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Kitabı oku: «Oblomow», sayfa 33
Er wurde mit der Hausfrau täglich mehr befreundet; er dachte nicht im entferntesten an Liebe, d. h an jene Liebe, die er vor kurzem wie Blattern, Masern oder ein Fieber ertragen hatte und bei deren Erinnerung er bebte. Er näherte sich Agafja Matwejewna, als rückte er an ein Feuer, das einen immer mehr und mehr wärmt, das man aber nicht lieben kann. Er blieb nach dem Essen gerne in ihrem Zimmer, rauchte dort gerne seine Pfeife und sah zu, wie sie das Silber und das Geschirr in die Credenz einräumte, wie sie die Schalen herausnahm, den Kaffee einschenkte und wie sie die eine Schale ganz besonders sorgfältig abwusch und abtrocknete, zuerst füllte, ihm hinreichte und zuschaute, ob er zufrieden sei. Er ließ seine Augen gerne auf ihrem vollen Hals und den runden Ellbogen ruhen, wenn sich die Thür in ihr Zimmer öffnete und wenn dies lange nicht geschah, stieß er den Thürflügel leise mit dem Fuße auf, scherzte mit ihr und spielte mit den Kindern. Aber er langweilte sich nicht, wenn der Morgen vergieng, ohne daß er sie sah; nachmittags gieng er oft, anstatt bei ihr zu bleiben, für zwei Stunden schlafen; doch er wußte, daß, sowie er erwachte, sogar in demselben Augenblick, sein Thee bereitet war. Und vor allem geschah das alles in Ruhe; er hatte keine Geschwulst am Herzen, regte sich niemals darüber auf, ob er die Hausfrau sehen würde oder nicht, darüber, was sie denken würde, was er ihr sagen, wie er ihre Fragen beantworten sollte, wie sie ihn anblicken würde – über gar nichts. Er erlebte weder Momente der Traurigkeit, noch schlaflose Nächte, noch süße und bittere Thränen. Er saß da, rauchte und sah zu, wie sie nähte, manchmal sagte er irgendetwas oder auch nicht, und dabei war er ruhig, er hatte keine Wünsche und wollte nirgendshin, als besäße er alles, was er wünschte. Agafja Matwejewna machte keine Versuche, ihn aufzurütteln und stellte an ihn keinerlei Ansprüche. Und in ihm stiegen keine ehrgeizigen Wünsche und Bestrebungen auf, kein Drang nach Heldenthaten, kein qualvolles Selbstfoltern, weil die Zeit vergieng, weil seine Kräfte schwanden, weil er nichts, weder Gutes, noch Böses gethan hatte, weil er müßig war, nicht lebte, sondern vegetierte. Es war, als hätte eine unsichtbare Hand ihn wie eine wertvolle Pflanze in den Schatten gepflanzt, wo er vor der Glut und dem Regen geschützt war, als hegte und pflegte sie ihn.
– Wie geschwind Sie die Nadel an der Nase vorüberziehen, Agafja Matwejewna! sagte Oblomow, – das geht so schnell, daß ich wirklich fürchte, Sie könnten sich den Rock an die Nase festnähen.
Sie lächelte.
– Ich nähe nur diese Naht zu Ende, – sagte sie zu sich selbst, – dann werden wir Abendbrot essen.
– Was haben wir heute zum Abendbrot?
– Sauerkraut mit Lachs, – sagte sie. – Es gibt schon nirgends mehr Störe; ich war in allen Geschäften und auch der Bruder hat überall nachgefragt, – sind aber nicht aufzutreiben. Vielleicht finde ich aber einen lebenden Stör, – ein Kaufmann aus der Karjetnatjastraße hat einen bestellt, und man hat versprochen, mir ein Stück davon abzuschneiden. Dann gibt es Kalbsbraten und gebratene Grütze. .
– Das ist sehr schön! Wie lieb es von Ihnen ist, daran zu denken, Agafja Matwejewna! Wenn Anissja nur nicht daran vergißt.
– Wozu bin denn ich da? Hören Sie, wie es zischt? – antwortete sie, die Thür in die Küche ein wenig öffnend. – Es bratet schon.
Dann beendigte sie ihre Naht, biß den Faden ab, legte die Arbeit zusammen und trug sie ins Schlafzimmer.
Er rückte also wie an ein wärmendes Feuer an sie heran und kam ihr einmal so nahe, daß fast eine Feuersbrunst, jedenfalls aber ein Aufflammen entstand.
Er gieng in seinem Zimmer auf und ab und sah, wenn er der Thür zuschritt, daß die Ellbogen sich mit ungewöhnlicher Geschwindigkeit bewegten.
– Sie sind ewig beschäftigt! – sagte er, bei der Hausfrau eintretend. – Was machen Sie?
– Ich stoße Zimmt, – antwortete sie, in den Mörser wie in einen Abgrund blickend und unbarmherzig mit der Keule stampfend.
– Und wenn ich Sie dabei störe? – fragte er, sie bei den Ellbogen fassend, so daß sie nicht stoßen konnte.
– Lassen Sie mich los! Ich muß noch Zucker stoßen und Wein für den Pudding herausgeben.
Er hielt sie noch immer an den Ellbogen fest, und sein Gesicht war an ihrem Nacken.
– Sagen Sie, was wäre, wenn ich Sie. . . lieb hätte?
Sie lächelte.
– Würden Sie mich wieder lieben? – fragte er weiter.
– Warum denn nicht? Gott hat befohlen, alle zu lieben.
– Und wenn ich Sie küsse? – flüsterte er, sich zu ihr herabbeugend, so daß sein Athem ihre Wange sengte.
– Jetzt ist ja nicht die Osterwoche! – sagte sie lächelnd.
– So küssen Sie mich doch!
– Wenn Gott uns Ostern erleben läßt, dann werden wir uns küssen! – sagte sie, ohne verlegen zu werden, sich zu wundem und zu fürchten, sondern gerade und reglos dastehend wie ein Pferd, dem man das Kummet anzieht. Er küßte sie leicht auf den Hals.
– Geben Sie acht, ich werde den Zimmt ausschütten, dann werde ich für Ihre Mehlspeise nichts haben! – bemerkte sie.
– Das macht nichts! – — antwortete er.
– Was haben Sie da auf dem Schlafrock, wieder einen Fleck? – fragte sie besorgt. – Ich glaube, es ist Öl! – Sie roch am Fleck. – Woher haben Sie das? Ist es nicht aus dem Öllämpchen auf Sie heruntergetropft?
– Ich weiß nicht, woher ich das habe.
– Sie sind gewiß an die Thür gestreift? – fiel es Agafja Matwejewna plötzlich ein. Man hat gestern die Thürangeln geschmiert; sie haben immer geknarrt. Ziehen Sie ihn aus und geben Sie ihn mir geschwind her, ich werde den Fleck ausnehmen und die Stelle waschen; dann wird morgen nichts mehr zu sehen sein.
– Gute Agafja Matwejewna! – sagte Oblomow, den Schlafrock träge von den Schultern abwerfend. – Wissen Sie was! Wollen wir aufs Gut fahren und dort leben; dort ist erst die wahre Wirtschaft! Was es dort alles gibt: Pilze, Beeren zum Einsieden, einen Geflügel- und einen Viehhof. . .
– Nein, wozu? – antwortete sie seufzend. – Wir sind hier auf die Welt gekommen, haben das ganze Leben hier verbracht und müssen auch hier sterben.
Er blickte sie mit leichter Aufregung an, aber seine Augen leuchteten nicht und füllten sich nicht mit Thränen; es trieb ihn nicht in die Höhe, zu Heldenthaten hin. Er hatte nur Lust, sich auf das Sofa zu setzen und die Augen nicht von ihren Ellbogen zu wenden.
II
Der Iwantag wurde feierlich begangen. Iwan Matwejewitsch gieng am vorhergehenden Tage nicht in die Kanzlei, fuhr wie besessen in der Stadt herum und kam jedesmal mit einem Paket oder einem Korb zurück.
