Kitabı oku: «Mondschein», sayfa 10
Dann griff Arthur an. Er hatte die Bewegungen des Urben beobachtet. Sie waren schnell, sicher, aber eine Kleinigkeit war Arthur nicht entgangen. Bei einigen Bewegungen humpelte sein Feind deutlich mit dem linken Bein, dass er sich beim Sturz vom Pferd verletzt haben musste. Das musste er ausnutzen. In seinen Angriffen versuchte Arthur sich seinem Gegner anzupassen und setzte nur wenig Kraft in seine Hiebe, führte sie dafür aber umso schneller aus, um dem Gegner keine Möglichkeit zum Kontern zu lassen. Der Urbe parierte einen Hieb nach dem anderen und schien nicht merklich in Bedrängnis zu kommen. Dann wechselte Arthur urplötzlich seinen Kampfstil. Er setzte seine gesamte Kraft in einen mächtigen Schlag von links. Er wusste, dass wenn dieser Schlag fehlschlug, er völlig offen dastehen würde. Die Klinge von Arthur krachte mit voller Wucht auf den Säbel des Urben. Dieser stemmte sich mit voller Kraft gegen den Schlag, aber es trat ein, was Arthur vermutet hatte. Das leicht verletzte Bein des Urben knickte ein und ließ diesen straucheln. Arthur setzte sofort nach, tat einen großen Schritt nach vorne und hob sein Schwert. Mit einem kräftigen Schlag mit dem Knauf gegen die Stirn seines Feindes schickte er ihn bewusstlos zu Boden. Er wollte ihn auf jeden Fall als Gefangenen mitnehmen, um mehr über das warum dieses Angriffes zu erfahren.
Endlich war Arthur etwas freier und konnte sich umschauen.
Hagen hatte mit seinen Männern nur einige Flüchtende retten können und war schon auf dem Weg in den rettenden Wald. Er selbst hatte mit seinen Männern die meisten Urben besiegt, der Weg war frei. Kalt lief es Arthur über den Rücken, als er Jorgen mit seinen Männern sah. Sie standen, wie befohlen, dort um Arthur den Rücken zu sichern. Und das obwohl fast die gesamten restlichen Reiter auf sie zustürmten. Das würde ein Gemetzel geben, dessen war sich Arthur sicher. Er musste sie retten. Irgendwie. Aber es war wohl zu spät.
„Rückzug!“ schrie er in die Nacht. „Rettet euch in den Wald!“ Er winkte Kilian herbei, ein sehr kräftiges Mitglied der Schwarzen Pfeile, dem seine schwarzen dichten Haare etwas Tierisches verliehen.
„Nimm den hier mit, und rette dich dann in den Wald.“
Arthur blickte zurück. Jorgen und seine Männer hatten noch zur Flucht angesetzt, aber sie wurden schnell von den restlichen Reitern eingeholt. Arthur hob sein Schwert und wollte gerade losstürmen als ihn eine kräftige Hand an der Schulter packte. Wulf schaute ihn ernst an.
„Wirf nicht dein Leben weg. Wir brauchen dich. Lass uns in Sicherheit bringen, wer noch gerettet werden kann. Die anderen werden wir wiedersehen.“
Arthur nickte zornig. Natürlich hatte Wulf Recht. Wulf hatte fast immer Recht. Aber das machte es trotzdem nicht richtig. Er warf noch einen letzten Blick zurück und lief dann mit den restlichen Rethanern in den schützenden Wald.
Der Kampf war gewonnen, die Urben siegreich. Einige von den Siegern rauften sich schon um die Beute, andere erledigten noch die wenigen Verletzten, die letzten kümmerten sich um eigene Wunden oder um die Verletzungen von Kameraden. Narthas streifte rastlos über das Schlachtfeld. Nachdem sich die Überlebenden in den Wald geflüchtet hatten war eine weitere Verfolgung unmöglich gewesen. Zu dicht war der Wald, zu wenige der Urben hatte Erfahrung darin, im Wald zu kämpfen. Und außerdem war der Vorsprung der Valoren wohl schon zu groß. Die Valoren des Südens, aus Rethas, waren bekannt dafür sich schnell und ungesehen durch Wälder und anderes Gelände bewegen zu können. Die steppenerprobten Urben hätten hier kaum eine Chance gehabt.
