Kitabı oku: «Eberhard Arnold», sayfa 2
Einfluss der Eltern
Wer von den Eltern größeren Einfluss auf den Jungen hatte, ist schwer zu entscheiden – jedenfalls war die Qualität der Beziehung sehr unterschiedlich. Der Vater lebte in erster Linie seiner Wissenschaft. Das war zu dieser Zeit vor allem die Geschichte der gallischen Kirche unter Caesarius von Arelate und später dann die Geschichte der Salzburger Protestanten und ihrer Vertreibung unter Erzbischof Firmian im 18. Jahrhundert. Carl Franklin Arnold pflegte sich in sein Studierzimmer zurückzuziehen und verließ es meist nur zu den Mahlzeiten. Wenn er Gesellschaft hatte, dann vor allem mit anderen Dozenten oder älteren Studenten, mit denen er leidenschaftlich disputieren konnte. Morgens las er der versammelten Familie die Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine vor. Abends beglückte er die Kinder, die zum Teil noch nicht einmal zur Schule gingen, mit dem „Zauberlehrling“ und anderen Versdichtungen des von ihm hochgeschätzten Geheimrats von Goethe. Selbst mit dem „Götz von Berlichingen“. Weder die Losungen noch Goethe scheinen auf die Kinderschar einen besonders nachhaltigen Eindruck gemacht zu haben – die Kleinen waren vermutlich schlicht überfordert. Erst recht mutete der Vater später den Heranwachsenden hochgeistige Diskussionen zu – über die Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts, über den deutschen Idealismus Fichtes, Schellings und Schleiermachers, über die geistige Größe Carlyles und Macauleys. Carl Franklin Arnolds Begeisterung für die deutschen Nationalphilosophen entsprach sein scharfes Urteil über die Gegenwart des ausgehenden 19. Jahrhunderts: „Unsere Zeit ist im Sinne einer höheren Geistigkeit überaus langweilig, unsere Politik seit Bismarcks Abgang überaus töricht, ja grundverkehrt.“ Höchst selten, dass sich der Vater einmal gelöst und fröhlich gab (er konnte durchaus fröhlich sein, erlaubte es sich aber meist nur bei Familienfesten. Erstaunlicherweise ließ er den Kindern die Beschäftigung mit den wildromantischen Abenteuerromanen von Karl May unbeanstandet durchgehen (Eberhard Arnold brachte es zu einer gewissen Meisterschaft darin, Karl-May-Bände in den Sonntagsgottesdienst zu schmuggeln). Für unbekümmertes, kindliches Herumalbern hatte er kein Verständnis. „Interesselosigkeit“ attestierte er seinen Sprösslingen, wenn er sie einmal bei nichtigem Gerede erwischte.
Die Mutter war praktischer veranlagt. Sie hatte hohe Achtung vor der Bildung ihres Mannes, stellte aber gelegentlich die Nützlichkeit der endlosen Forscherei in Frage oder hätte jedenfalls gerne mehr von ihrem Gatten gehabt („Du hättest Mönch werden sollen“). Elisabeth Arnold geb. Voigt war umtriebig und ständig aktiv (ihr zweiter Sohn eiferte ihr darin nach), außerdem gesellig und gastfrei. Carl Franklin Arnold gewährte ihr – nicht ganz freiwillig – das uneingeschränkte Regiment über den Haushalt. Das erforderte einiges an Organisation – bei insgesamt neun Personen: den Eltern, fünf Kindern und zwei Dienstmädchen. Sie hielt ihre Kinder zu Gründlichkeit und Sorgfalt an. Entspannung gönnte sie sich allenfalls spätabends bei der Lektüre von Zeitungen und Journalen, die damals natürlich noch nicht mit Fotos, sondern mit Stichen und Gravuren illustriert waren. Im Umgang mit Menschen war sie sehr direkt, konnte manchmal sogar hart wirken, war aber im Gegenteil herzlich und zugänglich. Offensichtlich hatte sie auch eine ironische Ader (ganz im Gegensatz zu ihrem Mann). Sie war hochgewachsen, blond und blauäugig. Eberhard Arnold hat ihren eigentümlich zwingenden Blick beschrieben, vermutlich ohne zu ahnen, dass viele Menschen an ihm etwas ganz ähnliches bemerkten. Elisabeth Arnold war bei aller Strenge stets mit ihren Kindern solidarisch und ließ es nie auf einen Bruch ankommen. Carl Franklin Arnold dagegen suchte schon früh die intellektuelle Auseinandersetzung und war bereit, sie um seiner Auffassung von der Wahrheit willen recht weit zu treiben. Jedenfalls durchliefen Eberhard Arnold und seine Geschwister eine anstrengende, aber unterm Strich erfolgreiche Persönlichkeitsschule.
Eine Frage wurde im Haushalt der Arnolds nicht offiziell behandelt, und das war die Sache mit den Standesunterschieden. Bis zu seinem zwölften Lebensjahr hatte Eberhard Arnold recht wenig Berührung mit Leuten aus der „einfachen Bevölkerung“. In der Schule begegnete er fast ausschließlich Jungen aus ebenfalls standesbewussten bürgerlichen Familien. Erstaunt und erregt entdeckte er daher, dass manche Leute viel unkomplizierter und einfacher lebten als er und trotzdem fröhlich und herzlich und echt sein konnten. Er schleppte einen jugendlichen Landstreicher ins vornehme Patrizierhaus seiner Eltern. Er tauschte bei einem Urlaubsaufenthalt in den Bergen seinen Hut gegen die schmuddelige Mütze eines alternden Weltenbummlers und fing sich damit außer den Vorwürfen seiner Eltern auch noch Läuse ein. Er war mit den ausweichenden Auskünften der Eltern nicht immer zufrieden und widersprach gelegentlich: warum sollte jemand, der arm ist, deshalb auch zwangsweise schlecht oder lasterhaft sein? Umgekehrt musste er am Breslauer Johannesgymnasium feststellen, dass Reichtum und ein geachtetes Elternhaus noch lange keine Garantie für Anstand und ein vorbildliches Leben sind. Ein stehlender Fabrikantensohn, flegelnde und boshafte Offiziers- und Beamtenkinder: Im Weltbild des Heranwachsenden kam einiges ins Wanken.
Jugendliche Eskapaden
Die Mitgliedschaft in einer (verbotenen) Schülerverbindung namens „Suevia“ blieb eine kurze Episode. Die Tapferkeitsrituale, die Stockgefechte (den Mensuren der schlagenden Studentenverbindungen nachempfunden), das Gerede von ritterlichem Geist, die Biertrinkerei konnten ihn nur anfangs begeistern. Vom Vater in betrunkenem Zustand erwischt und deshalb schwer beschämt, mit einer drastischen Schulstrafe belegt, setzte er sich zusammen mit einem Freund entschlossen von dieser Art von Vergnügen ab.
Unbefriedigende Konfirmation
Den Konfirmandenunterricht haben Eberhard Arnold und seine Schwester Clara mit großen Erwartungen verknüpft und waren dann eher enttäuscht, dass die kirchliche Unterweisung ähnlich langweilig und bemüht fromm ausfiel wie der Religionsunterricht im Gymnasium. Die Konfirmation selbst war auch keine Offenbarung. Carl Franklin Arnold hatte seiner Familie eine vergleichsweise bescheidene Feier verordnet. Eine Patentante aus Berlin kam zu Besuch; den kurzen Weg von der Kirche nach Hause legte man ausnahmsweise per Droschke zurück. Nachmittags stießen ein paar Freunde der beiden Geschwister zur Gesellschaft. Es gab harmlose Spiele im Salon und zum Ausklang mehrstimmige Volkslieder. Nachdem alles vorbei war, muss Eberhard noch einmal das Gespräch mit seinem Vater gesucht haben. Sinngemäß fragte er ihn, ob und wie die Konfirmation, die Vergewisserung des Glaubens, persönlich erfahrbar werden könne. Carl Franklin Arnold musste ihm eine befriedigende Antwort schuldig bleiben. Er hatte zwar im Haushalt der Gildemeisters in Bremen eine innige und fröhliche Frömmigkeit erlebt; die Pflegeeltern und ihre Verwandten standen in der Tradition des Biblizisten Samuel Collenbusch und des pietistischen Bremer Pastors Gottfried Menken. Den Respekt vor diesen Vorbildern hatte er übernommen; z. B. mutete er Frau und Kindern endlose Lesungen aus alten Predigten von Menken zu; aber ihre selbstverständliche und unbeschwerte Art zu glauben war ihm fremd geblieben. Er empfand stets eine tiefe Ehrfurcht vor dem heiligen Gott und seinen Geboten und fühlte sich verpflichtet, mit dem größten Ernst um persönliche Heiligung und sittliche Besserung zu kämpfen. Stundenlang konnte er über Psalmtexte meditieren oder im Gebet mit Gott um die tiefsten Menschheitsfragen ringen. Dazu schloss er sich in seinem Arbeitszimmer ein. Wenn er nach Stunden die Studierstube verließ, erlebten ihn die Kinder oft zerknirscht und bedrückt. Kraft oder gar Freude fand er im Gebet offenbar nicht. Seinem Sohn konnte er auch nichts anderes sagen: er versprach sich Gewissheit der Vergebung oder gar des ewigen Heils nur durch diesen harten und mühsamen Weg, durch ständiges Ringen und Beten.
Schärfer als jemals vorher ist Eberhard Arnold anlässlich seiner Konfirmation die soziale Kluft zwischen den gebildeten, wohlhabenden Ständen und den einfachen Leuten aus der Arbeiterschicht bewusst geworden. Auslöser war die Kleiderordnung. So wie sie zur Kirche gezogen waren – er im neuen schwarzen Anzug, Clara im weißen Kleid –, konnten sich das buchstäblich nur gut betuchte Familien leisten. Ärmere Kinder hatten keine extra Gesellschaftsgarderobe. Er fand das ungerecht und zog für sich daraus die Konsequenz, dass er sich mit Standesunterschieden nicht abfinden wollte. Der Entschluss blieb vorerst ohne praktische Folgen, außer für die Dienstmädchen im elterlichen Haushalt: Er behandelte sie von da an freundlicher und nahm ihnen die eine oder andere Handreichung ab.
Zerstreuungen
Für die Schule tat er weiterhin wenig (er glaubte, es werde ihm – wie im materiellen Bereich ja auch – alles zufallen). Seine Interessen richtete er nun auf den Sport: Fußball, Turnen, Rudern auf der – und Schwimmen in der Oder. In der Freizeit bummelte er ganz gerne über die Schweidnitzer Straße, Breslaus Einkaufs- und Flaniermeile. Außerdem hatte er eine Dauerkarte fürs Pferderennen (die Begeisterung für rassige und schnelle Pferde bewahrte er sich sein Leben lang).
Entscheidende Wochen
Eberhard Arnolds älterer Bruder Hermann hatte inzwischen sein Studium angetreten. Clara war mittlerweile 17, Eberhards 16. Geburtstag stand bevor. Die Ferien sollten die beiden nicht mehr, wie bisher stets, mit der Familie verbringen. Das hätte sich schlecht mit der Schule vereinbaren lassen, denn die Sommerferien dauerten bis zum 7. August, die vorlesungsfreie Zeit an der Universität begann aber erst Anfang August. Stattdessen arrangierte die Mutter einen Ferienaufenthalt bei ihrer Cousine Lisbeth und deren Mann. Ernst Ferdinand Klein war Pfarrer in Lichtenrade bei Berlin. Er hatte früher ein Pfarramt in einem schlesischen Weberdorf innegehabt, hatte sich dort weit über das übliche Maß hinaus für die Interessen der Heimarbeiter stark gemacht und hatte ihre Ausbeutung durch die Tuchfabrikanten öffentlich angeprangert. Das Konsistorium der schlesischen evangelischen Kirche hatte ihn daraufhin in eine andere Kirchenprovinz versetzt. Dem streitbaren Pfarrer war die Bewunderung des 16-jährigen Eberhard sicher.

Eberhard Arnold als 19jähriger im Familienkreis (stehend von links: Clara, Carl Franklin Arnold, Betty, sitzend von links: Hermann, Elisabeth Arnold, Hannah, Eberhard)
Just im Sommer 1899 hatte sich Ernst-Ferdinand Klein mit seiner kompromisslosen Wahrheitshebe auch an der neuen Wirkungsstätte Feinde geschaffen. Er hatte durchgesetzt, dass der Kantor wegen unsittlicher Handlungen an einigen Mädchen der Dorfschule entlassen wurde. Der Kantor war nun zwar weg, aber dafür boykottierte ein großer Teil der Dorfbevölkerung die Gottesdienste. Eberhard und Clara Arnold fanden einen festungsmäßig verrammelten Pfarrhof vor. Gelegentlich gingen Scheiben zu Bruch; Drohbotschaften flogen durchs Fenster.
Durch die Umstände stieg der Onkel noch in Eberhard Arnolds Achtung. Der hatte sich von einem Erwachsenen noch nie so gut verstanden gefühlt. Und noch etwas beeindruckte ihn. Er schreibt später, an seinem Onkel habe er zum ersten Mal ein lebensfrohes und mutiges Christentum gesehen, eine Liebe zu Jesus und zu den Armen, wie sie ihm vorher noch nicht begegnet sei.
Eine Episode verfolgte der Gymnasiast nur als stummer und staunender Zeuge: Ein Heilsarmeesoldat war zum Essen eingeladen. Ernst-Ferdinand Klein begrüßte ihn herzlich, nannte ihn „Bruder“ und hörte sich sehr aufmerksam und bewusst den Bericht über die „Seelenrettungsarbeit“ in den dunklen Winkeln Berlins an. Eberhard Arnold war nach eigener Aussage tiefbeeindruckt – einerseits vom Respekt des Onkels vor dem einfachen Salutisten, noch mehr aber von der Hingabe und Selbstverleugnung, die er diesem Mann abspürte.
Ebenfalls im Lauf dieser vier Wochen entdeckte er das Neue Testament. Die Evangelien vor allem. Es war ihm peinlich, wenn hereinplatzende Verwandte ihn beim Bibellesen überraschten. Noch nicht einmal mit dem Onkel wollte und konnte er über die aufgebrochenen Fragen reden. Erst beim Abschied rückte er heraus mit seiner Befürchtung, zuhause gebe es niemanden, der ihm Jesus besser erklären könnte. Ernst-Ferdinand Klein versuchte diese Sorge zu zerstreuen.
Anfang August zurück in Breslau, wurden die Geschwister getrennt bei befreundeten Familien einquartiert. Die Eltern waren mit den jüngsten Töchtern, Betty und Hannah, an die Nordsee gereist. Eberhard kam in der Familie eines älteren Professors unter. Auch dieser war bekennender Christ, allerdings sehr nüchtern, musterhaft und unbeweglich und damit nicht der ersehnte Gesprächspartner. Dafür entdeckte der Gymnasiast im Schreibtisch seines Stübchens das Buch „Nachfolge Christi“ von Thomas von Kempen. Das Werk war damals schon rund 500 Jahre alt. Eberhard Arnold erkannte darin einen Schlüssel zu den Evangelien und einen Leitfaden für ein Leben in den Spuren Jesu: „ ‚Wer mir nachfolgt, wandelt nicht in Finsternis‘, spricht der Herr. Mit diesen Worten ermahnt uns Christus, seinem Leben und seinen Sitten zu folgen, wenn wir wahrhaft erleuchtet und von aller Blindheit des Herzens befreit werden wollen. Darum muss dies unsre höchste Sorge sein, uns in das Leben Jesu Christi zu versenken …“1
Hingabe
Eberhard Arnold hat in den folgenden Wochen fast jede freie Minute zum Lesen und Nachdenken genutzt. Er berichtet später, Jesu Bild sei ihm in blendender Reinheit erschienen. Ihm nachzufolgen sei dringendste Forderung geworden – ein innerer Ruf, der alles andere übertönt habe. Die Eltern, Anfang September zurückgekehrt, bekamen zunächst kaum etwas mit von dem Drama, das sich da im Innern ihres Sohnes abspielte. Er war in sich gekehrt, auffällig war allenfalls, dass er die Jugendstunden eines jungen Pastors besuchte.
Äußerlich änderte sich an seiner Haltung kaum etwas – bis zum 2. Oktober 1899. Da fasste er beim Spazierengehen auf der Hauptstraße unvermittelt einen Entschluss, bog auf die Promenade ab und steuerte die Dienstwohnung des Pastors an. Der war anscheinend nicht überrascht und hörte sich einen Schwall von Fragen und Einwänden an. Unter anderem diese: „Warum höre ich bei Ihnen so wenig vom Heiligen Geist? Ich verlange nach der Wirkung des Geistes Christi.“ – Worauf der Pastor gelassen erwiderte, das sei ja einzig und allein die Wirkung des Heiligen Geistes, dass der „junge Freund“ auf einmal zu ihm gekommen sei. Das leuchtete ein. Mit ein paar behutsamen Ratschlägen wurde Eberhard Arnold entlassen. Er ging rasch nach Hause, schloss sich in den Salon ein, schlug in seiner Taschenbibel das dritte Kapitel des Johannesevangeliums auf und las es laut. Das heißt: Er buchstabierte für sich persönlich die Bedeutung des Begriffs „wiedergeboren“ (Joh 3,3ff), bekannte seinen Glauben an Jesus, den Sohn Gottes (Joh 3,16), und er fasste mit den Worten von Joh 3,21 den Entschluss, mit allen bösen Werken zu brechen und künftig „die Wahrheit zu tun“. Außerdem erwog er bis in die Einzelheiten seiner Lebensführung hinein den Preis und die Veränderungen, die sein Schritt von ihm fordern würde.
Eine weitreichende Entscheidung, zumal für einen 16-Jährigen. Sie wurde belohnt: Als unsagbare Freude habe der Strom der Liebe Gottes sein Herz überflutet, schreibt er mehr als 30 Jahre später. – Als er schließlich den Salon verließ, bis ins Innerste erschüttert von seiner Erfahrung, fand er die Familie zum Abendbrot im Esszimmer versammelt. Mit belegter Stimme wandte er sich an seine Eltern und erzählte ihnen, was geschehen war und was das für ihn bedeute. Der Vater sagte gar nichts, verhielt sich zweifelnd-abwartend. Die Mutter fand einen begütigenden Satz, konnte die Erklärung ihres Sohnes aber nicht so recht einordnen. Die Geschwister schwiegen. Nach einer Pause – peinlich nur für die anderen, nicht für ihn – ging man zur Tagesordnung über.
Erste Konsequenzen
Zunächst einmal gab Eberhard Arnold die letzten Reste von herrschaftlich-großbürgerlichem Gehabe auf. Pferderennen und zielloses Herumschlendern waren passé. Sein schickes Elfenbeinstöckchen kam ihm nun albern vor. Der pubertären Prahlerei seiner Kameraden entzog er sich. Er verabschiedete sich in aller Form von den wohlgeformten marmornen Venusskulpturen im Stadtmuseum, mit deren Hilfe die Schüler gelegentlich ihre Phantasie angeheizt hatten. Mit mehr Mühe verkniff er sich all die kleinen Kniffe und Winkelzüge, mit denen er sich bisher durch den Schulalltag gemogelt hatte. In den letzten Herbstwochen besuchte er reihum seine Lehrer, erzählte ihnen von seinem inneren Schritt und bat sie um Verzeihung für seinen Übermut und sein bisweilen respektloses Verhalten in der Vergangenheit. Die meisten nahmen seine Erklärung skeptisch auf. Ihre Anerkennung wuchs erst in den folgenden Monaten, als der bis dahin sehr mäßige Schüler mit unvermutetem Fleiß seine Leistungen verbesserte. – Den Klassenkameraden war Eberhard Arnolds Bekenntnis zum Teil gleichgültig, zum Teil ärgerlich, sofern sie ihn bisher eher als Anstifter zu Späßen oder Abenteuern bewundert hatten. Mit den Klassenbesten wurde er auch dann nicht warm, als er kurzzeitig zu ihnen aufschloss. Leistung um der Leistung willen war nicht seine Sache; auf Anerkennung gab er wenig.
Entfremdung vom Vater
Die üblichen Feste und Gesellschaften begann er zu meiden; Einladungen zu Geselligkeiten bei befreundeten Professorenfamilien lehnte er ab, weil sie ihm neuerdings hohl und wertlos erschienen. Darüber kam es zu ernsten Auseinandersetzungen mit seinen Eltern, insbesondere mit dem Vater („Unbescheidenheit eines unreifen Jungen!“). In seinem Eifer stellte der 16-Jährige Bedingungen: ja, er würde hingehen, wenn er die Gesellschaft in offener Rede auf den Irrtum ihres Lebens aufmerksam machen könne.
Selbst am Silvesterabend, als die Familie mit einigen Studenten beim Punsch zusammensaß und auf das Jahr 1900 anstieß, teilte Eberhard von seiner Begegnung mit Jesus mit und forderte Verwandte und Gäste auf, die Stunde wahrzunehmen und ebenfalls solche Erfahrungen zu suchen. Sein Vater überspielte die einsetzende Betroffenheit, indem er wie alle Jahre den 103. Psalm rezitierte und überleitete zum Choral „Nun lasst uns gehn und treten mit Singen und mit Beten zum Herrn, der unserm Leben bis hierher Kraft gegeben“.

In der elterlichen Wohnung in Breslau, 1902
Die Entfremdung zwischen Vater und Sohn nahm noch zu, als Eberhard Arnold die halbjährlichen Empfänge seiner Eltern in Frage stellte. Er kritisierte den ungeheuren Aufwand („200 Reichsmark für Essen und Trinken!“) und wies daraufhin, dass die geladenen Gäste alle selber wohlhabend und satt seien. Er erinnerte seinen Vater an die Arbeiterfamilien in den östlichen Stadtvierteln Breslaus und an das Jesuswort „Wenn du ein Gastmahl machen willst, (...) so geh auf die Straße und lade die Allerärmsten ein, die dich niemals laden können“ (Lk 14,12ff). Carl Franklin Arnold belegte ihn für diese, wie er meinte, Anmaßung mit Stubenarrest. Die Serie der Missverständnisse setzte sich fort, und beide litten darunter.
Missionarischer Eifer
Anschluss an andere junge Christen fand Eberhard Arnold mittelbar durch den Pastor, der ihm die entscheidenden Schritte gewiesen hatte. Dieser richtete einen Bibelgesprächskreis für Schüler der oberen Klassen ein. Anfangs waren es außer Eberhard nur zwei Primaner von einem anderen Gymnasium. Man studierte gemeinsam das Markusevangelium. Der Pastor ermutigte die Jungs, auch ihre Kameraden einzuladen. Eberhard Arnold konnte zunächst zwei Freunde aus den „Suevia“-Tagen interessieren. Nach einiger Zeit waren mehr als zehn der Klassenkameraden angesteckt von seiner glühenden Begeisterung für Jesus. Sie sammelten sich in den Pausen unter den Walnussbäumen, oder sie besuchten ihn alleine oder in Grüppchen zuhause und hörten sich an, was er über bedingungslose Nachfolge Jesu erzählte oder über die Freude und die Kraft, die Jesus verleihen kann. Clara Arnold berichtet, sie und die anderen Geschwister hätten Eberhard zuweilen im Salon angetroffen, im tiefernsten Gespräch mit einem oder mehreren anderen Jungen. Offenbar hat er einigen von ihnen zu einem ähnlichen Durchbruch verhelfen können, wie er ihn selbst erlebt hatte.
Parallel dazu wuchs der Bibelkreis zeitweilig auf ca. 50 Teilnehmer an. Als der Jugendpastor nach Stettin versetzt wurde, ging die Leitung des Kreises an Eberhard Arnold über. Der missionarische Eifer und das starke Verantwortungsgefühl den suchenden Kameraden gegenüber kostete ihn viel Zeit und Energie, und das hat, wen wundert es, seine Leistungskurve am Gymnasium wieder gedrückt.
