Kitabı oku: «Später Aufbruch», sayfa 2

Yazı tipi:

Beim AMS

Anfang Juni hatte ich meinen ersten Termin beim AMS. Ich betrat dieses Gebäude zum ersten Mal in meinem Leben. Mein Termin war für 10 Uhr 15 angesetzt, ich begab mich in den dritten Stock. Nachdem die angegebene Zimmertür auch um 10 Uhr 20 noch verschlossen blieb, wagte ich ein zaghaftes Klopfen. Nichts. Ich bemerkte einen Herrn, der – geschäftig mit dem Handy telefonierend – den kurzen Flur auf und ab ging. Als er, wieder einige Minuten später, sein Gespräch beendet hatte, sprach ich ihn an, ob er der für mich zuständige Berater sei. »Nein«, meinte er kurz, er habe im nämlichen Raum bereits um zehn Uhr seinen Termin gehabt, aber es sei niemand drin. Der Flur mündete in ein kleines Rondell, an dessen gegenüberliegender Seite sich bereits seit einiger Zeit eine aparte Brünette mittleren Alters mit einer Kaffeetasse in der Hand herumdrückte, dann wieder hinter einer Tür verschwand und schließlich – es war etwa 10 Uhr 30 – um das Rondell herum zum besagten Raum kam. Der Herr begab sich flugs zur Eingangstür, ich ebenso. »Wer sind denn Sie?«, fragte mich die Dame. Ich nannte meinen Namen und bemerkte, dass ich um 10 Uhr 15 meinen Termin bei ihr gehabt hätte. »Ja, da müssen S’ aber jetzt warten, weil es kann ja immer nur einer zu mir herein.« Nun ja, darauf würde ich mich als Klient des AMS wohl einstellen müssen, schließlich war ich ja bald nicht mehr in der Rolle des Beitragszahlers, sondern in jener des Bittstellers. Nach etwa zehn weiteren Minuten beschloss ich, mir beim nahen Supermarkt eine Zeitung zu besorgen, das dumpfe Herumsitzen war ich ja noch nicht so gewohnt. Knapp fünf Minuten später war ich wieder vor Ort, konnte aber durch die Scheibe aus Strukturglas nicht erkennen, ob mein Vorgänger noch in der Besprechung war. So nahm ich Platz und begann zu lesen. Es war kurz vor elf, als ich neuerlich zaghaft klopfte. Diesmal wurde ich hineingebeten. Die Dame war noch intensiv mit ihrem Computer beschäftigt. »Ich habe schon nach Ihnen gesehen, aber Sie waren ja nicht mehr da«, sprach sie und warf mir einen strafenden Blick zu. Aus dem Drucker fuhr mit leisem Summen ein Zettel, den die Beraterin akkurat faltete, in ein Kuvert steckte und in einen Nebenraum brachte. Dann nahm sie wieder Platz. »Bitte, was kann ich für Sie tun?«, meinte sie, während sie ca. 30 cm vor sich auf ihren Schreibtisch starrte. Ich erklärte kurz, dass ich in etwa zweieinhalb Monaten arbeitslos werden sollte und ich mich daher bereits vormerken lassen wolle. »Ja, aber dann haben Sie ja noch eine Arbeit, was tun Sie denn dann schon hier?« Sie wies mich dann auf die Möglichkeit hin, dass ich mich jederzeit elektronisch beim AMS als Arbeit suchend anmelden könne, und wollte mich nach etwa zwei Minuten tunlichst loswerden. Nun erwies ich mich aber als etwas hartnäckig: »Wäre es denn vorstellbar, dass ich auch eine Umschulung in Anspruch nehmen könnte?« »Warum wollen Sie sich denn umschulen lassen?« Ich erklärte, dass ich nicht die allerhöchste Zuversicht hätte, mit meiner derzeitigen Qualifikation eine adäquate Anstellung zu finden. Die heutige Arbeitswelt biete Nicht-Akademikern solche Jobs eigentlich nicht mehr an. Außerdem sei es in meiner Jugend ein Traum von mir gewesen, mich als Lehrer ausbilden zu lassen. Aufgrund verschiedenster (vor allem finanzieller) Hindernisse war das seinerzeit jedoch nicht möglich gewesen, so hätte ich schließlich in der Privatwirtschaft zu arbeiten begonnen. »Aha, Sie wollen also studieren. Ja, wenn Sie studieren wollen, dann ist das Ihre Sache. Sie melden uns einfach, wann Sie mit Ihrem Studium beginnen, und wir stellen dann die Zahlungen ein.« Die Beraterin hatte die ganze Zeit über auf ihren »Fixpunkt« am Schreibtisch geblickt. Ich konnte dort weder ein Insekt erkennen noch hatte sie ihr Handy vor sich liegen. Weshalb sie es trotzdem vermied, mich auch nur einen Augenblick lang anzusehen, ist mir bis heute nicht klar.