„Zirgas!“, rief Narthas erneut in die Nacht, aber er wusste sowieso, dass er keine Antwort erhalten würde. Man hatte seinen Freund nicht unter den Gefallenen gefunden, aber er hatte sich auch nicht gemeldet. Mit einigen Männern hatte Narthas den Waldrand abgesucht und alle anderen Stellen, an denen Zirgas sein konnte, aber die Suche war erfolglos geblieben. Etwa sechzig Männer hatte Narthas verloren, mehr als er eingeplant hatte, aber diese bedeuteten ihm im Moment nichts. Es ging nur um einen Mann, und dieser war nicht zu finden. Verzweifelt blickte Narthas in den Himmel. Er machte sich Vorwürfe. Er hätte nie seinen Freund darum bitten dürfen, mit weniger Reitern als er selbst zu reiten. Er hätte nie erlauben dürfen, dass der Freund voran ritt. Narthas schüttelte den Kopf. Es war zwecklos. Natürlich ritt ein Anführer der Urben stets voran, und natürlich folgten ihm seine Reiter. Es war unsinnig, sich weitere Vorwürfe zu machen.
Narthas ging zurück zu seinem Pferd und saß auf. Mit einigen kurzen Befehlen brachte er auch seine Männer dazu, es ihm gleichzutun. Als sich die Urben formiert hatten ritten sie wieder los, nach Norden, und ließen das Schlachtfeld hinter sich. Und ließen Zirgas hinter sich.
Sie marschierten noch die ganze Nacht und einen weiteren halben Tag. Erst als die Mittagssonne hoch am Himmel stand ordnete Arthur eine Rast auf einer kleinen Lichtung mit einem Bach an. Die meisten Männer ließen sich sofort erschöpft zu Boden sinken. Der Gewaltmarsch hatte die meisten bis an die Grenzen ihrer Kraft geführt, besonders diejenigen, die nicht zu den Schwarzen Pfeilen gehörten und insofern das lange Marschieren durch Wälder nicht ganz so gewöhnt waren.
Er blickte über seine Männer. Es waren so wenige. Viel zu wenige. Einundzwanzig Männer der Schwarzen Pfeile, darunter Wulf, Hagen und Jorgen, der wie durch ein Wunder den Angriff überstanden hatte und sie nach etwa einer Stunde Marsch wiedereingeholt hatte, hatten den nächtlichen Überfall überlebt. Dazu nochmal siebzehn Männer aus Rethas. Die meisten waren leicht verletzt, nur zwei hatte es so schwer getroffen, dass sie nicht mehr selber laufen konnten. Aber auch sie würden es schaffen, wenn sich die Wunden nicht entzündeten. Dennoch waren es viel zu wenige, weniger als Fünfzig, von den einst Dreihundert die Arthur nach Tandor begleitet hatten. Es war eine dunkle Nacht für Rethas gewesen, eine dunkle Nacht für ganz Valorien. Der gefangene Urbe war zwischendurch aufgewacht und gefesselt und geknebelt worden. Glücklicherweise verstand er die gemeine valorische Sprache. Nachdem ihm Arthur unmissverständlich klar gemacht hatte, in welcher Situation er sich befand, war er auch friedlich gewesen und hatte sich nicht gewehrt. Zeit für eine ausführliche Befragung hatte er noch nicht gehabt, aber das bot sich jetzt gerade an.
Er ging zu dem kleinen Bach und nahm einen ordentlichen Schuss Wasser, den er sich erstmal ins Gesicht spritze. Das Wasser war eiskalt und herrlich erfrischend. Danach trank er gierig einige weitere Schlucke und füllte dann noch seinen Wasserschlauch auf. Nachdem er sich erhoben hatte, wandte sich Arthur zu dem Gefangenen und seinem Aufpasser Kilian, der den Urben während des gesamten Weges nicht aus den Augen gelassen hatte. Er beugte sich zu dem Urben herunter und schaute ihm ins Gesicht. Die langen schwarzen Haare des Urben hingen ihm schmutzig und von Blut verklebt im Gesicht. Die Platzwunde an der Stirn hatte das gesamte Gesicht mit einer dunklen Blutkruste überzogen, die dem Urben ein schauerliches Aussehen gab. Noch immer lag Hass im Blick seines Feindes, den er vorhin auf dem Schlachtfeld niedergestreckt hatte.
„Nimm ihm den Knebel ab!“, befahl er Kilian, der das grobe Lederband losband.
„Wie ist dein Name, Urbe?“ Es kam keine Antwort. Der Gefangene spuckte Arthur vor die Füße. Der Ritter fixierte seinen Gefangenen mit seinem Blick. Er wollte es erst auf die freundliche Art versuchen.
„Du bist offensichtlich ein höher gestellter Soldat deines Volkes, also glaube ich, dass du meine Sprache sprichst. Ich werde es erstmal freundlich probieren. Ich bin Arthur von Freital, Ritter Valoriens. Mit wem hatte ich letzte Nacht die Ehre, die Klingen zu kreuzen?“
Der Urbe musterte immer noch seinen gegenüber. Er ließ einige Sekunden verstreichen, bevor er antwortete.
„Zirgas, Sohn des Lizasor. Anführer des Stammes der Gorbi Urboi.“ Arthur nickte. Das lief doch besser, als er befürchtet hatte.
„Ich hoffte, dass wir in der großen Schlacht die Urben unter Ikran Khan endgültig geschlagen hatten und die Überlebenden sich nach dem Tod des Khans in alle Windrichtungen zerschlagen hätten. Für eine marodierende Horde waren das gestern Nacht zu viele, und wir waren kein wirklich lohnenswertes Ziel. Ich will wissen, wer mich und meine Männer gestern angegriffen hatte.“
Zirgas grinste fies, ehe er mit seiner tiefen Stimme und seinem urbischen Akzent antwortete. „Der Tod aus der Steppe.“
Arthur lächelte und wandte sich ab. Blitzschnell fuhr er wieder herum und grub seine Faust in das Gesicht des Urben. Zirgas fiel nach hinten um und wurde von Kilian sofort wieder in eine sitzende Position hochgehoben. Blut lief aus seiner Nase, die nach einem lauten Knacken deutlich schiefer als zuvor wirkte.
„Wer hat uns angegriffen? Wenn du der Anführer gewesen wärest, hättest du den größeren Teil der Reiter geführt. Wer ist dein Herr? Wieso habt ihr uns angegriffen?“ Zirgas konnte seine schmerzverzehrte Miene schnell wieder in das fiese Grinsen verwandeln.
„Du bist ein guter Beobachter, Arthur von Freital, wirklich gut bemerkt. Und das in der Hitze der Schlacht.“ Er nickte anerkennend, obwohl nicht wirklich zu erkennen war, ob es sich um echte Anerkennung handelte, oder um sarkastische Herablassung.
„Ich habe Zeit. Zirgas. Viel Zeit. Und ich habe viele Männer, die gestern Nacht gute Freunde und Waffenbrüder verloren haben. Jeder wird sich über ein kleines Stückchen Rache freuen. Und glaub mir, die meisten dieser Männer wissen, wie man einen Mann am Leben hält, und ihm trotzdem große Schmerzen zufügen kann. Also, meine Fragen hast du gehört, wollen wir uns nicht einfach ein bisschen Zeit und dir ein paar Schmerzen sparen und sofort zum Punkt kommen? Ich verspreche dir dein Leben, wenn du mir alles erzählst, was du weißt. Das Versprechen eines Edelmannes, an einen Edelmann.“ Arthur meinte ein leichtes ängstliches Zucken in Zirgas Miene zu bemerken, die sich aber gleich wieder versteinerte. Dennoch glaubte er, dass die Drohung seine Wirkung gezeigt hatte.
„Ich diene dem wahren Khan der Urben, Narthas Khan, der nach dem Tod seines Vaters als Herr der Steppe emporstieg.“ Narthas Khan. Den Namen hatte Arthur noch nie gehört, wahrscheinlich ein Sohn des gefürchteten Ikran Khans.
„Und wie hat es dieser Narthas Khan aus der Gefangenschaft von Herzog Celan geschafft?“, hakte Arthur nach, dem die Geschichte noch nicht ganz geheuer vorkam. Zirgas setzte wieder sein Grinsen auf.
„Aus der Gefangenschaft? Nun ja, er wurde freigelassen. Wie wir alle anderen auch. Wir wurden freigelassen, unter dem Schwur, dem Herzog von Tandor eine Blutschuld schuldig zu sein. Bis ein Urbe einem Erben des Hauses Tandor das Leben rettet, sind wir zur Treue verpflichtet. Ein hoher Preis, aber der Khan akzeptierte ihn.“
Alles schien sich um Arthur zu drehen. Freigelassen? Blutschuld? Wieso? Das ergab alles keinen Sinn. Celan sollte froh sein, die Gefahr ein für alle Mal abgewendet zu haben und dabei noch einige Arbeiter für seine Mienen gewonnen zu haben. Wieso sollte er sich dem erneuten Risiko aussetzten, dass die Urben Tandor erneut terrorisierten, sollten sie wortbrüchig werden? Was plante Celan mit der Treue der Urben?
„Rede weiter, was weißt du noch alles“, sagte Arthur immer noch etwas in Gedanken versunken.
„Herzog Celan war es, der uns schickte euch alle zu töten.“
„Dieser Verräter!“, entfuhr es Arthur lauthals und er war auf der gesamten Lichtung zu hören. Zirgas fuhr grinsend fort, offensichtlich über den internen Verrat der Valoren belustigt.
„Nun, ihr Valoren scheint nicht so einig zu sein, wie ihr denkt. Aber das war noch nicht alles, was Herzog Celan veranlasste. Er ließ die besten fünf Krieger der Urben zu sich kommen und erteilte ihnen einen Auftrag. Einer dieser Krieger ist mein Bruder, und so erfuhr ich von der Aufgabe. Mit einigen anderen Tandorern sollen sie nach Südwesten reisen und den jungen König suchen, um ihn dem gleichen Schicksal zuzuführen, wie ihr es erleiden solltet.“ Arthur verschlug es die Sprache und auch Kilian wirkte offensichtlich entsetzt. Ein Mordversuch auf den König. Das war Hochverrat. Langsam schloss sich der Kreis. Herzog Celan baute seine militärische Streitmacht deutlich aus, er schwächte seinen Nachbarn im Süden und versuchte den König zu ermorden. Für Celan war Tandor nicht genug. Er musste aufgehalten werden.
„War das alles was du weißt?“, fragte er Zirgas. Er blickte ihm tief in die Augen, um zu erkennen, wenn dieser log. Zirgas nickte. „So wahr die Geister der Steppe über mich wachen, das ist alles.“ Der Urbe musste ein Lächeln unterdrücken. Er hatte Arthur bereitwillig die gesamte schmutzige Wahrheit erzählt. Es barg die kleine Hoffnung, auf sein Leben. Immerhin waren diese Valoren so erpicht auf ihre Ehre. Eine Schwäche, die ein Urbe niemals zulassen würde. Aber seine Gedanken gingen noch weiter. Sollten sich die Valoren doch gegenseitig bekämpfen. Tandor gegen Rethas. Die Krone gegen Tandor. Egal wie. Jeder tote Valore würde sie näher zu ihrer Freiheit bringen. Und auch sein Khan würde diese Chance erkennen. Denn Chaos war ein natürlicher Freund der Urben.
„Lauf. Und hoffe, dass du mir nie wieder über den Weg läufst.“, sagte Arthur und zog sein Messer um die Fesseln des Gefangen zu zerschneiden. Er hatte sein Wort gegeben.
Während Zirgas im Wald verschwand, nahm Arthur seine Sachen auf. Seinen Bogen hatte er auf dem Schlachtfeld verloren. Das war traurig. Aber er war sich sicher, dass er spätestens zurück in Freital angemessenen Ersatz erhalten würde.
„Hagen, Wulf, Kilian, Jorgen“, rief er einige seiner Männer heran. „Wulf, du wirst die Männer zurück nach Hause führen. Hagen, Kilian, Jorgen, der König ist in Gefahr. Ihr drei werdet zusammen mit mir nach Westen reisen. Höchstes Marschtempo. Wir brechen sofort auf.“
Die vier Männer nickten und nahmen ihre Waffen auf. Wulf kam noch mal auf Arthur zu und nahm dessen Arm zum Gruß. „Pass auf dich auf, Arthur.“ Der Ritter nickte. „Und führe du unsere Brüder zurück in die Heimat. Ich verlasse mich auf dich.“, sagte er und lief dann zusammen mit seinen drei Begleitern in westlicher Richtung von der Lichtung weg.
Kapitel 9
Nach zwei Tagen Aufenthalt in Andtweil verließ die kleine Gruppe um Geron von Dämmertan die Stadt an einem milden Sommermorgen. Der Besuch von Andtweil würde Lora wohl noch lange in Erinnerung bleiben, so viele neue Eindrücke und Erfahrungen hatte sie wahrgenommen und gesammelt. Das erste Mal war sie in einer anderen Stadt außer Tjemin gewesen. Sie war davon ausgegangen, dass wohl jede Stadt doch irgendwie ähnlich ist, umso überraschter war sie von Andtweil gewesen.
Die kleine Stadt im Herzogtum Fendron war landesweit für ihre Universität bekannt, um die sich die Stadt gebildet hatte. Im Vergleich zu Tjemin, das sehr viel größer als Andtweil war, lag dieses nicht an einem Fluss, sondern in den Ausläufern des Widenwalls, eines Hügelgebirges am Ufer des Calas. Seit vor über hundert Jahren die Universität von dem damaligen Herzog von Fendron gegründet worden war hatte sich die Stadt langsam aber beständig vergrößert. Immer mehr Gebäude waren um das große Gebäude der Universität und den davor liegenden Markt gewachsen. Eine wirkliche Stadtmauer besaß Andtweil nicht, sondern nur eine Palisade, von der die Stadt umschlossen wurde.
Die Lese- und Schreibstunden bei Isabel hatten noch die restliche Reisedauer und auch während ihres Aufenthalts in Andtweil angedauert. Obwohl sie noch immer nur sehr stockend lesen konnte, zeigten sich bei Lora doch deutliche und schnelle Fortschritte. Schnell hatte sie sich ein System gebildet, um die vielen verschiedenen Buchstaben voneinander zu unterscheiden und erneut aufzuschreiben. Isabel hatte ihr zum Abschiedsgeschenk das kleine Gedichtband und einige weitere Blätter zum Schreiben geschenkt. Aber nicht nur das hatte Lora während der zwei Tage gelernt.
Geron hatte darauf bestanden, ihr erste Reitlektionen zu geben, dazu kam an jedem Abend Unterricht in Benimmregeln, Wappen- und Landeskunde und noch viele weitere Aspekte, die sie als Untergebene von Geron können sollte. Auf jeden Fall waren die Tage so gefüllt, dass Lora jeden Abend völlig erschöpft in ihr Bett gesunken und sofort eingeschlafen war. Das einzig angenehme an den einzelnen Lektionen war, dass sie ihr meistens von Finn gegeben worden waren. Dieser war ihr immer noch eine angenehme Gesellschaft. Wenn sie etwas fragte, dann erzählte er gerne und lange über ihre Frage. Wenn sie etwas nicht verstand, erklärte er es in Ruhe nochmal und hin und wieder machten sie einen Spaß oder witzelten rum. Nur wenn Geron den Raum betrat oder sie anschaute, wurden sie wieder ernst wie zuvor. Noch immer lief Lora ein leichter Schauer über den Rücken, wenn Geron sie mit seinem von der Narbe gezeichneten Gesicht anblickte und sie scheinbar direkt zu durchschauen schien.
Jetzt war sie wirklich froh, dass Geron jeden Tag auf die paar Reitstunden bestanden hatte, die möglich waren. Denn von hier aus ging die Reise nicht mehr in der Kutsche, sondern zu Pferd weiter. Lora hatte sich als außerordentlich gute Schülerin erwiesen, sie hatte schnell gemerkt, wie sie mit dem Tier umzugehen hatte, und wie sie es dazu brachte, das zu tun, was sie wollte. Selbst Geron hatte sie kurz gelobt, ein Lob, das bei dem Ritter wirklich schwer verdient war. Umso stolzer war sie darüber gewesen. Jetzt ritten sie zu dritt, Geron, Finn und sie, nach Osten. Ihr nächstes Ziel hieß Lyth Valor, der einzige Hafen Valoriens mit Meerzugang. Lora hatte das Meer noch nie gesehen, genauso wenig wie Finn. Gegenseitig hatten sie Geschichten über das Meer ausgetauscht und gemeinsam überlegt, wie es dort wohl sein würde.
Lyth Valor selbst war von Gebirge eingeschlossen und es gab nur zwei Wege dorthin. Der eine führte am Ufer des Orb entlang, der andere führte durch den Widenwall. Von Andtweil aus war der letztere Weg selbstverständlich der kürzeste, der aber um einiges unwegsamer als der Weg durch das Flusstal war. Sie mussten erst durch die weite Hügellandschaft reiten und dann über mehrere Pässe durch die höheren Berge des Widenwalls gelangen. Geron hatte mindestens vier Tage für die Reise veranschlagt, die sie im Freien verbringen mussten. Glücklicherweise waren jetzt im Sommer die Witterungsbedingungen so günstig, dass sie wohl nicht mit schlimmeren Hindernissen rechnen mussten.
Lora blickte nochmal über ihre Schulter zurück nach Andtweil. Sie würde sich bestimmt immer an diese Stadt erinnern. Sie dachte an die Gebäude, die Menschen, den Markt, und natürlich auch an Isabel, die für sie fast so etwas wie eine Freundin geworden war. Es war seltsam, eine Tochter eines Freiherrn, eine hohe Adelige Valoriens, war mit ihr, dem Kind aus der Gasse, befreundet. Lora schüttelte den Kopf und wandte den Blick nach vorne. Auf ihren weiteren Reiseabschnitt, auf die weiteren Abenteuer und Erfahrungen, die auf sie warteten. Dann ritt sie hinter Geron hinterher auf den Weg, der in den Widenwall führte.
Am Abend des ersten Tages erreichten sie ein kleines Dorf, das an dem Weg lag, dem sie in den Widenwall folgten. Sie kamen gerade aus einem kleinen Hain hinaus, als Priovan die Rauchsäulen der Schornsteine erkennen konnte. Er schaute noch einmal zurück in den Hain, aus dem sie gerade gekommen waren. Irgendwie fühlte er sich schon den ganzen Tag beobachtet, wenn nicht gar verfolgt. Wahrscheinlich war das eine völlig übertriebene Befürchtung, aber dennoch war er etwas nervös. Natürlich würde er Geron nichts sagen, aber er beschloss, auch in Zukunft auf ihrer Reise die Augen offen zu halten.
Aus der Entfernung erkannte man, dass es sich um ein kleines Dorf handeln musste, auch wenn die genaue Anzahl der Häuser nicht zu zählen war. Erleichtert atmete er aus. Er hatte schon befürchtet, die Nacht im Freien verbringen zu müssen. Davon hatte er nach den kalten Nächten, die sie vor einigen Wochen in den Ebenen Tandors verbringen mussten, erstmal genug. Umso enttäuschter war er, als Geron sein Pferd zügelte und am Waldrand stoppte.
„Worauf warten wir?“, fragte er seinen Rittervater und deutete auf das Dorf.
„Dort bekommen wir bestimmt ein warmes Mahl und ein ordentliches Dach über dem Kopf. Ich habe öfter mal gehört, dass hier im Widenwall die Nächte auch im Sommer eher kühl seien und dass das Wetter schnell umschlagen kann.“
Geron reagierte erstmal nicht auf Priovans Frage und schwang sich aus dem Sattel, was seine beiden Begleiter im sofort gleich taten, Priovan etwas eleganter als Lora, die sich noch nicht ganz an das Reiten gewöhnt hatte, auch wenn sie bemerkenswerte Fortschritte in der kurzen Zeit zeigte.
„Ich will noch die milden Abendstunden nutzen, und dabei nicht mitten in dem Dorf sein, wo wir sowieso wieder keine ruhige Minute haben werden. Lora, binde die Pferde an einen Baum an. Wir haben unsere Kampfübungen in letzter Zeit etwas vernachlässigt, Priovan. Das werden wir mal wieder nachholen müssen.“
Geron nahm sein Schwert und zog es aus der Scheide. Es glitzerte im Schein des halben Mondes. Dann blickte er zu seinem Knappen.
„Worauf wartest du?“, fragte er und Priovan nickte und zog ebenfalls sein Kurzschwert.
Während Lora die drei Pferde an einem Baum anband schaute sie zu, wie Finn die ersten Schläge gegen Geron ausführte. Erst einige langsame, aber immer rhythmisch von links und von rechts. Selbstverständlich parierte der Ritter alle Schläge mit Leichtigkeit. Lora setzte sich an einen Baum, lehnte sich an den Stamm und schaute begeistert der Übung ihrer beiden Begleiter zu. Langsam aber stetig erhöhte Priovan das Tempo der Schläge. Das stetige Klingen der beiden Waffen erschallte in der Nacht wie das rhythmische Schlagen eines Schmiedehammers, nur wurde es immer schneller und schneller. Lora sah, wie Finn langsam anfing schwerer zu atmen. Sie kämpften doch noch gar nicht lange, und schon musste er nach Luft schnappen? Es schien wirklich anstrengender zu sein, als es aussah. Urplötzlich wurde Geron aktiv, der sich bis jetzt nur aufs parieren verlassen hatte. Er ließ einen weiteren Schlag von Finn ins Leere gleiten und setzte sofort mit zwei Schlägen seinerseits nach. Die Schläge waren weder besonders kräftig noch schnell ausgeführt, aber Finn hatte offensichtliche Mühe ihnen zu entgehen. Unter dem ersten konnte er noch durchtauchen, den zweiten parierte er mit erhobener Waffe. Da Geron den Schlag nicht zurück zog verharrten die Klingen aufeinander und rutschten leicht aneinander ab. Mit einem kräftigen Stoß mit dem Schwert drückte Geron Finn weiter nach hinten. Dieser konnte noch zwei weitere Schläge parieren, dann lag die Spitze vom Schwert des Ritters auf seiner Brust.
„Gar nicht schlecht, für den Anfang, Priovan“, sagte Geron und zog sein Schwert wieder zurück.
„Die Schläge sind schon alle sehr präzise und mit einem guten Rhythmus und guter Kraft ausgeführt. Aber gerade in der Defensive musst du noch an dir arbeiten. Ich konnte dich gerade viel zu leicht aus dem Gleichgewicht drücken. Versuche in solche Situationen dein Gewicht stärker auf ein Standbein zu verlagern, um dich besser gegen den Druck stemmen zu können.“
„Jawohl, das werde ich versuchen“, beantwortete Priovan die Ratschläge seines Herrn und hob dann erneut seine Klinge für weitere Übungen.
Nach drei weiteren Runden, in denen Geron von Finn immer neue Angriffskombinationen erwartete, war der Knappe völlig außer Atem. Sein Gesicht war rot angelaufen und der Schweiß rann ihm von den Haaren über seine Wangen. Er atmete schwer und nachdem Geron ihn mit einem Nicken entließ, nahm er sich einen Trinkschlauch, trank einen ordentlichen Schluck Wasser und ließ sich dann neben Lora ins Gras sinken.
„Anstrengend?“, witzelte Lora, die während der Übungen zuschauend im Gras gesessen hatte. Finn lächelte sie an, verschwieg sich aber eine Antwort.
„Bringst du mir auch bei zu kämpfen?“, fragte Lora dann ihren jüngeren Reisegefährten. Dieser blickte sie erneut an, lächelte und schüttelte den Kopf.
„Nein, Lora, kämpfen ist etwas für Männer.“ Lora schaute ihn böse an, stellte sich auf und stemmte die Arme in die Hüfte.
„Dann dürftest du auch noch nicht kämpfen, immerhin bis du noch weit davon entfernt ein Mann zu sein. Außerdem, was soll ich denn machen, wenn ich mit euch reise, und wir uns verteidigen müssen. Soll ich dann nur tatenlos herumstehen?“ Währenddessen war auch Geron zu den beiden gekommen und ging auf Lora zu. Er legte ihr seine starke Hand auf die Schulter.
„Sei Priovan nicht böse, Lora. Er hat wirklich Recht. Frauen haben mit einem Schwert nichts anzufangen. Das war schon immer so und wird immer so sein. Damit musst du dich nun mal abfinden, auch wenn du mit mir reist. Jetzt wollen wir aber schnell in das Dorf und uns eine gute Bleibe für die Nacht suchen“, sagte er und band dann wieder die Pferde los.
„So ungerecht“, fauchte Lora noch leise und folgte dann Geron nach. Gemeinsam mit ihm und Finn ritt sie dann in das kleine Dorf.
Am dritten Tag ihrer Reise wurde die Reise etwas beschwerlicher. Die bisher flachen Hügel wurden langsam steiler, die Pfade steiniger und schon bald mussten sie die Pferde führen. Der Weg durchs Tal wäre bestimmt einfacher gewesen, aber Geron hatte nicht einen so großen Umweg wählen wollen. Außerdem taten diese kleinen Beschwerlichkeiten den Beiden gut. Man konnte ja nicht immer auf gut gepflasterten Straßen reisen. Erwartungsgemäß fanden sie am Weg, der sich immer tiefer ins Gebirge schlängelte, kein Dorf mehr auf. Als es langsam dämmerte und alle außer Geron schon ziemlich erschöpft waren, erreichten sie am Wegesrand einen kleinen Felsvorsprung, unter dem sie etwas vom Wind geschützt waren und der auch sonst einen sehr guten Lagerplatz darstellte. Außerdem floss unweit ein kleiner Bach, an dem sie die Wasserschläuche auffüllen und die Pferde tränken konnten.
„Lora, kümmere du dich bitte um die Pferde. Priovan, deine Übungen warten heute Abend noch.“ Geron übergab seine Zügel an Lora. Finn tat es ihm gleich wenn auch mit einem tiefen Seufzer. Der Tag an sich hatte ihn schon genug angestrengt, da war die Erwartung auf eine weitere kräftezehrende Übung nicht die beste Aussicht.
„Halt durch Kleiner“, sagte Lora hämisch, was Finn nur ein angestrengtes Lächeln abgewann. Sie hatte ihn schon öfter damit aufgezogen, dass er doch noch kleiner als sie war. Aber selbst das konnte ihn jetzt nicht merklich aufregen. Also führte Lora die drei Pferde zum Wasser, sattelte sie ab und die Tiere konnten frei trinken und das Gras herum weiden.
Dann drehte sie sich um und schaute Geron und Finn bei den Übungen zu. Auch wenn ihre Frage, ob sie nicht auch mal kämpfen lernen konnte, am ersten Abend ziemlich klar abgewiesen worden war, hatte sie sich entschieden möglichst genau zuzuschauen. Sie versuchte sich jede Bewegung, jede Finte einzuprägen, die Geron und Finn trainierten. Sie hatte auch schnell bemerkt, was Finn noch verbessern musste. Oft fasste er sein Schwert zu locker, und Geron konnte dadurch einerseits zu leicht durch seine Parade brechen, andererseits konnte er ihm schnell das Schwert aus der Hand schlagen. Als das dann wirklich passierte, und das Kurzschwert klirrend zu Boden fiel, wies Geron Finn wirklich darauf hin. Lora lächelte stolz in sich hinein. Als sie sich gerade wieder umschaute bemerkte sie auf einmal einen Schatten. Sie schaute den Felsvorsprung hoch und sah dort wirklich einen Mann stehen.
„Geron!“, rief sie und sprang auf. Sie zeigte auf den Fremden der dort oben stand. Seine Kleidung bestand hauptsächlich aus Leder und anderen festen Stoffen, komplett in dunklen Braun- und Grüntönen. Im Wald würde dieser Mann wohl kaum zu sehen sein, im Gebirge war dies schon eher der Fall. Auf dem Rücken trug er einen Köcher, aus dem auch der Griff eines Schwertes zu sehen war, an der Schulter hatte er einen Bogen hängen. Außer in seinem Gesicht war seine gesamte Haut von Kleidung bedeckt. Auch sein Gesicht war durch ein braunes Lederband eingerahmt, das über die Stirn nach hinten ging, und so sowohl seine Ohren abdeckte als auch seine langen, schwarzen Haare zusammenhielt. Seine Haut wirkte ebenmäßig glatt, keine Spur von Alter war zu sehen. Dennoch lagen in seinem Blick, in diesen nussbraunen Augen, Erfahrung und Wissen, das auf viele Kämpfe und Abenteuer schließen ließ.
Geron schaute sofort auf. Er wirkte von einem auf den anderen Moment voll aufmerksam. Statt jedoch, wie Lora erwartet hatte, der Bedrohung entgegen zu treten, lief Geron sein Schwert noch immer in der Hand nach oben.
„Lioras, was ist los?“, ging der Ritter auf den Unbekannten. „Ihr müsst schnell weiter reiten. Ihr werdet verfolgt. Ihr müsst schnell durch den Krähenpass und dann weiter nach Lyth Valor.“
„Wer und wie viele?“
„Mehr, als dass ich es erledigen könnte. Bestimmt ein Dutzend. Wer genau das ist, konnte ich nicht sehen. Einige der Verfolger sind Urben. Wenn man sie so sieht, könnte man denken, es wäre einfach eine Bande von Räubern und Banditen. Aber dafür waren sie zu zielstrebig.“
Geron nickte. Er schaute in den Himmel. Immerhin war das Wetter gut. Dennoch wusste er nicht, ob die beiden einen nächtlichen Gewaltritt durchhalten würden. Besonders Lora, die doch sowieso noch einige Probleme im Sattel hatte.
„Können wir Ihnen hier nicht einfach einen Hinterhalt legen? Zwölf Leute, das sollte doch möglich sein.“
Lioras schien kurz zu überlegen. Die Idee war ihm offensichtlich auch schon gekommen. Doch dann schüttelte er den Kopf. „Ich zweifele nicht an uns, aber das Risiko ist einfach zu groß. Und sie werden uns finden, da bin ich mir sicher. Sie sind gut, wirklich gut. Ich hatte zum Teil Mühe ihnen zu folgen. Du solltest es nicht darauf ankommen lassen.“
Geron nickte. „Gut, dann musst du aber mit uns reiten. Der junge König wird den Ritt ohne Probleme durchstehen, aber bei Lora bin ich mir nicht sicher. Du musst mit ihr reiten.“
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