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Kitabı oku: «Oblomow», sayfa 29
VI
Er bemerkte nicht, daß Sachar ihm ein ganz kaltes Mittagessen vorsetzte, wußte nicht, wie er dann ins Bett kam und in einen todtenähnlichen Schlaf versank. Am nächsten Tag erbebte er beim Gedanken daran, daß er zu Oljga fahren sollte, indem er sich lebhaft vorstellte, wie vielsagend alle ihn anblicken werden. Der Portier empfieng ihn auch ohnehin eigenthümlich freundlich; Sjemjon stürzte ganz kopflos hinaus, wenn er ein Glas Wasser verlangte; Katja und die Kindsfrau begleiteten ihn mit einem freundschaftlichen Lächeln hinaus. »Der Bräutigam, der Bräutigam!« steht bei ihnen allen auf der Stirne, und er hatte die Einwilligung der Tante noch nicht eingeholt, besaß keine Kopeke Geld und wußte nicht, wann er eins bekommen würde, er wußte nicht einmal, wie viel ihm das Gut in diesem Jahre tragen würde; er hatte kein Haus in seiner Besitzung – ein schöner Bräutigam! Er beschloß, daß er bis zum Eintreffen von genauen Berichten vom Gut Oljga nur am Sonntag in Anwesenheit anderer sehen würde. Als dann der Tag kam, dachte er gar nicht daran, sich des Morgens zum Besuche bei Oljga vorzubereiten. Er rasierte sich nicht, kleidete sich nicht an, blätterte träge in den französischen Zeitungen herum, die er vorige Woche bei Iljinskys genommen hatte, schaute nicht unaufhörlich auf die Uhr und furchte nicht die Stirne, wenn der Zeiger sich lange nicht vorwärts bewegte. Sachar und Anissja glaubten, er würde wie gewöhnlich außer Hause speisen und fragten nicht, was gekocht werden sollte. Er schimpfte auf sie und erklärte, daß er durchaus nicht jeden Mittwoch bei Iljinskys esse, daß es eine »Verleumdung« sei, er hatte bei Iwan Gerassimitsch gespeist und er würde in Zukunft nur mit Ausnahme von Sonntag, und auch das nicht immer, zu Hause zu Mittag essen. Anissja rannte auf den Markt hin, um für Oblomows Lieblingssuppe Gekröse zu holen. Dann kamen die Kinder der Hausfrau zu ihm; er sah Wanjas Rechenheft durch und fand zwei Fehler. Er linierte Maschas Heft und schrieb ihr das große A vor, dann hörte er dem Singen der Kanarienvögel zu und sah durch die halboffene Thür zu, wie sich die Ellbogen der Hausfrau bewegten und vorüberhuschten.
Gegen zwei Uhr fragte die Hausfrau durch die Thür, ob er nicht etwas essen wolle: sie hätte Käsekuchen gebacken. Man brachte ihm Käsekuchen und ein Gläschen Johannisbeerschnaps. Ilja Iljitschs Erregung beschwichtigte sich ein wenig, und er verfiel in stumpfes Sinnen, in dem er fast bis zum Essen verblieb. Nach dem Essen, als er vom Schlafe überwältigt auf dem Sofa liegend einzunicken begann, öffnete sich die Thür, die in die Zimmer der Hausfrau führte, und vor ihm erschien Agafja Matwejewna mit zwei Pyramiden von Strümpfen in beiden Händen. Sie legte sie auf zwei Stühle hin, während Oblomow aufsprang und ihr einen dritten anbot, doch sie setzte sich nicht; war es nicht gewohnt; sie war beständig auf den Füßen, von Sorgen erfüllt und befand sich in steter Bewegung.
– Ich habe heute Ihre Strümpfe durchgesehen, – sagte sie. – Es sind fünfundfünfzig Paare, sie sind aber fast alle zerrissen. . .
– Wie gut Sie sind! – sagte Oblomow, an sie herantretend und sie scherzhaft bei den Ellbogen fassend.
Sie lächelte.
– Warum bemühen Sie sich? Ich muß mich wirklich schämen!
– Das macht nichts; das ist meine Beschäftigung. Sie haben niemand, der es für Sie thut, und mir macht es Vergnügen, – fuhr sie fort. – Da sind zwanzig Paar, die nichts mehr wert sind; es ist nicht der Mühe wert, sie zu stopfen.
– Das ist nicht nöthig. Lassen Sie das, bitte, ganz sein! Warum geben Sie sich damit ab! Ich kann mir ja neue kaufen. . .
– Es wäre schade, sie fortzuwerfen! Diese alle kann man anstricken.
Sie begann die Strümpfe rasch zu zählen.
