Kitabı oku: «Mondschein», sayfa 9
Als Geron wieder beim Wagen angekommen war schaute er kurz zu seinem Knappen. Priovan zuckte zusammen. Sein Herr sah furchterregend aus. Blut floss nicht nur von seinem Schwert, sondern benetzte als leichte Spritzer auch sein entstelltes Gesicht.
„Alles in Ordnung bei dir?“, fragte der Ritter den Jungen, der nickte.
„Ja. Sorgt Euch nicht um mich.“, antwortete der junge König und versuchte entschlossener zu wirken, als es sich letztendlich anhörte. „Die Banditen fliehen.“, stellte er dann noch fest.
Geron schaute sich erneut um und bestätigte das Bild seines Knappen. „Ja, es war ein ungleicher Kampf zwischen Verzweifelten und Soldaten.“ Mit diesen Worten schwang er sich aus dem Sattel und ging zuerst zur Kutsche.
„Hohe Dame, Wohlgeboren, bei euch alles sicher?“, fragte er durch das Fenster. Ludwig war es, der zuerst antwortete. „Ja, Geron, wir sind sicher.“
„Die Lage sollte sicher sein, und wir haben kaum Verluste zu beklagen. Es waren nur verzweifelte Banditen, die eine leichtere Beute erhofft hatten.“
„Es ist erschreckend, dass dies in Fendron vorkommen kann.“, sagte Isabel mit leiser Stimme. Halb zu sich, halb zu den Männern.
Geron schaute sich nochmal in dem Inneren um. Lora saß in der Ecke, war aber gefasster als er erwartet hatte. „Geht es dir gut?“, fragte der Ritter seine neue Gefährtin.
Lora nickte. „Ja, wir sind ja hier drinnen sicher. Unter Eurem Schutz und den Soldaten des Herzogs.“
„Wir versuchen so schnell wie möglich weiterzukommen.“, versicherte Geron.
„Geron, falls es Verwundete gibt, die meine Hilfe benötigen, dann sagt mir bitte Bescheid, ja?“, fügte Isabel noch hinzu, bevor Geron sich abwendete.
Der Ritter schaute nochmal zurück. „Natürlich, hohe Dame. Allerdings wird es mich am meisten beruhigen, wenn Ihr, Herr Ludwig, und Lora in der sicheren Kutsche warten könntet, bis wir aus dem Wald hinaus sind. Noch könnte Gefahr lauern. Und die Soldaten sind erfahren.“ Mit diesen Worten wandte sich der Ritter auch schon ab und ging zu den Soldaten.
„Wohlgeboren, wie sollen wir mit dem hier verfahren?“, fragte der Hauptmann Ludger, als Geron ihn und einen weiteren Soldaten erreichten, die sich über den Räuberhauptmann gestellt hatten und diesen in Schach hielten. Es gab auch noch weitere Gefangene, die ihre Waffen ob der Übermacht der fendronischen Soldaten zu Boden geworfen hatten, und nun um Gnade flehten. Geron betrachtete die Räuber. Die meisten wirkten genauso abgemagert wie die Dorfbewohner vorhin in Gelnau. Kurz versuchte er ähnliche Gesichter zu sehen, wie er in dem Dorf gesehen hatte. Ob die Söhne des Wirtes Teil dieser Bande waren?
„Priovan, komm her.“, rief der Ritter anstatt dem Hauptmann zu antworten. Der junge Knappe ging die Schritte zu den Gefangenen, schwang sich über den Baumstamm, und erreichte dann die Soldaten und den Ritter.
„Mein König, hier bedarf es eines Urteils.“, stellte Geron fest. Die Gesichter der meisten Banditen fielen noch stärker in sich zusammen, als sie erkannten, dass dies keine normale Eskorte gewesen war.
„Ja.“, bestätigte der König nur kurz und musterte dann auch die Gesichter der Banditen. „Was ist wohl ein gerechtes Urteil?“, fragte Priovan und schaute dabei sowohl zu Geron, als auch dem fendronischen Hauptmann.
Dieser antwortete zuerst. „Mein König, ein Diebstahl wird mit dem Verlust einer Hand bestraft. Ein Überfall auf offener Straße allerdings, unter Androhung von Gewalt und Tod, kann nur den Strang nach sich ziehen.“
„So will es zumindest das Gesetz“, bestätigte Geron, und blickte zu seinem Knappen, ohne ihm allerdings weitere Hinweise zu geben.
„Und doch haben diese Männer aus Verzweiflung und Hunger gehandelt, nicht wahr?“, fragte der König.
