Kitabı oku: «Fettie macht 'ne Arschbombe», sayfa 3
Ich antworte: »Nothing!«
Darauf er: »Nothing? Nothing is two dollah!«
Am Nachmittag dieses zweiten denkwürdigen Tages im Pauschalhetz-Sightseeing-Marathon (okay, wir haben auch noch den Tempel Ta Som und das riesige Schwimmbecken Srah Srang besichtigt, aber unter uns: Man kann einfach nicht jedes Mal erneut in orgiastische Entzückensschreie ausbrechen, und irgendwann gehen einem einfach die Superlative aus) läuft uns in Ta Prohm wieder Lederstrumpf mit Gattin über den Weg.
»Isn’t that amazing?«
»Indeed. So überinteresting!«
»Phan-tas-tic!«
»Mar-ve-lous!«
»It’s just like, you know, gorgeous!«
»Oh my gosh! You’re damn right!«
(Wie gesagt, so war es in den Vor-»awesome«-Zeiten!)
Mittlerweile sind wir alte Profis in amerikanischem Smalltalk, wir beherrschen nicht nur die Worte, auch die Tonlage: Ein hysterisches Fiepsen im Ultraschallbereich, kurz vorm Orgasmus. So muss es sich anhören, wenn man gorgeous sagt; so kann man den immer noch urwaldüberwucherten, romantisch verwitterten Ta Prohm, sicher einer der absoluten Höhepunkte der Angkor-Tour, in einem Wort zusammenfassen. Praktisch, diese Amis. Unsereiner hätte mühsam nach Worten gerungen, um das meterhohe Wurzelwerk von Urwaldriesen zu beschreiben, das krakenartig die Ruinen des Tempels aus dem 12. Jahrhundert umschlingt oder elegant wie das Wachs einer Riesenkerze über Mauern fließt, und hinter jeder Biegung heißlaufende Fotoapparate evoziert. Doch dank Lederstrumpf wissen wir nun, dass ein einfaches gorgeous wirklich alles sagt. Keine Frage, dass uns fortan irgendwelche Akropolen, Colosseen oder ägyptische Pyramiden nur noch ein müdes Gähnen entlocken werden.
Uns begegnen geballt weitere Formen der Armut und Bettelei. Kriegsveteranen und Landminenopfer mit fehlenden Beinen, Armen und Augen. Erschütternde Zeugnisse der Terrorjahre, die hinter Kambodscha liegen. Pol Pot und die Roten Khmer sind so noch immer gegenwärtig. Das Schweizer Ehepaar ist zu Recht stolz auf seinen Landsmann Dr. Beat Richner, der mit Spendengeldern in Siem Reap das bisher einzige funktionierende Krankenhaus Kambodschas aufgezogen hat. Unsere Schweizer, die sich bisher hauptsächlich durch strohtrockene Sauertöpfigkeit hervorgetan haben, geben den Bettlern mal hier mal da 20 Baht oder einen Dollar. Ähnlich die Münchnerin Clara, die ihre Lernfähigkeit unter Beweis stellt, indem sie heute geschlossene Pumps mit Turboabsätzen statt hochhackiger Kamikazesandaletten trägt und munter weiterhin einer Gämse gleich jede Tempelsteilwand hinauf- und hinabturnt, während ihr Freund Thomas mit schreckensbleichem Gesicht und »Ich kann gar nicht hinsehen«-murmelnd an einem schattigen Plätzchen auf sie wartet. Sie hat schon am Vorabend ihre Finanzreserven in Eindollarscheine umgetauscht und gibt und gibt und gibt, unsere Einwände fegt sie beiseite. Tausende Arme und Stummel greifen nach ihr. Die Situation wird letztlich pervers, als sie, mit einem Dollarschein wedelnd, von bettelnden Kindern umringt dasteht und uns zuruft: »Wem soll ich denn nun den letzten Schein geben?« Wir verzichten auf politisch korrekte Ökotourismus-Pädagogik, spielen Schicksal und deuten willkürlich auf ein Mädchen.
