Kitabı oku: «Luft an Land», sayfa 3
»Ich habe ein Bild von uns gemalt und Mama geschenkt. Tonia hat mich heute besucht und es war ganz toll.«
Fabian strich ihr über das Haar, das in zwei Zöpfe geteilt war. »Wo ist denn die Mama?«
»Die kocht. Ich helfe ihr«, erklärte Lena stolz.
»Na dann lass uns mal sehen, was es gibt.«
Lena nahm Fabians Hand und zog ihn in die Küche, in der ihre Mutter am Herd stand. Sie drehte sich schnell um und lächelte ihm zu, während sie das Schneidemesser aufgriff und begann, in einem wahnsinnigen Tempo Karotten zu schneiden.
Obwohl Sigrid fast gänzlich ihr Augenlicht eingebüßt hatte, kannte sie ihre Küche wie ihre Westentasche. Das gesamte Haus war ihr Untertan und sie kam problemlos zurecht. Überhaupt hatte sie größte Probleme, Hilfe anzunehmen. Egal von wem. Ihre Grenze erreichte sie allerdings im Straßenverkehr. Autofahren war mit dem Sehverlust und dem milchigen Schleier, der ihre Sicht trübte, ausgeschlossen.
Somit hatte es sich Fabian mit dem Tod seines Vaters zur Aufgabe gemacht, für seine Mutter und Schwester da zu sein. Lena sollte in ihrer gewohnten Umgebung bleiben, somit war ein Umzug der beiden ohnehin ausgeschlossen. Vielmehr war er wieder in sein Elternhaus gezogen, hatte seine Arbeitsstunden gekürzt, um flexibler die beiden wichtigsten Menschen in seinem Leben unterstützen zu können. Er wollte nicht darüber nachdenken, was es für Folgen für seine Schwester hätte, könnte sie ihre Fördertermine nicht mehr wahrnehmen, wegen seiner Dummheit. Sie war zehn und es trennten sie genau achtzehn Jahre von ihrem Bruder, von dessen Zuverlässigkeit sie abhängig war. Dazu kamen die Termine seiner Mutter. Er wollte nicht darüber nachdenken, welche Folgen dies alles hätte.
»Wie war dein Tag?«, wollte seine Mutter wissen.
»Alles Bestens! Und bei euch?«
»Du hast Lena gehört. Sie hatte heute Besuch. Das Highlight der Woche.«
Fabian sah zu seiner Schwester, die Perlen auf eine Schnur aufzog. Dass ihr 21. Chromosom dreimal vorhanden war, nahm Fabian im Alltag nicht mehr wirklich wahr. Aber für Außenstehende war sie besonders. Stach hervor. Für Fabian war sie die einzige Schwester, die er hatte. Und er würde alles für sie tun. Ihre lebensfrohe Art war ein Gewinn für jeden – fand er. Dass ihr gemeinsames Leben gewisse Besonderheiten aufwies, war weder tragisch noch wirklich relevant. Gemeinsam würden sie alles schaffen.
»Was ist los mit euch beiden? Deckt den Tisch! In fünf Minuten gibt es Essen.«
Sigrid mochte fast blind sein. Aber sie gab immer noch den Ton an im gemeinsamen Heim.
Nachdem sie gegessen hatten, lehnte sich Fabian entspannt zurück. Zumindest heute hatte er seine Ruhe. Es war sehr früher Abend und das Fitnessstudio schien ihn nach wie vor immer dann zu rufen, wenn – wie er wusste – Nadine unterrichtete. Energisch schob er den Stuhl zurück und sammelte die Teller ein. Er würde diesem Ruf nicht nachgehen. Er wusste genau, dass es nicht das Studio war, das ihn lockte, sondern die Hoffnung, Izi wiederzusehen.
Trotz seiner Anspannung aufgrund des drohenden Bescheids und seinem Schwur sich selbst gegenüber, nicht mehr an ihn zu denken, verging kein Tag, an dem sich die grünlichblauen Augen nicht in sein Bewusstsein bohrten. Und dort an ihm zu nagen schienen. Ihn manchmal ein bisschen auffraßen und quälten. Oder morgens mit seiner Morgenlatte in die Dusche begleiteten. Genug!
»Ich mach den Abwasch! Ruh dich aus, Mama.« Vielleicht lenkte ihn das ab.
»Liest du mir heute etwas vor?«
Fabian drehte sich zu Lena um. »Gerne, du Kröte. Wir können Die Reise des Königs weiterlesen. Das mag Mama auch.«
»Au ja!« Lena lief zu ihrer Mutter und zog an ihrem Arm. »Los Mama, ich führe dich zum Sessel.«
»O mein Gott, ich weiß, wo der Sessel steht. Und du weißt, dass ich es weiß. Wenn ich dich so behandeln würde wie du mich, mein kleiner Schatz, dann könnte ich mir aber was anhören.«
»Ich will dir nur helfen.«
»Ich brauche keine Hilfe.«
»Bitte! Helfen macht so Spaß.«
Unter Protest stand Sigrid auf und nahm Lenas Arm. Fabian musste fast lachen. Die beiden waren sich so unfassbar ähnlich. Unabhängigkeit um jeden Preis, war das Motto, das beide aus jeder Pore ausstrahlten.
»Aber nur, weil du es bist«, betonte seine Mutter und Lena grinste. Sie hatte wieder jemanden erfolgreich um den Finger gewickelt.
Fabian räumte das restliche Geschirr vom Tisch. »Lena, hol schon mal das Buch. Ich steck das nur in die Spülmaschine und mach den Rest danach.«
»Ach Fabian, bevor ich es vergesse: Ich hab die Post auf das Board gelegt. Ich hab das Vergrößerungsglas nicht gefunden. Schau doch bitte nach, ob was Wichtiges dabei ist.«
»Du weißt, dass du das Glas so aufheben sollst, dass du es immer findest«, entgegnete Fabian wie automatisch. Er hatte den Satz schon so oft gesagt, dass er wie von selbst aus ihm herauskam. Dennoch waren seine Hände sofort schwitzig angelaufen und ein entsetzter Schauer lief über ihn. Er schaute hinüber zu zwei Briefen, die von seinem Standpunkt aus keinen Hinweis auf ihre Absender gaben. »Ich schau sie gleich an.« Mit zittrigen Fingern räumte er den Geschirrspüler ein.
Während Lena das Buch suchte, ging er auf die Post zu und hielt sie zwischen spitzen Fingern. Das Schreiben von Lenas Schule legte er zur Seite und riss den an ihn adressierten Brief auf. Sein Blick flog über die Seiten. Geschwindigkeitsüberschreitung, Einzug Führerschein, acht Monate, Rechtsbehelfsbelehrung. Acht Monate. Acht Monate.
Er faltete die beiden Seiten samt Kuvert. Sie klebten leicht an seinen verschwitzten Fingern. Wie betäubt stopfte er die Zettel in seine hintere Hosentasche. In seinen Ohren rauschte sein Herzschlag wie ein Sturm auf hoher See. Und genauso fühlte er sich. Den Wellen, die drohten, über ihm zusammenzubrechen hilflos ausgeliert, schnappte er nach den letzten Spuren von Sauerstoff, die ihm noch gewährt wurden. Vor seinen Augen flimmerten kleine Sternchen. Reiß dich zusammen!
Wie in Trance, gleich einer Marionette, die das Spiel, für das sie vorgesehen war, spielte, ergriff er das Buch. Die Worte, die er in der nächsten halben Stunde las, gingen spurlos an ihm vorbei. Er schien durch einen Schleier zu sprechen, ohne wirklich anwesend zu sein. Während seine Mutter Lena ins Bett brachte, schloss er sich in sein Zimmer ein. Er zog das Schreiben aus seiner Tasche und legte es vor sich hin. Mit schnellen Griffen hatte er die Nummer der Kanzlei, die er in seinem Telefon gespeichert hatte, aufgerufen. Er drückte auf den Kontakt und hörte dem Verbindungston zu.
»Lutz, Meier, Höfling, wie kann ich Ihnen helfen?«
Fabian holte tief Luft. »Hier ist auch Maier. Wir hatten schon telefoniert.«
»Herr Maier, ich bin mir nicht sicher, ob wir gesprochen haben. Sie haben das Nachtsekretariat erreicht. Wollen Sie einen Termin vereinbaren?«
»Ja. Ja, ich brauche einen Termin. So schnell wie möglich.«
»Worum handelt es sich bei Ihrem Anliegen denn?«
»Verkehr. Ich habe meinen Führerschein verloren.« Fabian schluckte und fuhr sich mit den Händen über das Gesicht.
»Einen Moment. Wann passt es Ihnen denn?«
»Es müsste so schnell wie möglich sein. Auf dem Zettel steht, man hat zwei Wochen Zeit, Einspruch zu erheben, und das Datum darauf ist schon von vor drei Tagen.« Ihm war zum Heulen.
»Keine Sorge, Herr Maier. Ich habe Ihnen einen Termin bei Herrn Galea für morgen um 16:30 Uhr eingetragen. Passt das?«
»Aber sicher. Klar. Ich werde da sein. Aber wie geht es dann weiter? Was muss ich …?«
»Herr Galea ist Fachanwalt für Verkehrsrecht und Strafrecht. Er wird mit Ihnen alles weitere klären und besprechen.«
»Okay. Danke.«
Erschöpft beendete Fabian den Anruf. Knappe zwanzig Stunden würde er sich gedulden müssen, um Antworten zu erlangen. Herr Galea würde ihm helfen müssen. Koste es, was es wolle.
Kurz nach vier Uhr nachmittags am Folgetag stand Fabian vor dem modernen Eingang des Bürogebäudes in einer Seitenstraße des Marienplatzes.
Er hatte zu einer schwarzen Jeans ein schwarzes Hemd angezogen. Auch wenn dies seine Laune etwas überdeutlich zum Ausdruck brachte, waren es mit Sicherheit auch seine besten Klamotten. Nervös wischte er sich die Handinnenflächen an seiner Hose ab, während er das Klingelschild inspizierte. Lutz, Meier, Höfling Rechtsanwälte PartG befanden sich im sechsten und somit obersten Stock.
Er drückte den Klingelknopf und sofort ertönte das typische Summen eines Türöffners. Fabian drückte die Tür zum elegant restaurierten Foyer auf und durchschritt es zügig.
Die Sekretärin hatte ihm – als er sich den Termin heute nochmals telefonisch hatte bestätigen lassen – beschrieben, dass der Aufzug in dem historischen Gebäude nachträglich auf der Seite des Innenhofs angebaut war. Daher musste ihn Fabian erst mal hinter verwinkelten Ecken finden. Unter dem Aspekt waren all die alten mehrstöckigen Gebäude in München ähnlich gebaut und er entdeckte ihn sofort. Die Glaskabine trug ihn ohne Zwischenhalt bis direkt in das sechste Stockwerk.
Wäre ihm nicht zum Erbrechen übel, hätte Fabian die Sicht über die Stadt genießen können. Er hatte ihr jedoch den Rücken zugekehrt und wartete darauf, dass sich die automatischen Türen öffneten. Mit einem leisen, hauchenden Geräusch gingen sie auf und gaben den direkten Blick auf den Empfang der Kanzlei frei.
Dort saß eine Frau mit perfektem Bob und Make-up, das wie tätowiert aussah. Die weiße Bluse, die sie trug, schien keine Falten zu haben. Unsicher strich sich Fabian über sein Hemd, das sicher an der einen oder anderen Stelle faltig war. Sein Arm schoss nach vorne, um die sich schließende Lifttür aufzuhalten und Fabian betrat das mondäne Entree.
Die Dame mit Bob sah auf und lächelte ihn steril an. »Willkommen bei Lutz, Meier, Höfling. Kann ich Ihnen behilflich sein?«
»Ich habe einen Termin um halb fünf. Maier. Fabian.«
»Aber sicher Herr Maier, nehmen Sie doch Platz.« Sie ging um den Empfangstresen auf Fabian zu und deutete auf eine Sitzreihe von Sesseln, die die Wand entlangliefen. »Sie sind ein bisschen früh dran. Wollen Sie vielleicht etwas trinken?«
»Nein, danke. Doch. Oder? Ein Wasser?«
»Ein Wasser. Mit oder ohne Kohlensäure?«
»Ohne. Bitte.«
Die ganze Zeit über trug die Empfangsdame dasselbe monotone Lächeln und Fabian war sich nicht sicher, wie er darauf reagieren sollte. »Ich bereite das Besprechungszimmer kurz vor und hole Sie dann.«
Auf ihren hohen Absätzen schwebte sie fast lautlos über das Parkett, während sie von Zimmer zu Zimmer lief und Wasser und eine Akte in einen Raum am Ende des weiten Flures brachte. Fabian wippte sein Bein schnell auf und ab. Die Nervosität jagte durch jede Faser seines Körpers und suchte einen Ausgang, den sie anscheinend über seinen Fuß gefunden hatte. Zum wiederholten Male griff er zu seiner Hosentasche und fühlte dort den Umschlag.
»Herr Maier?« Die Dame stand wieder vor ihm, mit ihrem seltsamen Lächeln, und hatte eine Hand in Richtung Ende des Flurs gerichtet. »Wenn Sie mir folgen wollen?«
Ohne zu zögern, sprang Fabian auf und ging ihr hinterher. Er setzte sich auf den Platz am Fenster mit Blick zur Tür, den sie ihm zuwies. »Ich gebe Herrn Galea Bescheid, dass Sie schon hier sind.« Mit einem leisen Klicken schloss sie die Tür hinter sich.
Der Tisch, um den acht Stühle standen, war riesig. Hastig griff er nach dem Glas Wasser vor sich und nahm einen großen Schluck. Am Kopf des Tisches lag eine dünne Mappe. In der Mitte befand sich eine Schale, gefüllt mit Keksen. Gab es wirklich Mandanten, die sich entspannt zurücklegten und Gebäck knabberten, während ihr Anwalt ihnen ihr Schicksal offenbarte?
Ein kurzer Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass er sich vermutlich auf eine längere Wartezeit einrichten musste, da es bis zu seinem Termin noch fünfzehn Minuten waren. Er seufzte. Gerade als er sich im Stuhl zurücklehnte, öffnete sich die Tür zum Besprechungsraum und automatisch stand Fabian auf, allein schon der Höflichkeit wegen, um seinem Anwalt die Hand zu reichen.
Die Finger noch auf dem Tisch abgestützt, hielt er in seiner Bewegung inne. Der Mann, der da durch die Tür trat, kam ihm irgendwie vertraut vor. Was nicht sein konnte, da er keine Anwälte kannte.
Jedoch zogen die strahlend klaren blauen Augen mit einem Hauch von grün Fabians ganze Aufmerksamkeit auf sich. Der Besitzer, zu dem sie gehörten, kam im dunkelgrauen dreiteiligen Anzug, der ihm auf den Leib geschneidert zu sein schien, in den Raum und stockte kurz, bevor er schnell die Tür schloss.
Fabian hätte Izi auf den ersten Blick fast nicht erkannt. Sein etwas längeres Deckhaar, das normalerweise natürlich über eine Seite seines Kopfes hing, war streng nach hinten gegelt. Es gab ihm ein kaltes, hartes Aussehen, wären da nicht diese Augen, die ihn so überrascht und forschend ansahen.
»Du bist Anwalt.« Es hörte sich fast wie ein Vorwurf an.
Izis Kopf zuckte leicht zurück. »Und du bist zu schnell gefahren.«
Richtig. Für einen Augenblick hatte Fabian vergessen, warum er eigentlich hier war. Izi kam ihm mit einem kleinen Kärtchen zwischen den Fingern entgegen. Er legte es vor Fabian auf den Tisch und zuckte mit den Schultern, während er auf Fabians Stuhl deutete. »Wollen wir uns setzen?«
Mit einem Seufzer ließ sich Fabian zurücksinken und nahm die Visitenkarte vor ihm in die Hand.
Izaak Galea, Rechtsanwalt, Fachanwalt für Verkehrsrecht, Fachanwalt für Strafrecht
Fabians Stirn legte sich wie von selbst in Falten und er bemerkte, wie er seinen Mund spitz zusammenkräuselte.
»Es tut mir leid, Fabian, das zu sagen war unangebracht – und wenn dir das unangenehm ist, müssen wir das hier nicht machen. Du kannst dir selbstverständlich einen anderen Anwalt suchen.«
Kopfschüttelnd sah Fabian auf. »Ich hab recherchiert. Und deine Kanzlei wird überall empfohlen. Ich brauche wirklich dringend einen Anwalt, aber das hier ist echt schräg.«
»Ich weiß.« Izi – oder vielmehr Izaak – sah ihn mit unschlüssiger Miene an. »Lass mich versuchen, einen Kollegen zu finden, der deinen Fall übernehmen kann. Das ist wirklich nicht optimal.« Er stand auf und schob seinen Stuhl zurück.
»Ist es denn irgendwie verboten?« Fabian dachte krampfhaft nach. Zuerst das Fahrverbot und jetzt diese Wendung. Er hatte wirklich genug von irgendwelchen Überraschungen.
Izi sah ihn fragend an. »Wie meinst du? Weil wir … « Er deutete zwischen ihnen beiden hin und her. »Äh, weil wir intim waren?«
Fabian merkte, wie die Hitze über seinen Nacken in den Kopf stieg und seine Wangen fingen an zu brennen. Er räusperte sich und nickte. »Äh, ja das.«
Izi schien diese Scheu nicht zu haben, denn er lächelte fast verschmitzt und schüttelte den Kopf. »Nein. Das spricht nicht dagegen, dass ich dich vertrete.« Er holte tief Luft und sah mit dramatischem Augenaufschlag zur Zimmerdecke. »Das Schwierigste wird werden, zu erklären, wieso ich dich nicht vertreten kann.« Er schüttelte sich und zog die Weste stramm. »Aber das lass meine Sorge sein. Ich werde es schon aushalten.« Izi verzog das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen.
»Izi, warte.« Fabian legte seine Hand auf Izis und zog sie blitzschnell zurück, als er bemerkte, was er soeben getan hatte. »Warte kurz. Ich brauche meinen Führerschein wirklich dringend und …«
Izaak setzte sich wieder auf seinen Stuhl und schob den dünnen Hefter vor sich hin und her. »So blöd sich das vielleicht anhört, aber hier in der Kanzlei bin ich die go to Person in Verkehrssachen. Natürlich kann dich hier jeder vertreten. Aber um ganz ehrlich zu sein: Die Partner suchen sich ganz andere Fälle raus als kleine Verkehrssachen.«
Fabian zuckte zusammen, als hätte ihm jemand einen Hieb versetzt.
»Nicht falsch verstehen. Ich stelle nicht in Frage, dass für dich die Sache von immenser Bedeutung ist, aber für uns ist es das tägliche Geschäft und ich bin hier der jüngste Anwalt.« Izi zuckte mit den Schultern. »Ich mache das tagtäglich und ein älterer Partner hat das schon länger nicht gemacht.«
Fabian atmete schwer aus. Rational verstand er alles, was Izi gesagt hatte. Er brauchte den besten Anwalt, den er kriegen konnte, da er seinen Führerschein auf keinen Fall verlieren durfte. Insbesondere hatte er keine Zeit zu verlieren. Würde er jetzt eine neue Kanzlei suchen, würde das viel zu lange dauern.
»Wir sind erwachsen. Wir können damit umgehen.«
Izi sah ihn schweigend an. Fabian wusste, was er dachte, und er war es seiner Schwester und seiner Mutter schuldig, die Luft zu klären, damit Izi ihn vertreten würde. »Auch wenn ich in den vergangenen Wochen nicht den Eindruck gemacht habe.« Er schluckte schwer und fuhr dann fort. »Es war kein Zufall, dass du mich in letzter Zeit nicht gesehen hast. Dir aus dem Weg zu gehen, schien einfacher. Und dann kam der Stress mit dem Bescheid hier hinzu.« Das war absolut keine Lüge. Er griff zur Hosentasche und holte das Schreiben hervor. Sorgsam faltete er es auf dem Tisch auseinander und schob es zu Izi.
»Okay, wenn du dir sicher bist.«
Fabian nickte entschieden.
Das schien Izi zu genügen. »Dann zeig mal her.«
Konzentriert las er vor sich hin und Fabian beobachtete ihn. Nichts an Izis Äußerem deutete darauf hin, dass ein Großteil seines Körpers mit einem Tattoo bedeckt war, ganz zu schweigen von seinen Piercings. Ein knurrender Laut entwich Fabian und schnell presste er die Lippen zusammen. Izi blickte fragend auf, las aber sogleich weiter, als Fabian nichts weiter sagte.
Izis Blicke flogen über das Papier. Fabian konnte nicht anders, als Izis Augenlider anzustarren. In der Bar war er sich fast sicher gewesen, Izi hätte seine Wimpern getuscht. Jetzt im Tageslicht war aber deutlich zu erkennen, dass diese nicht gefärbt waren. Es schien, als hätte Izi ein, zwei, drei oder vier Wimpernreihen mehr als jeder andere Mensch. Sie standen so dicht und reckten sich lange gen seiner Augenbrauen. Durch die Vielzahl wurde das Schwarz noch verstärkt und er erinnerte Fabian fast an eine Kleopatra-Abbildung. Alles an diesen Augen war einfach magisch. Auch als sie aufsahen und ihn direkt anschauten, konnte er seinen Blick nicht abwenden. Wie oft hatte er sich in den vergangenen Wochen verboten an diese Augen zu denken? Diese Farbe war einzigartig. Fast ein Türkis.
»Okay. Es ist schon mal gut, dass du sofort hierhergekommen bist. Mit den zwei Wochen haben wir nicht viel Zeit. Eine Umwandlung in eine Geldbuße wäre eine Option, falls das interessant wäre.«
»Ja, alles ist besser als das Fahrverbot.« Zerknirscht sah Fabian auf den Tisch zwischen seine Hände.
»Den Führerscheinentzug abzuwenden wird nicht leicht. Hast du dir Gedanken gemacht, wie du zurechtkämest, wenn uns das nicht gelingt?«
»Nein. Denn das ist keine Möglichkeit. Deshalb bin ich hier.«
Izi öffnete die Mappe vor sich und holte ein paar Zettel hervor. »Das sind unsere Verträge. Du müsstest das unterschreiben. Die Kosten stehen hier unten.« Er deutete auf eine Stelle, die Fabian überflog. Da er nicht rechtsschutzversichert war, würde er die gesamten Kosten so oder so tragen müssen.
»Überprüfe bitte auch die Daten, die unsere Sekretärin eingetragen hat. Es sollten die sein, die du ihr schon zuvor genannt hast, aber man weiß ja nie.«
Schnell unterschrieb er an den markierten Positionen und schob die Papiere zu Izi zurück. »Es stimmt alles.«
»Also gut. In deinem Fall kann der Entzug nur abgewendet werden, wenn eine besondere Härte vorliegt.«
Fabian sah langsam auf. »Das bedeutet?« Er bildete es sich nicht ein, dass sich Izis Lippen zu einem Schmunzeln verziehen wollten und er das nur mit Mühe zurückhielt.
»Das bedeutet, dass triftige Gründe vorliegen müssen, wieso vom Fahrverbot abgesehen werden sollte. Würdest du beispielsweise deine Arbeit verlieren?«
Fabian schüttelte den Kopf. »Nein. Ich bin Bauarbeiter. Meine Firma hat damit öfter zu tun, man möchte es nicht glauben. Das ließe sich organisieren.«
»Warum ist es denn dann so wichtig, dass du weiterfahren kannst? Vielleicht können wir aus deinen Gründen eine triftige Begründung im Sinne des Gesetzes machen.«
Fabian fuhr sich mit den Zähnen über die Lippe. Sein Bein begann wieder zu wippen, dass sein ganzer Stuhl wackelte. Er hasste es, seinen privaten Kram vor anderen auszubreiten und genau das sagte er. »Es ist privat.«
Die Antwort schien Izi in keiner Weise zufrieden zu stellen und seine Augen verengten sich, so als würde er Fabian nicht glauben. »Da brauche ich mehr. Private Gründe können durchaus gelten, wenn es zum Beispiel um die Pflege eines Angehörigen geht. Aber wir können nicht einfach aus privaten Gründen braucht Herr Maier seinen Führerschein schreiben.«
Warum wurde er jetzt bitte so pampig? Fabian pflegte weder seine Mutter noch seine Schwester. Das alles war zum Scheitern verurteilt. »Ich muss niemanden pflegen. Das ist alles sinnlos.« Vor allem war es ihm unangenehm. Er hatte sich Izi schon mal von seiner schlechtesten Seite gezeigt.
Eigentlich war er nicht sonderlich erpicht, ihm noch aufzuzeigen, wie rücksichtslos er mit der Verantwortung für seine Mutter und Schwester umging. Langsam zweifelte er ohnehin an seinem Verstand. Was machte er sich Gedanken darüber, was sein Anwalt über ihn dachte? Das war Izi nämlich. Darauf hatten sie sich geeinigt und er würde sich nun zumindest als verantwortungsbewusster Mandant zeigen. »Meine Schwester hat regelmäßige Therapietermine, die sie wahrnehmen muss. Sie wohnt an derselben Adresse wie ich.« Er deutete auf das Blatt mit seinen Daten. »Und sie hat niemanden sonst, der sie fahren könnte.«
Izis Blick schien sich in Fabian hineinzubohren. »Sie hat niemanden sonst?«
Fabian musste ob der Intensität fast lachen. »Unsere Mutter lebt auch mit uns. Das heißt eigentlich leben wir bei unserer Mutter.« Er atmete einmal aus. »Sie darf jedoch aus medizinischen Gründen nicht Autofahren. Das heißt, wenn sie einen Arzttermin hat oder so fahre ich sie auch. Das ließe sich aber regeln, denke ich. Aber Lena muss jede Woche zur Ergo, Logopädie, Physio. Das muss sein. Mal ganz abgesehen davon, dass sie mich umbringen würde, wenn sie nicht mehr in ihre Theatergruppe könnte.«
Während er gesprochen hatte, schienen sich Izis Gesichtszüge zu entspannen. Er nickte entschieden und lächelte. »Das hört sich doch gut an. Damit kann ich arbeiten. Lass uns noch ein paar Details anschauen und dann sag ich dir, was ich noch von dir brauche.« Fragend sah ihn Fabian an. »Belege. Es reicht nicht zu behaupten, du hast eine Schwester – was hat sie eigentlich?«
»Trisomie 21. Sie hat das Downsyndrom.«
»Ah, gut. Ich meine, okay. Das sollte hoffentlich für eine Begründung reichen. Und sonst gibt es niemanden, der das übernehmen könnte?«
»Nein. Meine Mutter und ich sind die Einzigen, die sie hat.«
»Also gut. Nur ein paar Formalien, die ich nicht abgefragt habe, da sie wohl zutreffend sind.« Er hielt das Bild hoch, das mit dem Bescheid gekommen war. »Das bist du auf dem Bild?«
»Lässt sich wohl nicht leugnen«, grummelte Fabian.
»Und das war wann? Am … « Mit dem Finger ging Izi die Sachverhaltsdarstellung durch. Fabian biss sich auf die Lippen. Die Hitze, die erst langsam aus seinem Kopf gewichen war, kam schlagartig zurück.
»Das war … ach hier. Oh«, war alles, was Izi sagte, und Fabian schüttelte den Kopf. Hier hatten sie es schwarz auf weiß, wie sehr dieses kurze Intermezzo im Fincken Fabian zugesetzt hatte. Nur wenige Minuten, nachdem Izi – sein Anwalt – seine Hand, die gerade durch seine Unterlagen strich, um Fabians Schwanz gelegt und ihn zu einem Höhepunkt gebracht hatte, dass er Sternchen gesehen hatte, war er völlig gedankenverloren in eine Radarfalle gefahren. Ja. Das war das Peinlichste, was er je erlebt hatte. Nein. Er konnte sich nicht vorstellen, dass dies je übertroffen werden konnte.
»Alkohol wurde ja offensichtlich nicht festgestellt«
»Ich hab nur eine Cola getrunken. Ich war völlig nüchtern«, unterbrach Fabian ihn, ohne genau zu wissen, wieso es ihm so wichtig war, dies klarzustellen. Er war ein Idiot – so oder so.
Mit in Falten gelegter Stirn nickte Izi. »Richtig. Gut. Ich schicke dir dann eine Liste mit all dem, was ich noch an Belegen brauche.«
»Und das war’s dann?« Fabian konnte die Hoffnung in seiner Stimme nicht verhehlen.
»Nein.« Mit bedauernder Miene sah ihn Izi fast entschuldigend an. »Nein, so schnell geht es leider nicht. Wir schicken die Gründe hin und dann kommt es erst mal zu einer Anhörung. Oder zumindest wird über unsere Begründung der besonderen Härte entschieden. Tut mir leid. Ein bisschen musst du dich gedulden.«
Fabian nickte. Er hatte sich nach Izis Erklärungen mitreißen lassen.
Sie gingen beide zur Tür und Izi brachte ihn zum Aufzug. Während sie auf ihn warteten, redete er beruhigend auf Fabian ein. Dieser konnte verstehen, wie Izi auf seine Mandanten wirken musste. Das kühle Äußere fand sich in seiner ganzen Art nicht wieder.
Nachdem Fabian schon im Aufzug stand, verabschiedete sich Izi noch mal. »Und vielleicht kommst du ja mal wieder im Studio vorbei«, war das Letzte, was Fabian hörte, bevor sich die Türen schlossen.