Agafja Matwejewna lebte drei Tage lang von Kaffee, und nur für Ilja Iljitsch wurden drei Gerichte gekocht, während die übrigen von irgendwas und irgendwie lebten.
Anissja legte sich am Tage vorher sogar überhaupt nicht schlafen! Nur Sachar schlief für sie beide und sah alle diese Vorbereitungen nachlässig und mit halber Verachtung an.
– Bei uns in Oblomowka wurde an jedem Feiertag so gekocht, – sagte er den beiden Köchen, die man aus der gräflichen Küche bestellt hatte. – Es gab manchmal fünf Torten und die Saucen waren nicht zu zählen! Die Herrschaften haben den ganzen Tag daran gegessen und auch noch am nächsten Tag. Und wir haben fünf Tage lang an den Resten genug gehabt. Sowie wir damit fertig waren, sind wieder Gäste gekommen und dann hat die Sache von vorne angefangen, – und hier ist das einmal im Jahre!
Bei Tische reichte er zuerst Oblomow und war für nichts auf der Welt zu bewegen, einen Herrn mit einem großen Orden auf der Brust zu bedienen.
– Unser Herr ist ein Edelmann, – sprach er stolz, – und wer sind denn diese Gäste!
Tarantjew, der am Ende des Tisches saß, bekam von ihm entweder gar nichts, oder er legte ihm selbst soviel auf den Teller, als er es für gut hielt. Alle Collegen Iwan Matwejewitschs, etwa dreißig Personen, waren erschienen. Eine riesengroße Forelle, farschierte junge Hühner, Wachteln, Gefrorenes und ausgezeichneter Wein, das alles trug in würdiger Weise zur Feierlichkeit des Tages bei. Zum Schlusse umarmten die Gäste einander, lobten den Geschmack des Hausherrn über alles und setzten sich dann an die Kartentische. Muchojarow verneigte sich und dankte, indem er sagte, daß er für das große Glück, die theuren Gäste bewirten zu können, den dritten Theil seines Gehaltes geopfert hätte.
Gegen Morgen fuhren und giengen die Gäste, so gut es gieng, fort, und im Hause beruhigte sich alles wieder bis zum Iljatage.
An diesem Tage waren von Fremden nur Iwan Gerassimowitsch und Alexejew, der stumme und bescheidene Gast, der Oblomow einst am ersten Mai zum Spaziergang eingeladen hatte, zum Besuch. Oblomow wollte Iwan Matwejewitsch noch übertreffen und bestrebte sich, mit der Feinheit und Eleganz der Servierung, die in diesem Winkel unbekannt waren, zu glänzen.
Statt der fetten Fischpiroge erschienen mit Luft gefüllte Pastetchen; vor der Suppe wurden Austern gereicht; dann kamen Hühner in Papillotten, mit Trüffeln, süßes Fleisch, feines Gemüse und englische Suppe. In der Mitte des Tisches prangte eine ungeheure Ananas, von Pfirsichen, Kirschen und Aprikosen umringt. In den Vasen standen frische Blumen. Sowie man die Suppe in Angriff nahm und Tarantjew über die Pastetchen und den Koch für den dummen Einfall, nichts hineinzugeben, schimpfte, ertönte das verzweifelte Zerren an der Kette und das Bellen des Hundes. Ein Wagen fuhr in den Hof hinein, indem er mit der Deichsel gegen den Zaun stieß, und jemand fragte nach Oblomow. Alle rissen den Mund auf.
– Jemand von den vorjährigen Bekannten hat sich an meinem Namenstage erinnert, – sagte Oblomow. – Ich bin nicht zu Hause, sagʼ, daß ich nicht zu Hause bin! – rief er Sachar flüsternd zu.
Man speiste im Garten in der Laube. Sachar wollte hinstürzen und stieß auf dem Gartenwege mit Stolz zusammen.
– Andrej Iwanowitsch! – krächzte er freudig.
– Andrej! – schrie Oblomow laut auf, stürzte zu ihm hin und umarmte ihn.
– Ich komme gerade zur rechten Zeit, zum Mittagessen! – sagte Stolz. – Gib mir zu essen, ich habe Hunger. Ich habe Dich mit Mühe und Noth gefunden!
– Komm, komm, setze Dich! – sagte Oblomow eilig, ihm neben sich Platz machend.
Bei Stolzʼ Erscheinen erhob sich zuerst Tarantjew, stieg rasch über den Zaun und verschwand im Gemüsegarten; ihm folgte Iwan Matwejewitsch, der sich hinter die Laube versteckte und sich dann in sein Giebelzimmer zurückzog. Auch die Hausfrau erhob sich von ihrem Platze.
– Ich störe. . . – sagte Stolz aufspringend.
– Wohin denn, warum? Iwan Matwejewitsch! Michej Andreitsch! – rief Oblomow.
Er überredete die Hausfrau, sitzen zu bleiben, aber Iwan Matwejewitsch und Tarantjew ließen sich nicht mehr blicken.
– Woher, wieso, für lange? – fragte Oblomow ohne Unterlaß.
Stolz war geschäftlich für zwei Wochen gekommen, begab sich dann aufs Gut, nach Kiew und Gott weiß wohin noch. Stolz sprach bei Tische wenig, aß aber viel; man sah, daß er thatsächlich hungrig war. Die andern schwiegen erst recht. Nach dem Essen, als alles abgeräumt war, ließ Oblomow Champagner und Selters in die Laube stellen und blieb mit Stolz allein.
Sie schwiegen einige Zeit. Stolz blickte ihn lange und forschend an.
– Nun, Ilja!? – sagte er endlich so streng und fragend, daß Oblomow zu Boden blickte und schwieg.
– Also »nie«?
– Was »nie«? – fragte Oblomow, als wüßte er nicht, worum es sich handelte.
– Du hast schon vergessen: »Jetzt oder nie!«
– Ich bin jetzt anders . . . als ich damals war, Andrej! – sagte er endlich. – Meine Angelegenheiten sind Gott sei Dank in Ordnung. Ich liege nicht müßig da; mein Plan ist fast fertig, ich halte mir zwei Zeitschriften; ich habe die Bücher, die Du mir zurückgelassen hast, fast alle gelesen . . .
– Warum bist Du denn nicht ins Ausland gekommen? – fragte Stolz.
– An der Reise ins Ausland hat mich jemand verhindert . . . Er schwieg.
– Oljga? sagte Stolz, ihn bedeutungsvoll anblickend.
Oblomow wurde blutroth.
– Wie, ist es möglich, daß Du das gehört hast . . . Wo ist sie jetzt? – fragte er rasch, indem er Stolz anblickte.
Stolz fuhr fort, ihm, ohne zu antworten, in die Augen zu schauen und drang tief in seine Seele ein.
– Ich habe gehört, sie sei mit der Tante ins Ausland gereist, – sagte Oblomow, – gleich nachdem . .
– Nachdem sie ihren Irrthum eingesehen hat! – schloß Stolz.
– Weißt Du denn das? . . . – fragte Oblomow, und wußte nicht, wo er vor Verlegenheit hin sollte.
– Alles, – sagte Stolz, – sogar von dem Fliederzweig. Und es thut Dir nicht weh, Du schämst Dich nicht, Ilja? Nagt an Dir keine Reue, kein Bedauern? . . .
– Sprich nicht, erwähne das nicht! – unterbrach ihn Oblomow. – Ich bin erkrankt, als ich sah, welch ein Abgrund zwischen mir und ihr liegt, als ich mich davon überzeugte, daß ich ihrer nicht wert bin . . . Ach, Andrej! Wenn Du mich liebst, dann quäle mich nicht und erinnere mich nicht an sie. Ich habe ihr längst auf ihren Irrthum hingewiesen, sie wollte mir nicht glauben . . . meine Schuld ist wirklich nicht sehr groß . . .
– Ich beschuldige Dich ja nicht, Ilja! – fuhr Stolz freundschaftlich und weich fort – Ich habe Deinen Brief gelesen. Die meiste Schuld trage ich, dann sie und ganz zuletzt Du, aber in sehr geringem Maße.
– Was ist mit ihr jetzt? – fragte Oblomow traurig.
– Was? Sie trauert, weint unaufhaltsam und flucht Dir! . . .
Bei jedem Worte erschien auf Oblomows Gesicht Angst, Mitleid, Entsetzen und Reue.
– Was sagst Du, Andrej? – rief er aus, indem er sich erhob. – Fahren wir um Gotteswillen gleich hin, sofort! Ich werde ihr zu Füßen fallen und mir ihre Verzeihung erflehen . . .
– Bleibe ruhig sitzen! – unterbrach ihn Stolz lachend. – Sie ist guter Laune, sogar glücklich, hat Dich grüßen lassen und wollte Dir schreiben; ich habe ihr aber davon abgerathen und habe gesagt, daß Dich das aufregen würde.
– Gott sei Dank! – rief Oblomow fast mit Thränen aus. – Wie froh bin ich, Andrej, laß Dich küssen, und wollen wir auf ihre Gesundheit trinken.
Sie leerten ein Glas Champagner.
– Wo ist sie denn jetzt?
– Jetzt ist sie in der Schweiz. Für den Herbst fährt sie mit der Tante auf ihr Gut. Ich bin deswegen jetzt hier. Man muß sich noch für ihre Angelegenheit verwenden. Der Baron hat den Proceß nicht zu Ende geführt; es ist ihm eingefallen, um Oljgas Hand anzuhalten . .
– Istʼs möglich? Das ist also doch wahr? – fragte Oblomow. – Nun, und was hat sie darauf erwidert?
– Sie hat ihn natürlich abgewiesen; er war gekränkt und ist abgereist, so daß ich jetzt die Sache zu Ende führen muß! Nächste Woche wird alles erledigt sein. Nun, wie geht es Dir? Warum hast Du Dich in diese abgelegene Straße verkrochen?
– Hier ist es ruhig und still, Andrej; niemand stört . . .
– Wobei?
– Bei der Arbeit . . .
– Ich bitte Dich, hier ist es ganz wie in Oblomowka, nur noch widerwärtiger! – sagte Stolz, um sich schauend. – Wollen wir aufs Gut fahren, Ilja?
– Aufs Gut . . vielleicht, dort beginnt man auch bald zu bauen; aber nicht so plötzlich, Andrej, laß es uns überlegen . . .
– Wieder überlegen! Ich kenne dieses überlegen; es wird so sein, wie mit Deiner Reise ins Ausland vor zwei Jahren. Fahren wir nächste Woche hin.
– Wieso nächste Woche! – wehrte sich Oblomow. – Du bist frei, ich muß aber Vorbereitungen treffen . . ich habe meine ganze Wirtschaft hier; wie, soll ich das alles liegen und stehen lassen? Ich habe ja nichts.
– Du brauchst ja auch nichts. Was brauchst Du denn?
Oblomow schwieg.
– Es steht schlecht mit meiner Gesundheit, Andrej, sagte er, – die Athemnoth quält mich so. Dann kehren auch die Gerstenkörner immer wieder, bald auf dem einen und bald auf dem andern Auge, und die Füße schwellen mir an. Wenn ich manchmal in der Nacht sehr fest schlafe, istʼs plötzlich, als schlage mich jemand auf den Kopf oder den Rücken, so daß ich aufspringen muß . . .
– Höre, Ilja, ich werde Dir ganz ernsthaft sagen, daß Du die Lebensweise verändern mußt, sonst bekommst Du die Wassersucht oder den Schlagfluß. Mit den Hoffnungen auf die Zukunft ist es jetzt zu Ende. Wenn Oljga, dieser Engel, Dich auf ihren Flügeln nicht aus Deinem Sumpfe forttragen konnte, werde ich nichts mehr thun können. Aber Du könntest und müßtest Dir ein kleines Arbeitsfeld wählen, Dir Dein Gut einrichten, Dich mit den Bauern und ihren Angelegenheiten abgeben, bauen und pflanzen . . Ich werde davon nicht abstehen. Jetzt erfülle ich nicht mehr meinen eigenen Wunsch, sondern Oljgas Willen; sie will es – hörst Du? – Daß Du nicht ganz stirbst und Dich nicht lebend begraben läßt, – und ich habe versprochen, Dich aus dem Grabe herauszureißen . . .
– Sie hat an mich noch nicht vergessen! Bin ich es denn wert! – sagte Oblomow voll Empfindung.
– Nein, sie hat nicht vergessen und wird wohl auch nie vergessen; das ist keine solche Frau. Du mußt noch zu ihr aufs Gut zu Besuch kommen, – Aber nur nicht jetzt, um Gotteswillen nicht jetzt, Andrej! Laß mich vergessen. Ach, hier ist noch . . .
Er zeigte aufs Herz.
– Was ist hier? Doch nicht Liebe?
– Nein, Scham und Traurigkeit! – antwortete Oblomow seufzend.
– Nun gut! Wollen wir zu Dir hinfahren. Du mußt ja jetzt bauen lassen; es ist Sommer, die wertvollste Zeit vergeht . . .
– Nein, ich habe einen Bevollmächtigten. Er ist jetzt auf dem Gute, und ich kann auch später kommen, wenn ich mit allem fertig bin und mir alles überlegt habe.
Er begann vor Stolz damit zu prahlen, wie gut er, ohne sich vom Fleck zu rühren, seine Angelegenheiten geordnet habe, wie der Bevollmächtigte über die flüchtigen Bauern Erkundigungen einziehe, wie vortheilhaft er das Getreide verkaufe, daß er ihm anderthalb Tausend geschickt habe und in diesem Jahre wahrscheinlich auch die Abgaben einsammeln und schicken würde.
Stolz schlug bei diesem Berichte die Hände zusammen.
– Man hat Dich bestohlen! – sagte er. – Anderthalb Tausend von dreihundert Seelen! Wer ist dieser Bevollmächtigte, was für ein Mensch?
– Mehr als anderthalb Tausend, – verbesserte sich Oblomow. – Er hat aus dem Erlös für das Getreide auch die Vergütung für seine Mühe erhalten. . .
– Wieviel denn?
– Ich erinnere mich wirklich nicht; ich werde es Dir aber zeigen; ich habe irgendwo die Rechnung.
– Nun, Ilja! Du bist wirklich zugrunde gegangen und gestorben! – beschloß er. – Zieh Dich an und komm mit!
Oblomow wollte sich wehren, aber Stolz führte ihn fast gewaltsam zu sich, setzte eine Vollmacht auf seinen Namen auf, ließ dieselbe von Oblomow bestätigen und erklärte ihm, er selbst wolle Oblomowka so lange in Pacht nehmen, bis Oblomow persönlich aufs Gut kommen und sich an die Landwirtschaft gewöhnen würde.
– Du wirst dreimal soviel bekommen, – sagte er, aber ich werde nicht lange Dein Pächter sein; ich habe meine eigenen Angelegenheiten. Komm jetzt aufs Gut mit oder folge mir bald nach. Ich werde auf Oljgas Gut sein; das befindet sich in einer Entfernung von dreihundert Werst von dem Deinigen; ich werde hinfahren, den Bevollmächtigten fortjagen, alles anordnen, und dann kannst Du selbst kommen. Ich werde Dich nicht in Ruhe lassen.
Oblomow seufzte.
– Ach, das Leben! – sagte er.
– Was ist mit dem Leben?
– Er greift überall an, man hat keine Ruhe! Ich möchte mich hinlegen . . . und für immer einschlafen . .
– Das heißt, Du würdest das Licht auslöschen und im Dunkeln bleiben! Ein schönes Leben! Ach, Ilja! wenn Du doch wenigstens ein wenig philosophieren würdest, wirklich! Das Leben wird wie ein Augenblick dahineilen, und Du möchtest Dich noch hinlegen und einschlafen. Es soll ein ewiges Flammen sein! Ach, wenn man zwei-, dreihundert Jahre leben könnte! – schloß er. – Was man da alles leisten könnte!
– Du bist etwas anderes, Andrei! – entgegnete Oblomow. – Du hast Flügel, Du lebst nicht, Du fliegst, Du bist begabt und ehrgeizig. Du bist nicht dick, leidest nicht an Gerstenkörnern und an Nackenjucken. Du bist ganz anders . . .
– Aber laß das! Der Mensch ist so erschaffen, daß er selbst sich lenken und selbst seine Natur verändern kann, und Du hast Dir einen Bauch wachsen lassen und glaubst, daß die Natur Dir diese Last auferlegt hat! Du hattest Flügel, Du hast sie Dir aber gestutzt.
– Wo sind denn die Flügel? – fragte Oblomow traurig. – Ich kann nichts . . .
– Das heißt, Du willst nicht können! – unterbrach ihn Stolz. Es gibt keinen Menschen, der nicht irgendetwas versteht; das gibt es wirklich nicht!
– Ich kann aber nichts! – sagte Oblomow.
– Wenn man Dir zuhört, müßte man glauben, Du könntest nicht einmal ein Papier an die Polizeiverwaltung und einen Brief an den Hausherrn schreiben. Du hast doch aber an Oljga geschrieben? Du hast darin »welches« und »daß« immer an richtiger Stelle angewendet. Da hat sich bei Dir auch Atlaspapier und Tinte aus dem englischen Geschäft gefunden und Deine Handschrift ist darin so energisch, nicht wahr?
Oblomow erröthete.
– Als Duʼs gebraucht hast, sind Dir Gedanken und Ausdrücke eingefallen, wie man sie irgendwo in einem Roman drucken lassen könnte. Wenn aber keine Nothwendigkeit vorliegt, kann man nichts, dann sehen die Augen nicht und sind die Hände schwach! Du hast Dein Können noch in der Kindheit in Oblomowka, inmitten von Tanten, Kindsfrauen und Dienern, eingebüßt. Du hast zuerst die Strümpfe nicht anzuziehen verstanden und hast damit geendet, daß Du nicht zu leben verstehst.
– Das alles mag wahr sein, Andrej. Man kann aber nichts dagegen thun und das Leben nicht von vorne beginnen! – sagte Ilja, entschlossen aufseufzend.
– Wieso kann man es nicht wieder beginnen! – entgegnete Stolz ärgerlich. – Welch ein Unsinn! Höre mir zu und thue, was ich sage, dann kannst Du wieder zu leben beginnen!
Aber Stolz fuhr allein aufs Gut und Oblomow blieb da und versprach, im Herbste hinzukommen.
– Was soll ich Oljga sagen? – fragte Stolz Oblomow vor der Abreise.
Oblomow senkte den Kopf und schwieg traurig; dann seufzte er.
– Sagʼ ihr nichts von mir! – antwortete er endlich verlegen. – Sagʼ, daß Du mich nicht gesehen und von mir nichts gehört hast . . .
– Sie glaubt es nicht.
– Nun, dann sagʼ ihr, daß ich zugrunde gegangen, gestorben und verschwunden bin . . .
– Dann wird sie weinen und lange nicht zu trösten sein. Warum sollte man sie denn traurig machen?
Oblomow dachte gerührt nach; seine Augen waren feucht.
– Nein, gut; ich werde lügen und ihr sagen, daß Du in der Erinnerung an sie lebst, schloß Stolz, und nach einem ernsten, wahren Lebensziel suchst. Merke Dir, daß das Leben selbst und die Arbeit das Ziel des Lebens ist, nicht aber ein Weib. Darin habt ihr euch beide geirrt. Wie froh sie sein wird!
Sie verabschiedeten sich voneinander.
