Kitabı oku: «Traum oder wahres Leben», sayfa 2
›Sie geben aber auch keine Ruhe. Nun gut, ich werde versuchen, Ihnen die Situation zu erklären.‹
Er schaute sich kurz um, nickte zufrieden und sagte dann:
›Der zweitälteste Sohn des Fürsten wurde bis vor einem Jahr behandelt, wie es ihm zukommt. Er erhielt eine hervorragende Ausbildung und hatte alle Privilegien, die einem Sohn und Nachfolger des Provinzfürsten zustehen. Seine kämpferische Ausbildung oblag mir, und er war ein hervorragender Schüler, der mir am Ende fast gewachsen war. Doch all diese Dinge machten ihn überheblich, arrogant und herrschsüchtig. Er erkannte seine Grenzen nicht mehr und überschritt ständig seine Befugnisse. Nach Date Masamunes Tod soll er der neue Daimyo werden, und dann hätte ein solches Verhalten schwerwiegende Folgen. Die Provinzfürsten sind auf Gedeih und Verderb dem Shogun verpflichtet. Sie haben seit einiger Zeit nur noch eingeschränkte Rechte, viele Pflichten, und ihr Leben gehört dem Shogun. Unterwerfung diesem gegenüber ist oberstes Gebot. Der Sohn des Fürsten begann sich für unantastbar zu halten, und sein Leben wäre am Hofe des Shogun sicherlich bald verwirkt gewesen. Als sich Date Tadamune immer öfter in Schwierigkeiten brachte, erbat der Fürst vom Shogun, seinen Sohn als einfachen Soldaten in eine Truppe unter meinem Kommando zu stellen und nach Sendai, zur Burg des Fürsten, zu schicken. Da Date Masamune ein treu ergebener Diener des Shogun ist, wurde ihm dies gestattet. Offiziell handelte es sich um eine Bestrafung durch den Shogun für unangemessenes Verhalten. Keinem außer dem Fürst, dem Shogun, mir und jetzt Ihnen sind die wahren Hintergründe bekannt. Nur eine Bedingung gab es: Der Fürst musste diese Reise hier planen und antreten.‹
Ich sah ihn erstaunt an, und er beeilte sich, seine Worte genauer zu erklären:
›Nicht diese hier nach Shaolin, sie wurde nur wegen der Neugierde des Fürsten unternommen, der sehr viel über die Shaolin-Kämpfer am Kaiserhof gehört hatte. Nein, die Reise an den chinesischen Kaiserhof.‹
Da ich ihn immer noch fragend ansah, fuhr er mit seinen Erklärungen fort:
›Mehr kann ich darüber jetzt nicht sagen, nur eins noch: Der Shogun beauftragte Date Masamune damit, weil schon einmal ein Gefolgsmann von ihm eine diplomatische Reise angetreten hatte. Hasekura Tsunenaga war im Auftrag des Shogun bis nach Mexiko und Europa gereist. Der Shogun vertraut nun darauf, dass Date Masamune das gleiche Geschick bei dieser diplomatischen Mission an den Tag legen wird. Außerdem weiß er, dass ich als sein Gefolgsmann mit dabei bin und Date Masamune sich durch meine Chinesischkenntnisse nicht auf einen fremden Dolmetscher verlassen muss.‹
Ich horchte auf. Hier gab es eine Verbindung zu Europa, und obwohl es eine ganz andere Epoche war, hatte ich plötzlich ein seltsames Gefühl. Ich war neugierig geworden und begierig, mehr darüber zu erfahren, doch vorerst ergab sich diese Gelegenheit nicht. Der Samurai fuhr aber mit seinen Erklärungen fort.
›Bevor wir diese Reise antraten, war es mir gelungen, den Sohn des Fürsten ein wenig zur Ruhe zu bringen. Es fiel ihm schwer, sich unterzuordnen, doch er hatte keine andere Wahl. Ich denke, dass sein Vater im richtigen Moment die richtige Entscheidung getroffen hat. Er wollte ihn Demut lehren. Ihm zeigen, dass auch er sich in bestimmten Situationen unterwerfen muss, dass auch ihm Grenzen gesetzt sind und Willkür und Hochmut schnell zum Verderben werden können.‹
Ich dachte über das eben Gehörte nach. Zum Teil konnte ich den Fürsten verstehen, aber mich irritierte, dass er sich immer noch so abweisend verhielt und seinem Sohn nicht zeigte, wie sehr er ihn eigentlich liebte.
›Einiges kann ich nun besser verstehen, doch warum schließt er jetzt immer noch keinen Frieden mit ihm und verheimlicht ihm, wie besorgt er war?‹
›Zum einen ist er der Meinung, dass es noch zu früh dazu ist. Zum anderen ist das eine Eigenschaft unseres Volkes und unseres Standes. Es ist nicht so einfach, seine Gefühle einem anderen gegenüber zu zeigen, ohne dabei sein Gesicht zu verlieren, und ich würde Ihnen raten, mit dem Fürst vorläufig nicht darüber zu sprechen. Date Masamune ist ein Tozama-Daimyo, der aber ein hohes Ansehen beim Shogun genießt. Er ist also ein relativ unabhängiger Fürst, und um diese Stellung zu wahren und in den folgenden Generationen weiter auszubauen, müssen auch seine Söhne über jeden Tadel erhaben sein. Ich kann nicht sagen, was mich bewogen hat, Ihnen das alles zu erzählen, doch Sie können sicher sein, dass es mein Ansehen beim Fürsten gewaltig untergräbt, wenn er davon erfährt.‹
Ich versprach ihm, darüber zu schweigen. Er war auch deshalb relativ beruhigt, da ich durch die Unkenntnis der japanischen Sprache im Moment sowieso nur über ihn mit dem Fürst sprechen konnte.
Als wir wieder im Lager angekommen waren, gesellte ich mich zu Wang Lee und Liu Shi Meng, doch vorläufig herrschte nur Schweigen. Ich hing meinen Gedanken nach, und die beiden merkten, dass mich etwas beschäftigte.
Ich machte mir Gedanken über das Verhalten des Fürsten und fragte mich, ob es wirklich der richtige Weg war, seinen Sohn zu erziehen. Aber anscheinend hatte er damit einen gewissen Erfolg. Außerdem war es ein anderes Land mit anderen Sitten, daher konnte ich meine Maßstäbe nicht bei ihnen anlegen. Mir hatte der Wehrdienst auch geholfen, selbständig und verantwortungsbewusst zu werden. Da man das hier fast genauso werten konnte, blieb nur das gespannte Verhältnis zwischen Vater und Sohn. Aber ich hatte auch die Liebe und Sorge unter der rauen Schale bemerkt, und so schien das Ganze nach außen schlimmer zu sein, als es war.
Inzwischen hatten sich Wang Lee und Liu Shi Meng über die letzten Ereignisse unterhalten, und die letzten Worte Liu Shi Mengs ließen mich aufhorchen.
›Ich bin der Meinung, wir sollten so schnell wie möglich hier verschwinden. Meiner Ansicht nach war die Aktion gut geplant und kein zufälliger Überfall von einer einzelnen Banditengruppe. Wenn bemerkt wird, dass sie ihr Ziel nicht erreicht haben, kommen vielleicht noch andere, und dann haben wir keine Chance mehr!‹
Da ich durch mein tiefes Nachsinnen nichts vom vorhergehenden Gespräch mitbekommen hatte, fragte ich nach:
›Wie kommst du denn darauf?‹
›Ich kann es dir nicht erklären, aber ich habe kein gutes Gefühl hier. Mag sein, dass es an diesem Ort mit den noch sichtbaren Kampfspuren liegt, wie Wang Lee meint, doch ich finde, wir sollten von hier verschwinden!‹
›Wo willst du hin, ins Kloster können wir die Verwundeten nicht schaffen, das ist zu weit, und einige von ihnen würden diesen langen Transport sicher nicht überleben‹, fiel Wang Lee ein.
›Na ja, vor einigen Jahren war mal ein alter Mann im Kloster. Er wollte Medizin für seine kranke Tochter von Han Liang Tian erbitten, doch der Abt ist damals gleich selbst mitgegangen und hat sie gesund gepflegt. Als er zurückkam, hat er uns erzählt, dass er noch nie von diesem kleinen Dorf hier oben in den Bergen gehört hatte und dass es sicherlich auch nicht so schnell von jemand gefunden würde. Wenn ich mich recht an seine Ortsbeschreibung erinnere, dürfte nicht weit von hier ein schmaler Weg in die Berge abzweigen, und etwas versteckt in einem Seitental stehen sechs oder sieben Hütten.‹
›Sechs oder sieben Hütten!? Liu Shi Meng, wo sollen wir denn da mit all den Verletzten unterkommen? Die Leute hier in den Bergen haben meist gerade mal genug Platz für sich selbst, sie leben schon auf engstem Raum, da ist niemals Platz für uns alle.‹
›Ist schon richtig, aber wo willst du sonst hin. Selbst wenn niemand mehr hierher kommt, auf dieser Wiese können wir die Verletzten niemals gesund pflegen.‹
›Da hast du schon recht‹, sagte ich nachdenklich. ›Und selbst wenn wir in den Hütten der Bergbauern nicht unterkommen, könnten wir dort sicherlich besser ein provisorisches Lager einrichten als hier. Weißt du genau, wo dieses Dorf liegt?‹, fragte ich Liu Shi Meng.
›Nein, nicht genau. Doch ich würde morgen früh so zeitig wie möglich aufbrechen und danach suchen. Ihr müsst sowieso auf die anderen warten, und erst dann können wir von hier verschwinden. Bis das so weit ist, werde ich das Dorf sicher gefunden haben.‹
Da uns nichts Besseres einfiel, einigten wir uns auf Liu Shi Mengs Vorschlag, und nachdem wir noch einmal nach den Verwundeten gesehen hatten, gingen wir zur Ruhe.
Die Nacht verlief ruhig, und am Morgen kümmerten wir uns als Erstes um die Verwundeten. Der Zustand von zwei der Verletzten erschien mir recht kritisch. Ich beriet mich mit Wang Lee, und auch er war der Meinung, dass die beiden schnellstens Hilfe benötigten.
Einer von ihnen hatte eine klaffende Wunde am Hals und sehr viel Blut verloren. Die Blutung hatten wir zwar stillen können, doch er war durch den hohen Blutverlust so schwach, dass wir um sein Leben bangten. Der andere hatte eine Bauchwunde, und um ihn sorgten wir uns eigentlich noch mehr, da wir nicht wussten, ob auch innere Organe verletzt waren. Wir hatten zwar in Ermangelung anderer Hilfsmittel die Wundränder mit dem Verband fest zusammengepresst, doch würde das reichen? Keiner von uns hatte Erfahrung in der Behandlung solcher Verletzungen.
Der Daimyo bemerkte unsere Sorge und kam mit dem dolmetschenden Samurai zu uns.
›Der Fürst Date Masamune möchte wissen, wie es um die Verletzten steht.‹
Ich stand auf und antwortete, den Fürst dabei anschauend:
›Den Verwundeten geht es so weit gut, nur um diese beiden hier machen wir uns Sorgen. Wir sind keine Heiler, und uns fehlt die Erfahrung in der Behandlung solcher Wunden. Doch die Hilfe aus dem Kloster müsste heute im Laufe des Tages eintreffen, und wir hoffen, dass es dann noch nicht zu spät ist.‹
Der Daimyo sah auf die beiden herunter, nickte, und der Samurai übersetzte uns dann seine Worte:
›Date Masamune sagt: Es sind gute und starke Männer, sie werden so lange durchhalten wie nötig, und wenn es so weit ist, werden sie gehen, ohne zu klagen.‹
Ich sah mir den Fürst genauer an, denn er verwirrte mich immer wieder. Auf der einen Seite wirkte er besorgt und aufmerksam seinen Männern gegenüber, doch nach außen schien er über diesen Dingen zu stehen. Es sah immer so aus, als dürfte keiner sehen, dass in diesem harten Mann auch ein weicher Kern steckte. Dieser Eindruck wurde noch durch sein Äußeres verstärkt, denn ihm fehlte das rechte Auge. Im Kloster hatte er eine Augenklappe getragen, doch jetzt sah man die verwachsene leere Augenhöhle, während das andere Auge aufmerksam alles um sich herum im Blick behielt. Später erfuhr ich, dass er das Auge durch eine schwere Erkrankung verloren hatte, aber er förderte auch andere Gerüchte. Diese und seine Ausstrahlung trugen dazu bei, dass er den Spitznamen einäugiger Drache erhalten hatte.
Währenddessen hatte der Fürst weiter gesprochen, und der Samurai übersetzte gewissenhaft seine Worte:
›Date Masamune möchte wissen, wie es weitergehen soll. Er findet den Platz hier nicht gut und möchte so schnell wie möglich diesen Ort verlassen.‹
Also hatte nicht nur Liu Shi Meng ein schlechtes Gefühl.
›Wir haben uns auch schon darüber unterhalten, und Liu Shi Meng möchte gerne ein Dorf suchen, das hier ganz in der Nähe sein muss‹, antwortete ich.
Der Daimyo nickte und gab zu verstehen, dass er so schnell wie möglich weiter möchte. Nachdem ich ihm erklärt hatte, dass wir wenigstens die Hilfe vom Kloster abwarten müssten und dass wir die Verletzten auch nicht sehr weit transportieren könnten, ging er missmutig davon.
Der Samurai war bei uns geblieben, und nachdem der Fürst außer Hörweite war, sagte er:
›Sie müssen Date Masamune verstehen, er macht sich Sorgen um unsere Sicherheit. Außerdem unternahmen wir diesen Abstecher ins Kloster nicht im Auftrag des Shogun. Wenn seine Mission jetzt deshalb gefährdet ist, könnte das seine Stellung sehr negativ beeinflussen. Er macht sich Vorwürfe, dass er diese Reise angetreten hat, denn das eigentliche Ziel war schon erreicht.‹
›Ich kann das ja verstehen, doch es ist nun einmal geschehen, und wir müssen sehen, dass wir das Beste daraus machen. Liu Shi Meng wird aufbrechen und nach dem Dorf suchen. Ich möchte aber mit Wang Lees Hilfe versuchen, diesen beiden Verletzten noch ein wenig Kraft zu geben, damit sie durchhalten, bis die anderen eintreffen.‹
Der Samurai und auch Wang Lee, mit dem ich noch nicht darüber gesprochen hatte, sahen mich erstaunt an.
›Was hast du vor? Du willst doch nicht etwa dasselbe versuchen wie damals Han Liang Tian bei Hu Kang?‹
›Doch, warum nicht? Schlimmer können wir es nicht machen, denke ich.‹
›Das weißt du nicht! Wir haben es noch niemals getan, und Han Liang Tian hat diese Fähigkeiten nur im äußersten Notfall angewendet.‹
›Ich weiß, aber ich habe Angst, dass die beiden uns wegsterben, bis Hilfe da ist.‹
Der Samurai war neugierig geworden und unterbrach uns.
›Darf ich erfahren, was Sie vorhaben und warum Sie nicht sicher sind, ob Sie es anwenden dürfen?‹
Ich sah Wang Lee an, und dieser zuckte die Schultern mit einem Blick, der sagte: Nun sieh zu, wie du da wieder rauskommst, ich hab nicht davon angefangen. Ich entschloss mich, dem Samurai meine Absicht so gut wie möglich zu erläutern.
›Es besteht die Möglichkeit, anderen Kraft zur Heilung zu geben, doch es gehört ein sehr starkes Chi dazu. Wir beide haben es noch nicht ohne Hilfe praktiziert. Ich habe zwar einmal an einer solchen Sitzung teilgenommen, aber unaufgefordert und nur durch die Hilfe eines in diesen Dingen sehr erfahrenen Mannes meine Kraft beisteuern können. Wir wissen also, wie es funktioniert, doch uns fehlt die Erfahrung.‹
›Ich verstehe nicht, warum Sie sich scheuen, es zu versuchen? Ich habe schon viele verwundete Männer gesehen, und diese beiden hier haben ohne sofortige Hilfe keine Hoffnung zu überleben. So viel kann ich nach meinen Erfahrungen einschätzen. Also versuchen Sie, was ihnen möglich ist, auch wenn es eine mir noch unbekannte Gefahr bergen sollte. Meiner Ansicht nach können Sie es nicht schlimmer machen.‹
Ich dachte genauso und sah Wang Lee fragend an.
›Wenn du meinst, dann versuchen wir’s, obwohl ich Zweifel habe!‹
›So wird’s aber nichts, Wang Lee. Wenn du Zweifel hast, kannst du nicht deine ganze Kraft beisteuern, und wir sind von vornherein zum Scheitern verurteilt. Du musst an die Möglichkeit glauben und die ganze Kraft deines Chi nutzen!‹
›Ich weiß! Lass mich einen Augenblick meditieren, um mich auf diese Aufgabe einzustimmen.‹
Ich nickte ihm zu und gedachte, das Gleiche zu tun. Beide ließen wir uns nieder und konzentrierten uns auf die bevorstehende Aufgabe, doch zuvor bat ich den Samurai, dafür zu sorgen, dass wir nicht gestört wurden. Er nickte und positionierte sich so, dass er sowohl uns als auch alle anderen im Blick hatte.
Inzwischen waren wir in tiefer Meditation versunken. Nach einiger Zeit öffnete ich die Augen, denn ich hatte das Gefühl, dass Wang Lee so weit war, und richtig, er schaute mich mit einem entspannten und konzentrierten Blick an.
Da wir gleich neben dem Mann mit der Halswunde saßen, nahmen wir uns diesen als Ersten vor. Wie ich es damals bei Han Liang Tian gesehen hatte, legte ich meine Hände auf Stirn und Brust des Verletzten, und Wang Lee legte die seinen auf meine. Nun konzentrierten wir unsere ganze Kraft in den Wunsch, dem Schwachen Energie von uns zu geben. Ich versuchte es auf die gleiche Art, wie ich es damals an Hu Kangs Krankenlager wahrgenommen hatte, und dachte im Gleichklang mit Wang Lee:
›Nimm diese Kraft von uns, nutze sie zu deiner Heilung! Nimm so viel, wie du brauchst, um wieder gesund zu werden! Wir geben dir gerne, was wir geben können! Nimm von uns, um deinen Körper zu heilen und die Kraft zu finden, dass dein Herz weiterschlägt. Dass deine Lunge weiterarbeitet und dein Körper das verlorene Blut wieder ersetzt.‹
Bei diesen Gedanken versuchte ich mich in den Körper des Verletzten hineinzuversetzen und dabei zu erkennen, wo die Hilfe am notwendigsten war. Nach einiger Zeit gelang es mir fast so gut wie in meinem eigenen Körper, und ich erkundete die betroffenen Stellen. Die Wunde am Hals würde wieder heilen, auch wenn Sehnen und Muskeln verletzt waren und der Hals vielleicht bis zu einem gewissen Grad steif bleiben würde. Ich erkannte auch die Ursache für seinen röchelnden Atem. Er hatte Blut verschluckt und einiges davon in seine Atemwege bekommen. Aber sein Körper war zu schwach, um das Blut wieder hinauszubefördern.
Ohne meine bisherigen Gedanken zu unterbrechen, fügte ich ihnen noch den Befehl hinzu, die Atemwege wieder frei zu machen. Das kostete mich und Wang Lee sehr viel Kraft, und ich versuchte wie damals Han Liang Tian, Energie aus meiner gesamten Umwelt aufzunehmen.
Katakura Shigenaga, der Samurai, der als Dolmetscher fungierte und nun dafür sorgen sollte, dass wir nicht gestört wurden, beobachtete erstaunt, was vorging. Mutete ihn die Handlungsweise auch seltsam an, so spürte er doch die Kraft und Energie, die uns wie eine Aura umgab. Er bemerkte, wie sich unser ganzer Körper straffte und sich alle Muskeln und Sehnen bis zum Zerreißen spannten, doch bis auf das leichte Zittern der Hände und Zucken im Gesicht war nichts Äußerliches sichtbar. Gebannt beobachtete er uns, und Date Masamune sah er erst, als dieser uns fast erreicht hatte. Schnell sprang er auf und verneigte sich vor ihm.
Immer noch verstimmt wegen des Aufenthalts an diesem ungünstigen Ort, fragte der Daimyo gereizt:
›Was geht hier vor?‹
›Mein Fürst, bitte stören Sie diese beiden nicht, sie wollen versuchen, dem Verletzen bei der Heilung zu helfen.‹
›So? Wie soll das gehen?‹
›Ich weiß es nicht genau, doch sehen Sie, es scheint sich etwas zu tun.‹
Der Verletzte hustete und würgte, und sein Gesicht wurde puterrot vor Anstrengung. Den beiden Beobachtern wurde angst, denn sie fürchteten um das Leben des Mannes. Date Masamune war drauf und dran, unsere Aktion abzubrechen, als der Verletzte spuckend das Blut aus den Atemwegen würgte. Der Fürst stockte mitten in der Bewegung und wartete ab, was weiter geschehen würde.
Der Verwundete schien schon freier zu atmen. Nachdem sich dieser Vorgang mehrfach wiederholt hatte, sank der Mann gleichmäßig atmend zurück. Seine Haut nahm eine gesündere Farbe an, und als wäre er in einen heilenden Schlaf gefallen, atmete er ruhig ein und aus.
Katakura Shigenaga beobachtete uns gebannt und erwartete jeden Augenblick, dass wir uns erheben würden, als das nicht geschah, wandte er sich wieder dem Fürsten zu:
›Anscheinend haben sie Erfolg gehabt. Warum und wie lange sie jetzt noch fortfahren, kann ich aber nicht sagen.‹
›Wir werden sehen, doch ihr Wortführer scheint kein Chinese zu sein. Ich habe das damals im Kloster schon gedacht, weil er da aber immer mit den Mönchen zusammen war, mich nicht weiter darum gekümmert. Irgendein Geheimnis umgibt ihn, und seine Ausstrahlung ist sehr groß. Ich möchte, dass du ihn darauf ansprichst, wenn sie das hier beendet haben.‹
›Ja mein Fürst!‹, sagte der Samurai und schaute dem Daimyo hinterher, der sich wieder zu den anderen begab.
Von alldem hatten wir nichts mitbekommen, und erst später hat mir Katakura Shigenaga davon erzählt. Uns war aber nicht entgangen, dass wir eine Wirkung erzielt hatten. Nun wollten wir dem Mann noch Energie für die weitere Heilung mitgeben und konzentrierten uns auf die anfänglichen Gedanken.
Erst geraume Zeit später verständigte ich mich in Gedanken mit Wang Lee, und wir öffneten die Augen. Wir sahen nicht nur, dass es dem Verwundeten besserging, wir hatten es auch gespürt. Erfreut über den Erfolg, standen wir auf.
In diesem Augenblick merkten wir, wie viel Kraft uns diese Aktion gekostet hatte. Wang Lee taumelte einige Schritte zur Seite, und ich musste die Augen schließen, da sich alles zu drehen begann. Erst nach einer Weile konnte ich sie wieder öffnen, und auch Wang Lee kam, ein wenig blass, wieder zur Ruhe. Katakura Shigenaga war in der Zwischenzeit zu uns herangekommen und fragte nun:
›Ist es so erfolgreich verlaufen, wie Sie gehofft hatten?‹
›Allem Anschein nach, ja. Für den Augenblick ist die Gefahr gebannt, wie sich sein Zustand weiterentwickelt, kann ich aber nicht sagen.‹
›Versuchen Sie es jetzt auch bei dem anderen?‹
›Ich denke, so schnell geht das nicht! Wir müssen selbst erst einmal wieder Kraft schöpfen. Es hat uns mehr angestrengt, als ich dachte. Bitte gönnen Sie uns ein wenig Ruhe, bevor wir uns um den Zweiten kümmern.‹
Der Samurai nickte und kniete sich bei dem Mann nieder, um den wir uns gerade bemüht hatten.
Da ich mich mit Wang Lee auch ohne Worte verständigen konnte, genügte ein kurzer Blick, und wir suchten uns eine ruhige Stelle, um zu meditieren. Ich ließ mich vollkommen fallen und konzentrierte mich nur darauf, so schnell wie möglich wieder zu Kräften zu kommen.
Als ich mich einige Zeit später, die Sonne hatte inzwischen fast ihren höchsten Stand erreicht, wieder erhob, merkte ich schnell, dass die verbrauchte Energie noch nicht wieder vollständig aufgefüllt war. Wang Lee ging es nicht anders, und nun machten wir uns Sorgen, ob unsere Kraft reichen würde, um dem zweiten Mann zu helfen. Dummerweise hatten wir uns entschieden, dem zuerst zu helfen, bei dem es leichter erschien, und jetzt befürchteten wir zu versagen.
Wir gingen zuerst noch einmal zu Katakura Shigenaga, der immer noch bei dem zuerst Versorgten saß. Er stand auf und fragte:
›Helfen Sie jetzt dem anderen? Bei dem hier haben Sie ein Wunder bewirkt. Er ist jetzt viel kräftiger, röchelt überhaupt nicht mehr und hat vorhin schon die Augen geöffnet. Ich hoffe, es war nicht falsch, dass ich ihm Wasser gebracht habe, als er danach verlangt hat?‹
›Nein, im Gegenteil! Er hat sehr viel Blut verloren und muss viel trinken, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen.‹
Er atmete erleichtert aus, und ich beantwortete, mich dem mit der Bauchwunde zuwendend, seine andere Frage:
›Wir werden jetzt versuchen, diesem hier zu helfen, doch ich kann nicht sagen, ob unsere Kraft dafür noch ausreicht. Bitte sorgen Sie wieder dafür, dass wir nicht gestört werden!‹
Er nickte bestätigend, und wir verfuhren wieder wie beim Ersten. Als wir uns niederknieten und dem Mann ins Gesicht blickten, wurde uns angst, denn sein Zustand schien sich sehr verschlechtert zu haben. Als ich in Wang Lees Augen sah, bemerkte ich, dass er die Hoffnung schon aufgegeben hatte, und ich setzte mich in Gedanken mit ihm in Verbindung:
›Erst wenn wir alles versucht haben, Wang Lee! Erst wenn wir all unsere Kraft gegeben haben!‹
›Ich werde mich bemühen, doch ich habe wenig Hoffnung.‹
›Denke anders, sonst wirkt es nicht, Wang Lee! Bitte, denk anders!‹
›Ich bemühe mich!‹, antwortete er, und ich spürte, wie er sich konzentrierte.
Wir verfuhren auf die gleiche Weise wie bei unserem ersten Patienten. Aber nach einer Weile merkte ich, dass es nicht so lief wie beim ersten Mal. Wir drangen gar nicht richtig zu ihm vor, und er schien nicht in der Lage zu sein, unsere Hilfe anzunehmen. Er war so schwach, dass wir den Eindruck hatten, er wäre schon halb in einer anderen Welt.
Nach einiger Zeit gaben wir frustriert auf. Katakura Shigenaga, der das bemerkt hatte, kam zu uns heran und erkundigte sich besorgt:
›Was ist? Sie sind bei ihm so schnell fertig? Ich habe auch nicht wie vorhin das Gefühl, dass sich sein Zustand gebessert hat.‹
Ich sah ihm in die Augen und sagte:
›Ich weiß nicht, ob wir nicht mehr genügend Kraft haben oder ob er schon so schwach ist, dass er unsere Hilfe nicht mehr annehmen kann. Auf jeden Fall dringen wir gar nicht mehr bis zu ihm vor.‹
›Steht es so schlecht um ihn?‹
›Ich denke, ja! Wir kennen leider nur diese Methode, um jemand Kraft zu geben, und der Betroffene muss bereit sein, sie anzunehmen. Wenn es möglich wäre, ihm die Kraft auf eine andere Art zu geben, hätten wir vielleicht Erfolg, aber so ...‹
Bestützt sah der Samurai auf den nur noch schwach atmenden Mann. Ich hatte den Eindruck, dass ihm jeder dieser Männer wirklich ans Herz gewachsen war. Er würde sich einem Japaner gegenüber sicherlich niemals eine solche Empfindung anmerken lassen, doch bei uns schien ihm diese Maßnahme nicht nötig zu sein.
›Haben Sie alles versucht?‹
Ich nickte nur bestätigend.
›Dann werden wir ihn wohl auch noch verlieren‹, sagte er traurig und wendete sich ab.
Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte, und auch Wang Lee, den ich ratlos ansah, ging es nicht besser. Das währte aber nur wenige Augenblicke, dann sprach uns der Samurai wieder an:
›Sie haben geholfen, so gut Sie konnten, und ohne Ihre Hilfe wären wir jetzt alle tot. Auch bei den Verwundeten haben Sie mehr getan, als ich erwartet hatte. Seien Sie versichert, dass wir das niemals vergessen werden!‹
Er verneigte sich wieder einmal leicht vor uns, und mir wurde das langsam peinlich, denn so viel Ehrerbietung schien mir unangebracht.
›Sie brauchen sich nicht immer vor uns zu verneigen. Wir sind nur einfache Mönche, und Ihre Stellung ist viel bedeutender als die unsere.‹
Geschickt nutzte Katakura Shigenaga die Möglichkeit, um den Auftrag seines Herrn zu erfüllen.
›Ich denke, auch in China ist es nicht unüblich, einem anderen auf diese Art und Weise seine Dankbarkeit zu zeigen. Der Rang oder die Stellung spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle. Doch ich habe, obwohl Sie chinesisch sprechen, als wäre es Ihre Muttersprache, den Eindruck, dass Sie kein Chinese sind.‹
Wie sollte ich jetzt reagieren? Ich war unsicher, wie viel und was ich ihm überhaupt erzählen sollte oder durfte. Meine Unsicherheit mit einem Lächeln überspielend, sagte ich ausweichend:
›Sie liegen nicht falsch, aber vielleicht auch nicht ganz richtig mit Ihrer Vermutung, aber das ist eine lange Geschichte, die wir uns für eine ruhigere Zeit aufheben sollten.‹
Ich wollte erst einmal Zeit gewinnen, um mir über meine weitere Vorgehensweise klar zu werden. Glücklicherweise erforderten in diesem Moment andere Dinge unsere Aufmerksamkeit. Von dem Weg, den wir am Vortag gekommen waren, drangen Geräusche zu uns. Schnell griffen die noch kampffähigen Japaner zu ihren Waffen, und auch wir beobachteten, auf alles gefasst, die Wegbiegung.
Erleichtert atmete ich aus, als ich erkannte, dass Chen Shi Mal mit der Hilfe aus dem Kloster kam. Zehn Mönche hatte er mitgebracht, und unter ihnen war der beste Wundheiler des Klosters. Auch einige Packpferde, die verschiedene Dinge trugen, waren dabei, und ich schöpfte wieder Hoffnung, dass wir dem Mann mit der Bauchwunde noch helfen konnten.
Als uns diese Gruppe fast erreicht hatte, bemerkte ich Liu Shi Meng, der aus der anderen Richtung auf uns zustrebte. Seinem Gesichtsausdruck zufolge hatte er Erfolg gehabt, denn er wirkte fröhlich und entspannt.
Bevor ich mit ihm sprechen konnte, erreichte uns aber Chen Shi Mal und berichtete, wie es ihm ergangen war.
So schnell ihn seine Beine tragen konnten, war er zum Kloster gelaufen und hatte es spät in der Nacht erreicht. Ohne Aufmerksamkeit zu erregen, weckte er den Abt, Hu Kang, und berichtete ihm von den letzten Ereignissen. Dieser überlegte nicht lange, suchte zehn vertrauenswürdige Mönche aus und bat sie, Chen Shi Mal zu begleiten. Nachdem alles Notwendige verschnürt war, brachen sie mit den Packpferden auf. Ihrer Meinung nach hatte sie niemand bemerkt, und der Abt wollte den wahren Grund ihrer Abwesenheit auch erst einmal geheim halten. So hofften wir, selbst wenn die Vermutungen, die wir teilweise hegten, zutrafen, vorläufig unbehelligt zu bleiben.
