Kitabı oku: «Vom Winde verweht», sayfa 3
Denn Ashleys Vorfahren hatten ihre Muße zum Denken und nicht zum Tun verwandt. Bunte glänzende Träume hatten sie gesponnen, die nicht Wirklichkeit waren. Ashley lebte und webte in einer anderen Welt, die schöner war als Georgia, und kehrte nur widerstrebend in die Wirklichkeit zurück. Er sah sich die Menschen an, und sie waren ihm weder lieb noch leid. Das Leben sah er sich an, und es riß ihn weder hin, noch drückte es ihn nieder. Er nahm die Welt und seinen Platz darin, wie sie waren, zuckte die Achseln und kehrte in seine bessere Welt mit ihrer Musik und ihren Büchern zurück.
Wie es kam, daß Scarlett von ihm gefesselt wurde, obwohl doch sein Gemüt dem ihren so fremd war, wußte sie nicht. Gerade das Geheimnisvolle an ihm erregte ihre Neugier. Es war wie eine Tür, die weder Schloß noch Schlüssel hatte. Um des Geheimnisvollen willen liebte sie ihn nur um so mehr, und die wunderlich verhaltene Art seiner Zuneigung erhöhte nur ihre Sehnsucht, ihn ganz für sich zu gewinnen. Daß er eines Tages um sie anhalten würde, stand für sie fest. Sie war viel zu jung und zu verwöhnt, um zu wissen, was Niederlage ist. Und nun kam die schreckliche Nachricht wie ein Donnerschlag. Ashley wollte Melanie heiraten! Das konnte nicht sein!
Erst vorige Woche, als sie in der Dämmerung von Fairhill zusammen nach Hause ritten, hatte er gesagt: »Scarlett, ich habe dir etwas so Wichtiges zu erzählen, daß ich kaum weiß, wie ich es dir sagen soll.«
Sie hatte sittsam die Augen niedergeschlagen, während ihr das Herz in wilder Freude schlug. Sie meinte, der Augenblick sei gekommen. Da hatte er fortgefahren: »Jetzt nicht, wir sind beinahe zu Hause und haben keine Zeit mehr. Ach, Scarlett, was bin ich für ein Feigling!« Dann hatte er seinem Pferd die Sporen gegeben und war mit ihr in wildem Rennen den Hügel nach Tara hinaufgestürmt
Scarlett saß auf ihrem Baumstumpf und bedachte die Worte, die sie so glücklich gemacht hatten, und auf einmal bekamen sie einen anderen, einen häßlichen Sinn. Wenn er ihr nur seine Verlobung hatte mitteilen wollen! Ach, käme doch Pa nach Hause! Das bange Warten ertrug sie nicht mehr.
Die Sonne war nun hinter dem Horizont verschwunden, und die rote Glut am Rande der Welt erlosch in rosigen Tönen. Der blaue Himmel droben verwandelte sich allmählich in das zarte Blaugrün des Rotkehlchens, und die überirdische Stille ländlicher Dämmerung senkte sich sacht herab. Die Landschaft zerfloß im Schatten der roten Furchen, die klaffende rote Landstraße war nicht mehr so hexenhaft blutrünstig, sie wurde zu schlichter brauner Erde. Jenseits der Straße standen Pferde, Maultiere und Kühe still auf der Weide, den Kopf über den Zaun gelegt, und warteten darauf, in den Stall getrieben zu werden. Der dunkle Schatten des Dickichts am Wiesenbach war ihnen unheimlich, die 0hren zuckten zu Scarlett hinüber, als sehnten sich die Tiere nach der Gesellschaft des Menschen. Die hohen Pechkiefern auf der Flußniederung, die unterm Sonnenlicht in so warmem Grün erglühten, standen jetzt schwarz vor dem pastellfarbenen Himmel, eine undurchdringliche Reihe von Riesen, die das träge gelbe Wasser zu ihren Füßen verbargen. Auf dem Hügel jenseits des Flusses verschwan den die hohen weißen Schornsteine des Wilkesschen Hauses allmählich in der Finsternis der mächtigen Eichen, die sie umgaben. Nur an den Tischlampen, die fern und winzig wie Stecknadelköpfe herüberleuchteten, konnte man noch sehen, daß dort ein Haus stand. Die warme, balsamische Feuchtigkeit des Frühlings, der frische Duft des gepflügten Ackers, der Sonnenuntergang waren für Scarlett nichts Wunderbares. Sie nahm all die Schönheit so gedankenlos hin wie die Luft, die sie atmete, und das Wasser, das sie trank. Schönheit hatte sie bisher mit Bewußtsein nur auf Frauengesichtern und an Pferden, an seidenen Kleidern und ähnlich greifbaren Dingen wahrgenommen.
Doch die friedvolle Dämmerung über Taras Feldern brachte ihrem verwirrten Gemüt ein wenig Ruhe. 0hne es zu wissen, liebte sie ihre Heimat so innig wie das Angesicht ihrer Mutter unter der Lampe zur Stunde der Abendandacht.
Noch immer keine Spur von Gerald auf der stillen gewundenen Landstraße! Wenn sie noch länger wartete, kam sicher Mammy, sie zu suchen und mit Gewalt nach Hause zu bringen. Als sie eben wieder die dunkelnde Landstraße hinabspähte, hörte sie Hufschlag unten am Weidenhügel und sah Pferde und Kühe erschreckt auseinanderstieben.
Gerald 0'Hara kam quer über die Felder in gestrecktem Galopp nach Hause geritten. Auf seinem schweren langbeinigen Braunen sah er von fern aus wie ein Junge, für den das Pferd viel zu groß ist. Er trieb es mit Peitsche und lautem Zuruf an. Sein langes weißes Haar wehte im Winde hinter ihm her. 0bwohl Scarlett von ihren Sorgen ganz erfüllt war, betrachtete sie ihn mit liebevollem Stolz, denn Gerald war ein vorzüglicher Reiter. »Warum er nur immer über Zäune setzen muß, wenn er ein paar Glas getrunken hat«, dachte sie, »und das gerade an dieser Stelle, nach seinem Sturz voriges Jahr, als er sich hier das Knie brach. Dabei hat er Mutter unter Eid versprochen, nie wieder zu springen.«
Scarlett hatte keine kindliche Angst vor ihrem Vater, und sie empfand eher ihn als ihre Schwestern wie gleichaltrig. Über Zäune zu springen und vor seiner Frau etwas geheimzuhalten, erfüllte ihn mit einem knabenhaften Stolz und einer schuldbewußten Wonne, die ihrem eigenen Vergnügen gleichkam, wenn sie Mammy hinters Licht führen konnte. Sie stand auf, um ihn zu beobachten. Das schwere Pferd war jetzt am Zaun angelangt, setzte an und sprang mühelos hinüber. Der Reiter jauchzte vor Begeisterung. Die Peitsche knallte durch die Luft, das weiße Lockenhaar flog empor. Gerald sah seine Tochter im Schatten der Bäume nicht, er zog die Zügel wieder an und klopfte seinem Pferd anerkennend den Hals.
»Keiner in der Provinz und keiner im Staat reicht dir das Wasser«, teilte er voll Stolz seinem Roß mit; die Mundart der irischen Grafschaft Meath beschwerte ihm trotz neununddreißigjährigem Aufenthalt in Amerika noch immer die Zunge. Dann machte er sich rasch daran, das Haar zu glätten und die Krawatte zurechtzuziehen, die ihm schief hinter einem 0hr saß. Dies tat er, um als Gentleman vor seine Frau zu treten, der würdevoll von einem Nachbarbesuch nach Hause geritten war. Das wußte Scarlett, und sie hatte die Gelegenheit, die sie brauchte, um ein Gespräch anzufangen, ohne ihre eigentliche Absicht zu verraten. Sie lachte laut auf. Gerald stutzte, dann erkannte er sie, und sein blühendes Gesicht bekam einen zugleic h schuldbewußten und trotzigen Ausdruck. Mit einiger Anstrengung stieg er ab, denn sein Knie war noch steif, und stapfte mit den Zügeln über dem Arm auf sie zu.
Er kniff sie in die Wange. »Du hast mir also aufgelauert, kleines Fräulein, damit du mich, wie neulich Suellen, bei deiner Mutter anschwärzen kannst?«
Seine heisere Baßstimme grollte, aber hatte doch einen einschmeichelnden Klang. Scarlett schnalzte neckend mit der Zunge, als sie die Hand ausstreckte, um ihm die Krawatte wieder zurechtzurücken. Mi t seinem Atem schlug ein starker Dunst von Bourbon-Whisky mit einem leichten Anflug von Pfefferminzgeruch ihr ins Gesicht. Auch den Geruch von Kautabak, von geöltem Leder und von Pferden brachte er mit, ein Gemisch, das sie stets an ihren Vater erinnerte und ihr daher auch bei anderen Männern unwillkürlich angenehm war.
»Nein, Pa, ich bin keine Klatschbase wie Suellen.« Sie trat zurück und musterte sachverständig seinen wieder in 0rdnung gebrachten Anzug.
Gerald war ein kleiner Mann, wenig größer als fünf Fuß, aber so vierschrötig und stiernackig, daß er, wenn er saß, größer wirkte, als er war. Sein untersetzter Rumpf wurde von kurzen, stämmigen Beinen getragen. Sie steckten immer in den feinsten Reitstiefeln, die aufzutreiben waren, und er stand so breitbeinig darauf wie ein vierjähriger Gernegroß. Wenn ein kleiner Mensch sich ernst nimmt, macht er sich leicht lächerlich, aber der Bantamhahn ist im Hühnerhof eine geachtete Persönlichkeit, und Gerald war es auch. Niemand kam je auf den kühnen Gedanken, in Gerald 0'Hara einen Knirps zu sehen. Er war sechzig Jahre alt, und sein krauses Lockenhaar glänzte silberweiß. Aber sein gescheites Gesicht hatte nicht eine Falte, und in den harten kleinen blauen Augen blitzte die unbekümmerte Jugendlichkeit eines Menschen, der sein Gehirn nie mit abstrakteren Problemen beschäftigt hat, als wieviel Karten beim Pokerspiel zu kaufen seien. Sein Gesicht war so irisch, wie es selbst in seiner Heimat, die er schon so lange verlassen hatte, weit und breit kein irischeres gab: rund, hochrot, mit kurzer Nase und breitem Mund und über die Maßen streitlustig.
Aber unter diesem Äußeren verbarg Gerald 0'Hara das weichste Herz. Er konnte es nicht mit ansehen, wenn ein Sklave zu seinen Vorhaltungen maulte, mochten sie noch so gerecht sein, er konnte kein Kätzchen miauen, kein Kind schreien hören. Aber es war ihm in der Seele zuwider, auf dieser Schwäche ertappt zu werden. Daß jeder, der ihm begegnete, nach fünf Minuten sein gutes Herz entdeckte, ahnte er nicht, und hätte er es geahnt, seine Eitelkeit hätte gewaltig darunter gelitten. Er gefiel sich in dem Gedanken, daß jeder ihm zitternd gehorchte, wenn er aus Leibeskräften seine Befehle brüllte. Daß auf der Plantage nur eine Stimme Gehorsam fand, nämlich die sanfte Stimme seiner Frau Ellen, war ihm nie in den Sinn gekommen. Dieses Geheimnis sollte er nie erfahren, denn von Ellen bis hinunter zum letzten Sklaven bestand eine stillschweigende Verschwörung, ihn in dem Glauben zu lassen, sein Wort sei Gesetz. Auf Scarlett machte sein lärmendes Gehaben am allerwenigsten Eindruck. Sie war die Älteste, und seitdem Gerald wußte, daß auf seine drei Söhne, die auf dem Familienfriedhof begraben lagen, keine mehr folgen konnten, hatte er sich angewöhnt, gleichsam von Mann zu Mann mit Scarlett zu reden, was sie höchst vergnüglich fand.
Sie glich ihrem Vater mehr als die jüngeren Schwestern. Careen, eigentlich Caroline-Irene geheißen, war zart und träumerisch, und Suellen, die auf die Namen Susanne-Ellinor getauft war, tat sich viel auf ihre Eleganz und vornehme Haltung zugute. Vor allem waren Scarlett und ihr Vater durch ein Abkommen der gegenseitigen Vertuschung aneinander gebunden. Wenn Gerald sie dabei überraschte, daß sie über einen Zaun kletterte, anstatt eine halbe Meile bis zum Gatter zu gehen, oder noch spät mit einem Verehrer auf den Stufen zur Veranda saß, putzte er sie zwar tüchtig herunter, aber verschwieg es vor Ellen und Mammy. Wenn dagegen Scarlett ihn über Zäune springen sah, trotz des feierlichen Versprechens, es nicht zu tun, oder wenn sie die genaue Höhe seiner Pokerverluste erfuhr, was sich beim Provinzklatsch kaum vermeiden ließ, so hütete sie sich, bei Suellens scheinbarer Arglosigkeit am Tisch davon anzufangen. Scarlett und ihr Vater versicherten einander feierlich, es könne Ellen nur verletzen, wenn ihr so etwas zu 0hren käme, und um nichts in der Welt konnten die beiden es übers Herz bringen, ihr weh zu tun.
In dem erlöschenden Tageslicht sah Scarlett ihren Vater an und fand Trost in seiner Gegenwart, ohne zu wissen, warum. Das Urlebe ndige, Erdhaft-Derbe in ihm erfüllte sie mit Vertrauen. Da sie nicht die geringste Menschenkenntnis hatte, wurde es ihr nicht klar, daß es geschah, weil sie ihm immer noch sehr ähnlich war, obwohl Ellen und Mammy sich sechzehn Jahre lang abgemüht hatten, seine Züge in ihr zu verwischen.
»Jetzt kannst du dich getrost blicken lassen«, sagte sie, »und wenn du dich nicht selbst mit deinen Streichen aufspielst, wirst du keinen Verdacht erregen. Aber ich finde doch, nachdem du dir voriges Jahr das Knie gebrochen hast, als du über denselben Zaun ...«
»Hol mich der Satan, wenn ich mir von meiner eigenen Tochter vorschreiben lassen soll, wo ich springen darf und wo nicht«, fuhr er sie an und kniff sie noch einmal in die Wange. »Mein Genick gehört mir, jawohl! Übrigens, was machst du hier ohne deinen Schal?«
Als er so mit seinen üblichen Schlichen aus einer peinlichen Unterhaltung zu entkommen suchte, hakte sie ihn leise ein und sagte: »Ich habe auf dich gewartet. Ich wußte ja nicht, daß du so spät kommen würdest. Ich wartete nur, umzu hören, ob du Dilcey gekauft hast.«
»Freilich habe ich sie gekauft, sie und ihr kleines Mädel Prissy, und der Preis hat mich ruiniert. John Wilkes wollte sie mir schenken, aber niemand soll sagen, daß Gerald 0'Hara sich etwas schenken läßt. Schließlich hat er dreitausend für die beiden angenommen.«
»Um Himmels willen, Pa, dreitausend! Und du hättest es doch gar nicht nötig gehabt, Prissy auch zu kaufen!«
»Ist es schon soweit, daß meine eigenen Töchter über mich zu Gericht sitzen?« donnerte Gerald pathetisch. »Prissy ist ein nettes kleines Ding, und deshalb ...«
»Ich kenne sie, ein albernes, gerissenes Balg«, erwiderte Scarlett ruhig. Sein Lärmen machte auf sie keinen Eindruck. »Du hast sie einzig und allein gekauft, weil Dilcey dich darum gebeten hat.«
Gerald machte ein betretenes Gesicht wie immer, wenn er auf einer guten Tat ertappt wurde, und Scarlett mußte lachen, weil er so ohne weiteres zu durchschauen war.
»Und wenn schon! Es hat doch keinen Zweck, Dilcey zu kaufen, wenn sie nachher des Kindes wegen immer den Kopf hängen läßt. Aber nie wieder erlaube ich einem Schwarzen, ein Mädchen von anderswo zu heiraten, das ist mir zu teuer. So, kommmit, Puß, hinein zum Abendessen.«
Das Dunkel wurde immer undurchdringlicher. Der letzte grünliche Schimmer war vom Himmel verschwunden, und die laue Frühlingsluft hatte einer leichten Kühle Platz gemacht. Scarlett überlegte, wie sie wohl das Gespräch auf Ashley bringen konnte, ohne Argwohn zu erregen. Das war schwierig, denn Scarlett besaß keine Spur von Durchtriebenheit, und Gerald glich ihr darin so sehr, daß er ihre schwachen Winkelzüge immer sofort durchschaute, genau wie sie die seinen. Und taktvoll war er auch nicht dabei.
»Wie geht es denn denen drüben in Twelve 0aks?«
»Nun, so ziemlich wie immer. Cade Calvert war da, und als ich wegen Dilcey abgeschlossen hatte, saßen wir alle auf der Galerie und tranken einige Whiskys. Cade war gerade von Atlanta gekommen, und da ist alles aus dem Häuschen und spricht nur von Krieg.«
Scarlett seufzte. Wenn Gerald einmal vom Krieg anfing, konnte es stundenlang dauern, bis er wieder aufhörte. Schnell brachte sie etwas anderes zur Sprache.
»Haben sie etwas vomGartenfest morgen gesagt?«
»Ja, nun fällt es mir wieder ein. Miß ... wie heißt sie denn ... das nette kleine Tierchen, das voriges Jahr hier war, Ashleys Cousine, weißt du ... ach ja, Miß Melanie Hamilton und ihr Bruder Charles waren schon aus Atlanta heraufgekommen und ...«
»Ach, ist sie schon da?«
»Ja, ein nettes stilles Ding, das nie von selber etwas sagt, ganz wie eine Frau sein sollte. Aber kommjetzt, Mutter sucht uns sicher schon überall.«
Scarlett sank das Herz in die Schuhe, als sie das hörte. Gegen alle.
Wahrscheinlichkeit hatte sie gehofft, daß irgend etwas Melanie Hamilton in Atlanta, wohin sie gehörte, zurückhalten würde, und in der Erkenntnis, daß sogar Gerald ihr sanftes stilles Wesen, das von ihrem eigenen so gänzlich verschieden war, guthieß, konnte sie nicht länger mehr an sich halten.
»War Ashley auch dabei?«
»Ja.« Gerald ließ den Arm seiner Tochter los, drehte sich um und blickte ihr scharf ins Gesicht. »Wenn du deswegen auf mich gewartet hast, warum sagst du es mir nicht gleich und gehst wie die Katze um den heißen Brei herum?«
Nun fiel Scarlett nichts weiter ein, unwillig fühlte sie, wie sie rot wurde. »Also, heraus mit der Sprache!«
Sie sagte noch immer nichts. Wenn sie doch den eigenen Vater packen, schütteln, ihm den Mund verbieten dürfte!
»Er war da und hat sehr freundlich nach dir gefragt. Das taten auch seine Schwestern, sie hofften, daß nichts dich morgen abhalten würde, zum Gartenfest zu kommen. Es wird doch nicht etwa?« fragte er verschmitzt. »Nun, Mädchen, was soll das alles heißen mit dir und Ashley?«
»Gar nichts«, sagte sie kurz und zerrte ihn am Arm. »Komm mit, Pa.«
»So, so, nun willst du also nach Hause«, bemerkte er. »Aber ich bleibe hier auf dem Fleck, bis ich weiß, was mit dir los ist. Nun fällt mir auch ein, du warst eigentlich in letzter Zeit sehr sonderbar. Hat er dir den Kopf verdreht? Hat er dich gefragt, ob du ihn heiraten wolltest?«
»Nein.«
»Das wird er auch nicht«, sagte Gerald.
Zornig flammte es in ihr auf, aber Gerald beschwichtigte sie mit einer Handbewegung.
»Mund halten, kleines Fräulein! Ich habe heute nachmittag im strengsten Vertrauen von John Wilkes gehört, daß Ashley Miß Melanie heiraten will. Morgen soll es verkündet werden.«
Scarletts Hand glitt matt von seinem Arm herab. Es war also doch wahr!
Der Schmerz zerriß ihr wie mit Raubtierfängen das Herz. Bei alledem fühlte sie ihres Vaters Auge ein wenig mitleidig und zugleich ein wenig verdrießlich auf sich gerichtet, weil er vor einer Frage stand, auf die er keine Antwort wußte. Er hatte Scarlett lieb, aber es war ihm durchaus nicht geheuer, wenn sie mit ihren kindlichen Problemen zu ihm kam, damit er sie löse. Ellen wußte auf das alles eine Antwort. Scarlett sollte mit ihren Kümmernissen zu ihr gehen.
»Du hast dich doch nicht etwa ins Gerede gebracht ... dich und uns alle?« fuhr er sie an. Wenn er aufgeregt war, wurde er immer laut. »Bist du hinter einem Mann hergelaufen, der dich nicht liebt ... wo du doch jeden in der Provinz haben kannst?«
Zorn und verletzter Stolz verdrängten ihren Schmerz. »Ich bin nicht hinter ihm hergelaufen. - Es ... es hat mich nur so überrascht.«
»Das lügst du!« Dann aber blickte Gerald ihr in das ganz von Schmerz verzerrte Gesichtchen und fügte in einem Anflug von Gutmütigkeit hinzu: »Es tut mir leid, Mädchen, aber schließlich bist du doch noch ein Kind, und andere Verehrer gibt es die Menge.«
»Mutter war erst fünfzehn, als sie heiratete, und ich bin schon sechzehn«, sagte Scarlett mit erstickter Stimme.
»Mutter war anders«, sagte Gerald. »Kein leichter Vogel wie du. Nun komm aber, Mädchen, Kopf hoch, nächste Woche nehme ich dich mit nach Charleston, wir besuchen Tante Eulalia, und bei all dem Hallo wegen Fort Sumter hast du Ashley in einer Woche vergessen.«
»Er hält mich für ein Kind«, dachte Scarlett. Wut und Kummer verschlugen ihr die Stimme. »Er meint, er brauche mir nur ein neues Spielzeug vor die Augen zu halten, und ich vergäße auf der Stelle meine Beulen.«
»Du brauchst das Kinn gar nicht so aufzuwerfen«, warnte Gerald. »Wenn du nur ein bißchen Verstand hättest, so hättest du Stuart oder Brent Tarleton längst geheiratet. Überleg's dir. Heirate einen von den Zwillingen, dann betreiben wir die Plantagen gemeinsam. Jim Tarleton und ich bauen dir gerade, wo sie zusammenstoßen, ein schönes Haus, dort in dem großen Kiefernhain, und ...«
»Hörst du nun bald auf, mich wie ein Kind zu behandeln?« begehrte Scarlett auf. »Ich will nicht nach Charleston, ich will kein Haus haben und auch nicht die Zwillinge heiraten. Ich will nur ...« Sie nahm sich zusammen, aber nicht rechtzeitig.
Geralds Stimme klang merkwürdig ruhig, und er sprach ganz langsam, als hole er Wort für Wort aus einem Gedankenvorrat, den er nur selten anbrach.
»Du willst nur Ashley, und den bekommst du nicht. Und selbst wenn er dich wollte, so hätte ich doch meine schweren Bedenken, ja zu sagen, trotz aller guten Freundschaft zwischen mir und Wilkes.« Als er ihren erschrockenen Blick sah, fuhr er fort: »Ich will mein Kindchen glücklich sehen, und mit ihm würdest du nicht glücklich.«
»0h doch, doch!«
»Das würdest du nicht, Mädchen. Nur wenn gleich und gleich sich heiraten, wird die Ehe glücklich. «
Scarlett verspürte plötzlich den Drang aufzuschreien: »Aber du bist doch glücklich, und Mutter und du, ihr seid gar nicht gleich!« Aber sie unterdrückte ihn aus Furcht, er möchte ihr für ihre Frechheit eine 0hrfeige geben.
»Unsereins und Wilkes sind verschieden«, fuhr er langsam fort und suchte nach Worten. »Wilkes sind anders als unsere Nachbarn ... anders als ich je eine Familie gekannt habe. Wunderliche Leute sind sie, und sie tun am besten, ihre Cousinen zu heiraten und ihre Wunderlichkeit für sich zu behalten.«
»Aber Pa, Ashley ist doch n icht...«
»Halt den Schnabel, Fuß! Ich sage nichts gegen den Burschen, denn ich habe ihn gern. Wenn ich >wunderlich< sage, so meine ich damit nicht >verrückt<. Er ist nicht so verrückt wie Calverts, die ihre ganze Habe für ein Pferd verspielen, und Tarletons, die mit jedem Wurf einen Trunkenbold zur Welt bringen, oder Fontaines, die hitzköpfigen Viecher, die für eine eingebildete Beleidigung am liebsten einen Mann totschlügen. Solche Wunderlichkeiten sind leicht zu begreifen, weiß Gott, und wäre nicht seine Gnade, so wäre Gerald 0'Hara auch nicht besser! Ich meine nicht etwa, daß Ashley mit einer anderen Frau davonliefe, wenn du seine Frau wärest, oder daß er dich schlüge. Wenn er das täte, würdest du glücklicher werden, denn dann könntest du ihn wenigstens verstehen. Aber seine Wunderlichkeit ist anderer Art, dafür gibt es kein Verständnis. Ich habe ihn gern, aber ich werde nicht aus ihm klug. Sag mir aufrichtig, Puß, verstehst du denn seine Narrheit für Bücher, für Gedichte und Musik und Ölbilder und lauter solchen Unsinn?«
»Ach, Pa«, rief Scarlett ungeduldig, »wenn ich ihn heirate, treibe ich ihm das alles aus.«
»Was du nicht meinst«, sagte Gerald vorsichtig und warf ihr einen scharfen Blick zu. »Du verstehst eben nicht viel von Männern, und nun gar von Ashley. Keine Frau hat ihren Mann je um ein Haarbreit geändert. Laß dir das gesagt sein! Und einen Wilkes ändern - du lieber Gott, Mädchen! Die ganze Familie ist so, und immer sind sie so gewesen und werden wohl auch immer so bleiben. Ich sage dir, die sind als Käuze auf die Welt gekommen. Sieh dir doch nur an, wie sie nach New York und Boston stürzen, um 0pern zu hören und Ölbilder zu sehen. Bei den Yankees bestellen sie kistenweise französische und deutsche Bücher. Und da sitzen sie dann und lesen und träumen sich wer weiß was zusammen und sollten ihre Zeit doch besser wie richtige Männer mit Jagdreiten und Pokern verbringen.«
»In der ganzen Provinz sitzt keiner besser im Sattel als Ashley!« Scarlett war wütend, daß Ashley als unmännlich verspottet wurde. »Keiner als vielleicht sein Vater, und was das Pokern betrifft - hat Ashley dir nicht erst vorige Woche in Jonesboro zweihundert Dollar abgenommen?«
»Die Calverts haben mal wieder nicht dichthalten können«, sagte Gerald ergeben. »Ashley kann wohl mit den besten Männern reiten und pokern, und ich leugne gar nicht, daß er sogar Tarleton unter den Tisch trinkt, wenn er will. Er kann das alles wohl, aber er ist nicht mit dem Herzen dabei. Deshalb sage ich, er ist wunderlich.«
Scarlett schwieg bedrückt. Gegen diese letzte Anschuldigung hatte sie nichts anzuführen, denn Gerald hatte recht. Bei all den schönen Dingen, auf die Ashley sich so gut verstand, war sein Herz nicht beteiligt. An allem, was jeden anderen aus tiefstem Herzensgrund beschäftigte, nahm er nie mehr als kühlen und höflichen Anteil.
Gerald verstand ihr Schweigen richtig, streichelte ihr den Arm und triumphierte: »Da hast du es! Du mußt doch zugeben, daß es stimmt. Was willst du mit einem Mann wie Ashley? Mondsüchtig sind sie alle, die Wilkes.« Und dann schmeichelte er: »Wenn ich vorhin von Tarletons sprach, ich wollte sie dir gewiß nicht aufdrängen. Feine Kerle sind es, aber wenn du es auf Cade Calvert abgesehen hast, nun, mir soll es einerlei sein. Calverts sind ein guter Schlag, alle zusammen, wenn auch der Alte eine Yankee geheiratet hat. Und wenn ich nicht mehr bin - pst, Liebling, hör zu! -, hinterlasse ich Tara dir und Cade ...«
»Tara will ich nicht geschenkt!« Scarlett war empört. »Und du sollst mich mit Cade in Ruhe lassen! Ich will weder Tara noch irgendeine andere dumme Plantage. Was mache ich mir aus Plantagen, wenn ...«, sie wollte sagen, »wenn ich nicht den Mann habe, den ich will.« Aber Gerald, außer sich über die hochfahrende Art, wie sie über das angebotene Geschenk hinwegging, über das, was nächst Ellen auf der ganzen Welt seinem Herzen am nächsten stand, fuhr wütend dazwischen: »Da stehst du, Scarlett 0'Hara, und sagst mir ins Gesicht, daß Tara - mein Grund und Boden - , daß du dir daraus nichts machst?«
Scarlett nickte eigensinnig. Das Herz tat ihr zu weh. Es war ihr einerlei, ob sie den Vater in Wut brachte oder nicht.
»Das einzige, was auf der Welt überhaupt etwas wert ist, ist das Land«, tobte er und fuhr in seiner Empörung mit den kurzen, dicken Armen durch die Luft. »Das einzige, was auf der Welt von Dauer ist, was wert ist, daß man dafür arbeitet, kämpft und stirbt!«
»Gott, Pa«, es klang angewidert, »du redest wie ein Ire.«
»Hab ich mich dessen je geschämt? Im Gegenteil, ich bin stolz darauf, und vergiß nicht, du Grünschnabel, daß du auch eine halbe Irin bist. Für jeden, der einen Tropfen Irenblut in den Adern hat, ist das Land, auf dem er lebt, wie seine Mutter. Deiner schäme ich mich in diesem Augenblick. Ich biete dir das schönste Land auf der Welt - außer der Grafschaft Meath, in der alten Heimat -, und was tust du? Die Nase rümpfst du!«
Gerald war gerade dabei, sich in eine gelinde Raserei hineinzureden, als das Herzeleid in Scarletts Gesicht ihm Halt gebot.
»Nun ja, du bist noch jung, sie kommt schon noch über dich, die Liebe zur Heimat. Du bist ein Kind, und die Jungens verdrehen dir den Kopf. Wenn du älter bist, dann wirst du schon sehen ... Faß du nur deinen Entschluß wegen Cade, wegen der Zwillinge oder eines von Evan Munroes Jungens und paß auf, wie schön ich dich aussteuere!«
Allmählich hatte Gerald die Unterhaltung satt bekommen und ärgerte sich weidlich darüber, daß er die Geschichte auf dem Halse hatte. Dabei ging es ihm nahe, daß Scarlett noch immer so verzweifelt dreinsah, nachdem er ihr die besten Burschen aus der Provinz angeboten hatte und Tara obendrein. Seine Gaben sollten mit Küssen und Händeklatschen entgegengenommen werden.
»Nun, kleines Fräulein, nicht maulen. Es kommt gar nicht darauf an, wen du heiratest, wenn er nur ein Gentleman ist, der denkt wie du, aus den Südstaaten, mit dem Herzen auf dem rechten Fleck. Bei der Frau kommt die Liebe erst nach der Heirat.«
»Ach, Pa, das ist so eine altmodische Ansicht aus Irland!«
»Aber eine gute und richtige! All dies amerikanische Herumlaufen nach einer Liebesheirat, wie die Dienstboten, wie die Yankees! Die beste Ehe gibt es, wenn die Eltern für das Mädchen die Wahl treffen. Wie kann denn ein dummes Ding wie du einen Mann von einem Schuft unterscheiden? Sieh dir nur die Wilkes an! Was hat sie seit Generationen stolz und stark erhalten? Gleich und gleich hat geheiratet, ihre Cousinen haben sie geheiratet, wie die Familie es immer von ihnen erwartete.«
»Ach Gott!« Es schnitt Scarlett ins Herz, als Geralds Worte ihr die fürchterliche, unausweichliche Wahrheit klarmachten. Gerald sah ihren gesenkten Kopf und trat unruhig von einem Bein aufs andere. »Du weinst doch nicht?« Er tastete ungeschickt nach ihrem Kinn und versuchte, ihr Gesicht zu sich aufzurichten.
»Nein!« Wild zuckte sie zurück.
»Du lügst wieder, und ich bin stolz darauf. Ich freue mich über deinen Stolz, Puß, und auch morgen beim Gartenfest will ich dich stolz sehen. Die Provinz soll nicht über dich klatschen, wie du dir das Herz abhärmst für einen Mann, der nie mehr als Freundschaft für dich empfunden hat.«
»Er hat mehr für mich empfunden«, ging es Scarlett durch das betrübte Herz, »sehr viel mehr! Ich habe es gemerkt. Hätte ich nur ein bißchen länger Zeit gehabt, ich hätte ihn so weit gebracht, daß er es mir gesagt hätte - ach Gott, wenn doch die Wilkes nur nicht immer das Gefühl hätten, sie müßten ihre Cousinen heiraten!«
Gerald faßte sie unter den Arm. »Nun wollen wir zum Abendessen hineingehen. All dies bleibt zwischen uns. Ich will Mutter damit nicht beunruhigen, tu du es auch nicht. So, nun schnupf dich aus, Mädchen!«
Scarlett putzte sich mit ihrem zerrissenen Taschentuch die Nase, und Arm in Arm gingen die beiden die dunkle Einfahrt hinauf. Die Pferde folgten langsam. Nahe beim Haus wollte Scarlett wieder anfangen, aber da erblickte sie ihre Mutter im Schatten der Veranda. Sie trug Haube, Schal und Handschuhe. Hinter ihr stand Mammy, das Gesicht wie eine Gewitterwolke, und hatte die schwarze Ledertasche in der Hand, in der Ellen 0'Hara immer Verbandzeug und Arzneien mitnahm, wenn sie nach den kranken Sklaven sah. Mammys Lippen hingen tief herab; wenn sie böse war, konnte sie die untere so weit vorschieben, daß sie doppelt so breit wurde wie sonst. Sie hatte sie jetzt vorgeschoben, und Scarlett wußte, Mammybrütete über irgend etwas, was ihr gegen den Strich ging.
»Mr. 0'Hara«, rief Ellen, als sie die beiden die Einfahrt heraufkommen sah. Ellen gehörte zu einer Generation, die auch nach siebzehnjähriger Ehe, in der sie sechs Kinder geboren hatte, noch die Förmlichkeit wahrte. »Mr. 0'Hara, bei Slatterys ist jemand krank. Emmies Kleines ist geboren und liegt im Sterben und muß getauft werden. Ich gehe mit Mammy hin und sehe nach, ob ich etwas für sie tun kann.«
Sie hob fragend die Stimme, als hinge ihr Vorhaben von Geralds Einwilligung ab; eine reine Formsache, aber eine, an der Geralds Herz hing.
»In Gottes Namen!« polterte er. »Warum muß das weiße Pack dich gerade zur Abendessenszeit abrufen, gerade wo ich dir von den Kriegsgerüchten erzählen will, die in Atlanta umgehen. Aber geh nur, du kannst ja doch die Nacht nicht ruhig schlafen, wenn du nicht irgendwo draußen helfen kannst.«