Eine ehemalige Arbeitskollegin aus längst vergangenen Tagen hatte sich – nachdem meine vorvorletzte Firma insolvent geworden war – beim AMS beworben. Seit mittlerweile 19 Jahren ist sie in einer anderen Bezirksstelle als Beraterin tätig und genießt demonstrativ jene Bonifikationen, welche die Unternehmen der öffentlichen Hand ihren Mitarbeitern ermöglichen (zusätzliche Urlaubstage, Gesundheitstage samt Übernahme von Hotelkosten, Fortbildungen während der Arbeitszeit usw.). Spontan erkundigte ich mich, ob nicht etwa beim AMS ein Platz als Berater frei wäre – schließlich stieg in jenen Tagen die Arbeitslosigkeit dramatisch an. Die Brünette starrte weiter vor sich auf den Tisch. »Aber wenn Sie bei uns arbeiten möchten, da müssen Sie zuerst einmal für

20 Wochen nach Linz zur Einschulung!«, warnte sie mich. Wenn die Dame glaubte, mich damit nachhaltig erschreckt zu haben, so täuschte sie sich gewaltig. Dass jemand, der in den letzten Jahren förmlich am Schreibtisch angekettet war, eine bezahlte Schulungsmaßnahme während der Dienstzeit als willkommene Abwechslung betrachten könnte, war ihr wohl nicht bewusst. Ich solle einfach eine Bewerbung an jene E-Mail-Adresse schicken, welche ich auf der Homepage fände. Nun wurde ich aber nochmals lästig: Ich wollte wissen, wer die eingehenden Bewerbungen verwaltet, damit ich meine Bewerbung etwas gezielter und mit persönlicher Anrede einbringen könne – sogleich hatte ich ein Zettelchen mit der Mailadresse der betreffenden Frau Magister in Händen.

Als ich mich verabschiedete, streckte ich meiner Beraterin die Hand entgegen. Diese Geste schien sie sehr zu überraschen – es kostete sie offenbar etwas Überwindung, sich per Handschlag von mir zu verabschieden. Das war also meine erste, wenig erquickliche Erfahrung mit unserem AMS.

Der Nachspeis’-Skandal

Trotz der bereits geschilderten Situation, welche im Unternehmen meines ehemaligen Arbeitgebers herrschte, wird so mancher unter euch noch immer nicht so ganz verstehen, wie man froh sein kann, einen ordentlich dotierten Job zu verlieren, den man noch dazu mit viel Freude ausgeübt hat. Daher habe ich mich entschlossen, zum allgemeinen besseren Verständnis in diesem Buch einige Episoden zu schildern, welche man kaum zu glauben vermag, welche aber genau so passiert sind. Beispielsweise fällt mir soeben jenes kuriose Erlebnis ein, welches ich nach einem Betriebsausflug samt Besuch der Messe in Verona hatte. Solche Ausflüge waren für die Mitarbeiter üblicherweise eine recht willkommene Abwechslung. Meist hatte die Chefin Migräne oder musste auf den Dackel aufpassen, also war der Chef alleine mit seinen Leuten unterwegs und üblicherweise locker und gut gelaunt. Bisweilen aber war die Chefin überraschenderweise doch dabei und nützte die Situation selbstverständlich, um irgendwelche Skandale zu entdecken.

Am Sonntagnachmittag waren wir aus Italien zurückgekehrt. Ich muss vorausschicken, dass ich freitagmorgens meine Geldbörse im Auto meiner Frau vergessen und mir daher einen »Fuffy« (50er) von Frank ausgeliehen hatte. Nun war es Montagnachmittag. Ganz unvermittelt rief mich der Chef zu sich. »Nehmen Sie doch Platz, wie hat Ihnen denn der Messebesuch gefallen, sollen wir an unserem Stand für nächstes Jahr etwas ändern?« Ich war mit dem Stand bezüglich Größe und Ausstattung eigentlich sehr zufrieden gewesen, das teilte ich dem Chef auch mit. »Ach ja, das muss ich Ihnen jetzt auch noch sagen: Sie haben sich am Freitagabend ja um halb elf noch eine Nachspeise bestellt.« Ich stutzte. »Also, das geht so nicht, alle anderen sind so bescheiden und beenden das Essen ganz normal – nur Sie müssen da wieder eine Ausnahme machen und sich um diese Zeit als Einziger noch eine Nachspeise bestellen.« Ich war baff. Natürlich wies ich jetzt darauf hin, dass drei bis vier Kollegen zur gleichen Zeit jeweils einen Aperol oder einen Rotwein bestellt hatten, Getränke, die, wie ich mich erinnern konnte, zumindest jenen Betrag gekostet haben mochten, welcher für meine Panna Cotta angefallen war. »Darum geht es ja gar nicht, Sie hätten sich ja noch drei Gläser Wein bestellen können, da hätte sich niemand etwas dabei gedacht – aber nein, Sie bestellen sich ausgerechnet eine Nachspeise.« Meine Verblüffung kannte kein Ende. »Und am Sonntag, bei unserer Rast in Wielsbruck, da haben Sie sich wieder als Einziger eine Mehlspeise bestellt.« Ich musste das korrigieren – ich war etwas früher als alle anderen mit dem Essen fertig geworden und wollte mir kurz die Füße vertreten. Dabei hatte ich eine Konditorei entdeckt und mir dort von meinem eigenen Geld eine Nachspeise gekauft, den letzten Bissen hatte ich beim Einsteigen in den Bus vertilgt. »So geht das nicht! Wenn Sie in einer Konditorei etwas Süßes sehen, dann müssen Sie doch zu mir kommen und mich darüber informieren, vielleicht hätten ja auch andere Kollegen noch eine Nachspeise gewollt. Das ist jetzt ganz egal, um wessen Geld Sie das gekauft haben.« Sapperlot! Aber okay, jetzt wusste ich auch das. Der Chef war aber noch immer nicht fertig: »Und Sie haben ja auch Ihre Geldbörse vergessen, nicht? Also, das wirft auf Sie als erwachsenen Mann und als Großvater kein gutes Licht. In einem solchen Fall können Sie doch jederzeit zu mir kommen und mir das vertraulich sagen, ich helfe Ihnen dann doch gerne aus, aber das brauchen doch die Kollegen nicht mitzubekommen.« Seit diesem Tag weiß ich, dass es für einen jungen Großvater absolut unschicklich ist, seine Geldbörse zu vergessen. Hatte es bei früheren Ausflügen mit der Chefin noch »echte« Skandale um betrunkene Lehrmädchen gegeben (die mit dem Rauswurf eines Kollegen endeten), so war diesmal der unsägliche »Nachspeisen-Skandal« das Highlight der Saison. Das Traurigste an dieser Geschichte war aber wohl, dass ein an sich selbstbewusster Unternehmensgründer sich vor einem Mitarbeiter zum Kasperl machte, weil die Chefin aufgrund ihres permanenten psychischen Ausnahmezustandes stets danach strebte, irgendein Fehlverhalten von Mitarbeitern entdecken und korrigieren zu müssen.

