Kitabı oku: «Später Aufbruch», sayfa 4

Yazı tipi:

Die Geschichte vom Mahlsteiner Axel

Axel war einer von unseren Monteuren. Er gehörte also zu jenen Burschen, die man am einen Tag dahin und am anderen dorthin schickte, die also bestens beraten waren, Zahnbürste und Pyjama stets in der Firma zu haben, denn es konnte durchaus passieren, dass man als Monteur um 16 Uhr erfuhr, dass man am nächsten Morgen z.B. in Köln sein muss. Axel war ein gutmütiger Riese, etwa zehn Zentimeter größer als ich (und ich bin schon nicht klein) und mit Oberarmen, deren Umfang etwa jenem meiner Oberschenkel entsprach. Axel hatte vor seinem Dienstantritt bei den Bammers eine bessere schulische Ausbildung genossen, er war bereits Geselle, als ich in die Firma eintrat. Bisweilen wirkte er etwas schwerfällig, obwohl er sein Handwerk tadellos beherrschte. In der Firma konnte er jedoch nicht weiterkommen. So begann er, einen Meisterkurs zu absolvieren, um seine Chancen zu verbessern. Manni, jener Meister, unter dessen Ägide Axel arbeitete, sah natürlich sofort seinen Status bedroht. Er schickte Axel noch öfter in der Welt herum als zuvor, der sollte möglichst wenig Gelegenheit bekommen, seine Kursabende zu besuchen. Auch das Familienleben forderte Axel, zwei seiner drei Kinder waren bereits auf der Welt. Dennoch schaffte es Axel, nach etwa zwei Jahren hatte er seinen Meistertitel. Nun hoffte er darauf, endlich mehr Verantwortung, eine interessantere Herausforderung oder zumindest mehr Geld zu bekommen. Der Firma kam es natürlich am billigsten, Axel mit einer interessanten Herausforderung zu ködern, das Finanzielle sollte dann folgen, wenn das von Axel künftig zu verantwortende Projekt einmal satte Gewinne abwirft.

Der Zufall wollte es, dass wir gerade ein sehr innovatives, jedoch auch komplexes Produkt auf den Markt gebracht hatten, dessen Entwicklung noch in den Kinderschuhen steckte und das daher die intensive Betreuung durch einen versierten Handwerker mit guten Theoriekenntnissen erforderte. So tourte Axel weiterhin durch die Welt, jedoch mit Fokus auf unser neues Produkt, die künftige Cash Cow der Firma. Sonst aber ging nicht viel weiter. Axels sich vergrößernde Familie saß in einer kleinen Wohnung fest, die Karotte, die man ihm vor die Nase gehängt hatte, kam nicht näher. So begann Axel seine Fühler auszustrecken und fand bald einen Arbeitgeber, der bereit war, schon als Einstiegsgehalt 400 Euro mehr zu bezahlen, als Axel nach etlichen Jahren bei den Bammers verdiente. Obwohl er dadurch zwei Monatsgehälter an Abfertigung verlieren sollte, beschloss Axel, zu kündigen. Die Kündigung gab er bei Albrecht ab, doch schon zwei Minuten später rief der Chef Axel zu sich. Die Szenen, die sich im Chefbüro abgespielt haben, wurden mir so beschrieben: »Ja, was glaubst du denn, du kannst uns doch jetzt nicht einfach im Stich lassen! Jetzt haben wir dir dieses tolle Projekt zukommen lassen und die Firma beweist so viel Vertrauen in dich, und du hast nichts Besseres zu tun, als dich woanders zu bewerben.« Axel verwies darauf, dass er selbst als Meister noch im Arbeiterstatus geführt werde, die anderen Meister jedoch längst Angestellte seien und dadurch auch höhere Bezüge hätten. »Ja, dann sag das doch, das ist ja überhaupt kein Problem, du kannst ab nächstes Monat Angestellter sein.« Axel lamentierte weiter, dass er dann ja trotzdem noch als einfacher Monteur durch die Lande gondeln müsse, wobei er doch gerne Teamverantwortung übernehmen würde. Nun sagte ihm der Chef auch das zu. Gott sei Dank fiel Axel noch ein, dass er, wenn er nun Angestellter wird, in dieser Firma keinen Anspruch mehr auf Diäten haben würde. Es war den Bammers wichtig, dass Angestellte keinesfalls in den Genuss solcher steuerfrei auszubezahlenden Gehaltsbestandteile kommen, stattdessen behielt man es sich vor, eine jährlich neu zu beschließende Prämie (Schleimzulage) zu zahlen, von der wir Arbeitnehmer gleich einmal 60 % an Krankenkasse und Fiskus abliefern mussten. Im Fall von Axel sagte der Chef nun sogar zu, dass er auch als Angestellter weiterhin seine Diäten einreichen dürfe. Axel, von der spontanen und komplett unerwarteten Generosität des Chefs vollkommen überwältigt, zog seine Kündigung zurück und sagte dem potentiellen künftigen Chef ab.

Nun ging es daran, die neuen Vereinbarungen umzusetzen: Axel wurde tatsächlich Angestellter, das Grundgehalt bewegte sich etwas in die richtige Richtung. Vom Angebot der anderen Firma war man aber noch meilenweit entfernt. Auch das Team, dessen Leitung Axel fortan übernehmen durfte, war rasch zusammengestellt: Der Lackierer und ein Lehrling aus dem ersten Lehrjahr wurden Axel »unterstellt«. Zwar durfte er dadurch deren Urlaubsanträge abzeichnen, de facto aber hatte er auf die beiden Leute keinerlei Zugriff und konnte sie auch für jenes Projekt, das er weiterhin zu betreuen hatte, überhaupt nicht brauchen. Immerhin: Bereits am nächsten Lohnzettel fand Axel die ihm zustehenden Diäten angeführt, wenngleich er inzwischen tatsächlich Angestellter war. Dies ging sogar noch ein weiteres Monat so. Im dritten Monat nach dieser Umstellung aber vermisste Axel seine Diäten plötzlich. Er ging ins Lohnbüro, um sich danach zu erkundigen. Luise teilte ihm nüchtern mit, dass die Auszahlung seiner Diäten in den vorangegangenen beiden Monaten leider irrtümlich erfolgt und künftig natürlich vollkommen ausgeschlossen sei. Darüber werde sich aber demnächst eh noch die Chefin mit ihm unterhalten. Man hatte Axel schlichtweg verarscht. Weil er natürlich nichts Schriftliches vorweisen konnte, musste sich Axel schließlich doch noch einen neuen Job suchen.

Der Fliegerbund-Skandal

Unser Chef reiste in den Anfangsjahren des Jahrtausends oft und gerne zu seinen Händlern, Lieferanten und Kunden. Nachdem er bereits als junger Spund einen Hang zur Fliegerei entwickelt hatte, lag es auf der Hand, dass er Termine in einer Entfernung von hunderten Kilometern bevorzugt mit einer kleinen Propellermaschine anpeilte. Zu diesem Zwecke war er vor langer Zeit dem »Fliegerbund« beigetreten, einer Vereinigung, die gemeinsam mehrere Flugzeuge besitzt und an die Mitglieder verleiht. Wer nun einen Flug zu absolvieren hatte, suchte sich das geeignete Gerät aus und zahlte einen angemessenen Stundensatz plus Sprit. Das große Manko an dieser Regelung lag jedoch darin, dass man als Mitglied eines Vereins nicht das alleinige Diktat führen konnte, sondern immer in Abstimmung mit Gleichgestellten entschied. Dem Herrn Alfred Bammer dürfte dies wohl kaum geschmeckt haben. Oft berichtete er während der Mittagspause von den skandalösen Zuständen in diesem Verein, dass der abgehobene Vorstand die Wartungsarbeiten quasi unter der Hand an befreundete Unternehmen vergebe und dass diese nicht mit der entsprechenden Sorgfalt durchgeführt würden. Mit einem leitenden Vereinsmitglied kam es daraufhin zu einem tiefgreifenden Zerwürfnis. So schrieb dieser Diplomingenieur unserem Chef auf dessen Firmen-E-Mail. Sinngemäß teilte er unserem Herrn Bammer mit, er könne sich seinetwegen in seiner Firma aufführen wie ein Kaiser, im Verein aber habe er sich den Statuten und Beschlüssen der Gremien unterzuordnen. Vermutlich war es nur ein fataler Irrtum, dass der Herr DI dieses E-Mail in BCC (also für den Chef nicht sichtbar) auch an die offizielle Mailadresse der Firma sandte. So erlangte schließlich auch ich eine Kopie dieses Schreibens. Die geschilderten Charakterzüge waren uns Mitarbeitern leidvoll bekannt, nun konnten wir mit einiger Häme darüber schmunzeln, wie dem Chef hier ein Spiegel vorgehalten wurde.

Das Fass war damit übergelaufen. Im Verein stand die Neuwahl des Vorstandes an. Nun dürft ihr raten, wer sich für die Position des neuen Vereinsvorstandes berufen fühlte. An mich erging in diesem Zusammenhang der Auftrag, ein gediegenes »Propagandaschreiben« zu erstellen, in welchem die herrschenden Zustände kritisiert und eine strahlende Zukunft der Vereinigung unter der Ägide des Herrn Bammer angekündigt wurden. Als Bildmotiv für den Kopf der Aussendung wählte ich das Triebwerk einer Propellermachine vor strahlend blauem Himmel und kleine weiße Wolkenfetzen im Hintergrund, dies ließ ich abgesoftet verlaufen und in einen martialisch-revolutionären Text übergehen. Ich hätte nach Lektüre dieses Schreibens mit Sicherheit meinen Chef gewählt. Von diesem Rundbrief druckte ich etwa 160 Stück, die Kuvertierarbeit muss wohl die Chefin übernommen haben. Leider kam die Wahlpropaganda bei den Vereinsmitgliedern anscheinend nicht ganz so gut an. Obwohl alles Weitere reinste Geheimsache war und ich natürlich von offizieller Seite keinerlei Informationen mehr erhielt, erfuhr ich Folgendes: Der Vorstoß muss blamabel gescheitert sein. Bereits am nächsten Tag traten der Chef, unser Junior (welcher die Flugleidenschaft des Vaters zwangsläufig teilen musste) und unser Pilot, ein Freund des Chefs, aus dem Fliegerbund aus. Nun war aber wirklich Feuer am Dach: Wie lange würde die Firma wohl noch bestehen können, so gänzlich ohne Zugang zu einem Fluggerät? Alle Besuche mit dem Auto oder per Linienflug zu absolvieren und dabei nicht einen einzigen Kilometer zur Aufrechterhaltung der Pilotenlizenz zu erfliegen, das war eine höchst prekäre Situation. Die Stimmung war schlecht. Eine große und kostspielige Messe stand an. Zumindest war es nicht

üblich, den beteiligten Mitarbeitern irgendwelche Diäten oder Überstunden auszubezahlen, was die Kosten geringfügig senkte. Just in dieser finanziell bedrohlichen Situation flatterte uns eine Rechnung ins Haus: Für wohlfeile 170.000 Euro musste sich die Firma nun eine gebrauchte zweimotorige Cessna kaufen, um die zuvor genannten Bedrohungsbilder hintanzuhalten. Nachdem dieser »Notkauf« nicht geheim gehalten werden konnte, gab es etwas später in einem Meeting folgende Information: Man habe im Sinne der Flexibilität handeln müssen. Es gehe nicht an, dass in 1000 km Entfernung eine Maschine stillstehe und unser Chef müsse erst mühsam mit dem Auto dorthin fahren. Dann aber kam das Eingeständnis, dass Unterbringung, Wartung und Erhaltungskosten für dieses Gerät einen erheblichen Kostenfaktor für ein kleines Familienunternehmen darstellen und man danach trachte, eventuelle »Taxiflüge« für andere Unternehmen durchzuführen, um die Kosten etwas aufteilen zu können. Wenige Tage später stand ich mit einem fertigen Konzept beim Chef: Über die Wirtschaftskammer hätten wir Adressen von Unternehmen erhalten können, welche an dieser Art der Dienstleistung Interesse hätten haben können. Einen Textentwurf für die Aussendung hatte ich vorbereitet, einen Artikel für die »Domländische Wirtschaft« hatte ich ebenso entworfen. Nun zeigte sich aber eine gänzlich andere Situation: »Wir wollen ja nicht Lufttaxi für Hinz und Kunz spielen.« Wenn jemand Interesse daran habe, das Bammer’sche Fluggerät samt Crew zu buchen, so möge derjenige doch bittstellend auf uns zukommen (vorzugsweise natürlich befreundete Unternehmer). Wenn dann die Chemie stimmt und das Bordpersonal nicht gerade anderweitig verplant ist, dann würde man eine derartige Dienstleistung ja gerne durchführen. Ich habe in den darauffolgenden Jahren nicht bewusst erlebt, dass die Firma je als Luftfahrtunternehmen tätig geworden wäre. Dafür habe ich bisweilen Urlaubsfotos von den Perlen der Adria gesehen, die offenbar nicht auf dem Landweg oder per Linienflug erreicht worden waren. Weil in solchen Fällen aber der gute Wille für das Werk steht, wurde offenbar versucht, für viele tausend Liter Flugbenzin vom Finanzamt eine Rückerstattung geleisteter Abgaben zu erlangen, wie sie für Luftfahrtunternehmen anscheinend vorgesehen ist. Ob diesem Ansinnen letztlich stattgegeben wurde, entzieht sich meiner Kenntnis.

Eine ebenso bezeichnende Flugzeug-Episode wurde mir später von Frank berichtet: Ein großer deutscher Kunde war im Begriff, mehrere Maschinenausrüstungen im Wert von weit über 100.000 Euro zu bestellen. Die Endverhandlungen für diesen Auftrag wollte man mit dem Chef persönlich führen, die Außendienstmitarbeiter hatten ja nicht den entsprechenden Handlungsspielraum. Bei den Details wollte der Kunde einige Kleinteile im Wert von wenigen hundert Euro ohne zusätzliche Berechnung für sich heraushandeln. Unser Chef verfiel augenblicklich in eine gejammerte Elegie, das Geschäft sei unerbittlich hart, die Ausrüstungen ohnehin so kalkuliert, dass kein Cent mehr bleibe, kurzum, es sei daher schlicht unmöglich, auch noch diese Kleinteile im Preis zu integrieren. Dabei dürfte er so glaubhaft gewirkt haben, dass der Kunde nur mit Mühe die Tränen zurückhalten konnte und sofort einwilligte, diese Teile separat zu bezahlen. Die Tinte unter dem Kaufvertrag war noch feucht, als der Chef eine Bitte äußerte: Ob es wohl möglich sei, dass sein Begleiter während des im Anschluss geplanten Essens seinen Laptop in den Räumen des Kunden aufladen könne. Man sei nämlich mit dem PRIVAT-FLUGZEUG angereist und müsse für den Rückflug ausreichend Akku-Kapazität sicherstellen. Frank erlangte angesichts dieser plötzlichen Wohlstandskundgebung eine gesunde Gesichtsfarbe, der Chef aber merkte gar nicht, wie unglaubwürdig er von einer Sekunde auf die andere geworden war. Fingerspitzengefühl war also Herrn Bammers Sache nicht.

Die Aufnahmeprüfung

Anfang Juli waren die »Aufnahmeprüfungen« an der Pädagogischen Hochschule zu absolvieren. Am ersten Tag ging es darum, innerhalb einer kleinen Gruppe von Studenten glaubhaft die Motive für die getroffene Berufswahl zu präsentieren. Dabei wurde jeweils folgender Ablauf gewählt: Von einem Professor wurde kurz das Thema erklärt, welches die Präsentation behandeln sollte. Dann hatte man zehn Minuten Zeit, um sich auf das Thema vorzubereiten, und schließlich sollte das Ergebnis in einer etwa drei Minuten dauernden, möglichst freien Rede dem Publikum übermittelt werden. Meine armen, jungen Mitprüflinge schrieben sich in der zur Verfügung stehenden Zeit fast die Finger wund, um dann – sich krampfhaft an ihren Zettelchen festhaltend – die Stichworte abzulesen und in der verbleibenden Zeit stakkatoartig zu beteuern, wie gut man doch für diesen Beruf geeignet sei und wie viel Freude man denn an Kindern habe. Dazu kam, dass jene gestrenge Professorin, welche uns am ersten Vormittag begleitete, die Stoppfunktion ihres iPhones aktivierte und exakt die Einhaltung der vorgegebenen Redezeit kontrollierte. Ich hatte beschlossen, mir keine Notizen zu machen. Aus etlichen Erfahrungen, die ich in den von mir absolvierten Kursen gemacht hatte, wusste ich, dass es mir möglich wäre, eine dreiminütige Präsentation auch ohne Stichwortzettel zu halten. Nach meinem Ermessen gelang das auch ganz gut.

Die Vorgangsweise blieb die gleiche, als es darum ging, sich für seine fiktiven Schüler ein Schulprojekt auszudenken und dieses dann auf einem fiktiven Elternabend den staunenden Eltern zu präsentieren. Während meine künftigen Kommilitonen Skikurse und gesunde Jause präsentierten, also Projekte, die sie als Schüler soeben noch selbst erlebt hatten, entschloss ich mich, eine fächerübergreifende »Zukunftswoche« an der Schule einzuführen. In dieser Woche sollten die Schüler aufgefordert werden, ihre Vorstellungen von ihrer eigenen Zukunft zu präsentieren, anstatt ein fertiges Konzept der Erwachsenenwelt vorgesetzt zu bekommen. Mit viel Verve präsentierte ich dieses Projekt, sprach neben den fiktiven Eltern auch mein fiktives Kollegium an, schrieb in Riesenlettern an die Tafel und pries den Nutzen, den die ganze Gesellschaft aus einem solchen Projekt ziehen könne. Gott sei Dank hatte inzwischen ein Professorenwechsel stattgefunden, denn die drei Minuten werde ich bei dieser Präsentation wohl nicht ganz eingehalten haben.

Am letzten Prüfungstag war ein Rechtschreibtest angesetzt. Dankenswerterweise hatte jemand in den Hinweisen zur Anmeldung einen Link zu einem ähnlichen Test gesetzt, so konnte ich einige Tage zuvor bereits nachsehen, wie dieser Test so abläuft. Da ich an meinem Rechner die Lautsprecher nicht angeschlossen hatte, bekam ich nicht mit, dass der Test auch akustische Anweisungen gab. So wunderte ich mich sehr, dass ich beim Ausfüllen von Leerfeldern, für welche mehrere Begriffe möglich waren, immer null Punkte bekam. Erst später bemerkte ich, dass hier genau jene Wörter zu ergänzen waren, welche eine sonore elektronische Stimme vorgab. Bei meinem ersten Testlauf hatte ich etwa 85 %, damit war ich einigermaßen zufrieden. Am Vorabend des Rechtschreibtests entschloss ich mich, den Beispieltest nochmals zu absolvieren, dabei hatte ich die Lautsprecher angeschlossen. Mit einer Quote von diesmal 93 % war ich durchaus zufrieden und ging am nächsten Tag voller Zuversicht zum Test. Die gnädigen Professoren und der Computer dürften meine Leistungen allesamt recht positiv beurteilt haben. Als etwa eine Woche später die Ergebnisse veröffentlicht wurden, stellte sich Folgendes heraus: Von etwa 140 Bewerbern konnten insgesamt 110 die Aufnahmeprüfung erfolgreich ablegen. Die anonymisierte Reihung zeigte mir zu meiner großen Überraschung aber auch, dass ich unter den 110 zukünftigen Studenten meiner Sparte an die 28. Stelle gereiht worden war. Ich schien also doch nicht ganz so unfähig zu sein, wie ich dies aufgrund meiner erfolglosen Bewerbungen inzwischen hatte annehmen müssen.

Heilerfolg

In den letzten Jahren hatten sich bei mir einige »Wehwehchen« etabliert. Die Lendenwirbelsäule war eigentlich permanent beleidigt. Es gab lediglich einen einzigen Stuhl in meinem Büro, den ich über längere Zeit benützen konnte, ohne immense Schmerzen zu bekommen. Leider sah die Chefin dies als Affront – schließlich hatte sie kurz zuvor optisch attraktive, farblich auf das Büro abgestimmte Drehstühle erworben, die von mir nun anscheinend »verschmäht« wurden. So gut es der Designer dieser Stühle auch gemeint hatte, zum Sitzen waren sie nur mäßig geeignet. Letztlich baute ich mir zuhause aus ein paar Brettchen ein kleines, aufklappbares Pult, das gerade Platz für Tastatur und Maus bot. Ich konnte also – wenn die Schmerzen zu belastend wurden – mein Erhöhungspult ausklappen, die Bildschirme leicht nach oben schwenken und im Stehen weiterarbeiten. Das brachte aber wieder andere Beschwerden mit sich: In der rechten Ferse wurde über die Monate ein stechender Schmerz spürbar, der im Fachjargon »Fersensporn« genannt wird. Jeden Morgen sah mich aus dem Spiegel ein Mensch mit stark geschwollenen Tränensäcken an, nur am Wochenende besserte sich das kurzfristig. Zusätzlich trat am linken Schulterblatt häufig ein krampfartiger punktueller Schmerz auf, für den ich überhaupt keine Erklärung hatte und der auch von meiner Hausärztin logisch nicht zugeordnet werden konnte. Bisweilen griffen noch weitere unerklärliche Schmerzen dieser Art an Händen oder Füßen Platz. Tatsache ist, dass ich mich in dieser Zeit zunehmend als körperliches Wrack fühlte. Zwar betrieb ich in der Freizeit gar nicht so wenig Sport, absolvierte die eine oder andere Physiotherapie, eine spürbare und nachhaltige Besserung meiner diversen Leiden konnte ich dennoch nicht verzeichnen.

Wenige Wochen nach meiner Demission bei den Bammers waren alle diese Erscheinungen urplötzlich verschwunden. Mein Körper erschien mir um etliche Jahre jünger. Natürlich, ich hatte (bis auf ein bisschen Hausarbeit und ein, zwei Stunden Bewerbungen schreiben) Zeit für mich. Ich machte also noch viel mehr Sport oder vertrieb mir die Zeit auf angenehme Weise. Erstaunlich ist aber, dass mich die oben genannten Leiden auch dann nicht mehr einholten, als ich wieder einen geregelten Alltag bekam und Leistungen erbringen musste. Ich kann diese physischen Erscheinungen aus heutiger Perspektive einzig auf den psychischen Druck zurückführen, welchem ich in meiner alten Firma unbewusst unterlag.

Meine Sonderregelung

Womit wir wieder bei einer »Geschichte« angelangt wären: Wie schon erwähnt hatte ich, wie die meisten Angestellten des Unternehmens, einen »All-in-Vertrag«. Das bedeutet: Eventuell erforderliche Überstunden waren im Grundgehalt selbstverständlich inkludiert. Ebenso die Diäten, die gegebenenfalls für Dienstreisen angefallen wären. Für viele meiner Kollegen waren auch regelmäßige »Seminare« an den Wochenenden pauschal abgegolten – ich hatte Gott sei Dank sehr bald Seminar-Verbot erhalten, weil ich mich nach einer peinlichen Gehirnwäsche des Seminarleiters kritisch zu Wort gemeldet hatte, dazu jedoch später. Es war mir also nicht möglich, beispielsweise einen »Zeitausgleichspolster« aufzubauen, wenngleich ich im Schnitt 45 Stunden pro Woche arbeitete. Gleitzeit gab es nicht, von 7 Uhr 30 bis 17 Uhr herrschte strikte Anwesenheitspflicht. In den ersten Jahren war es jedoch üblich, dass ich mir, wenn ich einen dringenden Termin bei einem Lehrer meiner Kinder oder in einem Amt wahrnehmen musste, dafür stundenweise Urlaub nehmen konnte. Dies auch deshalb, weil das Lohnverrechnungsprogramm den Urlaub ohnehin in Stunden abrechnete, präzise bis zur zweiten Nachkommastelle. Irgendwann bemerkten meine Chefleute, dass es mir möglich war, dadurch wichtige private Termine wahrzunehmen, ohne dafür einen Urlaubstag opfern zu müssen. Ich wurde instruiert, mir in solchen Fällen halbe Urlaubstage zu nehmen. Es sei nämlich – so die Begründung – für die Firma nicht möglich, den Urlaub stundenweise abzurechnen. Das nahm ich wider besseres Wissen zur Kenntnis. Vorübergehend war das Thema also erledigt. Etwa ein oder zwei Jahre später, es war ein herrlicher Sommertag und es standen keinerlei dringliche Arbeiten an, bat ich den Junior (die Chefleute waren an schönen Sommertagen kaum zugegen), mir den Nachmittag freinehmen zu können. Er wollte von mir natürlich wissen, wofür ich diesen halben Urlaubstag denn benötigte. Wahrheitsgemäß antwortete ich, dass ich einfach den schönen Nachmittag genießen wolle, schließlich hätte ich ja noch einige alte Urlaubstage übrig. Meine entwaffnende Ehrlichkeit dürfte ihm keine Wahl gelassen haben, schmunzelnd zeichnete er meinen Urlaubsantrag ab. Guter Laune schrieb ich an alle Kollegen ein E-Mail, dass ich am Nachmittag privat außer Haus sei. Dies war von der Geschäftsleitung so vorgegeben, jede noch so kurze Abwesenheit aus dem Büro musste schriftlich an alle mitgeteilt werden.