– Aber ich bitte Sie, setzen Sie sich doch! Warum stehen Sie? – sagte er ihr.
– Nein, ich danke bestens; ich habe keine Zeit zum Sitzen! – antwortete sie, seine Einladung wieder ablehnend. – Heute wird bei uns gewaschen; ich muß die Wäsche vorbereiten.
– Sie sind eine großartige Hausfrau! – sagte er, den Blick auf ihren Hals und auf ihre Brust richtend.
Sie lächelte.
– Soll ich die Strümpfe also anstricken? – fragte sie. – Dann werde ich Baumwolle und Zwirn kaufen. Uns bringt das eine Alte aus dem Dorf, hier lohnt es sich nicht einzukaufen. Man bekommt lauter abgelegene Ware.
– Wenn Sie so gut sind, erweisen Sie mir diesen Dienst. . . aber ich schäme mich wirklich, Ihnen so viel Unruhe zu verursachen.
– Das macht nichts; was sollten wir sonst thun? Diese da werde ich selbst anstricken, jene gebe ich der Großmutter; morgen kommt meine Schwägerin auf Besuch. Wir werden abends frei sein und werden die Strümpfe anstricken. Mascha fängt auch schon zu stricken an, sie zieht aber immer die Nadeln heraus; sie sind für ihre Hände zu groß.
– Ist es möglich, daß auch Mascha das lernt?
– Bei Gott, das ist wahr.
– Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll, – sagte Oblomow, sie mit demselben Vergnügen betrachtend, mit dem er heute früh den heißen Käsekuchen angeschaut hatte. – Ich bin Ihnen sehr, sehr dankbar und werde nicht versäumen, meine Schuld zurückzuzahlen; ich werde Mascha seidene Kleider kaufen und sie wie eine Puppe anziehen.
– Aber lassen Sie das! Was für eine Dankbarkeit? Wozu braucht sie seidene Kleider? Man kann ihr nicht genug Kattunkleider kaufen. Es ist, als verbrenne alles auf ihr, besonders die Schuhe, wir können ihr nicht oft genug welche kaufen. Sie erhob sich und nahm die Strümpfe.
– Wohin eilen Sie denn? – fragte er. – Bleiben Sie da; ich bin jetzt frei.
– Vielleicht ein anderesmal, an einem Feiertag; beehren auch Sie uns, trinken Sie mit uns Kaffee. Und jetzt wird bei uns gewaschen; ich werde schauen, was Akulina macht, ob sie schon angefangen hat. . .
– Nun, gehen Sie mit Gott, ich wage nicht, Sie zurückzuhalten, – sagte Oblomow, mit den Augen ihrem Rücken und ihren Ellbogen folgend.
– Dann habe ich noch Ihren Schlafrock aus der Kammer hervorgeholt, – sprach sie weiter. – Man kann ihn ausbessern und waschen; der Stoff ist so gut! Er wird noch lange dienen.
– Das war unnöthig! Ich trage ihn nicht mehr, ich habe mir das abgewöhnt und brauche ihn nicht mehr.
– Das schadet ja nicht; man kann ihn auswaschen. Vielleicht ziehen Sie ihn doch einmal an. . . zur Hochzeit! – schloß sie lächelnd und schlug die Thür zu.
Ihm vergieng sogar der Schlaf; er spitzte die Ohren und riß die Augen auf.
»Auch sie weiß es, alle!« sagte er, sich auf ihren Sessel sinken lassend. »O Sachar, Sachar!«
Wieder ergoß sich ein Schwall von traurigen Worten über Sachar, wieder sprach Anissja mit der Nase, daß sie »zum erstenmale von der Hausfrau von der Hochzeit gehört hätte, sie hätte das in den Gesprächen mit jener gar nicht erwähnt, es würde ja gar keine Hochzeit stattfinden, das wäre ja ganz unmöglich! Das hatte wohl der Feind des menschlichen Geschlechtes ausgedacht, sie wollte gleich in die Erde sinken und auch die Hausfrau sei bereit, vor dem Heiligenbild zu schwören, daß sie vom Iljinskyschen Fräulein nichts gehört hatte, sondern irgendeine andere Braut meinte. . .« Anissja sprach noch viel, sodaß Ilja Iljitsch sie fortschickte. Sachar machte am folgenden Tag den Versuch Oblomow um Erlaubnis zu bitten, in das Haus auf der Gorochowaja, in dem sie früher gewohnt hatten, einen Besuch zu machen. Oblomow fuhr ihn aber so an, daß er dankbar war, seine Knochen heil fortzutragen. »Dort weiß man noch nichts, da willst Du den Klatsch aussäen. Bleib zu Hause!« fügte er drohend hinzu.
Der Mittwoch vergieng. Am Donnerstag bekam Oblomow mit der Stadtpost einen Brief von Oljga, in dem sie ihn fragte, was geschehen sei, da er nicht gekommen war. Sie schrieb, sie hätte den ganzen Abend geweint und eine schlaflose Nacht verbracht.
»Dieser Engel weint und schläft nicht!« rief Oblomow aus. »O Gott! warum liebt sie mich? Warum liebe ich sie? Warum sind wir einander begegnet? Das hat Andrej verschuldet; er hat uns beiden die Liebe wie Pocken eingeimpft. Und was ist das für ein Leben! Nichts als Unruhe und Aufregung! Wann wird denn das friedliche Glück und die Ruhe kommen?«
Er legte sich laut seufzend nieder, erhob sich, gieng sogar auf die Straße hinaus und suchte immer nach einer Lebensnorm, nach einer Existenz, die Tag für Tag, Tropfen auf Tropfen in der stummen Betrachtung der Natur und in der stillen, langsam einander ablösenden Erscheinung eines friedlichen und geschäftigen Familienlebens dahinflösse und zugleich inhaltsreich wäre. Er wollte sich das Leben nicht als einen breiten, rauschenden Fluß mit wogenden Wellen vorstellen, wie Stolz es that.
»Das ist eine Krankheit,« sagte Oblomow, »ein Fieber, ein Springen über Sandbänke, wobei die Dämme eingerissen werden und Überschwemmungen drohen!«
Er schrieb Oljga, er hätte sich im Sommergarten ein wenig erkältet, wäre genöthigt gewesen, einen heißen Kräuterthee zu trinken und müßte nun ein paar Tage zu Hause bleiben, jetzt sei aber alles wieder gut und er hoffe sie am Sonntag zu sehen. Sie antwortete ihm, lobte ihn, weil er sich gepflegt hatte, rieth ihm selbst, am Sonntag zu Hause zu bleiben, wenn es nöthig wäre, sie wollte sich eine Woche langweilen, wenn er sich nur schonte. Die Antwort hatte Nikita gebracht, der nach Anissjas Worten am Klatsch die Hauptschuld trug. Er brachte vom Fräulein neue Bücher mit dem Auftrage, Oblomow möchte dieselben lesen und Oljga bei der nächsten Begegnung sagen, ob sie selbst sie lesen sollte. Sie bat um einen Bericht über seine Gesundheit. Oblomow schrieb die Antwort, übergab diese eigenhändig Nikita, geleitete ihn vom Vorzimmer direct auf den Hof hinaus und folgte ihm mit den Augen bis zum Thor, damit es ihm nicht einfiel, in die Küche zu gehen und dort die »Verleumdung« zu wiederholen, oder damit Sachar ihn nicht auf die Straße hinausbegleite. Er freute sich über Oljgas Vorschlag, er möchte sich schonen und am Sonntag nicht kommen und schrieb ihr, er müsse bis zur endgiltigen Genesung wirklich noch ein paar Tage zu Hause sitzen.
Am Sonntag besuchte er die Hausfrau, trank Kaffee, aß eine heiße Piroge und schickte Sachar zu Mittag auf das andere Ufer, um Gefrorenes und Confect für die Kinder zu holen.
Man führte Sachar mit Mühe über den Fluß zurück; man hatte die Brücken heruntergerissen und die Newa begann sich schon mit Eis zu bedecken. Oblomow konnte gar nicht daran denken, am Mittwoch zu Oljga zu fahren. Gewiß, er konnte ja sofort, solange es noch gieng, auf das gegenüberliegende Ufer hinüberfahren, sich für ein paar Tage bei Iwan Gerassimowitsch einquartieren, jeden Tag bei Oljga sein und sogar dort zu Mittag essen. Er hatte einen plausiblen Vorwand: die Newa wäre an der einen Seite gefroren und er hätte nicht Zeit gehabt, zurückzukehren. Dieser Gedanke war Oblomows erste Regung und er ließ seine Füße schnell auf den Fußboden herabgleiten, aber nach einigem Überlegen kehrte er mit besorgtem Gesicht, seufzend und langsam wieder auf das Sofa zurück. »Nein, zuerst sollen die Gerüchte verstummen und die fremden Leute, die Oljgas Haus besuchten, an ihn ein wenig vergessen und ihn erst dann wieder täglich dort sehen, wenn Oljga und er officiell als Braut und Bräutigam galten. Es ist langweilig, zu warten, aber man kann dagegen nichts thun,« fügte er seufzend hinzu, indem er die von Oljga geschickten Bücher in Angriff nahm. Er las etwa fünfzehn Seiten. Dann kam Mascha ihn fragen, ob er nicht an die Newa gehen wolle. Alle giengen sich anschauen, wie der Fluß gefroren war. Er gieng und kam zum Thee zurück. So vergiengen die Tage. Ilja Iljitsch langweilte sich, las, gieng auf die Straße und schaute durch die Thür zur Hausfrau herein, um mit ihr vor Langeweile ein paar Worte zu wechseln. Er mahlte ihr einmal drei Pfund Kaffee mit solchem Eifer, daß ihm die Stirn naß wurde. Er versuchte es, ihr ein Buch zu geben. Sie las, langsam die Lippen bewegend, leise den Titel und gab ihm das Buch zurück, indem sie sagte, sie würde es zu den Feiertagen bei ihm nehmen und es von Wanja laut vorlesen lassen, dann würde auch die Großmutter zuhören können, jetzt hätte sie aber keine Zeit. Unterdessen hatte man über die Newa Fußstege gelegt, und eines Tages verkündigte das Springen des Hundes an der Kette und sein verzweifeltes Bellen wieder Nikitas Erscheinen; er brachte ein Briefchen, in dem Oblomow über seine Gesundheit ausgefragt wurde, und ein Buch. Oblomow fürchtete sich, er würde genöthigt sein, gleichfalls über den Fußsteg auf das andere Ufer zu gehen, versteckte sich vor Nikita und schrieb, er hätte eine leichte Halsentzündung, er traue sich noch nicht auszugehen, das grausame Schicksal beraube ihn noch ein paar Tage lang des Glückes, seine theure Oljga zu sehen. Er befahl Sachar eindringlich, sich nicht zu unterstehen, mit Nikita zu plaudern, folgte diesem wieder bis ans Thor mit den Augen und drohte Anissja mit dem Finger, als sie ihre Nase aus der Küche heraussteckte und Nikita etwas fragen wollte.
VII
Es vergieng eine Woche. Oblomow fragte des Morgens beim Aufstehen vor allem, ob die Brücken wieder in Ordnung seien. »Noch nicht,« sagte man ihm, und er verbrachte friedlich den Tag, dem Ticken des Pendels, dem Knarren der Kaffeemühle und dem Singen der Kanarienvögel lauschend. Die Küchlein piepsten nicht mehr, sie waren längst zu gesetzten Hennen geworden und versteckten sich in den Hühnerstall. Er las die Bücher, die Oljga ihm geschickt hatte, nicht zu Ende; er hatte das Buch auf der hundertfünften Seite mit dem Einbande noch oben liegen lassen und es lag schon seit einigen Tagen so da. Dafür beschäftigte er sich öfters mit den Kindern der Hausfrau. Wanja war ein so verständiger Knabe, er hatte sich nach dreimal die Hauptstädte Europas gemerkt, und Ilja Iljitsch versprach ihm, sowie er ans andere Ufer fahren konnte, einen kleinen Globus zu schenken, und Maschenjka hatte ihm drei Taschentücher gesäumt, sie machte es zwar schlecht, aber sie arbeitete so spaßig mit den kleinen Händchen und lief immer zu ihm, um ihm jeden fertigen Zoll zu zeigen. Er plauderte unaufhörlich mit der Hausfrau, sowie er durch die halboffene Thür ihre Ellbogen erblickte. Er hatte sich schon daran gewöhnt, an der Bewegung der Ellbogen zu erkennen, was die Hausfrau that, ob sie etwas durchsiebte, mahlte oder bügelte. Er versuchte sogar mit der Großmutter zu sprechen, doch sie konnte die Unterhaltung unmöglich zu Ende führen; sie blieb auf einem halben Wort stehen, stemmte sich mit der Faust gegen die Wand, beugte sich herab und begann zu husten, als erledige sie eine schwere Arbeit, dann stöhnte sie auf, und das Gespräch wurde nicht mehr aufgenommen. Nur der Bruder ließ sich gar nicht blicken, man sah nur das große Paket vor den Fenstern vorüberhuschen, er selbst war aber im Hause gar nicht zu hören. Sogar als Oblomow einmal zufällig ins Zimmer trat, in dem sie dicht zusammengedrängt zu Mittag aßen, wischte der Bruder sich die Lippen schnell mit den Fingern ab und verschwand in seinem Giebelzimmer.
Eines Tages, sowie Oblomow sorglos erwacht war und den Kaffee zu trinken begann, meldete Sachar plötzlich, die Brücken wären in Ordnung. Oblomows Herz begann zu klopfen. »Und morgen ist Sonntag,« sagte er, »ich muß zu Oljga hinfahren und den ganzen Tag die vielsagenden, neugierigen Blicke der Fremden ertragen,« dann mußte er ihr mittheilen, wann er mit der Tante sprechen wollte, und dabei befand er sich noch immer auf einem Punkt, von wo aus es ihm unmöglich war sich fortzubewegen. Er stellte sich lebhaft vor, wie er zum Bräutigam ernannt wurde, wie am zweiten und dritten Tag verschiedene Damen und Herren kamen, wie er plötzlich zum Gegenstand der Neugierde wurde, wie ein officielles Diner stattfand und auf seine Gesundheit getrunken wurde. Dann würde er, wie die Rechte und Pflichten eines Bräutigams es erforderten, der Braut ein Geschenk bringen. »Ein Geschenk,« sagte er sich entsetzt und lachte bitter auf. »Ein Geschenk!« und er hatte zweihundert Rubel in der Tasche! Wenn man ihm auch Geld schickte, konnte das erst gegen Weihnachten oder vielleicht noch später geschehen, wenn das Getreide verkauft war, wann das aber zu erwarten war und was für eine Summe man dafür bekommen würde, das alles mußte durch den Brief erklärt werden, der nicht kam. Was sollte er thun? Jetzt würde das ruhige Leben der letzten zwei Wochen aufhören! Und zwischen diesen Sorgen hindurch erschien ihm Oljgas schönes Gesicht, ihre dichten, ausdrucksvollen Brauen, diese klugen graublauen Augen, der ganze Kopf und ihr Zopf, den sie auf eine besondere Weise auf den Nacken herabsenkte, so daß er das Edle ihrer ganzen Gestalt, vom Kopf bis zu den Schultern und bis zu der Taille fortsetzte und ergänzte. Sowie Oblomow aber vor Liebe erzitterte, sank auf ihn sofort wie ein schwerer Stein die Frage herab: was zu thun war, wie er an die Frage bezüglich der Hochzeit herantreten sollte, wo er sich Geld verschaffen und mit welchen Mitteln er später leben konnte?. . .
»Ich warte noch, vielleicht kommt morgen oder übermorgen ein Brief.« Und er begann auszurechnen, wann sein Brief auf dem Gut ankommen konnte, wie lange der Nachbar mit dem Schreiben säumen würde und wieviel Zeit bis zum Eintreffen der Antwort verstreichen mußte. »Sie muß in drei, höchstens in vier Tagen hier sein; ich werde mit dem Besuch bei Oljga noch warten,« beschloß er, umsomehr, da sie wohl schwerlich wußte, daß die Brücken in Ordnung waren. . . .
– Katja, sind die Brücken in Ordnung? – fragte Oljga ihr Stubenmädchen, sowie sie an demselben Morgen erwacht war.
Und diese Frage hatte sich täglich wiederholt. Oblomow hatte das gar nicht vorausgesetzt.
– Ich weiß nicht, Fräulein; ich habe heute weder den Kutscher, noch den Hausbesorger gesehen, und Nikita weiß es nicht.
– Du weißt niemals, wenn mich etwas interessiert! – sagte Oljga unzufrieden, im Bette liegend und die Kette an ihrem Hals betrachtend.
– Ich werde es gleich erfahren, Fräulein. Ich habʼ mich nicht getraut fortzugehen, ich habʼ geglaubt, Sie werden gleich erwachen, sonst wäre ich schon längst herübergelaufen. – Und Katja verschwand aus dem Zimmer.
Oljga zog unterdessen die Tischlade heraus und suchte Oblomows letztes Briefchen hervor. »Der Arme, der Arme,« dachte sie besorgt, »er ist dort allein und langweilt sich. . . . O Gott, wie lange wird das wohl noch dauern. . . .«
Sie war mit ihren Gedanken noch nicht fertig, als Katja mit geröthetem Gesicht ins Zimmer stürzte.
– Die Brücken sind in Ordnung, sie sind heute Nacht gemacht worden, – sagte sie freudig, fieng ihr Fräulein, das geschwind vom Bett aufsprang, in ihren Armen auf, warf ihr eine Blouse um und rückte ihr die winzigen Pantöffelchen hin. Oljga öffnete rasch die Schublade, nahm etwas heraus und ließ es in Katjas Hand gleiten, während letztere ihr die Hand küßte. Das alles, das Springen aus dem Bett, die Münze, die in Katjas Hand glitt, und der Kuß geschah in einem Augenblick.
»Ach, morgen ist Sonntag, wie gut das sich trifft! Er wird kommen!« dachte Oljga, zog sich eilig an, trank schnell Thee und fuhr mit der Tante ins Geschäft.
– Ma tante, wollen wir morgen ins Smolnijkloster zur Messe fahren, – bat sie.
Die Tante kniff ein wenig die Augen zusammen, dachte nach und sagte dann:
– Gut; aber das ist so weit, ma chére! Wieso fällt Dir so etwas im Winter ein?
Und das war Oljga nur darum eingefallen, weil Oblomow ihr diese Kirche vom Fluß aus gezeigt hatte, und sie bekam Lust darin zu beten. . . daß er gesunden möge, daß er sie liebe, daß er durch sie glücklich werde, daß. . . diese Unschlüssigkeit und Unbestimmtheit schnell enden möge. . . Arme Oljga!
Der Sonntag kam. Oljga brachte es geschickt fertig, das ganze Mittagessen nach Oblomows Geschmack anzuordnen. Sie zog ein weißes Kleid an, versteckte unter den Spitzen das von ihm geschenkte Armband und frisierte sich, wie er es liebte; sie hatte tags zuvor das Clavier stimmen lassen und probierte des Morgens Casta diva zu singen. Ihre Stimme war so klangvoll, wie sie es seit dem Sommer nicht gewesen war. Dann begann sie zu warten. Der Baron traf sie in dieser Erwartung an und sagte, sie sei wieder ebenso schön wie im Sommer, sie sei nur ein wenig abgemagert.
– Das Entbehren der Landluft und die kleine Störung in der Lebensweise haben Sie sichtbar beeinflußt, – sagte er. – Sie brauchen die Luft der Felder und das Land, liebe Oljga Sjergejewna.
Er küßte ihr ein paarmal die Hand, so daß sein gefärbter Schnurrbart auf ihren Fingern sogar einen kleinen Fleck zurückließ.
– Ja, das Land! – erwiderte sie sinnend, aber nicht ihm, sondern jemand anderem, in die Luft hinein.
– Apropos, da wir vom Lande sprechen, – fügte er hinzu, – nächsten Monat endet Ihr Proceß, und Sie können im April auf Ihr Gut fahren. Es ist nicht groß, aber die Lage ist wunderbar! Sie werden zufrieden sein. Was für ein Haus und einen Garten Sie dort hoben! Ein Pavillon ist dort auf dem Berg gelegen; Sie werden es liebgewinnen. Die Aussicht auf den Fluß. . . . Sie erinnern sich dessen wohl nicht, Sie waren etwa fünf Jahre alt, als Ihr Papa das Gut verließ und Sie mitnahm.
– Ach, wie froh ich sein werde! – sagte sie nachdenklich.
»Jetzt ist es schon entschieden,« dachte sie, »wir fahren dorthin, aber er soll das nicht früher erfahren, als bis er. . .«
– Im nächsten Monat, Baron? – fragte sie lebhaft. – Ist das sicher?
– So sicher, wie die Thatsache, daß Sie immer, heute aber ganz besonders schön sind, – sagte er und gieng zur Tante.
Oljga blieb sitzen und träumte von ihrem nahen Glück, doch sie beschloß, Oblomow weder diese Neuigkeit, noch ihre künftigen Pläne mitzutheilen. Sie wollte die durch die Liebe in seiner schlummernden Seele vollzogene Umwälzung bis zu Ende verfolgen, sie wollte sehen, wie er sich endgiltig von dem Joch seiner Trägheit befreien, sich vom lockenden Glück bezwingen lassen wird, wie er aus dem Gute eine günstige Antwort bekommt, strahlend zu ihr läuft und fliegt und sie ihr zu Füßen legt, wie sie beide einander überholend zur Tante stürzen und dann. . . dann wollte sie ihm plötzlich sagen, daß auch sie ein Dorf, einen Garten, einen Pavillon, eine Aussicht auf den Fluß und ein ganz eingerichtetes Haus besitze, daß sie zuerst dorthin und dann nach Oblomowka fahren werden. »Nein, ich will keine günstige Antwort,« dachte sie, »sonst wird er stolz sein und wird sich gar nicht darüber freuen, daß ich mein eigenes Gut, mein Haus und meinen Garten habe. . . Nein, er soll lieber durch einen unangenehmen Brief verstimmt kommen und erzählen, daß das Gut vernachlässigt sei und daß er selbst hinfahren müsse. Er wird Hals über Kopf hinreisen, wird in Eile alle nöthigen Anordnungen treffen, wird alles irgendwie in Gang bringen, wobei er an vieles vergessen und manches nicht verstehen wird, wird zurückkommen und plötzlich erfahren, daß er gar nicht hinzureisen brauchte, daß es ein Haus, einen Garten und einen Pavillon mit einer Aussicht gibt, daß sie auch ohne seine Oblomowka einen Wohnort besaßen. . . Ja, ja, sie würde es ihm keinesfalls sagen und bis zum Schlusse schweigen; er soll nur hinfahren, sich bewegen, aufthauen – und das alles für sie im Namen ihres künftigen Glückes! Oder nein? Wozu ihn aufs Gut schicken und sich von ihm trennen? Nein, wenn er bleich und traurig in den Reisekleidern zu ihr komme, um für einen Monat Abschied zu nehmen, wird sie ihm plötzlich sagen, er brauche vor dem Sommer nicht hinzufahren; sie würden dann zusammen hinfahren . .« So träumte sie, lief dann zum Baron hin und bat ihn geschickt, vorläufig niemand, ohne Ausnahme, von dieser Neuigkeit etwas zu erzählen. Bei diesem niemand dachte sie nur an Oblomow.
– Ja, ja, wozu sollte ich denn davon sprechen? – stimmte er bei. – Vielleicht sage ich es nur Herrn Oblomow, wenn davon die Rede sein wird. . .
Oljga beherrschte sich und sagte gleichgiltig:
– Nein, sagen Sie das auch ihm nicht!
– Ihr Wunsch ist für mich Befehl, wie Sie wissen. . . – fügte der Baron liebenswürdig hinzu.
Sie war nicht ohne Schlauheit. Wenn sie Oblomow in Anwesenheit von Fremden anblicken wollte, blickte sie sicher zuerst drei andere Personen und erst dann ihn an.
Wie viel Gedanken fuhren ihr durch den Sinn – und das alles Oblomows wegen! Wie oft flammten die beiden Flecken auf ihren Wangen auf! Wie oft schlug sie bald die eine und bald die andere Taste an, um sich zu überzeugen, ob das Clavier nicht zu hoch gestimmt sei, und legte die Noten von einer Stelle auf die andere. Und er kam nicht! Was bedeutete das? Es schlug drei und vier Uhr – und er war noch immer nicht da! Um halb fünf begann ihre Schönheit und ihr Strahlen zu schwinden; sie ermattete sichtbar und setzte sich bleich zu Tische. Und die übrigen waren wie sonst: niemand bemerkte es, alle aßen die Gerichte, die für ihn bestimmt waren und sprachen so fröhlich und gleichgiltig. Er kam auch weder am Nachmittag, noch am Abend. Sie schwankte bis zehn Uhr zwischen Hoffnung und Furcht; um zehn Uhr zog sie sich zurück. Zuerst schüttete sie den ganzen Zorn, der sich in ihrem Herzen angesammelt hatte, im Geiste über ihn aus; sie besaß in ihrem Lexikon kein einziges beißendes Spottwort, keinen einzigen heftigen Ausdruck, mit dem sie ihn im Geiste nicht gefoltert hätte. Dann schien es, als hätte sich ihr ganzer Organismus zuerst mit Feuer und darauf mit Eis gefüllt. »Er ist krank, er ist allein, er kann nicht einmal schreiben. . .« fiel es ihr ein.
Diese Überzeugung bemächtigte sich ihrer ganz und ließ sie die ganze Nacht nicht schlafen. Sie schlummerte wie im Fieber für zwei Stunden ein, phantasierte in der Nacht und erhob sich des Morgens bleich aber ruhig und entschlossen.
Montag früh schaute die Hausfrau in Oblomows Zimmer herein und sagte:
– Ein Mädchen wünscht Sie zu sprechen!
– Mich? Das ist unmöglich! – antwortete Oblomow. Wo ist sie?
– Hier. Sie hat sich geirrt und ist zu uns hereingekommen. Soll ich sie eintreten lassen?
Noch bevor Oblomow mit sich einig war, wozu er sich entschließen sollte, stand vor ihm Katja. Die Hausfrau war fortgegangen.
– Katja! – sagte Oblomow erstaunt. – Was ist? Was hast Du?
– Das Fräulein ist hier! – antwortete sie flüsternd. – Sie hat fragen lassen. . .
Oblomow wechselte die Farbe.
– Oljga Sjergejewna! – flüsterte er entsetzt. Das ist nicht wahr, Katja, Du scherzest! Quäle mich nicht!
– Das ist bei Gott wahr. Das Fräulein ist in einem Mietwagen vor der Theehandlung stehen geblieben; sie wartet und will herkommen. Ich sollte Ihnen sagen, Sie möchten Sachar irgendwohin fortschicken. Sie wird in einer halben Stunde hier sein.
– Ich werde lieber selbst hingehen. Wie kann Oljga Sjergejewna denn herkommen?
– Sie werden nicht mehr zurecht kommen. Das Fräulein kann jeden Augenblick da sein; sie glaubt, daß Sie krank sind. Adieu! Ich laufe fort. Sie ist allein und erwartet mich. . .
Sie gieng.
Oblomow zog mit außergewöhnlicher Schnelligkeit die Cravatte, die Weste und die Stiefel an und rief Sachar.
– Sachar, Du hast mich neulich um Erlaubnis gebeten, auf dem andern Ufer, auf der Gorochowaja, einen Besuch zu machen. Also gehʼ jetzt hin! – sprach er in fieberhafter Aufregung.
– Ich werde nicht hingehen! – antwortete Sachar entschlossen.
– Nein, gehʼ nur hin! – sprach Oblomow beharrlich.
– Wie sollte ich am Wochentag einen Besuch machen? Ich werde nicht hingehen! – sagte Sachar trotzig.
– Gehʼ doch hin und amüsiere Dich! Sei nicht eigensinnig, wenn Dein Herr Dir die Gnade erweist und Dich fortläßt. . . . Gehʼ zu Deinen Bekannten!
– Zum Kuckuck mit diesen Bekannten!
– Willst Du sie denn nicht sehen?
– Das sind solche Schufte, daß ich sie gar nicht sehen möchte!
– Gehʼ doch, gehʼ! – wiederholte Oblomow beharrlich, wobei ihm das Blut zu Kopfe stieg.
– Nein, ich bleibe heute den ganzen Tag zu Hause! Ich werde vielleicht am Sonntag hingehen! – lehnte Sachar gleichgiltig ob.
– Nein, jetzt, sofort! – trieb Oblomow ihn aufgeregt zur Eile an. – Du mußt. . .
– Ja, warum soll ich denn plötzlich hingehen?
– Also, dann gehʼ zwei Stunden lang spazieren. Du hast ein so verschlafenes Gesicht – gehʼ in die frische Luft.
– Mein Gesicht ist so, wie es bei unsereinem zu sein pflegt! – sagte Sachar, träge ins Fenster blickend.
»Ach Du mein Gott, sie wird gleich da sein!« dachte Oblomow, sich den Schweiß von der Stirn wischend.
– Also gehʼ doch spazieren, man bittet Dich! Da hast Du zwanzig Kopeken! Trinke mit Deinen Freunden ein Glas Bier.
– Ich werde lieber im Flur bleiben! – Wohin soll ich denn bei diesem Frost gehen? Oder ich werde beim Thor sitzen, das gienge schon. . .
– Nein, Du sollst nicht beim Thor bleiben! – sagte Oblomow rasch. – Gehʼ in eine andere Straße, dorthin links, dem Garten zu. . . auf die andere Seite!
»Was soll das bedeuten?« dachte Sachar. »Er schickt mich spazieren; das war noch nicht da!«
– Ich werde lieber am Sonntag fortgehen, Ilja Iljitsch. . .
– Wirst Du gehen? – begann Oblomow, sich mit zusammengepreßten Zähnen Sachar nähernd. Sachar verschwand und Oblomow rief Anissja herein.
– Gehʼ auf den Markt, – sagte er ihr, – und kaufe zum Mittagessen ein. . .
– Ich habe alles eingekauft; das Essen wird bald fertig sein. . . – begann die Nase.
– Schweig und gehorche! – fuhr Oblomow sie so an, daß Anissja Angst bekam.
– Kaufe. . . Spargel. . . – schloß er nach einer Weile, da ihm nichts einfiel, was er holen lassen konnte.
– Wo findet man denn jetzt Spargel, Väterchen? Das gibt es ja jetzt nicht. . .
– Marsch! – schrie er, und sie lief fort.
– Laufe, so schnell Du kannst, hin! – schrie er ihr nach. – Und schau Dich nicht um; von dort mußt Du aber so langsam als möglich zurückkehren und darfst nicht vor zwei Stunden hier sein!
– Was soll das heißen? – sagte Sachar zu Anissja, ihr vor dem Thore begegnend, – Er hat mich spazieren fortgejagt und hat mir zwanzig Kopeken gegeben! Wohin soll ich spazieren gehen?
– Das ist die Sache des Herrn! – bemerkte die findige Anissja. – Geh zu Artemij, dem gräflichen Kutscher, und bewirte ihn mit Thee; er hält Dich immer frei, und ich laufe auf den Markt hin.
– Was heißt das, Artemij? – fragte Sachar auch ihn.– Der Herr hat mich spazieren fortgejagt und hat mir ein Trinkgeld gegeben. . .
– Vielleicht will er sich selbst einen Rausch antrinken? – fiel es Artemij ein. – Da hat er auch Dir was gegeben, damit Du ihn nicht beneidest. Komm!
Er blinzelte Sachar zu und wies mit dem Kopf auf irgendeine Straße hin.