Wohin geht der Weg?

Gut. Das AMS hatte also nicht das allergeringste Interesse, mir eine Umschulung zum Pädagogen zu ermöglichen. Gott sei Dank strotzte das Internet geradezu von verlockenden Jobangeboten. Ich hatte bei der lokalen Einschränkung einen relativ großen Radius gewählt, denn ich würde mir ja ohnehin aussuchen können, wo meine Schmerzgrenze hinsichtlich Arbeitsweg dann liegen würde. Dies müsste man sicherlich im Bezug auf das zu erwartende Gehalt sehen, denn ich hatte keine Ambitionen, für ein Nettogehalt von 1500 Euro monatlich hundert Kilometer am Tag zu fahren.

Im Keller hatte ich ein kleines Fotostudio aufgebaut. Eine gute Spiegelreflexkamera, zwei synchronisierte Aufsteckblitze, ein großer, neutraler Hintergrundkarton und die Unterstützung meiner Frau – so entstanden einige sehr brauchbare Bewerbungsfotos. Da meine letzten Bewerbungsschreiben schon Jahre zurücklagen (natürlich hatte ich auch während meiner Tätigkeit bei den Bammers fallweise eine Testbewerbung abgeschickt), musste erst einmal alles auf den neuesten Stand gebracht werden. Die letzten absolvierten Kurse im Lebenslauf eintragen, Bestätigungen einscannen usw. – aber ich hatte ja Zeit. Insgesamt sandte ich in den folgenden Wochen gut 35 Bewerbungen aus. Teilweise auch für Positionen, bei denen das angegebene Gehalt mir bereits signalisierte, dass sie für mich wahrscheinlich nicht in Frage kommen würden. Teils auch auf ausgeschriebene Stellen, für welche ich wohl haushoch überqualifiziert sein würde. Aber einen Job wie bei der Firma Bammer würde ich wahrscheinlich ohnehin mein Lebtag lang nicht mehr erwischen. Ach ja, auch das sei noch erwähnt: Selbstverständlich erhielt auch die Frau Magister vom AMS eine Bewerbung von mir. Ein Pöstchen im Schoße unseres Staates mag vielleicht nicht ganz so gut bezahlt sein wie mein letzter Job in der Privatwirtschaft, aber sehr sicher ist er allemal.

Ich hatte mich in dieser Zeit gut eingeteilt: Ich nahm an Informationsveranstaltungen des WIFI teil und ließ mich auch in Einzelgesprächen detailliert über den Weg in die Selbstständigkeit informieren. Natürlich hatte ich nie im Sinn, die x-te Ein-Mann-Werbeagentur im Großraum Domstadt zu gründen, denn die meisten Agenturen leben leider nicht von ihren hervorragenden Leistungen, sondern von den Beziehungen zu Politik und Wirtschaft. Da sah es bei mir leider düster aus: Wohl kannte ich eine Vielzahl an Leuten, die man eben kennt – bis hinauf zum Landeshauptmann, mit dem ich vor Jahrzehnten einige Milizübungen beim Bundesheer absolvieren durfte. Es fehlte mir jedoch absolut am Talent des »Beziehungsmanagements«. Stets hatte ich meine Energie darin investiert, fachlich kompetent zu sein und aus meiner Kreativität das Maximum herauszuholen, hatte auch viel Schweiß und nächtliche Gedanken darin investiert, wie ich die mir anvertrauten Projekte so umsetzen konnte, dass ich selbst mit Stolz darauf würde blicken können – aber ob mich jemand aus der »oberen Gesellschaft« dafür mögen oder mich zum Freund haben wollen würde, das war mir immer herzlich egal. Daher mein Entschluss: Keine Werbeagentur! Aber ich hatte einige andere gute Ideen – Produkte, die in unserer Welt viel Sinn machen könnten und auch den entsprechenden Abnehmerkreis finden mochten. In diese Richtung gingen meine Überlegungen. In der Wirtschaftskammer gibt es eine Anlaufstelle für potentielle Unternehmensgründer. Dorthin wandte ich mich und hatte alsbald einen Termin bei einem sehr kompetent wirkenden Magister. Wir verstanden uns auf Anhieb, interessiert hörte er sich an, welche Projekte ich wälzte und in welcher Weise ich die Realisierung derselben in Angriff nehmen wollte. Dabei half mir meine Marketingausbildung, wir waren ja dort unter anderem darin gedrillt worden, welche Argumente etwa eine Bank hören möchte, bevor sie ein Wirtschaftsprojekt unterstützt. Der WK-Berater schien sehr positiv zu meinen Ideen zu stehen, auch die Art und Weise der von mir geplanten Umsetzung und die von mir angedachten Varianten der Markterschließung dürften ihn überzeugt haben. Er selbst brachte noch zwei oder drei Kontakte in das Gespräch ein, von welchen er annahm, dass diese eventuell Interesse an einer Zusammenarbeit haben bzw. mir Vertriebswege öffnen könnten. Nach einer Stunde sehr guten Gesprächs kam mir der Berater noch etwas mehr entgegen: Er würde mir einen für mich kostenlosen Gesprächstermin bei einem Unternehmensberater vermitteln, der in Fragen innovativer Produktideen für die WK tätig ist und mir also noch weitere wertvolle Tipps geben könnte. Mit einem überaus positiven Gefühl verließ ich das prachtvolle Gebäude der Domländer WK – hier fühlte ich mich wohl und verstanden, das könnte also mein künftiger Weg werden.

Der ORF-Skandal

Etwa 2003 hatte bei uns in der Firma eine Buchhalterin zu arbeiten begonnen, nennen wir sie Adele. Schon sehr bald stellte sich heraus, dass Adele ein irrsinniges Talent hatte, bei den Chefleuten Ansehen zu erlangen. Jede kleinste Kleinigkeit aus den Reihen der Mitarbeiter landete schnurstracks bei der Chefin. Diese hatte dann noch die Möglichkeit, die Angelegenheit auf ihre Weise zu interpretieren und dem Chef fast täglich einen neuen Skandal zu präsentieren. Auch war Adele extrem lieb zum degenerierten »Firmenhund« Burgi, einer altersschwachen, kurzbeinigen Kreatur aus der Kategorie Rauhaardackel, welche in ihren besseren Tagen als Jagdhund den Chef auf seinen ausgedehnten Wanderungen hatte begleiten dürfen. Nun aber lag Burgi den ganzen Tag unter irgendwelchen Schreibtischen herum und war wohl mehr eine Belastung für das ganze Team. Hier konnte sich Adele in besonderer Weise profilieren – oftmals ging sie tagsüber mit Burgi auf den Hof, damit diese ihre Geschäfte erledigen konnte. Und ging einmal ein Gacki oder ein Lulu auf den Teppich, so war sich Adele auch nicht zu schade, dieses zu entfernen (eine Aufgabe, die ansonsten gänzlich der Chefin zufiel).

Gemeinsam mit ihrer stets frustriert dreinblickenden Kollegin Suuus bildete Adele in diesen Tagen die Speerspitze des firmeninternen Geheimdienstes. Neben ihrer Arbeit in Buchhaltung und Personalwesen kamen die beiden Damen der Aufgabe des Skandalsuchens in perfekter Weise nach. Ein Beispiel: Eines Vormittags sollte der ORF in der Produktion Filmaufnahmen machen – die Bilder sollten der visuellen Bereicherung eines Beitrages dienen, den die Wirtschaftskammer gestaltete. Ich wusste von dieser Angelegenheit nichts. Die Chefin hatte Albrecht, unseren Qualitätsmanager, damit beauftragt, das Kamerateam zu empfangen und in die entsprechende Halle zu führen. Es begab sich jedoch, dass ich just an jenem Morgen ein Dokument im Personalbüro abzugeben hatte. Da ich als PR-Mann üblicherweise den Kontakt zum ORF hielt, bestürmten mich Adele und Suuus (die von der Aktion natürlich Wind bekommen hatten) mit der Frage, worum es bei diesen Dreharbeiten denn gehe. Ich musste die Damen enttäuschen, wusste ich doch wirklich von nichts. Minuten später rief mich unsere Empfangsdame an, es sei gerade ein Kamerateam des ORF eingetroffen und ich möge bitte in die Empfangshalle kommen, um die Herrschaften in Empfang zu nehmen. Nun war ich verunsichert. Hatte man etwa vergessen, mich zu informieren, dass ich in diesem Zusammenhang irgendwelche Maßnahmen zu treffen hatte? Kurzerhand rief ich die Chefin an (die Herren Bammer waren wie fast immer in wichtiger Mission außer Haus). »Das geht Sie aber nichts an, Albrecht kümmert sich schon darum«, kreischte die Chefin ins Telefon. »Und kommen Sie bitte jaaa nicht auf die Idee, in die Produktion zu gehen, das wollen wir nicht.« Okay, ich hatte verstanden. Es war die Art, einem Mitarbeiter zu signalisieren, dass er völlig überflüssig sei: Eine Aufgabe, von der das ganze Team annahm, sie würde in jemandes Verantwortungsbereich liegen, wurde einfach an einen (willfährigeren) Kollegen delegiert. Das wurde aber im Unternehmen nicht weiter kommuniziert, sodass man zwangsläufig davon erfahren sollte. Der krönende Schlusspunkt war dann der Auftrag, sich vom Geschehen nur ja fernzuhalten, weil es dafür ja geeignetere Kollegen gebe. Eins zu null für die Chefin.

Aber das Ganze war ja noch ausbaufähig. Einige Stunden später rief mich die Chefin zu sich. »Sagen Sie, wie kommen Sie eigentlich dazu, Adele wegen dieser Dreharbeiten auszufratscheln?« Na servass! Ich erklärte ganz schlüssig, dass ich gar niemand »ausfratscheln« hätte können, da ich ja bis zu diesem Morgen überhaupt nichts von irgendwelchen Dreharbeiten gewusst hätte. Ich sei rein zufällig in die Buchhaltung gegangen und die Damen seien mit Fragen auf mich zugekommen. »Aber die beiden haben mir das ganz anders erzählt. Wem soll ich denn jetzt glauben? Also, dass Sie rein zufällig in die Buchhaltung gekommen sind, das glaube ich Ihnen einfach nicht.« Zwei zu null für die Chefin, sie war ja in diesem Betrieb schließlich die Hüterin der Wahrheit.

Der Pausenskandal

Noch so ein Schmankerl: Seitens der Geschäftsleitung war es bei der Firma Bammer stets erwünscht, dass Mitarbeiter die 45-minütige Mittagspause dazu nützen, im Speisesaal den launigen Ausführungen des Chefs zu seinen Jagd- und Fliegereierlebnissen zu lauschen. Bei Abwesenheit des Chefs sollten dort aber jene wichtigen dienstlichen Informationen ausgetauscht werden, welche während der Arbeitszeit unterzugehen drohten. Dennoch verließen etliche Mitarbeiter über Mittag die Firma, um sich die Zeit anderweitig zu vertreiben. Zu diesen Abtrünnigen gehörte auch ich – meist stoppelte ich mir Ohrhörer mit meinem geschätzten Mittagsjournal in die Ohren und marschierte einige Kilometer. Im Zuge eines Gesprächs forderte mich die Chefin eines Tages auf, ich solle – sobald ich das Firmengelände verließe – »ausstempeln«. Von einer früheren Lohnverrechnerin wusste ich jedoch, dass das Lohnverrechnungsprogramm bei jedem Mitarbeiter automatisch 45 Minuten täglich als Pausenzeit abzog; hätte ich ausgestempelt, wären mir täglich also 90 Minuten von meiner Arbeitszeit abgezogen worden. Darauf wies ich Frau Bammer hin und regte an, erst eine technische Lösung für das »Pausenproblem« zu erarbeiten und dann eine Regelung zu erlassen, welche für alle Mitarbeiter gelte, nicht ausschließlich für mich.

Etwa zwei bis drei Wochen später brachte Suuus mir etwas in mein Büro. Ganz beiläufig meinte sie: »Ach, übrigens: Letzten Donnerstag bist du erst um fünf vor eins von deiner Mittagspause zurückgekommen, ich hab dir da eine Viertelstunde abgezogen.« Okay. Da ich regelmäßig übers Jahr ein (pauschal abgegoltenes) Stundenplus von etwa 180 bis 200 Stunden anhäufte, interessierte mich die Viertelstunde nicht wirklich. Aber ich war mir sicher, dass ich nie und nimmer erst zehn Minuten nach dem Schlag der Pausenglocke in der Firma eingerückt sein konnte, da war ich immer sehr pedantisch. Ich begab mich also ins Lohnbüro, in dem auch die Buchhaltung untergebracht war. Dort informierte ich Suuus, dass mir zwar diese Viertelstunde komplett egal sei, zumal ich dafür ja ohnehin nichts bekam, ich ließe mir aber nicht nachsagen, dass ich die Mittagspause mit zehnminütiger Verspätung beenden würde. Wie aus einem Munde beteuerten Adele und Suuus, dass sie beide gerade zufällig um 12 Uhr 55 zeitgleich aus dem Fenster gesehen hätten und beide bestätigen könnten, dass es exakt fünf vor eins gewesen sei, als ich über den Hof gehuscht war. Das kam mir nun sehr verdächtig vor. Ich glaubte, die Urheberschaft dieser angeblichen Verspätung zu kennen. Im Empfangsbüro der Firma stand ein Videorekorder, der die Bilder von vier verschiedenen Überwachungskameras aufzeichnete. In einer der darauffolgenden Mittagspausen bat ich die Kollegin aus der Rezeption, ob sie das Band für mich auf die besagte Mittagspause zurückspulen könne. Und siehe da – ich sah mich über den Hof flitzen, just nachdem die anderen Kollegen sich von ihren sonnigen Plätzen erhoben und sich an ihre Arbeitsplätze begeben hatten. Also wohl zu spät, aber nur etwa 30 bis 40 Sekunden nach dem Signal der Glocke. Was nun? Die Damen hatten mich doch eindeutig verleumdet, das bewies das Video. Wie würde die Firmenleitung darauf reagieren, dass zwei Kolleginnen in vollem Bewusstsein unisono gelogen hatten? Also berichtete ich dies der Chefin. Ihre Entrüstung darüber hielt sich sehr in Grenzen. Es schien fast, als hätte sie von der Sache gewusst. »Ja, und was wollen Sie jetzt?« Eigentlich wollte ich gar nichts, außer eben beweisen, dass man etwas früher aufstehen muss, um mir Dinge anzudichten, deren Gegenteil so leicht zu beweisen ist. Ich wies also nur darauf hin, dass die Chefin zur Kenntnis nehmen möge, dass Adele und Suuus jederzeit lügen würden, um mich zu belasten. Sollte daher in einer schwerwiegenderen Angelegenheit einmal die Aussage der Damen gegen die meinige stehen, so möge dies bitte berücksichtigt werden.

₺563,13

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
23 aralık 2023
Hacim:
311 s. 3 illüstrasyon
ISBN:
9783903154759
Yayıncı:
Telif hakkı:
Автор
İndirme biçimi: