Kitabı oku: «Im Reiche des silbernen Löwen IV», sayfa 27
»So komm!«
Er griff knieend nach meiner wieder ausgestreckten Hand, küßte sie und kletterte dann herab in das Boot. Als wir zu den Rudern griffen, schaute er noch einmal nach dem Stein hinauf und sagte:
»Dort laß ich das Gerippe! Mir ist, als ob es mein eigenes Skelett sei, mein früheres. Ich habe jetzt ein neues. Das ist nicht starres Knochenwerk, aus dem mir das Vergangene, die Zähne fletschend, in die Augen grinst, sondern ein fester, froher Wille, der vor Freude jauchzt, gutmachen zu können, was ich verbrochen habe.«
Er saß in der Mitte des Bootes zwischen uns beiden, mit dem Rücken nach vorn. Während wir nach dem Kanale ruderten, schaute er bald rechts, bald links an mir vorüber nach den bewegten Wellen hinter uns.
»Sie kommen!« sagte er, sich nach den Augen greifend.
»Wer?« fragte ich.
»Die Geister meiner Lebenstage, alle, alle, alle! Ich sehe sie. Sie schwimmen hinter uns her. Ihre Köpfe ragen aus dem Wasser.«
Ich dachte an meinen Traum und an die Geister, welche mir hinaus in den See gefolgt waren. Als wir uns im Kanale befanden, wiederholte er:
»Sie folgen auch hier, eng bei einander, Kopf an Kopf!«
»Beruhige dich,« antwortete ich; »es ist das Phantasie!«
»Meinst du? So laß sie mir! Die Tage meines Lebens sollen mit mir hinauf zum Tempel steigen. Sie, meine Ankläger, sollen mit mir beten und werden dann verschwinden; so hoffe ich!«
Draußen empfing uns der helle Mondschein! Ich lenkte zunächst geradeaus, ganz so, wie es im Traume geschehen war. Es lag Etwas in mir, was mich bestimmte, so und nicht anders zu tun. Da fragte der Aschyk:
»Sind es die Wellen unseres Bootes, welche immer breiter werden? Ich sehe noch immer Kopf an Kopf. Sie kommen aus dem Berge. Die Schar wird breiter und immer breiter. Aber die Vordern folgen uns, und die Andern kommen hinter ihnen her.«
Nun befanden wir uns an der Stelle, wo wir im Traume gehalten hatten. Da gab ich dem Fahrzeuge die Richtung nach dem südlichen Ufer, nach derselben Stelle, wo die erlösten Geister an das Land gestiegen waren. Da verließen auch wir das Boot und zogen es ein Stück an das Ufer, weil es hier nicht angebunden werden konnte. Die Fackeln waren natürlich ausgelöscht worden. Da hielt der Aschyk mir seine Hände hin und forderte mich auf:
»Binde mich, Effendi!«
»Wozu?«
»Daß ich dir nicht entfliehen kann, während wir zum Beit-y-Chodeh gehen.«
Da legte ich ihm die Hand auf die Achsel, sah ihm in das Gesicht und antwortete:
»Zu wem willst du? Hinauf zu Gott? Und da soll ich dich fesseln? So lange die Erde steht, ist es noch keinem Menschen gelungen, mit seiner Stimme Gott wirklich zu erreichen, wenn ihm die Hände des Gebetes gefesselt waren! Steig auf zu ihm, aber frei!«
»Frei – – frei!« jubelte er, die Hände hoch erhebend. »Du hast das Richtige gewählt, Effendi. Ich werde nicht fliehen, sondern eng bei dir bleiben, wie ein Hund, der seinem Herrn gehorcht, weil er ihn liebt – liebt – – liebt!«
»Du wirst nicht eng bleiben, denn ich gehe nicht mit.«
»Also wohl Kara Ben Halef?«
»Auch nicht. Wir bleiben hier. Du gehst allein.«
»Allein?!«
Er trat einige Schritte zurück und staunte mich mit großen Augen an.
»Ihr geht nicht mit?« rief er aus. »Keiner von Euch? Ist das wahr – ist das wahr?«
»Ja.«
»Effendi – Sihdi – Emir! Ich bin ein Dieb, ein Fälscher, ein Betrüger, ein Helfershelfer der Mörder! Ich habe dich und Euch alle mit vernichten wollen. Ich habe Pekala verführt und Tifl verführt, welche gute Menschen waren und noch gute Menschen sind, welche Euch liebten und immer, immer lieben werden! Und du giebst mich frei, vollständig frei? Weißt du, ich habe dich vorhin da drin im Berge angelogen. Ich habe nicht gebetet. Ich bin nicht besser, sondern schlechter geworden. Ich werde jetzt gehen und mich an dir rächen! Bedenke das, bedenke!«
»Still; sei still! Wo und wann du gelogen hast, das weiß ich vielleicht besser als du selbst. Ich kenne dich, wie du früher warst, und ich kenne den, der du jetzt geworden bist. Du steigst jetzt ganz allein hinauf und wirst dann wiederkommen. Grad deine Warnung gibt mir die Gewähr, daß ich dir mein Vertrauen schenken darf. Mich zu täuschen, warst du niemals fähig, und von jetzt an kommt es dir auch gar nicht in den Sinn!«
Da sank er in den Sand des Ufers nieder, griff nach meiner Hand, drückte sie an sein Herz und an seine Lippen und sprach:
»So holt sich Allah den Verlornen wieder, den die Gerechtigkeit des Menschen noch tiefer in den Abgrund stoßen würde! Effendi, ich bin gar wohl im Stande, deine Güte in ihrer ganzen Tiefe zu wiegen und zu wägen. Ich gehörte nicht zu den Armen und Elenden des Landes. Ich war berufen, gut und groß zu werden. Mein Vater stand hoch, in nächster Nähe des Schah-in-Schah. Ich eiferte ihm nach, und er hatte seine Freude an mir. Da kamen sie, vom Schlage derer, die bei dir waren, um sich einen Ustad der Taki-Kurden zu erschwindeln. Ich war zu jung, sie zu durchschauen. Sie brauchten mich, und darum mußte ich sinken, tiefer, immer tiefer, bis ich im Wasser des Verbrechens untersank. Schon war ich am Ertrinken, da kamst du und holtest mich heraus – – in Liebe, in Liebe! Du kennst die Menschenseele, Effendi! Wie ich dir danke, werde ich nicht sagen, sondern – – – zeigen!«
Er stand wieder auf und ging den Tempelpfad hinan. Wir aber setzten uns nieder, um zu warten. Kara war einige Zeit still. Er wischte an den Augen herum. Dann sagte er:
»So rettet man Menschenseelen! Spricht jetzt nicht mit mir, Effendi. Der Aschyk steigt hinauf, um mit Allah zu sprechen. Ich kann hier unten jetzt nichts Anderes tun. Ich – – – bete auch!«
Ich glaube, es betete noch ein dritter!
Die Zeit verging. Nach einem kleinen Stündchen kehrte der Aschyk zurück.
»Da bin ich wieder,« sagte er. »Erlaube mir, daß ich mich niedersetze, um Euch Alles zu erzählen, was ich zu berichten habe!«
»Nicht hier,« antwortete ich.
»Wo denn?«
»Komm wieder in das Boot!«
Wir stiegen ein und fuhren über den See hinüber nach dem Landeplatze. Von dort gingen wir nach dem hohen Hause. Im Hofe verabschiedete ich Kara; den Aschyk aber nahm ich mit hinauf zu mir. Wir hatten unterwegs kein Wort gesprochen. Jetzt brannte ich die Lampe an. Er stand, ganz wie betreten, im Mittelzimmer und schaute sich um.
»Sind das die Räume, welche du bewohnst, Effendi!« fragte er.
»Ja,« antwortete ich.
»Ich brauchte eigentlich nicht zu fragen, denn ich wußte es schon. Ich kenne Euer ganzes Haus; ich kenne Alles, Alles. Es war mir auch nicht unbekannt, daß im Wartturme noch leere Stuben sind; aber ich tat gegen Pekala so, als ob ich das nicht wisse, denn ich wollte hierher, oder doch wenigstens hinunter in die Wohnung des Ustad. Warum, das wirst du erfahren.« Er trat an den Tisch, um die helle Schrift des Lampenschirmes zu lesen.
»Die Liebe hört nimmer auf, steht da geschrieben,« sagte er. Dann drehte er sich mir wieder zu und fuhr fort: »Effendi, ich treffe in dir den ersten Menschen, der diese Worte nicht bloß liest, sondern auch nach ihnen handelt! Warum gibt es so viele Verlorene? Sie müssen verloren gehen, weil man ihnen schon den ersten, kleinen Fehltritt nicht verzeiht. Warum spricht man nur von Gerechten und nur von Ungerechten? Weil in der Mitte zwischen ihnen Diejenigen fehlen, welche Menschen sein würden, wenn es welche gäbe! Ich meine die Menschen, welche ihrer Natur nach zuweilen sündigen dürfen, ohne sofort ausgestoßen zu werden! Sage mir, warum hast du mich hierherauf zu dir geführt?«
»Um dir zu zeigen, daß ich dir vertraue und daß bei uns kein Arg zu finden ist. Du wolltest dich hier einwohnen, um heimlich zu forschen und uns zu schaden. Nun schau dich um und frag nach Allem, was dir beliebt! Ich bin bereit, dir Alles zu zeigen und dir jede Auskunft zu erteilen.«
Da senkte er den Kopf.
»Wie du mich beschämst, Effendi! Wir wußten nur zu gut, daß nichts Arges oder gar Böses hier zu finden sei, nämlich jetzt. Desto sicherer aber später, denn – – es sollte gefälscht werden. Und diese Nachahmungen und betrügerischen Verdrehungen sollten nicht nur dem Schah-in-Schah vorgelegt, sondern auch dem ganzen Lande bekannt gegeben werden. Es gibt zwei Parteien, welche es auf die Vernichtung des Ustad abgesehen haben. Ich diente nur der einen, der frommen, weil sie besser belohnte als die andere; aber ich kenne auch diese andere, denn ich habe sie scharf beobachtet und bin ihren Anführern lange heimlich nachgestiegen, um hinter ihre Absichten und Geheimnisse zu kommen. Beide bekämpfen einander unerbittlich; aber sobald es sich um den Ustad handelt, gehen sie fein brüderlich Hand in Hand, jedoch dabei ruhmneidisch auf einander, wer von ihnen am gewissenlosesten gegen ihn gehandelt habe. Wenn du wüßtest, was Alles ich dir von ihnen erzählen kann!«
»Glaubst du etwa, daß ich mich fürchte, es zu hören?« frage ich.
»O nein! Im Gegenteil! Sie, sie sind es, die sich zu fürchten haben, wenn ich dir Alles sage! Der Ustad schreibt ja Bücher! Ein einziges Buch von ihm, mit den Beweisen, die ich bringe, ganz so, wie sie es mit ihren Fälschungen wollten, dem Schah-in-Schah vorgelegt und über das Reich verbreitet – – was würden für sie wohl die Folgen sein!«
»Das habe ich bereits gewußt, denn ich bin beiden schon lange auf der Spur.«
»Spur, nur Spur! Was ich dir bringe, sind nicht bloß Spuren, sondern Beweise, Handschriften, Briefe, Dokumente. Diese vernichtenden Waffen liegen bei mir drüben in den Ruinen. Die eine Partei war zu aufrichtig mit mir; die andere hielt mich für dumm. Nun habe ich beide in den Händen. Ich hole dir Alles herüber, um sie dir auszuliefern. Dann mache mit ihnen, was dir beliebt, Effendi. Man ging auf Fälschungen aus, um sagen zu können, daß man Euch entlarve. Nun sollt aber Ihr entlarven können, ohne fälschen zu müssen, denn was ich Euch gebe, ist echt!«
»So bringe es mir! Aber nur dann, wenn es dein Gewissen erleichtert! Ich finde auch ohne Verrat die sämtlichen Blößen des Gegners.«
»Das traue ich dir wohl zu; ich erfahre es ja an mir selbst! Aber Spuren sind doch nur Spuren. Laß mich jetzt zu dir reden; dann wirst du deutlicher sehen!«
»So komm heraus ins Freie! Diese Zimmer sind mir zu heilig für solche Dinge.«
Wir gingen auf die Plattform und setzten uns da nieder, genau so, wie ich im Traume mit dem »Zauberer« gesessen hatte. Und wie dieser, so begann nun auch der Aschyk zu erzählen: Ein Menschenleben nur, und aber doch ein Menschheitsleben! Vom »Zauberer« hatte ich erfahren, warum es Schatten geben muß. Heut nun erfuhr ich, wie diese Schatten wirken und wie man sich verhalten sollte, um sie so klein wie möglich zu machen. Dieser Aschyk hatte im tiefsten Schatten unserer Feinde gelegen und sie genau studiert. Er schonte sich selbst nicht im Geringsten, aber er schonte auch keinen Andern. Und als er fertig war, lag nicht bloß er allein, sondern lagen auch alle Die, von denen er gesprochen hatte, so durchsichtig vor mir, daß ich sie nun wahrscheinlich besser kannte als er selbst. Hierbei befriedigte es mich, daß sich alle meine Vermutungen als richtig herausstellten. So war er es auch wirklich gewesen, der die sechs Fremden drüben in der Mäjmä-i-Yähud belauscht hatte, und er berichtete mir jedes Wort, welches von ihnen gesprochen worden war.
Nun stand er von seinem Sitze auf.
»Fertig – – für heut!« sagte er. »Jetzt kennst du mich in allen meinen Sünden; nun sprich mein Urteil aus! Das meinige habe ich da unten gefällt, im Wasser, auf dem Steine. Mit Allah habe ich da drüben in Eurem Beit-y-Chodeh gesprochen. Ich glaube, er verzeiht. Wende dich hinüber, und lausche!«
Es hatte sich im Ost ein starker Morgenhauch erhoben; der wehte durch den offnen Rosenpark und brachte dann den Duft zu uns herüber.
»Das soll mir von da drüben Antwort sein!« nickte der Aschyk. »Und nun noch du! Du bist ein Christ; ich bin ein Muselmann; so sprich als Mensch nun deine Erkenntnis aus. Die Menschheit sollst du nicht etwa vertreten; die kenne ich; ich mag sie gar nicht hören! Sprich zu mir als der Mund des Menschentums; die Menschlichkeit ists, die ich hören will. Und was du sagst, soll über mich entscheiden! «
Da hielt ich ihm meine Hand hin und sprach:
»Greif zu! Die Menschlichkeit, die du jetzt hören willst, hat schon durch mich gesprochen: Ich verzeihe!«
q»Ganz?«
»Ganz!«
Erst jetzt faßte er zu. Er hatte mit gesenktem Kopfe vor mir gestanden; nun hob er ihn empor und sagte:
»Da drüben, unterhalb des Tempels, habe ich vor dir gekniet. Ich tat es gern, denn dort war ich Verbrecher. Jetzt aber bin ich wieder Mensch. Ich darf dir also frei ins Antlitz sehn und kann dir danken, ohne mich zu beugen. Sag mir, was hast du über mich beschlossen?«
»Nichts. Du bist frei, dein eigner Herr!«
»So kann ich gehn – – in diesem Augenblick – – sofort?«
»Ja.«
Da trat er an die Balustrade vor und sah hinab zum See, dann weit hinaus. Hierauf drehte er sich wieder zu mir um, räusperte sich wie verlegen und sprach:
»Effendi, gewähre mir das Glück, das allergrößte, welches es für mich hier bei dir geben kann!«
»Wenn es mir möglich ist, wohl gern.«
»Ich möchte nach so langer, langer Zeit gern wieder einmal fühlen, wie es ist, wenn ein Mensch dem anderen vertraut. Verschließest du hier diese Tür, wenn du dich schlafen legst?«
»Nein.«
»Das Fenster?«
»Auch nicht.«
»Du denkst nicht klein und wirst mich drum verstehen. Ich war dein Feind; dein Leben galt mir nichts. Ich sah drin auf dem Tisch ein Messer, Scheren und noch Andres liegen, was in des Mörders Hand zur Waffe werden kann. Geh trotzdem jetzt hinein, und lege dich zur Ruhe, obgleich hier Alles offenstehen bleibt. Ich aber setze mich hier auf das Kissen nieder und denke mich in meine Jugendzeit, in der ich rein von Schuld, ein gutes Kind, ein braver Mensch noch war. Ich will es wieder sein!«
Da reichte ich ihm abermals die Hand und sagte nichts als:
»Gute Nacht! Ich gehe schlafen!«
Er richtete sich hoch auf. Ich ging, durch das Mittelzimmer, wo ich die Lampe auslöschte, und dann nach der Schlafstube. Dort drehte ich mich noch einmal nach ihm um. Er stand genau so, wie der »Zauberer« im Traume, draußen vor der Tür und schaute mir nach.
»Gute Nacht!« sagte ich noch einmal. »Gute Nacht!
Allah segne dich, Effendi!« klang es zurück. Dann ging ich weiter, in die Stube hinein.
Ich schlief sehr gut und sehr lang. Als ich erwachte, schaute mir die Sonne freundlich in die Augen. Ich dachte sogleich an die Gestalt des Aschyk, wie sie draußen an der Tür gestanden hatte, kleidete mich schnell an und ging hinaus. Er war nicht mehr da. Die Stufen, welche von meiner Plattform aus hinüber nach dem Glockenwege führten, hatten es ihm ermöglicht, sich zu entfernen. Aber er war dann noch einmal hiergewesen, denn auf dem Tisch des Mittelzimmers lag ein Paket, welches nur von ihm sein konnte. Als ich den Umschlag auseinander genommen hatte, sah ich, was es war: die Beweise, Handschriften, Briefe und Dokumente, welche mir über das Treiben unserer Gegner von ihm versprochen worden waren. Ich erstaunte zunächst über die Menge dieser Sachen, sollte aber später, als ich sie las, über ihren Inhalt noch viel mehr erstaunen!
Jetzt zu lesen, war keine Zeit, denn heut war Sonntag, und ich sah schon einzelne Dschamikun nach dem Beit-y-Chodeh steigen. Ich tat also diese Beweise an einen sichern Ort und ging dann hinten hinab, um mich zunächst den Pferden zu zeigen. Assil kam auf mich zugesprungen. Syrr blieb zwar stehen, wieherte aber kurz und freudig auf und erwiderte meine Liebkosungen. Ich holte ihm einige Aepfel und seine Gerste, nahm hierauf mein Frühstück ein und suchte hernach Dschafar Mirza auf, um ihn zu fragen, ob er mit nach dem Tempelberge gehen wolle. Er war mit großem Interesse bereit dazu, und so schlossen wir uns dem Pedehr an, welcher in gleicher Absicht im Hofe mit uns zusammentraf.
Welch ein gottesdienstlicher Sinn unter diesen Dschamikun! Es gab noch keinen Priester, und doch stieg Alles, was nicht unbedingt im Duar bleiben mußte, den Berg hinauf, zur Laienandacht, die erst später, bei gesicherteren Zuständen, von berufenerer Hand geleitet werden sollte. Sie verlief unter zweimaligem Glockenklang derjenigen ähnlich, welcher ich am vorigen Sonntage beigewohnt hatte, nur unterblieb heute alles Weitere.
Auf dem Rückwege blieben wir an derselben Stelle stehen, von welcher aus mir Tifl die jenseits liegenden Ruinen gezeigt hatte. Heute waren sie mir bekannter noch als ihm. Ich erklärte Dschafar, wie man sich die Entstehung und den Zweck dieser Bauten zu denken habe, und freute mich darüber, daß er mich leicht begriff. Da fragte mich der Pedehr:
»Hat der Ustad schon von unserer Kirche zu dir gesprochen?«
»Von einer Kirche? Nein,« antwortete ich. »Das muß noch in weitem Felde liegen, sonst hätte er mir sicher Etwas davon gesagt. Wohin soll sie zu stehen kommen?«
»Eben dort hinüber in die Ruinen. Grad in der senkrechten Linie des Alabasterzeltes.«
»Woher aber der Platz! Ah, ich verstehe. Die Ruinen sollen ja abgetragen werden! Die frommen Herren aus Chorremabad sträuben sich dagegen. Aber dann auch welch ein großartiges Material zum Kirchenbau! Nur müßte auch der Plan dieses Materiales würdig sein!«
»Das ist er auch; Effendi, das ist er auch! Der Ustad hat ihn selbst entworfen und jahrelang daran gezeichnet. Es wurde längst dazu gesammelt und gesteuert. Wir haben weit mehr zusammengebracht, als wir erwarten konnten, aber es reicht noch nicht einmal zum Beginn, viel weniger zur Vollendung. Die Bewältigung solchen Materials erfordert viel Zeit und sehr bedeutende Mittel.«
Da sagte Dschafar schnell:
»Mittel? Darf ich tausend Tuman beitragen?«
»Du? Als Moslem?« fragte der Pedehr erstaunt und erfreut zugleich.
»Warum nicht? Wäre das ein Hindernis? Wir sagen Allah, und Ihr sagt Chodeh. Der Engländer sagt God und der Franzose Dieu. Aber es ist doch ganz gewiß derselbe Gott gemeint! Ich habe schon oft meine Hand geöffnet, um den Bau einer Moschee zu ermöglichen, denn sie ist ein Gotteshaus. Ich gab auch schon zum Baue einer Synagoge. Warum soll ich nicht auch für eine Kirche geben, in der man doch keinem andern Gotte dient? Oder würde meine Gabe Eure Kirche entweihen, weil Eure Verehrung eine etwas andere ist, als die unserige? Würdet Ihr Euch weigern, einen Beitrag des Schah-in-Schah anzunehmen?«
»Des Landesherrn? Auf keinen Fall!«
»So! Er ist Moslem, und ich bin auch einer, habe also das gleiche Recht! Es bleibt bei den tausend Tuman, und mit dem Schah werde ich in Eurem Interesse sprechen, sobald ich wieder zu ihm komme! Man nennt uns Schiiten unduldsam; wir sind es aber nicht, wenigstens die gebildeten. Nur bitten wir um gleiche Toleranz!«
Das war sehr freundlich, aber auch sehr energisch gesprochen. Er gab sich hier überhaupt ganz anders als drüben im wilden Westen. Hier wußte man, was er war und was er wollte; drüben hatte man das aber nicht gewußt. Daher damals das mangelnde, jetzt aber das scharf ausgeprägte Sicherheitsgefühl!
Als wir dann beim Mittagsessen saßen, hörten wir im Hofe Pferdegetrappel und schlürfende Kamelschritte, und ehe uns Jemand meldete, wer es sei, wer kam da mit schnellen Schritten zu uns herein? Der Ustad! Unsere Freude war umso größer, als wir ihn nicht so schnell zurückerwartet hatten. Ich hielt diese rasche Wiederkehr für ein gutes Zeichen, und es stellte sich heraus, daß ich da ganz richtig vermutet hatte. Als die frohe Begrüßung vorüber war, sagte er:
»Ihr werdet wißbegierig sein. Ich will Euch antworten, ehe Ihr fragt, einstweilen nur kurz und bündig: Es steht sehr gut und sehr schlecht, sehr gut für uns und sehr schlecht für die Andern. So! Damit habt Ihr Euch für jetzt zu begnügen, denn ich habe Hunger und setze mich gleich mit her!«
Indem er es sagte, tat er es. Seine Stimmung war eine glückliche, eine heitere. Er sah so wohl und so munter aus, als ob er einige Jahre jünger geworden sei. Es ist etwas so Köstliches um die Freude. Wollte man sie doch allen Menschen gönnen!
Den Nachmittag brachten wir auf seinem Balkon zu, von welchem aus wir das lebhafte Treiben, welches im ganzen Tale herrschte, vorzüglich beobachten konnten. Wir waren nur zu Dreien, er, Dschafar und ich. Er erzählte vom Schah, der gegen ihn sehr gütig gewesen war, in anderer Beziehung sich aber sehr streng gezeigt hatte.
»Er weiß mehr, als ich dachte,« sagte er; »ja, er scheint sogar noch mehr zu wissen als wir selbst. Ich habe von ihm erfahren, daß es sich nicht nur um unsere Existenz, sondern auch um die seinige handle. Es wird ein allgemeiner Aufstand der Babi vorbereitet. Der erste Schlag soll hier bei uns fallen. Das Volk soll glauben, daß wir ihm gefährlich sind und daß der Schah ein Verräter am Glücke seiner Untertanen ist, weil er in jeder Beziehung sich als unser Gönner zeigt. Man will sich als Retter des Vaterlandes aufspielen, indem man den ersten Hieb gegen uns richtet. Hierauf wird der Schah-in-Schah abgesetzt. Das weiß er, und zwar ganz genau. Nur hat er nicht erfahren können, wer sein Nachfolger werden soll.«
Nach dieser Mitteilung sah uns der Ustad an, als ob er die höchste Ueberraschung bei uns erwarte. Dschafar aber sagte sehr ruhig:
»Das wußte ich schon Alles. Der Schah hat es mir erzählt.«
»Und du, Effendi?« fragte der Ustad. »Auch du tust, als ob dir diese aufregende Nachricht höchst gleichgültig sei!«
»Sie ist mir weder gleichgültig, noch überrascht sie mich. Ich bin nämlich in die Verschwörung eingeweiht, vollständig eingeweiht.«
»Du, du?« riefen beide zugleich.
»Ja, ich! Ich weiß sogar, wer der Nachfolger des Beherrschers sein soll.«
»Wer denn, wer, wer?«
»Nur langsam! Ich weiß noch immer mehr. Wollt Ihr vielleicht auch den Namen der neuen Kaiserin hören?«
»Kaiserin – – —?« fragen beide gleich erstaunt und wie aus einem Munde.
»Nicht wahr, das klingt für Persien sonderbar, ist aber trotzdem Faktum. Wenn Euch ihr Name nicht genügt, so doch vielleicht ihr Bild. Ich besitze es nämlich.«
Da sahen sie mich sprachlos an. Ich mußte lächeln und fuhr fort:
»Der Schah hat zwar Recht, wenn er von einem Babiaufstande spricht, und doch ist es noch anders. Man hat nämlich die Babi nur zu dem Zwecke mit herbeigezogen, um die Schuld, falls der Aufstand mißlingen sollte, ihnen in die Schuhe schieben zu können. Auch ist man auf einige Forderungen der Babi zurückgekommen, weil sie den Zwecken der eigentlichen Macher gut entsprechen. So soll das neue Reich ein Wahlreich sein, in welchem 19, der heiligen Babizahl, neunzehn Hohepriester nach Ableben des alten den neuen Herrscher zu wählen haben. Und ebenso soll die Stellung der Frau eine freiere sein, ja noch viel freier, als die Babi jemals gefordert haben. Die Haremswirtschaft hat aufzuhören, weil man Eingang in die Familie und Einfluß auf die Frauen haben will. Darum ist auch dem neuen Kaiser, wie jedem seiner Untertanen, nur eine einzige öffentliche Frau erlaubt, welche den Titel Kaiserin zu führen hat, nachdem sie von den Hohenpriestern für ihn gewählt worden ist. Die erste Kaiserin ist schon gewählt. Ich trage sie hier in meiner Tasche.«
Ich legte bei diesen Worten die Hand auf die Brusttasche meiner Jacke. Dort steckte nämlich das Bild Dschafars und der Schahzadeh Khanum Gul, welches ich im Birs Nimrud zu mir genommen hatte. Als wir von dem Ustad aufgefordert worden waren, mit zu ihm zu kommen, hatte ich mir gedacht, wovon wir sprechen würden, und war hinauf zu mir gegangen, um es mit herabzunehmen. Der Ustad kannte meine damaligen Erlebnisse ganz genau und also auch dieses Bild. Er mochte ahnen, daß ich es meinte, denn er warf einen besorgten Blick auf den Mirza. Dieser aber fragte im Tone der höchsten Spannung:
»In deiner Tasche, Effendi? Darf man es sehen?«
»Ein Fremder nicht; dir aber bin ich sogar verpflichtet, es zu zeigen.«
»Verpflichtet? Wieso?«
»Schau selbst!«
Ich nahm es aus der Tasche und reichte es ihm hin. Er zog es mir aus der Hand, sah es an und – – – sprang sofort von seinem Sitze auf, als ob er von einer Natter gestochen worden sei. Dann ließ er die Hand mit dem Bilde sinken, sah mich mit einem ganz eigenartigen Blicke an und fragte:
»Effendi, bist du hierhergekommen, um mich abermals zu retten? Aus einer noch viel, viel größern Gefahr, als alle die damaligen waren? Woher hast du dieses Bild?«
»Aus dem Birs Nimrud, von dem ich dir ja schon erzählte. Es lag im Schatz der Sillan, und ich versteckte es, weil ich dich sogleich erkannte.«
»Welch ein Glück, welch ein Glück für mich! Dieses Weib hat es hergegeben, um mich zu verderben, weil ich nichts mehr von ihr wissen wollte! Du lieber, lieber Freund, der du mir bist, wer mag da deine Hand geleitet haben! Man wollte jedenfalls beweisen, daß ich an der Empörung mit beteiligt sei. Denn nun weiß ich es: sie soll die Kaiserin und Ahriman Mirza der Kaiser sein! Ist es so oder nicht, Effendi?«
»Genau so,« nickte ich.
»Aber wie hast du das erfahren können? Du, du, der Fremde!«
»Setz dich wieder her! lch will es dir erzählen. Und nicht nur das allein. Du mußt nun Alles erfahren, Alles. Der Ustad wird es mir erlauben.«
Nun weihte ich ihn in unsere Geheimnisse ein. Er hörte ruhig zu und zeigte selbst dann nicht die geringste Aufregung, als ich ihm mitteilte, daß und für wann sein Todestag bestimmt worden sei. Er öffnete vorn den Alkalok und das seidene Pirahen. Da sahen wir ein wunderbar gearbeitetes Panzerhemde schimmern.
»Du siehst, Effendi,« sagte er, »daß Ahriman Mirza nicht der Einzige ist, der die Notwendigkeit der Vorsicht kennt. Er trachtet mir nach dem Leben; das habe ich schon längst gewußt, und ich werde Euch hierüber noch sehr Interessantes berichten. Neu ist mir nur, daß der Tag, an dem ich sterben soll, so genau festgesetzt worden ist. Ich bin an diesem Tage hier bei Euch, Ahriman auch, der Mörder ebenso. Das ist eine Schalkhaftigkeit des Schicksales, für welche ich herzlich dankbar bin. Wer da noch vom starrsinnigen Fatum oder vom blinden Kismet sprechen kann, der ist ein Tor, der niemals klüger werden wird. Aber das beantwortet mir doch Alles noch nicht meine Frage, woher du erfahren hast, wer Kaiser und wer Kaiserin werden soll!«
»Ich hatte dir erst das Vorangehende zu sagen. Nun kommt die eigentliche Antwort, welche auch den Ustad interessieren wird, weil er noch nicht weiß, was sich während seiner Abwesenheit hier ereignet hat. Ihr sollt es jetzt hören.«
Ich gab meinen Bericht, auch über den Traum, und verschwieg nichts, als nur den einen Umstand, daß mir Syrr gleich bei dem ersten Versuche gehorsam gewesen war. Die beiden Zuhörer folgten meinen Worten mit der größten Spannung, der Ustad still, Dschafar Mirza aber mit ganz besonderer Lebhaftigkeit. Als ich fertig war, tat es der Letztere nicht anders, ich mußte sofort die Beweise holen, welche der Aschyk mir ausgeliefert hatte.
Das tat ich natürlich gern; ich hatte sie ja selbst noch nicht durchsehen können. Das taten wir nun gemeinschaftlich. Ich kann sagen, daß sie alle unsere Erwartungen weit übertrafen. Was wir über Ahriman Mirza Neues erfuhren, war zwar von ganz bedeutender Wichtigkeit für uns und mußte ihm unbedingt verderblich werden, konnte uns aber nicht verwundern. Wenn seine Mittel auch als noch so verwerflich bezeichnet werden mußten, und wenn seine Ziele auch noch so unerlaubte waren, so hatte er seinen Haß doch immer Haß genannt und war zu stolz, fast möchte ich sagen, zu ehrenhaft gewesen, zu verbergen, daß er wühle. Das hat man selbst am ärgsten, am schlimmsten Feinde anzuerkennen und wird ihn, wenn es möglich ist, hiernach behandeln. Was aber den Scheik ul Islam und seine von Allah zur Alleinseligkeit berufene Partei betrifft, so waren wir geradezu empört über das, was wir da lasen und erfuhren. Das klang Alles so mild und freundlich, so leutselig und demütig, so tiefreligiös und gottgefällig, so edel und erhaben, so hart und unerbittlich, so dünkelhaft und hochmütig, so pfauenstolz und truthahneitel, so fanatisch und bigott, so ekelhaft feierlich und weihevoll und darum so schändlich, gemein und niederträchtig, daß Dschafar sich schließlich nicht länger beherrschen konnte. Er sprang auf, spuckte dreimal aus und sagte:
»Das ist schändlich, nichtswürdig und infam! Diese Schurken gebärden sich, als ob sie den Herrgott zu beschützen und seine ganze Menschheit zu behüten und zu bewahren hätten. Dabei aber retten sie nur immer sich, sich, sich und keinen andern Menschen! Weil sie weder Geist noch Vernunft besitzen, glauben sie sich von jedem vernünftigen Worte angegriffen und schlagen ihre mißverstandenen Kuransprüche Jedem an die Backen, der besser, tiefer und höher denkt als sie! Wehe dem, der daran zweifelt, daß sie die Einzigen sind, die Allahs Licht erleuchtet! Sie können sich leicht bescheiden stellen, denn sie sind geistig dumm! Und sie können ebenso leicht erhaben und unfehlbar tun, weil sie leider nicht die einzigen geistig Dummen sind! Und diese Menschen nehmen es dem Schah-in-Schah übel, daß bei uns die Familie ein Heiligtum ist, vor dessen Tür sie mit ihren salbungsvollen Schritten innehalten müssen! Der Hausherr soll nicht mehr Herr des Hauses sein, sondern sie, sie, sie wollen es regieren! Besonders aber haben alle Frauen durch das geheimnisdüstre und verschwiegene Bab87 zu gehen, von welchem diese Babi ihren Namen herleiten! Oh, ich kenne diesen Scheik ul Islam von Feraghan aus! Dieser Schwachkopf ist überzeugt, daß er zur Belohnung von dort nach Chorremabad versetzt worden sei. Er ahnt nicht, daß sein treues Luristan das Bab sein soll, aus dem man ihn mit einem gänzlich unerwarteten Fußtritt werfen wird! Er ist so tölpelhaft, es sich selbst zu öffnen, jetzt eben, jetzt, und wir sind es, wir, von denen er den Fußtritt zu bekommen hat! Es werden noch viele, viele Andere mit ihm fliegen!«
Nun setzte er sich wieder nieder, hatte sich aber seines Zornes noch nicht ganz entledigt. Er fuhr fort:
»Wie gut, daß ich durch dich, Effendi, diesen tiefen und klaren Einblick gewinne! Es gehen also eigentlich zwei Empörungen gegen den Schah neben einander her. Die eine leitet der Fürst der Schatten, die andere der Scheik ul Islam, welcher aber nicht weiß, wer dieser Fürst der Schatten ist. Der Aschyk sollte es erspähen. Für beide ist Ahriman Mirza als zukünftiger Herrscher in Aussicht genommen. Auf welche Weise dieser Prinz den Scheik ul Islam für sich gewonnen hat, das ist für uns jetzt Nebensache. Beide Heerlager wollen sich vereinigen und hier bei uns beginnen. Welch eine Vereinigung! Die Frommen mit den Gottesleugnern, die Grundehrlichen mit den Fälschern und Betrügern, die Auserwählten Gottes mit den Auserkorenen des Teufels! Die Einen haben sich stets als die Aristokraten des Glaubens und der Religiosität und die Andern als Farmasonha88, als niedrige Demokraten, als ketzerisches Gesindel bezeichnet; nun aber schließen sie mit ihnen Bruderbund, um sie zum Dank dann anzuspein und wieder wegzuwerfen! Effendi, ich bitte dich, mir diese Beweise anzuvertrauen, nicht für immer, sondern nur für einige Stunden. Ich weiß, wie wertvoll sie Euch zur Entlarvung Eurer persönlichen Gegner werden können; aber ich muß sofort einen Bericht für den Schah-in-Schah anfertigen und dabei ihren Inhalt vor mir liegen haben. Wirst du mir diese Bitte gewähren? Sie sind in meinen Händen sicher, und du bekommst sie dann sogleich zurück.«