen lesen und schreiben gelehrt; ich war hier wie in der Familie. Verraten Sie mich ja nicht,« flüsterte er – »im Vertrauen will ich Ihnen noch sagen, daß ich auch für Wjera Wassiljewna, sobald sie sich verheiratet, ein gleichwertiges Geschenk bereithalte, das sie hoffentlich nicht verschmähen wird . . .«

Er zeigte Raiski ein massiv silbernes Tischservise für zwölf Personen, von alter, künstlerisch geschmackvoller Ausführung.

»Ihnen, als ihrem Bruder und Freunde, brauche ich es nicht zu verheimlichen,« flüsterte er, »daß ich, ebenso wie Tatjana Markowna, Wjera von Herzen gern eine gute und reiche Partie wünsche, wie sie sie durchaus verdient: wir haben bemerkt,« fügte er noch leiser hinzu, »daß ein in jeder Beziehung würdiger Kavalier, Iwan Iwanytsch Tuschin, ganz bezaubert ist von ihr, wie das auch nicht anders erwartet werden kann . .  .«

Raiski seufzte und kehrte nach Hause zurück. Er fand dort Wikentjew mit seiner Mutter, die von ihrem Gute zu Marsinkas Ehrentage herübergekommen war, ferner Paulina Karpowna, noch zwei oder drei Gäste aus der Stadt und – Openkin.

Der letztere ergoß bereits die Wogen seiner seminaristischen Beredsamkeit über die Gesellschaft, verfiel dabei häufig in einen weinerlichen Ton und brachte immer von neuem Marsinka seine Glückwünsche zur bevorstehenden Hochzeit dar.

Die Großtante konnte sich nicht entschließen, ihn mit den anständigen Gästen zusammen zum Mittagessen zu behalten, und beauftragte Wikentjew, ihm schon beim Frühstück das nötige Quantum von Flüssigkeiten einzupumpen, ein Auftrag, dessen Wikentjew sich so gewissenhaft entledigte, daß Openkin bereits gegen drei Uhr total fertig war und in dem leeren Saale des alten Hauses in festem Schlafe lag.

Die Gäste trennten sich gegen sieben Uhr abends. Die Großtante verkroch sich mit der Mutter des Bräutigams ganz und gar hinter die Ausstattung der Braut, und beide saßen dann stundenlang im Kabinett Tatjana Markownas und führten endlose Reden.

Das junge Brautpaar hatte inzwischen wohl fünfmal den Park und Hain durchquert und war dann ins Dorf gegangen. Wikentjew trug ein ganzes Bündel von Sachen, das ihm Marsinka aufgeladen hatte, und mit dem er, während sie über das Feld hinschritten, Fangball spielte.

Marsinka besuchte jede Hütte, begrüßte die Bäuerinnen, war zärtlich zu den Kindern, wusch dem einen und andern die Ohren sauber, schenkte einigen der Mütter Stoff zu Hemdchen für die Kinder oder Kleiderstoff für die älteren Mädchen, verteilte auch zwei Paar Schuhe und gab den Beschenkten dabei den Rat, ja nicht barfuß in den Pfützen herumzuwaten.

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Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
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