Kitap dosya olarak indirilemez ancak uygulamamız üzerinden veya online olarak web sitemizden okunabilir.
Kitabı oku: «Im Reiche des silbernen Löwen IV», sayfa 28
»Nimm sie mit,« antwortete ich. »Dir und dem Ustad kann ich sie gern anvertrauen; ein Anderer aber bekäme sie wohl nicht. Wann willst du diesen Bericht schreiben? Du sagst, sofort. Hältst du das für nötig?«
»Allerdings. Es eilt. Darum werde ich ihn, sobald er fertig ist, durch einen zuverlässigen Boten nach Mihribani senden. Aber – – freilich – – ich habe nur Reitknechte mit. Ich konnte nicht an die Notwendigkeit einer solchen Botschaft denken und muß darum Euch um einen Mann ersuchen, der sich eher totschlagen läßt und meinen Bericht vorher verschlingt, ehe er ihn in falsche Hände kommen läßt.«
Der Ustad sah mich fragend an. Es gab unter den Dschamikun wohl Manchen, der geeignet war, aber er kam dennoch nicht sogleich auf einen bestimmten Namen. Da sagte ich:
»Unser Kara Ben Halef! Er besitzt alle Eigenschaften, welche hierzu erforderlich sind. Trotz seiner Jugend können wir ihm wohl am meisten vertrauen. Außerdem stehen ihm die echten Eilkamele der Haddedihn zur Verfügung. Es giebt also für ihn nicht die geringste Gefahr, denn kein Mensch würde ihn einholen können. Er braucht nicht mehr als zwei Tage hin und zwei her. Wenn Ihr ihm einen Mann mitgebt, der den Weg nach Mihribani kennt, so kann er am Donnerstag Abend wieder hier sein. Muß er aber auf Antwort warten, dann allerdings erst am Freitag.«
Dieser Vorschlag fand solchen Anklang, daß ich mich gleich aufmachte, um mit Kara zu sprechen. Dschafar begleitete mich nach unten. Die Dokumente in der Hand, ging er nach seinem Turme.
Kara befand sich bei seinen Eltern. Als ich hinaufkam, saß Halef aufrecht im Bette, nur ganz leicht gestützt.
»Willkommen, Sihdi!« rief er mir mit ziemlich kräftiger Stimme entgegen. »Du schaust so eilig aus?«
»Es ist auch eilig, mein lieber Halef. Ich komme, um dir den Sohn für mehrere Tage zu nehmen. Er muß eine Botschaft übernehmen, welche ich nur dem Zuverlässigsten, den ich hier kenne, anvertrauen kann.«
»Dem Zuverlässigsten? Hältst du unseren Kara dafür?«
»Ja.«
»Allah segne dich! Das ist wieder Arznei! Das hilft; das stärkt! Das macht mich schnell gesund! Wo soll er hin?«
»Zum Schah-in-Schah.«
»Zum – – —!«
Das Wort blieb ihm vor Freude und Staunen im Munde stecken.
»Ja, zum Schah-in-Schah!« wiederholte ich. »Mit höchst wichtigen Depeschen!«
»Zum Schah – – – in – – – Schah – —!« brachte er jetzt hervor, indem er die Hände selig zusammenschlug.
»Mit höchst wichtigen Depeschen!« fügte Hanneh hinzu, die vor Wonne strahlte, denn das war wieder Etwas, was noch nicht dagewesen war, eine Ehrung sondergleichen.
Kara aber war still. Er sagte nichts. Das war so seine Art!
Ich erklärte ihnen die Angelegenheit. Da ging Kara, um die Eilhedschihn zu füttern und zu tränken. Halef aber hielt mir seine Hand hin und sagte:
»Sihdi, das kommt von dir. Ich weiß es, daß du ihn vorgeschlagen hast, denn ich kenne dich. Du weißt allerdings, daß Kara der richtige Bote ist, aber du hast dabei auch an uns, seine Eltern gedacht. Das ist abermals Arznei! Wenn das so fortgeht mit den frohen Botschaften, so springe ich noch heut von meinem Lager auf und laufe in einer Tour den ganzen Berg hinunter! Seit ich hier oben im Freien liege, werde ich wie im Galopp gesund!«
Von hier aus ging ich zu den Pferden. Schon war ich an der Küchentür vorüber, da hörte ich hinter mir rufen. Ich drehte mich um. Pekala kam mir nach. Sie tat sehr heimlich.
»Effendi, weiß du, daß heute Sonntag ist?« fragte sie halblaut.
»Natürlich!«
»Und daß da mein Aschyk kommen wollte?«
»Ja.«
»Er kommt aber nicht!«
»So? Warum nicht?«
»Er hat sich anders besonnen und läßt dich bitten, nicht auf ihn zu warten.«
»So war er aber doch wohl da? Denn du hast mit ihm gesprochen?«
»Ja, er war da.«
»Wann?«
»Heut früh. Des Sonntags stehe ich immer eher auf als sonst, weil ich, wenn die Glocken läuten, mit der Arbeit fertig sein will. Heut war es nun noch zeitiger als gewöhnlich. Ich ging in den Garten, um Soghanlar89 zu holen; da stand mein Aschyk plötzlich vor mir und sagte, daß er schon jetzt gekommen sei, weil er heute Abend nicht dasein werde.«
»Wo will er da wohl hin?«
»Das weiß ich nicht. Ich konnte ihn nach gar nichts fragen, weil er keine Zeit hatte, mir zu antworten. Aber es war sehr rührend, als er ging, sehr!«
»Wieso?«
»Er ergriff meine Hand und streichelte mir mit seiner anderen Hand über den Kopf, so – – so – —«
Sie zeigte mir, wie er es gemacht hatte, und fuhr dann fort:
»Und dazu sagte er: »Pekala«, sagte er, »wir haben im letzten Jahre viele, sehr viele Lügen gemacht, und der Ustad und der Effendi sind doch so liebe und so gute Menschen, die man auf keinen Fall belügen oder gar betrügen sollte. Versprich mir, daß du ihnen von heute an die volle Wahrheit sagen willst, wenn sie dich nach mir fragen!« Da habe ich es ihm versprochen und ihm auch die Hand darauf gegeben, daß ich es halten werde, denn – – —«
Sie hielt inne, weil ihr die Tränen kamen. Da wischte sie sich die Aeuglein und auch das kleine Näslein an der Schürze und fuhr hierauf fort:
»Denn mit dem Lügen ist es – – – verzeihe mir, Effendi! Ich nehme dann nachher zum Kochen gleich eine andere, eine neue Schürze – – – denn mit dem Lügen ist es eine schlimme Sache. Man kann nämlich nicht schlafen, wenn man dich oder den Ustad belogen hat, und so will ich dir denn jetzt ganz offen sagen – – —«
Sie wischte sich jetzt abermals, und zwar sehr nachhaltig, was sie jetzt nun doch wohl durfte, weil sie ja nachher eine neue Schürze nehmen wollte, und sprach weiter:
»– – – will dir ganz offen sagen, daß die Sache anders gewesen ist, als ich dir erzählt habe. Es muß vom Herzen herunter, sonst halte ich es nicht aus! Mein Aschyk ist nämlich nicht nur alle Monate gekommen, sondern – – —«
Da unterbrach ich sie:
»Laß das jetzt, Pekala! Ich wünsche nicht, daß du dir wehe tust.«
»Ich soll es dir nicht erzählen?«
»Nein.«
»Aber da bringe ich es doch nicht herunter und kann heute Nacht wieder nicht schlafen!«
»Doch, doch! Es ist nämlich genau so gut, als ob du es erzählt hättest. Der Ustad und ich verzeihen es dir. Wenn wir es einmal wissen wollen, werden wir dich schon selbst fragen. Dann aber mußt du uns freilich die volle Wahrheit sagen, keine Lüge mehr!«
Da wurden ihre Aeuglein wieder klar; das Näslein verlor die Lust, sich kummerfeucht zu zeigen, und sie antwortete schnell:
»Lüge? Nie wieder, nie, niemals! Wir sind wahrscheinlich selbst auch belogen worden, besonders vom Scheik ul Islam, der gesagt hat, daß er bloß sein Schreiber sei!
Von ihm hat mir mein Aschyk eine Schlechtigkeit mitgeteilt, die ganz unerhört ist!«
»Ich denke, er hat gar nicht viel mit dir gesprochen!«
»Das ist auch wahr, aber dieses doch! Denke dir, dieser armselige Scheik des Islam hat behauptet, meine Nase sei zu klein, mein Maul zu groß und mein Gang wie Elefantentrab! Der soll mir einmal wiederkommen! Ich warte schon darauf! Was so eine Lüge anrichtet, das glaubst du gar nicht, Effendi! Ich habe diesen ganzen Tag daran denken müssen und mich vor Aerger wenigstens hundertmal vergriffen. Dem Pedehr habe ich seinen Kaffee nicht von Bohnen, sondern von Pfefferkörnern gekocht. Denke dir sein Gesicht, als er trank! Den Leuten habe ich Salz anstatt Zucker in die Limonade geschüttet! Und in dem Eierkuchen, den ich für mich selbst gebacken habe, fand ich einen Strang schwarzen Nähzwirn, vier Knöpfe und eine bleierne Flintenkugel. Ist das nicht geradezu fürchterlich, was solche Lügen für schreckliche Folgen haben? Meine Nase zu klein! Wenn dieser Mensch sich wiedersehen läßt, bekommt er den ganzen Eierkuchen ins Gesicht, den ganzen, gleich auf einmal! Ich hebe ihn mir auf! Der liegt bereit, alle Tage, und schwapp, da hat er ihn!«
Sie machte mir mit den Händen die betreffende Bewegung vor. Ich mußte lachen; sie aber meinte es ernst. Der Aschyk schien seine Pekala zu kennen. Er hatte dem Scheik ul Islam diese Sünden gegen die weibliche Schönheit in den Mund gelegt und damit mehr erreicht, als er durch alle möglichen Warnungen und Ermahnungen hätte erreichen können. Ich durfte überzeugt sein, daß sie den frommen Herrn niemals wieder um eine Naddara bitten werde! Sie fuhr fort:
»Nur den Lügen dieses Scheik ul Islam ist es zuzuschreiben, daß mein Tifl fortgegangen ist, obgleich ich ihm so gute Worte gab, bei uns zu bleiben. Er hatte ihm weisgemacht, hier bei uns werde er es doch zu nichts bringen; wenn er aber mit ihm gehe und beim Rennen den Kiss-y-Darr90 reite, werde er sofort unter die Aeltesten der Taki-Kurden aufgenommen; in einem Jahre könne er schon Scheik geworden sein, und dann werde sich kein Ustad mehr weigern, die Dschamikun durch einen Bund mit den Taki-Nachbarn so mächtig zu machen, daß sich kein Feind mehr an sie wagen könne.«
»Ah, so! Das, das ist die Leimrute gewesen, an welcher Tifl hängen geblieben ist! Er glaubte, es gut mit uns zu meinen?«
»Wie denn anders, Effendi? Denkst du etwa, daß Tifl im stande sei, jemals unsern Schaden zu wollen? Das »Kind« ist eben noch dumm. Ich habe es zu erziehen. Später, wenn diese Erziehung vollendet ist, wird es keinem Scheik ul Islam mehr gelingen, ihm Sand in die Augen zu streuen. Und das »Kind« ist nicht bloß dumm, sondern auch gescheidt und klug. Es wird sich drüben bei den Taki-Kurden umschauen und sehr bald einsehen, daß man es dort nur an der Nase führen will. Dann kommt es wieder. Darauf kannst du dich verlassen, Effendi. Ich freue mich schon darauf!«
»Wie hieß das Pferd, welches er gegen uns reiten soll?«
»Kiss-y-Darr.«
»Sonderbarer Name! Was ist das für ein Pferd?«
»Das weiß ich nicht. Tifl hat ihm weiter nichts gesagt, als daß es eigentlich das Eigentum des Ustad sei. Nun aber muß ich in die Küche, Effendi, weil es heut eine große Sukdscha91 mit Zucker und Zitrone gibt. Die hat der Ustad mich gelehrt, zu machen. Sie ist eines seiner Leibgerichte in der warmen Jahreszeit, und so soll er sie heut bei seiner Heimkehr haben.«
»So hüte dich, wieder Salz anstatt Zucker zu nehmen!«
»Allah verhüte es! Aber mein Aerger ist noch nicht heraus, und so wäre es wohl kein Wunder, wenn ich es täte!«
Sie kehrte in ihr Reich zurück, und ich setzte meinen unterbrochenen Weg nach der Pferdeweide fort, wobei ich mich mit einigen Aepfeln versah, nicht nur für Syrr, sondern auch für Assil. Denn, so lächerlich es auch klingen mag, weil es sich doch nur um Tiere handelt, es erschien mir ungerecht, dem einen, wohlverdienten, Etwas vorzuenthalten, was das andere bekam, ohne schon auch nur Aehnliches geleistet zu haben. Sie standen bei einander, fast zärtlich Kopf an Kopf. Ich gab ihnen die Aepfel nicht direkt, sondern ich legte sie vor sie hin in das Gras. Beide senkten die Köpfe zu gleicher Zeit, hoben sie aber auch zugleich wieder in die Höhe. Warum? Aus Neidlosigkeit. Edles Blut! Keine Spur von Habgier. Jedes von ihnen sah, daß das andere die Früchte haben wollte und zog darum den Kopf bereitwillig zurück. Keines langte wieder nieder. Syrr aber rieb sein Maul an Assils Hals. War das eine Aufforderung, zu nehmen und zu fressen? Ich hob die Aepfel auf und gab jedem das Seinige. Da langten beide zu – – – Tiere!
Von jetzt an versorgte ich auch Assil wieder mit eigener Hand. Er war das so gewohnt und hatte es verdient.