Am nächsten Vormittag rief mich der Chef in sein Büro. »Was hatten Sie denn gestern so Dringendes zu erledigen?« Auch dem Chef gegenüber antwortete ich wahrheitsgemäß, dass ich mir einfach einen halben Tag Urlaub genommen hatte, schließlich sei das zwischen uns so vereinbart gewesen. »Nein«, meinte er plötzlich, das könne er sich nicht vorstellen, dass er das jemals so gesagt habe. Grundsätzlich sei es ja die Intention eines Urlaubes, dass man sich erholt. Eine Erholung sei aber nur dann möglich, wenn man sich zumindest eine freie Woche gönnt, in Ausnahmefällen könne er jedoch einzelne Tage genehmigen. Es kam zu einer kleinen Diskussion. Ich erklärte, dass ich mir ja nicht jedes Mal einen ganzen Urlaubstag nehmen kann, wenn ich einen Termin in der Schule oder auf einem Amt wahrnehmen muss, der vielleicht eine Stunde dauert. Immerhin seien etwa acht bis zehn Urlaubstage pro Jahr durch die weihnachtliche Betriebssperre ohnehin nicht frei verfügbar. Es blieb aber dabei, ab sofort hatte ich die Anweisung, künftig nur mehr ganze Urlaubstage zu konsumieren. Natürlich wurde auch der Junior davon in Kenntnis gesetzt und Suuus vom Lohnbüro erhielt den Auftrag, über jegliches Urlaubsansuchen von mir unverzüglich die Geschäftsleitung in Kenntnis zu setzen.

In den nächsten Monaten bekam ich permanent mit, wie Kollegen ab 10 Uhr 45 Urlaub nahmen oder beispielsweise erst um 12 Uhr 45 Uhr in den Arbeitstag starteten, weil sie am Vormittag Privates zu erledigen hatten. Manche garnierten ihre Rundmails mit »in Abstimmung mit den Kollegen« oder ähnlich lautenden Hinweisen. Das bedeutet, dass sie sich lediglich innerhalb des Büros absprechen mussten, die Geschäftsleitung kümmerte sich offenbar nicht weiter darum.

Monate später ersuchte ich die Chefin um ein Gespräch. Ich teilte ihr den Sachverhalt mit und bat, mir in dieser Sache doch nicht eine Sonderbehandlung zukommen zu lassen. Natürlich konnte ich ihr Beispiele nennen, so gut hatte ich mich vorbereitet. »Ja, das ist schon klar«, meinte die Chefin, »dass wir diesem und jenem fallweise am Nachmittag zum Heuen freigeben müssen. Wissen Sie, die Bauern haben es ja ohnehin nicht leicht, da müssen wir ihnen schon ein bisschen entgegenkommen.« Nun hatte ich aber noch weitere Namen im Gedächtnis, Namen von Kollegen, die eine Heugabel sicher nur vom Hörensagen kennen. Mein Bürokollege beispielsweise hatte sich wenige Tage zuvor am Nachmittag anderthalb Stunden Urlaub genommen, um im Möbelhaus eine Küche zu besichtigen. Auch dafür hatte die Chefin größtes Verständnis: »Das versteh ich schon, weil die Möbelhäuser sperren ja alle um sechs Uhr zu.« Schließlich tröstete sie mich aber: »Ja, der Kollege hat ja auch nicht eine solche Position wie Sie. Fühlen Sie sich doch geschmeichelt, dass Ihre Anwesenheit für die Firma so unentbehrlich ist, dass wir IHNEN leider keine halben Urlaubstage genehmigen können.« Dabei lächelte sie süffisant. Ihr könnt euch schon denken, was jetzt kommt: 4:0 für die Chefin!

₺563,13

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
23 aralık 2023
Hacim:
311 s. 3 illüstrasyon
ISBN:
9783903154759
Yayıncı:
Telif hakkı:
Автор
İndirme biçimi: