Kitabı oku: «Der Islam»

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Karl Jaroš
Der Islam
Eine Einführung
BÖHLAU VERLAG WIEN KÖLN WEIMAR · 2012
Karl Jaroš ist Alttestamentler und Professor am Institut für Orientalistik der Universität Wien.
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:
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Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart
Satz: synpannier. Gestaltung & Wissenschaftskommunikation, Bielefeld
Druck und Bindung: AALEXX Buchproduktion GmbH, Großburgwedel
Gedruckt auf chlor- und säurefreiem Papier
Printed in Germany
UTB-Band-Nr. 3728 | ISBN 978-3-8252-3728-8
Inhaltsverzeichnis
Cover
Impressum
Vorwort
I. Die historischen Grundlagen
1 Die Heimat des Islam
1.1 Vorislamische Kulturen
1.2 Vorislamische Religionen
2 Quellen zu Mohammeds Leben
3 Das Leben des Propheten
4 Die Frühzeit des Islam
5 Der Koran
5.1 Die ältesten inschriftlichen Zeugnisse des Koran
5.2 Einige Beispiele früher Handschriften
5.3 Zur Textgeschichte des Koran
5.4 Eine „neue“ Hypothese zur Entstehung des Koran?
II. Die Fundamente des Glaubens
1 Die legitime Pluralität der Religionen
2 Jüdischer, christlicher und muslimischer Monotheismus
3 Der Muslim vor Gott und vor der Gemeinde
3.1 Das Bekenntnis zu dem Einen Gott
3.2 Der betende Muslim vor Gott
3.3 Die Solidarität mit Armen und Bedürftigen
3.4 Das Fasten als Hingabe an Gott
3.5 Die Wallfahrt nach Mekka
III. Die entfaltete Glaubenslehre
1 Die spekulative Dogmatik
1.1 Gott und die Welt
1.2 Freiheit oder Vorherbestimmung?
1.3 Die Lehre von Gut und Böse
2 Die geoffenbarte Wahrheit
2.1 Die Propheten
2.2 Glaube und Unglaube
2.3 Die Sünde
2.4 Die menschliche Geistseele
2.5 Die Heiligen
2.6 Die Engel
2.7 Die Letzten Dinge
Anhang
Allgemeine Abkürzungen
Bibliographie
Abbildungsnachweis
Umschrift arabischer Buchstaben
Zeittafel
Glossar
Register
Suren
Bibelstellen
Personen-, Orts- und Sachregister
Rückumschlag
Vorwort
Vor einem Jahr ersuchte mich die Generalsekretärin der Katholischen Akademie der Erzdiözese Wien Frau Dr. Elisabeth Meier um ein Islamseminar für das Sommersemester 2011, da bei verschiedenen Veranstaltungen der Akademie Teilnehmer des Öfteren auf den Propheten Mohammed wie auf den Islam zu sprechen kamen, wobei so manche Frage sehr kontrovers diskutiert wurde.
Da bei meiner bibelwissenschaftlichen Ausbildung an der Universität Fribourg das vor- und frühislamische Arabien ein wesentlicher Bestandteil war – wofür ich meinem damaligen Lehrer, dem Theologen, Arabisten und Ethnologen Prof. Dr. Joseph Henninger bis heute sehr dankbar bin–, und ich in den Neunzigerjahren einige Taschenbücher zu Glaubenslehren des Islam publiziert habe, die teils auch in dieses Buch eingeflossen sind, habe ich schließlich diese Einladung angenommen.
Gerade für mich als Theologen und Alttestamentler ist eine solche Thematik eine durchaus willkommene Herausforderung, versteht doch der Islam die Heiligen Schriften von Juden und Christen als göttlich geoffenbart, auch wenn der Vorwurf der Fälschung dieser Schriften bis heute aufrechterhalten wird. Ist ein solcher Vorwurf aber wirklich berechtigt? Bietet nicht der Koran auch eine völlig andere Sicht, der nachzugehen für die muslimische Theologie und Exegese eine ebensolche Herausforderung wäre?
Abgesehen von doch sehr problematischen Vorstellungen einiger Teilnehmer über den Islam, kamen auch Themen zur Sprache, die in einigen Büchern des deutschen Sprachraums in letzter Zeit vertreten wurden: Der Koran sei nicht arabischer Herkunft, Mohammed sei nicht als historische Gestalt zu verstehen und der frühe Islam sei nichts anderes als die authentische, arabische Form des Christentums. Jesus, den erst die griechischen Theologen der frühen Kirche zu Gott gemacht hätten, sei
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eben von den Arabern als rein menschlicher Prophet verehrt worden, was der historischen Sachlage entspräche.
Jeder, der das Neue Testament unvoreingenommen liest, kann über solch abstruse und letztlich gar nicht so neue Thesen nur den Kopf schütteln.
So war es mir Anliegen, einerseits irrigen und abstrusen Meinungen, die in manchen Köpfen herumgeistern, entschieden entgegenzutreten und andererseits zu versuchen, den frühen Islam und seine wesentlichen Glaubenslehren so objektiv wie möglich darzustellen und bei dem einen oder anderen Punkt auf Gemeinsamkeiten und fundamentale Unterschiede zum Christentum hinzuweisen.
Schließlich wurde von den Seminarteilnehmern, unter ihnen auch Muslime, wiederholt der Wunsch geäußert, die Vorträge in Buchform herauszubringen.
Ein solcher Wunsch ist zwar rasch ausgesprochen, ihn zu realisieren weit schwieriger. Ich wollte nicht einfach die Vorträge publizieren, sondern ein Buch vorlegen, das vor allem grundsätzliche Informationen für Studierende der Theologie, der vergleichenden Religionswissenschaft, der Islamwissenschaft, der Arabistik und der alten Geschichte bietet. Der Leser mag beurteilen, wie weit das gelungen ist.
Für die Aufnahme des Buches in das Programm des Böhlau Verlages als UTB Taschenbuch sei dem Verleger, Herrn Dr. Peter Rauch, sowie dem Programmleiter, Herrn Johannes von Ooyen und seinen Mitarbeitern, herzlichst gedankt.
Dank gilt ferner meiner Frau für das Lesen der Korrekturen.
Pasching, im August 2012 Karl Jaroš
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I. Die historischen Grundlagen
Ein Buch, das grundsätzlich über die Glaubensvorstellungen einer Weltreligion wie den Islam informieren möchte, kann sich nicht ausschließlich auf diese beziehen, sondern muss die historischen Wurzeln berücksichtigen, aus denen sie gewachsen sind. So ist es unumgänglich, eine kurze Darstellung der Gestalt des Propheten Mohammed und des Werdens des Heiligen Buches, dem Koran, jeweils in ihrem zeitgeschichtlichen Kontext zu geben, sowie die Anfänge der Ausbreitung des Islam zu erwähnen.
1 Die Heimat des Islam
Die Arabische Halbinsel, ca. 3,7 Millionen km2 groß, grenzt im Norden an das palästinische Ostjordanland und Mesopotamien. Im Osten findet sich der Persische Golf und der Golf von Oman, im Süden das Arabische Meer und der Golf von Aden und im Westen das Rote Meer (Abb. 1).
Für das Altertum ist es nicht möglich, eine seriöse Angabe der Einwohnerzahl der Halbinsel zu geben.
Das Wort „Arabien“ bezeichnet ursprünglich nur die nördlichen Wüstengebiete, wurde jedoch später auf die gesamte Halbinsel bezogen. So dehnt z. B. Herodot (Historien III 107) den Begriff auf die südlichen Königreiche der Halbinsel aus, und die Septuaginta, die älteste griechische Übersetzung der Hebräischen Bibel aus dem 3./2. Jh. v. Chr. nennt in Ps 72,10.15 die Einwohner des Königreiches von Saba „Araber“. In römischer Zeit unterschied man die Arabia Deserta bzw. Arabia Petraea von der Arabia Felix.
„Arabien“ kommt vom semitischen Nomen „araba“ und bedeutet „Wüste, Steppe“, deren Einwohner „arabi“ d. h. Wüstenbewohner, Nomaden und Halbnomaden bezeichnet wurden.
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Abb. 1 Die Arabische Halbinsel. (Quelle)
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1.1 Vorislamische Kulturen
Die Arabische Halbinsel wurde seit der Altsteinzeit besiedelt. Ab dem 3. Jh. v. Chr., möglicherweise schon früher, war die Bevölkerung offensichtlich semitisch. Nomadische Stämme sind im Laufe von Jahrtausenden nach Mesopotamien, Kanaan und Ägypten eingedrungen und wurden zum Teil auch reichsgründend. An der Küste des Persischen Golfes und auf der Insel Bahrain konnten uralte Hochkulturen nachgewiesen werden wie die Kulturen von Dilmun, von deren Existenz man nur durch Keilschrifttexte wusste.
Die Inschrift des Ur-nansche von Lagasch (ca. 2520 v. Chr.) berichtet, dass Schiffe von Dilmun Holz bringen. Sumerische Texte bezeichnen Dilmun als ein heiliges Land, das man sich als Paradies vorstellte, in dem es keine Jagd, keine Krankheit und kein Alter gäbe.
Auch der sumerische Sintflutheld Ziusudra darf in Dilmun, „wo die Sonne aufgeht“, auf Geheiß der Götter leben und so an ihrer Unsterblichkeit teilhaben.
In Südarabien entstanden gegen Ende des 2. Jhs. v. Chr. neue Kulturen, die im Laufe des 1. Jahrhunderts als Reiche von Saba, Main, Qataban, Hadramaut, Ausan und Himjar in die Geschichte eingegangen sind (Abb. 2). Das historische Wissen um die Sabäer beginnt mit drei Nachrichten aus den assyrischen Königsinschriften. Der Herrscher von Saba Jitamer (um 720 v. Chr.) schickte Geschenke an König Sargon II., ebenso der Sabäer Karibil Watar I. (um 695 v. Chr.) an König Sanherib. Im wechselvollen Gang der Geschichte sind alle Reiche Südarabiens in Saba aufgegangen.
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Abb. 2 Die altsüdarabischen Reiche. (Quelle)
Um 360 n. Chr. hat das Reich von Saba den christlichen Glauben angenommen, wechselte jedoch um 400 n. Chr. zum Judentum. Ab 525 n. Chr. ist Saba kein selbstständiges Königreich mehr. Das christliche Äthiopien besiegte Saba und ließ es fortan von aksumitischen Vizekönigen regieren. Doch 597/98 n. Chr. wird ganz Südarabien persisch-sassanidische Satrapie.
Im Nordwesten der arabischen Halbinsel wurde im Laufe des 4. Jhs. v. Chr. ein nomadisches Volk reichsgründend, das unter dem Namen „Nabatäer“ in die Geschichte eingegangen ist (Abb. 3). Die Sprache dieses Volkes zeigt sich als ein arabisch-aramäischer Dialekt. Die nabatäische Schrift ist die Vorläuferin der arabischen. Den wirtschaftlichen Höhepunkt erlebte das Nabatäerreich unter König Obodas II. (62–47 v. Chr.) bedingt durch den blühenden Gewürzhandel mit Indien und Südarabien. Die Güter kamen per Schiff nach Leuke Kome (Abb. 3), ein Hafen an der Ostküste des Roten Meeres, wurden mit Karawanen nach Petra und von dort weiter an die Mittelmeerküste transportiert. Erst als sich die Seeroute änderte und die Güter auf dem Nil bis Alexandria verschifft wurden, begann der stetige Verfall des Nabatäerreiches.
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Im Jahre 106 n. Chr. wurde es als „Provincia Arabia“ dem Römischen Imperium einverleibt. Petra wurde zuerst Provinzhauptstadt, später das günstiger gelegene Bosra. Kontakte mit dem Christentum hat es sehr früh gegeben. Nach Gal 1,17 ging der Apostel Paulus nach seiner Bekehrung nach Arabien, d. h. in das Nabatäerreich. Die eigentliche Christianisierung setzt jedoch erst in byzantinischer Zeit ein. Nach dem Konzil von Nikaia (325 n. Chr.) scheinen auf den Konzilien und Synoden auch die Bischöfe von Petra auf.
Neben diesen Hochkulturen blieb das Nomadentum durch die Jahrtausende hinein bis in die heutige Zeit das charakteristische Element. Die unendlichen Wüsten waren für die sesshaften arabischen Kulturen immer das große Hindernis, mit der übrigen damaligen Welt in einen stetigen und regen Austausch zu treten. Selbst die Domestizierung des Dromedars im Laufe der Späten Bronzezeit (ca. 1550–1200 v. Chr.) änderte diese Situation nicht grundlegend. Noch in byzantinischer Zeit war die Kommunikation zwischen Arabien und der übrigen Welt sehr bescheiden. Die nomadischen Völker der Halbinsel mit ihrem Karawanenhandel waren letztlich diejenigen, die den spärlichen Kontakt aufrecht erhalten haben. Als die eigentlichen Herren der Wüste, kenntnisreich um Brunnen und Zisternen entlang der Karawanenwege, konnten sie von keiner Großmacht unterjocht werden.
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Abb. 3 Das Reich der Nabatäer. (Quelle)
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Mit ihrem bis heute nachweisbaren Bündnissystem, in dem sich mächtige Stämme wie Brüder zusammenschließen konnten, aber auch schwächere Stämme den Vorteil einer solchen Konföderation genossen, prägten sie das soziale Verhalten im Sinne einer umfassenden Gemeinschaft, die weit über ein Staatsbewusstsein in herkömmlichem Sinn hinausgeht.
Bevorzugte Plätze für den Abschluss solcher Bündnisse waren Heiligtümer wie z. B. die Kaaba von Mekka. Der Ritus konnte sehr einfach, aber auch überaus feierlich sein. Er reichte vom Handschlag über einen Bruderkuss, Kleidertausch zum Zeichen der gegenseitigen Identifizierung bis zum feierlichen Mahl und anderen Riten. Entscheidend war aber immer, dass die Gottheit Zeuge eines solchen Bündnisses ist und über seine Einhaltung wacht.
In all dem liegt bis heute eine Wurzel des „dar al-Islam“, des Hauses für alle islamischen Völker, wenngleich die Geschichte zeigen wird, dass die Idee dieses gemeinsamen Hauses auf Grund der zahlreichen nichtnomadischen Völker, die den Islam angenommen haben, Utopie bleiben wird.
1.2 Vorislamische Religionen
Was die vorislamischen Religionen Arabiens anlangt, so lassen sich etwas vereinfacht gesprochen zwei große Bereiche unterscheiden: die Religionen der südarabischen Kulturen, die primär durch Inschriften erschlossen sind, und die Religionen Zentral- und Nordarabiens. Zentralarabien hat noch intensiv nomadischen und seminomadischen Charakter, Nordarabien ist in den dörflich-urbanen Oasen, vor allem in den Grenzregionen zu Palästina und Mesopotamien durch die Einflüsse dieser Kulturen mitgeprägt.
In Südarabien waren vor allem Göttertriaden, Mond-, Stern-, Sonnengott, typisch, wobei in Saba zu beobachten ist, dass seit dem beginnenden 4. Jh. n. Chr. monolatrisch-monotheistische Tendenzen feststellbar sind. Der Gott Il, der ursprüngliche Hauptgott der semitischen Völker überhaupt, ist jedoch sehr selten belegt. Il bedeutet „Gott“, ist aber schon wie „Allah“ als Eigenname der Gottheit anzusehen und nicht mehr eine allgemeine Bezeichnung für „Gott“. Obwohl Il inschriftlich so selten
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bezeugt ist, treten mit dem theophoren Element „Il“ gebildete Personennamen relativ häufig auf.
Durch ihre Tendenz zum Monotheismus haben die südarabischen Religionen einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf den Islam ausgeübt. Der Einfluss der vorislamischen Religionen des Nordens auf den Islam ist dagegen, wenn überhaupt, marginal. Als Eigenname Gottes begegnet in den Inschriften des Nordens Il bzw. Ilah, womit ein und derselbe Gott bezeichnet wird. Dem Ilah zur Seite steht Ilat als göttliche Partnerin. In den safaitischen Inschriften ist Ilat dominierend und spielt auch in der privaten Frömmigkeit eine bedeutende Rolle.
Für das zentralarabische Gebiet gibt es kaum Primärquellen. Sekundärquellen sind die vorislamischen Dichter, der Koran und das Götzenbuch (R. Klinke-Rosenberger 1941). Daraus lässt sich etwa Folgendes gewinnen: Das höchste göttliche Wesen ist Allah, der Himmelsherr, der Schöpfer der Welt, der Spender des Regens. Neben dieser Hochgottheit wurde eine Vielzahl von Göttern verehrt, die meist bestimmten Stämmen zugeordnet waren. Die bedeutendsten Gottheiten neben Allah sind seine drei Töchter: Manat, Allat und al-Uzza. Die Göttin Manat (Schicksal) wurde in ganz Arabien verehrt. Ihr Heiligtum war ein großer Stein zwischen Mekka und Medina in Qudaid. Das besondere Heiligtum der Allat war ein weißer Granitblock, „ihr Haus“ in Taif, östlich von Mekka. Allat ist die weibliche Form des Gottesnamens Allah. Auch wenn sie als Tochter des Hauptgottes Allah gilt, so dürfte sie in einer früheren Periode als Partnerin Allahs verehrt worden sein, wie z. B. in Nordarabien die Ilat die Gemahlin des Ilah war oder in den kanaanäischen Religionen Aschirat die göttliche Gemahlin des Gottes El. Auch der hoheitliche Titel der Allat „Mutter der Götter“ deutet in diese Richtung. Großer Verehrung erfreute sich auch al-Uzza (die Mächtigste), als deren Sitz die drei Sumurabäume galten. Ihr Heiligtum lag in der Nähe von Mekka.
Das einzige vorislamische Heiligtum, das mit seinem Umfeld in den Islam integriert wurde, ist die schon jeher überregional bedeutende Kaaba in Mekka. Die Integration wurde deshalb möglich, weil die Kaaba bereits in vorislamischer Zeit als eine Gründung Abrahams und Ismaels angesehen wurde und beide Gestalten im Islam eine überragende Bedeutung erhalten haben. Die Kaaba ist, wie schon ihr Name sagt, von
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würfelförmiger Gestalt, die im Laufe der Zeit viele Umbauten erfahren hatte. Zur Zeit Mohammeds wurde ein Flachdach, das sechs Balken trugen, darüber gebaut. Das ganze Gebäude wurde seit jeher bekleidet. In der Ostecke der Kaaba ist der berühmte schwarze Stein eingelassen. Durch ihn wird das Gebäude gleichsam zum Heiligtum. Im Inneren der Kaaba befand sich ein trockener Brunnen für Weihgeschenke und eine Taube aus Aloeholz. Über dem Brunnen stand das menschengestaltige Bildnis des Gottes Hubal. Hubal, der sonst kaum verehrt worden ist, war der Gott der Kaaba. Die Taube weist auf die große semitische Göttin hin. Die Schutzherren dieses Heiligtums waren die Quraischiten als der mächtigste Stamm von Mekka. Sie verehrten die Göttinnen Allat und al-Uzza besonders. Es lässt sich daher denken, dass die Taube die realsymbolische Darstellung einer dieser Göttinnen oder beider war; denn sie wurden z. B. im Schwur gemeinsam angerufen und ihre astrale Prägung (al-Uzza = Venus, Morgenstern und Allat = Venus, Abendstern) lässt an eine weibliche Gottheit in zwei Erscheinungsformen denken. Hubal galt als Orakelgott, vor dessen Bildnis die sieben Lospfeile geworfen wurden. Eine Überlieferung berichtet, dass das Standbild des Gottes Hubal aus dem ostjordanischen Moab stammen soll. Auffallend ist, dass gegen den Gott Hubal im Koran nie polemisiert wird. Die bereits im vorigen Jahrhundert von J. Wellhausen (1887, 31961: 75 f.) geäußerte Meinung, dass Allah in Mekka Hubal genannt wurde, hat viel für sich. Es wäre sonst unwahrscheinlich, dass Mohammeds mekkanische Gegner ihm zugestanden hätten, Allah als den Herrn der Kaaba zu bezeichnen. Nach islamischer Vorstellung ist dann Hubal nur mehr die Bezeichnung für das menschengestaltige Götzenbild.
Im vorislamischen Arabien ist daher in der Kaaba am ehesten das Götterpaar: Allah / Hubal – Allat/al-Uzza verehrt worden. Die Reinigung der Kaaba von den Götzen durch Mohammed wird sich daher auf Allat /al-Uzza bezogen haben. Zuvor haben nach Mohammeds Vorstellung die Kaaba bereits Abraham und sein Sohn Ismael gereinigt.
Die Juden Arabiens sahen zwar in der Kaaba auch ein Heiligtum, lehnten aber die Gottesverehrung wegen der Götzenbilder ab. Christen dagegen haben die Kaaba als Heiligtum verwendet. Als die Kaaba in der Jugendzeit Mohammeds renoviert wurde, fand man auch eine christliche
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Inschrift in syrischer Sprache. Ferner wird berichtet, dass an den Pfeilern der Kaaba Bilder der Propheten und an der mittleren Säule auch Bilder von Jesus und Maria zu sehen waren. Viel später ließ Mohammed diese Bilder entfernen, die Bilder von Jesus und Maria nur abwaschen.
Dass ein solch paganes Christentum mit dem rechten Glauben des Christentums nur wenig zu tun hatte, liegt auf der Hand. Die Abbildung Jesu und Marias in einem solch heidnischen Kontext war doch problematisch, da sie an das hier verehrte Götterpaar Allah– Allat/al-Uzza erinnerte. Wie noch zu zeigen sein wird, hat Mohammed gerade diese häretische Form des Christentums, die die Trinität in Vater, Jesus und Maria gesehen hat, scharf abgelehnt.
Juden waren auf der Halbinsel auf vielerlei Weise präsent. Die wichtigsten Gemeinden waren in Taima, Chaibar und Jathrib / Medina. Ähnlich wie die Araber haben sie sich in Stämme gegliedert. Die Banu Qainuqa, Banu Nadir und Banu Quraiza von Jathrib / Medina spielten im Leben Mohammeds eine wichtige Rolle. Auf den Inseln des Roten Meeres hat es ab dem 5./6. Jh. n. Chr. auch samaritanische Gemeinden gegeben. Jüdische Kaufleute durchzogen mit ihren Karawanen die Halbinsel und nahmen an den Markttagen in den Oasen teil. Auf das südarabische Königreich von Saba wurde der jüdische Einfluss so groß, dass es um 400 n. Chr. sogar den jüdischen Glauben annahm. Um 525 n. Chr. löste König Jusuf Asar von Saba in der Stadt Nedschran sogar eine Christenverfolgung aus. Obgleich das Judentum keine Missionierung betrieb, war das Wirken, Arbeiten und Leben der Juden doch eine wichtige Ausstrahlung. Wenn auch wenig Konkretes über die jüdischen Gemeinden bekannt ist und kaum sicher ist, wieweit sie bereits die talmudische Tradition kannten und lebten, so lässt sich aber dennoch sagen, dass der absolute Monotheismus im Zentrum ihres Lebens stand. Eine jüdische Inschrift, um 400 n. Chr., aus Saba beginnt mit den Worten: „Gesegnet und gelobt sei der Name des Barmherzigen, der im Himmel ist, und Israels und ihres Gottes, des Herrn von Juda.“ (M. Höfner 1970: 280)
Ferner ist klar, dass sie die Hebräische Bibel im vollen Umfang kannten und sicherlich auch die Mischna als das Erbe der Väter betrachteten. Aus der islamischen Überlieferung wird ferner ersichtlich, dass die Gemeinden von Rabbinen geleitet wurden.
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Die führende geistige Macht in Ägypten und Vorderasien war im 5. und 6. Jh. n. Chr. das Christentum geworden; aber es war kein einheitliches Christentum. Ägypten und das von ihm missionierte Äthiopien waren nach dem Konzil von Chalzedon (451 n. Chr.) monophysitisch geworden, z. T. durchsetzt von gnostischen Ideen und Lehren. Schon Anfang des 4. Jhs. n. Chr. griff das äthiopische Christentum auf den Süden Arabiens über. Um 360 n. Chr. wurde Saba sogar für kurze Zeit ein christliches Königreich. In Nedschran entstand eine blühende christliche Gemeinde, die hauptsächlich aus Griechen, Syrern und Äthiopiern bestand. Im 5. Jh. n. Chr. ging die monophysitisch-nestorianische Separation mitten durch diese Gemeinde. Die Stadt Sanaa wurde Sitz eines Bischofs. Die Kathedrale dieser Stadt wurde erst Ende des 8. Jhs. geschleift. Vom Norden und Osten her drangen monophysitische und nestorianische Einflüsse in die Arabische Halbinsel vor. Die ostjordanisch-arabischen Stämme, die im Sold von Byzanz standen und die Grenze des Byzantinischen Reiches kontrollierten, waren durchweg monophysitische Christen. Vom südlichen mesopotamischen Raum her gingen starke nestorianische Impulse aus. Trotz aller Separation der Christen Arabiens muss aber festgehalten werden, dass die orthodoxe Lehre ebenso präsent war, wie die monotheistisch-trinitarische Inschrift des aksumitischen Vizekönigs Ella Abreha aus dem Jahre 543 zeigt: „Durch die Kraft und die Hilfe und die Barmherzigkeit des Erbarmers und seines Messias und des Heiligen Geistes.“ (M. Höfner 1970: 280). Christliche Kaufleute, Wanderprediger und Mönche, die aus je unterschiedlicher Motivation die Einsamkeit der Wüste suchten, drangen bis Zentralarabien vor; christliche Sklaven sind z. B. auch für Mekka selber bezeugt.
Als Südarabien im Jahre 597/98 n. Chr. persisch-sassanidische Provinz wurde, hatte dies zur Folge, dass auch zoroastrische Einflüsse bemerkbar wurden. Der Prophet Zarathustra ist um 630 v. Chr. in Baktrien (Afghanistan) geboren. Von ihm stammen die Gathas, Dichtungen, die im ersten Abschnitt der Awesta „Yasna“ erhalten sind und Ahura Mazda, den allweisen Herrn, als einzigen und alleinigen Gott verkünden. Unter den persischen Großkönigen Kyros II. (559–529 v. Chr.), Kambyses II. (528–522 v. Chr.) und Dareios I. (521–486 v. Chr.) wurde die Lehre Zarathustras Staatsreligion des persischen Großreiches. Seit der Regierungszeit des Xerxes (486–465 v. Chr.) begann aber bereits die Zersetzung
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der rein monotheistischen Gottesvorstellung durch die Magier, die Angehörigen des persischen Priesterstammes, in eine dualistische Lehre. In dieser bereits veränderten und entstellten Form ist Zarathustras Lehre (deswegen zoroastrische Lehre genannt) nach Südarabien gekommen.
So war die Arabische Halbinsel von monotheistischen Vorstellungen der Juden und Christen verschiedener Schattierungen, in gewisser Weise auch von Zarathustras Lehre umklammert; aber die monotheistische Idee blühte auch aus der Mitte Arabiens selber, wenngleich der jüdische und der christliche Einfluss nicht zu unterschätzen sein wird.
Es ist ein heutiges Vorurteil zu meinen, dass die vorislamischen, nomadischen Araber in einer pandämonischen Welt gelebt hätten. In nomadischen Lebensformen ist der Glaube an einen Hochgott immer präsent. Für Zentralarabien heißt er Allah. Er ist für die Nomaden die hintergründige, transzendente Welt. Als Gottheit, die sich um die unmittelbaren Bedürfnisse der Menschen kümmert, verehren Nomaden einen bestimmten Stammesgott, der bisweilen mit dem Hochgott identisch sein kann. Der Geister- und Dämonenglaube ist ausgebildet. Geister und Dämonen der Wüste gehören aber wie die Menschen insofern zur göttlichen Sphäre, als sie Untertanen der Gottheit sind. Der Hochgott hat letztlich die Souveränität über andere Gottheiten, Geister, Dämonen und Menschen. Darin ist bereits ein relativer Monotheismus zu erkennen.
Im Grunde ist die Religion der Patriarchen der Bibel davon nicht unähnlich. Die Bibel weiß auch selber darum, dass die Väter fremde Götter verehrt haben (Jos 24,2).
Im 8. Jh. v. Chr. ist der Elohistischen Theologie ein unerhörter Brückenschlag gelungen, wenn es Ex 3,6 heißt: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.“
Die Gottheiten, die Abraham, Isaak und Jakob verehrt haben, sind letztlich nicht verschiedene Gottheiten, sondern nur Ausdruck dessen, dass der Gott, der die Menschen seit jeher begleitet hat, der Einzige und Wahre Gott ist. Abraham steht gleichsam stellvertretend für eine Epoche der Menschheitsgeschichte, der nomadischen Kulturen. Und diese Wegstrecke menschlicher Geschichte ist nicht grundsätzlich von Sünde, von der Verweigerung des Vertrauens gekennzeichnet, sondern vom Urvertrauen des Menschen zu seinem Gott.
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Für Mohammed ist Abraham ein Hanif, d. h. einer, der den Einen und Wahren Gott verehrt und glaubt. Der arabische Prophet hat hier zwar nicht auf die historische Situation zurückgreifen können, aber letztlich daran festgehalten, was auch Ex 3,6 ausdrückt.
Die eigentlich arabische Wurzel des Islam und seiner Gottesvorstellung ist das altarabische Hanifentum.
Es gab auch viele Menschen vor Mohammed, die wahre Monotheisten waren. Sie kannten die jüdische und die christliche Tradition ebenso wie das altarabische Heidentum; aber es war ihnen noch nicht eindeutig klar, wie sie sich dem Willen Gottes ergeben sollten, also Muslime – arabisch gesprochen – werden sollten.
Die Biographie des Propheten nennt exemplarisch einige Hanifen; der Prominenteste von ihnen war Waraqa ben Naufal, ein Vetter von Mohammeds Frau Chadidscha. Er hatte die Schriften der Christen studiert und er starb auch als Christ. Ein anderer berühmter Hanif war der Dichter Abu Qais aus Medina, der gleich christlichen Mönchen ein frommes, asketisches Leben führte. Er wurde nach der Hidschra Muslim.
Eine besondere Gestalt ist der vorislamische Mystiker Uwais al-Qarani. Er kannte Mohammed nicht persönlich. Dennoch bestand zwischen beiden eine tiefe Beziehung. Al-Qarani, der formell kein Muslim war, wurde sogar zum Prototyp des Gottsuchers und Mystikers im Islam. Er lehrte, dass die Verbindung zu Gott, die mystische Vereinigung, ohne irgendwelche technische Hilfsmittel zu erreichen ist. Es ist allein der „Hauch des Erbarmers“ der die „geschlossene Knospe des menschlichen Herzens“ zu öffnen imstande ist. Mohammed wird auch der Satz zugeschrieben: „Der Hauch des Erbarmers kommt aus dem Jemen zu mir.“ Mohammed wollte damit sagen, dass Gott, der das Herz dieses Mystikers gerührt und geöffnet hatte, ebenso an ihm selber handelt.
Alle diese Urheiligen Arabiens kennzeichnet eine dreifache Haltung: die vollkommene Hingabe an Gottes Willen, das Urvertrauen zu Gott und die Anbetung und Verherrlichung Gottes.
J. Wellhausen (1887, 31961: 234) hat schon im 19. Jahrhundert zu Recht geschrieben: „Die muslimische Tradition über die Vorgeschichte des Islam nennt eine kleine Anzahl von Suchern in Mekka und Taif, welche vom Heidentum unbefriedigt, auf der Suche nach einer neuen Religion waren,
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das Gesetz und das Evangelium studierten, indessen sich weder dem Judentum noch dem Christentum völlig ergaben, wenngleich sie für das letztere größere Sympathien hatten. Diese Sucher sind keine vereinzelte, auf Mekka und Taif oder Medina beschränkte Erscheinung, sondern das Symptom einer Stimmung, die in der Zeit vor Mohammed über ganz Arabien verbreitet war und manche der edelsten Geister beherrschte. Der Boden war bereit für den Islam.“