Eben als ich beiden Pferden ihre Abendgerste gab, sah ich drüben jenseits der Ruinen einen Reiter kommen, den Duar vermeidend, über Stock und Stein, aus dem hintern Tal herauf quer auf die Brüche zu. Das war fast wagehalsig! Als er den obern Steinbruch erreichte, erkannte ich ihn; es war – – – Tifl. Als ob das Wort seiner Pekala ihn herbeigezogen hätte! Er lenkte nach dem Glockenwege und dann linksab zu mir. Der Schritt seines Pferdes wurde immer langsamer und zögernder, je näher er mir kam. Endlich hielt er ganz an, wohl über zehn Pferdelängen von mir entfernt.
»Effendi, darf ich wiederkommen?« fragte er.
Ich antwortete nicht. Er wartete eine kleine Weile und fuhr dann verlegen fort:
»Da drüben ist die Hölle! Ich mag nichts von ihr wissen!«
Natürlich blieb ich still.
»Und heut kam der Sonntag! Am Freitag plärrten sie den ganzen Tag. Das klang so kindisch. Fast habe ich mich an ihrer Stelle geschämt! Nun betete ich heut. Sie sahen es. Ich tat es still; ich plärrte, plapperte und murmelte nicht wie sie. Da lachten sie mich aus und schimpften mich einen Kafir92. Ich dachte an unsere Glocken, an unsern Sonntagsgesang, an unser Beit-y-Chodeh, an meine gute Pekala, an den Ustad, an dich, Effendi, an Alles, Alles, Alles! Da hielt ich es nicht länger aus. Ich mußte fort, nur fort! Ich kann die Gesichter da drüben nicht leiden. Sie sind so sanft, so fromm und doch so unverschämt! Als ob sie lauter heilige Engel seien und ich ein ganz verlorenes, von Gott verstoßenes Subjekt! Sie wollten mir meinen Chodeh nehmen, den ich verehre. Sie sprachen schlecht von meinem Ustad, den ich liebe. Und sie sprachen von den Dschamikun wie von ganz albernen Geschöpfen, denen man ihren Ustad verbieten müsse, wenn man brauchbare Menschen aus ihnen machen wolle. Das ergrimmte mich so, daß ich sie hätte erwürgen mögen, diese Dummköpfe. Aber ich kämpfte meinen Zorn nieder, ging heimlich aus dem Duar, holte mir mein Pferd von der Weide und – – – – – – nun bin ich wieder da, Effendi!«
Das war eine lange Rede. Er hatte sie nicht etwa fließend gehalten, sondern seine Sätze von Pause zu Pause wie mit Gewalt herausgestoßen. Nun wartete er, ob ich endlich Antwort geben werde. Ich tat es nicht. Da trieb er sein Pferd etwas näher heran, stieg ab, kam auf mich zu und sagte:
»Sprich doch, Effendi, sonst fange ich an, zu weinen! Es war falsch und dumm von mir, daß ich ging. Sei gut wie immer, und verzeihe mir! Was willst du denn auch anders mit mir machen; ich bin doch Euer alter, treuer Tifl!«
Ich war im Stillen gerührt, zeigte ihm dies aber nicht, sondern deutete nach dem Hause und sagte:
»Der Ustad ist wieder da; er mag entscheiden. Geh zu ihm!«
Da holte er sein Pferd. Indem er es an mir vorüberführte, hingen seine Augen an Syrr, mit einer Bewunderung, als ob er etwas Ueberirdisches sehe. Er getraute sich aber nicht, noch Etwas zu sagen.
Ich schaute ihm nicht nach, hörte aber gleich darauf eine weibliche Stimme jubeln. Die Festjungfrau nahm ihr Herzens- und Schmerzenskind wieder in Empfang. Das war eine neue Aufregung für sie, infolge deren die ebenso bedenkliche wie berechtigte Frage in mir auftauchte: Was wird nun wohl aus der Kaltschale werden ?!
Als ich dann wieder vor auf den Hof kam, stand Kara mit den Kamelen zum Aufbruche bereit. Er war gut bewaffnet. Einer von Dschafars Reitknechten sollte ihn begleiten. Der Bericht an den Herrscher war aber noch nicht fertig. Der Ustad stand auf seinem Balkon; er winkte mir, hinaufzukommen. Tifl lehnte an einer der Säulen vor der Halle. Als ich an ihm vorüberwollte, sagte er:
»Effendi, unser Ustad hat mir verziehen; ich darf hierbleiben. Willst du nicht auch so gütig sein wie er?«
»Hat er vergeben, so habe auch ich es getan,« antwortete ich. »Wie du über den Scheik ul Islam denkst, das hast du mir gesagt, und ich hoffe, daß du nicht wieder anderer Ansicht wirst. Wie aber steht es mit Ahriman Mirza? Wer hatte ihm damals Alles über mein Lager hier in der Halle mitgeteilt?«
»Ich war es,« gestand er aufrichtig. »Der Aschyk hatte uns gesagt, daß Ahriman ein großer Freund der Dschamikun sei; er dürfe es sich jetzt nur noch nicht merken lassen. Darum beantwortete ich alle seine Fragen. Ich hielt mich für klüger und unterrichteter, als Ihr alle seid. Ich war überzeugt, daß Ihr mir später rechtgeben und meine Umsicht bewundern würdet. Ich bin aber ein Schaf, Effendi, das allergrößte Schaf, daß es gibt, so weit das Gras hier auf den Bergen wächst!«
»Da hast du Recht, Tifl! Du solltest bei den Takikurden geschoren werden. Sei froh, daß du mit dem Felle davongekommen bist!«
Als ich hinauf zum Ustad kam, empfing er mich mit den Worten:
»Du wirst mich nach Tifl fragen wollen. Mir liegt aber zunächst etwas Anderes auf dem Herzen, wovon du in Dschafars Gegenwart nicht gesprochen hast, nämlich Syrr. Er zeigte mir das Pferd, als ich ihn unterwegs traf, und auch der Schah sprach sogleich mit mir davon.
Als wir in jener Nacht hier bei mir von Syrr sprachen, konnten wir nicht ahnen, daß er sich eine Woche später bei uns befinden werde. Ich sehe unserm Rennen mit Zuversicht entgegen; aber diese Zuversicht würde sich verzehnfachen, ja verhundertfachen, wenn Jemand hier wäre, der ihn reiten könnte. Der Schah ist sehr gespannt darauf, ob du es fertig bringst. Er hält es sogar für nicht unwahrscheinlich, daß es dir gelingen werde. Aber die Tatsache, daß er dich aufsitzen läßt und dich trägt, wohin du willst, genügt doch für so ein Rennen nicht. Du hättest ihn erst wochen-, vielleicht sogar monatelang zu studieren, um seine Schule zu entdecken. Sodann bist du ja noch krank. Es müßte also ein Anderer sein, und den gibt es nicht.«
»Was du da sagst, ist Alles, Alles Nebensache, mein Freund,« antwortete ich. »Die Hauptsache ist doch wohl, ob wir uns anmaßen dürften, Syrr zum Rennen zu benützen.«
»Unbedingt, unbedingt!«
»Du meinst, daß der Schah nichts dagegen hätte?«
»Dagegen? Er würde sich sogar freuen, herzlich freuen, zeigen zu können, daß seine Schule alle andern Schulen schlägt. Der Kampf würde aber ein heißer, sogar ein entscheidender werden, denn wisse, der »Teufel« wird gegen uns geritten, und Ahriman reitet ihn selbst!«
»Der Teufel? Was ist das für ein Pferd?«
»Eine Khorassan-Schecke von wunderbarer Schnelligkeit und Ausdauer. Sie gewann noch jedes Rennen, und zwar spielend, selbst gegen die berühmtesten Pferde. Man hält sie für unbesiegbar und wagt es schon seit Jahren nicht mehr, gegen sie zu setzen. Es heißt »Teufel« und ist ein Teufel, der oberste aller Teufel. Darum heißt die Schecke nicht bloß Schetan oder Scheitan, sondern »Iblis«. Und bezeichnender Weise ist dieser Iblis nicht im Besitze eines Mannes, sondern eines Weibes. Du wirst staunen. Seine Herrin ist nämlich jene Schahsadeh Khanum Gul, die sich »Rose von Schiras« nennen läßt und, wie wir jetzt wissen, Kaiserin von Persien werden will.«
»Höchst kurios! Aber wundervoll!«
»Wundervoll? Das klingt ja, als freutest du dich darüber?«
»Natürlich freue ich mich! Mir ist nur bange, ob man diesen »Iblis« auch wirklich bringen wird. Von Schiras bis hierher ist ein weiter Weg!«
»Schiras? Ah, ich vergesse, daß du ja noch nicht weißt, was ich von Tifl erfahren habe. Ahriman Mirza und die Khanum Gul sind jetzt nämlich in Chorremabad, als Gäste des Scheik ul Islam.«
»Das würde für uns erstaunlich sein, wenn uns ihre Zwecke unbekannt wären. Aber er und sie mögen stecken, wo sie wollen; das ist mir in diesem Augenblicke unendlich gleichgültig. Ich frage nur nach dem Teufel!«
»Der ist auch in Chorremabad. Die Gul reist stets mit Hofstaat und trennt sich nie von ihrem Lieblingspferde.«
»So kommt der »Iblis« also sicher?«
»Ganz gewiß! Er soll uns unser ganzes Vollblut abgewinnen, uns vollständig zuschanden machen!«
»So bin ich zufriedengestellt. Ich reite also den Syrr! Aber kein Mensch darf es vorher ahnen, ausgenommen du und Schakara!«
»Effendi!« rief er aus, indem er einige Schritte von mir zurückwich.
»Ja, ich reite ihn!« versicherte ich. »Das war bis jetzt noch ungewiß; nun aber ist es fest bestimmt.«
»Duldet er dich denn?«
»Mit Vergnügen!«
»Aber du kennst doch seine Schule nicht, und kein einziges seiner Geheimnisse!«
»Er hat weder das Eine noch das Andere. Er hat nie zu Diensten einer Schule oder Wissenschaft gestanden, welche zwar alte Mähren reitet und mißratenes Voll- und Halbblut dressiert, aber niemals ein wirklich edles Pferd gehorsam machen wird, weil sie beharrlich seine Seele leugnet. Und Geheimnis? Ich behandle Syrr nach dem großen und liebevollen Geheimnisse der Natur. Er hat sich gleich beim ersten Versuche einverstanden gezeigt. Ich habe mich nur mit ihm zusammenzuleben. Das Fest beginnt Sonntag. Der Montag ist für die Vorrennen bestimmt. Der Hauptwettlauf folgt Dienstag. Das sind noch neun Tage, also genug Zeit, mich körperlich vollends zu erholen und Syrr ganz für mich zu gewinnen. Ich kenne den »Teufel« dieser Khanum Gul noch nicht. Wer weiß, auf welche Kniffe und Finessen er läuft. Aber wenn ich dir sage, daß ich ihn selbst mit Assil nicht fürchten würde, viel weniger mit Syrr, so kannst du ruhig sein!«
Da lächelte er mir fröhlich ins Gesicht, gab mir die Hand und antwortete:
»Da steht für uns ja Alles, Alles gut, sogar vortrefflich! Ich reite meine Sahm und du den Syrr – – —«
»Vielleicht auch noch den Assil!« fiel ich ein. »Kara soll ihn bekommen. Aber wenn ich es für nötig halte, setze ich mich selbst auf.«
»Dann iß nur, iß, und pflege dich, mein Freund! Denn ich merke, du wirst es sein, der den Ausschlag zu geben hat.«
»Nicht essen, sondern üben ist die Hauptsache. Ich werde damit gleich heute noch beginnen.«
»Dafür ist es zu spät!«
»Nein, denn ich übe nur des Nachts. Es soll Niemand den Syrr eher sehen, als bis zum letzten Augenblick. Man wird uns den »Teufel« nur erst zum letzten, Alles entscheidenden Rennen stellen und meinen, uns damit perplex zu machen. Dann bringe ich meinen Glanzrappen, nicht eher! Bist du deiner Stute sicher?«
»Ein halber Tag im Sattel, so ist sie wieder mein!«
»Schön! Was aber hat es für eine Bewandtnis mit dem sogenannten »Kiss-y-Darr«, von welchem Pekala gesprochen hat?«
»Das ist eine Gemeinheit, eine Infamie sondergleichen gegen mich von Seiten des Scheik ul Islam. Dieses Pferd ist eigentlich mein, ja, ohne allen Zweifel mein; man hat mich darum betrogen, und nun es vollständig niedergeritten worden ist, will man mich mit ihm beschimpfen und blamieren. Laß dir erzählen, Effendi!«
Sein bisher heiteres Gesicht beschattete sich, als er begann:
»Der Name lautet eigentlich nur »Kiss«, bekanntlich das arabische Wort für »Roman«. Warum ich das Pferd, als es geboren wurde, grad so und nicht anders genannt habe, brauche ich nicht dir zu erklären, der du auch Bücher schreibst. Das »y-Darr«, den »Schund«, hat man erst jetzt hinzugefügt! Kiss stammte von edeln Eltern. Er war ein Hellbrauner von besten Eigenschaften und versprach, diesen Eltern und auch mir Ehre zu machen. Eben, als er sich zu einem reitbaren Pferde entwickelt hatte, traf ich mit einem Scheik der Kutubikurden zusammen, der mich bat, ihm dieses Pferd zu seiner Aufzucht gegen eine zu vereinbarende Gebühr zu leihen. Er wolle gern seine Rasse veredeln und sei überzeugt, daß Kiss sich am besten hierzu eigne. Dieser Mann sprach so rechtschaffen, so ehrlich, so bieder, daß ich ihm mein Vertrauen schenkte. Ich lieh ihm Kiss; er ging auf alle meine Bedingungen ein, gab mir Handschlag und Wort und zahlte auch die erste Rate der Leihgebühr. Die übrigen Gratifikationen aber blieben aus. Das war vor zwanzig Jahren. Seit dieser Zeit habe ich trotz aller Fragen und Mahnungen weder eine Gebühr erhalten noch mein Pferd zurückbekommen können. Der Mann ist gestorben. Seine Erben haben Kiss verkauft. Sie und der Käufer behaupten, das Pferd gehöre nicht mir, obwohl sie wissen, daß man solche Rasse überhaupt niemals verkauft. Es ist jedem Kutubikurden bekannt, daß man derartige Pferde höchstens nur gegen eine fortgesetzte und langjährige Rente aus den Händen gibt. Ich habe Kiss nur ein einziges Mal wiedergesehen, vor gar nicht langer Zeit. Er war über zwanzig Jahre alt, abgetrieben, entstellt, verletzt, verhunzt, besudelt, beinahe zur Karrikatur gemacht, und nun hat ihn der Scheik ul Islam sich von dem Käufer schicken lassen, um ihn in dieser Heruntergekommenheit öffentlich gegen mich auszuspielen. Die Karrikatur eines Pferdes sollte von der Karrikatur eines Menschen, nämlich Tifl, hier vorgeritten werden, um vor aller Augen den Beweis zu liefern, welchen verderblichen Einfluß ich auf die Erziehung von Mensch und Tier besitze! Vor allen Dingen aber soll das arme, absichtlich mißhandelte Tier vor dem Rennen nicht als »Kiss«, sondern als »Kiss-y-Darr«, also nicht als »Roman«, sondern als »Schundroman« ausgerufen werden. Du siehst, mit welchen Mitteln diese »Ebenbilder Gottes« gegen mich kämpfen!«
»So ist es also, so!« sagte ich. »Nun ist ihnen aber Tifl entgangen. Vielleicht verzichten sie aus diesem Grunde auf den beabsichtigten Streich?«
»Das denke nicht! Es wird sich schon ein feiler »Taki« finden, dem es eine Wonne ist, sich auf dem Schundroman vor aller Welt zu brüsten, weil ihn ein andres Pferd sofort vom Sattel werfen würde! Nicht etwa, daß ich mich hierüber ärgere, o nein; ich freue mich sogar auf diese Hanswurstiade, denn, denn – – – ich habe Etwas vor!«
»Was?«
»Kiss war edel und ist noch heute edel, trotz seines Alters und trotz seiner Entstellung. Der Kenner sieht sofort, was ursprüngliche Natur und was Verhunzung ist. Ich werde aus diesem Humbug einen Ernst zu machen wissen, an den zu denken, ihnen Geist und Grütze fehlen! Du wirst es wohl erraten?«
»Allerdings. Wenn sie sich einbilden, uns mit ihrem »Schund« schlagen zu können, so werden sie es sein, die beschämt abziehen müssen. Du oder ich, ganz gleich; wir haben uns beide nicht zu schämen!«
»Ich höre, du hast mich verstanden. Uebrigens scheint dieser Plan mit Kiss-y-Darr demselben Gehirn entsprungen zu sein, aus welchem die famose Karawane des Pischkhidmet Baschi93 stammt. Sie sind einander so ähnlich. Mit dem Pferde wollen sie mich blamieren; mit jener Karawane, die auch nur Humbug war, sollte die Ehre des Schah-in-Schah an den heiligen Orten untergraben werden.«
»Woher weißt du das?« fragte ich verwundert, weil auch ich mir schon so etwas Aehnliches gedacht hatte.
»Der Herrscher hat es mir selbst erzählt. Es ist ihm über diese Karawane berichtet worden. Er hat nicht das Geringste von ihr gewußt, und unter seinen Kammerherren befindet sich nicht ein einziger solcher Dummkopf, wie jener sogenannte Pischkhidmet gewesen ist. Darum hat er nachforschen lassen. Die Spuren führten zum Scheik ul Islam, und es stellte sich auch wirklich heraus, daß dieser der Unternehmer des ganzen Schwindels gewesen ist.«
»Und ich habe den Pseudo-Kammerherrn beschützt!«
»Trotz seiner Frechheit und Undankbarkeit! Laß dich das nicht reuen! Dank kennt nur der Gute, aber so ein Mensch doch nicht! Uebrigens kam während dieses Gespräches mit dem Beherrscher noch eine andere Episode vor. Ich war nämlich zweimal bei ihm. Beim ersten Male erzählte ich ihm Alles und zeigte ihm auch den Brief des Aemir-i-Sillan an den Henker und las ihm die Zeilen vor. Da sagte er, daß dieser Henker uns jetzt ganz nahe sei, denn er befinde sich auch hier, habe um eine Audienz gebeten und sei für die jetzige Zeit herbeibefohlen worden. Als ich dann ging, stand der Multasim auch wirklich im Vorzimmer und mußte sofort eintreten. Er hatte seinen Balapuschi94 abgelegt, und der günstige Augenblick erlaubte mir, den Brief in eine Tasche desselben zu schieben, in welcher schon ein Notizbuch steckte; er ist also ganz sicher gefunden worden. Bei der Abschiedsaudienz erfuhr ich vom Schah, daß dieser Mensch die Stirn gehabt habe, mich wegen Mordanschlages und widerrechtlicher Gefangennahme bei ihm anzuklagen und um strengste Bestrafung zu bitten. Der Herrscher hätte ihn am liebsten sofort festnehmen und aufhängen lassen mögen, war aber in Anbetracht unserer Pläne so bedacht gewesen, ihm den ruhigen Bescheid zu erteilen, daß er das Resultat seiner Zeit erfahren werde. Hierauf hatte Ghulam el Multasim angenommen, daß er seinen nächsten Aufenthaltsort nennen müsse, und gesagt, daß er jetzt nach Chorremabad gehe, um dort der Gast des Scheik ul Islam zu sein. Hätte er geahnt, was der Schah über diesen Würdenträger wußte und dachte!«
»So haben wir also die lieben Freunde jetzt in unserer Nähe, und wahrscheinlich kommen noch immer mehr hinzu!«
»Ja; es drängt nun Alles auf die Entscheidung hin, und unser Rennen wird der Anfang vom schnellen Ende sein!«
»Dann los! Heut Abend, wenn mir Niemand mehr begegnen kann, reite ich zum ersten Male mit Syrr aus.«
»Wohin? Zur Rennbahn?«
»Jetzt das noch nicht. Ich muß ihm zunächst Freiheit geben, weiten Spielraum. Vielleicht wähle ich den Weg nach den Pässen hin.«
»Da müßtest du durch den Duar, den du doch wohl besser vermeidest. Wende dich lieber nach Norden. Drüben den Steinbruchweg hinab, links um den Berg herum und dann über die breite, grasige Talsenkung rechts. Da kommst du bald auf eine Ebene, wo man sogar in finstrer Nacht gefahrlos galoppieren kann, weil der Boden so glatt und sicher ist wie hier die Bretterdiele.«
Hier mußte unsere Unterredung ein Ende nehmen, denn wir sahen Dschafar aus dem Wartturme kommen, den Brief an den Schah in der Hand. Da gingen wir hinab, um Kara noch einige Worte und Wünsche mitzugeben. Sein Vater hatte sich das Bett ganz vor an den Rand des Daches schaffen lassen, um den Sohn fortreiten zu sehen.
»Allah begleite dich, mein Liebling!« rief er herab. »Sag dem Schah-in-Schah unsern Dank. Den nächsten Brief werde ich ihm selber bringen! Nun geh, und komm zurück, wie du gegangen bist: gesund und mit einem Schreiben!«
Nur wenige Minuten später stand ich hinten bei den Pferden. Ich schaute zum See hinab. Da sah ich Kara und seinen Begleiter schon weit über demselben draußen. Es ist fast unglaublich, was so ein ächtes, gutgezogenes Bischarikamel zu leisten vermag!
Hierauf ging es zur Kaltschale. Sie war vortrefflich. Wenigstens hatte sie nichts von der Aufregung an sich, in welcher ich mir ihre festjungfräuliche Zubereiterin noch immer dachte. Dann pflegte ich der Ruhe, bis es oben und unten still geworden war und ich kein Licht mehr brennen sah. Da holte ich mein Sattelzeug und ging zu Syrr hinab.
Er lag mit Assil abseits von den andern Pferden. Der Mond schien. Als sie den Sattel sahen, standen sie beide auf. Sobald ich aber Syrr zu zäumen begann, legte Assil sich wieder nieder. Er war so sehr verständig!
Ich war natürlich neugierig auf das nun Folgende. Würde es gelingen? Ich stieg auf. Die Füße in die Bügel. Eben wollte ich die Unterschenkel anlegen; da ging der Rappe auch schon vorwärts. Es gab bis in die Ruinen mehrere Biegungen. Kaum dachte ich an die Schwenkung, so war sie schon gemacht. Welch ein feines Empfinden! Und dieser ruhige, sichere Schritt! Leichter, hochgraziöser Rhythmus auf fester Baßunterlage! Drüben ging es am Turm vorüber, auf die Steinbrüche zu. Da stand rechts dichtes Strauchwerk. Bei demselben angekommen, blieb Syrr stehen, ohne angehalten worden zu sein.
