Kitabı oku: «Traum oder wahres Leben», sayfa 5
Ich nickte zur Bestätigung, ohne den Blick vom Fürsten abzuwenden.
›Gut, nun zum eigentlichen Zweck dieses Gespräches.‹
Die Anspannung der letzten Minuten schien ein klein wenig von Katakura Shigenaga abzufallen.
›Der Fürst muss, sobald wir in Edo sind, beim Shogun um eine Audienz bitten und ihm Bericht erstatten. Zu dieser Audienz darf ihn keiner begleiten, schon gar nicht du mit deinem offenkundig ausländischen Aussehen.‹
Ich holte Luft, um einen Einwurf zu machen, doch er unterbrach mich sofort.
›Ich erkläre das später in Ruhe!‹
Ich atmete aus und neigte leicht den Kopf.
›Gut, Date Masamune hätte gern einen Rat von dir. In einem Gespräch nach dem Kampf hattest du gesagt, du würdest dem Shogun die Reise nach Shaolin als notwendig und erfolgreich schildern. Der Fürst möchte wissen, wie er das machen soll.‹
›Nun, dazu wäre es sinnvoll, wenn ich wüsste, was der eigentliche Zweck des Besuchs am chinesischen Kaiserhof war.‹
Da Katakura Shigenaga nicht gleich mit der Übersetzung begann, machte ich eine auffordernde Handbewegung, denn ich wollte, eingedenk seiner Worte, den Blick nicht vom Daimyo abwenden.
Zögernd übersetzte er meine Frage und erntete nur zwei Worte und ein Kopfschütteln.
›Der Fürst kann und darf dir den Grund dieser Reise nicht mitteilen!‹
›Hm, ich hatte etwas in der Art erwartet. Nun gut, ich muss also ein wenig raten und gehe deshalb davon aus, dass es mit den immer wieder auftretenden Feindseligkeiten zwischen China und Japan zusammenhängt.‹
Shigenaga übersetzte fließend meine Worte, und Date Masamune hob am Ende leicht die Schultern. Dabei machte er eine Geste, die ich als »vielleicht« deutete. Ich versuchte, ein Grinsen zu unterdrücken, und fuhr fort:
›Gut. In einem unserer Gespräche, die wir nach dem Kampf in China geführt haben, sprach der Fürst davon, dass er an einer Invasion in Korea beteiligt war, in der es auch zu Kämpfen mit den Truppen des chinesischen Kaisers kam. Insofern gehe ich davon aus, dass die Reise den Zweck hatte, entweder in Erfahrung zu bringen, ob eine neuerliche Invasion erfolgreich sein könnte, oder ob die Gefahr besteht, dass China oder Korea etwas in der Art planen.‹
Ich machte eine Pause und schaute den Daimyo fragend an.
Wieder die gleiche Geste, doch auch er konnte ein Grinsen kaum unterdrücken.
›Wenn das so sein sollte, dann sind natürlich alle Informationen, die mit der Ausbildung der chinesischen Truppen zu tun haben, von Bedeutung. Date Masamune hat Gerüchte gehört oder unter der Hand von Zuträgern einiges über die kämpfenden Shaolin-Mönche erfahren. Ihm kam zu Ohren, dass sie die kaiserlichen Wachen und hohe Offiziere ausbilden, ein gewisses Truppenpotential haben und aktiv in Konflikte eingreifen. Darüber hinaus wurden sie als hervorragende Kämpfer gerühmt, die von einem großen General angeführt werden.‹
Ich machte eine kleine Pause, denn ich bemerkte die Anspannung in Masamunes Blick und Haltung. Seine aufgewühlten Gedanken waren von meinem geschulten Geist leicht zu bemerken, da ich seine Sprache noch nicht verstand, nahm ich jedoch im Moment nur wirre Bilder wahr. Es gelang mir nicht, diese richtig zuzuordnen, und mir wurde klar, dass ich ihm vermutlich mehr verraten hatte, als er bereits wusste.
War das richtig von mir?
Mir blieb keine Zeit, darüber nachzudenken, denn mit einer Geste forderte er mich auf weiterzusprechen.
›Wenn meine bisherigen Vermutungen richtig sind, dann ist es logisch und im Sinne des Auftrages zwingend erforderlich, den Wahrheitsgehalt dieser Informationen zu prüfen. Da dies am Kaiserhof nicht möglich war, blieb nur die Reise zum Shaolin-Kloster übrig. Man könnte dem Shogun die Frage stellen, ob er in dieser Situation nicht die gleiche Entscheidung getroffen hätte.‹
Ich schaute erwartungsvoll in das Gesicht des Fürsten, und nach einer kleinen Pause, in der er seine Hände intensiv betrachtet hatte, begann er langsam und ruhig zu sprechen:
›Das sind sehr interessante Gedanken, die du da geäußert hast. Womit Date Masamune natürlich nicht sagen will, dass deine Vermutungen zutreffen.‹
Ich konnte das Lächeln in Shigenagas Gesicht wahrnehmen, ohne dass ich es sah.
›Der Daimyo muss dir vielleicht noch einige Hintergründe erklären, die diese Situation etwas komplizierter machen.‹
Masamune machte eine kurze Pause, um zu warten, bis der Dolmetscher mir das bisher Gesagte übersetzt hatte.
›Bisher haben wir immer nur vom Shogun als dem amtierenden Machthaber und obersten Landesherrn gesprochen. In Wahrheit sind die Machtverhältnisse in unserem Land um einiges komplizierter. Auch wir haben einen Kaiser, den Tenno. Er wird als Gottkaiser verehrt und sollte mit dem Hofadel eigentlich das Land regieren. Doch die Macht liegt in den Händen des Shogun und seiner engsten Berater. Der amtierende Shogun ist Tokugawa Iemitsu, aber das ist nur nach außen hin so, denn er hat das Amt von seinem Vater vorzeitig vererbt bekommen, um Machtkämpfen vorzubeugen. Die eigentliche Macht liegt immer noch in den Händen von Tokugawa Hidetada.‹
Date Masamune sprach im gleichen ruhigen Tonfall weiter:
›Immer wieder entstehen kleinere und größere Konflikte, da der Sohn nur ungern den Einfluss seines Vaters gelten lässt. Mein Herr ist Tokugawa Hidetada in mehreren Punkten sehr verpflichtet. Sein erstgeborener Sohn – Date Hidemune – ist nur dank der guten Beziehungen des Date-Clans zu ihm, Daimyo von Uwajima geworden. Der Shogun kann ihm dieses Lehen aber jeder Zeit wieder entziehen. Auch die Vereinbarung betreffs Date Tadamune wurde mit dem Vater getroffen, weshalb der Fürst die China-Reise antreten musste.‹
Mein Dolmetscher holte tief Luft.
›Mein Herr ist also dem alten Shogun in vielerlei Hinsicht verpflichtet. Andererseits wird irgendwann Tokugawa Iemitsu der alleinige Machthaber sein, und deshalb darf sich Date Masamune ihn nicht zum Feind machen. Auch dieser kann dem Date-Clan jederzeit großen Schaden zufügen. Als wir die Reise angetreten haben, hat der amtierende Shogun unmissverständlich kundgetan, dass er das Unternehmen nicht gutheißt. Doch konnte er sich seinem Vater gegenüber nicht durchsetzen, und nun befürchtet Date Masamune, dass ihm das, auch wegen der Reise nach Shaolin, zum Schaden gereicht.‹
›Warum stand der amtierende Shogun dieser Reise ablehnend gegenüber?‹
›Nun, der Vater ist ein wenig weltoffener als der Sohn. Auch er ist vorsichtig und bemerkt, dass die christliche Missionierung der Machtposition unseres Standes nicht förderlich ist. Er ist wie der Sohn der Meinung, dass die Eigenständigkeit unseres Landes durch den Einfluss der westlichen Länder gefährdet wird. Aber im Gegensatz zum Sohn befürchtet er mehr Nachteile durch eine Abschottung nach außen. Er denkt, dass es der Landesentwicklung förderlicher wäre, wenn wir uns vorsichtig öffnen und einen gut kontrollierten Handel mit anderen Ländern führen. Vor allem China als unser nächster großer Nachbar könnte in diesem Punkt sehr wichtig werden. Entweder als ein guter Handelspartner oder, na ja, vielleicht auch als ...‹
Er ließ diesen Satz unvollendet und schloss seine Erläuterung mit der Information, dass der amtierende Shogun das Land nach außen komplett abschirmen möchte, um alle fremden Einflüsse zu unterbinden.
›Hm, das sind natürlich schwierige Verhältnisse, aber vielleicht ist es gar nicht so schlimm, wie es auf den ersten Blick scheint.‹
Nachdenklich strich ich mir mit der rechten Hand über Mund und Kinn.
›Muss der Fürst nur dem alten Shogun, beiden gleichzeitig oder in getrennten Gesprächen Bericht erstatten?‹
Shigenaga übersetzte meine Frage, und ohne groß nachzudenken, kam die Antwort vom Daimyo:
›Er denkt, dass es eher unwahrscheinlich ist, dass er beide gleichzeitig informieren muss. Vermutlich wird ihn erst der Vater zur Berichterstattung einbestellen, bei dem das Zeremoniell nicht so umfangreich ist. Doch auch dem amtierenden Shogun muss er auf jeden Fall Rede und Antwort stehen, da er nach außen hin die Reise angeordnet hat.‹
›Nun, vielleicht ist das ganz günstig. Dem alten Shogun, Taka ... Wie hieß er doch gleich?‹
›Tokugawa Hidetada.‹
›Ach ja, Tokugawa Hidetada würde ich so informieren, wie wir es vorhin besprochen haben. Ich würde versuchen, das Gespräch so zu lenken, dass es ihm wichtig erscheint, ein starkes China nicht zu unterschätzen. Dass es aber gleichzeitig notwendig ist, gewisse Verbindungen aufrechtzuerhalten, um auf dem Laufenden zu bleiben.‹
Ich machte eine kurze Pause, um meine Gedanken zu ordnen.
›Dem Sohn würde ich den gleichen Bericht erstatten, doch das Gespräch ein wenig anders lenken. Er sollte am Ende zu der Einsicht kommen, dass seine Denkweise richtig ist und er ein starkes, einiges Land regieren muss, das allen äußeren Einflüssen gewachsen ist. Natürlich birgt das auch die Gefahr, dass sich die beiden darüber austauschen und dann denken, der Fürst hat jedem einen anderen Bericht gegeben. Aber in diesem Fall kann sich Date Masamune darauf berufen, dass er jedem das Gleiche erzählt hat und jeder nur zu anderen Schussfolgerungen gekommen ist.‹
Nachdem Katakura Shigenaga das übersetzt hatte, entstand eine kleine Pause, in der Date Masamune gebannt auf seine Hände blickte. Dann schaute er mir in die Augen und sagte:
›Die Gefahr, dass sich die beiden darüber austauschen, ist eher gering, denn sie pflegen meist nur Kontakt, wenn es öffentlich notwendig erscheint. Aber wie soll ich die Gespräche in die gewünschte Richtung lenken, wenn ich jedem den gleichen Bericht erstatte.‹
Ich lächelte und schlug vor, dass wir den Gesprächsverlauf üben, indem er den Shogun spielt und ich seinen Part übernehme.
Die sich anschließenden Dialoge nahmen viel Zeit in Anspruch, da wir verschiedene Varianten durchspielten. Erst als uns eine Schlechtwetterfront erreichte, beendeten wir das Gespräch, denn die Mannschaft hatte alle Hände voll zu tun, um das Schiff sicher auf Kurs zu halten. Wir räumten den Platz beim Heckmast, um nicht im Weg zu sein, und ich sah gebannt der Mannschaft bei ihrer Arbeit zu. Die Sicht wurde immer schlechter, starker Regen setzte ein, und das Schiff musste mit hohen Wellenbergen kämpfen. Unter heftigem Schlingern und Schaukeln ging es die ganze Nacht und auch den folgenden Tag weiter. Erst als wir die japanische Küste erreichten, wurde das Wetter besser. Aber als wir in die Meerenge zwischen Kyushu und Honshu einliefen, verschlechterten sich die Bedingungen wieder. Der Kapitän entschloss sich, den nächsten Hafen anzulaufen und erst bei Wetterbesserung die Fahrt fortzusetzen. Der kleine Hafen lag in einer Bucht, die durch eine Hügelkette vor dem Wind geschützt war. Da es nur ein Fischerhafen war verließ keiner das Schiff, und ich wurde wieder zu Date Masamune gerufen, um unser Gesprächstraining fortzusetzen.
Am nächsten Morgen besserte sich das Wetter, und wir setzten unsere Reise fort. Shigenaga sollte recht behalten, denn auf der ganzen restlichen Fahrt hatte das Schiff gegen widrige Winde anzukämpfen. Zwischen den großen Inseln gab es viele kleinere und kleinste, manchmal nur Felsklippen, deren Umschiffen der Besatzung die volle Aufmerksamkeit abverlangte. Erst als wir das offene Meer erreichten und in nordöstliche Richtung umschwenkten, wurde es einfacher. Der Wind war nicht mehr ganz so stark und seine Richtung auch ein wenig günstiger. Wir folgten mehr oder weniger dem Küstenverlauf von Shikoku und kamen besser voran. Diese Seereise nahm fast drei Wochen in Anspruch, in deren Verlauf ich immer wieder zum Daimyo gerufen wurde, da seine Bedenken noch nicht restlos zerstreut waren. Die Gespräche waren sehr langwierig, weil ich ja immer noch Katakura Shigenaga als Dolmetscher brauchte. Aus diesem Grund und wegen des unaufhörlichen Regens bekam ich auf der ganzen Fahrt nicht viel zu sehen. Zur Entschädigung hatten wir seit der Einfahrt in die Bucht, in der Edo lag, das schönste Wetter. Die Sonne wärmte von einem strahlend blauen Himmel, und das Schiff durchpflügte ruhig und gleichmäßig das nur leicht gekräuselte Wasser. Ich stand mit Katakura Shigenaga an der Reling und schaute auf die weite Ebene, der wir entgegenstrebten.
›Was erwartest du von unserem Land, und wie stellst du dir dein weiteres Leben hier vor?‹, fragte mich Shigenaga unvermittelt.
Aus meinen Gedanken gerissen, schaute ich hoch und überlegte.
›Ich weiß es nicht. Ich bin mir auch nicht sicher, ob es richtig war, dem Ruf von Date Masamune zu folgen. Die wenigen Brocken eurer Sprache, die du mir bisher beibringen konntest, sind auch nicht dazu angetan, meine Unsicherheit zu zerstreuen. Deswegen fühle ich mich im Moment sehr unwohl bei dem Gedanken, wieder einmal ganz von vorn anzufangen.‹
Er lachte kurz auf.
›Was erwartetest du denn? Hast du wirklich geglaubt, dass ich dir in den wenigen Stunden, die uns bisher zur Verfügung standen, unsere Sprache hätte beibringen können? Ging das bei deinem Eintreffen in China so schnell?‹
›Nein‹, ich schüttelte den Kopf. ›Natürlich nicht, doch was ich bisher von dir erfahren habe, erscheint mir ziemlich kompliziert, und ich habe einfach Bedenken, dass ich mich falsch verhalte oder die Erwartungen des Fürsten nicht erfüllen kann.‹
›Mach dir nicht schon jetzt Gedanken über Dinge, die du noch gar nicht einschätzen kannst. Ich habe mit meinem Herrn darüber gesprochen, und er hat mich beauftragt, dir unsere Sprache beizubringen. Außerdem soll ich in der ersten Zeit immer in deiner Nähe sein, um dich mit unseren Sitten und Gebräuchen vertraut zu machen.‹
Er wandte sich von mir ab und deutete in die Ferne.
›Sobald wir im Hafen von Edo an Land gegangen sind, achtest du bitte genau auf das, was ich tue. Da du keine Schwerter trägst und alle nach deinem äußeren Erscheinungsbild darauf schließen werden, dass du zur unteren Standesriege gehörst, musst du bestimmte Dinge genau beachten. Ich werde dir immer die entsprechenden Hinweise geben.‹
Shigenaga drehte sich zu mir um und sagte fast ein wenig feierlich:
›Date Masamune hat mir mitgeteilt, dass er sobald als möglich diesen Umstand verändern möchte. Ich weiß es nicht genau, aber ich vermute, dass er dich zu einem Bushi mit einem angemessenen Rang machen will. Doch dazu musst du unsere Sprache schon einigermaßen beherrschen, und zudem wird es erst in Sendai geschehen können.‹
›Sendai?‹
›Hab ich dir noch nichts von Sendai erzählt?‹
Ich schüttelte den Kopf.
›Oh, dann wird es Zeit, denn Sendai ist die Residenzstadt des Fürsten. Er hat vor vierundzwanzig Jahren dieses kleine Dorf dazu auserkoren. Auf dem Hügel der grünen Blätter neben dem Fluss Hirose ließ er seine neue Burg errichten. Dass er die Erlaubnis des Shogun bekam, war eine große Ehre, denn fast allen Daimyos wurde es untersagt, Burgen zu bauen, und viele bestehende Burgen wurden zerstört oder ihrer Verteidigungsanlagen beraubt.‹
Er schaute mich erwartungsvoll an, um zu sehen, welchen Eindruck diese Worte auf mich machten. Doch ich wusste immer noch zu wenig über die hiesigen Verhältnisse, um es auch nur annähernd einschätzen zu können.
Ein wenig enttäuscht fuhr er fort:
›Nun, vor zwanzig Jahren sind wir in Sendai eingezogen. Aber fast die Hälfte der seitdem vergangenen Zeit war der Fürst im Auftrag des Shogun unterwegs oder in Edo. Auch ich habe Sendai schon länger nicht mehr besucht und freue mich, es bald wiederzusehen.‹
Sehnsüchtig wanderte sein Blick in die Ferne.
›Sobald wir die Erlaubnis bekommen, werden wir Edo verlassen. Doch wer kann schon sagen, wann das sein wird.‹
Nach einem kurzen Schweigen setzten wir mit belangloseren Themen unsere Unterhaltung fort, bis wir in den Hafen von Edo einliefen.
Das Schiff hatte, seit es gesichtet worden war, große Aufmerksamkeit erregt, denn am Hauptmast war das Wappen des Date-Clans gehisst. Die Menschen am Kai deuteten aufgeregt zum Schiff, und immer mehr Bewohner strömten in den Hafen.
Als Date Masamune an Land ging, wurde ihm ehrerbietig Platz gemacht, und alle verneigten sich tief vor ihm. Er setzte eine ziemlich hochmütige Miene auf, die ich bis jetzt noch gar nicht an ihm wahrgenommen hatte. Auch Katakura Shigenaga verhielt sich ähnlich, und diese hochmütige Art machte ihn für den Augenblick ein wenig unsympathisch. Doch die Blicke, die er mir zuwarf, und die Zeichen die er mir gab, ließen mich erkennen, dass es nur der Wahrung der Stellung diente. Wie verabredet, wurde ich von den anderen Begleitern des Fürsten in die Mitte genommen, so dass mich die Blicke der Neugierigen kaum erreichten.
Zwei Träger mit einer Sänfte und eine Eskorte eilten herbei. In dem Moment verstand ich erst, warum es so lange gedauert hatte, bis wir von Bord gegangen waren. Der Fürst musste sich standesgemäß zu seiner Residenz in Edo begeben, weshalb er die Ankunft der Sänfte abwartete.
Nachdem Date Masamune in der Sänfte Platz genommen hatte, setzte sich unser Zug in Bewegung. Durch meine Position in dieser Prozession konnte ich fast nichts von der Umgebung wahrnehmen, und nach einer Weile gab ich es auf, die Dächer der meist einstöckigen Gebäude anzustarren.
Eine halbe Stunde mochte der Marsch durch die engen Straßen und Gassen gedauert haben, als wir das nahe bei der Burg des Shogun erbaute fürstliche Anwesen erreichten. Wir folgten eine Weile dem Kanal, der die Burgmauer umfloss, und bogen schließlich in das Anwesen des Daimyo ein. Masamune verließ die Sänfte, wurde von seinem Hofstaat empfangen, und der Zug löste sich auf. Katakura Shigenaga kam zu mir und forderte mich auf, ihm zu folgen. Wir gingen auf ein nicht weit entferntes kleineres Gebäude zu, und Shigenaga erklärte mir, dass es sein Haus sei. Mit Stolz wies er darauf hin, dass er auf Grund seiner hervorragenden Stellung, die er bei seinem Herrn innehatte, im Anwesen des Daimyo wohnen durfte, wenn er sich in Edo aufhielt. Wir betraten das Gebäude durch einen mit vielen Schnitzereien verzierten Eingang, und ich wurde in das Gästezimmer geleitet. Dort verließ er mich, um seine Angehörigen zu begrüßen.
Verunsichert ließ ich mich in der Mitte des Raumes in Meditationshaltung nieder, um zur Ruhe zu kommen. Doch es dauerte nicht lange, als eine junge Frau die Tür öffnete und mich durch Zeichen bat ihr zu folgen. Wir begaben uns zu einen kleineren Gebäude, das als Badehaus genutzt wurde. Dort befand sich ein großer Zuber mit warmem Wasser, und frische Kleidung lag für mich bereit. Nachdem mir meine Begleiterin dies begreiflich gemacht hatte, verließ sie mich, und ich begann mich ausgiebig zu reinigen. Ein wenig unschlüssig stand ich vor der Kleidung, doch eingedenk der Erfahrungen, die ich bei meiner Ankunft in Shaolin gemacht hatte, legte ich sie an. Es war ungewohnt, und ich hatte einige Probleme damit. Unschlüssig, was nun zu tun war, öffnete ich die Tür, und sofort erhob sich die junge Frau, die auf der kleinen Terrasse gewartet hatte. Mit einer freundlichen Geste forderte sie mich auf, ihr zu folgen. Bevor wir Shigenagas Haus durch den Gästeeingang wieder betraten, zog sie ihre Reisstrohsandalen aus. Ich folgte ihrem Beispiel, was sie mit einem freundlichen Lächeln quittierte. Meine Begleiterin ging am Gästezimmer vorbei und geleitete mich zum Empfangsraum. Dort blieb ich, meine Umgebung musternd, stehen. Mir gegenüber, am anderen Ende des Raumes, saß mein Dolmetscher auf einem kleinen Hocker, rechts neben ihm ein junger Samurai und auf der anderen Seite eine Frau mittleren Alters. Mit ihr hatte er sich gerade unterhalten, als er zu mir aufblickte.
Kurz auflachend winkte er mich zu sich heran.
›Oje, ich muss dir wirklich noch viel beibringen und erklären.‹
Er deutete auf einen Platz vor sich und forderte mich zum Sitzen auf. Der junge Mann neben ihm machte ein erstauntes Gesicht, und seine Hand zuckte schon in Richtung seiner Schwerter. Katakura Shigenaga bemerkte es und wies ihn barsch zurecht. Nach einem kurzen Wortwechsel wurde ich ein wenig freundlicher, doch forschend gemustert. Der Herr des Hauses wandte sich wieder mir zu und sagte:
›Du musst das Verhalten meines Sohnes entschuldigen, dieser formlose Umgang mit einem anscheinend dem niedrigsten Stand Angehörigen ist für ihn ungewohnt. Ich habe ihm gerade erklärt, dass du keineswegs das bist, was er vermutet. Nach meinen Erklärungen hält er dich jetzt für einen Sohei. So werden bei uns die Kriegermönche genannt. Das kommt dem, was du bist, ja auch am nächsten, und vom Stand her stehen diese Männer nur wenig unter den Bushi. Ich habe ihm erklärt, dass du Date Masamunes und mein Lebensretter bist. Aber ich glaube, am meisten hat ihn beeindruckt, dass ich sagte, dass du ein weit besserer Krieger bist als die meisten Samurai, die er kennt.‹
Ich holte Luft und setzte zu einer Erwiderung an, doch er unterbrach mich.
›Ich weiß, dass du das nicht magst‹, fuhr er lächelnd fort. ›Aber du musst bedenken, dass bei uns andere Werte gelten, und ich habe auf keinen Fall gelogen.‹
Damit war für ihn das Thema abgeschlossen, und er deutete auf den jungen Mann.
›Also, das ist mein Sohn Yoshimoto‹, ich neigte das Haupt vor ihm, und er grüßte zögernd zurück.
Shigenaga wandte sich nach der anderen Seite und deutete auf die Frau.
›Und das ist seine Mutter, meine Konkubine.‹
Auch sie begrüßte ich auf die gleiche Weise, und lächelnd neigte sie den Kopf.
›Eine meiner Töchter hast du ja auch schon kennen gelernt‹, er deutete zum Eingang und zeigte auf die junge Frau, die sich dort niedergelassen hatte.
Ich wandte mich um und erntete eine höfliche Verbeugung.
›Nun, in meinem Haus und wenn keine anderen Personen anwesend sind, ist es nicht notwendig, einen förmlichen Ungang zu pflegen. Wir können so zwanglos wie auf dem Schiff miteinander umgehen, doch nun muss ich dich in einigen Regeln und Ritualen unterweisen.‹
Er sprach kurz mit seinen Familienangehörigen, und nachdem seine Tochter uns Tee gereicht hatte, verließen sie uns.
Als wir allein waren, erklärte er mir, dass diese drei die einzigen engen Familienangehörigen seien, die sich in Edo aufhielten. Alle anderen, darunter auch seine Frau, befanden sich in Sendai.
Nach dieser kurzen Einleitung begann er mich darüber aufzuklären, wie ich mich im Anwesen des Daimyo zu verhalten hätte. Bei dieser Gelegenheit setzten wir auch meinen Sprachunterricht fort. Das Erlernen der japanischen Sprache gestaltete sich etwas leichter als der erste Sprachunterricht, den ich in meinem neuen Leben bekommen hatte. Zum einen lag es daran, dass mein Lehrer diesmal das Chinesische, in dem wir uns gut verständigen konnten, zur Erklärung nutzte. Zum anderen fiel es mir sehr viel leichter, weil ich gleichzeitig seine Gedankenbilder wahrnahm. Das Wort hatte also ein Bild oder besser gesagt, eine Gestalt, wodurch es sich mir besser einprägte.«
