Kitabı oku: «Traum oder wahres Leben», sayfa 3
Ich hielt die Gespräche sehr kurz, denn die Versorgung der Verletzten erschien mir wichtiger. Als Erstes führte ich den Wundheiler zu dem Mann mit der Bauchwunde, den er eingehend untersuchte. Nachdem er den Verband entfernt und die Wunde ausgiebig begutachtet hatte, stand er mit einem bedauernden Gesichtsausdruck auf.
›Ich werde alles versuchen, was ich kann, doch ich mache mir wenig Hoffnung, dass dieser Mann den morgigen Tag überlebt. Selbst wenn ich sofort zu Stelle gewesen wäre, hätte er vermutlich nicht überlebt, denn es sind innere Organe verletzt.‹
Ich sah hinunter auf die freigelegte Wunde und erschrak über deren Aussehen. Die Wundränder waren zwar verklebt, doch es war alles gerötet, und die ganze Haut des Verletzten hatte eine ungesunde gelbe Farbe. Es sah aus, als würde jeden Augenblick Eiter aus der Wunde hervorbrechen. Auch der allgemeine Zustand des Mannes schien sich von Minute zu Minute zu verschlechtern. Ich machte mir immer mehr Vorwürfe, dass wir nicht zuerst diesem Mann geholfen hatten. Vielleicht hätte unsere Kraft ausgereicht, um ihn zu retten.
Der Mönch hatte mich die ganze Zeit beobachtete, bemerkte meinen Seelenkampf, konnte sich aber nicht erklären, warum ich so bedrückt war.
›Wieso bedrückt dich der Zustand dieses Mannes so sehr? Als welchem Grund bist du so niedergeschlagen?‹
Aus meinen Gedanken hochgeschreckt, sah ich ihn an.
›Ich mache mir Vorwürfe, dass ich vielleicht einen Fehler begangen habe.‹
Er schüttelte den Kopf und stand auf.
›Die Wunde hättet ihr mit dem Wissen und den Mitteln, die ihr habt, nicht besser versorgen können. Selbst ich kann nichts an den inneren Verletzungen machen. Wenn der Körper sie nicht selbst heilen kann, sind auch mir die Hände gebunden.‹
›Ja, und gerade deshalb hätten wir erst diesem hier helfen müssen, um ihm genügend Kraft zur Selbstheilung zu geben!‹, sagte ich traurig.
Ratlos sah er mich an und erkundigte sich dann nach dem, was wir getan hatten, und warum ich so dachte. Ich führte ihn zu dem Mann mit der Halsverletzung und schilderte ihm unser Vorgehen. Mit jedem Wort, das ich sagte, wurden seine Augen größer. Er musterte mich und Wang Lee mit einer Mischung aus Erstaunen und Hochachtung.
›Ich wusste nicht, dass Han Liang Tian sein Wissen um diese Kräfte weitergegeben hat und dass es ihm gelungen ist, jemand zu finden, der diese Kräfte auch nutzen kann. Ich selbst hatte es versucht, doch mir fehlt die innere Kraft, um das zu bewirken, was ihr beherrscht.‹
Er schaute sich den Mann mit der Halsverletzung näher an und ließ sich den Verlauf noch einmal genau schildern.
›Ich denke, ohne die Hilfe, die ihr ihm gegeben habt, hätte er nicht überlebt. Das Blut, das er herauswürgte, wäre nach und nach in die Lungen geraten und hätte ihm ein qualvolles Ende bereitet. Ihr habt mit eurer Kraft etwas bewirkt, was kein Heiler mit normalen Mitteln erreichen kann. Und ich bin sicher, wenn ihr das erst bei dem anderen getan hättet, dann wäre Hilfe bei diesem hier nicht mehr möglich gewesen.‹
Er schaute noch einmal von einem zum anderen und schüttelte wieder mit dem Kopf.
›Nein, so grausam es klingt, ihr habt unbewusst die richtige Entscheidung getroffen, denn so hat wenigstens einer die Möglichkeit zu überleben!‹
Ich spürte, dass es ihm ernst war mit dem, was er sagte, doch es beruhigte mich nur wenig. Noch lange machte ich mir Vorwürfe, dass ich zu diesem Zeitpunkt eine falsche Entscheidung getroffen hatte.
Der Heiler ging wieder zu dem mit der Bauchverletzung. Zusammen mit einem anderen Mönch, der sich in der Zwischenzeit schon um den Mann gekümmert hatte, reinigten und verbanden sie die Wunde noch einmal. Dann flößten sie dem Mann einen stärkenden Trunk ein, doch fast unmittelbar danach wand er sich in Krämpfen, bis er zitternd und schwach atmend in eine tiefe Ohnmacht fiel.
Da ich die Verletzten in guten Händen wusste, ging ich zu Liu Shi Meng. Ihn hatte ich seit seiner Ankunft noch nicht gesprochen, und ich wollte gerne wissen, wie seine Suche verlaufen war.
Er stand bei Chen Shi Mal, und sie unterhielten sich gerade über die letzten Ereignisse.
›Warst du erfolgreich Liu Shi Meng?‹, fragte ich, als ich bei ihnen ankam.
›Ja, ich hatte doch noch sehr gut in Erinnerung, wie Han Liang Tian mir damals den Weg in das Dorf beschrieben hatte. Als ich den Dorfbewohnern von den letzten Ereignissen berichtete und sie fragte, ob sie uns helfen würden, versprachen sie es sofort. Sie bereiten alles für unsere Ankunft vor, und Männer des Dorfes werden morgen früh hier sein, um uns beim Transport zu helfen.‹
›Das ist wirklich eine gute Nachricht! Nun müssen wir nur noch sehen, dass wir auch bereit sind, morgen früh aufzubrechen.‹
›Wieso sollten wir nicht?‹, warf Chen Shi Mal ein.
›Nun, wir müssen uns ja noch um die Toten kümmern! Oder willst du sie einfach so liegen lassen?‹
Chen Shi Mal sah sich erstaunt um, denn er hatte die Leichen nirgendwo gesehen. Das konnte er auch nicht, denn die Japaner hatten alle Toten am Vortag in die Seitenschlucht getragen, aus der der kleine Fluss kam.
Wir machten uns auf den Weg, um uns vor Ort einen Überblick zu verschaffen, und kurz vor dem Ziel erhielten wir Gesellschaft. Wang Lee, Date Masamune und der Dolmetscher schlossen sich uns an.
Der Blick in die Seitenschlucht öffnete sich, und wir sahen die toten Japaner, die, so gut das mit den vorhandenen Mitteln ging, ehrenvoll aufgebart waren. Davor stand einer der nur leicht verletzten Soldaten und hielt Wache. In einiger Entfernung an der Felswand waren die toten Chinesen lieblos auf einen Haufen geworfen. Es war ein trauriger Anblick, und ich stockte kurz, um das zu verarbeiten.
Der Fürst sah mich fragend an, und der Samurai sprach aus, was dieser dachte:
›Finden Sie die Behandlung der toten Angreifer ungerechtfertigt?‹
Ihm in die Augen blickend, antwortete ich:
›So würde ich das nicht ausdrücken. Ich finde den sinnlosen Tod so vieler Menschen bedrückend und bedaure, dass Ihnen und Ihren Männern so viel Leid zugefügt wurde.‹
Katakura Shigenaga nickte und übersetzte dem Fürsten meine Antwort, um mir gleich darauf dessen Worte zu übermitteln.
›Date Masamune bedankt sich für Ihre freundlichen Worte und möchte wissen, wie es weitergeht.‹
Ich erklärte ihm, dass wir am nächsten Morgen in das Dorf aufbrechen wollten, uns aber vorher noch um die Toten kümmern müssten. Der Fürst stimmte zu und fragte, ob es uns möglich wäre, seine Landsmänner mit buddhistischen Bräuchen zu bestatten.
Ich beriet mich kurz mit meinen Freunden, und wir kamen überein, dass Chen Shi Mal mit zwei weiteren Mönchen die Sutren, also die Reden des Buddha, vorlesen würde. Außerdem sollte jeder, der ein wenig Zeit hatte, sich zu ihnen gesellen, um der Toten zu gedenken. Ich wollte in der Zwischenzeit mit Hilfe von Wang Lee und Liu Shi Meng die Gräber am Flussrand ausheben.
Als wir die Japaner schließlich bestattet hatten, häuften wir über ihren Gräbern kleine Steinpyramiden an, damit dieser Ort auch von zufällig Vorbeikommenden entsprechend geehrt wurde. Anschließend wollten wir die Chinesen daneben bestatten, doch der Fürst verwahrte sich energisch dagegen, und um keine Missstimmung aufkommen zu lassen, wurden sie an der Felswand begraben. Da es dort nicht möglich war, tief genug in den Boden einzudringen, war es am Ende nur ein großer Steinhaufen, der das Grab kennzeichnete.
Die Sutren wurden auch bei diesen Toten gelesen, doch zu deren Gedenken fand sich keiner außer Wang Lee und mir ein. Jeder von uns beiden hing stumm seinen eigenen Gedanken nach.
Ich überlegte, was diese Männer wohl bewogen hatte, so eine Tat zu begehen, und warum sich Menschen immer wieder gegenseitig umbringen. Doch ich kam zu keinem rechten Ergebnis, da es so viele Gründe gibt, die zu solchen Taten führen, dass einfach keine Verallgemeinerung möglich war. Nur eins ist in allen Fällen gleich: Alle, die eine solche Tat begehen, sind in diesem Moment von der Richtigkeit ihres Handelns überzeugt, und nur wenige machen sich am Ende Gedanken darüber oder bereuen, was sie getan haben. Ich hatte bisher keinem Menschen persönlich das Leben genommen, doch indirekt zum Tod einiger dieser Chinesen beigetragen. Nun stand ich da und versuchte, vor meinem Gewissen dieses Handeln zu rechtfertigen.
Im Grunde wusste ich, dass mein Eingreifen die einzige Möglichkeit gewesen war, den Bedrängten zu helfen. Es würde wohl auch keinen geben, der mich deswegen verurteilen würde, dennoch war ich bedrückt.
Als ich durch Chen Shi Mal aus diesen sich ständig im Kreis drehenden Gedanken gerissen wurde, war ich sehr froh.
›Darf ich dich kurz stören, Xu Shen Po?‹
Ich richtete mich auf und sah ihn an.
›Natürlich! Was gibt es denn?‹
›Der japanische Fürst möchte dich gerne sprechen und bittet dich, zu ihm zu kommen.‹
Ich nickte Wang Lee zu, der seine Andacht gleichfalls beendet hatte, und begab mich zum Fürsten, der mich mit dem dolmetschenden Samurai erwartete.
›Entschuldigen Sie, das wir Sie gestört haben, doch der Fürst muss einige wichtige Dinge klären!‹
›Kein Problem! Um was handelt es sich denn?‹
›Da wir morgen in dieses Dorf aufbrechen, in dem die Verletzten gesund gepflegt werden sollen, möchte Date Masamune gerne wissen, wie lange es wohl dauern wird, bis wir weiterreisen können?‹
›Oh, das kann ich Ihnen nicht genau sagen. Doch ich denke, dass die Schwerverletzten erst in zwei bis drei Wochen dazu fähig sind. Selbst dann wird es nur langsam und mit Behinderungen vorangehen.‹
Mit einem mürrischen Gesichtsausdruck diskutierte der Fürst nach meiner Antwort mit dem Samurai. Erst nach einiger Zeit sprach mich Katakura Shigenaga wieder an.
›Der Fürst befindet sich derzeit in einer schwierigen Lage. Zum einen ist dieser lange Aufenthalt in keiner Form beim Shogun entschuldbar, und der Fürst möchte so zeitig wie nur irgend möglich aufbrechen. Außerdem hat er unser Schiff zur Mündung des Qjangwei He nach Lianyungang beordert, das uns dort in den nächsten Tagen erwartet. Wenn wir uns gar zu sehr verspäten, wird es vielleicht wieder davonsegeln. Aber er möchte auch seine Männer nicht im Stich lassen und nicht ohne sie aufbrechen. Nun überlegt er, ob er ohne die Verletzten losgehen sollte. Er könnte sich bei dem Schiff melden und anschließend am Kaiserhof eine offizielle Beschwerde über den Vorgang einreichen. Die Verwundeten könnten sich nach ihrer Genesung zur Küste begeben und würden dann mit aufgenommen, um gemeinsam die Rückreise anzutreten.‹
Ich überlegte einen Augenblick und war mir nicht sicher, ob ich unseren Verdacht erwähnen sollte, doch schließlich entschloss ich mich, sie ohne eine direkte Aussage auf die gleichen Gedanken zu bringen.
›Ich weiß nicht, ob der Gedanke gut ist! Vor allem wegen der Beschwerde am Kaiserhof. Als Sie dort den Wunsch zu dieser Reise äußerten, hatten Sie da den Eindruck, dass man begeistert über das Ansinnen war?‹
›Nein, eigentlich nicht! Im Gegenteil, man hat lange versucht, es dem Fürsten auszureden. Doch wieso fragen Sie jetzt danach?‹
›Nun, kurz bevor Sie kamen, wurden wir durch einen Boten vom Kaiserhof angewiesen, nichts von den Kampfkünsten der Mönche preiszugeben. Wir sollten den Eindruck erwecken, dass es sich nur um ein einfaches buddhistisches Kloster handelt und die Gerüchte um die Kampfmönche maßlos übertrieben seien. Der Überbringer dieser Nachricht hat sich während Ihrer Anwesenheit noch im Kloster aufgehalten und alles beobachtet. Er war aber mit einigen Dingen nicht ganz zufrieden. Vor allem der Zwischenfall, bei dem zwei Ihrer Männer Wang Lee und mir auswichen, hat ihm sehr missfallen.‹
Ich stockte kurz, denn ich war drauf und dran, alles preiszugeben. Ein wenig vorsichtiger sagte ich deshalb:
›Nun, was glauben Sie, was geschieht, wenn sich der Fürst am Kaiserhof beschwert? Ich denke, man wird sein Bedauern ausdrücken, versprechen, den Vorfall zu untersuchen, und vielleicht auch eine unliebsame Person als Sündenbock hinstellen. Doch insgeheim wird man sich höchstens ärgern, dass nicht die gesamte Gesandtschaft in den Bergen verschollen ist.‹
Nachdenklich sah mich der Samurai an und übersetzte das Gehörte wieder dem Fürsten. Dessen Gesichtsausdruck verfinsterte sich bei jedem Wort mehr, und es folgte eine sehr gereizte Diskussion zwischen den beiden. Nach einiger Zeit wandte sich Katakura Shigenaga wieder an mich und sagte:
›Der Fürst ist sehr aufgebracht über das Verhalten des Kaiserhofes, hat aber selbst schon diese Vermutungen gehabt. Er überlegt nun, wie er sich verhalten soll.‹
›Warum will er unbedingt darauf reagieren? Wie hätte er sich denn in der Situation des Kaiserhofes verhalten? Sicherlich nicht viel anders, denke ich. Außerdem ist nicht darauf reagieren viel belastender für die Betroffenen. Ich würde in der Situation des Fürsten jedenfalls so handeln.‹
Der Samurai sah mich an und schien zu überlegen, ob und wie er das dem Daimyo übersetzen sollte.
›Übersetzen Sie ruhig, was ich gesagt habe. Ich stehe dazu, und wenn der Fürst ehrlich ist, wird er mir zustimmen.‹
Katakura Shigenaga zögerte immer noch und überlegte krampfhaft, wie er es beschönigen könnte. Doch der Daimyo wurde ungeduldig und fragte barsch nach. Daraufhin gab der Samurai meine Worte unverändert wieder. Im ersten Moment stieg Zornröte in das Gesicht des Fürsten, doch schon wenige Augenblicke später lächelte er und sagte mit einem versöhnlichen Gesichtsausdruck:
›Sie haben recht, ich hätte sicher ähnlich gehandelt! Aber es ist schwierig, das hinzunehmen und nicht darauf zu reagieren, ohne sein Gesicht zu verlieren.‹
Der Samurai übersetzte seine Worte sofort und schien sichtlich erleichtert zu sein. In der Zwischenzeit hatte der Fürst schon weitergesprochen, und Katakura Shigenaga hatte Mühe, mit dem Übersetzen nachzukommen.
›Die weitere Handlungsweise, die sich der Fürst überlegt hatte, ist also hinfällig. Nun steht er wieder am Anfang und fragt, was Sie tun würden.‹
Ich hatte mir schon während des vorangegangenen Gesprächs Gedanken über den weiteren Verlauf gemacht und sagte nun:
›Das Beste wäre nach meiner Ansicht, erst einmal einen Boten zum Schiff zu schicken, der es auf die Verspätung hinweist und zum Warten auffordert. Einer von uns könnte mit einem Schriftstück des Fürsten diese Aufgabe übernehmen. Dann würde ich ihm empfehlen, hier auszuharren, bis sich alle wieder auf die Reise begeben können. Vielleicht ist es auch möglich, dass einige von uns diesen Zug begleiten, um eine sichere Rückkehr zu gewährleisten. Dem Shogun würde ich diese Reise als notwendig und dementsprechend erfolgreich schildern. Ich kenne nicht den Grund Ihres Besuches am chinesischen Kaiserhof, doch ich denke, dass es irgendwie in Ihren Auftrag passen würde, wenn Sie so vorgehen. Mit ein wenig Geschick können Sie das sogar als Erfolg verbuchen.‹
Wieder stockte der Samurai beim Übersetzen und sah mich prüfend an. Auch der Daimyo reagierte so, als ihm das Gesagte übersetzt wurde.
›Sie erstaunen uns immer wieder!‹, fasste Katakura Shigenaga seine und des Fürsten Gedanken zusammen. ›Nachdem wir Sie nun besser kennen gelernt haben, fällt es uns schwer, in Ihnen den einfachen Mönch zu sehen, der Sie nach außen zu sein scheinen. Der Fürst und auch ich denken mittlerweile, dass Sie eher ein gewandter Diplomat sind, der irgendwie hier gestrandet ist.‹
Ich lachte kurz auf.
›Nun, Sie haben recht und auch wieder nicht! Ich bin nicht von hier, sondern durch seltsame Umstände hierher gelangt! Ein Mönch bin ich nicht, wie Sie richtig erkannt haben, doch bin ich nach den Jahren, die ich hier schon lebe, ein Mitglied des Klosters und ein Teil dieses Landes. Aber ein Diplomat bin ich bestimmt nicht! Obwohl ich in meinem alten Leben ein Händler oder nach Ihrem Verständnis eher ein Kaufmann war und diese Arbeit einiges diplomatisches Geschick verlangt. Daher weiß ich auch, dass man, ohne zu lügen oder den anderen zu betrügen, oft Dinge erreichen kann, die der Verhandlungspartner vorher gar nicht wollte. Mit Geschick und Feingefühl kann ich die Gedanken meines Gegenspielers in eine mir günstige Richtung lenken und mein Ziel erreichen, obwohl der andere denkt, dass er sein Ziel erreicht hat.‹
Lächelnd übersetzte der Samurai diese Worte seinem Fürsten. Dieser nickte anerkennend und sagte:
›Es ist Date Masamune eine Ehre, Sie kennen gelernt zu haben, und er fragt, ob es Ihnen möglich ist, ihm diese Kunst näherzubringen. Er war immer ein Kriegsherr, in diplomatischen Dingen hat er sich meist auf andere verlassen, doch jetzt wird es immer dringender, auch darin bewandert zu sein.‹
Wieder lachte ich kurz auf.
›Kunst!? Na ja, vielleicht ist es etwas in dieser Art, und vielleicht könnte ich dem Fürsten auch den einen oder anderen Ratschlag geben, aber das Gefühl dafür muss er selbst entwickeln, und das dauert seine Zeit.‹
Der Daimyo war mit meinem Vorschlag über das weitere Vorgehen einverstanden und begab sich zu seinem Gepäck, um ein Schriftstück aufzusetzen, das einer von uns zu seinem Schiff bringen würde.
Katakura Shigenaga blieb noch kurz stehen und sagte zu mir:
›Seien Sie sich der großen Ehre bewusst, die der Fürst Ihnen eben erwiesen hat, denn Kaufleute sind bei uns die unterste Standesriege und werden meist nur verachtet. Ich nehme aber an, dass er in Ihnen nicht den Kaufmann, sondern den großen Krieger sieht, der Sie auch sind. Aber ich würde Ihnen raten, einem japanischen Samurai gegenüber niemals wieder zu erwähnen, dass Sie Kaufmann waren. Es würde Ihnen nur zum Nachteil gereichen.‹
Er nickte mir freundlich zu und folgte dem Fürsten.«
Das Angebot
»Am nächsten Morgen weckte mich eine Unruhe, die bei den Verletzten ausgebrochen war. Der Heiler hatte sich gleich beim ersten Tageslicht zu ihnen begeben und festgestellt, dass der Mann mit der Bauchverletzung in der Nacht gestorben war. Als ich hinzukam, sah er mich mit einem bedauernden Blick an und sagte:
›Was ich befürchtet hatte, ist eingetreten. Die Verletzungen dieses Mannes waren so schwer, dass es uns nicht gelungen ist, ihm zu helfen. Schon der erste Eindruck hatte mich das befürchten lassen, dennoch haben wir ihn nicht aufgegeben, aber all unser Bemühen war vergeblich.‹
Traurig blickte ich auf diesen weiteren Toten, und die Gedanken, etwas versäumt oder falsch gemacht zu haben, stiegen wieder in mir auf. Der Heiler, der dies sah, überlegte schon, wie er mir helfen könnte, als wir vom Daimyo und seinem dolmetschenden Samurai gestört wurden.
›Gibt es Probleme mit den Verletzten?‹, fragte Katakura Shigenaga.
Ich holte tief Luft und antwortete:
›Leider ist dieser Mann seinen schweren Verletzungen erlegen. Alle Kunst der Mönche konnte ihm nicht mehr helfen, und wir müssen den anderen Gräbern ein weiteres hinzufügen.‹
Bedauernd betrachteten ihn die beiden Japaner, und der Samurai übersetzte die Worte des Fürsten:
›Er war ein guter Mann, und er wird als solcher wiedergeboren. Wir werden ihm die gebührende Ehre erweisen.‹
Da wir bald aufbrechen wollten, ging ich mit Wang Lee daran, ein neues Grab auszuheben, während einige Mönche die nötigen buddhistischen Riten vollzogen.
Die Sonne hatte schon einen großen Teil ihrer Vormittagsbahn hinter sich, als auch dieser Japaner seine letzte Ruhe gefunden hatte. Die Männer aus dem Dorf waren inzwischen angekommen und hatten mitgeholfen, die Verwundeten transportfähig zu machen. Nachdem das alles geschehen war, verließen wir diesen Ort, den ich auch niemals wiedersehen sollte.
Die nächsten drei Wochen vergingen auf Grund der vielen Arbeit, die wir hatten, wie im Fluge. Mit unserer Hilfe bauten die Dorfbewohner innerhalb kurzer Zeit eine neue Hütte auf, in der alle Verwundeten untergebracht wurden. Es war bestimmt kein Meisterwerk, doch für die vorläufige Unterbringung in diesen warmen Sommermonaten war die Behausung ausreichend. Die Dorfbewohner gingen danach erleichtert wieder ihren täglichen Arbeiten nach. Froh über ihre bisherige Hilfe, unterstützten wir sie, wo wir nur konnten.
In einigen Nacht-und-Nebel-Aktionen wurde Nachschub aus dem Kloster geholt, und auch die Dorfbewohner wurden reichlich entschädigt. Allerdings mussten sie dafür versprechen, für immer über diese Vorgänge zu schweigen, und auf Grund der abgelegenen Lage des Dorfes bestand die berechtigte Hoffnung, dass das auch geschehen würde. Außerdem hatten sie mit der Hütte, die wir gebaut hatten, einen Speicherraum gewonnen, den sie gemeinsam nutzen wollten, und waren froh, dass sie diese Unannehmlichkeiten auf sich genommen hatten.
Der Tag des Aufbruchs kam näher, und ich saß mit Wang Lee, Chen Shi Mal und den Japanern beisammen, um das weiter Vorgehen zu besprechen.
›Meine Männer haben sich so weit erholt, dass wir unsere Reise fortsetzen können. Die zwei, die noch nicht so gut zu Fuß sind, bekommen die Pferde, die uns das Kloster freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. Ich möchte deshalb in den nächsten Tagen aufbrechen. Werden die Kampfmönche, die uns begleiten sollen, bis dahin hier sein?‹, fragte der Daimyo.
Alle außer mir, Wang Lee und Chen Shi Mal waren, soweit sie nicht mehr gebraucht wurden, nach und nach ins Kloster zurückgekehrt. Dem Abt war es gelungen, die wahren Hintergründe ihrer Abwesenheit zu verschleiern, und jetzt sollten zehn Kampfmönche zur Begleitung der Japaner kommen. Ich wusste nicht, wie Hu Kang das begründen wollte, doch ihm würde schon etwas einfallen. Wir erwarteten täglich ihre Ankunft, was ich dem Fürsten auch mitteilte:
›Ich denke, sie könnten heute schon kommen, und dann steht Ihrem Aufbruch nichts mehr im Wege.‹
›Und Sie, werden Sie Ihre Reise zu dem anderen Kloster jetzt fortsetzen?‹, fragte mich Katakura Shigenaga.
Ich hatte mich über diesen Punkt schon mit Wang Lee und Chen Shi Mal unterhalten. Bei diesen Gesprächen hatte ich beschlossen, dass mich eigentlich nichts drängte und ich deshalb gerne die Reise zur Küste mitmachen würde. Auch Wang Lee und Chen Shi Mal wollten mitkommen, um dann gemeinsam mit ihrem Freund Liu Shi Meng, der mit dem Schriftstück des Fürsten zum Schiff aufgebrochen war, wieder zurückzureisen. Ich hatte mir vorgenommen, von der Küste aus auf einem anderen Weg nach Wudang zu wandern, um so Land und Leute noch besser kennen zu lernen. Deshalb sagte ich:
›Ich hatte gehofft, Sie würden mir und meinen Freunden gestatten, Sie bis zu Ihrem Schiff zu begleiten.‹
›Natürlich gerne, doch wir hatten angenommen, dass es Sie auf Grund dieses langen Aufenthalts drängen würde, Ihre Reise zu dem anderen Kloster so schnell wie nur möglich fortzusetzen.‹
›Mich drängt nichts, und ich werde auch nicht erwartet. Also spielt es keine Rolle, wann ich ankomme. Diese Reise ist ohnehin ein Abschied von Shaolin, da ich das Kloster verlassen möchte, um nicht ständig Konflikte heraufzubeschwören.‹
Katakura Shigenaga übersetzte mit vielsagenden Miene meine Antwort, und der Daimyo blickte überrascht auf.
›Der Fürst möchte gerne wissen, ob das nur ein zeitweiliger Abschied von Shaolin ist und warum Ihre Anwesenheit für Konflikte sorgt.‹
›Nun, darauf kann ich nicht so einfach antworten, aber einige sind der Meinung, dass ich nicht in dieses Kloster gehöre, und sie lassen es mich auch unmissverständlich spüren. Zu einem Teil haben sie durchaus recht, denn ich bin kein Mönch, sondern nur ein Gast, und Gäste sollten nach einer gewissen Zeit den Ort verlassen, den sie besuchen.‹
Wang Lee wollte widersprechen, doch ich unterbrach ihn mit einer Handbewegung und fuhr fort:
›Es wäre nicht weiter schlimm, da nur wenige so denken, mittlerweile leiden aber auch jene darunter, die sich zu mir bekennen und die ich zu meinen Freunden zähle. Um diesen Zustand zu beenden, habe ich mich entschlossen, in das andere Kloster zu gehen, da ich dort bei meinen bisherigen Besuchen immer willkommen war. Das Dumme ist aber, dass ich auch dort nur ein Gast bin‹, sagte ich nachdenklich.
Das Angebot, dass mir der Daimyo daraufhin machte, überraschte mich sehr.
›Da Sie an nichts gebunden sind, möchte der Fürst Sie fragen, ob Sie ihn nach Japan begleiten würden? Er ist Ihnen dankbar für all die Hilfe, die Sie uns geleistet haben, und möchte sich auf diese Art dafür bedanken.‹
Ich muss wohl ein wenig seltsam dreingeschaut haben, denn er fügte schnell hinzu:
›Nicht als Gast, sondern als Lehrer in diplomatischen Dingen, was entsprechend entlohnt würde. Date Masamune hat sehr viel Achtung vor Ihnen und Ihren Fähigkeiten, und er möchte einiges davon lernen.‹
›Ich bin mir nicht sicher, ob ich dazu in der Lage bin. Denn mich führt in solchen Dingen oft mein Chi, und das kann man nicht so einfach weitergeben.‹
›Machen Sie sich darüber keine Gedanken, der Fürst ist überzeugt davon, und das reicht. Sie müssen sich auch nicht gleich entscheiden. Da es Date Masamune sehr recht ist, wenn Sie uns bis zur Küste begleiten, ist es ausreichend, wenn Sie Ihre Entscheidung an unserem Ziel bekannt geben.‹
Mit diesem Gedanken musste ich mich erst einmal anfreunden, würde es doch bedeuten, dass ich wieder in eine neue, unbekannte Umgebung wechseln müsste. Mich wieder mit einer neuen Sprache, anderen Sitten und Gebräuchen anzufreunden erschien mir im ersten Moment auch wenig erstrebenswert. Deshalb war ich unschlüssig, was ich antworten sollte. Doch dieses Thema wurde erst einmal fallengelassen, und wir wandten uns wieder den anstehenden Aufgaben zu.
Am Ende unserer Zusammenkunft kamen wir überein, alles für die Reise vorzubereiten und nur noch die Kampfmönche abzuwarten. Die Dorfbewohner hatten zwar auch Vorteile von unserer Anwesenheit gehabt, aber alles in allem waren sie froh, dass wieder Ruhe einkehren würde. Um die Mittagszeit des folgenden Tages trafen die Kampfmönche im Dorf ein, und der Aufbruch wurde auf den nächsten Morgen festgelegt.
Die Gruppe bestand ausschließlich aus Mönchen, die in das alte Klosterleben zurückgekehrt waren und die ich alle sehr gut kannte. Jeder von ihnen war vertrauenswürdig, und keiner würde jemals mit Nichteingeweihten darüber sprechen.
Hu Kang hatte als offiziellen Grund eine Hilfeleistung für ein entfernteres Dorf angegeben und die Dauer dieses Einsatzes offen gelassen. Auch für die lange Abwesenheit von Wang Lee, Chen Shi Mal und Liu Shi Meng hatte er eine gute Begründung gefunden. Alle glaubten, dass sie mich aus Freundschaft nun doch weiter begleiteten als ursprünglich geplant, und so ganz unwahr war das ja auch nicht.
Als wir am Morgen des nächsten Tages aufbrachen, wurden wir freundlich von den Dorfbewohnern verabschiedet. An der Spitze unserer Gesellschaft gingen Wang Lee, Chen Shi Mal und ich. Uns folgte die japanische Gesandtschaft, die zum großen Teil beritten war. Die beiden japanischen Soldaten, die als einzige zu Fuß gingen, führten die Packpferde. Ihnen folgten am Ende unserer Reisegesellschaft die Kampfmönche. Es wurde nicht viel gesprochen, und ich konnte ungehindert meinen Gedanken nachhängen. Diese drehten sich hauptsächlich um das Angebot des Fürsten. Lange wägte ich das Für und das Wider ab, bevor ich einen Entschluss fasste, der erst an der Küste feststand.
