Kitabı oku: «Die Tränen der Waidami», sayfa 3

Yazı tipi:

Tirado öffnete den Deckel der Schatulle und hob eine Pergamentrolle heraus, die mit einem roten Siegel verschlossen war. Mit einem unbestimmten Gefühl reichte er die Rolle Jess Morgan. Der Pirat verzog unwillig das Gesicht, als er zögernd danach griff und sie argwöhnisch in der Hand wog.

»Ich werde mich zurückziehen, damit Ihr in Ruhe den Inhalt der Nachricht studieren könnt.« Tirado klappte den Deckel der Schatulle mit einem dumpfen Geräusch zu und wollte sich zum Gehen wenden.

»Bleibt!« Die Stimme Morgans hatte einen scharfen Unterton, und Tirado blieb überrascht stehen. »Bitte!«, fügte Jess Morgan besänftigend hinzu. »Leistet mir Gesellschaft. Ich werde einen Freund an meiner Seite zu schätzen wissen.«

Tirado nickte und kehrte zu seinem Stuhl zurück. Gespannt setzte er sich und wartete ab. Zu seinem Erstaunen war es diesmal der Pirat, der verunsichert wirkte, als er das Siegel brach. Die Rolle öffnete sich mit einem leisen Knistern, und er sah Schriftzeichen, die er nicht kannte und für ihn in dieser seltsamen Anordnung auch keinen Sinn ergaben. Jess‘ Augen hingegen schienen mühelos über die Schrift zu fliegen und dem Sinn zu folgen, der in ihnen verborgen lag. Tirado lief ein Schauer über den Rücken, als er die Veränderung sah, die sich bei seinem Gegenüber zeigte.

Er hatte es schon zuvor bemerkt, dass die Farbe von Jess’ Augen einem gewissen Stimmungswechsel unterlag. Doch jetzt war nicht zu übersehen, wie sehr sie einem Barometer für die innerliche Verfassung des Piraten glichen. Äußerlich machte Jess den Eindruck, als würde er irgendein nichtssagendes Pergament lesen. Doch der ursprüngliche warme Blauton wechselte innerhalb von Bruchteilen eines Atemzuges über Eisblau in Sturmgrau. Nach einer scheinbaren Ewigkeit ließ Jess die Pergamentrolle mit einer mühsam beherrschten Bewegung sinken und legte sie neben sich auf den kleinen Tisch. Das Gesicht war eine einzige Maske und offenbarte nicht das Geringste, was in dem Mann vorging. Sein Blick war in den Garten gerichtet, der sich im Schatten der Nacht verborgen hielt. Trotzdem lag die Anspannung greifbar in der Luft, als hätte sich ein Moskitoschwarm über die beiden Männer gelegt. Tirado widerstand nur mühsam seiner Neugierde. Wie konnte ein einfaches Schriftstück einen Mann wie Jess Morgan so an den Rand seiner Fassung bringen. Hatte er doch einen Fehler begangen und den Seher unterschätzt?

Jess Morgan stand mit einer müden Bewegung auf und unterbrach den Gedankengang Tirados. Mit schweren Schritten ging er über das im Mondlicht verblasste Mosaik auf die Stufen zu, die in den Garten führten. Dort verharrte er und wirkte plötzlich unentschlossen.

»Jess?«, fragte Tirado besorgt.

»Nicht!« Morgan schüttelte abwehrend den Kopf. Dann wischte er sich mit einer fahrigen Bewegung über das Gesicht. Sein Atem ging schwer, und Tirado konnte jeden Zug hören, mit dem er neue Luft in seine Lungen sog.

»Verzeiht meine Aufdringlichkeit, Jess. Aber offensichtlich gibt der Inhalt dieses Schriftstückes Euch Anlass zur Beunruhigung. Wenn es etwas gibt, mit dem ich Euch zur Seite stehen kann, dann bitte ich Euch, zögert nicht und …«

»Nein!« Jess fiel Tirado harsch ins Wort und blickte ihn verschlossen an. Der Sturm in seinen Augen war abgeklungen und hatte eisiger Ruhe Platz gemacht. »Es gibt nichts, mit dem Ihr mir noch zur Seite stehen könntet.«

»Dann sagt mir, was in dem Pergament geschrieben steht!«, entgegnete Tirado eindringlich.

»Dass nur ein Narr daran glaubt, dass wir einen Sieg errungen hätten und dass Menschen wie ich ihr Leben ändern könnten.« Jess lachte bitter. »Verzeiht mir, Tirado. Aber ich denke, es ist besser, wenn ich mich jetzt zurückziehe.«

Jess verbeugte sich leicht. Tirado bemerkte irritiert, wie verletzt sein Gegenüber plötzlich wirkte, und nickte besorgt.

»Natürlich. Geht und überdenkt die Nachricht in Ruhe. Mein Angebot bleibt bestehen.«

Besorgt verfolgte er, wie Jess zurück in den Palast ging. Seine Schritte hallten seltsam einsam über den steinernen Boden und waren noch zu hören, als er längst dem Blick Tirados entschwunden war.

*

Jess fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen. Seine Füße trugen ihn fort von Tirado, der ihn genauso verständnislos angesehen hatte, wie er sich selbst fühlte. Hatte er wirklich geglaubt, dass es so einfach werden würde? Ja, er hatte die Treasure zurück, doch Bairani lebte und die ständige Bedrohung durch ihn bestand weiterhin. Bestand für alles, was er sich erhoffte und ersehnte; bestand für jeden, der ihm etwas bedeutete und den er liebte. Bairani würde nicht ruhen, bis er ihn hatte. Es gab keine Atempause, in der er sich gemütlich zurücklehnen und den kleinen Sieg genießen konnte. Die Schriftrolle war unmissverständlich gewesen. Es blieb ihm keine Zeit!

Jetzt!

Jetzt und nicht später!

Noch nicht einmal in zwei Tagen musste er weitermachen. Bairani lauerte in den Weiten der karibischen See und schmiedete seine Pläne. Jeder Tag war ein Tag mehr, an dem der Oberste Seher an seiner Macht arbeiten konnte.

Jess blieb stehen und atmete tief ein. Er konnte es ja kaum selbst glauben. Wie sehr hatte er Tamaka auf Bocca del Torres seine Verachtung spüren lassen. Er hatte sich noch nicht einmal von ihm verabschiedet, obwohl der Seher ihm gesagt hatte, dass sie sich nie wiedersehen würden. Sein Hass auf die Manipulation von Menschen, die Tamakas Visionen dienlich waren, war zu groß gewesen. Und doch folgte er ihm nun, auf ein paar Worte hin, wie ein geduldiges Opferlamm, das nichts anderes verdiente, als am Ende vom Löwen gefressen zu werden.

Versonnen blickte er den Gang entlang, an dessen Ende der Raum lag, den man ihm und Lanea zugewiesen hatte. Jess rollte die Schriftrolle auseinander und las ein weiteres Mal die Worte Tamakas, die mit Sorgfalt aufgezeichnet worden waren und sich mit eben der gleichen Sorgfalt in sein Leben fraßen. Der Seher hatte genau gewusst, wie er reagieren würde. So, wie er alles gewusst hatte. Jess knirschte ärgerlich mit den Zähnen und ging weiter. Es hatte keinen Sinn, es weiter hinauszuzögern. Entschlossen, aber vorsichtig öffnete er die Tür. In dem Raum herrschte fast vollständige Dunkelheit. Eine einzelne Kerze brannte noch neben dem Bett und warf ihren warmen Lichtschein auf Lanea, die tief und fest schlief. Ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig, und ihre friedvolle Strömung erfüllte den Raum.

Jess trat neben das Bett, dessen schwere Vorhänge ordentlich zusammengenommen an die vier Bettpfosten gebunden waren. Lange stand er so da und betrachtete wieder einmal ihre gleichmäßigen Gesichtszüge. Wie immer überkam ihn das starke Verlangen, sie berühren zu müssen, und er hob seine Hand. Jess spürte bereits ihre Wärme, so nah war er ihr. Doch dann verharrte er. Gequält stöhnte er auf und zuckte zusammen, als das Geräusch ungewollt laut durch die Dunkelheit schwang. Die Unruhe über das soeben Gelesene machte ihn wahnsinnig. Er würde ihr so gerne davon berichten, doch das war nicht möglich. Jess atmete tief ein und sah zu seiner eigenen Überraschung, dass seine Hand leicht zitterte, als er sie wieder zurückzog.

So kurz nur, dachte er bitter, und Verzweiflung hüllte ihn ein. Er konnte nicht länger hier stehen, mit dem Verlangen ihr so nahe zu sein und doch zu wissen, dass sich ihre Wege trennen würden; trennen mussten. Entschlossen wandte er sich ab und trat auf den kleinen Balkon, der an das Zimmer grenzte. Tief atmete er die kühle Nachtluft ein, die das Meer über die Stadt sandte, und schloss die Augen. Er wünschte, dass er sich nicht so sehr darauf versteift hätte, die Monsoon Treasure zurückzubekommen. Sie alle hatten für ihn so viel gegeben und riskiert. Menschen, Freunde waren gestorben, damit er hier stehen konnte. Und jetzt war er dazu gezwungen, sie zu verraten …

Eine Änderung in Laneas Strömungen ließ ihn seine Gedanken unterbrechen.

Sie ist wach, dachte er mit einer Spur von Entsetzen, und griff nach dem schmiedeeisernen Geländer, um sich daran festzuklammern.

»Jess?«

Bei dem Klang ihrer verschlafenen Stimme richteten sich seine Nackenhaare auf. Ihre Ahnungslosigkeit bedrohte ihn auf eine Weise, dass er sich gezwungen fühlte, in Abwehrhaltung zu gehen. Vielleicht sollte er die Nacht besser auf der Treasure verbringen. Vielleicht war es besser, sich jetzt sofort von ihr zurückzuziehen, um ihrer beider Qual nicht noch zu vergrößern.

»Jess?«, wiederholte sie leise. Das leichte Rascheln der Bettdecke verriet ihm, dass sie aufgestanden war und sich ihm zögernd näherte. »Ist alles in Ordnung?«, fragte sie besorgt.

»Nein!« Jess schüttelte den Kopf, bemüht seiner Stimme einen normalen Klang zu geben. »Ich kann nur nicht wirklich an Land schlafen, wie du weißt.«

»Hm, wir müssen ja nicht schlafen.« Ein verheißungsvolles Lächeln lag auf ihrem Gesicht, als sie neben ihn trat und er sie ansah. Ein Stich durchfuhr sein Herz. Etwas in ihm zerriss. Der Gedanke daran, dieses Gesicht nicht mehr wiedersehen zu können, raubte ihm für einen Moment die Stimme. Er begehrte sie so sehr, dass er seine Hände noch fester um das Geländer klammerte, um sie nicht an sich zu reißen. Lanea hatte sich nachlässig in das dünne Betttuch gewickelt und wirkte so verletzlich.

Jess stöhnte innerlich. Er konnte sie nicht verlassen, nicht heute Nacht. Er würde jeden Augenblick mit ihr auskosten und hoffen, dass ihm das die Stärke verlieh, nicht umzudrehen und vor dem wegzulaufen, was vor ihm lag.

Lanea trat näher an ihn heran und umarmte ihn, dabei rutschte das Tuch von ihren Schultern. Jess erschauerte. Es hatte keinen Sinn, er konnte sich nicht gegen sie wehren. Voll Begierde griff er mit beiden Händen nach ihrem Gesicht und senkte seine Lippen auf ihren lächelnden Mund, als könnte er nur dort Heilung für seinen Schmerz finden.

Lanea seufzte und schmiegte sich an ihn, während Jess seine Lippen an ihrem Hals hinunter wandern ließ.

»Keine Dämonen heute Nacht«, flüstere er rau und hob sie auf seine Arme, um sie zurück in das Zimmer zu tragen.

*

Als Jess Stunden später die Augen aufschlug, blinzelte er überrascht. Über sich erkannte er einen schweren, nachtblauen Betthimmel und für einen Moment konnte er nicht glauben, was er sah. Das war zweifellos das Bett aus dem Gemach, das er und Lanea im Palast für ihren Aufenthalt zugewiesen bekommen hatten. Er war an Land und hatte geschlafen! Eine Nacht an Land, voller Schlaf und ohne böse Dämonen!

Langsam drehte er seinen Kopf auf die Seite. Neben ihm breitete sich das rote Gewirr von Laneas Locken aus und verdeckte die Sicht auf sie. Sanft pustete er in ihr Haar. Vereinzelte Strähnen erhoben sich in dem warmen Strom, bevor sie federgleich auf das Kissen zurücksanken. Jess lächelte unbewusst. Es musste an ihr liegen. Sie strahlte so viel Friedlichkeit aus, dass die Dämonen seiner Taten an ihr nicht vorbei kamen. Sein Schrecken war nicht ihr Schrecken, und sie musste mit ihrer Unverdorbenheit eine Art Schutzwall um ihn gebildet haben.

Jess seufzte leise und richtete seinen Blick auf die offene Balkontür. Der Morgen graute bereits. Die Sonne warf ihre milden Strahlen in das Zimmer und brachte einen neuen Tag mit sich, der keine Hoffnung in sich trug. Mit einem Schlag war das dumpfe Gefühl wieder da, mit dem er gestern Nacht den Raum betreten hatte. Er schluckte hart und setzte sich vorsichtig auf. Leise schlug er die Decke zurück und achtete sorgfältig darauf, Lanea durch seine Bewegungen nicht zu stören. Sein Herz schlug heftig, als er sich erhob, seine Kleidung nahm und sich eilig ankleidete. Er wollte nur noch fort von hier und konnte doch nicht den Blick von Laneas Körper wenden, der sich entspannt unter der dünnen Decke abzeichnete. Jess schlüpfte in seine Stiefel, sein Herz hämmerte inzwischen in seiner Brust, als hätte er einen anstrengenden Lauf hinter sich. Dann band er sich mit gehetzten Bewegungen sein Schwert um und dachte nur daran, so schnell wie möglich aus Laneas Gegenwart zu flüchten. Trotzdem trat er ein letztes Mal an ihr Bett und warf einen sehnsüchtigen Blick auf sie.

»Ich liebe dich«, flüsterte er, und seine Stimme kam ihm seltsam tonlos vor.

Jess ballte die Hände zu Fäusten, um sie nicht doch noch nach ihr auszustrecken. Er konnte ihren Anblick kaum ertragen, in dem Wissen, dass er sie hier zurückließ, ohne ein Wort und für immer.

Entschlossen wandte er sich ab und ging auf die Tür zu. Er fühlte sich steif und musste sich eisern zu jedem Schritt zwingen. Tief atmete er ein, als seine Hand nach der Tür griff und sie öffnete. Der Wunsch in ihm war übermächtig, einfach umzudrehen, zu ihr zu gehen und sie zu wecken. Es brauchte nur ein einziges Wort von ihr, und er würde nicht die Kraft haben, zu gehen.

Halt mich zurück, dachte er verzweifelt und schritt dennoch hinaus auf den schwach beleuchteten Gang mit der schrecklichen Gewissheit, das Wertvollste in seinem Leben in diesem Raum einfach so zurückzulassen.

Ein einzelner Diener saß auf einem Hocker neben der Tür und blinzelte ihn überrascht an. Auf seinen Augen saß noch der trübe Schleier, den der Schlaf darübergelegt hatte. Schuldbewusst sprang der dicke Mann auf und zupfte seine schlecht sitzende Jacke zurecht.

»Verzeiht, Señor! Habt Ihr einen Wunsch? Ich bitte um Entschuldigung für meine Unachtsamkeit, aber ich habe Euch nicht rufen hören.«

Als ob du mich im Schlaf gehört hättest, dachte Jess leicht verächtlich. Die Stimme des jungen Mannes hatte beinahe weinerlich geklungen, als fürchtete er eine Strafe. Jess schüttelte den Kopf, und augenblicklich entspannte sich das rundliche Gesicht.

»Nein, ich habe nicht nach Euch gerufen. Ich wollte lediglich an die frische Luft«, erwiderte Jess und ging an dem Diener vorbei, der sich schulterzuckend wieder auf seinen Stuhl fallen ließ.

Jess ging, ohne einen weiteren Gedanken an ihn zu verschwenden, den Gang hinunter. Der dicke Teppich, der über die gesamte Länge des Ganges ausgelegt war, schluckte den Klang seiner schweren Stiefel, und er hoffte inständig, sich so unbemerkt davon stehlen zu können.

Alles war ruhig, einzelne Öllampen verbreiteten ein angenehmes Licht, das gerade so viel aus der Dunkelheit riss, dass er seinen Weg erkennen konnte. Als er die große Halle erreichte, verharrte er kurz. Sein Herz jagte immer noch schuldbewusst, und er holte tief Luft. Auch die Halle lag noch im Schlaf und verbarg ihre wahre Pracht wie eine schüchterne Dame hinter einem Fächer aus Schatten. Jess sah sich um. Die Stühle, die an den Seiten aufgereiht waren, konnte er jetzt nur erahnen. Der Teppich, der bisher seine Flucht gedeckt hatte, endete hier, und zu seinen Füßen lag kalter Marmorboden. Wieder machte Jess einen tiefen Atemzug und ging entschlossen auf die große, doppelflügelige Eingangstür zu. Das Klacken seiner Stiefelabsätze hämmerte dabei nachhaltig gegen sein Gewissen. Als er zwischen zwei hohen Säulen hindurch schritt, die zusammen mit anderen in der Halle verteilten Säulen die prunkvoll verzierte Decke trugen, erklang plötzlich eine gelassene Stimme: »Ich frage mich, was es ist, das Euch derart in Bedrängnis bringt, mein Haus heimlich wie ein Dieb in der Nacht zu verlassen?«

»Ihr vergesst, was ich bin, Tirado. Nämlich genau das – ein Dieb und ein Mörder!«, antwortete Jess tonlos und begegnete herausfordernd dem Blick des Gouverneurs, der gelassen aus dem Schatten einer Säule trat. »Ich kehre lediglich zu dem zurück, was ich am besten kann.«

»Und dennoch besitzt Ihr mehr Ehre im Leib als die meisten hochwohlgeborenen Herren, die mein Haus aufsuchen.« Der Gouverneur runzelte nachdenklich die Stirn. »Tamaka scheint wirklich große Macht über Euch zu besitzen, und dies noch über seinen Tod hinaus. Das ist wirklich interessant, und ich hätte es wohl nicht geglaubt, wenn ich es jetzt nicht mit eigenen Augen sehen würde.« Tirado schob seine Gestalt zwischen Jess und dem Ausgang. »Meint Ihr nicht, es ist ein Fehler, noch nicht einmal meine Hilfe in dieser Sache, wie auch immer sie jetzt aussehen mag, zu überdenken? Warum seid Ihr Euch so sicher, dass der Seher Recht hat, mit dem, was er Euch rät?«

»Bisher sind leider seine Vorhersagen ziemlich genau eingetroffen. Ohne seine Hinweise hätte ich die Treasure nicht zurückerhalten.«

»Was habt Ihr jetzt vor? Direkt nach Waidami segeln, und Lanea lasst Ihr einfach hier zurück? Es ist nicht zu übersehen, was Ihr für diese Frau empfindet, mein Freund. Und dennoch geht Ihr, ohne ein Wort?«

Jess betrachtete Tirado aus schmalen Augen. Der Gouverneur sah ihn mitleidig an, als wüsste er um die Verzweiflung, die in Jess tobte.

»Wenn Ihr der Freund seid, wie Ihr es so sehr betont, dann erbitte ich einen Gefallen von Euch, für den ich Euch nicht mehr anbieten kann, als meinen aufrichtigen Dank.«

»Ich bitte Euch, sprecht. Ich erwarte nichts von Euch, außer dem Versprechen, Euer Ziel nicht aus den Augen zu lassen, denn sonst fürchte ich, ist der Preis, den Ihr hier und heute zahlt, zu hoch.«

Jess wollte gerade antworten, als ihn etwas innehalten ließ, und er drehte sich um, um in den Gang zu blicken, aus dem er gerade erst gekommen war.

*

Lanea erwachte mit einem Gefühl der Ruhe, die sie in den letzten Wochen und Monaten nicht mehr gekannt hatte. Immer war ein dumpfes Loch in ihrem Inneren gewesen, das sich auch nicht mit der Fülle der vergangenen Ereignisse hatte stopfen lassen.

Glücklich seufzte sie an die Erinnerungen der letzten Nacht und tastete mit der linken Hand über das Bett, um Jess zu fühlen. Doch ihre Hand tastete ins Leere, und Lanea setzte sich abrupt auf.

»Jess?«, fragte sie in die Leere des Raumes und ihr Herz klopfte von einem Augenblick auf den anderen in ihrer Brust, als wollte es sie mit Gewalt darauf aufmerksam, was sie bereits ahnte. Verwirrt sah sie sich in dem Zimmer um, das langsam von dem aufwachenden Tag aus der Dunkelheit geholt wurde und offenbarte, was ihr Herz verzweifelt zu sagen versuchte.

Jess war nicht da.

Mit einem Schlag war das Loch wieder da und löschte das kurze Glück aus, als wäre es nie da gewesen.

Sicher war er nur gegangen, um auf der Treasure zu schlafen. Doch eine böse Ahnung zwang sie, aufzustehen. Lanea dachte nicht weiter darüber nach. Sie griff nach dem Kleid, das sie gestern über der Kleidertruhe ausgebreitet hatte, schlüpfte rasch hinein und raffte den Stoff vor ihrem Körper zusammen. Dann fuhr sie sich eilig durch ihre langen Haare und eilte auf nackten Sohlen zur Tür und riss sie auf. Der Diener, der neben der Tür auf einem Stuhl gesessen hatte, fiel vor Schreck beinahe zu Boden. Im letzten Augenblick fing er den Sturz ab und stand auf. Erschrocken starrte er sie an.

»Verzeiht, Señora, was kann ich für Euch tun?«

»Ist Señor Morgan vorbei gekommen?«, fragte sie außer Atem und schalt sich gleichzeitig eine Närrin. Als ob Jess durch das Fenster gestiegen wäre.

»Er ist den Gang hinunter gegangen. Der Señor wollte an die frische Luft.« Der Mann zeigte in die Richtung, die geradewegs in die große Eingangshalle führte.

Laneas dunkle Vorahnung warf sich wie ein Mantel über sie und erstickte ihr Herz.

Er geht! Er geht, schrie es in ihr, und sie rannte los.

*

Laneas Strömung traf Jess ungebremst mit der Wucht einer Explosionswelle und ließ ihn aufkeuchen. Sie war wach und ahnte zweifellos, dass etwas nicht stimmte. Gehetzt wandte er sich wieder Tirado zu, der ihn fragend ansah.

»Kümmert Euch um Lanea!«, stieß er hervor und schob den überraschten Gouverneur beiseite. »Mir bleibt keine Zeit, es tut mir leid.«

Er musste fort, bevor sie ihn erreichen konnte. Ihre Strömung war bereits kaum zu ertragen, die sich an ihn klammerte und mit ihrer ganzen Verzweiflung auf ihn einschlug.

Tirado sah ihn enttäuscht an. Doch der Enttäuschung wich Mitleid, als die laufenden Schritte immer näher klangen, die Laneas Kommen ankündigten, und Tirado begriff. Langsam nickte er Jess zu und ergriff dessen Rechte.

»Lebt wohl. Es wird ihr an nichts mangeln.«

Jess atmete tief ein und erwiderte den Händedruck. Er begegnete dem aufrechten Blick seines Freundes.

»Habt Dank, mein Freund«, sagte er rau und rannte auf den Ausgang zu.

»Jess!«

Der Ruf traf ihn wie eine Musketenkugel, die hinterhältig auf seinen Rücken abgeschossen worden war und sein Innerstes zerriss. Jess ignorierte den Schmerz und passierte den Ausgang. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, rannte er die Treppe hinunter, an deren Fuß überraschenderweise ein Diener mit einem Pferd auf ihn wartete. Beide wirkten müde und sahen Jess verschlafen entgegen.

»Guten Morgen, Señor! Der Gouverneur entbietet Euch seine besten Wünsche und die Bitte, diese kleine Aufmerksamkeit anzunehmen.« Der Mann richtete seine Gestalt ein wenig auf, als hätte er sich besonnen, doch noch Haltung anzunehmen.

»Danke!«, antwortete Jess knapp und ergriff die Zügel, die der Diener ihm reichte. Er zögerte kurz und fuhr fort, während er sich in den Sattel schwang: »Richtet dem Gouverneur gleichfalls eine Bitte von mir aus: Er möge mir bei unserer nächsten Begegnung aus dem Weg gehen. Wir stehen nicht wirklich auf derselben Seite.«

Eilig schwang er sich in den Sattel und trieb das Pferd an. Ohne einen Blick zurück, lenkte er es in einem zügigen Trab auf die Straße in Richtung Hafen. Das laute Klappern der Hufe erfüllte mit seinem eiligen Rhythmus den Morgen. Die Häuser glitten mit ihren dunklen Fensterhöhlen an ihm vorbei. Langsam erwachte das Leben in den Straßen, und die ersten Männer und Frauen liefen umher. Doch Jess nahm sie nicht wahr. Sah nur den Weg, der ihn fort von Lanea und hin zu seinem Schicksal führte. Mit seinen letzten Worten hatte er die Brücke in dieses andere Leben eingerissen, und er war sicher, dass es damit kein Zurück mehr für ihn gab.

Jess atmete auf, als er den Hafen erreichte und sein Blick auf die Monsoon Treasure fiel, die friedlich und unversehrt an der Pier lag. Ein Piratenschiff, Seite an Seite mit den spanischen Schlachtschiffen. Ein seltsamer Anblick, den er wohl so nie wieder sehen würde. Für ihn selbst hielt das Ende von Tamakas Vision nichts Gutes bereit, das hatte ihm der Seher damals auf Bocca del Torres nicht verschweigen können. Trotzdem würde er heute der Vision folgen, was blieb ihm anderes übrig, als es wenigstens zu versuchen. Schließlich waren Visionen nur Möglichkeiten. Wenn er den Tod fand, war Lanea nun wenigstens in guten Händen, und wenn er das Ganze überstand, würde er zurückkehren und hoffen, dass sie ihm seine Fehler vergab.

Jess verhielt das Pferd, das leise schnaubte. Auf der Treasure löste sich eine Gestalt aus den Schatten und trat langsam an die Fallreeppforte.

»Captain!« Dan grinste ihn breit an. In seinem Gesicht standen die Spekulationen, warum sein Captain wohl nicht an Bord seines Schiffes geschlafen hatte.

»Guten Morgen, Dan.« Jess sprang ab und wickelte die Zügel eilig um einen Poller. Dann ging er mit langen Schritten über die Laufplanke an Bord. »Weck die Männer, Dan. Wir stechen unverzüglich in See.«

Jess ignorierte das verdutzte Gesicht Dans und ging zum Achterdeck. Dort stellte er sich mit vor der Brust verschränkten Armen an die Balustrade und sah über den Hafen. Noch lag leichter Frühnebel auf der Wasseroberfläche, der jedoch von den rasch kräftiger werdenden Strahlen der Sonne verbrannt wurde und damit die letzten Zeugen der kühleren Nacht vertrieb.

Es dauerte nicht lange, bis die ersten Männer das Deck betraten. Eilig rückten sie ihre Kleidung zurecht und versammelten sich neugierig auf dem Hauptdeck. Jintel war unter ihnen und nickte erstaunt, als Dan ihm den Befehl des Captains weitergab. Doch sofort straffte sich seine Gestalt, und seine kräftige Stimme erscholl: »Auf eure Stationen, ihr verschlafenes Gesindel! Macht, dass ihr auf die Beine kommt!«

Cale kam den Niedergang herauf und sah ihn ernst an. Die Fragen, die ihn beschäftigten standen ihm ins Gesicht geschrieben, aber er grüßte Jess nur knapp und stellte sich dann abwartend neben ihn. Jess nickte ihm zu und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Männer, die eilig den Befehlen Jintels Folge leisteten.

»Klar bei Vor-und Achterleine!«, hörte er seinen Profos rufen und ignorierte die Antworten von Kadmi und Sam, die die Leinen lösten.

Inzwischen waren alle Mann an Deck und hatten ihre Positionen eingenommen. In ihren Gesichtern spiegelte sich Neugier, und Kadmi tuschelte leise mit N’toka, der sich leicht zu dem wesentlich kleineren, jungen Mann hinunterbeugte, um ihn verstehen zu können. Doch niemand stellte offen die Frage, die sie alle beschäftigte. Jess räusperte sich und wartete, bis Fock- und Großsegel gesetzt waren und die Monsoon Treasure auf die Hafenausfahrt zuhielt. Dann umfasste er das glatte Holz der Balustrade und sah über Deck. Die Männer hielten in ihrer Arbeit inne, als ob sie spürten, dass Jess ihnen etwas Wichtiges mitteilen wollte.

»Wir alle sind in diesen Hafen eingelaufen mit der Hoffnung, hier ein wenig Ruhe finden zu können, bevor wir uns in die nächste Schlacht werfen.« Jess machte eine Pause und wusste zum ersten Mal nicht, welche die richtigen Worte waren. »Wir dachten, wir haben einen Sieg errungen, und ich habe, dank eurer Hilfe, die Monsoon Treasure zurückerobern können. Doch in Wirklichkeit scheint Bairani immer stärker zu werden! Gestern erhielt der Gouverneur die Kunde, dass die Waidami eine kleine Küstenstadt überfallen haben und dort ausnahmslos jeden töteten. Beinahe gleichzeitig wurde von ihnen ein Kloster angegriffen. Dieser Überfall konnte jedoch glücklicherweise zurückgeschlagen werden. – Ihr seht also, dass wir nicht wirklich einen Sieg errungen haben. Offensichtlich haben wir sie mit der Schlacht um die Silberflotte noch nicht einmal empfindlich getroffen. Sie müssen inzwischen so viele Schiffe gebaut haben, dass sie mit ihnen die Gewässer förmlich überschwemmen.« Jess machte eine Pause, in der ein entsetztes Raunen durch die Mannschaft ging. »Es ist keine Frage, ob sie uns finden werden und uns vernichten, es ist sicher, dass sie es tun werden. Im Augenblick haben wir aber noch Handlungsspielraum und die Möglichkeit selbst die Entscheidung zu treffen, wann dies sein wird und wie viel Zerstörung sie in dieser Zeit noch anzurichten vermögen.« Jess richtete sich nun kerzengerade auf, mit dem Bewusstsein, dass die Männer wie gebannt an seinen Lippen hingen. »Mein Ziel ist es weiterhin, den Obersten Seher zu vernichten. Aber es gibt nur einen Weg, nahe genug an ihn heranzukommen. Nur wenn er davon überzeugt ist, dass ich auf seiner Seite stehe, dass ich sein Verbündeter bin, wird er seine Aufmerksamkeit irgendwann vernachlässigen, und das wird der Augenblick sein, in dem ich ihn töte. – Ich werde mich also den Waidami wieder anschließen.«

Cale sog scharf die Luft ein und starrte Jess verständnislos an, der ihn ignorierte und sich wieder an die Mannschaft wandte: »Ich werde dies alleine tun. Allerdings kann ich die Monsoon Treasure nicht alleine segeln. Das Einzige, was ich von euch erwarte, ist, dass ihr mich nach Bocca del Torres segelt. Ihr werdet mit einem anderen Schiff die Insel verlassen, sobald die Treasure vor Anker liegt. Die Waidami werden mich dort wenige Tage später finden und mitnehmen.«

Minutenlang geschah nichts. Keiner der Männer sagte ein Wort. Mit bleichen Gesichtern sahen sie zu ihm auf, unfähig ihren Unglauben in Worte zu fassen.

»Das ist Wahnsinn! Das kann nicht dein Ernst sein, Jess«, keuchte Cale. »Wie kommst du auf so einen irrsinnigen Plan? Was denkst du, werden die Waidami mit dir anstellen, wenn sie dich ein weiteres Mal in ihre Finger bekommen? Warum sollten sie es zulassen, dass du dich ihnen anschließt?« Cale war wütend und ballte hilflos die Fäuste.

Jess hob eine Augenbraue und begegnete kühl dem Blick seines Freundes. Innerlich seufzte er. Er hatte befürchtet, dass Cale sich nicht so einfach auf dieses Vorhaben einlassen würde.

»Meine Entscheidung steht fest. Du kannst mich nicht aufhalten.«

»Aber ich kann es versuchen, Jess!« Cale ging mit zornesrotem Gesicht auf die Balustrade zu und stellte sich so, dass jeder an Bord gute Sicht auf ihn hatte. »Ist es wirklich das, was ihr wollt? Wollt ihr dem irrationalen Befehl folgen und euren Captain den Waidami als Geschenk überreichen? Diese Idee beruht doch nur wieder auf eine dieser wahnwitzigen Visionen und entbehrt doch jeder Grundlage. Warum sollte Bairani Jess jemals wieder als Verbündeten akzeptieren? Sie werden ihm nur erneut die Treasure aus der Brust schneiden und all das, wofür wir bisher gekämpft haben, war umsonst. Denkt nach Männer! Ich kann nicht tatenlos zusehen, wie Jess sich selbst ausliefert, und fordere euch daher auf, ihm nur dieses eine Mal den Gehorsam zu verweigern!«

Jess hörte seinem Ersten Maat mit eisiger Ruhe zu, dessen Stimme immer beschwörender geworden war. Dann sah er zu Jintel, Dan, McPherson und den anderen hinüber. Unsicher wanderten ihre Blicke zwischen Cale und ihm hin und her. Ihre Strömungen waren zwiespältig und fegten wie ein Wirbelsturm umher, der nicht wusste, welche Richtung er einschlagen sollte.

Cales Strömung war gleichfalls ein Sturm, getragen von der Verzweiflung und dem Wissen, das Kommende nicht aufhalten zu können. Jess holte tief Luft und bereute bereits jetzt, was gleich folgen würde.

»Jeder von euch hat bereits mehrfach getötet, um sein eigenes Leben oder das eines Freundes zu retten und jeder von euch wäre dazu bereit, für einen Freund zu sterben. Ihr könnt mir nicht verwehren, dass ich dieses Risiko eingehen will. Wir werden ständig über die Schulter sehen müssen, ob nicht irgendwo am Horizont ein Segel der Waidami auftaucht. Das ist wohl kaum das, was wir für den Rest unseres Lebens wollen. – Alles, was ich von euch verlange, ist diesem letzten Befehl zu folgen. Danach sucht euch ein neues Schiff und einen neuen Captain.« Jess verstummte und wartete ab. Die Männer nickten langsam, und der Wirbelsturm ihrer Gefühle schlug eine eindeutige Richtung ein. Sie waren nicht ruhiger in Anbetracht der Ankündigung geworden, doch sie verstanden ihn und standen hinter ihm – wieder einmal.

»Ich kann dir dabei nicht zusehen, Jess. Verzeih.« Cales Stimme war nun leise. Auch ihm war die Reaktion der Crew nicht entgangen, und er wusste, dass er auf verlorenem Posten stand. Langsam glitt seine Hand zu der Steinschlosspistole, die in seinem breiten Gürtel steckte.

₺157,30

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
660 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783742748058
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:
Serideki İkinci kitap "Die Piraten der Waidami"
Serinin tüm kitapları