Kitabı oku: «Traum oder wahres Leben», sayfa 4

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Nach­dem wir das Song-Shan-Ge­bir­ge ver­las­sen hat­ten, streb­ten wir der al­ten Han­dels­s­tra­ße zu, die über Kai­feng, Shang­qiu und Tongshan an die Küs­te führ­te. Auf ihr er­reich­ten wir ohne be­son­de­re Vor­komm­nis­se nach vier­zehn Ta­gen Lia­nyun­gang.

Liu Shi Meng hat­te sei­nen Auf­trag aus­ge­führt und dem Füh­rer des ja­pa­ni­schen Schif­fes die Nach­richt des Fürs­ten über­bracht. Der Ka­pi­tän hat­te den lan­gen Auf­ent­halt ge­nutzt, um Sil­ber, Kup­fer und chi­ne­si­sche Sei­de zu kau­fen. Es war für ihn die ein­ma­li­ge Ge­le­gen­heit in Chi­na Wa­ren auf­zu­neh­men, denn nor­ma­ler­wei­se war es den ja­pa­ni­schen Schif­fen nicht ge­stat­tet, chi­ne­si­sche Hä­fen an­zu­lau­fen. Nur die di­plo­ma­ti­sche Missi­on des Fürs­ten hat­te es er­mög­licht, doch die See­leu­te wa­ren ge­zwun­gen, sich stän­dig an Bord auf­zu­hal­ten, da sie das Fest­land nicht be­tre­ten durf­ten.

Das Schiff war ein so­ge­nann­tes Rot­sie­gel-Schiff, das eine Li­zenz des Sho­gun hat­te, um Han­del mit an­de­ren asia­ti­schen Län­dern zu trei­ben. Es ge­hör­te zwar Date Ma­sa­mu­ne, aber der Ka­pi­tän fun­gier­te gleich­zei­tig als Händ­ler und war am Ge­winn be­tei­ligt. Des­halb war er auch er­freut, als der Fürst end­lich ein­traf, denn je län­ger er in ei­nem Ha­fen ver­weil­te, umso grö­ßer war sein Ver­lust. Ob­wohl ihn der Dai­myo für die lan­ge Lie­ge­zeit ent­schä­di­gen wür­de, wäre sein Ge­winn bei ei­nem gu­ten Han­del grö­ßer ge­we­sen.

Als wir im Ha­fen an­ka­men, wur­de dem Ka­pi­tän so­fort das Ein­tref­fen des Fürs­ten ge­mel­det und er emp­fing den Dai­myo, noch be­vor die­ser das Schiff be­trat. Die sich an­schlie­ßen­de Un­ter­hal­tung konn­te ich, da sie ja­pa­nisch ge­führt wur­de, nicht ver­ste­hen, und weil Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga nicht dol­metsch­te, hat­te ich Muße, mir das Schiff ge­nau­er zu be­trach­ten.

Ich hat­te noch nie ein Se­gel­schiff aus der Nähe ge­se­hen, und die, die ich von Bil­dern her kann­te, wa­ren mit die­sem hier nicht ver­gleich­bar. An­schei­nend misch­ten sich in die­ser Schiffs­kon­struk­ti­on meh­re­re Bau­wei­sen. Der Rumpf hat­te ein sehr ho­hes Heck und einen we­sent­lich nied­ri­ge­ren Bug. Das Heck mit den Auf­bau­ten er­in­ner­te mich an spa­ni­sche und por­tu­gie­si­sche Se­gel­schif­fe, die ich auf Bil­dern ge­se­hen hat­te. Den Bug aber konn­te ich gar nicht zu­ord­nen, denn un­ter­halb des ei­gent­li­chen Decks war noch ein­mal so eine Art Vor­bau oder Ga­le­rie, die um den Bug he­r­um­führ­te. Dort wur­de der An­ker ab­ge­legt, wenn das Schiff auf See war, und ei­ni­ge Taue, die zur Spit­ze des Bugs­priets und dem dort be­fes­tig­ten Se­gel führ­ten, deu­te­ten dar­auf hin, dass die­ses von hier aus be­dient wur­de. Des Wei­te­ren hat­te das Schiff drei Mas­ten. Einen im vor­de­ren Teil des Schif­fes, fast am Bug, die­ser war an­nä­hernd so hoch wie der Haupt­mast, der sich un­ge­fähr in der Mit­te des Schif­fes be­fand. Der drit­te Mast hat­te höchs­tens die hal­be Höhe des Haupt­mas­tes und be­fand sich im Heck­be­reich des Schif­fes.

Die Be­se­ge­lung schi­en wie­der eine Mi­schung aus ver­schie­de­nen Schiffs­bau­wei­sen zu sein. Ob­wohl sie gerefft wa­ren, konn­te man er­ken­nen, dass die Se­gel am Bugs­priet und am Heck­mast nor­ma­le Lei­nen­se­gel wa­ren, wäh­rend die an den großen Mas­ten mit Bam­bus­lat­ten durch­zo­gen wa­ren. Das Steu­er­ru­der schi­en wie der ge­sam­te Heckauf­bau ei­nem por­tu­gie­si­schen Schiff ent­lehnt zu sein, und drei Lu­ken, die sich auf je­der Sei­te des Auf­baus be­fan­den, deu­te­ten auf eine Be­waff­nung mit sechs Ka­no­nen hin.

Ich war ge­ra­de da­bei, die De­tails in mich auf­zu­neh­men, als ich durch den Auf­marsch ei­ner Grup­pe chi­ne­si­scher Sol­da­ten aus mei­nen Be­trach­tun­gen ge­ris­sen wur­de. Eine Ein­heit von zwan­zig Sol­da­ten, ge­führt von ei­nem Of­fi­zier, mar­schier­te im Gleich­schritt auf uns zu.

Der Fürst und der Ka­pi­tän un­ter­bra­chen ihr Ge­spräch und blick­ten der Trup­pe ent­ge­gen. Als sie uns er­reicht hat­ten, fuhr der Of­fi­zier die Ja­pa­ner barsch an.

›Sie ha­ben kein Recht, sich hier an Land auf­zu­hal­ten! Be­ge­ben Sie sich so­fort wie­der auf Ihr Schiff, sonst sehe ich mich ge­zwun­gen, Sie in Ge­wahr­sam zu neh­men!‹

Die Ja­pa­ner schie­nen nach dem Ge­spräch, das der Fürst mit dem Ka­pi­tän ge­führt hat­te, in we­nig gu­ter Stim­mung zu sein und hat­ten die Hän­de schon am Schwert­heft, doch Wang Lee be­hielt die Ruhe, trat vor den Of­fi­zier und frag­te:

›Darf ich er­fah­ren, warum Sie die­se Gäs­te Chinas so un­höf­lich be­han­deln?‹

›Gäs­te Chinas? Es müss­te doch je­dem be­kannt sein, das nach ei­nem Kai­ser­li­chen Er­lass kei­ne ja­pa­ni­schen See­leu­te das chi­ne­si­sche Fest­land be­tre­ten dür­fen, und die­ses Schiff hier durf­te den Ha­fen nur mit ei­ner Son­der­ge­neh­mi­gung an­lau­fen! Doch bein­hal­tet sie nicht die Ge­neh­mi­gung des Land­gangs! Also, ge­hen Sie uns aus dem Weg, und las­sen Sie uns un­se­re Pflicht tun!‹

Wang Lee wich nicht von der Stel­le, lä­chel­te freund­lich und er­wi­der­te:

›Es tut mir leid, doch ich muss Ih­nen wi­der­spre­chen. Die­se Leu­te hier sind Teil ei­ner ja­pa­ni­schen Ge­sandt­schaft, die am Kai­ser­hof weil­te. Der Fürst, Date Ma­sa­mu­ne, hat­te die Ge­neh­mi­gung des Kai­sers, dass Shao­lin-Klos­ter zu be­su­chen, und wir Mön­che ha­ben die Ge­sandt­schaft zu ih­rem Schiff ge­lei­tet. Es ist also kei­nes­falls un­be­rech­tigt, dass sich die­se Ja­pa­ner an Land auf­hal­ten.‹

Der Of­fi­zier war sicht­lich ver­un­si­chert und be­trach­te­te die Kampf­mön­che, die zwi­schen ihm und den Ja­pa­nern stan­den. Doch so ganz ohne Wi­der­re­de woll­te er sich nicht ge­schla­gen ge­ben.

›Das müs­sen Sie mir erst ein­mal be­wei­sen! Von ei­ner sol­chen Ge­neh­mi­gung habe ich kei­ne Kennt­nis, und ich er­fül­le hier auch nur mei­ne Pflicht!‹

›Der Fürst hat ein Do­ku­ment vom Kai­ser­hof, das die­se Rei­se ge­neh­migt. Er wird es Ih­nen auf Wunsch be­stimmt zei­gen. Au­ßer­dem müss­te Ih­nen die Son­der­ge­neh­mi­gung des Schif­fes dies auch be­stä­ti­gen, denn es ist hier, um die Ge­sandt­schaft an Bord zu neh­men.‹

In die­sem Au­gen­blick misch­te sich Date Ma­sa­mu­ne ein. Der dol­met­schen­de Sa­mu­rai, hat­te das bis­he­ri­ge Ge­spräch über­setzt und kam mit der Rei­se­ge­neh­mi­gung, die ihm der Fürst ge­ge­ben hat­te, nach vorn. Er hielt sie dem Of­fi­zier hin und sag­te:

›Der Fürst Date Ma­sa­mu­ne ver­steht die Un­ru­he nicht und möch­te das Miss­ver­ständ­nis mit der Vor­la­ge die­ses Do­ku­men­tes be­en­den.‹

Nach­dem der Of­fi­zier einen kur­zen Blick auf das Kai­ser­li­che Sie­gel ge­wor­fen hat­te, setz­te er eine an­de­re Mie­ne auf und ant­wor­te­te, ohne den In­halt der Ge­neh­mi­gung über­haupt zu le­sen:

›Ent­schul­di­gen Sie! Ich tue nur mei­ne Pflicht, und mir war die­se Ge­neh­mi­gung nicht be­kannt. Dürf­te ich noch er­fah­ren, wie lan­ge Sie sich in Lia­nyun­gang auf­hal­ten wer­den?‹

Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga dreh­te sich zum Dai­myo um und lei­te­te die Fra­ge wei­ter. Der mach­te eine weg­wer­fen­de Hand­be­we­gung und gab eine ge­reiz­te Ant­wort, doch ich hat­te das Ge­fühl, dass der Sa­mu­rai sie nicht wort­wört­lich über­setz­te.

›So­bald das Schiff zum Aus­lau­fen be­reit ist, wer­den wir den Ha­fen ver­las­sen. Da sich der Tag aber be­reits dem Ende zu­neigt, wird es ver­mut­lich erst mor­gen früh ge­sche­hen.‹

Der Of­fi­zier be­dank­te sich für die Aus­kunft und mach­te mit sei­ner Trup­pe kehrt.

Der Zwi­schen­fall zeig­te, wie ge­spannt das Ver­hält­nis zwi­schen Ja­pan und Chi­na im­mer noch war. Kei­ne der bei­den Sei­ten trau­te der an­de­ren über den Weg, und der kleins­te Zwi­schen­fall konn­te zu ei­ner blu­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zung füh­ren.

Date Ma­sa­mu­ne war im­mer noch sehr ver­stimmt, vor al­lem weil ihm der Ka­pi­tän be­rich­tet hat­te, dass sie das Schiff nicht ver­las­sen durf­ten. Der Han­del war des­halb nur über Mit­tels­män­ner und mit zu­sätz­li­chen fi­nan­zi­el­len Auf­wen­dun­gen mög­lich ge­we­sen.

Miss­mu­tig dreh­te er sich um und woll­te aufs Schiff ge­hen. Da­bei fiel sein Blick auf mich, und er ließ mich durch Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga fra­gen, ob ich mich ent­schie­den hät­te.

›Ja!‹, sag­te ich. ›Ich habe lan­ge über­legt, al­les ab­ge­wo­gen und bin zu dem Schluss ge­kom­men, Ihr An­ge­bot an­zu­neh­men.‹

Das Ge­sicht des Fürs­ten hell­te sich auf, doch Wang Lee und Chen Shi Mal be­gehr­ten auf:

›Xu Shen Po, das kannst du nicht ma­chen. Du ge­hörst hier­her, und es ist schon schlimm ge­nug, dass du nach Wu­dang ge­hen willst. Dort ha­ben wir aber we­nigs­tens die Mög­lich­keit, dich zu be­su­chen, und viel­leicht kommst du ir­gend­wann doch zu uns zu­rück. Aber wenn du mit nach Ja­pan gehst, wer­den wir dich be­stimmt nicht wie­der­se­hen.‹

Er hat­te ge­wiss recht, doch in die­sem Mo­ment schi­en es mir die ver­nünf­tigs­te Ent­schei­dung zu sein.

›Lass gut sein, Wang Lee, es ist ver­mut­lich egal, wo­hin ich mich wen­de, denn un­se­re Wege tren­nen sich hier auf je­den Fall. Auch wenn ich nach Wu­dang gin­ge, wäre ein Wie­der­se­hen un­wahr­schein­lich, denn auch dort bin ich nur Gast, und Gäs­te sol­len nach ei­ner ge­wis­sen Zeit wie­der ge­hen.‹

›Wie kannst du nur so et­was sa­gen! Für mich ge­hörst du zu uns, und der Abt von Wu­dang sieht dich auch als einen zu uns Ge­hö­ri­gen.‹

›Ja, so­lan­ge ich der Schü­ler war, war das in Ord­nung. Doch der bin ich nicht mehr, und wel­ches Recht soll­te ich ha­ben, mich jetzt noch für län­ge­re Zeit in eu­ren Klös­tern auf­zu­hal­ten. Ich bin kein bud­dhis­ti­scher und auch kein taois­ti­scher Mönch und habe we­der Rech­te noch Auf­ga­ben in eu­ren Klös­tern. Lei Cheng hat mir das bei un­se­rem Ab­schieds­ge­spräch be­wusst ge­macht. Ich muss und will mir also eine Auf­ga­be su­chen, mit der ich mei­nen Le­bens­un­ter­halt ver­die­nen kann und die mir das Recht gibt, mich an ei­nem Ort auf­zu­hal­ten. Bei euch kann ich das nicht, da ich we­der den einen noch den an­de­ren Glau­ben an­neh­men will oder kann. Aber der Fürst hat mir ein An­ge­bot ge­macht, mit dem ich mei­ne An­we­sen­heit viel­leicht recht­fer­ti­gen kann. Zu­min­dest für eine ge­wis­se Zeit, und dann sehe ich wei­ter.‹

›Aber eine Auf­ga­be kannst du doch auch bei uns fin­den. Du bist jetzt ein Meis­ter und kannst un­ter­rich­ten oder ...‹

›Nein, Wang Lee, ich bin kein Mönch. Ich war hier ge­stran­det, und Han Li­ang Tian hat­te, aus wel­chem Grund auch im­mer, mich er­war­tet und sah es als sei­ne Auf­ga­be an, mich in al­lem zu un­ter­rich­ten, was er wuss­te. Er sag­te im­mer, dass er die­se Auf­ga­be von Bud­dha oder ei­nem an­de­ren er­hal­ten habe, und das diente ihm und mir als Rech­fer­ti­gung mei­nes Auf­ent­halts. Doch er lebt nicht mehr, und sei­ne Auf­ga­be ist er­füllt. Ich brau­che ein neu­es Ziel, und ich hof­fe, dass ich das viel­leicht bei Date Ma­sa­mu­ne fin­den kann.‹

›Aber, aber ich ...‹

Chen Shi Mal leg­te ihm die Hand auf die Schul­ter.

›Gib auf, Wang Lee! Er hat sich ent­schie­den, und viel­leicht ist es der rich­ti­ge Weg für ihn. Wir soll­ten ihn nicht von et­was zu über­zeu­gen ver­su­chen, was er nicht will.‹

Bei­de hol­ten tief Luft und sa­hen mich mit trau­ri­gen Au­gen an. Wang Lee schi­en es be­son­ders hart zu tref­fen, denn sei­ne Au­gen be­ka­men einen feuch­ten Schim­mer. Er war mir in der Zeit, die ich in Chi­na zu­ge­bracht hat­te, im­mer ein treu­er Freund ge­we­sen. Nie hat­te er mich im Stich ge­las­sen, auch nicht, als wir in Wu­dang wa­ren und er sei­ne ge­wohn­te Um­ge­bung für mich ver­las­sen hat­te. Es fiel mir nicht leicht, vor mir selbst mei­ne Ent­schei­dung zu recht­fer­ti­gen, denn einen treue­ren und bes­se­ren Weg­be­glei­ter als ihn kann man sich nicht wün­schen. Doch auf der an­de­ren Sei­te stan­den die Kon­flik­te, die mei­ne An­we­sen­heit in Shao­lin her­vor­rief und un­ter de­ren Fol­gen die, die mir na­he­stan­den, mit­lei­den muss­ten. Das war der ein­zi­ge Grund, mit dem ich mei­ne Ent­schei­dung vor mir selbst recht­fer­ti­gen konn­te.

Als ich mit mei­nen Ge­dan­ken so weit ge­kom­men war, gab ich mir einen Ruck und ver­ab­schie­de­te mich von mei­nen chi­ne­si­schen Freun­den. Kei­ner konn­te sei­ne Emo­tio­nen ver­ber­gen, und re­spekt­voll wen­de­ten sich der Dai­myo und Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga ab. Ich wuss­te zu die­ser Zeit noch nicht, dass die­se Hand­lungs­wei­se für einen Sa­mu­rai kei­nes­wegs ty­pisch war und dass ich wie­der einen Weg mit sehr un­ge­wöhn­li­chen Cha­rak­te­ren be­schrei­ten wür­de. Doch ge­ra­de des­halb soll­te ich wie­der sehr gute Freun­de fin­den.

Die chi­ne­si­sche Küs­te war schon lan­ge mei­nen Bli­cken ent­schwun­den, und da ich kei­ne Auf­ga­be hat­te, ver­brach­te ich die Tag- und Nacht­stun­den zu ei­nem großen Teil in Me­di­ta­ti­on. Am Mor­gen des drit­ten Ta­ges tauch­te vor uns eine im Dunst lie­gen­de Küs­ten­li­nie auf. Mei­nen Ge­dan­ken nach­hän­gend, lehn­te ich an der Re­ling und schau­te er­war­tungs­voll in die­se Rich­tung. Wir hat­ten bis­her sehr gu­tes Se­gel­wet­ter ge­habt, so dass das Schiff re­la­tiv ru­hig da­hing­litt. Die gut ein­ge­ar­bei­te­te Mann­schaft be­weg­te sich fast laut­los und ge­mäch­lich auf dem Deck, wäh­rend ich mich in die­sem Mo­ment ein we­nig ein­sam fühl­te. Schon ka­men Zwei­fel in mir auf, ob es rich­tig war, die­sen Weg ein­zu­schla­gen, doch in dem Mo­ment ge­sell­te sich Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga zu mir.

›Darf ich Ih­nen ein we­nig Ge­sell­schaft leis­ten?‹

›Aber ja‹, sag­te ich er­freut. ›Ist das dort vorn schon die ja­pa­ni­sche Küs­te?‹, setz­te ich hin­zu.

›Nein‹, sag­te er lei­se auf­la­chend. ›Bis wir die zu se­hen be­kom­men, dau­ert es noch, und un­ser ei­gent­li­ches Ziel ist noch viel wei­ter ent­fernt.‹ Er schau­te sich kurz um und über­leg­te. ›Es müss­te eine der klei­ne­ren oder grö­ße­ren In­seln sein, die Ko­rea vor­ge­la­gert sind, doch ge­nau weiß ich es nicht. Der Schiffs­füh­rer kann es uns aber be­stimmt sa­gen.‹

Er dreh­te sich um und rief dem Ka­pi­tän et­was auf Ja­pa­nisch zu. Bei des­sen Ant­wort nick­te er be­frie­digt und sag­te dann zu mir:

›Ja, es ist, wie ich ver­mu­tet habe, eine der grö­ße­ren In­seln vor Ko­rea. Sie heißt Che­ju oder so ähn­lich. Wir las­sen sie rechts lie­gen und steu­ern ge­nau auf die Mee­ren­ge zwi­schen Kyus­hu und Hons­hu zu. Ha­ben wir die­se hin­ter uns, se­geln wir mehr oder we­ni­ger an Kyus­hus Küs­te ent­lang. Links se­hen wir dann die große In­sel Shi­ko­ku, de­ren Küs­ten­ver­lauf wir fol­gen, bis wir wie­der auf Hons­hu tref­fen. Wei­ter geht es Rich­tung Nord­os­ten bis zur Halb­in­sel Izu. Wenn wir sie um­schifft ha­ben, sind wir schon fast am Ziel, denn dann ist Edo nicht mehr weit.‹

›Oh, ich dach­te nicht, dass wir eine so lan­ge Fahrt vor uns ha­ben. Für mich war Ja­pan im­mer nur einen Kat­zen­sprung von Chi­na oder Ko­rea ent­fernt.‹

›Einen Kat­zen­sprung?‹, er lach­te kurz auf. ›Das hab ich ja noch nie ge­hört. Si­cher ist die Fahrt re­la­tiv kurz, wenn man an­de­re große See­rei­sen da­mit ver­gleicht, aber ein Kat­zen­sprung ...‹ Er ver­such­te ein wei­te­res Auf­la­chen zu un­ter­drücken. ›Nein, ein Kat­zen­sprung ist es be­stimmt nicht.‹

Mir in die Au­gen bli­ckend, füg­te er nach­denk­lich hin­zu, ›Du weißt an­schei­nend noch nicht all­zu viel über un­ser Land, und ich den­ke, es wird das Bes­te sein, wenn ich die wei­te­re Rei­se nut­ze und dir ei­ni­ges er­klä­re.‹

Er nahm eine be­que­me­re Hal­tung ein und fuhr fort:

›Ich darf doch du sa­gen, oder?‹

Ich nick­te be­stä­ti­gend. Er­freut und we­sent­lich ent­spann­ter sag­te er:

›Wir wer­den ver­mut­lich, da du noch kein Ja­pa­nisch kannst, in nächs­ter Zeit viel mit­ein­an­der zu tun ha­ben, und ich fin­de es ein­fach we­sent­lich ent­spann­ter, wenn wir nicht so förm­lich mit­ein­an­der um­ge­hen.‹

Er nick­te wie zur Selbst­be­stä­ti­gung und hol­te tief Luft.

›Also, die See­rei­se bis zu der Küs­te, die Ko­rea oder Chi­na am nächs­ten liegt, ist nicht gar so lang und führt übers of­fe­ne Meer. Doch dann müs­sen wir zwi­schen den großen ja­pa­ni­schen In­seln hin­durch­se­geln, um auf die an­de­re Sei­te Ja­pans zu ge­lan­gen, denn Edo liegt in ei­ner großen Bucht an der ge­gen­über­lie­gen­den Küs­te Ja­pans. Wenn wir die Re­si­denz des Sho­gun er­rei­chen, ha­ben wir mehr als die Hälf­te un­se­res Lan­des um­se­gelt. Das Lang­wie­rigs­te und viel­leicht auch Ge­fähr­lichs­te die­ser Rei­se ist die Fahrt zwi­schen den In­seln und an der an­de­ren Küs­te. Dort we­hen um die­se Jah­res­zeit oft un­s­te­te star­ke Win­de, meis­tens in un­er­wünsch­ter Rich­tung.‹

›Sie ... Ent­schul­di­gung, du hast die Rei­se wohl schon öf­ter ge­macht?‹

›Nein, ich war bis jetzt nur ein­mal in Chi­na, und das auch nicht of­fi­zi­ell. Wie­so fragst du? Weil ich die See­rei­se so ge­nau be­schrie­ben habe?‹

›Zum einen ja und zum an­de­ren we­gen dei­ner gu­ten Chi­ne­sisch­kennt­nis­se.‹

›Nun, bei­des ist leicht zu er­klä­ren. Die chi­ne­si­sche Spra­che habe ich schon als Kind ge­lernt. In der Nähe mei­nes El­tern­hau­ses ist ein bud­dhis­ti­scher Schrein, und ei­ni­ge der Mön­che, die dort le­ben, ka­men aus Chi­na. Wir wur­den in be­stimm­ten Din­gen von die­sen Män­nern un­ter­rich­tet, und da­bei habe ich ihre Spra­che er­lernt.‹

Er mach­te eine klei­ne Pau­se, und sein Ge­sicht nahm einen leicht ver­trä­um­ten Aus­druck an. Es schie­nen schö­ne Er­in­ne­run­gen an jene Zeit zu sein, die ihm ge­ra­de in den Sinn ka­men. Doch das dau­er­te nur kurz. Er blick­te wie­der hoch und fuhr fort:

›Ja, und die See­rei­se in Ja­pans Ge­wäs­sern kann ich so gut be­schrei­ben, weil ich im Auf­trag des Dai­myo schon mehr­fach zur In­sel Shi­ko­ku und auch dar­über hi­n­aus ge­fah­ren bin. Date Hi­demu­ne, der äl­tes­te Sohn mei­nes Herrn, hat vom Sho­gun das Le­hen Uwa­ji­ma auf der In­sel Shi­ko­ku er­hal­ten, und ich habe ihn öf­ter dort auf­su­chen müs­sen.‹

›Ist es bei euch nicht üb­lich, dass der äl­tes­te Sohn die Nach­fol­ge sei­nes Va­ters an­tritt?‹

›Das schon, doch Date Hi­demu­ne ist kein Sohn von Meg­o­hi­me, der Frau mei­nes Herrn. Er ist der Sohn ei­ner Kon­ku­bi­ne und kann des­halb das Erbe sei­nes Va­ters nicht an­tre­ten. Er darf zwar den Na­men sei­nes Va­ters füh­ren, aber in der Rang­fol­ge kommt im­mer erst der erst­ge­bo­re­ne Sohn aus der ehe­li­chen Ver­bin­dung.‹

›O je, ist das kom­pli­ziert. Kommt es da nicht zu Kon­flik­ten und Rei­be­rei­en?‹

›Eher sel­ten, es ist al­les klar ge­re­gelt, und al­les un­ter­liegt ei­ner stren­gen Rang­ord­nung. Frü­her kam es öf­ter vor, dass in Fa­mi­li­en der eine oder an­de­re aus die­ser Ord­nung aus­bre­chen woll­te, doch un­ter der stren­gen Füh­rung des Sho­gun ist das nicht mehr so ein­fach.‹

›Warum hat der Fürst eine Kon­ku­bi­ne? Ist er mit sei­ner Frau nicht glück­lich?‹

Shi­ge­na­ga sah mich ver­ständ­nis­los an.

›Das eine hat mit dem an­de­ren nichts zu tun. Date Ma­sa­mu­ne ist ein großer Dai­myo. Es ist üb­lich und ge­hört zum gu­ten Ton, dass sich ein Mann in ei­ner sol­chen Po­si­ti­on eine oder meh­re­re Kon­ku­bi­nen hält. Mein Herr hat sie­ben, aber in letz­ter Zeit sucht er sie nicht mehr so oft auf, denn er denkt mitt­ler­wei­le ein we­nig an­ders über die­sen Brauch. Doch das ist nur in­of­fi­zi­ell. Mehr möch­te ich dar­über nicht sa­gen.‹

Mein Blick ruh­te auf dem Meer, ohne das ich et­was da­von wahr­nahm. Ich dach­te über das Ge­hör­te nach, und Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga be­ob­ach­te­te mich ge­spannt.

Nach ei­ner Wei­le durch­brach er die Stil­le und frag­te:

›Es hat den An­schein, dass du die­sen Brauch noch nicht kennst? Gibt es dort, wo du her­kommst, kei­ne Kon­ku­bi­nen?‹

›Of­fi­zi­ell nicht. Si­cher­lich ha­ben man­che Män­ner eine Ge­lieb­te, aber das wird meist ge­heim ge­hal­ten. Wenn sich man­che Män­ner da­mit brüs­ten, dann in der Re­gel nur von Mann zu Mann, un­ter Gleich­ge­sinn­ten. Im All­ge­mei­nen scha­det es dem Ruf, vor al­lem dann, wenn es eine hoch­ge­stell­te Per­sön­lich­keit be­trifft. Ich per­sön­lich emp­fin­de Ne­ben­frau­en als we­nig sinn­voll, denn es schafft nur Pro­ble­me. Aber ich möch­te mir da kein Ur­teil er­lau­ben, weil ich noch viel zu we­nig über euer Land und Volk weiß. Es hat si­cher­lich sei­ne Grün­de und Ur­sa­chen und viel­leicht ...‹, ich stock­te kurz, ›viel­leicht auch sei­ne Be­rech­ti­gung.‹

Er lach­te kurz auf.

›Ja, sei­ne Grün­de und Ur­sa­chen hat es auf je­den Fall, ob es des­we­gen sei­ne Be­rech­ti­gung hat, weiß ich nicht.‹

Er schau­te über Bord und be­ob­ach­te­te einen Schwarm Fi­sche, der knapp un­ter der Was­ser­ober­flä­che ne­ben dem Schiff da­hing­litt. Da­bei sprach er lei­se und mehr zu sich:

›Un­ser Volk und vor al­lem der Stand, dem ich an­ge­hö­re, schätzt die krie­ge­ri­schen Fä­hig­kei­ten und die Macht ei­nes Man­nes mehr als al­les an­de­re. Aus die­sem und an­de­ren Grün­den ha­ben wir uns in den letz­ten Jahr­hun­der­ten im­mer wie­der ge­gen­sei­tig zer­fleischt. Es wur­den stän­dig Krie­ge ge­führt und ter­ri­to­ria­le Macht­kämp­fe aus­ge­foch­ten. Vie­le Ban­di­ten und her­ren­lo­se Krie­ger zo­gen durchs Land. Sie raub­ten und mor­de­ten ohne Gna­de. Das Re­sul­tat war und ist, dass es einen Frau­en­über­schuss und vie­le Wit­wen gibt. Schon vor vie­len hun­dert Jah­ren kam der Brauch auf, dass Män­ner, die es sich leis­ten konn­ten, sol­che Frau­en in Dienst ge­nom­men ha­ben, um ih­nen Schutz zu ge­wäh­ren. Der Weg bis zur Kon­ku­bi­ne war dann nicht mehr weit. Doch mitt­ler­wei­le ha­ben sich die­se Grün­de ver­lo­ren, und es geht jetzt meist mehr dar­um, Fa­mi­li­en an sich zu bin­den, oder die Fa­mi­li­en der Kon­ku­bi­nen möch­ten sich das Wohl­wol­len ei­nes ho­hen Her­ren da­mit er­kau­fen. Und na­tür­lich be­frie­di­gen vie­le Män­ner da­mit Ihre Be­dürf­nis­se.‹

Er sah hoch und mir in die Au­gen, ›Doch ich rede hier über Din­ge, die ein ge­fähr­li­ches Ge­dan­ken­gut sind, denn kei­ner möch­te an die­sen Bräu­chen und Ri­tua­len rüh­ren. Auch er­in­nern sol­che Re­den an die christ­li­chen Missio­na­re, die seit ei­ni­ger Zeit aus dem Land ver­bannt sind. Date Ma­sa­mu­ne und ich ha­ben des Öf­te­ren über sol­che Sa­chen ge­spro­chen. Wir se­hen mitt­ler­wei­le vie­les ein we­nig an­ders als die an­de­ren Män­ner un­se­res Stan­des, doch öf­fent­lich dazu be­ken­nen dür­fen wir uns nicht. Es wäre un­ser To­des­ur­teil. Also, wenn du uns und un­se­re Fa­mi­li­en nicht ins Un­glück stür­zen willst, dann be­hal­te es für dich, und sprich mög­lichst nicht mit dem Fürs­ten dar­über.‹

Ich nick­te und be­müh­te mich, das The­ma zu wech­seln.

›Ist Edo eine sehr große Stadt?‹

Er er­kann­te mei­ne Ab­sicht, lä­chel­te und ging dar­auf ein.

›Das kommt dar­auf an, was für Ver­glei­che du hast. Du kannst Edo si­cher­lich nicht mit der Re­si­denz­stadt des chi­ne­si­schen Kai­sers ver­glei­chen, denn Edo ist noch jung. Die Stadt wird ge­ra­de erst rich­tig auf­ge­baut, es ist al­les neu und wohl­ge­ord­net. Vie­le tau­send Ar­bei­ter sind da­mit be­schäf­tigt, den sump­fi­gen Bo­den zu be­fes­ti­gen so­wie Stra­ßen und neue Ge­bäu­de zu bau­en. Die Burg des Sho­gun und eine Grund­struk­tur sind schon vor­han­den. Als ich noch ein Kind war, war Edo ein klei­nes Fi­scher­dorf, doch To­ku­ga­wa Ieya­su, der ers­te große Sho­gun, er­kor sich die­ses Dorf zur Re­si­denz. Seit die­ser Zeit wird in Edo ge­baut. Erst noch zu­rück­hal­tend und jetzt, nach­dem sich die Macht des am­tie­ren­den Sho­gun über ganz Ja­pan er­streckt, mehr. Alle Dai­myo müs­sen sich am Auf­bau der Stadt be­tei­li­gen und ver­brin­gen auch einen großen Teil ih­res Le­bens hier.‹

Er wen­de­te sich wie­der um und blick­te aufs Was­ser.

›Was für ein Auf­wand und was für Kos­ten! Die Mit­tel könn­ten in den Pro­vin­zen der Dai­myo gut ge­braucht wer­den. Doch kei­ner wagt es, sich da­ge­gen auf­zu­leh­nen. Der Sho­gun hat die Macht, und alle sind ihm auf Ge­deih und Ver­derb aus­ge­lie­fert.‹

Er schüt­tel­te den Kopf.

›Aber die Stadt wird schön. Der Stadt­kern ist die Burg, und um sie he­r­um scha­ren sich die An­we­sen der rang­höchs­ten Sa­mu­rai. Da­mit mei­ne ich die der Dai­myos und et­was wei­ter von der Burg ent­fernt die Häu­ser von de­ren di­rek­ten Un­ter­ge­be­nen. Also Bus­hi wie mich. Je wei­ter weg von der Burg das Haus, des­to ge­rin­ger der Rang des Be­sit­zes. Noch wei­ter ent­fernt ste­hen die Häu­ser der Cho­nin. Die­se Stadt­men­schen, Kauf­leu­te, Hand­wer­ker und an­de­re un­rei­ne Men­schen, ge­hö­ren zur un­ters­ten Stan­des­rie­ge. Am Fluss Oka­wa be­fin­den sich La­ger­häu­ser und Re­gie­rungs­ge­bäu­de. An der Bucht liegt der Ha­fen. Doch über­all wird noch ge­baut, und nur im Kern ist das meis­te schon fer­tig.‹

Er wen­de­te sich wie­der mir zu.

›Wenn wir an Land ge­gan­gen sind, müs­sen wir ei­ni­ges be­ach­ten, und du musst dich un­be­dingt in mei­ner Nähe auf­hal­ten, da­mit ich dir Ver­hal­tens­re­geln im Um­gang ...‹

In die­sem Mo­ment wur­den wir vom Fürs­ten un­ter­bro­chen.

Date Ma­sa­mu­ne saß in der Nähe des Heck­mas­tes un­ter ei­nem Son­nen­schirm und hat­te sich bis zu die­sem Zeit­punkt mit dem Ka­pi­tän un­ter­hal­ten. Sich von die­sem ab­wen­dend, rief er Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga et­was zu. Die­ser ver­beug­te sich leicht vor dem Dai­myo und for­der­te mich dann auf, mit zum Fürs­ten zu kom­men. Als wir vor ihm stan­den und ich ihn un­schlüs­sig an­blick­te, sprach der Dai­myo in bar­schem Ton­fall mit Shi­ge­na­ga. Er­staunt sah ich von ei­nem zum an­de­ren. Es war al­les sehr wi­der­sprüch­lich und un­ge­wohnt für mich. Zum einen sah ich im Ge­sicht des Fürs­ten ein hin­ter­grün­di­ges Lä­cheln, und zum an­de­ren war der Ton­fall wie eine stren­ge Rüge. Mein Dol­met­scher mach­te eine un­ter­wür­fi­ge Ges­te, ant­wor­te­te knapp und wen­de­te sich mir zu.

›Date Ma­sa­mu­ne hat mich so­eben ge­rügt, weil ich dir noch nichts von un­se­ren Sit­ten und Ge­bräu­chen bei­ge­bracht habe. Auch wenn der Fürst in den Mo­men­ten, wenn wir un­ter uns sind, mit dir oder mir einen ver­trau­li­chen Um­gang pflegt, darf er das nach au­ßen nicht zei­gen. Er muss das Ge­sicht wah­ren, und wir müs­sen ihm den ge­büh­ren­den Re­spekt zol­len. Es ist von der Sa­che her nur ge­spielt, aber wich­tig für den Er­halt sei­ner Stel­lung. Das heißt, wenn du in Ge­gen­wart an­de­rer zum Fürs­ten ge­ru­fen wirst, nä­herst du dich ihm lang­sam und mit ge­senk­tem Blick bis auf fünf Schrit­te.‹

Ich schau­te nach un­ten und trat zwei Schrit­te zu­rück, denn ich war schon bis auf drei he­r­an­ge­tre­ten.

Ein kaum wahr­nehm­ba­res Lä­cheln husch­te über die Ge­sich­ter der bei­den, und Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga sprach wei­ter:

›Dann beugst du vor ihm das Knie. Das lin­ke Knie und die lin­ke Faust auf dem Bo­den. Die rech­te Hand, da du kei­ne Schwer­ter be­sitzt, auf den rech­ten Ober­schen­kel ge­stützt. Wärst du ein Sa­mu­rai, müss­te dei­ne rech­te Hand hin­ter dem Rücken die Schei­de dei­nes Schwer­tes um­fas­sen, um da­mit zu zei­gen, dass du den Fürs­ten nicht an­grei­fen willst.‹

Die gan­ze Ze­re­mo­nie er­schi­en mir nach un­se­rem bis­he­ri­gen zwang­lo­sen Um­gang ein we­nig selt­sam, doch ich war im Be­griff, ein frem­des Land mit mir noch un­be­kann­ten Sit­ten zu be­tre­ten, und emp­fand es als un­pas­send, ihre Ge­bräu­che in Fra­ge zu stel­len. Ich beug­te also das Knie und be­folg­te die wei­te­ren An­wei­sun­gen mei­nes Dol­met­schers.

Mit ei­nem leich­ten Nei­gen des Kop­fes quit­tier­te der Dai­myo mei­ne Hand­lungs­wei­se, und Shi­ge­na­ga fuhr in sei­nen Er­läu­te­run­gen fort:

›Dein Blick ist da­bei auf den Bo­den ge­rich­tet, und erst wenn dich der Fürst dazu auf­for­dert, schaust du ihn an.‹

Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga hat­te sich ähn­lich ver­hal­ten, nur mit dem Un­ter­schied, dass er sich ein we­nig vor mir, dem Dai­myo die rech­te Sei­te zu­wen­dend, be­fand.

In har­schem Ton­fall, von ei­ner auf­for­dern­den Ges­te be­glei­tet, die ich aus den Au­gen­win­keln sah, sprach Date Ma­sa­mu­ne uns an. Ich ent­nahm der Ges­te, dass ich auf­bli­cken konn­te, und sah dem Fürs­ten ins Auge. Ein klein we­nig Schalk lag in sei­nem Blick, doch das währ­te nur kurz, und ein Au­ßen­ste­hen­der hät­te es si­cher­lich nicht be­merkt.

›Gut, du hast die Auf­for­de­rung teil­wei­se schon ver­stan­den‹, Shi­ge­na­ga nick­te mir an­er­ken­nend zu. ›Der Fürst hat dir er­laubt, sich ihm bis auf drei Schrit­te – das ist der üb­li­che Ab­stand – zu nä­hern und ihm ge­gen­über Platz zu neh­men.‹

Um­ge­hend folg­te ich der An­wei­sung.

›Halt, nicht so schnell und mit ge­senk­tem Kopf.‹

Ich stock­te und neig­te den Kopf.

›Gut, und nun knie nie­der und set­ze dich auf dei­ne Un­ter­schen­kel.‹

Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga wen­de­te sich dem Dai­myo zu, ver­beug­te sich leicht und rich­te­te ei­ni­ge Wor­te an ihn. Nach des­sen Ant­wort dreh­te er sich wie­der zu mir um und sag­te:

›Der Fürst wünscht, dass ich dir die­ses Ver­hal­ten er­klä­re.‹

Ich wen­de­te mich wie­der Shi­ge­na­ga zu und wur­de so­fort kor­ri­giert:

›Nein, schau nicht mich an, denn ich bin nur der Dol­met­scher, dein ei­gent­li­cher Ge­sprächs­part­ner ist Date Ma­sa­mu­ne.‹

Als ich sei­ner An­wei­sung folg­te, konn­te ich noch ein leich­tes Kopf­nei­gen von ihm se­hen, dann fuhr er fort:

›Du er­weist dem Dai­myo da­mit den nö­ti­gen Re­spekt‹, er hol­te tief Luft. ›Mein Herr hat mich vor­hin zu Recht ge­rügt, denn ich habe sehr un­be­dacht ge­han­delt. Auf die­ser Rei­se nach Chi­na war es nicht not­wen­dig, sol­che Ze­re­mo­ni­en auf­recht­zu­er­hal­ten, doch jetzt, vor al­lem in Edo, ist es un­um­gäng­lich, um Date Ma­sa­mu­ne nicht zu scha­den. Auch dir könn­te bei ei­nem Fehl­ver­hal­ten Scha­den ent­ste­hen, und das möch­te der Fürst, da du ja auf sei­nen Wunsch hin mit­ge­kom­men bist, ver­hin­dern. Du musst in nächs­ter Zeit sehr vor­sich­tig sein und ge­nau auf mich ach­ten, da­mit ich dir al­les Not­wen­di­ge ver­mit­teln kann.‹

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