Kitabı oku: «Traum oder wahres Leben», sayfa 6
Fehlverhalten mit Folgen
»Der erste Tag, den ich in Japan zugebracht hatte, war relativ ereignislos vergangen. Am nächsten Vormittag war ich noch nicht lange im Gespräch mit Katakura Shigenaga, als wir von einem Boten des Daimyo gestört wurden. Mein Gastgeber wurde zum Fürsten gerufen, und ich wartete vor dem Haus auf seine Rückkehr. In Gedanken ging ich das durch, was er mir zuletzt beigebracht hatte, doch es dauerte nicht lange, bis Shigenaga zurückkam. Er steuerte direkt auf mich zu und teilte mir mit, dass der Daimyo wider Erwarten schon jetzt zur Berichterstattung bei dem alten Shogun erscheinen solle. Ihn hatte er beauftragt, das Schiff im Hafen aufzusuchen und dem Kapitän mitzuteilen, dass er ihn vorläufig nicht mehr benötige. Er möge zu seiner nächsten Handelsreise aufbrechen, sobald das Schiff zum Auslaufen bereit sei. Weiterhin sollte Katakura Shigenaga einen Vertreter der holländischen Delegation, die kurz nach uns in Edo eingetroffen war, aufsuchen und ihm wichtige Mitteilungen des Fürsten überbringen. Die Anwesenheit von Europäern in unmittelbarer Nähe weckte mein Interesse, und Shigenaga war gerne bereit, mich bei diesem Botengang mitzunehmen.
Durch die japanische Kleidung, die ich seit der Ankunft in Edo trug, fiel ich nicht mehr gar so sehr auf, und um meine fremden Gesichtszüge ein wenig zu verbergen, bekam ich einen großen Reisstrohhut. Da ich nicht dem Samuraistand angehörte, sollte ich seitlich hinter Shigenaga laufen. Es sah so aus, als wäre ich sein Diener. Aufmerksam folgte ich seinen mir zugeraunten Anweisungen. Nachdem der Kapitän des Schiffes unterrichtet war, wollten wir den Hafen verlassen, um die Holländer aufzusuchen. In dem Moment lief uns der Vorsteher der holländischen Faktorei von Hirado, den mein Begleiter schon mehrfach getroffen hatte, über den Weg.
Nach einer knappen Begrüßung, die von holländischer Seite demütiger ausfiel, als ich erwartet hatte, stellte mich Shigenaga als einen in China gestrandeten Europäer vor. Mich genau musternd, erkundigte sich der Faktoreivorsteher nach meiner Nationalität. Ich teilte ihm mit, dass ich aus Thüringen stammte, und sofort versuchte er es mit Holländisch, Französisch und einem Kauderwelsch, das nach Deutsch klang. Verlegen schüttelte ich den Kopf und versuchte es mit meinem Deutsch. Dabei hatte ich aber nicht bedacht, dass es diese Art von Deutsch zu jener Zeit noch gar nicht gab, weswegen er mich verständnislos ansah. Dabei war es mir nicht leicht gefallen, die richtigen Wörter zu finden, denn mittlerweile dachte ich in Chinesisch. Glücklicherweise erinnerte er sich in diesem Moment daran, dass Shigenaga mit mir chinesisch gesprochen hatte. Er wechselte in diese Sprache, die er ganz passabel beherrschte, und stellte sich als Cornelis van Neyenrode vor.
Da wir uns nun recht gut verständigen konnten, begann ein reges Hin und Her.
Als Erstes wollte er wissen, in was für einen seltsamen Dialekt ich geantwortet hatte. Ich versuchte mich damit herauszureden, dass es eine regional begrenzte Sprachvariante aus dem Thüringer Wald sei, die ich jedoch durch meinen langen Aufenthalt in China nicht mehr richtig beherrschen würde. Das akzeptierte er, erkundigte sich aber gleich nach den Umständen und der Länge meines China-Aufenthaltes. Wie schon bei meinen japanischen Freunden musste ich wieder zu einer Notlüge greifen, die mir gar nicht gefiel. Auch ihm erzählte ich, dass ich über die Marco-Polo-Route China erreicht hätte und schließlich in Shaolin gestrandet wäre. Van Neyenrode lauschte gespannt und fragte dann:
›Und Sie haben wirklich die letzten Jahre nur in diesem Kloster gelebt?‹
›Ja, was ist daran so erstaunlich?‹
›Nun, zum einen, dass Sie sich dort so eingelebt haben und anscheinend gar nicht mehr den Wunsch hegten, in Ihre Heimat zurückzukehren. Und zum anderen, dass Sie anscheinend gar keine Vorstellung davon haben, was in Ihrer Heimat los ist.‹
›Nein, hab ich wirklich nicht. Ich weiß ja nicht einmal genau, welches Jahr wir haben. Durch das Leben im Shaolin-Kloster habe ich irgendwie den Faden verloren.‹
Cornelis lachte kurz auf.
›Kaum vorstellbar. Doch egal. Wir schreiben das Jahr 1624 nach Christi Geburt, und es gibt seit sechs Jahren Krieg in Europa, in den mittlerweile auch Ihre Heimat verstrickt ist.‹
›Krieg? Was für einen Krieg?‹
Hier zeigte sich wieder einmal, dass ich von der deutschen Geschichte nicht viel behalten hatte.
›Nun, die katholische Liga und die protestantische Union bekämpfen sich wegen ihres Glaubens‹, er schnaubte verächtlich durch die Nase. ›Sagen sie jedenfalls, doch eigentlich will der Papst seinen Einfluss nicht verlieren, und mittlerweile hat der dänische König in den Krieg eingegriffen. Doch der will sicher nur sein Land vergrößern. Überall wird geraubt und gebrandschatzt. Der Handel kommt zum Erliegen, und die Menschen leiden Hunger.‹
Bei einem Blick in seine Augen, konnte ich wirkliches Bedauern bemerken.
›Seien Sie froh, dass Sie nicht in Ihrer Heimat sind, denn dort wären Sie entweder in einem der Heere oder Sie müssten vielleicht hungern wie viele der Einwohner Ihres Landes.‹
1624, was für ein Krieg herrschte damals? Ich brauchte eine ganze Weile, bis mir klar wurde, dass es nur der Dreißigjährige Krieg sein konnte. Dieser Krieg würde ja noch mehr als zwanzig Jahre dauern, und ich konnte wirklich froh sein, dass ich mich hier befand.
Cornelis deutete mein Schweigen anders und riss mich aus meinen Gedanken.
›Sie machen sich wohl Sorgen um Ihre Angehörigen?‹
›Oh, nein‹, sagte ich, ohne nachzudenken, worauf er mich fragend musterte.
›Nein, da brauche ich mir keine Sorgen zu machen, da ich von keinen Angehörigen weiß, die jetzt dort leben.‹
Er hob die Augenbrauen noch ein wenig weiter, und ich merkte, dass ihm diese Erklärung nicht genügte.
›Nun, ich habe alle, die mir lieb und teuer waren, durch einen tragischen Unfall verloren. Aus diesem Grund kam es auch zu dieser Reise, und es gibt nichts, was mich wieder in die Heimat zieht.‹
Ich fuhr mir mit der Hand übers Gesicht und schob den Strohhut ein wenig ins Genick.
›Nach diesen Nachrichten schon gar nicht. Ich denke, dass ich im Moment hier viel besser aufgehoben bin.‹
›Na, da sind Sie sich mal nicht zu sicher. Hier ist es für einen Ausländer auch nicht leicht. Die Militärregierung macht seit einiger Zeit immer mehr Front gegen alles, was nicht japanisch ist. Besonders auf die Jesuitenmissionare und auf alle, die sich offen zum christlichen Glauben bekennen, hat es die Regierung abgesehen. Es wurden auch schon viele hingerichtet. Ich glaube, Ihre Heimat könnte sich vielleicht als weniger gefährlich herausstellen, denn es dauert immer lange, bis neue Nachrichten hier eintreffen. In der Zwischenzeit könnte der Krieg schon beendet sein.‹
›Hm, ich weiß nicht. Ich wurde vom Daimyo, Date Masamune, eingeladen, und Sie halten sich ja auch hier auf‹, antwortete ich und verschwieg mein Wissen über die lange Kriegsdauer in Europa.
Jetzt mischte sich Katakura wieder in das Gespräch ein.
›Ja es stimmt. Mein Herr hat ihn hierher eingeladen, und er steht als sein Gast unter seinem Schutz.‹
›Was will der Daimyo machen, wenn der Shogun etwas anderes im Sinn hat?‹
Eine fragende Geste begleitete die Worte des Niederländers.
›Nun, so ganz ohne Einfluss ist mein Herr nicht‹, stolz richtete sich Shigenaga ein wenig auf. ›Und genau deshalb sollte ich Sie auch aufsuchen. Date Masamune hat erfahren, dass Sie eine Audienz beim Shogun erbitten wollen. Er geht davon aus, dass Sie gegen die Auflagen protestieren wollen, die ihre Faktorei getroffen haben.‹
Cornelis van Neyenrode schnappte nach Luft.
›Woher weiß er das denn? Offiziell bin ich hier, um meine Aufwartung zu machen und die üblichen Geschenke zu überreichen.‹
›Ich sagte doch, mein Herr hat mehr Einfluss, als Sie denken.‹
Der leicht verärgerte Holländer wollte etwas erwidern, aber Shigenaga schnitt ihm das Wort ab.
›Sie müssten doch mittlerweile gemerkt haben, dass alle Ausländer schärfer beobachtet werden. Mein Fürst hat sehr gute Kontakte, er erfährt manches sogar eher als der Shogun.‹
Er wurde immer leiser, als er sagte:
›Date Masamune war längere Zeit nicht im Lande und bekommt jetzt nach und nach alle wichtigen Informationen. Er bittet Sie, die Audienz noch ein wenig hinauszuzögern oder, wenn sie schon in den nächsten Tagen stattfinden sollte, wirklich nur den Anstandsbesuch bei Tokugawa Iemitsu zu machen.‹
Wieder schaute sich Shigenaga verstohlen um und fuhr fast flüsternd fort:
›Mein Herr ist jetzt bei Tokugawa Hidetada, dem alten Shogun, und wird vorsichtig auch Ihre Sorgen zur Sprache bringen. Sie wissen sicher, dass Tokugawa Hidetada ein nicht ganz so strenges Vorgehen wünscht, doch auch er ist verärgert wegen der illegalen Ausfuhr bestimmter Waren.‹
›Was soll denn das heißen? Wollen Sie uns des Diebstahls bezichtigen?‹, warf van Neyenrode mit gespielter Entrüstung ein.
›Wie könnte ich‹, schnaubte Shigenaga belustigt. ›Wir wissen doch beide, dass verschiedene Daimyos Geschäfte mit Ihnen machen, die nicht beim Handelsministerium angezeigt werden. Und genau das verärgert Tokugawa Hidetada und Tokugawa Iemitsu. Doch vielleicht ...‹
Ich verlor das Interesse an diesem Disput, hier ging es um Intrigen, die mich nicht betrafen und in die ich auch nicht verstrickt werden wollte. Da ich vorläufig keine Gelegenheit sah, mit dem Holländer wieder ins Gespräch zu kommen, ging ich einige Schritte zur Seite und schaute mir das Hafengetümmel an. Ein kleineres Schiff hatte, aus der Flussmündung kommend, den Hafen angesteuert und wurde entladen. Hafenarbeiter schleppten mit Reis gefüllte Körbe in ein Lagerhaus, und ein Beamter prüfte, ob sie auch bis zum Rand gefüllt waren. Auf einer Liste wurde jeder Korb registriert, und zwei Samurai, die die Arbeiten mit überwachten, trieben die Träger immer wieder an. Von der Stadt her näherte sich ein offensichtlich hochrangiger Samurai. Er war gut gekleidet, und vor ihm scheuchten zwei weniger gut ausgestattete Krieger die einfachen Leute zur Seite.
Gebannt beobachtete ich diesen Aufzug und musterte dabei den Samurai genau. Er hatte hochmütige Gesichtszüge, eine kleine Nase, aber einen kräftigen Schnauzbart. Ein weißes Stirnband mit einer Art Wappen zeigte anscheinend seinen Rang an. Seine Oberbekleidung bestand aus einem weißen Kimono mit weiten, am unteren Rand schwarz gemusterten Ärmeln. Der Kimono war vorn offen, und man konnte einen bunt gemusterten Brust- und Bauchpanzer sehen. Im Obi, dem traditionellen Gürtel der Samurai, steckten ein kleines und ein großes Schwert, so wie ich es schon von meinen neuen Freunden kannte. In der rechten Hand hielt er einen geschlossenen Fächer, und aus seinem schwarzen Hosenrock schauten die nackten Füße, die in Reisstrohsandalen steckten. Zwei offensichtlich niederrangige Samurai folgten ihm und die einfachen Menschen am Wegesrand versuchten entweder Abstand zu gewinnen, oder sie neigten ehrerbietig das Haupt.
Dieser Zug kam direkt an uns vorbei, und ich konnte den Blick nicht abwenden. Plötzlich, ohne dass ich wusste, wie mir geschah, stürmt einer der vorauslaufenden Samurai auf mich zu. Ein wütender Wortschwall ergoss sich über mich, und er schwang sein Schwert, das noch in der Scheide steckte, wie einen Knüppel. Reflexartig hob ich die Arme, um die drohenden Schläge abzuwehren, doch das war nicht nötig. Katakura Shigenaga war durch die Schimpftirade aufmerksam geworden und stand blitzartig zum Schutz vor mir. Alles ging sehr schnell, und durch das, was mir Shigenaga zurief, ging mir langsam ein Licht auf.
›Schnell, beuge dein Knie, und neige das Haupt!‹
Auch er hatte das Haupt geneigt, doch sein Schwert hielt er plötzlich, mit der linken Hand an der Scheide, waagerrecht in Brusthöhe. Die rechte konnte jederzeit das Schwert ziehen, und sein ganzes Auftreten machte nicht den Eindruck, dass er von der Stelle weichen würde. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Cornelis van Neyenrode mit geneigtem Kopf auf das linke Knie gesunken war, und ich folgte seinem Beispiel. Ich hatte offensichtlich einen schweren Fehler begangen, als ich diesen anscheinend bedeutenden Mann so unverhohlen anstarrte.
Mein Beschützer lieferte sich mit dem Angreifer ein hitziges Wortgefecht, von dem ich leider nur einzelne Worte verstand. Ich schärfte meine Sinne und versuchte seine Gedanken aufzunehmen, und mir stockte der Atem. Bilder nahmen Gestalt an, die mehr als bedrohlich waren. Katakura Shigenaga beschäftigte sich schon mit dem Gedanken, dass Schwert gegen diese Männer zu ziehen. Das konnte ich nicht zulassen und wollte mich erheben, als sich eine Hand auf mein Knie legte. Es war Cornelis, der an meine Seite gerutscht war. Er hatte mich aus dem Augenwinkel beobachtet und raunte mir leise zu:
›Um Gottes willen, bleiben Sie unten! Unternehmen Sie auf keinen Fall etwas! Ihr Begleiter schützt Sie mit seinem Leben und seiner Ehre. Wenn Sie sich jetzt einmischen, eskaliert die Situation, und es kommt unweigerlich zum Kampf.‹
In der Zwischenzeit war der hochrangige Samurai herangetreten und fuhr Shigenaga in barschem Tonfall an. Aber auch wenn mein Beschützer ihm offensichtlich ehrerbietig gegenüberstand, schien er nicht bereit, seinen Platz zu räumen.
›Was haben Sie nur getan?‹, flüsterte van Neyenrode. ›Das ist der Polizeipräfekt von Edo, und jeder, der nicht mindestens seinen Rang innehat, muss vor ihm das Haupt neigen. Sie haben ihn begafft wie einen Bettler und wurden zudem noch als Ausländer erkannt. Das ist für diesen Mann eine der schlimmsten Beleidigungen, und wie Ihr Freund die Situation retten will, ist mir schleierhaft.‹
Ich zuckte bei diesen Worten wieder ein Stück nach oben, doch die Hand des Holländers drückte weiterhin auf mein Knie.
›Wenn Sie uns nicht alle zum Tode verurteilen wollen, unternehmen Sie um Himmels willen nichts. Ich habe es nicht erwartet, aber Ihr Freund hat offensichtlich ein paar Trümpfe in der Hand, die nicht zu verachten sind.‹
Die Aggressivität des Wortwechsels ließ langsam nach, und kurze Zeit später drehte sich der Präfekt um und setzte seinen Weg fort. Nachdem er sich einige Schritte entfernt hatte, holte Katakura Shigenaga tief Luft und wandte sich uns zu. Cornelis erhob sich, und ich folgte seinem Beispiel. Dabei schaute ich in das Gesicht meines Beschützers und erwartete, Wut oder mindestens Verärgerung zu sehen. Doch das was ich nun erlebte, konnte ich kaum fassen. Shigenaga neigte vor mir mit einem bestürzt-beschämten Ausdruck den Kopf.
›Es ist unentschuldbar! Ich habe kläglich versagt! Ich kann nur hoffen, dass du und mein Herr mir irgendwann vergeben könnt.‹
›Wie, was? Vergeben? Ich versteh gar nichts mehr.‹
Ich starrte, nach Aufklärung suchend, in sein Gesicht.
›Das ist es ja. Ich habe dich nicht richtig vorbereitet. Habe dir zu wenig über unsere Gebräuche mitgeteilt und hätte dich deshalb niemals hierher mitnehmen dürfen.‹
Bekümmert schüttelte er den Kopf.
›Es ist allein meine Schuld, und ich muss mich dafür verantworten.‹
Er hob den Blick.
›Vor dir, vor meinem Herrn und vor ihm‹, dabei nickte er mit dem Kopf in die Richtung des Davonschreitenden.
Seine Augen zeigten einen Kummer, den ich nicht begreifen konnte.
›Das verstehe ich nicht. Ich habe aus Unverstand einen Fehler begangen, und für den kannst du doch unmöglich verantwortlich sein.‹
›Oje, Sie verstehen noch nicht viel von dem, was diese Gesellschaft ausmacht‹, warf van Neyenrode ein. ›Er hat vom Daimyo die Verantwortung für Sie übertragen bekommen. Er bürgt also mit seinem Leben für Ihre Sicherheit.‹
Ich schluckte und ich blickte in der Hoffnung, dass all das nur ein schlechter Scherz sei, von einem zum anderen. Doch es stimmte, und mir waren in diesem Moment noch nicht einmal alle möglichen Konsequenzen bekannt.
›Was kann ich tun, um das Unheil, dass ich angerichtet habe, wieder gutzumachen?‹
›Du kannst und musst gar nichts unternehmen. Ich bin dafür verantwortlich und werde auch dafür geradestehen.‹
›Aber ...‹, ich wurde mit einer wegwischenden Geste von Katakura Shigenaga unterbrochen. ›Nicht jetzt und hier! Wir gehen zurück zum Anwesen, und wenn der Fürst da ist, wird alles weitere besprochen.‹
Er wandte sich noch einmal kurz an den Holländer.
›Ich denke, alles Notwendige ist gesagt. Sollte es Neuigkeiten geben, werden wir Sie informieren.‹
Cornelis van Neyenrode nickte zur Bestätigung und sagte bedrückt zu mir:
›So viel zu dem Gedanken, dass Sie hier sicherer sind als in Ihrer Heimat. Ich hoffe, es geht alles gut aus und wir sehen uns noch einmal wieder.‹
Er nickte mir zu und entfernte sich.
Ich schaute ihm hinterher, und in meinem Kopf ging alles wirr durcheinander. Doch Shigenaga drängte zum Aufbruch. Ich wollte mit ihm über das Geschehene sprechen, doch er winkte nur mürrisch ab. Bedrückt folgte ich ihm und hing, im Gästezimmer seines Hauses allein gelassen, meinen Gedanken nach. Doch ich kam zu keinem Ergebnis. Ich verstand nicht einmal vollständig, was eigentlich geschehen war. Um diesen ziellosen Grübeln zu entgehen, versenkte ich mich in Meditation.
Es war Abend geworden, als ich von Katakura Shigenaga abgeholt wurde. Ohne dass er sich auf ein Gespräch einließ, führte er mich zum Empfangsraum des Fürsten. Als wir den Raum betreten hatten, bedeutete er mir, dass ich warten sollte, und ging allein nach vorn. Dort fiel er auf die Knie und sprach in traurigem, unterwürfigem Ton mit Date Masamune. Dessen Miene wurde bei jedem Wort ernster, und schließlich scheuchte er ihn mit einer unwirschen Handbewegung zur Seite und winkte mich heran.
Nachdem ich, wie ich es gelernt hatte, nach vorn gekommen war, übersetzte Shigenaga seine Worte ohne mich dabei anzusehen.
›Ich bin bestürzt! Mein Diener hat kläglich versagt, und er muss nun für seine Fehler geradestehen! Ich bin sehr betrübt, dass Sie wegen dieser Unachtsamkeit in Gefahr gekommen sind. Aus diesem Grund werde ich vorläufig auch nicht erlauben, dass Sie dieses Gelände verlassen.‹
Abweisend hatte er Shigenaga beobachtet, bis dieser mit der Übersetzung fertig war.
›Doch nun zu einem wichtigeren Thema.‹
Ich riss erstaunt die Augen auf. Was sollte wichtiger sein als das eben Angesprochene.
›Das Gespräch mit dem alten Shogun verlief so, wie Sie es erwartet haben, und er war zufrieden mit dem Verlauf der Mission. Aber leider wurde ich nach der Audienz, als ich schon den Rückweg antreten wollte, von einem Diener seines Sohnes abgefangen. Tokugawa Iemitsu hatte erfahren, dass ich zuerst bei seinem Vater Bericht erstattet hatte, und schäumte vor Wut. Er ließ eine andere Audienz absagen, und ich musste sofort bei ihm vorsprechen.‹
Ich folgte Masamunes Worten mit immer größerem Unbehagen. Dass er jetzt über solche Dinge sprechen wollte, konnte ich nicht verstehen. Für mich war es viel wichtiger, wie die missliche Lage, in die mein Beschützer durch mich gekommen war, entschärft werden konnte. Ich musste allerdings auf die Wünsche des Fürsten eingehen, denn links und rechts an den Wänden saßen andere Samurai und verfolgten das Geschehen.
Masamune hatte erklärt, dass der amtierende Shogun durch die Art des Berichtes zwar besänftigt wurde, doch das er offen Zweifel am Wahrheitsgehalt anmeldete. Er zweifelte die Kampftauglichkeit der Shaolin-Mönche an, und das war schon fast eine Beleidigung des Daimyo. Irgendwie hatte Iemitsu von meiner Anwesenheit erfahren und wollte, weil er mich für einen dieser Mönche hielt, eine Vorführung von mir haben. Da ich aber Masamunes Gast war, wollte dieser das nur zugestehen, wenn ich mich damit einverstanden erklärte.
Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass er eine solche Wahl hatte, und fragte deshalb:
›Können Sie denn diesen Wunsch ablehnen?‹
Kopfschüttelnd antwortete er:
›Das ist kein Wunsch, das ist eine Aufforderung, der ich eigentlich nachkommen muss. Da Sie aber mein Gast sind, bin ich nicht bereit, es ohne Ihr Einverständnis zuzulassen, egal, was für Konsequenzen es hat.‹
Na prima, er sagte, er wolle es nicht zulassen, wenn ich nicht will, und setzte mich gleichzeitig unter Druck, indem er mir kundtat, dass es Konsequenzen für ihn haben würde. Außerdem nahm ich Bilder aus Shigenagas Gedanken wahr, die mich beängstigten. Wie ich erkannte, sah er sich schon in einen Schwertkampf mit dem Polizeipräfekten verwickelt, dem er sich offenkundig unterlegen fühlte.
Nachdenklich senkte ich den Kopf und suchte nach einer Lösung aus diesem Dilemma. Eine Bewegung des Fürsten veranlasste mich, hochzuschauen, und ich bemerkte seine Ungeduld. Ich holte schon Luft, um mein Einverständnis zu dieser Schaustellung zu geben, als mir ein Gedanke kam. Ein kurzer Blick in Shigenagas bedrücktes Gesicht, und ich wusste, was zu tun war.
›Wie sehen die Folgen aus, die Katakura Shigenaga wegen meiner Unachtsamkeit zu erwarten hat?‹
Stille! Mein Beschützer wagte es nicht, das zu übersetzen, und schaute mich bestürzt an.
›Übersetz es bitte.‹
Er schwieg immer noch.
›Keine Sorge, ich denke, ich kann sein und unser Problem gemeinsam lösen. Sag ihm das bitte auch.‹
Zögernd kam er meinem Wunsch nach. Im ersten Moment machte der Fürst eine zornige Bewegung, doch nachdem auch der Rest übersetzt war, schaute er mir in die Augen und fragte:
›Wie?‹
›Damit ich mir ganz sicher sein kann, muss ich verstehen, was im Hafen geschehen ist.‹
Date Masamune forderte Shigenaga auf, meinem Wunsch nachzukommen, und dieser fragte mich daraufhin, was mir denn unklar sei.
›Ich habe zwar begriffen, dass ich es diesem bedeutenden Mann gegenüber an Respekt habe fehlen lassen. Aber mir sind die Folgen, die dieses Fehlverhalten nach sich ziehen können, nicht klar. Außerdem verstehe ich nicht, wie es dir gelungen ist, diese wenigstens für den Moment abzuwenden.‹
Er holte tief Luft.
›Die Folgen einer solchen Beleidigung, denn das ist dein Verhalten für ihn gewesen, wären in diesem Augenblick im günstigsten Fall mit Schlägen abgegolten worden. Da du aber als Ausländer erkannt wurdest, hätte es auch mit deinem Tod enden können.‹
Ich schluckte. Das hatte ich nicht erwartet.
›Ich konnte das durch mein Eingreifen erst einmal verhindern. Der Metsuke, Sanada Masanori, will das aber nicht auf sich beruhen lassen.‹
›Metsuke?‹
›Der Holländer Cornelis van Neyenrode übersetzte es als Polizeipräfekt, doch bin ich mir nicht sicher, ob das die Position richtig umschreibt. Die Metsuke stehen nämlich über der Polizei, also den Sicherheitskräften, die für die öffentliche Ordnung zuständig sind. Sie sind für weit mehr zuständig. Selbst mein Herr muss sich ihnen gegenüber vorsichtig verhalten und darf sie sich nicht zum Feind machen.‹
Oje, das war kein Fettnapf, in den ich getreten war, das war siedendes Öl. Doch es kam noch schlimmer.
›Sanada Masanori ist der Metsuke von Edo und als ein hervorragender Schwertkämpfer bekannt. Gerüchte besagen, dass er jede Gelegenheit zu einem Zweikampf nutzt. Die Aussicht auf einen solchen hat ihn dann auch davon abgehalten, dich zu bestrafen.‹
›Ein Duell mit dir, nehme ich an?‹
›Ja, ich denke, so könnte man es ausdrücken.‹
›Aber ich war es doch, der ihn, wenn auch aus Unwissenheit, beleidigt hat.‹
›Und ich bin für deine Sicherheit verantwortlich. Ich konnte es nicht zulassen, dass du Schaden nimmst, und habe ihn davon in Kenntnis gesetzt, dass du Gast von Date Masamune bist, dass ich für dich verantwortlich bin und für deinen Fehler einstehe. Daraufhin hat er Genugtuung gefordert und wollte sich zu diesem Zweck mit meinem Herrn in Verbindung setzen.‹ Seine Miene wurde noch betrübter. ›Der Fürst hat mir vorhin mitgeteilt, dass dies bereits geschehen ist. Ich werde also mit ihm kämpfen und mein Bestes geben.‹
Das klang überhaupt nicht zuversichtlich. Ich sann über das weitere Vorgehen nach, doch Date Masamune zeigte immer mehr Ungeduld.
›Gut, übersetz jetzt dem Daimyo alles genau so, wie ich es sage. Frag nicht nach, und unterbrich mich bitte nicht.‹
Er nickte, und ich begann:
›Ich werde nicht zulassen, dass ein anderer für meine Fehler büßen muss!‹
Shigenaga schaute mich mit großen Augen an und schwieg. Erst nachdem ich eine auffordernde Handbewegung gemacht hatte, begann er stockend zu übersetzen.
›Also, ich werde diesem Mann zur Genugtuung zur Verfügung stehen.‹
Masamune setzte zu einer Antwort an, daher sprach ich schnell weiter:
›Ich denke, dass wir in diesem Zusammenhang auch das andere Problem lösen können.‹
In diesem Moment hatte ich seine volle Aufmerksamkeit.
›Der Kampf, den der Metsuke zur Herstellung seiner Ehre wünscht, sollte im Beisein des alten und des neuen Shogun stattfinden. Date Masamune würde damit die Forderung des Shogun erfüllen, und ich kann meine Ehre verteidigen.‹
Ich bediente mich dieses Schachzugs, da ich bemerkt hatte, wie hoch die Ehre eines Mannes in dieser Gesellschaft eingestuft wurde, und der Erfolg blieb nicht aus.
›Wieso deine Ehre?‹, fragte Shigenaga nach, ohne vorher zu übersetzen.
›Denkt ihr denn, dass es ehrenvoll für mich ist, wenn ein anderer für meine Fehler einstehen muss?‹
›Ich wusste nicht, dass es in deiner Heimat so ...‹
›Bitte, übersetze es und diskutiere jetzt nicht mit mir!‹
Resignierend kam er meiner Aufforderung nach.
Beim Daimyo erreichte ich genau das, was ich beabsichtigt hatte. Ich schien in seiner Achtung zu wachsen, obwohl er einige Bedenken hatte. Er erkundigte sich sofort, ob ich Erfahrungen im japanischen Schwertkampf hätte. Als ich das verneinte, machte er ein bedenkliches Gesicht, doch ich hatte zwei Argumente, die ihn überzeugten.
Zum Ersten fragte ich ihn, ob er in China den Eindruck gewonnen hätte, dass ich mich nicht verteidigen könne. Das verneinte er sofort, und ich wies zum Zweiten darauf hin, dass der Shogun etwas von den Kampffertigkeiten der Shaolin sehen wollte. Das überzeugte ihn, und wir begannen sofort mit der Planung.
Ich bat den Fürsten, mir mehr über die Regeln und den Verlauf eines solchen Kampfes mitzuteilen. Aufmerksam lauschte ich den Ausführungen und forderte ihn dann auf, mir einen Übungspartner zur Verfügung zu stellen. Er benannte Katakura Shigenaga, der nach seiner Rüstung schicken ließ, denn ich wollte, dass es möglichst realistisch stattfand.
Bei näherer Betrachtung der Umstände wurden uns einige Probleme bewusst. Der Daimyo hegte Zweifel, dass es überhaupt zu einem Kampf kommen würde. Da ich kein Samurai war, würde es der Metsuke vermutlich für unter seiner Würde erachten, sich auf einen Zweikampf mit mir einzulassen. Ich überlegte kurz und fragte dann:
›Was bin ich denn in seinen Augen?‹
›Nun, zuallererst ein Ausländer und dann vielleicht ein Mönch. Beides wäre aber unter seiner Würde.‹
Katakura Shigenaga gab zu bedenken:
›Aber er ist ein kämpfender Mönch. Meinem Sohn gegenüber habe ich ihn als einen Sohei ausgegeben. Vielleicht würde Yamabushi es noch besser treffen.‹
Die anderen Samurai hatten sich bisher an dem Gespräch nicht beteiligt. Vermutlich wurde Shigenaga deshalb auch zurechtgewiesen, weil er den Fürsten sehr vertraulich angesprochen hatte. Unterwürfig verbeugte er sich vor dem Daimyo, übersetzte mir aber auf dessen Befehl hin seinen Einwurf.
