Kitabı oku: «Traum oder wahres Leben», sayfa 4
Nachdem wir das Song-Shan-Gebirge verlassen hatten, strebten wir der alten Handelsstraße zu, die über Kaifeng, Shangqiu und Tongshan an die Küste führte. Auf ihr erreichten wir ohne besondere Vorkommnisse nach vierzehn Tagen Lianyungang.
Liu Shi Meng hatte seinen Auftrag ausgeführt und dem Führer des japanischen Schiffes die Nachricht des Fürsten überbracht. Der Kapitän hatte den langen Aufenthalt genutzt, um Silber, Kupfer und chinesische Seide zu kaufen. Es war für ihn die einmalige Gelegenheit in China Waren aufzunehmen, denn normalerweise war es den japanischen Schiffen nicht gestattet, chinesische Häfen anzulaufen. Nur die diplomatische Mission des Fürsten hatte es ermöglicht, doch die Seeleute waren gezwungen, sich ständig an Bord aufzuhalten, da sie das Festland nicht betreten durften.
Das Schiff war ein sogenanntes Rotsiegel-Schiff, das eine Lizenz des Shogun hatte, um Handel mit anderen asiatischen Ländern zu treiben. Es gehörte zwar Date Masamune, aber der Kapitän fungierte gleichzeitig als Händler und war am Gewinn beteiligt. Deshalb war er auch erfreut, als der Fürst endlich eintraf, denn je länger er in einem Hafen verweilte, umso größer war sein Verlust. Obwohl ihn der Daimyo für die lange Liegezeit entschädigen würde, wäre sein Gewinn bei einem guten Handel größer gewesen.
Als wir im Hafen ankamen, wurde dem Kapitän sofort das Eintreffen des Fürsten gemeldet und er empfing den Daimyo, noch bevor dieser das Schiff betrat. Die sich anschließende Unterhaltung konnte ich, da sie japanisch geführt wurde, nicht verstehen, und weil Katakura Shigenaga nicht dolmetschte, hatte ich Muße, mir das Schiff genauer zu betrachten.
Ich hatte noch nie ein Segelschiff aus der Nähe gesehen, und die, die ich von Bildern her kannte, waren mit diesem hier nicht vergleichbar. Anscheinend mischten sich in dieser Schiffskonstruktion mehrere Bauweisen. Der Rumpf hatte ein sehr hohes Heck und einen wesentlich niedrigeren Bug. Das Heck mit den Aufbauten erinnerte mich an spanische und portugiesische Segelschiffe, die ich auf Bildern gesehen hatte. Den Bug aber konnte ich gar nicht zuordnen, denn unterhalb des eigentlichen Decks war noch einmal so eine Art Vorbau oder Galerie, die um den Bug herumführte. Dort wurde der Anker abgelegt, wenn das Schiff auf See war, und einige Taue, die zur Spitze des Bugspriets und dem dort befestigten Segel führten, deuteten darauf hin, dass dieses von hier aus bedient wurde. Des Weiteren hatte das Schiff drei Masten. Einen im vorderen Teil des Schiffes, fast am Bug, dieser war annähernd so hoch wie der Hauptmast, der sich ungefähr in der Mitte des Schiffes befand. Der dritte Mast hatte höchstens die halbe Höhe des Hauptmastes und befand sich im Heckbereich des Schiffes.
Die Besegelung schien wieder eine Mischung aus verschiedenen Schiffsbauweisen zu sein. Obwohl sie gerefft waren, konnte man erkennen, dass die Segel am Bugspriet und am Heckmast normale Leinensegel waren, während die an den großen Masten mit Bambuslatten durchzogen waren. Das Steuerruder schien wie der gesamte Heckaufbau einem portugiesischen Schiff entlehnt zu sein, und drei Luken, die sich auf jeder Seite des Aufbaus befanden, deuteten auf eine Bewaffnung mit sechs Kanonen hin.
Ich war gerade dabei, die Details in mich aufzunehmen, als ich durch den Aufmarsch einer Gruppe chinesischer Soldaten aus meinen Betrachtungen gerissen wurde. Eine Einheit von zwanzig Soldaten, geführt von einem Offizier, marschierte im Gleichschritt auf uns zu.
Der Fürst und der Kapitän unterbrachen ihr Gespräch und blickten der Truppe entgegen. Als sie uns erreicht hatten, fuhr der Offizier die Japaner barsch an.
›Sie haben kein Recht, sich hier an Land aufzuhalten! Begeben Sie sich sofort wieder auf Ihr Schiff, sonst sehe ich mich gezwungen, Sie in Gewahrsam zu nehmen!‹
Die Japaner schienen nach dem Gespräch, das der Fürst mit dem Kapitän geführt hatte, in wenig guter Stimmung zu sein und hatten die Hände schon am Schwertheft, doch Wang Lee behielt die Ruhe, trat vor den Offizier und fragte:
›Darf ich erfahren, warum Sie diese Gäste Chinas so unhöflich behandeln?‹
›Gäste Chinas? Es müsste doch jedem bekannt sein, das nach einem Kaiserlichen Erlass keine japanischen Seeleute das chinesische Festland betreten dürfen, und dieses Schiff hier durfte den Hafen nur mit einer Sondergenehmigung anlaufen! Doch beinhaltet sie nicht die Genehmigung des Landgangs! Also, gehen Sie uns aus dem Weg, und lassen Sie uns unsere Pflicht tun!‹
Wang Lee wich nicht von der Stelle, lächelte freundlich und erwiderte:
›Es tut mir leid, doch ich muss Ihnen widersprechen. Diese Leute hier sind Teil einer japanischen Gesandtschaft, die am Kaiserhof weilte. Der Fürst, Date Masamune, hatte die Genehmigung des Kaisers, dass Shaolin-Kloster zu besuchen, und wir Mönche haben die Gesandtschaft zu ihrem Schiff geleitet. Es ist also keinesfalls unberechtigt, dass sich diese Japaner an Land aufhalten.‹
Der Offizier war sichtlich verunsichert und betrachtete die Kampfmönche, die zwischen ihm und den Japanern standen. Doch so ganz ohne Widerrede wollte er sich nicht geschlagen geben.
›Das müssen Sie mir erst einmal beweisen! Von einer solchen Genehmigung habe ich keine Kenntnis, und ich erfülle hier auch nur meine Pflicht!‹
›Der Fürst hat ein Dokument vom Kaiserhof, das diese Reise genehmigt. Er wird es Ihnen auf Wunsch bestimmt zeigen. Außerdem müsste Ihnen die Sondergenehmigung des Schiffes dies auch bestätigen, denn es ist hier, um die Gesandtschaft an Bord zu nehmen.‹
In diesem Augenblick mischte sich Date Masamune ein. Der dolmetschende Samurai, hatte das bisherige Gespräch übersetzt und kam mit der Reisegenehmigung, die ihm der Fürst gegeben hatte, nach vorn. Er hielt sie dem Offizier hin und sagte:
›Der Fürst Date Masamune versteht die Unruhe nicht und möchte das Missverständnis mit der Vorlage dieses Dokumentes beenden.‹
Nachdem der Offizier einen kurzen Blick auf das Kaiserliche Siegel geworfen hatte, setzte er eine andere Miene auf und antwortete, ohne den Inhalt der Genehmigung überhaupt zu lesen:
›Entschuldigen Sie! Ich tue nur meine Pflicht, und mir war diese Genehmigung nicht bekannt. Dürfte ich noch erfahren, wie lange Sie sich in Lianyungang aufhalten werden?‹
Katakura Shigenaga drehte sich zum Daimyo um und leitete die Frage weiter. Der machte eine wegwerfende Handbewegung und gab eine gereizte Antwort, doch ich hatte das Gefühl, dass der Samurai sie nicht wortwörtlich übersetzte.
›Sobald das Schiff zum Auslaufen bereit ist, werden wir den Hafen verlassen. Da sich der Tag aber bereits dem Ende zuneigt, wird es vermutlich erst morgen früh geschehen.‹
Der Offizier bedankte sich für die Auskunft und machte mit seiner Truppe kehrt.
Der Zwischenfall zeigte, wie gespannt das Verhältnis zwischen Japan und China immer noch war. Keine der beiden Seiten traute der anderen über den Weg, und der kleinste Zwischenfall konnte zu einer blutigen Auseinandersetzung führen.
Date Masamune war immer noch sehr verstimmt, vor allem weil ihm der Kapitän berichtet hatte, dass sie das Schiff nicht verlassen durften. Der Handel war deshalb nur über Mittelsmänner und mit zusätzlichen finanziellen Aufwendungen möglich gewesen.
Missmutig drehte er sich um und wollte aufs Schiff gehen. Dabei fiel sein Blick auf mich, und er ließ mich durch Katakura Shigenaga fragen, ob ich mich entschieden hätte.
›Ja!‹, sagte ich. ›Ich habe lange überlegt, alles abgewogen und bin zu dem Schluss gekommen, Ihr Angebot anzunehmen.‹
Das Gesicht des Fürsten hellte sich auf, doch Wang Lee und Chen Shi Mal begehrten auf:
›Xu Shen Po, das kannst du nicht machen. Du gehörst hierher, und es ist schon schlimm genug, dass du nach Wudang gehen willst. Dort haben wir aber wenigstens die Möglichkeit, dich zu besuchen, und vielleicht kommst du irgendwann doch zu uns zurück. Aber wenn du mit nach Japan gehst, werden wir dich bestimmt nicht wiedersehen.‹
Er hatte gewiss recht, doch in diesem Moment schien es mir die vernünftigste Entscheidung zu sein.
›Lass gut sein, Wang Lee, es ist vermutlich egal, wohin ich mich wende, denn unsere Wege trennen sich hier auf jeden Fall. Auch wenn ich nach Wudang ginge, wäre ein Wiedersehen unwahrscheinlich, denn auch dort bin ich nur Gast, und Gäste sollen nach einer gewissen Zeit wieder gehen.‹
›Wie kannst du nur so etwas sagen! Für mich gehörst du zu uns, und der Abt von Wudang sieht dich auch als einen zu uns Gehörigen.‹
›Ja, solange ich der Schüler war, war das in Ordnung. Doch der bin ich nicht mehr, und welches Recht sollte ich haben, mich jetzt noch für längere Zeit in euren Klöstern aufzuhalten. Ich bin kein buddhistischer und auch kein taoistischer Mönch und habe weder Rechte noch Aufgaben in euren Klöstern. Lei Cheng hat mir das bei unserem Abschiedsgespräch bewusst gemacht. Ich muss und will mir also eine Aufgabe suchen, mit der ich meinen Lebensunterhalt verdienen kann und die mir das Recht gibt, mich an einem Ort aufzuhalten. Bei euch kann ich das nicht, da ich weder den einen noch den anderen Glauben annehmen will oder kann. Aber der Fürst hat mir ein Angebot gemacht, mit dem ich meine Anwesenheit vielleicht rechtfertigen kann. Zumindest für eine gewisse Zeit, und dann sehe ich weiter.‹
›Aber eine Aufgabe kannst du doch auch bei uns finden. Du bist jetzt ein Meister und kannst unterrichten oder ...‹
›Nein, Wang Lee, ich bin kein Mönch. Ich war hier gestrandet, und Han Liang Tian hatte, aus welchem Grund auch immer, mich erwartet und sah es als seine Aufgabe an, mich in allem zu unterrichten, was er wusste. Er sagte immer, dass er diese Aufgabe von Buddha oder einem anderen erhalten habe, und das diente ihm und mir als Rechfertigung meines Aufenthalts. Doch er lebt nicht mehr, und seine Aufgabe ist erfüllt. Ich brauche ein neues Ziel, und ich hoffe, dass ich das vielleicht bei Date Masamune finden kann.‹
›Aber, aber ich ...‹
Chen Shi Mal legte ihm die Hand auf die Schulter.
›Gib auf, Wang Lee! Er hat sich entschieden, und vielleicht ist es der richtige Weg für ihn. Wir sollten ihn nicht von etwas zu überzeugen versuchen, was er nicht will.‹
Beide holten tief Luft und sahen mich mit traurigen Augen an. Wang Lee schien es besonders hart zu treffen, denn seine Augen bekamen einen feuchten Schimmer. Er war mir in der Zeit, die ich in China zugebracht hatte, immer ein treuer Freund gewesen. Nie hatte er mich im Stich gelassen, auch nicht, als wir in Wudang waren und er seine gewohnte Umgebung für mich verlassen hatte. Es fiel mir nicht leicht, vor mir selbst meine Entscheidung zu rechtfertigen, denn einen treueren und besseren Wegbegleiter als ihn kann man sich nicht wünschen. Doch auf der anderen Seite standen die Konflikte, die meine Anwesenheit in Shaolin hervorrief und unter deren Folgen die, die mir nahestanden, mitleiden mussten. Das war der einzige Grund, mit dem ich meine Entscheidung vor mir selbst rechtfertigen konnte.
Als ich mit meinen Gedanken so weit gekommen war, gab ich mir einen Ruck und verabschiedete mich von meinen chinesischen Freunden. Keiner konnte seine Emotionen verbergen, und respektvoll wendeten sich der Daimyo und Katakura Shigenaga ab. Ich wusste zu dieser Zeit noch nicht, dass diese Handlungsweise für einen Samurai keineswegs typisch war und dass ich wieder einen Weg mit sehr ungewöhnlichen Charakteren beschreiten würde. Doch gerade deshalb sollte ich wieder sehr gute Freunde finden.
Die chinesische Küste war schon lange meinen Blicken entschwunden, und da ich keine Aufgabe hatte, verbrachte ich die Tag- und Nachtstunden zu einem großen Teil in Meditation. Am Morgen des dritten Tages tauchte vor uns eine im Dunst liegende Küstenlinie auf. Meinen Gedanken nachhängend, lehnte ich an der Reling und schaute erwartungsvoll in diese Richtung. Wir hatten bisher sehr gutes Segelwetter gehabt, so dass das Schiff relativ ruhig dahinglitt. Die gut eingearbeitete Mannschaft bewegte sich fast lautlos und gemächlich auf dem Deck, während ich mich in diesem Moment ein wenig einsam fühlte. Schon kamen Zweifel in mir auf, ob es richtig war, diesen Weg einzuschlagen, doch in dem Moment gesellte sich Katakura Shigenaga zu mir.
›Darf ich Ihnen ein wenig Gesellschaft leisten?‹
›Aber ja‹, sagte ich erfreut. ›Ist das dort vorn schon die japanische Küste?‹, setzte ich hinzu.
›Nein‹, sagte er leise auflachend. ›Bis wir die zu sehen bekommen, dauert es noch, und unser eigentliches Ziel ist noch viel weiter entfernt.‹ Er schaute sich kurz um und überlegte. ›Es müsste eine der kleineren oder größeren Inseln sein, die Korea vorgelagert sind, doch genau weiß ich es nicht. Der Schiffsführer kann es uns aber bestimmt sagen.‹
Er drehte sich um und rief dem Kapitän etwas auf Japanisch zu. Bei dessen Antwort nickte er befriedigt und sagte dann zu mir:
›Ja, es ist, wie ich vermutet habe, eine der größeren Inseln vor Korea. Sie heißt Cheju oder so ähnlich. Wir lassen sie rechts liegen und steuern genau auf die Meerenge zwischen Kyushu und Honshu zu. Haben wir diese hinter uns, segeln wir mehr oder weniger an Kyushus Küste entlang. Links sehen wir dann die große Insel Shikoku, deren Küstenverlauf wir folgen, bis wir wieder auf Honshu treffen. Weiter geht es Richtung Nordosten bis zur Halbinsel Izu. Wenn wir sie umschifft haben, sind wir schon fast am Ziel, denn dann ist Edo nicht mehr weit.‹
›Oh, ich dachte nicht, dass wir eine so lange Fahrt vor uns haben. Für mich war Japan immer nur einen Katzensprung von China oder Korea entfernt.‹
›Einen Katzensprung?‹, er lachte kurz auf. ›Das hab ich ja noch nie gehört. Sicher ist die Fahrt relativ kurz, wenn man andere große Seereisen damit vergleicht, aber ein Katzensprung ...‹ Er versuchte ein weiteres Auflachen zu unterdrücken. ›Nein, ein Katzensprung ist es bestimmt nicht.‹
Mir in die Augen blickend, fügte er nachdenklich hinzu, ›Du weißt anscheinend noch nicht allzu viel über unser Land, und ich denke, es wird das Beste sein, wenn ich die weitere Reise nutze und dir einiges erkläre.‹
Er nahm eine bequemere Haltung ein und fuhr fort:
›Ich darf doch du sagen, oder?‹
Ich nickte bestätigend. Erfreut und wesentlich entspannter sagte er:
›Wir werden vermutlich, da du noch kein Japanisch kannst, in nächster Zeit viel miteinander zu tun haben, und ich finde es einfach wesentlich entspannter, wenn wir nicht so förmlich miteinander umgehen.‹
Er nickte wie zur Selbstbestätigung und holte tief Luft.
›Also, die Seereise bis zu der Küste, die Korea oder China am nächsten liegt, ist nicht gar so lang und führt übers offene Meer. Doch dann müssen wir zwischen den großen japanischen Inseln hindurchsegeln, um auf die andere Seite Japans zu gelangen, denn Edo liegt in einer großen Bucht an der gegenüberliegenden Küste Japans. Wenn wir die Residenz des Shogun erreichen, haben wir mehr als die Hälfte unseres Landes umsegelt. Das Langwierigste und vielleicht auch Gefährlichste dieser Reise ist die Fahrt zwischen den Inseln und an der anderen Küste. Dort wehen um diese Jahreszeit oft unstete starke Winde, meistens in unerwünschter Richtung.‹
›Sie ... Entschuldigung, du hast die Reise wohl schon öfter gemacht?‹
›Nein, ich war bis jetzt nur einmal in China, und das auch nicht offiziell. Wieso fragst du? Weil ich die Seereise so genau beschrieben habe?‹
›Zum einen ja und zum anderen wegen deiner guten Chinesischkenntnisse.‹
›Nun, beides ist leicht zu erklären. Die chinesische Sprache habe ich schon als Kind gelernt. In der Nähe meines Elternhauses ist ein buddhistischer Schrein, und einige der Mönche, die dort leben, kamen aus China. Wir wurden in bestimmten Dingen von diesen Männern unterrichtet, und dabei habe ich ihre Sprache erlernt.‹
Er machte eine kleine Pause, und sein Gesicht nahm einen leicht verträumten Ausdruck an. Es schienen schöne Erinnerungen an jene Zeit zu sein, die ihm gerade in den Sinn kamen. Doch das dauerte nur kurz. Er blickte wieder hoch und fuhr fort:
›Ja, und die Seereise in Japans Gewässern kann ich so gut beschreiben, weil ich im Auftrag des Daimyo schon mehrfach zur Insel Shikoku und auch darüber hinaus gefahren bin. Date Hidemune, der älteste Sohn meines Herrn, hat vom Shogun das Lehen Uwajima auf der Insel Shikoku erhalten, und ich habe ihn öfter dort aufsuchen müssen.‹
›Ist es bei euch nicht üblich, dass der älteste Sohn die Nachfolge seines Vaters antritt?‹
›Das schon, doch Date Hidemune ist kein Sohn von Megohime, der Frau meines Herrn. Er ist der Sohn einer Konkubine und kann deshalb das Erbe seines Vaters nicht antreten. Er darf zwar den Namen seines Vaters führen, aber in der Rangfolge kommt immer erst der erstgeborene Sohn aus der ehelichen Verbindung.‹
›O je, ist das kompliziert. Kommt es da nicht zu Konflikten und Reibereien?‹
›Eher selten, es ist alles klar geregelt, und alles unterliegt einer strengen Rangordnung. Früher kam es öfter vor, dass in Familien der eine oder andere aus dieser Ordnung ausbrechen wollte, doch unter der strengen Führung des Shogun ist das nicht mehr so einfach.‹
›Warum hat der Fürst eine Konkubine? Ist er mit seiner Frau nicht glücklich?‹
Shigenaga sah mich verständnislos an.
›Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Date Masamune ist ein großer Daimyo. Es ist üblich und gehört zum guten Ton, dass sich ein Mann in einer solchen Position eine oder mehrere Konkubinen hält. Mein Herr hat sieben, aber in letzter Zeit sucht er sie nicht mehr so oft auf, denn er denkt mittlerweile ein wenig anders über diesen Brauch. Doch das ist nur inoffiziell. Mehr möchte ich darüber nicht sagen.‹
Mein Blick ruhte auf dem Meer, ohne das ich etwas davon wahrnahm. Ich dachte über das Gehörte nach, und Katakura Shigenaga beobachtete mich gespannt.
Nach einer Weile durchbrach er die Stille und fragte:
›Es hat den Anschein, dass du diesen Brauch noch nicht kennst? Gibt es dort, wo du herkommst, keine Konkubinen?‹
›Offiziell nicht. Sicherlich haben manche Männer eine Geliebte, aber das wird meist geheim gehalten. Wenn sich manche Männer damit brüsten, dann in der Regel nur von Mann zu Mann, unter Gleichgesinnten. Im Allgemeinen schadet es dem Ruf, vor allem dann, wenn es eine hochgestellte Persönlichkeit betrifft. Ich persönlich empfinde Nebenfrauen als wenig sinnvoll, denn es schafft nur Probleme. Aber ich möchte mir da kein Urteil erlauben, weil ich noch viel zu wenig über euer Land und Volk weiß. Es hat sicherlich seine Gründe und Ursachen und vielleicht ...‹, ich stockte kurz, ›vielleicht auch seine Berechtigung.‹
Er lachte kurz auf.
›Ja, seine Gründe und Ursachen hat es auf jeden Fall, ob es deswegen seine Berechtigung hat, weiß ich nicht.‹
Er schaute über Bord und beobachtete einen Schwarm Fische, der knapp unter der Wasseroberfläche neben dem Schiff dahinglitt. Dabei sprach er leise und mehr zu sich:
›Unser Volk und vor allem der Stand, dem ich angehöre, schätzt die kriegerischen Fähigkeiten und die Macht eines Mannes mehr als alles andere. Aus diesem und anderen Gründen haben wir uns in den letzten Jahrhunderten immer wieder gegenseitig zerfleischt. Es wurden ständig Kriege geführt und territoriale Machtkämpfe ausgefochten. Viele Banditen und herrenlose Krieger zogen durchs Land. Sie raubten und mordeten ohne Gnade. Das Resultat war und ist, dass es einen Frauenüberschuss und viele Witwen gibt. Schon vor vielen hundert Jahren kam der Brauch auf, dass Männer, die es sich leisten konnten, solche Frauen in Dienst genommen haben, um ihnen Schutz zu gewähren. Der Weg bis zur Konkubine war dann nicht mehr weit. Doch mittlerweile haben sich diese Gründe verloren, und es geht jetzt meist mehr darum, Familien an sich zu binden, oder die Familien der Konkubinen möchten sich das Wohlwollen eines hohen Herren damit erkaufen. Und natürlich befriedigen viele Männer damit Ihre Bedürfnisse.‹
Er sah hoch und mir in die Augen, ›Doch ich rede hier über Dinge, die ein gefährliches Gedankengut sind, denn keiner möchte an diesen Bräuchen und Ritualen rühren. Auch erinnern solche Reden an die christlichen Missionare, die seit einiger Zeit aus dem Land verbannt sind. Date Masamune und ich haben des Öfteren über solche Sachen gesprochen. Wir sehen mittlerweile vieles ein wenig anders als die anderen Männer unseres Standes, doch öffentlich dazu bekennen dürfen wir uns nicht. Es wäre unser Todesurteil. Also, wenn du uns und unsere Familien nicht ins Unglück stürzen willst, dann behalte es für dich, und sprich möglichst nicht mit dem Fürsten darüber.‹
Ich nickte und bemühte mich, das Thema zu wechseln.
›Ist Edo eine sehr große Stadt?‹
Er erkannte meine Absicht, lächelte und ging darauf ein.
›Das kommt darauf an, was für Vergleiche du hast. Du kannst Edo sicherlich nicht mit der Residenzstadt des chinesischen Kaisers vergleichen, denn Edo ist noch jung. Die Stadt wird gerade erst richtig aufgebaut, es ist alles neu und wohlgeordnet. Viele tausend Arbeiter sind damit beschäftigt, den sumpfigen Boden zu befestigen sowie Straßen und neue Gebäude zu bauen. Die Burg des Shogun und eine Grundstruktur sind schon vorhanden. Als ich noch ein Kind war, war Edo ein kleines Fischerdorf, doch Tokugawa Ieyasu, der erste große Shogun, erkor sich dieses Dorf zur Residenz. Seit dieser Zeit wird in Edo gebaut. Erst noch zurückhaltend und jetzt, nachdem sich die Macht des amtierenden Shogun über ganz Japan erstreckt, mehr. Alle Daimyo müssen sich am Aufbau der Stadt beteiligen und verbringen auch einen großen Teil ihres Lebens hier.‹
Er wendete sich wieder um und blickte aufs Wasser.
›Was für ein Aufwand und was für Kosten! Die Mittel könnten in den Provinzen der Daimyo gut gebraucht werden. Doch keiner wagt es, sich dagegen aufzulehnen. Der Shogun hat die Macht, und alle sind ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.‹
Er schüttelte den Kopf.
›Aber die Stadt wird schön. Der Stadtkern ist die Burg, und um sie herum scharen sich die Anwesen der ranghöchsten Samurai. Damit meine ich die der Daimyos und etwas weiter von der Burg entfernt die Häuser von deren direkten Untergebenen. Also Bushi wie mich. Je weiter weg von der Burg das Haus, desto geringer der Rang des Besitzes. Noch weiter entfernt stehen die Häuser der Chonin. Diese Stadtmenschen, Kaufleute, Handwerker und andere unreine Menschen, gehören zur untersten Standesriege. Am Fluss Okawa befinden sich Lagerhäuser und Regierungsgebäude. An der Bucht liegt der Hafen. Doch überall wird noch gebaut, und nur im Kern ist das meiste schon fertig.‹
Er wendete sich wieder mir zu.
›Wenn wir an Land gegangen sind, müssen wir einiges beachten, und du musst dich unbedingt in meiner Nähe aufhalten, damit ich dir Verhaltensregeln im Umgang ...‹
In diesem Moment wurden wir vom Fürsten unterbrochen.
Date Masamune saß in der Nähe des Heckmastes unter einem Sonnenschirm und hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt mit dem Kapitän unterhalten. Sich von diesem abwendend, rief er Katakura Shigenaga etwas zu. Dieser verbeugte sich leicht vor dem Daimyo und forderte mich dann auf, mit zum Fürsten zu kommen. Als wir vor ihm standen und ich ihn unschlüssig anblickte, sprach der Daimyo in barschem Tonfall mit Shigenaga. Erstaunt sah ich von einem zum anderen. Es war alles sehr widersprüchlich und ungewohnt für mich. Zum einen sah ich im Gesicht des Fürsten ein hintergründiges Lächeln, und zum anderen war der Tonfall wie eine strenge Rüge. Mein Dolmetscher machte eine unterwürfige Geste, antwortete knapp und wendete sich mir zu.
›Date Masamune hat mich soeben gerügt, weil ich dir noch nichts von unseren Sitten und Gebräuchen beigebracht habe. Auch wenn der Fürst in den Momenten, wenn wir unter uns sind, mit dir oder mir einen vertraulichen Umgang pflegt, darf er das nach außen nicht zeigen. Er muss das Gesicht wahren, und wir müssen ihm den gebührenden Respekt zollen. Es ist von der Sache her nur gespielt, aber wichtig für den Erhalt seiner Stellung. Das heißt, wenn du in Gegenwart anderer zum Fürsten gerufen wirst, näherst du dich ihm langsam und mit gesenktem Blick bis auf fünf Schritte.‹
Ich schaute nach unten und trat zwei Schritte zurück, denn ich war schon bis auf drei herangetreten.
Ein kaum wahrnehmbares Lächeln huschte über die Gesichter der beiden, und Katakura Shigenaga sprach weiter:
›Dann beugst du vor ihm das Knie. Das linke Knie und die linke Faust auf dem Boden. Die rechte Hand, da du keine Schwerter besitzt, auf den rechten Oberschenkel gestützt. Wärst du ein Samurai, müsste deine rechte Hand hinter dem Rücken die Scheide deines Schwertes umfassen, um damit zu zeigen, dass du den Fürsten nicht angreifen willst.‹
Die ganze Zeremonie erschien mir nach unserem bisherigen zwanglosen Umgang ein wenig seltsam, doch ich war im Begriff, ein fremdes Land mit mir noch unbekannten Sitten zu betreten, und empfand es als unpassend, ihre Gebräuche in Frage zu stellen. Ich beugte also das Knie und befolgte die weiteren Anweisungen meines Dolmetschers.
Mit einem leichten Neigen des Kopfes quittierte der Daimyo meine Handlungsweise, und Shigenaga fuhr in seinen Erläuterungen fort:
›Dein Blick ist dabei auf den Boden gerichtet, und erst wenn dich der Fürst dazu auffordert, schaust du ihn an.‹
Katakura Shigenaga hatte sich ähnlich verhalten, nur mit dem Unterschied, dass er sich ein wenig vor mir, dem Daimyo die rechte Seite zuwendend, befand.
In harschem Tonfall, von einer auffordernden Geste begleitet, die ich aus den Augenwinkeln sah, sprach Date Masamune uns an. Ich entnahm der Geste, dass ich aufblicken konnte, und sah dem Fürsten ins Auge. Ein klein wenig Schalk lag in seinem Blick, doch das währte nur kurz, und ein Außenstehender hätte es sicherlich nicht bemerkt.
›Gut, du hast die Aufforderung teilweise schon verstanden‹, Shigenaga nickte mir anerkennend zu. ›Der Fürst hat dir erlaubt, sich ihm bis auf drei Schritte – das ist der übliche Abstand – zu nähern und ihm gegenüber Platz zu nehmen.‹
Umgehend folgte ich der Anweisung.
›Halt, nicht so schnell und mit gesenktem Kopf.‹
Ich stockte und neigte den Kopf.
›Gut, und nun knie nieder und setze dich auf deine Unterschenkel.‹
Katakura Shigenaga wendete sich dem Daimyo zu, verbeugte sich leicht und richtete einige Worte an ihn. Nach dessen Antwort drehte er sich wieder zu mir um und sagte:
›Der Fürst wünscht, dass ich dir dieses Verhalten erkläre.‹
Ich wendete mich wieder Shigenaga zu und wurde sofort korrigiert:
›Nein, schau nicht mich an, denn ich bin nur der Dolmetscher, dein eigentlicher Gesprächspartner ist Date Masamune.‹
Als ich seiner Anweisung folgte, konnte ich noch ein leichtes Kopfneigen von ihm sehen, dann fuhr er fort:
›Du erweist dem Daimyo damit den nötigen Respekt‹, er holte tief Luft. ›Mein Herr hat mich vorhin zu Recht gerügt, denn ich habe sehr unbedacht gehandelt. Auf dieser Reise nach China war es nicht notwendig, solche Zeremonien aufrechtzuerhalten, doch jetzt, vor allem in Edo, ist es unumgänglich, um Date Masamune nicht zu schaden. Auch dir könnte bei einem Fehlverhalten Schaden entstehen, und das möchte der Fürst, da du ja auf seinen Wunsch hin mitgekommen bist, verhindern. Du musst in nächster Zeit sehr vorsichtig sein und genau auf mich achten, damit ich dir alles Notwendige vermitteln kann.‹