Während Carsten zunächst noch eher bereit war, Geld zu geben, nun zusehends abstumpft und garstigerweise den kreischenden Bettlern auf ihr »One Dollah!« ein freches, ihrem Pidgin-Englisch angeglichenes »No have!« antwortet, verläuft bei mir der Prozess anders herum. Ich entstumpfe langsam, weiß, dass ich es nicht tun sollte. Vernünftiger wäre es, von den Erwachsenen T-Shirts oder Postkarten, die fast nichts kosten, in Massen zu kaufen. Das fördert – im Gegensatz zu Almosen. Trotzdem gebe ich zaghaft mal 20 Baht, mal nur zehn. Doch wo anfangen und wo aufhören? Gewiss gar nicht anfangen bei dem Angebot, das uns gleich mehrere Polizisten zukommen lassen: Sie wollen uns ihre Dienstmarken andrehen. »Nice souvenir!« Für nur fünf Dollar das Stück. Und man versichert uns, dass der Verlust der Marke für den Polizisten kein Problem sei. »I have quinze à la maison.« Nun sehen diese Marken wirklich hübsch und dank der Schrift auch exotisch aus, doch weniger hübsch und exotisch stellen wir uns vor, was passiert, wenn wir an der Grenze gefilzt werden und die Dinger im Gepäck haben. Garantiert wurde irgendwann in den letzten Wochen ein kambodschanischer Bulle ermordet und ohne Dienstmarke aufgefunden. Da sitzt man schneller in der Todeszelle, als einem lieb ist. Ry klärt uns auf, dass die Polizei seit zig Monaten keine Gehälter mehr ausgezahlt bekommen hat. Immerhin sind wir dankbar, dass die Bullen uns nur ihre Dienstmarken verscherbeln wollen, und uns nicht, wie der Reiseführer eindringlich warnt, einfach mit vorgehaltener Dienstwaffe ausrauben.
Für Ry muss der Tag bisher die Hölle gewesen sein. Angestachelt von uns schwarzen Schafen und der individuell herumkugelnden Berlinerin, haben plötzlich alle (ausgenommen die immer sauertöpfischer dreinblickenden Schweizer) mit zahllosen Sonderwünschen, äußerst flexibler Zeiteinteilung und Extrastopps an nicht vorgesehenen Sehenswürdigkeiten den Plan völlig auf den Kopf gestellt. Doch nun, wo Ry uns schon mal so schön zusammen hat, bugsiert er uns kurzerhand in den Bus. Heute Abend entkommen wir dem Sonnenuntergang nicht. Ry karrt uns zum Phnom (»Das Phnom bei uns in Kambodschah isse Berg!«) Bakheng. Schon finden wir uns mitten in einem Gewusel von Bussen, Taxen und Mopeds, die einen endlosen Strom an (hauptsächlich japanischen) Touristen am Fuße des Phnom abladen. Für Gutbetuchte stehen für 15 Dollar pro Person Elefanten bereit, auf deren Rücken der Aufstieg bequem zu bewältigen ist. Die dicke Berlinerin verweigert erstmals komplett die Gefolgschaft und verzieht sich samt Videokamera zu den Getränkebuden am Parkplatz. Ry erbarmt sich unseres greisen Alleinreisenden und führt ihn auf dem Elefantentrampelpfad zum Gipfel. Der alte Mann trotzt tapfer der Hitze und den Strapazen und macht entgegen anders lautender Wetten keine Sekunde schlapp. Schweißgebadet, kurzatmig und der Optik nach kurz vorm Herzstillstand zwar, aber er hält durch. Völlig schweißgebadet sind auch wir Fußvolk, die wir den »kurzen« Weg nach oben wählen und eine beinahe senkrechte Steilwand aus losem Geröll hochklettern müssen. Mitten im Geröll haben sich erschwerend bettelnde Minenopfer mit bloßen Bein- und Armstümpfen postiert. Heilfroh, endlich oben zu sein und den Sonnenuntergang genießen zu können, eröffnet sich dem Kletterer eine weitere Hürde: Auf dem Berggipfel befindet sich eine Tempelpyramide, die es noch zu erklimmen gilt, um den ultimativen Blick zu haben. Ich sage nur: »Steiltreppe, alle fünf Meter ein Stüfchen.« Oben tobt das Leben. Sundown auf Phnom Bakheng scheint der angesagte Event zu sein. Wir wähnen uns in einem polaren Land oder dem Epizentum einer ansteckenden Pandemie. Japaner über Japaner in den abenteuerlichsten Verhüllungen, damit kein Sonnenstrahl die empfindliche Haut berührt, dazu Mund-, Augen- und Sonstwas-Schutz. Vor allem die Damen tragen die wildesten Aufbauten rings um den Kopf, die sie wie futuristische Stahlschweißerinnen aussehen lassen, um sich vor der Sonne zu schützen. Wir finden letztlich noch ein japanerfreies Steinchen und warten freudig erregt auf das Naturschauspiel.
Das Münchner Pärchen gesellt sich zu uns. Clara hat unten am Berg bei einer Bude zwei Getränke erworben. Eine Dose einheimisches, durchaus leckeres Angkor-Bier und eine Dose, die eine uns unbekannte, nicht sehr vertrauenserweckende Frucht ziert. Die Gute wollte mal was anderes ausprobieren. Der hohe Bogen, in dem sie dann den ersten Schluck wieder ausspuckt, lässt keine Zweifel zu: Die Geschmacksrichtung »Unbekannte, nicht sehr vertrauenserweckende Frucht« ist nicht der Bringer. Noch sind 20 Minuten vor Sonnenuntergang.
»Ich brauche was zu trinken«, beschließt Clara. »Will noch jemand was?«
»Wie? Woher willst du denn jetzt was anderes herbekommen?«, frage ich verwundert.
»Na, ich geh schnell wieder runter und kauf was Neues«, antwortet sie mit einer Seelenruhe, als sei es auch nur ansatzweise realistisch, in einer Viertelstunde die Tempelsteiltreppe plus senkrechte Geröllwand lebend runter- und vor allem wieder raufzukommen. Noch dazu in offenen Pumps.
»Soll ich dir ’ne Cola mitbringen?«, fragt sie, dann stöckelt sie auch schon los, und ihr Freund Thomas wird wieder kreidebleich, murmelt Verzweifeltes. Noch während wir ihm tröstend die Schulter tätscheln und gut gemeinte Phrasen wie »Wir helfen dir schon mit dem Papierkram, den so eine Leichenüberführung mit sich bringt« von uns geben, tanzt eine Coladose vor meiner Nase.
»Hier, ist noch gut kalt.« Die Gute benötigte nicht einmal zehn Minuten für die Getränkeaktion, inklusive Dollarnotenverteilen an die Bettler. »Ach, manchmal brauche ich einfach ein bisschen Bewegung«, sagt sie und transpiriert nicht einmal.
Die Sonne senkt sich beeindruckend über ebensolche Landschaft, schnell ein Foto geknipst, dann heißt es auch schon Aufbruch. Denn alle wollen noch bei Licht den Abstieg machen, und wir müssen ihn daher vor allen anderen schaffen. Wir gehören zu den Ersten, der staufreie Rückweg gelingt. Abgekämpft wie wir sind, hält Ry uns für willenlos genug und karrt uns wieder zu einem Souvenirsupermarkt. Da er wirklich eine Seele von Mensch ist, geradezu masochistisch alle Programmänderungen akzeptiert hat und immer noch ein überzeugend ehrliches Dauerlächeln aufgesetzt hat, spielen wir ausnahmsweise mit und heucheln Interesse. Die Schweizer kaufen eine Kleinigkeit, damit Ry seine Provision kassieren kann, doch dann schlagen sie gnadenlos zu.
»Was sind denn das für Elefanten gewesen?«, fragt der Schweizer. »Afrikanische oder indische?« Eine ebenso überflüssige wie dumme Frage mitten in Südostasien.
Ry versteht zunächst auch nicht, doch schließlich antwortet er: »Elefanten sinn kambodschanis. Unn warum?! Sinn aus Kambodschah.«
»Ja, das schon«, vertieft der Schweizer sinnloserweise die Diskussion. »Mir ist klar, dass die hier leben. Aber sind es nun von der Rasse her afrikanische oder indische?«
»Kambodschanise«, beharrt Ry mit verzweifeltem Lächeln.
»Es gibt keine kambodschanischen Elefanten!«, doziert der Schweizer rechthaberisch und deutlich angesäuert. Er führt die verschiedenen Merkmale der beiden Elefantenrassen an. Als Ry dann zugibt, dass die kambodschanischen Elefanten auch kleine Ohren haben, gibt der Schweizer ein zufriedenes »Aha, also doch indische!« von sich.
»Nein, nich indis!« Ry verzweifelt langsam angesichts eidgenössischer Ignoranz. »Kambodschanis!«
Aus lauter schlechtem Gewissen, weil wir in der Elefantendiskussion nicht viel eher zugunsten von Ry eingeschritten sind, folgen wir am Abend dann doch Rys Restaurantempfehlung, was wir schneller bereuen, als uns lieb ist. Der wittert Morgenluft und unternimmt einen erneuten Anlauf, uns am nächsten Morgen den bislang verschmähten Programmpunkt »Sonnenaufgang um 5 Uhr früh« unterzujubeln. Vergebens. Wir ziehen »Ausschlafen bis 8 Uhr« vor, um für das angeblich unbedingt sehenswerte schwimmende Dorf auf dem Tonle Sap See fit zu sein.
