Kitabı oku: «Geschichten aus dem Koffer», sayfa 2
Sarah schluckte. „Ich sollte ihnen also noch eine Chance geben?“
„Ich sehe, wir verstehen uns wieder.“ Die Stimme lachte. „Dann kann ich dich ja beruhigt dem Teig überlassen. Und noch etwas …“
„Ja?“
„Vertrau auf dich! Dann habe ich auch keinen Grund mehr, dich zu nerven.“
Sarah lächelte und stand auf. „Schade eigentlich. Ich fange gerade an, mich an dich zu gewöhnen.“ Dann zog sie das Regal auf, streute Mehl auf die Arbeitsfläche und fing an, den Teig auszurollen.

2. Dezember: Die Kuscheltiere feiern Advent (K)
In den Wochen vor Weihnachten herrscht in den Kaufhäusern immer besonders geschäftiges Treiben. Eltern und Großeltern suchen Geschenke für die Kinder, Männer verzweifeln an den unausgesprochenen Wünschen der Frauen, und Kinder stehen staunend vor den Kuscheltier- und Spielzeugregalen. Doch was passiert eigentlich an den Wochenenden, wenn der Nachtdienst die Türen verschließt und endlich Ruhe einkehrt?
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Oskar nahm seine Trompete und schmetterte ein paar schiefe Töne. „Alle einmal hergehört!“ Töö-tö-tö-töö-töö-tööööö erklang noch einmal die Trompete. „Wir treffen uns in fünf Minuten am Versammlungsplatz vor den Rolltreppen.“ Oskar wiederholte das Trompetensignal und kletterte dann mühsam am Regal hinab. Der Abstieg fiel ihm in der letzten Zeit merklich schwerer. Es quietschte und knarrte bei immer mehr Bewegungen. Irgendwann würde er die Versammlungen vor seinem Regal abhalten müssen, dachte er. Aber solange er noch den Weg zurücklegen konnte, wollte er an der Tradition festhalten. Die Tradition, die er selber vor so vielen Jahren begründet hatte. Die Idee dazu hatte er schon kurz nach der Eröffnung des Kaufhauses gehabt. Als einziges der hier lebenden Spielzeuge hatte er die Feier miterlebt. Das feierliche Durchschneiden des Bandes vor dem Hauptportal, das schwungvolle Öffnen der Türflügel, die glänzenden Augen der Menschen. Er hatte alles aus nächster Nähe beobachten können. Karl hatte ihn im Arm gehabt, ihn, Oskar, sein Lieblingsspielzeug. Und als Karl der Chef des Kaufhauses wurde, hatte er Oskar oben auf ein Regal in der Spielzeugabteilung gestellt. Zusammen mit seiner Trommel, der Trompete, einem Köfferchen, seinem Hut, den übergroßen Schuhen und natürlich der Clownsnase. Seine Mechanik war ein wenig eingerostet. Aber es hatte ihn ohnehin schon seit vielen Jahren niemand mehr zum Trommeln und Tanzen gebracht. Stattdessen stand er tagaus, tagein auf seinem Beobachtungsposten und bewegte sich nur dann, wenn kein Mensch im Kaufhaus war. Und im ersten Winter hatte er seine Idee in die Tat umgesetzt und seitdem in jedem Jahr wiederholt.
So, noch das letzte Brett, dann stand er auf dem Fußboden und wackelte zur Rolltreppe. In den ganzen umliegenden Regalen verließen Elefanten, Krokodile, Affen, Schildkröten, aber auch Katzen, Hunde, Mäuse, Teddybären, Delfine, Puppen und Meerjungfrauen ihre zugedachten Plätze und marschierten, hüpften, sprangen oder glitten zum Treffpunkt. Die große Schlange hatte den Wasserbewohnern angeboten, sie zu tragen. Sie drohten, bei jeder Biegung von ihrem Transporttier hinunterzustürzen, kicherten und klammerten sich fest. Und doch kamen alle heil bei der Kundgebung an.
Oskar kletterte ein paar feststehende Rolltreppenstufen hinauf und drehte sich um. „Ich habe euch hier zusammengerufen“, Oskar räusperte sich und machte eine Pause, so wie er es oft bei Karls Vater erlebt hatte, „um euch daran zu erinnern, dass heute ein besonderer Tag ist. Heute ist - wie einigen von euch sicher schon aufgefallen ist - der Tag, auf den viele von euch schon sehnsüchtig warten: Der erste Advent.“
Oskar wartete, bis sich der Jubel gelegt hatte. Dann sprach er weiter. „Ich habe mitbekommen, dass es schon in den letzten Tagen Gesprächsthema war. Die Erfahrenen von euch kennen es noch aus dem letzten Jahr, auch wenn es - außer mir natürlich - nicht mehr viele gibt, die länger als ein Jahr hier verweilen. Die Zeit ist so schnelllebig geworden …“
Oskar schluckte den Kloß im Hals herunter, den er immer bekam, wenn er an früher dachte, an die Zeit, als er noch in Karls Kinderzimmer gelebt hatte. Dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Menge vor sich. Einige von ihnen blickten noch gespannt zu ihm empor, doch die meisten flüsterten und tuschelten aufgeregt miteinander. Oskar runzelte die Stirn und schlug auf seine Trommel. Erschrocken fuhren die Spielzeuge auseinander.
„Der erste Advent ist für uns das, was für die Menschen der Heilige Abend ist: Der große Festtag der Familie, unserer Spielzeug-Familie hier. Noch sind die meisten von uns vor Ort, aber Adventszeit bedeutet auch Trennung und das Finden neuer Familien. Und deshalb wollen wir feiern: Wir freuen uns, dass wir beisammen sind, nehmen Abschied und freuen uns auf neue Abenteuer. Und bevor ich es später vergesse: Passt auf euch auf! Vor allem ihr“, er wandte sich an die Pferdesammlungen und die Affenmamas mit Kind, „die ihr als Familie verkauft werdet. Achtet auf euch, damit ihr gemeinsam euer Abenteuer erreicht!
Jetzt aber zurück zu unserer Feier: Heute Nachmittag, mit Einbruch der Dunkelheit, beginnt unser Fest. Wir werden wieder hier feiern, hier im Bereich vor den Rolltreppen. Dort an der Regalecke“, Oskar deutete auf den Beginn des Spielzeugbereichs, „legen wir eine Decke auf den Boden, darauf kommt dann mein Koffer. Bären und Elefanten, könnt ihr das vorbereiten?“
Die Angesprochenen brummten und tröteten zustimmend.
„An das Regal hängen wir einen Türkranz. Puppen, könnt ihr den mit einem Auto und Anhänger transportieren?“
Die Puppen nickten und wollten schon losstürmen, wurden aber von Oskar zurückgehalten. „Wartet bitte ab, bis wir alles besprochen haben. Dann gibt es hinterher nicht so viel Chaos.“ Oskar fuhr sich mit der Hand über die Stirn und murmelte zu sich: „Das wird es unweigerlich sowieso geben. Niemand kann mehr zuhören, und mitgedacht wird ohnehin nicht …“
Laut fuhr Oskar fort: „Auf den Koffer stellen wir eine elektrische Kerze. Affen und Krokodile, sucht bitte ein schönes Exemplar aus. Ihr findet sie dort in der Dekoabteilung. Ihr könnt zusammen mit den Puppen gehen, später natürlich!
Dann kommen wir zu der übrigen Deko: Strohsterne, Christbaumanhänger, Lichterbögen und was es sonst noch so gibt. Barbies, das wäre doch eine gute Aufgabe für euch. Fragt die Giraffen, ob sie euch beim Aufhängen helfen.“
Die kleinen Puppen kicherten und drängelten sich zu den Giraffen, die huldvoll ihre langen Hälse beugten und die aufgeregten Mädchen begrüßten.
„Jetzt benötigen wir noch etwas zu essen. Getränke lassen wir weg. Wenn ich da an den Unfall vom vorletzten Jahr denke … Das war eine Sauerei. Beinahe hätten wir es bis zum nächsten Morgen nicht wieder trocken bekommen. Trotzdem hat der Boden noch entsetzlich geklebt. Und der Geruch ... Die arme Putzkraft musste sich ganz schön was anhören!“
Oskar schämte sich heute noch, wenn er an das Durcheinander dachte, das sie verursacht hatten. Es war eine ausgelassene Party geworden. Einer der Affen wollte ein Kunststück zeigen und war mit einem Doppelsalto vom Regal gesprungen. Leider war er auf dem Fuß eines Elefanten gelandet, der daraufhin zur Seite ausgewichen war und dabei die Karaffe umgeschüttet hatte. Die Limonade war bis unter die Regale gelaufen, und die Fußspuren waren in der gesamten Abteilung zu finden gewesen. Damals hatte er beschlossen: Nie wieder Getränke.
„Also, nur Kekse“, setzte Oskar seine Rede fort. „Hasen, bitte holt ein paar Tüten aus der Feinkostabteilung. Und für die musikalische Untermalung setzen wir die Spieldosen ein. Meerjungfrauen, bitte kümmert euch darum. Wenn ihr möchtet, könnt ihr auch wieder einen Chor gründen. Da habt ihr ja schon Erfahrung.“
„Au ja“, piepste eine rothaarige Meerjungfrau, „das machen wir. Freiwillige können sich bei mir melden!“
„Ihr habt es gehört. Freiwillige wenden sich bitte direkt an unsere Meerjungfrauen.“ Oskar überlegte und nickte sich dann selber bestätigend zu. „Damit hätten wir auch schon die Planung abgeschlossen. Jeder kennt seine Aufgabe?“ Oskar ließ seinen Blick durch die Reihen schweifen. „Dann wünsche ich uns allen viel Spaß bei der Vorbereitung und später ein schönes Fest!“
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Horst, der alte Nachtwächter, der zu einem zusätzlichen Sonntagsdienst eingeteilt worden war, öffnete die Tür zum nächsten Stockwerk des Kaufhauses. Wie immer am Wochenende, wenn die Fahrstühle und Rolltreppen abgestellt waren, musste er zu Fuß gehen. 29 anstrengende Stufen und ein Podest waren es pro Stockwerk, die er im Lichtkegel seiner Taschenlampe bewältigen musste. Erschöpft ließ er den schweren Schlüsselbund in seine Tasche gleiten und atmete durch. Erstaunt lauschte er. Das Treppensteigen musste ihm schwerer gefallen sein als sonst. Er hörte leise Weihnachtsmusik, dazu wurde gesungen. Kicherte da nicht auch jemand? Horst wischte sich über die Augen und ließ dabei die schwere Feuerschutztür los, die den Verkaufsraum vom Treppenhaus trennte. Sie fiel mit einem lauten Knall ins Schloss.
Horst horchte. Er musste sich getäuscht haben. Alles war still, kein Gesang, kein Kichern war mehr zu hören. Er ging ein paar Schritte, bis er den Bereich vor den Rolltreppen erreichte. Dort war ein weihnachtlicher Läufer ausgebreitet, auf dem ein Koffer lag. Darauf stand eine flackernde LED-Kerze inmitten von künstlichen Zweigen, Sternen, Wichteln und Skifahrern. Um die Kerze waren unglaublich viele Kuscheltiere und Spielsachen angeordnet. Es wirkte auf ihn wie ein weihnachtliches Schaufenster mitten im Kaufhaus. Hatte der Bär dort vorn nicht sogar einen angebissenen Keks in der Pfote?
Horst schüttelte den Kopf. Er musste den Chef informieren. Wer auch immer sich das überlegt hatte, mit ihm war es nicht abgesprochen. Es ging ja auch gar nicht. Die Sicherheit, wenn dort jemand stolperte … Horst zog sein Handy aus der Tasche, wählte eine Nummer und setzte seinen Rundgang durch die Gänge fort.
Sein Chef meldete sich am Telefon. „Horst, ich hoffe, es ist wichtig, wenn Sie mich schon am Sonntag stören! Meine Familie erwartet mich beim Adventsessen. Es gibt Raclette und hinterher die leckeren Kekse, die mein Schwiegervater mit den Kindern gebacken hat. Wir feiern doch immer am ersten Advent mit der Familie.“
„Das ist ein gutes Stichwort, Chef“, antwortete Horst. „Ich bin grad auf meiner Runde. Und wissen Sie, was ich da entdeckt habe?“
„Nein. Aber Sie werden es mir bestimmt gleich verraten.“
„Hier findet auch eine Adventsfeier statt. Also, es ist alles dafür aufgebaut, aber mit Kuscheltieren und mitten im Gang.“
Der Chef lachte dröhnend ins Telefon. „Sie wollen mir also sagen, die Kuscheltiere feiern Advent?!?“
„Genau, Chef. Warten Sie, ich schicke Ihnen gleich ein Foto.“
Horst beendete das Telefonat und ging um die Ecke. Vor ihm lag wieder der Platz bei den Rolltreppen. Er war frei. Kein Kuscheltier und kein Spielzeug stand mehr im Weg. Nur ein angebissener Keks lag noch herum.
Horst schüttelte den Kopf. Das war doch nicht möglich … Gerade hatte es noch so ausgesehen, als ob da im Gang eine Adventsfeier mit ganz vielen Kuscheltieren stattgefunden hätte. Und jetzt? Der Aufbau konnte sich doch nicht in Luft auflösen.
Horst sah sich um. Dort hinten hing ein Affe am Wandregal, mitten vor den anderen Fächern. Schwankte der nicht hin und her? Und der alte Clown mit der Trommel, der sonst immer auf dem obersten Brett stand, saß daneben und stützte sich auf einen Schlägel. Zwinkerte der ihm etwa zu? Das konnte nicht sein. Er, Horst, Nachtwächter aus Leidenschaft, war es doch gewohnt, nachts zu arbeiten. Da sah er doch nicht plötzlich Dinge, die es so nicht gab. Nicht geben konnte. Oder etwa doch?

2. Dezember: Weihnachtserdnüsse (J&E)
„… und deshalb haben sie sich überlegt, es dieses Mal digital stattfinden zu lassen. Ein Adventskalender für die ganze Familie, live im Internet. Na ja, nicht live, aber für jeden einzelnen ja irgendwie schon!“
Carolin rollte genervt mit den Augen, während das Lachen ihres Chefs dröhnend durch das Telefon klang. Eigentlich war er gar nicht wirklich ihr Chef. Sie war Freelancerin, arbeitete aber schon so lange für dieses Entwicklerbüro als Grafikerin, dass es sich fast so anfühlte, als würde sie fest dazugehören. Früher war sie auch mindestens einmal im Monat zu einer persönlichen Besprechung im Büro gewesen. Der direkte Kontakt war ihren Auftraggebern immer wichtig. Doch das schien wie aus einer anderen Welt zu sein. Inzwischen hatte sie ihr Büro ins Wohnzimmer verlegt. Auf dem Esstisch stand ihr Laptop mit dem großen Monitor, daneben stapelten sich Bleistiftskizzen. Den Couchtisch hatte ihre jüngere Tochter mit ihren Schulsachen in Beschlag genommen, genauso wie den umliegenden Boden, die Sofas und Stühle. Und um überhaupt zu den Tischen gelangen zu können, musste man Slalom laufen oder wie ein Storch stolzieren. Kneippen im Wohnzimmer. Und im Flur. Von den Kinderzimmern ganz zu schweigen … Carolin seufzte. Schön sah es nicht aus. Aber die Zeit …
„… einen ersten Entwurf bis Ende der Woche. Bekommst du das hin?“
Ups, er redete ja schon wieder. Es ging wohl um das Design der Türchen, so hoffte sie zumindest.
„Bis Ende der Woche ist ganz schön knapp. Da ist ja auch noch der CFI-Auftrag.“
„Mach dir darüber keine Gedanken“, unterbrach sie der Projektleiter. „Das kannst du schieben. Mit der Adventszeit lässt sich das aber nicht machen.“
Carolin seufzte. „Nein, leider nicht. Ich habe für unsere Adventskalender noch gar nichts.“
„Dann kannst du deinen Girlies ja den Link zu unserem Projekt geben. Adventskalenderproblem gelöst.“
„Ich glaube, dann hätte ich erst recht ein Problem!“ Carolin konnte sich die enttäuschten Gesichter ihrer Töchter lebhaft vorstellen, wenn sie ihnen als Adventskalender nur einen Link präsentieren würde. Aber mit dieser Baustelle würde sie sich ein anderes Mal beschäftigen.
„Doch zurück zu unserem Projekt“, unterbrach der Projektleiter ihre Gedanken. „Erster Entwurf bis Ende der Woche? Ist das gebongt? Und die fertige Abgabe dann eine Woche später. Ich erwarte also kein achtes Weltwunder. Einfach nur nette Bildchen, die auf einen Blick zusammen schön aussehen. Geeignet für die ganze Familie, also nicht zu kitschig, aber auch nicht zu verstaubt. Die Kinder sollen sich ja auch angesprochen fühlen. Du weißt ja: …“
„Verspielte Seriosität?“, ergänzte Carolin und grinste. Das hatte einmal ein Kunde gefordert und es hatte sich zum geflügelten Wort im Büro entwickelt. „Okay, wenn ich CFI erst einmal aufs Eis legen kann, dann schaffe ich das. Sind ja drei Tage bis Freitag. Das sollte reichen für einen ersten Entwurf. Schreibst du alles noch in den Projektordner?“
„Klar, lege ich dir ab. Und danke schon mal.“
„Danke dir!“, entgegnete Carolin automatisch und verabschiedete sich.
„Wer war das?“, fragte Leonora ihre Mama, als diese das Headset absetzte.
Carolin seufzte. Sie hatte schon so oft darum gebeten, in Ruhe telefonieren zu können. Das klappte inzwischen. Schließlich gingen beide Kinder ja auch schon in die Schule. Also theoretisch zumindest. Im Moment bedeutete es: Schule zu Hause. Aber dass das Gespräch noch nicht bei der Verabschiedung vorbei war, schien Leonora immer wieder zu vergessen. Hoffentlich hatte ihr Gesprächspartner es nicht gehört. Wobei, eigentlich wäre es nicht so schlimm. Zurzeit arbeitete ja fast jeder zu Hause. Wie oft waren da schon Kinder in die Videokonferenzen hineingeplatzt oder hatten auf dem Schoß der Kollegen gesessen, weil sie Kuschelzeit brauchten … Aber sie versuchte trotzdem noch, eine gewisse Arbeitsatmosphäre zu bewahren.
„Das war mein Arbeitskollege“, beantwortete Carolin die Frage ihrer Tochter. „Ich habe einen neuen Auftrag.“
„Oh cool, was denn?“
„Ich soll Bilder für die Türchen eines Adventskalenders gestalten.“
„Ooooooh!“ Leonora stand auf. Sie redete immer mit Händen und Füßen. „Kann ich nicht auch so was machen? Das wäre was für mich. Das wäre viel cooler als das blöde Mathe hier. Ich hab keinen Bock auf Schule. Wann bin ich denn fertig für heute?“ Sie trank einen Schluck Wasser. Dann streckte sie ihrer Mutter den Zeigefinger hin. „Weißt du, warum ich mir hier ein Pflaster drangemacht habe?“
„Nein.“ Abgelenkt schaute Carolin auf ihren Zeichenblock. Darauf waren bisher nur mehrere Kästchen zu sehen. Wie könnte sie sie wohl füllen?
„Das habe ich draufgemacht, damit ich nicht mehr dran knabbern kann. Das soll mein einziger langer Fingernagel werden.“ Leonora griff nach dem Holzstück aus der Dominokiste, das vor ihr auf dem Sofa lag. Sie tippte mit dem umwickelten Finger darauf. „Klingt schön. Ganz anders als mit den anderen Fingern. Mama, hörst du das?“ Sie ging zu ihrer Mutter hinüber. „Hier, klingt viel heller, hörst du?“
„Hmmm …“
Leonora sah auf den Tisch. „Du könntest doch Engel malen. Einer könnte trommeln. Oder Blockflöte spielen.“ Sie drehte den Dominostein, den sie für ihre Matheaufgaben als Beispiel für einen Quader herausgeholt hatte, tippte darauf und tat so, als würde sie hineinblasen. „Das ist doch fast ‘ne Blockflöte, oder?“ Sie legte den Stein weg, ging zum Schrank und griff nach ihrer alten Plastikblockflöte. „Ist doch fast genauso.“ Sie spielte ein paar Töne. „Das geht aber schlecht mit dem Pflaster. Man trifft ja gar nicht …“ Prompt wanderte die Flöte neben den Quader auf den Tisch. „Was hattest du denn gedacht?“
„Was?“ Carolin tauchte aus ihren Gedanken auf. „Ach so. Na ja … Engel sind irgendwie so normal. Ich würde gern irgendwas Witziges haben. Vielleicht ein Tier oder so. Und die Zahl muss auch immer noch dabei sein.“
„Nimm doch einen Pinguin! Pinguine sind immer süß. Und es gibt immer weniger.“
„Weil die Eisbären so viele auffuttern?“, vermutete Carolin und grinste.
„Nein, Mama! Das geht überhaupt nicht! Aber das weißt du doch! Guck mal!“ Leonora holte sich den Ball vom Sofa, der bei ihrer Matheaufgabe die Kugel verkörpert hatte. „Guck mal: Da oben leben die Eisbären. Da, am Nordpol. Und da unten“, sie drehte ihren imaginären Globus, „da leben die Pinguine. Die KÖNNEN sich also gar nicht begegnen!“
Carolin grinste.
„… denn das ist der Südpol. Da sind die Pinguine. Und da oben am Nordpol sind die Eisbären. Und der Weihnachtsmann. Dann würden ja eigentlich Eisbären besser passen. Aber die sind nicht so süß. Außer die Kleinen. Kleine Eisbären sind auch süß. So wie die, die auf meinem Koffer sind. Aber wenn die groß werden … Grrrr …“
„Deshalb machst du lieber weiter mit deinen Quadern, Kugeln und Würfeln, und ich versuche mal ein paar Pinguine.“
„Muss das sein?“
„Ich dachte, du findest die süß“, wunderte sich Carolin.
„Nein, ich meinte Schule. Ich hab heute doch schon so viel gemacht!“
„Du hast grad erst angefangen! Und dann kam mein Telefonat, und dabei hast du fast gar nichts mehr gemacht! Guck, mit Mathe bist du doch fast fertig. Nur noch die Körper aufmalen. Dann hast du es geschafft. Und bei Deutsch war es doch auch nur noch das Buchstabenpuzzle!“
„Hmmmm …“ Grummelnd ging Leonora wieder zurück zu ihrem Arbeitsplatz am Couchtisch. In ihrem Zimmer konnte sie sich nicht motivieren. Daher hatte Carolin sie irgendwann ins Wohnzimmer geholt. Und Leonora hatte nichts dagegen gehabt. Bei Mama war es viel schöner. Und man hatte immer jemanden zum Quatschen, sehr zu Carolins Leidwesen, die Mühe hatte, sich zumindest zeitweise zu konzentrieren.
Sie malte jetzt einen Pinguin, der ein Schild in der Hand hielt. Ja, das könnte gehen. Vielleicht noch mit Mütze und Schal? Oder doch lieber ein Rentier? Oder einen Weihnachtsmann mit Sack? Oder Schlitten? Alles nett. Aber irgendwie fehlte das gewisse Etwas.
Da ploppte eine Nachricht auf. Carolin wechselte in den Chat. Der Projektleiter hatte geschrieben. „Kurze Korrektur: Der Entwickler braucht doch morgen schon ein erstes Beispiel für ein Layout. Er braucht was, womit er arbeiten kann. Schickst Du dann einen ersten Entwurf? Der muss auch noch nicht final sein.“
Carolin lachte hektisch auf. Morgen! Wann sollte sie das denn machen? Ihr blieben eigentlich nur die Abende, um wirklich konzentriert arbeiten zu können. Am Vormittag war Schule angesagt, das hieß, sie musste Leonora dazu bringen, die Arbeitsblätter zu bearbeiten. Eigentlich war ihre Tochter gut in der Schule, sehr gut sogar. Wenn sie einmal anfing, ging es schnell. Das Problem war eher die fehlende Motivation, überhaupt erst einmal anzufangen ... Ihre große Tochter arbeitete allein in ihrem Zimmer und kam nur ab und zu mit einer Frage heraus. Sie erarbeitete sich fast alles eigenständig, auch neue Themen.
Carolin starrte auf die Wand ihr gegenüber. Wie mochte es erst den Familien ergehen, deren Kinder ohnehin schon Probleme in der Schule hatten? Wie sollte das mit der eigenen Arbeit kombiniert werden können? Carolin raufte sich die Haare. Auch wenn sie es scheinbar gut getroffen hatte, löste es trotzdem nicht ihr Problem, bis morgen eine Idee nicht nur entwickelt, sondern dann auch noch umgesetzt haben zu müssen.
Verzweifelt schmierte sie noch einen Pinguin auf das Blatt. Leonora kam zu ihr.
„Was ist denn Mami? Hast du schon was?“
„Na ja, nicht wirklich …“
Leonora sah auf die Skizzen und kicherte. „Das da ist toll!“ Sie zeigte auf den letzten Entwurf. „Eine Erdnuss mit Weihnachtsmannmütze!“
Carolin musste widerwillig lachen. Leonora hatte recht. Der Pinguin sah wirklich eher aus wie eine Weihnachtserdnuss. Aber … Sie überlegte. Ja, warum eigentlich nicht. Das könnte was werden. Weihnachtserdnüsse, Weihnachtsorangen, Weihnachtsäpfel, Weihnachtszapfen. Und immer mit der Zahl drauf oder dabei. „Ich glaube, das probiere ich mal!“
„Die Pinguine?“ Leonora schmiegte sich an sie und zeigte auf die ersten Entwürfe.
„Nein!“ Carolin grinste. „Weihnachtserdnüsse.“
