Kitabı oku: «Geschichten aus dem Koffer», sayfa 3

3. Dezember: Die Wichteltür (K)
„Papa, Papa, wir haben jetzt einen Adventskalender! Und wir durften helfen! Anna und Emil haben ihn getragen, und ich hab ihn aufgehängt! Das ist soooooo aufregend!“ Paul hüpfte vor seinem Vater auf und ab und zog ihn zu seinem Kita-Raum. „Komm mit, ich zeig`s dir!“
Voller Stolz präsentierte er die bunten Päckchen. Sie hingen an einer Schnur, die über die gesamte Breite einer Wand gespannt war.
„Und nächste Woche dürfen wir dann das erste Geschenk aufmachen!“
„Das passt übrigens hervorragend“, merkte sein Vater an, als Paul später in seinen Schneeanzug schlüpfte. „Zu Hause wartet nämlich auch eine Überraschung auf dich!“
„Echt?“ Paul zog den Reißverschluss zu, stand auf und nahm seine Stiefel in die Hand. „Was denn für eine?“
Sein Vater lachte. „Dann wäre es ja keine Überraschung mehr. Hier, vergiss deinen Schal nicht!“
Gemeinsam verabschiedeten sie sich von den Erziehern und gingen zur Tür. Paul zog die Stiefel an, sein Vater setzte ihm noch die Mütze auf den Kopf, und dann machten sie sich auf den Weg nach Hause.
Paul hüpfte an der Hand seines Vaters und überlegte unentwegt, welche Überraschung es denn sein könnte.
„Oma und Opa haben mir ein Paket geschickt mit gaaaaaaaanz vielen Süßigkeiten. Oder war der Nikolaus heute schon da? Nein, Mama hat Plätzchen gebacken, und ich darf verzieren? Oder bekomme ich heute schon ein Geschenk vom Adventskalender?“
Sein Vater lächelte und schloss die Haustür auf. Paul stürmte hinein, kickte die Stiefel weg und blieb staunend stehen.
„Oh, was ist das denn?“ Paul zeigte auf eine winzige Tür an der gegenüberliegenden Wand, direkt oberhalb der Fußleiste. Auf dem Fußboden standen ein Mini-Tannenbaum und eine dazu passende Bank. Eine kleine Leiter führte zu der Tür, an der ein geflochtener Kranz befestigt war. Neben der Treppe lag ein Köfferchen, und darauf befand sich ein gefalteter Zettel. „Paul“ stand in Großbuchstaben darauf. Das konnte er schon lesen.
„Ein Brief für mich?“
Sein Vater nickte. „Ja, das sieht so aus.“
Paul nahm die Nachricht und gab sie seinem Vater. „Liest du es mir vor?“
Sie setzten sich gemeinsam auf die große Truhe im Flur, beide noch in voller Wintermontur. Dann faltete Pauls Vater den Zettel auseinander und begann zu lesen.
Lieber Paul!
Ich freue mich, dass ich in dieser Adventszeit bei Euch wohnen darf. Auf den ersten Blick sieht Euer Zuhause sehr gemütlich aus, mit vielen bunten Sternen an den Fenstern. Hast Du sie selber gebastelt? Alle sehen anders aus, und das gefällt mir.
Du fragst Dich wahrscheinlich, wer ich bin. Ich bin ein Weihnachtswichtel. Nachts, wenn Du schläfst und von Deinen Weihnachtswünschen träumst, bin ich unterwegs und helfe dem Weihnachtsmann. Auch Euer Haus bereite ich auf die großen Festtage vor. Doch Du wirst mich dabei nicht entdecken, nur vielleicht hinterher das eine oder andere, das ich gemacht habe. Aber das gehört zu Weihnachten ja mit dazu. Was wäre die Adventszeit ohne ein paar Weihnachtsheimlichkeiten?
Ich wünsche Dir eine wunderschöne Adventszeit mit vielen kleinen Überraschungen!
Dein Weihnachtswichtel
Paul sprang auf und klatschte in die Hände. „Oh, das ist toll! Wir haben einen Weihnachtswichtel im Haus!“ Dann überlegte er und schaute sich das Köfferchen noch einmal an, auf dem ein Postsymbol aufgemalt war.
„Papa, weißt du was? Ich male dem Weihnachtswichtel ein Willkommensbild. Damit er sich auch wohlfühlt bei uns. Ich fange gleich an.“
„Das ist eine gute Idee“, bestätigte sein Vater. Dann hielt er seinen Sohn doch noch einmal zurück, der schon auf dem Weg in sein Zimmer war. „Zieh aber vorher noch deinen Schneeanzug aus. Sonst schmilzt du ja wie ein Schneemann in der Badewanne!“

3. Dezember: #NachrichtamBaum (J&E)
So sah es hier jetzt also aus …
Dominik bog in die Fußgängerzone ein und blieb erstaunt stehen. Eigentlich war es nur eine einzige lange Straße, die den Kern seines kleinen Ortes bildete. Hier fand man alles, was man zum Leben brauchte. Mehrere Bäcker, eine Drogerie, einen Buchladen, einen Zeitungskiosk, einen Getränkemarkt, Schuh- und Bekleidungsläden, Friseure, Cafés, Restaurants, Schnellimbisse, Sparkasse und Post. Selbst ein Eiscafé war vor ein paar Jahren dazugekommen, das allerdings jetzt im Winter geschlossen war. Nur die Lebensmittelläden hatten sich inzwischen am viel befahrenen Ring angesiedelt, der wie eine neuzeitliche Stadtmauer den Ortskern begrenzte.
Von einer Seite der Fußgängerzone zur anderen waren Lichterketten gespannt, mal mit Rentieren und Sternen, mal in der Form von Weihnachtskränzen, und leuchteten in der beginnenden Dämmerung. Natürlich, die Adventszeit hatte inzwischen schon angefangen. Er war lange nicht mehr draußen gewesen. Ihm wurde jetzt erst bewusst, wie viel Zeit vergangen war, wie sehr sich alles verändert hatte. Auch die paar Holzbuden mit Glühwein, gebrannten Mandeln, Crêpes und Bratwürsten standen schon auf dem Platz vor der Kirche, deren Turmspitze an der nächsten Querstraße die Häuser überragte. Zu einem richtigen Weihnachtsmarkt hatte es bei ihnen im Ort nie gereicht. Aber ein bisschen Adventsstimmung konnte so auch aufkommen.
Wobei, wohl nicht bei allen. Ein Mann mit Aktenkoffer hetzte an ihm vorbei. Ein anderer trat dort vorne aus einer Haustür und balancierte drei Pakete auf dem Arm, während er versuchte, mit der anderen Hand den Schlüssel in das Schloss zu stecken, um die Tür von außen abzuschließen. Aus der Ferne war ein Presslufthammer zu hören, dazu das Quietschen eines einfahrenden Zuges.
Geräusche, so viele, so laut. Dominik schüttelte den Kopf. Er war wohl doch noch nicht ganz über den Berg. Drei Wochen lang hatte er die Wohnung nicht verlassen. Er war allein gewesen, die ganze Zeit. Niemand hatte ihn besuchen können. Die Ansteckungsgefahr wäre zu groß gewesen. Er hatte sich wohl an die Ruhe gewöhnt.
Alles wirkte so schnell, so laut, wie im Zeitraffer mit Klangverstärkung. Das Klacken der Schuhe auf dem Pflaster, ein Stein, der, von einer Fußspitze getroffen, wegsprang, ein bellender Hund, dazu Musik aus einem Wohnhaus. War er der einzige, dem das auffiel? Wobei, früher hatte er es ja auch nicht bemerkt, hatte kaum darauf geachtet, was um ihn herum geschah. Meist war er in Gedanken bei der Arbeit oder im Gespräch mit Freunden vertieft. Oder er hatte Musik gehört. Stimmt. Wo waren eigentlich seine Kopfhörer?
Wie oft war er wie der Mann mit Aktenkoffer hier durch die Straße gehetzt, weil er wieder mal in letzter Minute das Haus verlassen hatte? Wie oft war er noch seine Notizen im Kopf durchgegangen? Ohne einen Blick für seine Umgebung? Und wie lange hatte er sich nichts dabei gedacht?
Er sah zur Seite. Dort stand ein Baum. Was war es? Eine Eiche? Eine Kastanie? Eine Buche? Jetzt, ohne Blätter, hatte er keine Chance, es zu erkennen. Schon im Sommer tat er sich schwer damit, Bäume richtig zu benennen. Im Winter waren es für ihn nur halbtote Gerippe, die ihre Arme anklagend in die Luft streckten.
Da hing doch etwas am Baum! Kein Blatt, aber es schwankte trotzdem leicht im Wind. Neugierig ging er näher. Warum hing denn eine leere Tüte am Baum? Super soft, dreilagig, las er. Den oberen Teil konnte er nicht erkennen, da dieser mit einer Schnur zusammengebunden war, mit der die Folie an einem Zweig hing.
Er nahm das merkwürdige Objekt in die Hand und schaute es sich genauer an. Ganz leer war es doch nicht. In der Toilettenpapierverpackung war ein Zettel, oder eher eine Karte. Sie war beschriftet, handschriftlich, so sauber und ordentlich, wie er es nie schaffen würde, selbst wenn er sich ganz viel Zeit dafür nehmen würde. Er zog die Folie glatt, um die Nachricht lesen zu können.
Mach weiter!
Alles normal!
WAS IST NORMAL???
Die Karte hatte ein Loch oben links in der Ecke. Wofür war das gedacht? Und wer hatte die Karte in die Tüte gepackt und an den Baum gehängt?
Vorsichtig löste Dominik den Knoten, mit dem die Verpackung an einem Ast befestigt worden war, nahm die Folie mit der innen liegenden Karte in die Hand und ging weiter. Es war eigentlich nichts Besonderes, und doch hatte es seine Aufmerksamkeit geweckt.
Zu Hause legte Dominik sein Mitbringsel auf den Tisch, holte die Karte aus der Folie und wusch sich danach erst einmal gründlich die Hände. Die Karte war aus fester Pappe, weiß, ohne einen Aufdruck. Er drehte sie um. Die Rückseite war leer. Nur ein Teil eines Schuhabdrucks war darauf zu sehen. Und auf der Vorderseite gab es die drei handschriftlichen Sätze, die er vorher schon durch die Folie hatte entziffern können.
Was hatte er da gefunden? Hatte die Nachricht an einer Schnur gehangen? Vielleicht befestigt an einem Luftballon? Aber für wen war sie gedacht? Und warum erwartete der Absender keine Antwort?
Was faszinierte ihn so daran? Dominik konnte es nicht sagen. Er ging zum Sofa, nahm sein Handy aus der Tasche, machte ein Foto von der Karte und postete es. #NachrichtamBaum
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Dominik blinzelte. Er musste wohl eingeschlafen sein. Draußen war es bereits dunkel. Dass ihn ein kleiner Spaziergang immer noch so anstrengte … Früher war er sportlich gewesen, war gern und regelmäßig gejoggt. Wann würde er dafür wieder die Kraft finden?
Er griff nach seinem Handy, um nach der Uhrzeit zu schauen. Sein Sperrbildschirm war gefüllt von Nachrichten:
Du wurdest in einer Nachricht markiert.
Dein Beitrag wurde geteilt.
Du wurdest in einem Beitrag erwähnt.
Du wurdest in einem Kommentar erwähnt.
Du hast 423 neue „Gefällt mir“-Angaben.
423 „Gefällt-mir“-Angaben??? Wie lange hatte er geschlafen?
Er öffnete seinen Account. Sein letzter Post war geteilt, kommentiert und mit ganz vielen Herzen versehen worden. Innerhalb von nur etwas mehr als einer Stunde. Und dort: Ein weiteres Bild eines anderen Users, ebenfalls mit seinem Hashtag #NachrichtamBaum. Auch dort war eine weiße Karte zu sehen, ebenfalls beschriftet:
Wieder frei. Endlich. Oder zu früh?
Weg und doch noch da …
WAS IST RICHTIG???
Dominik nahm seine Karte in die Hand und verglich sie mit dem Foto. Es schien die gleiche Handschrift zu sein. Sollte die #NachrichtamBaum etwa von der gleichen Person stammen? Gab es vielleicht noch mehr Nachrichten?
Ja, ganz offensichtlich, denn gerade vermeldete sein Handy den Eingang einer weiteren Nachricht. Es war wieder ein Foto einer weißen Karte, wieder mit einem Loch oben links in der Ecke und wieder mit einem handschriftlichen Eintrag, der dieses Mal allerdings nur aus zwei Zeilen bestand:
So viele und doch allein!
WAS STIMMT NICHT MIT MIR???
Worauf war er da gestoßen? An wen waren die Nachrichten gerichtet? Und von wem stammten sie?
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Jetzt hatte sich sogar ein Reporter des ortsansässigen Käseblattes bei ihm gemeldet und um ein Gespräch gebeten. Dominik sah zu dem leeren Stuhl hinüber, auf dem sein Interviewer noch vor kurzem gesessen hatte. Was hatte er alles wissen wollen!
Ob er die Person kannte oder zumindest eine Vermutung hätte, wer es sei. – Nein, leider nicht.
Ob es ein großer Fake sei, eine Promotion irgendeines Produkts. – Wofür denn???
Ob es ein Hilfeschrei sei. – Könnte sein.
Ob er die Person jemals finden würde. – Wenn er das mal wüsste …
Schließlich war der Reporter mitsamt seinem Diktiergerät wieder verschwunden und hatte ihn allein in der Bäckerei zurückgelassen. Er hatte enttäuscht gewirkt, als hätte er sich mehr von dem Interview versprochen. Eine Liebesgeschichte. Oder eine Story über Helden des Alltags. Doch das konnte Dominik ihm nicht liefern. Oder hätte er sich etwas ausdenken sollen?
Er schüttelte den Kopf und trank den letzten Schluck seines inzwischen kalt gewordenen Kaffees, schob den Stuhl zurück, schlüpfte in seine Jacke und wickelte sich den Schal um den Hals. In der Tür nickte er seinem Freund Matthias, dem die Bäckerei mit kleiner Caféecke gehörte, zum Abschied zu.
Vor der Tür blieb er stehen. Er könnte ja noch einmal beim Baum vorbeischauen. An der Kastanie, die auf dem Hof der Bäckerei stand, hing ein Briefkasten, den er mit Matthias zusammen angebracht hatte. Matthias hatte die Idee gehabt, als #NachrichtamBaum immer beliebter geworden war. Seitdem waren viele Zettel mit Fragen, Anregungen, Nöten, aber auch guten Zusprüchen in dem Kasten gelandet, der für jedermann zugänglich war, zum Einwerfen aber auch zum Beantworten. Völlig fremde Menschen sprachen sich Mut zu, fanden einen Ansprechpartner oder hatten einfach nur das Gefühl, dass ihre Sorgen Gehör fanden. Es war aber keineswegs so, dass nur traurige Botschaften geteilt wurden. Dominik lächelte, als er an den Bericht eines Vaters dachte, der von der Freude seines kleinen Kindes berichtete, als dieses zum ersten Mal Schnee gesehen hatte. Kein Thema, das noch nicht vorgekommen wäre. Hier in dem Kasten ihrer kleinen Stadt, aber auch weiterhin online unter #NachrichtamBaum. Sein Hashtag hatte sich zum Austausch der eigenen Gedanken entwickelt.
Dominik griff nach dem Schloss und zuckte zurück. Das Metall war ja noch kälter als beim letzten Mal. Und bewegen ließ sich der Verschluss auch nicht. Seufzend hauchte er dagegen, probierte, hauchte weiter. Wie oft hatte er früher, als er noch regelmäßig Fahrrad gefahren war, sein Schloss genauso behandeln müssen, damit sich der Schlüssel wieder ins Schloss stecken ließ? Und hier war noch nicht einmal ein Schlüssel notwendig. Schließlich sollte es die Möglichkeit des Austausches für alle geben. Matthias hatte wegen der Romantik ein altes Kofferschloss daran befestigt.
„Ist doch schöner als nur ein Haken, damit die Tür nicht vom Wind aufgeht“, hatte er gesagt. Jetzt ging sie gar nicht auf. Auch nicht besonders romantisch. Zum Glück gab es wenigstens den Briefschlitz oben, wie bei einem normalen Briefkasten.
Dominik hauchte weiter. Endlich sprang das Schloss auf. Er öffnete die Tür und zog einen Haufen heraus: Karten, zusammengefaltete Zettel und einen gelben Briefumschlag. Dominik sah darauf und sog die Luft ein. Das war die Schrift. Die Schrift der ersten Karte. Für Dominik - #NachrichtamBaum stand darauf.
Würde er endlich Antworten bekommen? Er stieß die Luft aus und wog den Brief in der Hand. Er fühlte sich schwer an. Würde er endlich erfahren, wer der Absender der Karten war?
Er hatte sich immer eine Frau vorgestellt, die mit großen traurigen Augen an einem Schreibtisch am Fenster saß, allein in einer Dachwohnung vielleicht. Der beim Schreiben immer wieder eine Haarsträhne ins Gesicht fiel, die sie sich zurückstrich, um dann bewusst und langsam weiterzuschreiben.
Dieser Kontrast aus verzweifelten Fragen und der unglaublich ordentlichen Schrift hatte ihn seit Beginn fasziniert. Sollte er jetzt endlich erfahren, ob die Wirklichkeit mit seiner Fantasie übereinstimmte? Wollte er es überhaupt wissen?
Doch, definitiv. Aber nicht hier. Er würde sich Zeit nehmen, so wie der Schreiber sich Zeit ließ für das Beschriften der Karten. Er würde den Brief lesen. Irgendwann. In Ruhe. Was wohl darinnen stand?

4. Dezember: Barbarazweige (K)
„Ich hab` noch einen Zapfen gefunden! Und noch einen!“ Merle trug ihre Schätze zu ihrer Mutter.
„Oh, die Kiefernzapfen sind aber gut geeignet!“, stellte Mama begeistert fest. „Siehst du, die sind so schön offen.“
„Da kann ich ganz viele Pompons reinkleben. Noch viel mehr als neulich in der Kita.“
„Genau“, lächelte Mama. „Und guck mal, was ich grad entdeckt habe!“ Mama holte mehrere große Eicheln mit Hut aus ihrem Korb. „Darauf könntest du Gesichter malen, und wir könnten noch einen Bart ankleben.“
„Ja, das mache ich! Unser Weihnachtsbaum wird toll aussehen!“, strahlte Merle und gab ihrer Mutter die Zapfen. Im nächsten Moment sprang sie schon wieder ins Unterholz davon.
Mama bückte sich und legte die gesammelten Schätze in den Korb. Dabei verhakte sie sich mit der Mütze in einem Baum. „Mist, ich hänge fest“, seufzte sie.
Merle drehte sich um und rannte zurück. „Warte, ich helfe dir!“ Sie half Mama, ihren Kopf von der Mütze zu befreien, so dass sie sich wieder aufrichten konnte. Die Mütze baumelte weiter am Zweig.
„Mütze am Stiel“, lachte Merle. „Sieht lustig aus.“
Mama stimmte mit ein. „Da hast du recht.“ Sie rieb sich die Ohren. „Aber auf Dauer könnte es etwas kalt werden.“ Es hatte noch nicht geschneit, kalt genug wäre es allerdings dafür.
Vorsichtig versuchte Mama, die Mütze von dem Ast zu lösen. Dabei brach der Zweig ab. Nachdenklich blickte sie auf die beiden Gegenstände in ihrer Hand.
„Das erinnert mich an etwas, das wir als Kinder gemacht haben.“
„Echt? Bitte erzähl, bitte!“
Merle kuschelte sich an Mamas Bein. Mama sah sich um, ging zu einem großen Baumstumpf und setzte sich. Merle kletterte auf ihren Schoß.
„Als ich ein Kind war, bin ich mit deiner Oma und Tante Theresa immer am 4. Dezember in den Garten gegangen. Wir haben eine Gartenschere mitgenommen und haben ein paar Zweige vom Kirschbaum abgeschnitten. Über Nacht haben wir die Zweige manchmal zuerst noch einmal den Tiefkühler gelegt, wenn es vorher noch nicht gefroren hatte.“
Merle lachte. „Zweige im Tiefkühler! Das klingt lustig!“
„Das wäre mal eine ganz neue Eissorte: Rindengeschmack!“, lachte Mama. Dann wurde sie wieder ernst und wanderte in Gedanken in die Vergangenheit zurück. „Am nächsten Tag haben wir dann die Enden weichgeklopft und die Zweige in warmes Wasser gelegt. Sie sollten denken, es wäre schon Frühling. Dann haben wir sie in eine Vase gestellt. Wenn wir Glück hatten, haben sie an Weihnachten geblüht.“
„Oh, das sah bestimmt toll aus!“
„Ja, das tat es!“, nickte Mama. „Es ist ein Zeichen der Hoffnung. Mitten im Winter blühen Zweige. Es gibt dazu übrigens auch eine Geschichte von dem Mädchen Barbara, das in einen Turm eingesperrt wird. Auf dem Weg dorthin bleibt Barbara an einem Zweig hängen. Sie nimmt ihn mit, und er beginnt, in ihrem Turm zu blühen“, erinnert sich Mama. „Und deshalb nennt man die Zweige auch Barbarazweige. Das ist eine ganz alte Geschichte.“
„So alt wie die Bücher in deinem Koffer von früher?“, fragte Merle.
Mama schüttelte den Kopf. „Noch viel, viel älter. Aber wir haben damals noch etwas anderes gemacht.“
„Was denn?“ Merle kuschelte sich an ihre Mutter und schaute sie von unten aufmerksam an.
„Als Theresa und ich älter waren, hatte jede von uns ihren eigenen Strauß mit Zweigen. Daran haben wir Zettel mit Namen befestigt.“
„Was waren denn das für Namen?“
Mama lächelte. „Das waren die Namen von Jungs, die wir gut fanden. Und der Junge, dessen Zweig als erstes blühte, der hatte gewonnen.“
„War Papa auch mit dabei?“
„Nein“, sagte Mama wehmütig. „Papa habe ich erst viel später kennengelernt. Bei ihm brauchte ich keine Entscheidungshilfe.“
„Weißt du was?“ Merle nahm Mamas Hände und zog sie vor ihren Bauch. „Wir können das doch dieses Jahr wieder machen. Einen Zweig haben wir ja schon.“
„Das ist eine gute Idee“, stimmte Mama zu. „Wir können hier noch einen zweiten Birkenzweig nehmen. Und von unserem Apfelbaum können wir auch noch ein paar Zweige abschneiden.“
„Und dann hängen wir Zettel daran“, bestimmte Merle. „Dann sind wir vielleicht bald nicht mehr allein, und du musst nicht mehr so traurig sein.“
Mama lächelte und küsste ihre Tochter auf die Wange. „Du suchst die Zweige aus. Ein bisschen Hoffnung können wir immer gebrauchen.“

4. Dezember: Am Laternenpfahl (J&E)
Mir ist kalt. Schon seit einiger Zeit spüre ich meine Pfoten kaum noch. Ich habe sie abgeleckt, aber trotzdem haben sie nur leicht gekribbelt. Es wäre besser, wenn ich weiterhin stehen würde, doch ich habe keine Kraft mehr. Deshalb liege ich jetzt hier.
Ein Napf mit Futter steht neben mir. Doch wie könnte ich jetzt essen? Mein Brustkorb fühlt sich eng an, und mein Herz tut weh. An der Stelle, an der mein Halsband ist, brennt es. Ich habe versucht, mich loszureißen, aber das Halsband sitzt zu fest und die Leine ist neu. Und doch habe ich es immer und immer wieder versucht. Ich muss ihnen doch folgen. Es ist doch meine Familie.
Meine Decke riecht noch nach Madita. Ich konnte mich von ihr nicht verabschieden. Sie hat gleichmäßig geatmet, als wir angehalten haben und man mich aus dem Auto gehoben hat. Ich dachte, dass ich mich noch einmal erleichtern soll. Es war schließlich ein besonderer Tag. Die ganze Zeit über haben sie zu Hause Dinge hin- und hergetragen und in Koffer gepackt, Madita hat ihre Spielsachen genommen, und für mich hat sie die Decke bereitgelegt. Aber ich konnte mich nicht hinlegen. Ich hatte Angst, etwas zu verpassen. Immer wieder saß ich im Weg, bekam Tritte ab und wurde angemeckert. Trotzdem bin ich nicht von meinem Platz im Flur verschwunden. Es lag etwas Besonderes in der Luft …
Doch nach meinem kurzen Spaziergang hier sind wir nicht zum Auto zurückgegangen. Ich schnupperte noch an einem Laternenpfahl, als plötzlich meine Decke neben mir lag und Herrchen zwei Näpfe hinstellte. Er strich mir noch einmal kurz über den Kopf. Dann war ich allein und musste mit ansehen, wie das Auto losfuhr. Ohne mich. Meine Familie war weg.
Madita, du fehlst mir. Du hast mich zum Geburtstag bekommen. Ich sei dein schönstes Geschenk, hast du gesagt. Doch schon nach kurzer Zeit war ich nicht mehr so interessant, und du hast mich kaum noch beachtet. Trotzdem habe ich dich lieb und freue mich, wenn du aus der Schule kommst. Ich erkenne deine Schritte aus allen anderen im Treppenhaus heraus. Wenn sich die Aufzugtüren öffnen, springst du immer mit einem kleinen Hüpfer in den Flur und brauchst dann sieben Schritte bis zu unserer Wohnung. Bis dahin habe ich mich längst geschüttelt und schnaube unter der Tür durch.
Dann warst du mit einem Mal zu Hause und bist nicht mehr morgens zur Schule aufgebrochen. Überall waren Heimlichkeiten. Es lagen Dinge herum, die sonst nicht dort liegen. Und dann habt ihr plötzlich einen Baum ins Wohnzimmer getragen. Am nächsten Tag habt ihr alle zusammen davorgesessen und Geschenke ausgepackt. Mich hast du nur ein Mal kurz gestreichelt. Ansonsten hast du mich nicht beachtet. Anderes war viel interessanter.
Ich habe die Sätze gehört, aber ich habe sie nicht verstanden. „Was machen wir mit Theo? Onkel Dieter will ihn nicht, und Tante Bettina ist selber weg. Mitbringen dürfen wir ihn auch nicht.“ Was sollte das bedeuten?
Die Autos sausen in der Ferne vorbei. Es ist keine große Masse mehr. Inzwischen kann man sie einzeln hören. Dort hinten fahren sie langsamer und halten auch bei dem hell erleuchteten Haus an. Doch wenn sie später an mir vorbeifahren, sind sie fast schon wieder so schnell wie dort in der Ferne. Kein Auto bremst bei mir. Und nie ist das Motorengeräusch dabei, auf das ich warte.
Da wird ein Auto langsamer. Ist das vielleicht …? Nein, doch nicht. Es fehlt etwas. So ein Stottern … Trotzdem bleibt das Auto stehen. Die Lampen leuchten zu mir herüber. Ich muss die Augen schließen.
Eine Autotür wird geöffnet, jemand steigt aus und nähert sich mit leichten, schnellen Schritten. Es scheint eine Frau zu sein. Sie riecht fürsorglich, aber auch traurig und erschrocken. Ihre Stimme klingt nett, warm, freundlich. Sie spricht mit mir. Ich blinzele. Würde es sich lohnen, die Augen zu öffnen?