„Eine Not, die eine solche Tat nicht rechtfertig.“
„Geron, wie würdest du denn handeln, wenn dich die Not plagt?“, fragte der König zurück.
Der Ritter schaute ernst zu seinem jungen Schüler. „Das Richtige darf niemals zur Disposition stehen.“, antwortete er ungenau. Der König musste lernen, Entscheidungen zu treffen, Urteile zu fällen, die individuell grausam seien mochten, aber notwendig für die öffentliche Ordnung waren.
Priovan musterte erneut die Gesichter der Männer, die sein Urteil angstvoll erwarteten. Er sah Angst, Furcht, Verzweiflung, und nur in den Augen des Anführers konnte er etwas Böses, Niederträchtiges erkennen.
„Diese Männer.“, er zeigte auf die gefangenen Banditen. „Sollen ihrer Waffen beraubt werden.“ Er zögerte kurz, sprach dann aber weiter. „Und dann sollen sie ihres Weges gehen. Aber ihr müsst mir, eurem König und Herrn, schwören, von nun an den falschen Pfad zu verlassen. Unterwerft euch erneut der Recht und Ordnung des Königs! Schwört ihr dies?“
Die Männer schauten sich gegenseitig an. Eine Mischung aus Verwunderung, Ungläubigkeit, und Erleichterung war zu sehen. Doch dann verbeugte sich der erste. „Ich schwöre“, sprach er, als sein Gesicht fast auf dem Waldboden lag. Und sofort folgten die weiteren, und sprachen den Schwur. Nur der Anführer, den Priovan nicht angesprochen hatte, beugte sich nicht.
„Jener Mann hier ist aber durch und durch verdorben, denn er führte die Verzweifelten hin zu Missetaten und reut nicht.“, redete Priovan weiter. Er versuchte möglichst majestätisch zu sprechen, ernst, erwachsen. „Und somit verdient er auch nicht das Leben.“ Mit einigen Schritten war der vor den Anführer getreten, der ihm ungebrochen ins Gesicht schaute und dann vor die Füße spukte. Sofort wurde der von einem der Soldaten in den Rücken getreten, und danach erst wieder am Schopf gepackt und hochgezogen, auf dass er seinem Richter ins Gesicht schaute.
„Ludger, hol einen Strick.“, sagte der König, blickte dem Verurteilten noch einmal kurz ins Gesicht, und wandte sich dann ab, um zurück zur Kutsche zu gehen.
Als er die Szene verließ, spürte er eine starke Hand auf seiner Schulter. „Gut gesprochen.“, sagte Geron leise und begleite den König zurück zu den anderen Reisenden. Währenddessen legte Ludger dem Anführer die Schlinge um den Hals…
Der Schock des Überfalls war kurz aber heftig gewesen. Und dennoch war keiner der Soldaten gefallen. Zwei waren etwas schwerer verwundet, allerdings nicht lebensgefährlich, und so hatten sie sich mit einem weiteren Soldaten in ein nahes Dorf aufgemacht, um dort ihre Wunden zu versorgen. Der Rest des Trosses setzte die Reise fort, nachdem der Baumstamm zur Seite geräumt war, um auf keinen Fall die Nacht außerhalb einer befestigen Siedlung zu verbringen.
Etwa zwei Stunden waren vergangen, noch einige Stunden Reise lag am Tag vor ihnen, als Isabel Lora überraschend mit einer Frage konfrontierte.
„Lora, kannst du eigentlich Lesen und Schreiben?“
Lora war völlig überrumpelt von dieser eigentlich doch eher absurden Frage. Wie sollte sie denn das gelernt haben? Sie hatte Isabel doch erzählt, wie sie ihr Leben verbracht hatte, und in diesem war sie bestimmt weder in eine Universität, Schule oder an einen Hof gekommen, um Lesen und Schreiben zu lernen. Obwohl ihr so einige, wahrscheinlich unpassende, Antworten durch den Kopf gingen, schaffte Lora es höflich zu bleiben. „Nein, wieso fragt Ihr?“ Isabel lächelte. „Weißt du, wir Frauen werden nie so stark oder kampfkräftig werden, wie Männer. Wir müssen uns in anderen Sachen beweisen. Intelligenz und Diplomatie sind da sehr wichtig, und dafür muss man auch oft genug Lesen und Schreiben können. Das solltest du, wenn es möglich ist, lernen.“ Lora nickte. Lesen und Schreiben musste bestimmt sehr schwer sein, da es so wenig Menschen konnten. Sie glaubte nicht, dass sie das so einfach lernen konnte, wie Isabel gerade beschrieb.
Als hätte sie ihre Gedanken gelesen fügte dann Isabel noch hinzu. „Es ist gar nicht so schwer, wie du dir bestimmt vorstellst. Ich glaube, dass du ein kluges Mädchen bist, das das schnell lernt. Wenn du willst, kann ich dir ein paar Dinge zeigen.“ Wissbegierig nickte Lora. Sie war neugierig, und sie wusste nicht, wann sich das nächste Mal eine solche Chance bieten würde.
„Ludwig“, fragte Isabel den Herzogssohn. „Hättest du etwas, womit ich Lora ein bisschen Lesen beibringen kann?“ Dieser nickte und griff in seine Umhängetasche, aus der ein kleines Buch zog.
„Hier bitte, das sind einige valorische Gedichte.“
„Danke“, sagte Isabel und nahm das Buch an sich. Dann schlug sie es auf und zeigte es Lora. Für diese sah das Ganze auf den ersten Blick nur wie wildes, schwarzes Gekritzel aus. Als sie jedoch näher hinschaute, begann sie langsam Muster zu erkennen.
„Jedes Wort besteht aus mehreren Buchstaben“, begann Isabel die Erklärung, die noch den Rest der abendlichen Etappe dauern sollte.
Kapitel 8
Durch hohe Berge, alte Wälder
Winde tragen diesen Reim
Durch Wiesen, Weiden, Auen, Felder
Uns Freital ist der Freien Heim
Arthur ließ die letzten Zeilen des Gedichtes, das er gerade gelesen hatte, noch etwas nachwirken. Nicht dass er das Gedicht überhaupt noch lesen musste, er kannte es schon längst auswendig, aber es gab ihm ein gutes Gefühl, in dem kleinen Büchlein zu lesen, das ihm einst sein Vater gegeben hatte. Die Handschrift, der Einband mit dem Wappen Freitals, all das erinnerte ihn an die Tage seiner frühen Kindheit. Er war gerade fünf Jahre alt gewesen, als ihm sein Vater das Buch gegeben hatte, um dann in den Krieg zu gehen. Er war nie wieder zurückgekommen. Sein ganzes Leben hatte er das kleine Büchlein stets bei sich gehabt, während seiner Ausbildung zum Knappen, bei seinem Ritterschlag, bei all den Abenteuern, die er mit Geron und anderen erlebt hatte. Auch in der letzten Schlacht gegen die Urben, als er den großen Ikran Khan mit seinem Pfeil tötete, war das kleine Büchlein in seiner Gürteltasche gewesen. Egal wie weit er von Freital entfernt war, das kleine Buch mit den Gedichten, die einst sein Vater für ihn niedergeschrieben hatte, war ihm immer ein Stückchen Heimat, das er bei sich tragen konnte.
Seufzend stand er auf, um noch eine Scheite Holz auf das Feuer nachzulegen, das langsam kleiner wurde. Als das trockene Holz ins Feuer gelangte, loderte es sofort wieder auf und spendete erneut Wärme, in dieser sonst klaren und kalten Sommernacht in den südlichen Ebenen von Tandor. Wulf, der mit ihm am Feuer saß, nickte Arthur dankbar zu. Obwohl er in seinen wärmenden Mantel eingehüllt war, musste ihm die Kälte bestimmt besonders in die alten Knochen fahren. Außer ihnen beiden waren noch vier weitere Wachen eingeteilt, die jedoch um das Lager verteilt waren. Obwohl er als Ritter und Freiherr standesgemäß weit über seinen Männern stand, hatte er, trotz Protesten, darauf bestanden, sich wie alle an der Wache zu beteiligen. Es war mittlerweile zu einer Art Ritual geworden, dass er sich bei jeder Wacheinteilung ebenfalls einteilte, seine Männer dagegen protestierten, er jedoch darauf bestand. Das ging jeden Abend so, schon so lange er seine Männer anführte, und es würde wohl auch immer so weitergehen.
Er schaute in den Himmel hoch. Keine Wolke bedeckte das Sternenzelt, der Mond stand etwa auf Viertel, bald gab es Neumond. Er dachte an die Schlacht zurück, und die Tage in Celans Heer. Arthur wollte nicht wissen, wie viel Überwindung es den eitlen Herzog gekostet haben musste, um diese Hilfe aus Rethas zu bitten. Aber er würde genau wie Arthur wissen, dass es am Ende die Bogenschützen aus Rethas gewesen waren, die das Schlachtenglück für sich entschieden hatten.
Obwohl es nicht lang war, kam ihm die Zeit in Tandor wie eine Ewigkeit vor. Arthur war froh, dass die meisten Männer, die mit ihnen losgezogen waren, auch wieder heil nach Hause zurückkehren würden. Nur neunzehn waren gefallen, zwei davon waren schwarze Pfeile gewesen. Weitere neun waren verletzt immer noch in Tandor, diese würden aber in den nächsten Wochen auch wieder nach Hause zurückkehren können.
„Wie lange noch?“, fragte er Wulf. Arthur wusste nicht wieso, aber Wulf hatte so ziemlich das beste Zeitgefühl, das er jemals bei jemandem bemerkt hatte. Obwohl er sich natürlich freiwillig für die Wache gemeldet hatte, war Arthur doch froh, wenn er endlich noch ein paar Stunden Schlaf genießen konnte. Morgen würde wieder ein langer und anstrengender Tag werden, genau wie die letzten Tage. Er hatte sich entschieden, ein ambitioniertes Marschtempo anzuordnen. Einerseits wollten alle natürlich schnell nach Hause, andererseits war das Reisen in dieser Gegend alles andere als sicher. Obwohl sie das Hauptheer der Urben von Ikran Khan geschlagen hatten, gab es noch genug kleinere Stämme, die sich dem Kriegsherrn nicht angeschlossen hatten und noch immer marodierend durch die Länder zogen. Auch wenn er nicht glaubte, dass jemand eine solch starke Truppe wie die ihrige angreifen würde, wollte Arthur lieber sicher gehen und deshalb die Ebenen im südöstlichen Tandor möglichst schnell passieren. Er hatte sich auch dagegen entschieden, über die westlichen Straßen zu reisen, da dies einfach zu viel Zeit gekostet hätte. Den Preis, den sie jetzt dafür zahlen mussten, waren eben die kalten Nächte in den Ebenen und die anstrengenden Märsche am Tag.
„Nur noch wenige Minuten, du kannst die nächsten wecken gehen“, antwortete Wulf. Sie beide waren schon zu lange durch die Lande gezogen und hatten schon zu viel erlebt, als dass Wulf auf Höflichkeiten achten würde, die Arthur eigentlich zustanden. Ihm machte das nichts aus. Er erhob sich und streckte sich kurz. Endlich konnte er noch ein bisschen Schlaf finden. Er ging zwischen den Männern hindurch, die überall möglichst nah an verschiedenen Feuern lagen, und suchte die für die nächste Wache eingeteilten Soldaten.
Gerade erreichte er einen von ihnen, als er stockte. War da nicht etwas in der Nacht gewesen, das sich von dem Schnarchen der Männer und den knisternden Feuern abgehoben hatte. Er meinte ein leises Geräusch zu vernehmen, dass hier nicht ganz hinpasste. Ruhig stehend versuchte er die gewohnten Geräusche auszublenden und sich nur auf das zu konzentrieren, was hier nicht hingehörte. Ein leises Rauschen, wie ein Fluss. Er blickte auf den Boden. Ein kleiner Ast, der auf dem trockenen Boden lag, zitterte leicht. Pferdehufe, viele davon, das war es.
„Alarm!“, brüllte er und lief zu seinem Platz, wo sein Bogen lag. „Alarm! Wir werden angegriffen!“
Seine Rufe wurden erwidert und blitzartig standen die Männer auf, als Arthur die ersten Pferde auf einem kleinen Hügel erscheinen sah.
Seit dem Moment, als er aus der Burg wieder zu seinen Männern gekommen war, war er nicht länger Narthas, Sohn von Ikran, sondern Narthas Khan, Anführer der urbischen Stämme. Einzelne Stammesführer hatten versucht, sich gegen ihn aufzulehnen, warfen ihm vor, nicht alt und erfahren genug zu sein, um sie zu führen. Und sie bezeichneten ihn als einen Feigling, der sich vor den Valoren in den Staub geworfen hatte. Nachdem er dem ersten der Unruhestifter den Kopf abgeschlagen hatte, waren die anderen Stimmen verstummt. Er hatte sich so schnell seine Autorität und Machtposition gesichert, und somit ungewollt natürlich auch Herzog Celan gestärkt. Jedoch war sein Volk ehrenhaft in der Schlacht geschlagen worden, und dafür mussten sie jetzt den Preis zahlen. Das war nur recht und billig. Sofort hatte er sich mit seinen besten Männern aufgemacht, um den Auftrag, den ihm Herzog Celan gegeben hatte, auszuführen.
Seine Späher hatten schon an diesem Morgen den Feind ausgemacht. Dennoch wusste Narthas, dass er sich in Geduld üben musste. Die Truppe aus Rethas war alles andere als schwach. Man durfte sie auf keinen Fall unterschätzen, immerhin waren es diese Bogenschützen gewesen, die seinem Vater die empfindliche Niederlage beigebracht hatten. Wenn sie am Tag angreifen würden, dann konnten sie nur unterliegen, da man sie in den weiten Ebenen viel zu früh sehen würde. Sie mussten großen Abstand halten, um dann in der Nacht mit einem schnellen Schritt die Entfernung aufzuholen und sie im Schlaf überraschen. Narthas führte ebenso wie seine etwas über zweihundert Soldaten sein Pferd am Zügel. So machten die Hufe der Tiere auf dem Steppenboden kaum einen Laut. Glücklicherweise trugen auch die wenigsten Urben Metallrüstungen, die zusätzlichen Lärm verursachten. In diesem Schritt konnten sie dem Lager der Feinde bis auf eine geringe Distanz nahe kommen, ohne bemerkt zu werden, und dann zuschlagen. Auch der schwache Mond, der nicht viel Licht spendete, half ihnen in diesem Vorhaben.
Im Schatten der Nacht lief ein Mann auf Narthas Khan und seine Kolonne zu. Es war sein Späher, der die genaue Lage des Feindes hatte in Erfahrung bringen sollen.
„Sie lagern ungefähr einen halben Stundenritt entfernt, am Fuße eines kleinen Hügels an einem Waldrand. Wir müssen sie also schnell und gnadenlos erwischen, dass sie nicht im Wald entkommen können.“ Narthas nickte.
„Sind viele Wachen aufgestellt?“, fragte Zirgas der neben Narthas lief. Zirgas war nach der Schlacht ebenso wie Narthas durch den Tod seines Vaters zu dem Anführer eines Stammes geworden. Die beiden kannten sich schon seit Jugendtagen, und Zirgas war einer der ersten gewesen, der Narthas als neuem Kahn die Treue geschworen hatte. Narthas wusste, dass er sich blind auf ihn verlassen konnte, und war beruhigt, den Freund an seiner Seite zu wissen. Wie er hatte auch Zirgas die typischen schwarzen Haare der Urben, zudem trug er einen sauber gestutzten Bart.
„Einige Wachen um das Lager, die uns wohl auch irgendwann bemerken werden. Auf dem Hügel ist nur eine Wache. Wenn wir diese rechtzeitig beseitigen, dann werden sie uns noch später bemerken.“
Narthas nickte. „Kannst du das, ohne dass man dich sieht oder hört?“
„Natürlich, Khan, das gehört zu meinen besten Fertigkeiten.“
„Dann geh los. Ich verlasse mich auf dich. Wir werden, wenn wir kurz vor dem kleinen Hügel sind, aufsitzen.“, sagte er dann noch zu Zirgas und entließ den Späher mit einem Nicken, der daraufhin mit einigen schnellen und leisen Schritten wieder in der Dunkelheit der Nacht verschwand.
„Habt Ihr einen besonderen Plan, Khan?“ fragte ihn Zirgas, während sie weiterliefen.
„Ja, und du wirst dabei eine wichtige Rolle spielen. Ich werde mit meinen Reitern das Lager frontal angreifen. Ich denke, dass wir nicht auf viel Gegenwehr stoßen werden, jedoch befürchte ich, dass einige der Männer in diesen Wald fliehen wollen. Herzog Celan hat mir aufgetragen, die Truppe bis auf den letzten Mann zu vernichten. Deswegen wirst du mit deinen Reitern sofort abschwenken und den Valoren den Weg in den Wald abschneiden. Wenn alles wie geplant läuft, werden wir uns in der Mitte treffen und dem letzten der Hunde den Kopf von den Schultern schlagen.“
Zirgas nickte. Er war ebenso wie Narthas und alle anderen Urben darauf versessen, die zu töten, die einen so großen Anteil an der Schmach hatten, die das urbische Volk erlitten hatte. Natürlich waren alle wie Narthas über den Befehl des Herzogs verwundert gewesen, dessen eigene Landsleute zu töten, aber diese Verwunderung war schneller einer auf Rache hoffenden Erwartung gewichen. Nur Narthas konnte sich langsam ein Bild von Herzog Celan machen, das sich aus seiner Begegnung mit dem Herzog, dessen Befehl und den vielen Erzählungen seines Vaters über die Politik in Valorien zusammensetzte. Obwohl die beiden Völker doch so unterschiedlich waren, hatten auch die Valoren mächtige Herzoge, die nicht nur an der Treue gegenüber ihrem König, sondern auch ihrer eigenen Macht interessiert waren. Darin unterschieden sich die valorischen Herzöge nur kaum von den urbischen Stammesführern. Und beide brauchten eine starke Hand, die sie in die richtige Richtung lenkten. Narthas war eine solche starke Hand, in Valorien schien es aber daran gerade zu fehlen.
Mit erhobener Hand signalisierte Narthas seinen Männern, anzuhalten. Sie hatten während der letzten Minuten komplett geschwiegen, Disziplinlosigkeit gab es in den Reihen der Urben nicht. Dann stieg er in den Sattel, und mit ihm alle anderen Urben. Viele der Soldaten legten die ersten Pfeile auf ihre Bögen auf. Narthas trug keinen Bogen. Für ihn gehörte es sich für einen Anführer nicht, einen Bogen im Krieg zu führen. Obwohl es natürlich eine gute und mächtige Waffe war. Dennoch musste für ihn ein wahrer Anführer einen Speer oder einen Säbel tragen, und so tat er dies auch. Als alle Urben aufgesessen waren, verharrte Narthas noch einen Moment. Offensichtlich waren sie noch nicht entdeckt worden, denn er hörte nichts aus dem Lager der Valoren. Der Späher hatte seine Aufgabe gut erledigt. Dann gab er das Signal zum Angriff und die Pferde setzten sich in Bewegung, trabten langsam los, und fielen dann in einen schnellen Galopp, in dem sie über die Hügelspitze preschten.
Arthur legte den ersten Pfeil auf und feuerte ihn auf die anstürmenden Urben. Es war keine Zeit für eine ordentliche Formation, es war keine Zeit für klare Befehle, für viele war nicht mal mehr genug Zeit aufzustehen, bevor die Urben sie erreichten.
Der Ritter musste mit Grauen anschauen, wie die ersten seiner Männer ohne große Gegenwehr abgeschlachtet wurden. Reitersäbel sausten herunter, spalteten Schädel und schlitzen Körper auf, Pfeile flogen und trafen ihr Ziel, und Arthur konnte nur machtlos dastehen und zusehen. Kurz keimte in ihm Verzweiflung auf, als er wie aus einer Trance erwachte und versuchte, die Situation möglichst klar zu analysieren. Die anstürmenden Reiter hatten sie voll getroffen, es waren wohl etwas über einhundert Mann. Auch wenn sich langsam erste Gegenwehr formierte, auch erste rethanischen Pfeile ihre Ziele trafen, war der Versuch diesen Gegner in dieser Situation abzuwehren wohl doch vergeblich. Arthur sah einen Urben, der auf einen jungen rethanischen Bogenschützen zustürmte. Blitzschnell zog er den Bogen aus, legte kurz an, und feuerte. Von der Wucht des Pfeiles wurde der Urbe aus dem Sattel gerissen und blieb am Boden liegen.
Arthur schaute sich um. Er sah den Wald. Dies war wohl die einzige Möglichkeit, dieser Hölle zu entfliehen. Ansonsten war die Situation aussichtslos. In dem flachen, ebenen Gelände würden sie niemals gegen diese schnellen Reiter fliehen können. Nur im Wald konnten sie sich verstecken. Arthur wollte gerade Richtung Wald loslaufen, als er erkannte, dass auch der Feinde diese einzige Fluchtmöglichkeit bemerkt hatte. Eine weitere Truppe von Reitern ritt am Waldrand entlang auf ihr Lager zu, um sich zwischen den Rethaner und den Wald zu schieben. Es waren weniger als die Hauptgruppe, vielleicht die halbe Stärke, dennoch waren es viele, besonders für einen solch unorganisierten Haufen, wie ihn Arthurs Soldaten gerade darstellten.
„Schwarze Pfeile zu mir!“ brüllte er über den Lärm der Schlacht und sofort fanden sich seine Truppen bei ihm ein. Auf diese Männer konnte er sich immer verlassen. Auch wenn den anderen Rethanern wohl schon längst der Mut geschwunden war, die Schwarzen Pfeile würden tapfer und treu bleiben bis zum letzten Tropfen Blut.
„Pfeile!“ rief er und alle machten ihre Bögen schussbereit, soweit das noch nicht geschehen war. Von den fünfzig Männern waren die meisten an Arthur Seite. Sie hatten näher am Wald gelagert und waren so dem ersten verheerenden Angriff größtenteils entgangen.
„Die erste Salve auf die vorderen Pferde, die zweite Salve auf die Reiter.“ Arthur legte wie alle Soldaten neben ihm auf die anreitenden Urben an. Er blickte sich noch einmal um, und sah, dass die restlichen rethanischen Bogenschützen zum größten Teil verloren waren. Dann blickte er wieder nach vorne und ließ den Pfeil los.
Die erste Salve der Schwarzen Pfeile beendete den Ansturm der Reiter, die ihnen den Weg abschneiden sollten, abrupt. Die meisten der vordersten Pferde brachen sofort ein und rissen ihre Reiter mit. Die dahinter reitenden Urben konnten nicht mehr ausweichen und es entstand ein Chaos von am sich am Boden windenden Pferdeleibern, Urben, die sich in Sicherheit bringen wollten und weiteren panisch trampelnden Pferden, die von hinten folgten. Die Urben hatten kaum Zeit sich von der ersten Salve zu erholen, als schon die zweite den Tod diesmal über die Reiter brachte. Die Zielsicherheit der Schwarzen Pfeile, die in Freital schon seit Kindesbeinen das Schießen lernten, war sowohl bemerkenswert, als auch beängstigend.
Arthur sah mit großer Zufriedenheit, dass der von ihm geplante Schlag vollkommen erfolgreich war. Dennoch war noch keinerlei Zeit für Hochgefühle. Die Hauptmacht des Feindes saß ihnen immer noch im Nacken und sie waren noch lange nicht in Sicherheit.
„Jorgen, zwanzig Mann, versuch uns den Rücken möglichst frei zu halten. Hagen, fünf Mann, sieh zu, so viele wie möglich in den Wald zu bringen. Der Rest, folgt mir. Wir müssen den Weg noch frei machen.“ Nachdem Arthur die weiteren Befehle gegeben hatte, hängte er sich seinen Bogen um und zog sein Schwert. Die Klinge glitzerte im nur schwachen Mondlicht. Zusammen mit den schwarzen Pfeilen und einigen Rethaner lief er auf die restlichen Urben zu, um sich den Weg in den Wald freizukämpfen. Er konnte nur hoffen, möglichst viele der Rethaner retten zu können. Vor kurzem war er noch froh gewesen, so viele Männer lebend aus der Schlacht geführt zu haben, und nun dieses Drama. Rethas würde an diesem Tag viele gute Söhne verlieren, dessen war er sich sicher.
Narthas parierte den Hieb einer Axt, die sein Bein treffen sollte, mit seinem Säbel und verhakte die Waffe des Feindes. Mit einem kräftigen Tritt auf die Brust des Mannes stieß er ihn dann zu Boden. Er zog kräftig an seinen Zügeln und ließ sein Pferd ein bisschen wenden, um es dann mit einem weiteren Zug aufbäumen zu lassen. Er erkannte noch den Schrecken in den Augen des am Boden liegenden Feindes, bevor sich die Hufe kraftvoll auf diesen herabsenkten. Das knirschende Geräusch des Schädels hörte Narthas trotz des Schlachtenlärms.
Obwohl sich erster Widerstand formiert hatte war wirklich alles nach Plan gelaufen. Die Valoren waren völlig überrumpelt gewesen und hatte keine Chance auf Gegenwehr gehabt. Die paar Männer, die sich noch statt wegzulaufen verzweifelt wehrten, waren nicht der Rede wert. Bis gerade war er in eigene Kampfhandlungen verwickelt gewesen, wie es sich für einen Anführer der Urben gehörte, deswegen wollte sich jetzt Narthas erstmal ein genaueres Bild der Lage machen. Er sah, wie die geschlossene Linie seiner Reiter den Feind komplett aufgerieben hatte. Hier und dort gab es noch kleine Kämpfe, aber die meisten Urben setzten schon Flüchtenden hinterher. Einige durchsuchten auch schon das Hab und Gut des Feindes nach sich lohnendem Plündergut. Mit Freude erkannte er auch, dass Zirgas mit seinen Reitern dem kleinen Haufen, der sich gerade formierte, den Weg in den Wald abschneiden würde. Er nickte zufrieden, als er erkannte, dass dieser Haufen schon deutlich besser formiert war, als er auf den ersten Blick gesehen hatte. Mit Schock erkannte er, wie die Reihen von Zirgas Reitern durch die Pfeilhagel gebrochen wurden. Er richtete sein Pferd in die Richtung.
„Angriffsformation! Wir müssen unseren Brüdern helfen!“, rief er und preschte los, neben ihm seine Reiter, die sich nur etwas verzögert dem Feind zuwandten. Kaum jemand hatte noch mal mit echter Gegenwehr gerechnet. Narthas konnte Zirgas nicht erblicken. Er durfte nicht hier fallen, zu wichtig war dieser Freund für seine Vorhaben, die er als Khan der Urben hatte.
Der erste Feind, den Arthur erreichte, hatte sich noch nicht richtig vom Boden aufgerappelt, als Arthurs Schwert auf ihn niedersauste. Gerade rechtzeitig konnte der Urbe noch den Säbel hochreißen, um den kräftigen Schlag des Ritters abzuwehren. Funken schlugen als Stahl auf Stahl traf und der Säbel zitterte bedenklich. Arthur ließ seinem Gegner keine Zeit durchzuatmen und setzte sofort nach. Mit einigen schnellen Schlägen von der Seite drängte er den Urben zurück. Gerade wollte sich dieser aus der Defensive lösen, als er über ein hinter ihm liegendes Pferd stolperte. Er konnte gerade noch das Gleichgewicht wahren, als sich Arthurs Schwert in seine Brust bohrte. Blitzschnell zog der Ritter das Schwert aus dem leblosen Leib seines Feindes und sah zu zwei Gegnern, die auf ihn zustürmten. Sein Blut geriet in Wallungen, jede Faser seines Körpers war angespannt. Er spürte wieder das Gefühl in einem wahren Kampf zu sein. Das Bogenschießen war etwas völlig anderes, distanzierter, feiner, eher eine Kunst. Der Schwertkampf dagegen war körperliche Anstrengung, es kam auf Schnelligkeit des Körpers und des Geistes an. Jeder Kampf mit der Klinge erinnerte Arthur an seine zahlreichen Trainingsstunden mit seinem Freund Geron, den er aber meistens im Nahkampf nicht hatte schlagen können. Zu gut waren die Lehrer seines Freundes gewesen, zu groß sein Talent.
Er ließ den ersten Urben an seiner Klinge abgleiten und ins Leere laufen. Mit einem kräftigen Ruck zog Arthur sein Schwert in die Höhe und schnitt damit den Leib des Gegners auf, der zu Boden sank. In der gleichen Bewegung parierte er den nächsten Gegner und wandte sich dann zum Angriff. Zwei Schläge parierte der Urbe, dann fiel er auf eine Finte von Arthur herein, was sich als tödlicher Fehler herausstellte. Das Schwert des Ritters fuhr tief in den Hals des Mannes hinein. Blut spritzte und benetzte Arthurs Gesicht. Auch seine Arme waren rot gefärbt. Bisher war es glücklicherweise noch nicht sein eigenes Blut gewesen.
Er blickte sich schnell nach links und rechts um. Es stand gut für sie, die meisten Urben waren auf den schnellen Gegenangriff nicht gefasst gewesen. Nur noch wenige saßen im Sattel. Gerade wollte er sich noch mal genauer umschauen, als ihm sein nächster Gegner entgegentrat. Sofort erkannte Arthur den Unterschied zu den anderen Feinden. Die Rüstung des Mannes war deutlich stärker, verschiedene Schmuckstücke und seine Kleidung verrieten, dass es sich um einen Anführer oder zumindest um einen sehr reichen Urben handeln musste. Arthur hob sein Schwert in eine Paradehaltung. Er wollte zuerst sehen, was sein Gegner konnte und machte. Dieser umkreiste Arthur auch und blickte ihm dabei tief in die Augen. Und unbändiger Hass sprach aus den Augen des Urben. Dann griff er an. Er ließ seinen Säbel tanzen und führte eine Reihe von blitzschnellen Schlägen hintereinander aus. Wie Arthur vermutet hatte, war dieser Gegner von einem anderen Kaliber als die anderen. Nur mit Mühe konnte er alle Schläge seines Feindes parieren. Gerade meinte er eine Lücke zu erkennen, als die Klinge des Feindes erneut hervorschnellte. Arthur versuchte sich noch rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, aber die Klinge erwischte seinen linken Arm, zerfetzte den Stoff und hinterließ eine Wunde, keine Tiefe, aber sie brannte außerordentlich. Mit einem Sprung nach hinten brachte sich Arthur in Sicherheit und atmete erstmal tief durch. Er blickte seinem Gegner wieder in die Augen, aus denen dieser alles zerfressender Hass sprach.