Ach, was waren wir naiv! Carsten hatte noch am Vorabend beschlossen, auf den Bootstrip zu verzichten, weil er lieber den Alten Markt in Siem Reap erkunden wollte. Dummerweise überredete ich ihn, doch mitzukommen. Malte romantische See-Idyllen mit glücklichen Fischern in bunten Booten aus, bis Carsten ganz heiß auf Bötchenfahren war. Immerhin können wir schon bei der Abfahrt Ry dahingehend weichklopfen, dass wir auf dem See nur die Schnelltour machen, und dann endlich außerplanmäßig den Markt in Siem Reap besuchen, bevor es mittags zum Flieger nach Bangkok geht.
Doch weshalb der See Eingang in die Programmplanung von Reiseveranstaltern gefunden hat, wird eines der großen Rätsel der Menschheit bleiben. Es kann nur daran liegen, dass es eine Internationale Verschwörung Supersadistischer Reiseroutenplaner (IVSR) gibt. Die haben böse kichernd in ihren Kämmerlein beschlossen, dass man jedem Kambodscha-Touri gehörig den Rest geben muss, indem man Tonle Sap als Attraktion anpreist. Flugs haben sie noch den Verband Lügender Reisebuchautoren (VLR) auf ihre Seite gezogen. Eine andere Erklärung kann es nicht geben. Über eine Buckelpiste nähert man sich dem Gewässer. Der Bus schlingert wie ein Schiff in Seenot auf der unbefestigten Straße, die sich beim näheren Hinsehen als festgebackene Müllkippe entpuppt. Links und rechts ziehen verwahrloste Hundehütten vorbei. Nur dass darin keine Hunde, sondern Menschen hausen. Selbst die kleinen Geisterhäuschen, die wie überall in Südostasien vor den Häusern stehen, sind hier aus alten Blechdosen selbst gebastelt. Wir werden durch den slumigsten Slum, den man sich vorstellen kann, gefahren.
Als Fernsehjunkie glaubt man, alles schon mal gesehen zu haben. Man kennt das Leben. Elendsviertel in Südamerika schocken natürlich, doch was da am Busfenster vorbeizieht, hat selbst ein Fernsehjunkie wie ich noch nie gesehen. Erbärmlichere Armut ist kaum vorstellbar. Ein kleines Mädchen im schmuddeligen blauen Kleid rennt fast die ganze Zeit neben dem Bus her, winkt verzweifelt und hebt ständig ihren rechten Zeigefinger. Ihr Zeichen für »one dollah«.
Mitten im tiefsten Slum hält der Bus. Ein brackiges schwarzes Gewässer dümpelt neben der völlig zugemüllten Straße. Wir steigen geschockt aus und wollen sofort zurück in den Bus. Die Luft, die uns empfängt, ist zum Schneiden dick. Es stinkt nach Müllkippe, gemixt mit Kläranlage und Fischfabrik. Auf der Kloake schwimmen zwischen kleinen braunen Klumpen auch bunte Ausflugsboote. Der Weg dorthin gestaltet sich schwierig, weil wir nicht wissen, ob wir da überhaupt hinwollen.
Clara herrscht ihren Freund an: »Gib mir gefälligst alle Dollar, die du noch hast!«, und betätigt sich wieder als Geldverteilstation. Ein Fass ohne Boden.
Der Horror steht allen ins Gesicht geschrieben, als unser Ausflugsboot ablegt. Einzig Ry strahlt wie immer fröhlich vor sich hin. Nur wenn er sich unbeobachtet fühlt, hält er sich die Hand vor die Nase. Wir gleiten durch das Brack an heruntergekommenen Hausbooten vorbei. Erst als der Fluss etwas breiter wird, sehen die Boote einen winzigen Hauch gepflegter aus. Ein paar sind sogar bunt bemalt. Doch der Eindruck bleibt, dass wir hier die Perversion von Tourismus erleben. Derartige Armut zu fotografieren, verbietet sich von selbst. Bisher habe ich es nie getan, doch diesmal knipse ich drei oder vier Fotos zur Dokumentation, bis mich Carsten erzürnt anschnauzt: »Hör sofort auf! Hier zu fotografieren ist ja wohl das Allerallerletzte!«
Die Hausbootbewohner verrichten ihre alltäglichen Arbeiten, waschen Wäsche und Geschirr in der Kloake oder trocknen Fisch auf großen Plattformen am Ufer. Wenn wir diese Plattformen passieren, löst selbst Luftanhalten Brechreiz aus. Diejenigen unter uns, die am Vorabend der grottigen Essensempfehlung von Ry gefolgt waren, leiden besonders. Bei einer der Spezialitäten khmerscher Küche handelte es sich nämlich um Mangosalat mit getrocknetem Fisch. Eine Kombination, die man beim besten Willen nur mit viel Angkor-Bier herunterwürgen konnte. Nun riecht es so, wie es gestern schmeckte.
Endlich erreichen wir den Tonle Sap See. Die Luft wird frischer, die paar Boote am Ufer sehen relativ gepflegt aus. Es ist auch die Anlegestelle für die Schnellboote von und nach Phnom Penh. Ry hält uns Vorträge über irgendwelche Seeschlachten, die hier stattgefunden haben. Wir hören kaum zu. Erst Wochen später erfahre ich, dass die Attraktion des Tonle Sap Sees angeblich vom Aussterben bedrohte Süßwasserdelfine sind (vom Aussterben bedroht, weil der Kambodschaner gerne mit Dynamit fischt). Wir sehen jedenfalls keine. Das Boot fährt langsam zurück, auf eines der großen, bunt bemalten Hausboote zu, auf denen »Fishing Center« steht. Wir sehen Souvenirramsch blinken und verweigern Ry die Gefolgschaft. Verstört weist er unseren Bootsführer an, zurückzufahren. Auf halber Strecke, mitten im erschütterndsten Kloakensumpf, schlägt Ry dann vor, doch schon mal hier anzulegen, wir könnten ja gemütlich per pedes zum Bus bummeln. Wenn wir wollten. Er meint es ernst. Wir auch. Das Boot legt nicht an.
Auf der Busfahrt zurück nach Siem Reap halten wir noch mal kurz, um dem Mädchen, das seit einer Ewigkeit flehend neben dem Bus herrennt, ein paar Baht zuzustecken. Und wir formulieren in Gedanken schon mal den Brief an unseren Veranstalter: »Sehr geehrter Herr Meier, Sie sollten Ihre Weltreisen aus den Klauen des IVSR reißen und Ihre Prospekttexte nicht vom VLR schreiben lassen. Richten Sie lieber sinn- und wirkungsvolle Hilfsfonds ein, für die wir gerne spenden. Um uns reichen, verwöhnten, selbstmitleidigen Deutschen mal gehörig die Jammer-Perspektive zurechtzurücken, reicht schon das ganz normale Straßenleben in Siem Reap …«
Bevor uns das ganz normale Straßenleben in Siem Reap wieder hat, treibt uns Ry gnadenlos in das Handicraft-Center. Erneut vergebens. Keiner kauft was, obwohl das Center durchaus unterstützenswerte, unesco-geförderte Arbeit leistet, indem es junge Kambodschaner zu Kunsthandwerkern ausbildet. Die angebotenen Schnitzereien und Steinmetzarbeiten sind tatsächlich auf hohem Niveau, die Preise allerdings auch. Gerade überlege ich, ob ich einen der khmer-typischen, milde lächelnden Buddhaköpfe aus Holz erstehen soll. Doch noch bevor ich mich entscheiden kann, scheucht uns Ry schon wieder in den Bus. Schnell unseren Wunsch abhaken und den alten Markt Psah Chas besuchen.
Endlich. Hier finden wir letztlich alles, was unser Herz bisher vergeblich suchte und begehrte: Atmo, Kontakt zur Bevölkerung und jede Menge Asia-Ramsch. Wir scheißen auf die halbe Stunde Zeit und verzichten auf die gemeinsame Busfahrt zum Hotel. Ein Tuktuk wird uns rechtzeitig zurückbringen. Tuktuks, jene legendären zweisitzigen Rikschas, die ihren lautmalerischen Namen den röhrenden Mopedmotoren verdanken, mit denen sie durch die Straßen jagen, sind in Kambodscha die gängigste Form des öffentlichen Personennahverkehrs.
»Aber der Shuttle zum Flughafen geht pünktlich um zwölf«, kreischt die Schweizerin panisch und sieht sich schon wegen uns den Flieger verpassen.
»Ja und? Es ist noch nicht mal elf!« Wir verlassen unsere Pauschalfreunde und hetzen zum Shoppen, stinksauer darüber, dass man uns diesen Markt fast vorenthalten hätte. Mittlerweile ohne einen Dollar oder Baht in der Tasche. Angeblich, so wurde uns eingebläut, kann man nirgends mit Euro zahlen. Angeblich! Carsten ersteht endlich seine heiß ersehnte, riesengroße Vishnufigur aus Bronze, ich kralle mir einen Buddhakopf aus blaugeädertem Marmor. Natürlich nehmen die Händler mit Kusshand Euro. Okay, ich weiß mittlerweile, dass es eigentlich kein Buddhakopf ist, sondern das meditativ-entrückte Antlitz König Jayavarmans VII. (ca. 1125 bis 1219), das einem in Kambodscha wie eine Pop-Ikone überall friedfertig entgegenlächelt. Allein die Auffahrt zu unserem Hotel wird von vier überdimensionalen Jayavarmännern aus Beton geschmückt.
Selig schleppen wir unsere tonnenschweren Souvenirs zum nächsten Tuktuk. Ich begehe unterwegs den Fehler, mein letztes Kleingeld einer Bettlerin zu geben, schon sind wir von verzweifelten Dollah-Kreischern umgeben – zerfetzte Gliedmaßen, handlose Arme recken sich bittend nach vorne, augenlose Gesichter flennen. Uns bleibt nur, dem Tuktuk-Fahrer »Go! Go! Go!« zuzubrüllen.
Bangkok
Kaum aus Siem Reap in Bangkok gelandet, löst sich unsere kleine Gruppe auf. Einige fliegen gleich nach Deutschland weiter, andere machen einen Badeurlaub. Clara und Thomas werden ein wenig Laos erkunden. Und wir zwei bleiben noch zwei Tage in Bangkok, bevor wir nach Koh Samui fliegen. So viel also dazu, dass Pauschalreisen Herdenreisen sei.
Die Ausreise aus Siem Reap gestaltete sich im Gegensatz zur Einreise übrigens durchaus angenehm. Lächelnde Zöllner und freundliche Grenzbeamte machten den Abschied schwer. Große, blonde Männer wie Carsten schienen dabei einen besonderen Stein im Brett kambodschanischer Grenzer zu haben. Jeder buhlte darum, seinen tonnenschweren Vishnu zu schleppen. Ein Beamter versank gar öffentlich in Carstens blauen Augen und meinte mit verzücktem Lächeln: »Sir, you are an actor, right? Because you look so handsome!« (Worauf Carsten zum kichernden Teenie mutierte.)
Wann hört man so was am deutschen Zoll?
Da verkraftete ich es gerne, dass ein gewissenhafter Grenzer meine klitzekleine, zusammenklappbare Schere, die ich weiland in einem kleinen Chinesenladen in San Francisco erstanden hatte und seit Menschengedenken in meinem Filofax bei mir führe, als gefährliche Waffe einstufte und kurzerhand konfiszierend in seine Hosentasche steckte.
Alle Reiseführer warnen in fetten Blockbuchstaben: Aus Thailand dürfen keinerlei Buddhafiguren oder -teile ausgeführt werden. Verboten, verboten, verboten. Selbst am Bangkoker Flughafen weisen unübersehbare Tafeln darauf hin. Nun ist der Zöllner als solcher in den seltensten Fällen kunsthistorisch so firm, dass er einen kambodschanischen Vishnu von einem Buddha unterscheiden kann. Erfahrene Weltenbummler wissen, dass ein industriegeschnitztes Massenprodukt an der Grenze schnell zum identitätsstiftenden Heiligtum ganzer Nationen mit Ausfuhrverbot mutieren kann, wenn der diensthabende Zöllner dringend einen Kredit abzahlen muss. Also beschließt Carsten, Schmiergelder schon im Vorfeld zu umgehen und seinen Vishnu bei der Einreise in Bangkok anzugeben, damit wir bei der Heimreise nach Deutschland keine Schwierigkeiten bekommen. Die Zolldame in schmucker Uniform versteht sein Anliegen nicht und fragt ihren Kollegen. Ja, die Figur ist aus Bronze und auf antik getrimmt. Nein, kein Buddha, ein Vishnu. Wir packen sie auf Wunsch gerne aus. Der Zöllner winkt gelangweilt ab. Selbst wenn es ein aus einem Bangkoker Museum gestohlener Buddha sei, so sollten wir ihn ganz einfach im Gepäck verstecken. So bekämen wir auf gar keinen Fall Schwierigkeiten. Ich beherzige den Rat des Zöllners, nachdem ich mir am Abend in einem kleinen Laden an der Silom Road einen antiken Alabaster-Buddha aus Burma zu einem Schnäppchenpreis erhandelt habe. Das tonnenschwere Prachtstück kommt zwischen die Schmutzwäsche in den Koffer. Zwar klärt uns eine Antiquitätenhändlerin im Gegensatz zu den Reiseführern dann definitiv auf: Ausschließlich antike Buddhas im Thaistil dürfen nicht oder nur mit ministerieller Genehmigung ausgeführt werden; burmesische oder laotische Buddhas, die sich stilistisch erheblich von den thailändischen unterscheiden und momentan den Markt ebenso überschwemmen wie billige Repliken, können hingegen en masse in alle Welt mitgeschleppt werden. Doch sicher ist sicher, mein Buddha bleibt im Koffer.
Ganz nebenbei erfahren wir, dass wir das Glück hatten, mit dem letzten Flieger aus Kambodscha rausgekommen zu sein, bevor wegen gewalttätiger Unruhen die Grenzen für mehrere Tage dichtgemacht wurden. Eine thailändische Schauspielerin hatte angeblich gesagt, dass Angkor eigentlich zu Thailand gehören würde und von den Khmer geraubt worden sei. Wie diese Äußerung zeigt, haben Soap-Stars in aller Welt offenbar den gleichen IQ, das hinderte die armen Khmer aber nicht daran, völlig auszuflippen. Man fackelte kurzerhand die Thai-Botschaft in Phnom Penh ab, plünderte schnell noch einige Hotels, die Thais gehören, und zerstörte Tankstellen der Thai-Benzin-Kette PTT.
Die Unruhen beherrschen tagelang die Medien. Eine Sondersendung jagt die andere. Offenbar nur in Thailand. Denn noch bevor wir überlegen, ob wir Stern oder Focus die Exklusivrechte für unsere Story verkloppen sollen, rufen wir schnell per Kreditkartentelefon zu Hause an, um Entwarnung zu geben (»Ja, wir haben es eben noch irgendwie geschafft! Puh, fragt nicht! Hölle! Jaja, wir leben, macht euch keine Sorgen! Gott, irgendwie muss es ja weitergehen, gell?!«), und stoßen auf absolute Informationsdefizite (»Wieso Sorgen? War was? Nö, hamma nix von gehört.«).
Die zwei Tage in Bangkok nutzen wir zum Powershoppen kombiniert mit Extrem-Sightseeing. Der kluge Weltreisende achtet von jeher besonders in tropischen Ländern auf gepflegte Kleidung (ich habe z. B. noch nie so viele gut und bis in die Haarspitzen korrekt gekleidete Menschen auf einem Haufen gesehen – Damen im eleganten Kostüm, Herren mit Anzug, Weste und Schlips – wie in den Geschäftsstraßen von Nairobi). Kurze Hosen trägt der Mann von Welt, wenn überhaupt, ausschließlich zu Hause auf dem Balkon oder am Strand. Sandalen kommen nur dann an den Herrenfuß, wenn selbiger sockenlos und perfekt pedikürt ist (und wenn das Schuhwerk nicht aus dem Hause Birkenstock kommt). Buntschreiende Unterhemden verbieten sich generell von selbst. Über nackte Oberkörper in der Öffentlichkeit braucht man gar nicht erst reden. Denkt man zumindest.
Heilfroh, in einem Land zu sein, in dem Menschen in Shorts und Tanktops einfach der Zutritt zu allen Sehenswürdigkeiten, Restaurants und Hotels verwehrt wird, schlendern wir triumphierend an halb nackten, stachelbeinigen Kiddies und Fetties vorbei, die sich Hosen und Tücher leihen müssen, um in den Königspalast zu gelangen. Wat Phra Kaeo und der Große Palast erschlagen einen jedes Mal wieder mit ihrer Pracht und Herrlichkeit in Ewigkeit. Doch jetzt erst können wir das im Palastgelände en miniature nachgebaute Angkor Wat wirklich schätzen.
Und da wir schon mal in der Gegend sind, bummeln wir noch ein wenig durch eine riesige, öde Karstfläche – den Sanam Luang, einen der raren Stadtparks in Bangkok, der von leidenden Bäumen gesäumt ist, auf denen düstere Taubenschwärme à la Hitchcock lauern. Wir sind auf dem Weg zu einer Sehenswürdigkeit der anderen Art, dem Mekka der Individualreisenden: Khaosan Road. Hier treffen sich Backpacker und Billigreisende aus aller Welt, um sich gegenseitig ganz individuell mit Piercings und Tattoos zu übertrumpfen. Ein Guesthouse reiht sich ans andere, keines sieht auch nur annähernd vertrauenserweckend aus. Aus den unzähligen Kneipen brüllt Musik jeglicher Stilrichtungen, damit man sich garantiert nicht unterhalten muss, über den Bars hängen Riesenmonitore, auf denen irgendwelche Hollywoodergüsse laufen, damit man sich nicht anschauen muss. Hier erleben wir auch, wen wunderts, das allererste Mal in all den Jahren Thailand die einzige wirklich pampige Kellnerin. Hier kann man auch für einen Appel und ein Ei einen Ausflug nach Angkor buchen – per Linienbus. Dafür dauert die Fahrt über unwegsame Schlammpisten circa einhundert Stunden, und wenn man sehr viel Glück hat, wird man auch nicht überfallen. Die Khaosan ist wie Patpong oder Teile der Sukhumvit gesäumt von T-Shirt-, CD-, Uhren- und Staubfänger-Buden. Die in allen Reiseführern beschriebenen falschen Lacoste-Hemden sucht man allerdings meist vergebens. La… was? Die Marke ist ja sowas von total 1990er. Die Fälscher sind am Puls der Zeit, die Trends werden hier auf der Straße gemacht. Die Saison 2003 gehört alleine Diesel – ob Tasche, Hose, Brille, Schuhe, Uhr oder Hemdchen, Hauptsache es steht fett und breit der Name der italienischen Jeansmarke drauf.
Hier tummeln sie sich also in Rudeln, die Individualreisenden. Hier suchen sie Kontakt zur Bevölkerung (»Okay, und was kosten zwei Gramm?«). Hier drücken sie kollektiv ihre Individualität aus, indem sie alle irgendwie echt total relaxed und peacig drauf sind, sich in dem Land mit einer der besten Küchen der Welt doch lieber mainstreamig Junkfood amerikanischer Ketten reinziehen, gefakte Diesel- oder echte Chang-Bier-Shirts tragen, sich Dreadlocks flechten lassen, schlechte Drogen zu schlechter Musik reinpfeifen, importiertes Heineken statt einheimisches Singha trinken und dabei über Neckermänner ablästern. Irgendwie drängen sich Ballermann-6-Bilder auf. Jeder Generation von Spießern ihr Getto. Bloß nicht ausbrechen aus dieser Individualität.
Bangkok hat sich verändert, seit ich das erste Mal vor etwa zehn Jahren (also Anfang der 1990er) da war. War ja zu erwarten.
Damals gab es zum Beispiel an der Silom noch ein paar herrlich alte Holzhäuser im traditionellen Thaistil. Heute findet sich an der Straße kein Haus, das nicht mindestens 20 Glas-Marmor-Chrom-vertäfelte Stockwerke hat.
Damals gab es jede Menge zerbeulte Rostlauben, wilde Tuktuk-Herden und eine unübersehbare Armada von Mopeds, die für permanentes Verkehrschaos sorgten. Heute gibt es nur noch vergleichsweise wenige Mopeds, und die Autos, meist Japaner oder Koreaner, aber auch erstaunlich viele deutsche Luxusmarken, sind ausnahmslos die neuesten Modelle. Tuktuks, die ein Fahrgefühl zwischen Achterbahn und Wilder Maus vermitteln (mein Tipp: Mal bei heftigem Tropengewitter ausprobieren – das fetzt!), scheinen langsam sogar vom Aussterben bedroht zu sein. Das Verkehrschaos hat sich hingegen nicht geändert. Trotz mehrstöckiger Straßen und dem spacigen Skytrain, der nagelneuen Schnellbahn, die hoch über all den Straßenstockwerken fährt. Hier noch ein kleiner Tipp für unerfahrene Skytrain-Benutzer: Wintermantel mitnehmen! Die Klimaanlage ist auf Pinguin-Wohlfühl-Temperatur eingestellt.
Damals gab es auch penetrante Schlepper, die einen an der Straße ansprachen und sich als Fernsehstars, Doktoren oder Hotelangestellte ausgaben. Sie erzählten dir erst was vom Wetter, dann was vom Wolf, und schließlich, dass genau dieser Tag ein Feiertag sei, Jubel Trubel, der einzige Feiertag im Jahr, an dem man keine Mehrwertsteuer zahlen müsse, weil der König das so beschlossen habe! Und dass man deshalb: a) den Boden küssen möge vor Glück, dass man sie getroffen hat und b) sofort Schmuck und Stoffe en gros kaufen müsse. Natürlich in dem weit außerhalb der Stadt gelegenem »Lapidary« ohne Fluchtmöglichkeit, zu dem sie uns per Tuktuk verschleppten. Andere arbeiteten mit der »Closed«-Methode. Sie lauerten vor Wat Pho oder dem Königspalast und behaupteten, die Sehenswürdigkeit sei geschlossen, da bliebe nur Klunkerkaufen. Nun, diese Schlepper gibt es immer noch. Heute macht es aber Spaß, sie erst auf Hochtouren kommen und dann eiskalt abblitzen zu lassen.