Kitabı oku: «Der Islam», sayfa 3

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Dies zeigt sich auch an zwei weiteren Beispielen, die ich abschließend anführen möchte.

Das Kreuz als das christliche Symbol war Muslimen seit jeher suspekt. Sie haben es aber im 1. Jahrhundert ihrer Herrschaft toleriert, weil es eben kein ausschließlich christliches Symbol ist, sondern seit Jahrtausenden in den verschiedenen Kulturen die Verbindung vom Himmel (vertikale Linie) und Erde (horizontale Linie) kennzeichnet.

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Abb. 6 Vorderseite einer Münze Herodes des Großen: ­ΒΑΣΙΛΕΩΣ ΗΡΩΔΟΥ LΓ, (des) Königs Herodes 3. Jahr = 37 v. Chr. (Quelle)

Wie die muslimischen Araber die byzantinische Administration und Architektur übernahmen, so auch die Münzprägung. Im Laufe der Sechzigerjahre des 7. Jahrhunderts wurden Münzen erst mit arabischer Schrift versehen, christliche Symbole wie z. B. Kreuze etc. oft noch belassen. Zu meinen, die Münzen beweisen, dass die arabischen Eroberer deswegen Christen gewesen seien (V. Popp 2005: 16–123), ist eine Missinterpretation, auch wenn sie noch so gelehrt vorgetragen wird. Man müsste z. B. Herodes dem Großen (40–4 v. Chr.) unterstellen, dass er noch vor der Geburt Jesu ein Christ gewesen sei. Auf einer Anzahl seiner Münzprägungen (A. Kindler 1974: 29 f. Nr. 25–28) ist nämlich das „Christus­monogramm“ vorhanden (Abb. 6). Hier handelt es sich natürlich um eine Ligatur für das griechische Wort ΧΡΙΣΤΟΣ (Messias, der Gesalbte) als der sich Herodes der Große verstanden hatte.

Genau so abwegig wie das Schließen von frühislamischen Münzen, die noch immer christliche Symbole etc. zeigen, auf christliche ara­bische Eroberer, ist es, byzantinische Inschriften der arabischen Ära anzuführen, die mit einem Kreuz beginnen, wie z. B. die Inschrift Nr. 3 von ­Hammat Gader (Abb. 7).

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Abb. 7 Griechische Inschrift von Hammat. (Quelle)

Die neunzeilige griechische Inschrift lautet in Übersetzung:

„+ Zur Zeit des Abdallah Muawija, Fürst

der Gläubigen, wurde bewahrt und er-

neuert die Badeanlage der [Bewohner] hi-

er durch Abdallah, Sohn des Hašim,

des Gouverneurs, im Monat Dezember,

dem Fünften, am zweiten Tag, [der] sechsten Ind[iktion],

im Jahre der Kolonie 726, nach den Arabern

das 42. Jahr, zur Heilung der Kran-

ken, unter dem Eifer des Johannes, (des) M[etropoliten] von Gadara.“

(K. Jaroš 2001: Nr. 299; vgl. J. Green/Y. Tzafrir 1982: 94–96; I. Hasson 1982: 97–101; J. Blau 1982: 102)

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Die Renovierung der Badeanlage bzw. deren Vollendung ist dreifach datiert, was der Zeit von 662–664 n. Chr. entspricht. Die Inschrift nennt den regierenden Kalifen Muawija (661–680 n. Chr.), den zuständigen arabischen Gouverneur Abdallah und den Metropoliten, der offensichtlich aus Gadara stammte (Sitz des Metropoliten war Skythopolis). Die Abkürzung „M“ deutet eher auf den Metropoliten (Erzbischof) mit Namen Johannes als auf einen Beamten (griechisch: Μ[αγιστριανοῦ]); denn die byzantinisch-kirchliche Struktur hat sich unter der muslimischen Herrschaft am zähesten gehalten. Obwohl unter der Herrschaft der Muslimen, zeigt der Beginn der Inschrift das Kreuz. Der griechische Diphthong ου ist mit dem Schlingenzeichen geschrieben, wie es bei kaiser­lichen Inschriften seit Jahrhunderten üblich war. Der Steinmetz, der diese Inschrift geschaffen hatte, musste daher ein Christ der byzantinischen Tradition gewesen sein, der problemlos christliche Zeichen (Kreuz und Schlingenzeichen) verwenden konnte.

3 Das Leben des Propheten

Als das historisch wahrscheinlichste Datum der Geburt des Propheten kann der März 569 n. Chr. gelten (T. Nagel 2008: 99). Ibn Ishaq 5 (Ed. G. Rotter 42008: 30) schreibt: „Der Prophet wurde am Montag, dem 17. des Monats Rabīʿ I. im Jahr des Elefanten geboren.“ Das entspricht dem 20. April des Jahres 570 n. Chr. Diese kleine Diskrepanz zwischen beiden Daten ist dadurch zu erklären, dass die islamische Überlieferung die Geburt des Propheten in dieses bedeutsame Jahr 570 n. Chr. verlegte, in dem die äthiopische christliche Invasion vor Mekka scheiterte. Der Legende nach soll der Elefant des Kommandanten vor der Grenze Mekkas niedergekniet sein. Zudem soll eine Seuche im christlichen Heer ausgebrochen sein, so dass der Feldzug abgebrochen werden musste. Aus der Rückschau auf das Jahr 570 ergab sich, dass durch das äthiopische Scheitern der Weg des Islam für Arabien gesichert war. Es war daher naheliegend, die Geburt des Propheten mit diesem Ereignis zu verknüpfen.

Der Geburtsort war wahrscheinlich nicht Mekka, sondern am ehesten Usfan, ca. zwei Tagreisen nordwestlich von Mekka (T. Nagel 2008: 99).

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Der Stammbaum ­Mohammeds wird über seinen Vater Abdallah bis Adam, den ersten Menschen, zurückgeführt, 49 Geschlechter (Ibn Ishaq I; Ed. G. Rotter 42008: 25). Von Abraham bis Adam sind die Namen aus den Genealogien Gen 5; Gen 11,10–26; Gen 25,13; 1 Chr 1 übernommen. Ähnlich wie der Stammbaum Jesu nach Luk 3,23–38 über Joseph bis Adam reicht und schon nach zwei, drei Generationen ein theologisches Konstrukt ist: Wie Adam direkt von Gott kommt, so auch Jesus, ist ein solches ebenso die Genealogie ­Mohammeds, jedoch mit einer anderen theologischen Zielsetzung: ­Mohammed steht mit Abraham und seinem Sohn Ismael in der Reihe der Propheten und Gesandten Gottes, die mit Adam beginnt und mit ihm als dem Siegel der Propheten endet. Auch hier will nach den ersten beiden Generationen nicht Historie erzählt werden, sondern Heilsgeschichte.

Die Jugendzeit ­Mohammeds war nicht einfach. Sein Vater Abdallah aus der Sippe Haschim, die zum mächtigen Stamm der Quraisch von Mekka gehörte, starb noch vor seiner Geburt. Seine beiden ersten Lebensjahre verbrachte das Kind bei seiner Amme Halima. Als es sechs Jahre alt war, verstarb schon seine Mutter Amina. Sein Großvater Abd al-Muttalib nahm sich hierauf seiner an. Als dieser nach zwei Jahren verstarb, kam ­Mohammed zu seinem Onkel Abu Talib, der sich sein ganzes Leben liebevoll um ihn kümmerte. Abu Talib organisierte Karawanen nach Palästina und Syrien, an denen auch der heranwachsende ­Mohammed teilnehmen durfte und so gleichsam seinen Brotberuf erlernen konnte.

Schließlich ließ die vermutlich schon zweimal verwitwete, überaus begüterte Chadidscha um die Hand ­Mohammeds anhalten und heiratete ihn im Jahre 595 n. Chr. Trotz des erheblichen Altersunterschiedes von wohl über 10 Jahren wurde es eine überaus glückliche Ehe. Sie gebar ­Mohammed sechs Kinder: zwei Buben, die früh starben, und vier Mädchen, darunter Fatima, die Ehefrau seines Vetters Ali (eines Sohnes seines Onkels Abu Talib), des vierten Kalifen, wurde. Chadidscha war bis zu ihrem Tod im Jahre 619 n. Chr. die einzige Frau ­Mohammeds. Sie war die erste, die an seine prophetische Berufung und Sendung glaubte und gilt daher für die Muslime als die erste Gläubige.

In diesem ersten Lebensabschnitt bis zum Jahre 610 n. Chr. war ­Mohammed besonders ein Suchender und um die Wahrheit Ringender,

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der sich mit der herkömmlichen polytheistischen Religion nicht zufrieden gab. Das Christentum, wie er es auf seinen Karawanenzügen nach Palästina und Syrien kennenlernte, scheint ihn in dieser frühen Phase besonders angesprochen zu haben. Aber auch mit dem in Mekka weilenden christlichen Sklaven Dschabr stand ­Mohammed in engem Gedankenaustausch. Ebenso verhält es sich mit einem aus Ninive stammenden christlichen Sklaven namens Addad und einem äthiopischen christlichen Sklaven namens Bilal, der später einer seiner engsten Gefährten wurde.

Mit Juden scheint ­Mohammed vor der Hidschra 622 n. Chr. keinen solch intensiven Gedankenaustausch wie mit Christen gehabt zu haben. Sie treten erst später in Medina ins Blickfeld des Propheten.

Es ist zu fragen, ob ­Mohammed biblische Schriften, apokryphe und pseudepigraphische Literatur jüdischer wie christlicher ­Provenienz gekannt hatte. Außer seiner arabischen Muttersprache scheint er keine andere Sprache fließend beherrscht zu haben. Gesamtarabische Übersetzungen der Bibel und anderer christlicher wie jüdischer Literatur hat es zu dieser frühen Zeit noch nicht gegeben, wohl aber syrische, koptische und äthiopische. Nicht unwahrscheinlich ist aber, dass für die Liturgie arabische Teilübersetzungen der Bibel bereits vorhanden waren. ­Mohammed selber war wohl des Lesens und Schreibens kundig, auch wenn dies die islamische Tradition unter Berufung auf Sure 29,48 [3mkk] verneint: „Und du hast vordem (d. h. ehe dir der Koran eingegeben wurde) noch keine Schrift gelesen (oder: verlesen?) und auch keine (w. und sie auch nicht) mit deiner Rechten abgeschrieben. Sonst würden diejenigen, die (deine Verkündigung) für nichtig erklären, (über die Wahrhaftigkeit deiner Aussage erst recht) im Zweifel sein.“ Dieser Vers sagt jedoch nur, dass die Quelle ­Mohammeds nicht Bücher waren, sondern direkt Gott. Die Folgerung, dass er nicht lesen und schreiben konnte, scheint daher unbegründet zu sein. Die primäre Kenntnis der Bibel und der apokryphen wie pseudepigraphischen Literatur dürfte aber ­Mohammed über den Weg der mündlichen Überlieferung erhalten haben. Völlig auszuschließen sind jedoch Bücher nicht; denn selbst nach islamischer Tradition hat Waraqa b. Naufal, ein Vetter seiner Frau Chadidscha, Schriften der Christen nicht nur studiert, sondern auch ins Arabische übersetzt.

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An den Parakletstellen des Johannesevangeliums (Joh 14,16.26; Joh 15,26; Joh 16,7–15) lässt sich gut zeigen, dass ­Mohammed der griechische Text im Wortlaut bekannt gewesen sein wird; denn er bezieht diese Stellen, in denen Jesus den Parakleten verheißt, in einem Wortspiel auf sich. Wenn man das griechische Wort „Paraklet“ als „Periklytos“ liest, dann entspricht dies dem arabischen Namen „Ahmed“ (eine Form des Namens „­Mohammed“), zu Deutsch: Der „Hochverehrte, Hochgelobte“. Sure 61,6 [med] heißt es denn: „Und (damals) als Jesus, der Sohn der Maria, sagte: Ihr Kinder Israels! Ich bin von Gott zu euch gesandt, um zu bestätigen, was von der Thora vor mir da war (oder: was vor mir da war, nämlich die Thora), und einen Gesandten mit einem hochlöblichen Namen zu verkünden, der nach mir kommen wird.“ (vgl. den Kommentar von R. Paret 1993: 476). Wie der christliche Sektengründer Mani (216–274 n. Chr.) bezieht also auch ­Mohammed Jahrhunderte später diese Verheißung auf sich. Doch dies war erst in der medinensischen Zeit geschehen. Bis zum Jahre 610 n. Chr. hatte ­Mohammed keine Gewissheit über seine religiöse Sendung. Zögernd berichtete er ab diesem Zeitpunkt im engsten Familienkreis von seiner Berufung und den Offenbarungen (Sure 96 [1mkk] und 74 [1mkk]). Über die Tatsache, dass ab 610 n. Chr. die Offenbarungen in einer Art Traumvisionen in einer Höhle am Berg Hira, also in der Einsamkeit der Wüste, an ihn ergingen, ist kaum zu zweifeln. Ferner ist auch nicht daran zu zweifeln, dass er sich zuerst gegen seine Berufung wehrte – wie alle Propheten auch vor ihm–, dass er zuerst nur im engsten Familienkreis darüber sprach und erst dann in der Öffentlichkeit Mekkas, wobei er in Mekka auf totale Ablehnung stieß. In seinen ersten Verkündigungen geht es um das Gericht Gottes (Sure 96,8 [1mkk]; 74,8–10 [1mkk]; 84,1–12 [1mkk]). Der Einfluss der jüdisch-christlichen Tradition ist hier greifbar.

Er erntet jedoch nur Spott. Sure 69 [1mkk] ist ein Spiegelbild dieser frühen Auseinandersetzung. Der Anfang der Sure beschreibt das Letzte Gericht; darauf folgt die Antwort ­Mohammeds auf den Spott der Mekkaner. Er wirft ihnen vor, den Armen nichts zu essen zu geben (V 34) und nennt sie „Ungläubige“, weil sie ihn einen Dichter und Wahrsager nennen und somit die Offenbarung für Lüge erklären (Vv 41–49). Das spöttische Unverständnis, auf das ­Mohammed stößt, hat auch darin seinen Grund, dass der arabischen Tradition eine Auferstehung der Toten

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und ein Letztes Gericht nicht bekannt waren. So sprechen denn auch die Mekkaner in Sure 79,10–12 [1mkk]: „… Sollen wir etwa auf der Stelle(?) (wieder ins Leben) zurückgebracht werden (oder: Sollen wir etwa in den früheren Zustand(?) zurückgebracht werden; oder: Sollen wir, (die wir) in der Erde Schoß (liegen) (?) (wieder ins Leben) zurückgebracht werden (?) (Soll das etwa geschehen) nachdem (w. wenn) wir (zu) morsche(n) Knochen (geworden) sind? Sie sagen: Das wäre eine Umkehr, die (uns nur) Schaden bringen würde.“

Die Gegnerschaft wird laufend schärfer, da sie ­Mohammed „einen Betrüger“ nennen, der „nichts als Schwindel im Sinne hat“ (Sure 25,4 [2mkk]) und einen „Besessenen“ (Sure 15,6 [2mkk]). Die Auseinandersetzung steigert sich ins Bedrohliche: Der mächtige Stamm der ­Quraischiten vereinigt sich zu einem Bündnis gegen ­Mohammed und seine Sippe und gegen jene, die die Offenbarung glauben.

In dieser äußerst gespannten Situation, die nach dem Tod seiner Frau Chadidscha im Jahre 619 n. Chr. noch unerträglicher wurde, erwartet sich ­Mohammed von christlicher Seite Hilfe. Als die persischen Sassaniden im Jahre 614 n. Chr. dem byzantinischen Reich eine empfindliche Niederlage zugefügt haben, galt seine Sympathie voll den Christen: „Die Byzantiner sind besiegt worden im nächstliegenden Gebiet (d. h. in Syrien und Palästina, dem unmittelbar an Arabien angrenzenden Kulturland. Aber sie werden, nachdem sie besiegt worden sind, (ihrerseits) siegen, in etlichen Jahren. Gott steht die Entscheidung zu. (So war es) von jeher und (so wird es auch) künftig (immer sein) (w. vorher und nachher). An jenem Tag (wenn den Byzantinern der Sieg zufällt) werden die Gläubigen sich darüber freuen, daß Gott geholfen hat. Er hilft, wem er will: und er ist der Mächtige und Barmherzige.“ (Sure 30,2–5 [3mkk]) In einem sechs Jahre dauernden Kampf ist es schließlich dem byzantinischen Kaiser Heraklios gelungen, die Sassaniden zum Frieden zu zwingen.

Sehr positiv ist auch in Sure 57,26–27 [med] von den Christen die Rede und Sure 5,82 [med] heißt es: „… und du wirst sicher finden, daß diejenigen, die den Gläubigen (sc. den Muslimen) am nächsten stehen, die sind, welche sagen: Wir sind Nasara (sc. Christen). …“ Beide Suren zeigen, dass ­Mohammed selbst gegen Ende der medinensischen Zeit sein positives Urteil über die Christen nicht revidiert hatte.

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Die unerträgliche und lebensbedrohende Lage für ihn und seine Anhänger in Mekka ließen ihn daher seinen Blick auf ein christliches Land richten: auf Äthiopien. Er schickte drei Gesandtschaften nach Äthiopien, um die Übersiedlung seiner Gemeinde vorzubereiten. Es ist plausibel, dass die Mekkaner versuchten, diesen Plan zu vereiteln. Sie schickten eine Gesandtschaft zum Negus, die die Auslieferung der Muslime verlangte. Die Rezitation der Sure 19 [2mkk] „Marjam“, (benannt nach Maria, der Mutter Jesu) die die Geburtsgeschichte Jesu zum Inhalt hat, vor dem Negus durch die Muslime, bewirkte jedoch, dass der Negus die mekkanische Intervention ablehnte und die Muslime unter seinen Schutz stellte. Warum letztlich die vollständige Übersiedlung ­Mohammeds mit seiner Gemeinde nach Äthiopien scheiterte, entzieht sich unserer Kenntnis. Die Überlieferung spricht nur von einem einzelnen Muslim, der als Christ in Äthiopien geblieben ist.

­Mohammed nahm nun mit der Stadt Taif, südöstlich von Mekka, Verhandlungen wegen einer Übersiedlung auf. Aber auch dieses Unterfangen scheiterte.

Schließlich gelang es, mit der Stadt Jathrib zu einem Ergebnis zu kommen. Wesentlich dafür waren sechs Einwohner von Jathrib, die ­Mohammed in Mekka predigen hörten, Muslime wurden und darauf in ihrer Heimatstadt mit großer Begeisterung von ihrem Glauben sprachen. ­Mohammed konnte daher im Jahre 622 n. Chr. die Übersiedlung seiner Gemeinde und seine eigene nach Jathrib in Angriff nehmen. Es ist das Jahr der Hidschra, ab dem die Muslime in Zukunft ihre Zeit zählen werden. „Hidschra“ heißt mehr als einfach „Flucht“. Der Ausdruck markiert „das Ende der Beziehungen“ (zu Mekka). Der Name Jathrib ist im Laufe der Zeit durch „Medinat an-Nabi“ (die Stadt des Propheten) oder einfach durch „Medina“ ersetzt worden.

Die politische Lage in Jathrib war von der in Mekka grundlegend verschieden. Die arabischen Stämme Aus und Chazradsch waren seit Jahren verfeindet und zogen auch die ansässigen jüdischen Stämme in diese Fehden mit hinein. Die jüdischen Stämme Banu Quraiza und Banu en-Nadir waren Verbündete der Aus, die Banu Qainuqa solche der Chazradsch. Durch die Präsenz dreier jüdischer Stämme ist zu folgern, dass die arabischen Einwohner der Stadt mit der jüdischen Religion,

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Sitten und Gebräuchen zumindest global vertraut waren. Vieles, was ­Mohammed lehrte, voran der Monotheismus, nicht nur in seiner alt­arabischen, sondern auch in seiner biblisch-jüdischen Ausprägung, war ihnen daher kaum fremd.

Zermürbt durch die jahrelangen blutigen Fehden sah die Bevölkerung der Stadt in ­Mohammed und seiner Lehre eine Chance für einen Neubeginn.

Obwohl diese Situation und auch die Erwartung an ­Mohammed schwierig und anspruchsvoll waren, war er erfolgreich. Die Araber wurden bis auf eine kleine Schar Zauderer Muslime. Die wohlhabende und einflussreiche jüdische Bevölkerung – man schätzt ihre Zahl auf etwa 10.000 – (J. Bouman 1990: 59) blieb abwartend. Etwa zwei Jahre bemühte sich ­Mohammed, die einflussreichen Juden zu gewinnen; denn er war in dieser Phase seines Lebens der Überzeugung, dass seine Botschaft mit der der Juden wie auch der Christen identisch sei und seine prophetische Sendung darin bestünde, Thora und Evangelium den Arabern zu verkünden. So sagt denn schon Sure 41,13 [3mkk]: „Zu dir wird (von Gott) nichts anderes gesagt, als was zu den Gesandten vor dir gesagt worden ist …“

Die erste Annäherung an die Juden Medinas erfolgte, indem der Prophet jüdische Bräuche für die Muslime vorschrieb wie Morgen-, Mittag- und Abendgebet (Sure 17,78 [2mkk]). Ferner legte er die Gebetsrichtung („qibla“) entsprechend den jüdischen Bräuchen in Richtung Jerusalem (1 Kön 8,44) fest. Diese Verfügung geht bereits auf die Gewohnheit des Propheten in Mekka zurück. Die Heiligung des Sabbat, der am Abend des Freitag beginnt, hat ­Mohammed den Muslimen von Jathrib ebenso schon von Mekka aus empfohlen. In Jathrib bestimmte er dann den Freitag, der für die Juden als Rüsttag, als Vorbereitungstag für den ­Sabbat gilt, als Festtag.

Der höchste jüdische Feiertag ist der Versöhnungstag (Jom Kippur), in dessen Mittelpunkt strenges Fasten und langes Gebet steht. Er wird am 10. Tischri begangen und beschließt die zehntätige Fastenzeit, die mit Neujahr (Rosch ha-Schana) am 1. Tischri beginnt. Die Juden Medinas nannten den Versöhnungstag noch nach Lev 16,29 „den zehnten Tag“ (nach Neujahr). Dieses Fasten übernahm ­Mohammed (Sure 2,183 [med], ohne sich auf den jüdisch-geschichtlichen Hintergrund zurück zu beziehen

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(Lev 16,29–31; Lev 23,26–32), aber in einem universal religiösen Sinn, durch Fasten die Vergebung der Sünden, die Demut vor Gott und die Hingabe an Gott zu erlangen.

Durch die freundlichen Gesten ­Mohammeds gegenüber den Juden, manche ihrer religiösen Sitten zu übernehmen, konnten aber die wirklichen Probleme nicht gelöst werden, zumal zu erwarten war, dass die mächtigen Handelsherrn von Mekka kriegerisch gegen Jathrib vorgehen werden – und die Juden von Jathrib waren nicht die Verbündeten des Propheten. In dieser Zwangslage erließ ­Mohammed eine Art Edikt (A. Guillaume 1955: 231 ff.), um den Muslimen die Hilfe von Nichtmuslimen zu sichern: Juden, die den Propheten und seine Anhänger unterstützen, können auf deren Hilfe zählen. Sie tragen wie die Muslime die Kosten des Krieges und sind zur Abgabe der Steuern verpflichtet. Artikel 25 hält ausdrücklich fest, dass die Juden ihre Religion behalten dürfen. Bei Streitereien über die Auslegung des Edikts sind Gott und ­Mohammed die letzten Instanzen.

Im 2. Jahr der Hidschra beschloss ­Mohammed den Überfall einer aus Syrien kommenden Karawane. Der Plan wurde jedoch an Mekka verraten. Die Mekkaner reagierten prompt und schickten eine weit stärkere Truppe als die ­Mohammeds gegen Jathrib. In der Schlacht bei Badr siegte jedoch ­Mohammed. Dieser Sieg war entscheidend, dass ­Mohammed nun den Juden gegenüber eine härtere Gangart einschlug (Sure 3,12–13 [med]), da für ihn die Vermutung nahe lag, dass Juden des Stammes der Banu Qainuqa seinen Plan an Mekka verraten hätten. Er forderte daher diesen Stamm auf, den Islam anzunehmen. Als sie ablehnten, belagerte er ihre Häuser, bis sie sich schließlich nach 14 Tagen ergaben. Die beiden anderen jüdischen Stämme sind den Banu Qainuqa nicht zu Hilfe gekommen. ­Mohammed verbannte den Stamm aus Jathrib und er musste nach Syrien auswandern.

Nach der Schlacht bei Badr nahmen auch beduinische Stämme den Islam an und die Handelsrouten wurden für die mekkanischen Kaufleute immer unsicherer.

Die in Jathrib verbliebenen zwei jüdischen Stämme versuchten, sich neutral zu verhalten, aber sie standen zwischen den Interessen ­Mohammeds und denen Mekkas. ­Mohammed war auf ihren Reichtum angewiesen, „aber sie brauchten den Islam nicht.“ (J. Bouman 1990: 76).

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Im 3. Jahr der Hidschra zogen die Mekkaner 3.000 Krieger zusammen, um die Handelsrouten zu sichern und ­Mohammed empfindlich zu treffen. In der Schlacht am Berg Uhud wurden die Getreuen des Propheten schwer bedrängt und mussten eine Niederlage hinnehmen. ­Mohammed selber wurde in dieser Schlacht verletzt. In Sure 3,138–145 [med] wurde diese Niederlage verarbeitet. Das Ansehen des Propheten war schwer angeschlagen und einige Beduinenstämme kündigten ihm das Bündnis.

Jetzt nahm sich ­Mohammed den jüdischen Stamm Banu an-Nadir vor, da er nach wie vor ungeschmälert Handelsbeziehungen mit Mekka aufrecht hielt. Ein möglicher Anschlag auf das Leben des Propheten war dann ausschlaggebend, dass dem Stamm folgendes Ultimatum gestellt wurde: Sie müssen innerhalb von 10 Tagen Jathrib verlassen, bleiben aber Eigentümer ihrer Dattelpalmplantagen, von denen sie einen Teil des Ertrages behalten dürfen. Der Stamm ging auf dieses Ultimatum nicht ein. ­Mohammed ließ daraufhin seine Plantagen roden und belagerte die Angehörigen des Stammes in ihren Häusern. Nachdem sie sich ergeben hatten, wurden ihre restlichen Güter beschlagnahmt und sie aus Jathrib verwiesen. Jeder durfte nur so viel mitnehmen als ein Kamel tragen konnte. Die Banu an-Nadir verließen mit 600 Kamelen Jathrib und siedelten sich teils in der Oase Chaibar und teils in Syrien an. In Sure 59 [med] wird das Geschehen verarbeitet.

Dieser Erfolg über die Banu an-Nadir gab ­Mohammed offenbar wieder sein Selbstvertrauen zurück und er führte weitere Überfälle auf die Karawanen der Quraischiten durch. Im 5. Jahr der Hidschra belagerten daraufhin die Mekkaner Jathrib mit einem Heer von ca. 10.000 Mann. Es gelang ihnen jedoch nicht die Einnahme der Stadt. Sie konnten daher keinen Erfolg verbuchen.

Obwohl der letzte jüdische Stamm Quraiza bei der Belagerung auf Seiten ­Mohammeds gestanden war, erklärte er ihm den Krieg, da er sich betrogen fühlte (Vgl. A. Bouman 1990: 83). Es ist heute angesichts der Quellenlage nicht mehr verifizierbar, ob ­Mohammeds Vermutung zutreffend war. Die Folgen für den letzten jüdischen Stamm von Jathrib waren jedenfalls verheerend. 600–900 Männer wurden enthauptet, Frauen und Kinder als Sklaven verkauft (vgl. dazu Sure 33,25–27 [med]). Es muss jedenfalls angesichts dieses Massakers klar gesagt werden, dass es durch

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nichts zu rechtfertigen ist. Man sieht auch, wie schwer sich selbst die islamische Überlieferung damit getan hat (A. Bouman 1990: 83 f.). Das Vorgehen gegen die jüdischen Stämme, vor allem das blutige gegen den Stamm Quraiza ist nur „verstehbar“ im Kontext des altorientalischen und teils auch alttestamentlichen Kriegsrechtes, das die vollständige Liquidierung der Feinde als Ziel vorgesehen hatte. Man findet dieses archaische Verständnis nicht nur in der Frühgeschichte Israels, wie z. B. die Bücher Richter und 1 Samuel oder das brutale Vorgehen des Propheten Elija gegen die Baalspriester (1 Kön 18,20–40) zeigen, sondern auch in der späteren deuteronomistischen Theologie, die die Vernichtung und Ausrottung der fremden Völker propagierte (Dtn 7,2–6.16.24–26; Dtn 12,5). Mit diesem Hinweis soll das Verhalten ­Mohammeds nicht entschuldigt werden, sondern nur gesagt werden, dass er in diesem Punkt völlig in den Kategorien des Alten Orients und des Alten Testaments dachte, also ganz und gar ein Kind seiner Zeit war. Er selbst wird das Vorgehen als Notwehr verstehen.

Die Trennung vom Judentum, die in diesem Massaker ihren grausamen Höhepunkt erreicht hat, verarbeitet Sure 3,67 [med] „theologisch“ und schließt auch die Christen ein: „Abraham war weder Jude noch Christ, sondern er war ein Muslim und gehörte nicht zu den Götzendienern.“

Von jetzt an konzentriert ­Mohammed sein Interesse wieder völlig auf die Kaaba, als deren Erbauer ja Abraham in seinem Verständnis gilt, als das eigentliche religiöse Zentrum der neuen Religion. Schon im 2. Jahr der Hidschra hatte ­Mohammed offenbar erkannt, dass er die Juden nicht für sich gewinnen konnte und er änderte die Gebetsrichtung von Jerusalem weg hin zur Kaaba. Er teilte zwar den strengen jüdischen Monotheismus, wollte jedoch die Offenbarung der Hebräischen Bibel im koranischen Sinn herstellen; ein für Juden nicht vollziehbarer Gedanke, da die Offenbarung seit Jahrhunderten bereits als abgeschlossen gegolten hat. Die Juden konnten ­Mohammed auch nicht in der Kategorie des Messias sehen, da er Araber und nicht Jude war. Sie konnten daher ­Mohammed von ihren religiösen Voraussetzungen her weder als Propheten im ­biblischen Sinn noch als Messias sehen. Die Enttäuschung über die Juden gipfelt z. B. in Sure 9,30 [med], wo ihnen unterstellt wird, Uzair (Esra) zum „göttlichen Sohn Gottes“ zu machen. Es ist der Vorwurf, dass die Juden Polytheisten

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seien, die dem einen Gott einen Sohn beigesellen. Es ist unbekannt, woher ­Mohammed diesen Vorwurf genommen hat. Möglich wäre, dass ihn Rabbinen im Streitgespräch in seiner Kenntnis der Hebräischen Bibel testen wollten und er daraus einen solchen Vorwurf konstruieren konnte.

Im 6. Jahr der Hidschra verhandelte ­Mohammed mit den Mekkanern bezüglich der Pilgerfahrt. Diese lehnten jedoch ab. Enttäuscht über diese Ablehnung, führte ­Mohammed einen weiteren Schlag gegen Juden der Oase Chaibar. Da sie sich ihm ergaben, durften sie die Oase weiter bewirtschaften, mussten jedoch die Hälfte der Erträge abliefern. Kultfreiheit wurde ihnen zugestanden. Ihre Frauen wurden jedoch an die Muslime verteilt. Das Oberhaupt der jüdischen Gemeinde und dessen Bruder ließ ­Mohammed hinrichten.

Im 7. Jahr der Hidschra war es soweit, dass ­Mohammed die Wallfahrt nach Mekka antreten konnte. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war ihm klar geworden, dass der Islam nicht nur den Arabern, sondern allen Menschen verkündet werden müsse. In diesem Sinn schickte er Botschaften an den Kaiser von Byzanz und an den persischen König. Christ­liche Beduinen­stämme, die im Sold von Byzanz standen und die Grenze bewachten, fingen jedoch die Boten ab und ermordeten sie. Auch eine weitere Gesandtschaft wurde bei Muta, östlich des Toten Meeres, abgefangen und ermordet. Im arabischen Raum gewann ­Mohammed aber immer mehr die Oberhand, da laufend Beduinenstämme den Islam annahmen und damit den Propheten auch als politische Autorität akzeptierten.

Im 8. Jahr der Hidschra, also 630 n. Chr., stand ­Mohammed mit einem gewaltigen Heer vor Mekka, was die Quraischiten zur Einsicht brachte, dass eine Verteidigung der Stadt sinnlos sei. Fast ohne Blutvergießen wurde nun ­Mohammed der Herr von Mekka und ließ Milde walten. Er reinigte die Kaaba von allen Götzenbildern und traf die bis heute gültige Verfügung, dass nur Muslime die Wallfahrt machen durften.

Noch im selben Jahr machte sich ­Mohammed mit einem Heer gegen Norden auf, um die Ermordeten Botschafter von Muta zu rächen. In Tebuk musste er jedoch dieses Unternehmen abbrechen, ohne die byzantinische Grenze erreicht zu haben.

Im Jahre 632 n. Chr. unternahm ­Mohammed noch einmal die Wallfahrt nach Mekka. Dabei wurden im Wesentlichen die Riten festgelegt,

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die bis heute gültig sind. Wenngleich erst die spätere Tradition das Vermächtnisartige dieser seiner letzten Wallfahrt betonte, so mag er vielleicht auch persönlich zutiefst empfunden haben, dass sich seine Zeit dem Ende zuneigt. Er bereitete von Medina aus nochmals einen Feldzug gegen Norden vor, um die Ermordeten von Muta zu rächen. Aber eine schwere Fieberkrankheit legte sich auf ihn, so dass er schließlich am 8. Juni 632, sein Haupt in den Schoß seiner jungen Frau Aischa gebettet, verstarb.

­Mohammed hinterließ nach seinem Tod neun Frauen als Witwen. Es wurde bereits gesagt, dass ­Mohammed nach der koranischen Offenbarung mehr Frauen als den anderen Muslimen zugestanden wurden. Der europäische Christ, der von diesen vielen Ehefrauen nach Chadidscha hört, ist zumindest überrascht. Es sei deshalb darauf verwiesen, dass die polygame Lebensform im Alten Orient selbstverständlich war und auch für zahlreiche bedeutende Personen der Hebräischen Bibel bezeugt wird. Die klassische islamische Theologie hat die Polygamie immer besser angesehen als die Monogamie, weil dadurch die volle Ausnutzung der Zeugungskraft gewährleistet wird. Die Zeugungskraft gilt als ein Wunder der göttlichen Allmacht. Die Überlieferung weiß sogar übertreibend zu berichten, dass ­Mohammed die vierzigfache Zeugungskraft eines Mannes besaß. Seine Lieblingsfrau Aischa sagte z. B., dass der Prophet drei Dinge besonders liebte: seine Ehefrauen, Speisen und Wohlgerüche.

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