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Kitabı oku: «Im Reiche des silbernen Löwen IV», sayfa 26

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Sie klopfte ihm mit der flachen Hand den Oberschenkel, so, wie man Pferde kräftig zu liebkosen pflegt. Da hob er den einen Vorderfuß und zuckte mit dem eingewickelten Schwanze. Dieses »Klatschen« war ihm also unangenehm. Für mich ein wichtiger Fingerzeig! Als wir an die Quelle kamen, ließen wir ihn trinken. Er versuchte erst den Geschmack des Wassers und trank dann mit sichtlichem Behagen, zuweilen eine Pause machend, wie ein Weinkenner, der eine seltene Nummer nicht gleich hinunterstürzt. Dann führte ich ihn hinter in das Gras und begann, die Hülle aufzuschnallen. Da sah ich denn, daß Syrr auch ein Rappe war, aber was für einer! Ein Rappe mit Doppelmähne! Ohne das geringste helle Fleckchen! Der volle, vornehm getragene Schwanz reichte fast bis zur Erde nieder. Die Behaarung war seidenweich und biberfein, fast schwärzer noch als schwarz, aber die Spitze jedes einzelnen Haares wie in eine Brillanttinktur, in lichten Fluß getaucht und darum leise, aber doch ganz deutlich schimmernd. So Etwas hatte ich noch nie gesehen. Schakara schlug verwundert die Hände zusammen und rief aus:

»Ein Mischki en Nur80! Das Märchen hat also Recht! Es gibt Rappen, welche dunkler sind als Kohle und doch wie Demant glänzen! Wenn die Alten am Lagerfeuer sitzen und von jenem Wunderpferd erzählen, welches des Nachts von Stern zu Stern galoppiert, um einen Geist zu suchen, der es reiten könne, so ist es stets ein Mischki en Nur. Der Glanz der Sterne wurde seinem Haar zu eigen; einen würdigen Reiter aber hat es bis heut noch nicht gefunden.«

Diese Spitzenfärbung war umso erstaunlicher, als sie sich nicht nur bei den kurzen Härchen des Körpers, sondern auch bei den langen Haaren der Mähne und des Schwanzes zeigte. Wenn er den Letzteren bewegte, so war dieses leise Flimmern, um mich so auszudrücken, eine wahre Augenfreude. Aber nun erst die Gestalt, der Körperbau des Hengstes! Ich habe Rih beschrieben und auch Assil Ben Rih, seinen Sohn, zu beschreiben versucht. Das war ein Fehler. So wenig, wie man die Schönheit einer Blume, einer Frau, eines Kunstwerkes beschreiben kann, ebenso wenig läßt sich durch Worte eine Anschauung von der Schönheit eines Rassepferdes geben. Ich werde mich also hüten, meinen Fehler zu wiederholen, indem ich Syrr beschreibe. Zudem weiß ich sehr wohl, welche Vorurteile im Abendlande gegen den ächten Araber herrschen. Der Europäer bezeichnet den Beduinen als den größten Dieb und Lügner im Pferdehandel, verbreitet aber doch die »Lügen«, welche man ihm aufgehängt hat, und glaubt sie auch selbst! Die Beduinen wissen sehr wohl, was es heißt, wenn fremde Völker den Europäern ihre Schätze zeigen und ihnen erklären, worin der Wert derselben besteht. Die Folgen solcher Aufrichtigkeiten liegen allüberall so zu Tage, daß sie gar nicht zu übersehen sind. Wenn der größte Reichtum des Arabers in seinen edlen Pferden liegt, so fällt es ihm gar nicht ein, jeden Franken über Alles, was diese Pferde betrifft, bereitwilligst zu unterrichten. Die bösen Erfahrungen, welche Andere gemacht haben, zwingen ihn zu Ausflüchten, Täuschungen und Unwahrheiten, durch welche er zwar seinen Ruf verschlechtert, aber fremde Gelüste von sich weist. Was man in Büchern über das arabische Pferd zu lesen bekommt, ist häufig ein Beweis für diese Täuschungen. Selbst berühmte Hippologen behaupten in ihren Schriften, daß der Araber selten Rappen züchte, weil er die schwarze Farbe für ordinär halte, daß eine volle Mähne und ein voller, langer Schweif für häßlich gelte, und was dergleichen Dinge weiter sind. Hiernach wäre Syrr als ein unschönes, gemeines Pferd zu bezeichnen. Wenn ich höflich sein und dies als Wahrheit gelten lassen will, so muß ich begeistert hinzufügen, daß der Bau seines Körpers noch viel, viel häßlicher und gemeiner war als seine Farbe!

Ich trat ein Stück von ihm zurück, um diese herrlichen Formen zu betrachten, die jeden Kenner oder Pferdefreund entzücken mußten. Ich suchte nach Fehlern, scharf und unerbittlich, fand aber keinen, keinen einzigen, nicht den allergeringsten! Dieser Syrr war körperlich ideal. Ob auch in Beziehung auf seine innern Eigenschaften – fast hätte ich Geist oder Seele gesagt; das ist mir aber für Tiere streng verboten worden – das hatte sich noch zu zeigen. Da sah Assil mich stehen. Er kam herbei, um mir zu zeigen, daß er auch noch vorhanden sei. Ich liebkoste ihn wie immer. Da ging er weiter, hin zu Syrr. Auch er machte niemals Gemeinschaft mit andern Pferden. Er schritt langsam, prüfend vorwärts. Er hob die sich erweiternden Nüstern, so daß die Linie von den Ganaschen zur Kinnkettengrube eine wagerechte wurde. Seine Ohren spielten. Der Schweif hob sich. So kam er näher, immer näher – – – zwei Vollbluthengste! Was wird wohl geschehen! Syrr stand still. Er bewegte keine Muskel. Kein Haar zuckte. Aber seine innen rosagefärbten Nüstern öffneten sich mehr und mehr, und seine großen Augen schienen noch größer zu werden. Nun war Assil da. Er legte die Ohren grad nach vorn, sog den Atem des neuen Kameraden ein, wieherte kurz und wie vor Freude auf und – – – gab Syrr einen Kuß.

Ja, Pferde küssen! Wer das nicht weiß, der hat sie noch nicht beobachtet!

Eine solche Vertraulichkeit erschien dem Rappen des Schah-in-Schah wohl unerhört. Er hob schnell auch den Kopf, legte die Ohren ganz nach hinten und öffnete die Lippen so, daß das prächtige, elfenbeinene Gebiß zu sehen war. Dann wieherte er ebenso, schloß die Lippen wieder und – – – küßte Assil Ben Rih auch.

»Wie schön, wie gut, Effendi!« sagte Schakara. »Ich befürchtete schon, es werde eine gewaltige Schlägerei beginnen. Sie haben sich aber erkannt. Edel zu edel, hoch zu hoch, echt zu echt, das gibt niemals Konflikt!«

»Möchtest du mir einige weiche Lappen besorgen?« bat ich sie. »Er ist unter der engen Hülle ganz verdunstet. Ich will ihn waschen.«

»Auch Machassa und Furscha81?« fragte sie.

»Nein. Heut nicht. Es könnte das der neuen Bekanntschaft schaden.«

Sie ging, das Verlangte zu holen. Ich war nun mit Syrr allein und begann, mich bei ihm einzuschmeicheln. Fast hätte ich mit der bekannten Redensart gesagt – ihm seelisch näher zu treten. Ich strich ihm leise das Haar, nicht Mähne oder Schwanz, sondern nur das kurze, und zwar genau in der Richtung, in der es lag. Wo es einen Bogen machte, folgte auch ich ihm mit der Hand. Wo sich bei Gliederbeugen zwei verschiedene Haarrichtungen begegneten, beachtete ich das wohl und folgte mit einer Hand der einen, mit der zweiten Hand der anderen. Wo ein Wirbel gebildet wurde, wirbelte ich auch. In dieser Weise ging ich über den ganzen Körper, von hinten nach vorn. Es fiel mir nicht ein, Etwas zu tun, womit ich Syrr belästigt hätte, etwa wie die Hufe zeigen zu lassen oder das Gebiß zu untersuchen. Den Kopf behandelte ich mit besonderer Aufmerksamkeit. Es gab da am Oberauge einige herabragende Borstenhaare, welche den Blick unausgesetzt belästigen mußten. Ich schnitt sie mit meiner kleinen Taschenmesserschere sofort weg. Auch ein Pferd merkt so Etwas sogleich und ist dankbar dafür! Nur kann es leider nicht sagen »Ich danke Ihnen ergebenst, Herr Rollfuhrmann oder Herr Droschkenkutscher!« So gab es schließlich am ganzen Körper keine Stelle, die ich nicht berührt hatte, lieb, streichelnd und alle Derbheit oder Hast vermeidend. Wäre es kein Pferd, sondern ein Mensch gewesen, so würde ich sagen, Syrr sollte bei sich denken: Der hat Verstand; der ist aufmerksam und gütig; den muß man liebhaben!

Dann legte ich ihm die Hände an die Backen, ließ ihm meinen Atem fühlen und sprach freundlich mit ihm. Zu verstehen brauchte er kein Wort. Er sollte nur den Ton meiner Stimme hören und meine Augen betrachten dürfen, denen es nicht einfiel, sich zu einem »Pferdebändigerblick« zu verschärfen. Er hatte sich zu alledem sehr ruhig wie abwartend verhalten – reserviert, sagt man bei Menschen. Da sah ich Schakara zurückkommen und trat einen Schritt von ihm zurück. Sofort tat er diesen Schritt auf mich zu, nahm meinen Arm zwischen die Zähne und hielt mich fest, doch ohne mir wehe zu tun. Da berührte ich zum ersten Male seine Mähne. Ich strich liebkosend an ihr herab und sagte:

»Ich gehe nicht fort; sei ruhig, Syrr!«

Aber was war denn das? Schon während des Berührens seines Körpers hatte ich ein eigentümliches Prickeln in den Händen gefühlt, ganz leise nesselartig, wie ein feiner, wohltuender elektrischer oder galvanischer Reiz. Ich verspürte ihn jetzt noch. Er kam vom Pferde. War er nur einseitig oder gegenseitig? Bekam ihn Syrr etwa auch von mir? Und als ich jetzt mit der Hand an der Mähne niederfuhr, wurde er stärker, und ich hörte es in den Haaren knistern, freilich nicht etwa laut, sondern schwach, aber doch recht gut vernehmlich.

»Horch!« bat ich Schakara, als sie uns erreicht hatte, und strich etwas kräftiger.

Sie lauschte einige Augenblicke. Dann fragte sie:

»Fühlst du Etwas, Effendi?«

»Ja. Es ist wie irgend eine Kraft, die meine Hand berührt und in den Nerven weitergeht.«

Da ließ sie die mitgebrachten Lappen fallen, legte die Hände zusammen und rief aus:

»Das Knistern, das Knistern! Weißt du noch, was ich dir von der »verlorengegangenen Poesie« erzählt habe? Von dem Rosse, dessen Mähne Funken sprüht? Wie lichtgewordene Strophen um die Stirn des Reiters? Effendi, ich bitte dich, nimm deinen Fez vom Kopfe! Berühre erst die Mähne und dann hierauf dein Haar! Ich muß wissen – – —«

Sie hielt inne.

»Was?« fragte ich.

»Ob – – ob – – – ob du dann Etwas fühlst.«

Ich tat ihr den Gefallen, nahm den Fez ab, strich einige Male mit der Hand an der Mähne herunter und legte sie mir dann auf den Kopf. Die Wirkung war eine ganz eigenartige. Das Prickeln verschwand sofort aus meiner Hand und ging auf die Kopfhaut über, wobei es in den Haaren leise, leise knisterte. Indem ich Schakara dies mitteilte, stand ich vorn bei Syrr. Dieser öffnete die Nüstern, sog die Luft laut ein, kam mit dem Kopfe zu mir herum und faßte mich am Haare, nicht mit den Zähnen, sondern ganz weich, nur mit den Lippen. Da ging über Schakaras Gesicht ein frohes, glückliches Lächeln. Sie hob die Lappen wieder auf und sagte:

»Nun komm nach dem Wasser, wenn du ihn waschen willst. Ich gehe; du aber reitest!«

Diese Aufforderung befremdete mich nicht im Geringsten. Es war auch mir ganz so, als ob sich das Pferd gegen mich nicht abweisend verhalten werde. Ich stieg also auf, vorsichtig, schmerzhaften Druck vermeidend. Kaum oben, legte ich beide Fersen an, die rechte etwas weiter vor als die linke. Syrr drehte sich sofort links um und ließ sich von mir nach der Quelle reiten. Dort sprang ich wieder ab und belohnte ihn mit einem Kusse. Da warf er den Kopf hoch in die Höhe und wieherte so triumphierend, daß Schakara, laut lachend, sagte:

»Das ist Jubel! Er tut, als habe er dich besiegt anstatt du ihn! Also ein Doppelsieg mit gegenseitigem Wohlgefallen hinterher! Was wird Dschafar Mirza dazu sagen?!«

»Nichts, denn er erfährt noch nichts,« antwortete ich. »Ich bitte dich, Schakara, sei verschwiegen! Ehe ich Etwas sage, muß ich Syrr vollständig kennengelernt haben, und das hat heimlich zu geschehen. Es ist vielleicht zu kühn, aber ich denke hierbei auch an das Rennen.

Wenn Syrr das ist, was ich von ihm erwarte, so lache ich über jeden Gegner, den man ihm zu stellen wagt.«

Hierauf begann die Wäsche. Schakara hätte wohl gern mitgeholfen, doch gab ich es nicht zu. Der Glanzrappe mußte erfahren, daß ich nicht nur sein Herr sein wollte, sondern auch gern mit eigenen Händen für ihn sorgte. Dieses Waschen war kein rücksichtsloses Begießen, Reiben und Scheuern; es geschah genau so vorsichtig und schonend wie das vorhergehende Streicheln. Als Syrr abgetrocknet war, machte ich eine weitere Probe. Zu den Ausdrücken, welche er verstand, gehörte auch, wie der Stallknecht mir gesagt hatte, das Wörtchen »komm«!

»Ta‘ al82!« sagte ich darum und ging vom Wasser fort.

Er kam zu meiner Freude sogleich hinter mir her. Ich führte ihn nach der Weide, doch nicht geraden Weges. Um ihn zu prüfen, wich ich einige Male scharf ab, nach rechts oder links. Er machte diese Schwenkungen mit und blieb eng hinter mir, bis ich endlich stehen blieb. Zum Lohne hierfür holte ich ihm dann noch einige Aepfel und gab ihm auch selbst seine Abendgerste, worauf ich ihn mit der Ueberzeugung verlassen konnte, daß wir gute Freunde geworden seien.

Als ich in den Hof trat, stand Hanneh oben auf der Halle und winkte mir, hinaufzukommen. Ich tat es gern. Halef lag nicht, sondern er saß, im Rücken gestützt von einigen Polstern. Das »Feierkleid« war vor ihm ausgebreitet. Auf seinem Gesichte glänzte die Freude und mit ihr neue Lebensfarbe.

»Sihdi, mir ist ein großes, großes Heil widerfahren,« sagte er. »Dschafar Mirza, der Abgesandte des Schah-in-Schah, war bei mir, um mir dieses Geschenk der Ehrung zu überbringen. Ich weiß gar wohl, ich verdanke es nicht mir, sondern nur dem Umstande, daß ich dein Begleiter bin. Aber ich freue mich doch unendlich darüber und werde mich, so oft ich es trage, nach seinen ernsten Farben richten!«

Diese letzte Wendung kam mir nicht ganz unerwartet. Krankheiten machen eben ernst, und Genesungsfreude und Besserungsfreude sind zwei liebe Schwestern. Es war ihm anzusehen, daß dieses Geschenk ihn wieder einen bedeutenden Schritt vorwärts gebracht hatte.

Hierauf ging ich zum Abendessen mit Dschafar, dem Pedehr und dem Chodj, den ich dazu geladen hatte. Dieser Mann war es wert, daß man ihn nicht bloß arbeiten, sondern auch mit beraten ließ. Nach Tische nahm ich Dschafar mit hinauf zu mir. Wir saßen im Freien und erzählten. Von dem Mordanschlag auf ihn sagte ich ihm noch nichts. Die Gefahr war jetzt noch nicht da, und ich wollte ihm den Aufenthalt bei uns nicht gleich am ersten Tage mit Sorgen vergällen. Daß er wenigstens bis zum Rennen bleiben werde, verstand sich ganz von selbst. Er hatte zwar behauptet, von der Reise nicht ermüdet zu sein; aber trotz der Lebendigkeit unserer Unterhaltung erklärte er gegen Mitternacht doch, nun schlafen gehen zu müssen. Ich begleitete ihn bis hinunter an seinen Wartturm und kehrte dann zu mir zurück, um mich auch niederzulegen. Der Mond schien hell, und ich sah von meiner hohen Plattform aus, daß die Pferde alle lagen, das eine etwas abseits von den andern; das war Syrr.

Als ich mich niederlegte, fiel mir ein, daß heut vor einer Woche, am Freitag, zum ersten Male vom »Feste der fünfzig Jahre« und von dem Rennen zu mir gesprochen worden war. Was hatte sich in dieser Woche alles ereignet, und wie unerwartet schnell war es während dieser Zeit mit meiner Genesung vorwärts gegangen! Wie vortrefflich war die Anstrengung des Sonntages und des hierauf folgenden Nachtgespräches überstanden worden! Ich hatte dann allerdings volle vierundzwanzig Stunden fest geschlafen, aber wundersam war diese schnelle Erholung nach einer so langen Krankheit jedenfalls.

Als ich früh aufstand, schlief Dschafar noch. Ich besuchte zunächst die Pferde. Die drei anderen begrüßten mich von Weitem. Assil kam schnell heran zu mir, um sich an mir zu reiben. Syrr war zurückhaltender. Seine noch nassen Vorderbeine bewiesen mir, daß er trinken gewesen und dabei direkt in die Quelle gestiegen war. Ich holte ihm einige Aepfel, die er langsam und bedächtig verzehrte. Dann leckte er mir die Hand. War das, weil sie noch nach den Aepfeln rochen? Oder war es Dankbarkeit, vielleicht schon Liebe? Ich brachte ihm nun seine Morgengerste und suchte dann den Pedehr auf, um mit ihm über die Sicherheitsmaßregeln zu sprechen, welche wir in Beziehung auf Dschafar zu treffen hatten. Wir mußten umso besorgter sein, als er jetzt noch nichts erfahren sollte. Die Wächter des Duars hatten ihre Aufmerksamkeit von jetzt an zu verdoppeln, zumal die Zeit des Rennens immer näher rückte und der Fremdenzufluß nun bald beginnen würde. Dies brachte ihn auf die Wege, welche zum Duar führten, und auch auf den, auf welchem wir nach dem Sprunge über den Abgrund nach dem hohen Hause gebracht worden waren.

»Bist du schon wieder dortgewesen, Effendi?« fragte er.

»Nein,« antwortete ich. »Wie weit ist es bis hin?«

»Nur eine Viertelstunde.«

»Nur? Hast du Zeit?«

»Ja. Wir haben zwei Wege; einen vom Dorfe aus, und einer führt von hier aus um den Wartturm herum. Beide treffen später zusammen. Hast du Lust, zu gehen?«

»Ja. Komm!«

Das Tal der Dschamikun stand nach drei Seiten hin mit der Außenwelt in Verbindung. Ostwärts ging es nach dem Hasen- und Kurierpaß. Nordwestlich nach dem Gebiete der Takikurden, zugleich aber auch zu den im Norden halbansässigen Dschamikun. Und südwärts nach dem Daraeh-y-Dschib, dem Tale des Sackes. Durch das letztere waren wir, von Nordwesten aber Hanneh und Kara gekommen. Der Weg nach dem Tale des Sackes führte zwischen dem Tempel- und dem Ruinenberge hindurch. Beide traten hier so eng zusammen, daß sie nur durch eine schmale Schlucht geschieden wurden. Unten lief der Duarpfad, etwas höher derjenige, auf dem wir uns befanden. Er führte durch einen steil ansteigenden Wald. Tief unten eilte rauschendes Wasser nach dem See. Es kam aus dem Felsenrisse, über den wir mit unsern Pferden gesprungen waren. Nach einiger Zeit stieg der Duarweg zu uns heran, und dann hatten wir nur noch eine kurze Strecke bis zu der Stelle, wo wir unser Leben gewagt hatten, um den Massaban zu entkommen. Es war jetzt eine neue Brücke da. Als ich auf ihr stand, in die Tiefe schaute, in welche sich von drüben her das Wasser stürzte, und die Breite des Risses mit den Augen maß, überkam mich nachträglich die Angst, von der ich damals keine Spur empfunden hatte. Wie war es doch nur möglich gewesen, sich ein solches Wagnis zuzutrauen!

Der Pedehr mochte meine Gedanken erraten, denn er sagte:

»Das hat Euch keiner vorgemacht und wird Euch wohl auch Keiner nachmachen! Schau dir die Brücke an, Effendi! Bemerkst du Etwas?«

»Natürlich! Sie ist zum Aufziehen.«

»Ja. Nach den Erfahrungen mit den Massaban konnten wir uns nicht zu einem neuen, festen Uebergang entschließen, der im Kriegsfalle immer zerstört werden muß. Der Ustad ließ von unserem Nälbänd83 Ketten machen und vom Najjar84 die starken Rollen dort an der Eiche. Jetzt genügt die Kraft eines einzelnen Mannes, die Brücke aufzuziehen. Das ist ein Wunder, welches ich nicht begreife, denn sie ist ja zehnmal schwerer als der Mann selbst.«

»Es ist kein Wunder, sondern sehr einfach. Diese Rollen bilden ein Suhulet85, durch welches die Kraft des Menschen derart vervielfältigt wird, daß ein Einzelner genügt, die Brücke zu heben. Der Ustad kennt dieses Naturgesetz sehr wohl.«

»Und hältst du so eine Brücke für gut?«

»Ja. Doch wie diese liegt, hat man dafür zu sorgen, daß man nicht einmal selbst auch abgesperrt wird!«

Als wir zurückkehrten, wählten wir den Weg nach dem Duar. Dort angekommen, konnten wir Dschafar beobachten, welcher nun schon unten war und uns nicht sogleich bemerkte. Er hatte gehört, daß ich mit dem Pedehr fortgegangen sei, und war darum auch gegangen, um uns vielleicht zu treffen. Er hatte das Boot am Landeplatz entdeckt und sich den Chodj-y-Dschuna holen lassen. Nun segelten sie bei gutem Winde mit einem halben Dutzend Lastkamelen um die Wette, welche, hoch mit Heu beladen, für das Wettrennen eingeübt wurden. Wie man sich erinnern wird, hatte der Pedehr auf Halefs Frage, was für Pferde laufen würden, folgendermaßen geantwortet: »Es werden nicht bloß Pferde sein. Wir lassen alle Arten der Tiere laufen, die es bei uns gibt, Schafe, Ziegen, Esel, Maultiere, Lastkamele, Reitkamele, gewöhnliche Pferde, und zum Schlusse wird es mehrere Rennen zwischen Tieren edelster Rasse geben.« Der Wettkampf sollte also scherzhaft beginnen, um ernst und würdig zu enden. Als man diese Disposition traf, hatte man nicht geahnt, daß sich aus dem beabsichtigten Rennen unter Freunden ein erbitterter Wettkampf zwischen Freund und Feind entwickeln werde, war aber trotzdem bei der ursprünglichen Bestimmung geblieben, daß der Anfang heiter zu sein habe, möge er enden, wie er wolle. Daher jetzt die Uebung mit den Lastkamelen.

Es konnte hierbei nicht etwa von Tierquälerei die Rede sein. Die Dschimal86 waren zwar so hoch und so breit beladen, daß von ihnen nur die Beine zu sehen waren, aber man hatte das Heu so leicht und duftig gepackt, daß es für die starken Tiere nichts weniger als eine Last zu nennen war. Vorn gab es in dem Heuballen eine Oeffnung aus welcher über dem sonderbaren Maule die Konvexbrillenaugen des Tieres den Weg überschauen konnten. Hoch oben war nur der Kopf des tief im Heu vergrabenen Führers zu sehen, der sein Kamel nur durch Zurufe zu leiten hatte. Es war also vorauszusehen gewesen, daß sich die Sache höchst drollig ausnehmen werde, und die jetzige, erste Probe zeigte, daß man sich hierin nicht getäuscht hatte. Wir sahen die langen Beine, die großen, plumpen Füße und sämtliche Heubündel in eiligster Bewegung, als ob es beabsichtigt sei, binnen zwei Stunden dreimal rund um die Erde zu jagen. Da blieb plötzlich eines der Kamele mitten im Laufe stehen, um in der größten Gemütsruhe sich ein Maulvoll aus der eigenen Last zu raufen und gemächlich zu verzehren. Der Kopf hoch oben begann zu bitten, zu flehen, zu jammern, zu schimpfen, zu drohen. Da besann sich das Kamel auf seine Pflicht und warf die Beine wieder vorwärts, daß der Staub nur so flog, bis es an ein anderes prallte, welches in derselben guten, aber für den Reiter höchst ärgerlichen Absicht stehengeblieben war. Weiter vorn sahen wir zwei Heuladungen im größten Eifer und eng neben einander herrennen, bis der Weg zwischen Berg und See zu eng wurde und sie beide miteinander stecken blieben. Der allerschnellste dieser Renner war den andern weit vorausgekommen und schien nun der guten Ueberzeugung zu sein, seinen Zweck erreicht zu haben. Er hatte sich also gemütlich auf die Mutter Erde niedergelassen und ließ Alles, was aus dem Munde seines Besitzers kam, in größter Seelenruhe über sich ergehen, ohne weiter ein Glied zu rühren. Das gab selbstverständlich Veranlassung zur größten Heiterkeit. Die liebe Jugend machte natürlich mit, was aber keineswegs dazu beitrug, die zwei Dutzend Kamelbeine von dem Werte der kostbaren Zeit zu überzeugen. Dschafar segelte mit dem Chodj-y-Dschuna nebenher, um das Schauspiel aus sichrer Entfernung zu genießen, bis sich alle Kamele niedergelegt hatten und keines weiter fortzubringen war. Da kam er nach dem Duar zurück und versicherte uns, noch nie im Leben so gelacht zu haben wie heut. Nachdem er diesen Ausgang des Kampfes gesehen habe, verspreche er sich von dem Rennen nun überhaupt sehr große Dinge und sei erfreut, grad am »Feste der fünfzig Jahre« zu den Dschamikun gekommen zu sein!

Der Chodj-y-Dschuna teilte mir mit, daß man mich als Rekonvaleszenten bisher nicht habe belästigen wollen. Nun aber bitte er mit dem Pedehr um die Erlaubnis, mich über Alles, was sich auf das Fest beziehen sollte, unterrichten und fragen zu dürfen. Wir gingen infolgedessen nach seiner Wohnung und hielten das ab, was man in Deutschland, wo es bekanntlich keine Fremdwörter gibt, als eine Komiteesitzung bezeichnen würde. Es gab keinen einzigen Punkt, dem ich nicht zustimmen konnte, was den braven Chodj-y-Dschuna so erfreute, daß er den Mut bekam, uns zum Essen einzuladen. Das war um die Mittagszeit, und so nahmen wir es an. Ich ging aber vorher hinauf, um Syrr zu füttern und beauftragte Kara, mir dann meinen Assil und das Pferd des Mirza herabzubringen, weil ich einen etwas weiteren Spazierritt versuchen wolle, an dem auch er teilnehmen möge.

Wir dehnten diesen Spazierritt auf über zwei Stunden aus, ohne daß ich mich, als ich heimkehrte, von ihm ermüdet fühlte. Ich glaubte also, mir für heut Abend auch noch eine weitere Anstrengung zumuten zu können, und sagte Kara also, daß wir gegen Mitternacht den Aschyk aufsuchen würden; er solle sich also bereithalten und alles dazu Nötige besorgen.

Bis zu dieser Zeit geschah nichts, was einer besonderen Erwähnung bedarf. Ich brachte die Zeit nach dem Abendessen absichtlich bei Dschafar zu, weil ich da gehen konnte, wenn es mir beliebte. Wäre aber er bei mir gewesen, so hätte ich warten müssen, bis er sich entfernte. Kara stand bereit. Der Weg durch das große Eingangstor wäre kürzer gewesen; aber ich hatte Gründe, den Umweg über die Ruinen zu wählen. Ich wollte ihn mir in allen seinen Einzelheiten so einprägen, daß ich ihn später des Nachts nicht nur gehen, sondern auch sicher reiten konnte. Ich hatte nämlich die Absicht, Syrr heimlich einzuüben, und das war nur dann möglich, wenn alle Leute schliefen.

Wir gingen also im Mondscheine über das Gemäuer und dann den Steinbruchweg hinunter nach der Landestelle. Das Boot war da. Wir kamen in den Kanal und aus diesem in das vordere Bassin, ganz so wie die vorigen Male. Ich hatte erwartet, daß unser Gefangener vor Freude laut aufschreien werde. Es blieb aber still, obgleich wir so laut ruderten, daß die Schläge wie Meeresrauschen von den Säulen widerhallten.

»Er ist tot!« sagte Kara. »Herabgefallen und ertrunken!«

»Möglich. Wir werden ja sehen.«

Wir kamen schnell näher. Er mußte trotz der tiefen Finsternis nun auch unser Licht sehen. Und doch hörten wir nichts von ihm! Nun sahen wir die Säule und den Stein. War der Aschyk noch da? Ja. Er saß oben. Still. Hüben das Gerippe und drüben er. Wir hatten absichtlich nicht eine, sondern zwei Fackeln brennen. Es war also so hell, daß wir sein Gesicht, seine Züge deutlich erkennen konnten. Er lehnte mit dem Rücken an der Säule. Seine Augen waren geschlossen. Als das Boot stand und wir die Ruder einzogen, sagte er in mir ganz unbegreiflich ruhigem Tone:

»Ihr kommt wieder. Ich wußte es! Ahnst du, was ich da tat ? Nein! – – – Ich habe gebetet!«

Wie kam es doch, daß dieses Wort, dieses letztere, mich innerlich so packte, als ob in mir Etwas hierauf vorbereitet gewesen sei! War es infolge des Traumes, an den ich sogleich dachte? Mußte sich hier, in dieser tiefen, dunkeln Verlassenheit, denn Alles, Alles, selbst die ärgste Verkalkung und Verhärtung, schließlich doch und doch noch zum Gebet verwandeln? Nicht nur im Traume, sondern auch in der Wirklichkeit? Er wartete ein Wenig, und als ich nichts antwortete, fuhr er fort:

»Effendi, ich will beichten – beichten – – beichten! Ich will nicht nur, sondern ich muß – ich muß – – ich muß!«

»Doch wieder wohl nur Lügen!« sagte ich.

»Lügen? Hier? Effendi, hier hat jede Lüge entweder zum Wahnsinn zu werden oder sich in Wahrheit zu verwandeln. Außer diesen beiden gibt es kein Drittes. Nun prüfe, ob ich wahnsinnig geworden bin! Wenn nicht, so ist nur Wahrheit zu erwarten!«

»So sag vorerst, wie du zu dieser mir ganz unverhofften Ruhe kommst!«

»Wie – – —? Welch eine Frage! Wenn nicht hier, wo soll man dann wohl ruhig werden! Hier wird ja Alles, Alles, Jedermann zu Stein! Entweder zum gemeinverkalkten Tode, oder zum edlen Alabaster, an dem die aus dem Kalk erlösten Geister arbeiten, bis er – – beten lernt! O, Effendi, ich schlief hier ein, ermüdet vom Rufen, Schreien, Brüllen. Da kam ein Traum – – ein Traum! Ich hatte tausend Jahre, tausend Jahre lang hier im Wasser gelegen, verhärtet und verkalkt in meinen Sünden. Niemand wollte mich retten, und ich selbst konnte es nicht. Da kam ein Ruf von oben, einmal – zweimal – – dreimal; der weckte mich. Ich antwortete, daß alle Säulen klangen. Da war es oben still; aber in mir, in mir, tief unten, da wurde es laut und laut und immer lauter! Da kamen die Tage mein Lebens, einzeln, furchtbar einzeln, einer nach dem andern! Sie klagten mich nicht an, nein nein, nein nein! Das tat ich ja schon selbst! Sie gaben gute Worte! Ein jeder, jeder, jeder von ihnen kniete im Büßergewande neben mir nieder, griff nach meiner Hand und drang in mich, mit ihm zu beten, zu beten, zu beten! Und als sie alle um mich lagen, alle, alle, vom ersten bis zum letzten, da kniete ich inmitten meines Lebens und faltete die Hände wie sie alle. Und als ich sprach: »Vergieb mir meine Sünden!« da hörte ich erst Eure Ruderschläge, und dann sah ich auch Eures Lichtes Schein! Was Ihr mir bringt, das habe ich zu nehmen. Doch bitte ich, seid nicht auch Ihr von Stein!«

Als er geendet hatte, lauschte ich noch immer. Es war, als ob das, was aus ihm gesprochen hatte, nun in mir weiterrede. »Tausend, tausend Jahre hier im Wasser gelegen!« hatte er gesagt. Nur zwei Erdentage, für den Geist, die Seele aber tausend, tausend Jahre! Welcher Mensch kann behaupten, gerecht zu richten! Der Buchstabe des Gesetzes behandelt alle gleich. Aber die Gerechtigkeit liegt nicht im gleichen Strafquantum; in diesem ist vielmehr ihr Gegenteil, die Ungerechtigkeit zu suchen. Denselben Tatbestand vorausgesetzt, wird der Eine nicht durch zwanzig Jahre Zuchthaus gebessert, der Andere aber schon durch einen einzigen Tag Gefängnishaft. Hätte für den Letzteren dann nicht die Strafe aufzuhören? Es war von mir die füchterlichste Strenge gewesen, den Aschyk hierher an diesen Ort zu detinieren. Ich sah und hörte jetzt, daß es genau die beabsichtigte Wirkung hervorgebracht hatte. Eine Verlängerung seiner Qual wäre nicht nur Grausamkeit, sondern geradezu Unmenschlichkeit gewesen. Darum antwortete ich ihm jetzt:

»Der Menschheitsjammer muß sogar den Stein erbarmen, warum nicht auch den Menschen selbst! Wenn du gebetet hast, so ist mein Zweck erreicht. Ich führe dich hinaus.«

»Das wolltest du? Du, Du, der von mir betrogen werden sollte, wie kaum vorher ein Anderer?«

»Was du an Andern tatest, das habe nicht ich zu richten. Was du mit mir vorhattest, da sei dir gern vergeben. Hier hast du meine Hand. Komm herab!«

Ich richtete mich auf und streckte sie ihm entgegen, um ihm herabzuhelfen. Er griff nicht sofort zu, er sagte:

»Warte noch, Effendi! Ich habe dir doch vorher zu beichten!«

»Nicht hier! Hier hattest du nur dir allein zu beichten. Nun wartet draußen jetzt ein Anderer auf dich.«

»Ein Anderer?« fragte er schnell. »Effendi, reicht dein Blick in mein Inneres? Wenn ich in den Ruinen stand und drüben Euren Tempel stehen sah, so lachte ich der Albernheit, die solche Häuser baut für Einen, den es nie gegeben hat und niemals geben werde. Hier aber griff er in die Finsternis und stellte meine Seele vor mich hin, die ich mir aus der Brust gerissen und weggeworfen hatte. Da kam ein Drang, ein Sehnen über mich, ein innerlicher und doch lauter Schrei nach diesem Tempel. Er klingt noch jetzt, laut, überlaut, Effendi. Erhöre ihn! Laß uns hinauf zum Beit-y-Chodeh steigen! Das ist der einzig rechte Ort zum Beichten!«

80.Glanzrappe.
81.Striegel und Bürste.
82.»Komm!«
83.Hufschmied.
84.Tischler.
85.Flaschenzug.
86.Kamele.
Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
710 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain