Kitabı oku: «Später Aufbruch», sayfa 3
Adele muss gehen
Wirklich gedankt hat man Adele ihre Loyalität jedoch nicht: Nach einem Mitarbeitergespräch Adeles mit der Chefin, über dessen Inhalt man bis heute nichts Genaueres weiß, kühlte die Beziehung schlagartig ab. Die Chefin würdigte ihre einstige Geheimdienstoffizierin keines Blickes mehr. Hatte sie ihr etwas mitzuteilen, betrat sie das Büro und beauftragte Suuus, Adele dieses und jenes auszurichten, obgleich die Angesprochene nur fünf Meter entfernt an ihrem Arbeitsplatz saß. An einem frühen Winternachmittag vor einigen Jahren sah ich Adele – hochrot im Gesicht und begleitet von Albrecht, dem allerengsten Vertrauensmann der Geschäftsleitung – die Treppen hinuntersteigen. Obwohl mitten während der Arbeitszeit, trug sie ihre rote Daunenjacke und ihre Handtasche unter dem Arm. 15 Minuten später rief der Chef zu einer »Mitarbeiterbesprechung«, wie sie nur alle paar Jahre einmal stattfand. In einem großen Büro im Erdgeschoß standen die etwa 20 Angestellten der Firma in einem großen Halbkreis, während der Chef mit Leidensmiene verkündete, er habe Adele soeben fristlos entlassen müssen. Nicht dass sie in irgendeiner Weise kriminell gewesen oder der Firma auf andere Weise in den Rücken gefallen sei, aber ihr sei bereits zum zweiten Mal ein Fehler unterlaufen, der die Firma viel Geld koste, er müsse diese Konsequenz daher also ziehen.
Ich bin heute mit Adele in losem Kontakt. Nach ihrem Ausscheiden aus der Firma veränderte sie sich Gott sei Dank um 180 Grad. Obwohl sie große Scheu davor hatte, irgendwelche kompromittierenden Interna preiszugeben, teilte sie einigen von uns bei einem späteren Treffen mit, was ihre fristlose Entlassung bewirkt hatte: In ihrer versperrbaren Schreibtischlade hatte sie eine Mappe, darin, nach Tagen geordnet und fein säuberlich durch Zwischenblätter getrennt, jene Zahlungen, welche zum jeweiligen Zeitpunkt getätigt werden mussten. So brauchte sie nur das aktuelle Blatt aufzuschlagen und hatte alle anstehenden Erledigungen parat. Eines Tages wurde ihr mitgeteilt, dass irgendetwas nicht termingerecht erledigt worden sei, dadurch sei der Firma ein Schaden von etwa 16.000 Euro entstanden, zufällig etwas mehr, als die Firma ihr an Abfertigung zu bezahlen gehabt hätte. Natürlich nahm sie unverzüglich ihre Mappe zur Hand und schlug jenes Blatt auf, wo sich die angeblich vergessene Aufgabe befinden hätte müssen. Und siehe da: Wie durch ein Wunder befand sich unter all den leeren Blättern jene verhängnisvolle Seite, wo ein einziges Blatt zurückgeblieben war: die unerledigte Finanztransaktion, welche angeblich den Schaden für die Firma verursacht hatte. Ich brauche an dieser Stelle wohl kaum zu erwähnen, wer außer Adele noch einen Schlüssel für diese Schreibtischlade hatte.
Man bot Adele an, auf eine Klage wegen der 16.000 Euro zu verzichten, wenn sie im Gegenzug dafür darauf verzichte, in ihrer Angelegenheit die Arbeiterkammer oder gar das Arbeitsgericht zu bemühen. Die Geschäftsleitung wusste wohl, dass sie dieses Angebot annehmen würde. Eine elegante Lösung für die Firma. »Drei zu null für die Chefin«, möchte man da fast sagen.
Wie tickt die Wirtschaft?
Bei mir trudelten mittlerweile die ersten Absagen ein. Generell war der Tenor, dass man wohl meine hervorragende Qualifikation lobte, sich aber einen »noch besser geeigneten Bewerber aus der Fülle der eingegangenen Bewerbungen« herausgepickt habe. Wie man zu diesem Urteil über die bessere oder schlechtere Eignung gekommen ist, ohne mit mir auch nur ein Wort gewechselt zu haben, blieb mir natürlich verborgen. Eine tolle Formulierung in den Ablehnungsschreiben war auch jene vom »beeindruckenden Lebenslauf«. Sicherlich, nicht jeder Bewerber konnte 28 Jahre Berufserfahrung in sieben verschiedenen Unternehmen und insgesamt mindestens 100 Wochen an Fortbildungen nachweisen. Aber im Prinzip las es sich doch so, als würde mir ein vielleicht 33-jähriger »Human Resources Manager« mitteilen wollen, ich alter Trottel hätte in einem jungen und dynamischen Unternehmen, wie dies sein Arbeitgeber eben sei, nichts verloren.
Was wünschen sich Firmen eigentlich? Wissen sie überhaupt, um welchen Preis man sich notfalls »verkaufen« würde, wenn die Position interessant und sicher klingt? Ist es überhaupt gewiss, dass man einen gut qualifizierten 30-Jährigen um dasselbe Geld langfristig halten kann? Können sich Firmen überhaupt vorstellen, dass ein fast 50-Jähriger weniger als einen Tag Krankenstand pro Jahr konsumiert? Dass ein solcher Mensch leistungsfähig und motiviert ist? Dass er gesund und nachhaltig lebt, sein Leben in stabilen Bahnen hält und demnach seine Energie überproportional in seine Arbeit stecken kann, dass dieser Mensch wahrscheinlich einen höheren Workload einbringt als ein 25-Jähriger, der ein Drittel seiner Arbeitszeit darin investieren muss, auch tagsüber auf Facebook und WhatsApp am Laufenden zu sein?
Der Zufall wollte es, dass meine Tochter just zu dieser Zeit als Assistentin der Geschäftsleitung in einem technischen Handelsbetrieb tätig war. Als solcher oblag es ihr, die eingehenden Bewerbungen zu sammeln und alle paar Wochen mit dem Chef durchzugehen, um den laufenden Personalbedarf der Firma abdecken zu können. Bei ihr trafen viele Bewerbungen ein, denen man ansah, wie viel Mühe sich der Absender damit gemacht hatte: aufwändige Mappen, bunte Bilder, perfekt gestaltete und auf die Firma abgestimmte Coverseiten. Die Vorgangsweise des Chefs war folgende: Er blätterte die Mappen kurz auf, um bis zum Bewerbungsfoto zu gelangen. Hatte eine Person einige Fältchen im Gesicht, so schlug er die Mappe sofort wieder zu. »Zu alt«, war der lapidare Kommentar, mit dem er über die Zukunft von Menschen entschied. Er sah sich oft nicht einmal das Geburtsdatum an, weil dies für ihn bereits zu viel Aufwand bedeutet hätte. In der Privatwirtschaft ist man heute ab 40 pauschal zu alt, zu teuer, zu oft krank, zu unflexibel; und überdies kann man vermutlich auch nicht mehr »geformt« werden. Interessant wird man erst wieder ab 55, denn dann zahlt das AMS einen Gutteil des Gehalts. So kann sich die Wirtschaft ziemlich billig mit qualifizierten und motivierten Arbeitskräften eindecken, die plötzlich nicht mehr zu alt und zu unflexibel sind und aus denen man in den verbleibenden Jahren bis zur Pension noch allerhand herauspressen kann, ohne tief in die Tasche greifen zu müssen.
Dann entdeckte ich etwas Interessantes: Etwa ein bis zwei Wochen, nachdem man mich höflich informiert hatte, einen besseren Bewerber »gefunden« zu haben, tauchte exakt dieselbe Stellenanzeige wieder im Internet auf. Wäre dies nur ein einziges Mal passiert, so hätte man durchaus annehmen können, der »Superbewerber« hätte sich kurzfristig anders entschieden und es wäre dem Unternehmen einfach zu peinlich gewesen, sich nochmals bei mir zu melden. Aber das passierte nicht einmal, nicht zweimal, nein, insgesamt siebenmal war in den folgenden vier Wochen eine Stelle, für die man angeblich bereits einen passenderen Bewerber gefunden hatte, abermals im Internet ausgeschrieben. Ich hatte also ganz klare Hinweise darauf, dass die Unternehmen sich offenbar gar nicht so leichttaten, hoch qualifizierte und erfahrene Bewerber für die ausgeschriebenen Positionen zu finden. Einen 48-Jährigen wollte man aber offenbar keinesfalls einstellen. Ein ausländisches Unternehmen, das im Großraum von Domstadt technisches Gerät für Zahnärzte herstellt, hatte die Stelle eines Mitarbeiters für die Presseabteilung ausgeschrieben – die in der Ausschreibung genannten Anforderungen erfüllte ich zu 100 %, auch konnte ich mit weit darüber hinausgehenden Kenntnissen aufwarten. Nun, nachdem ich nach erhaltener Absage die Stellenausschreibung erneut entdeckt hatte, schrieb ich an die Absenderin meiner Absage zurück:
»Sehr geehrte Frau K., ich habe gesehen, dass diese Position erneut ausgeschrieben wurde. Sollte es mit meinen ›Mitbewerbern‹ nicht geklappt haben, so möchte ich Sie über mein aufrechtes Interesse an dieser Stelle höflich informieren. Mit besten Grüßen …«
Nun möchte man meinen, dass die arme Frau K. sich unverzüglich und hoffnungsfroh bei mir gemeldet hätte, nachdem ihr alle »besseren Bewerber« offenbar abgesprungen waren. Nichts dergleichen passierte. Nicht einmal eine Lesebestätigung für meine E-Mail kam zurück. Ähnlich erging es mir in weiteren Fällen: Etwa vier- bis fünfmal machte ich mir die Mühe, nach neuerlicher Ausschreibung einer Stelle per E-Mail oder auch telefonisch nachzuhaken – auf meine Mails kam üblicherweise keinerlei Reaktion mehr. Bekam ich aber einmal eine Dame ans Telefon, so stammelte diese ziemlich hilflos herum, von einem Irrtum war dann die Rede oder davon, dass die Stelle vom Computer versehentlich nochmals ausgeschrieben worden sei (so was passiert, kostet ja gerade einmal um die 1000 Euro, Computer tun solches manchmal). Auf jeden Fall war für mich bewiesen: Eine Firma sucht lieber weiter nach dem optimalen (jungen) Bewerber und investiert dafür entsprechend Zeit und Geld, bevor sie einen bestens geeigneten 48-Jährigen einstellt.
Der neue Student
Es war kurz nach Mitte Juni. Obwohl ich die Umschulung zum Lehrer innerlich bereits ad acta gelegt hatte, drängte mich meine Frau, mich doch noch an der PH (Pädagogischen Hochschule) Domstadt einzuschreiben. Der letzte Einschreibtermin stand unmittelbar bevor. Da ich an diesen regnerischen Frühsommertagen ohnehin nicht allzu beschäftigt war und mich die Einschreibung nicht mehr kosten sollte als einige Kopien und eine Autofahrt nach Domstadt, beschloss ich, mir auch diesen Weg offen zu halten.
Es war kurz vor zwölf an einem trüben Freitagvormittag. Die letzten Schritte legte ich zu Fuß zurück. Je näher ich dem Gebäudekomplex aus den 1970er-Jahren kam, desto unwohler fühlte ich mich. Was um Himmels willen mache ich da? Unmengen von Schülern und jungen Menschen strömten mir auf der Straße entgegen. Sie beachteten mich natürlich nicht. Sie wussten ja auch nicht, dass ich soeben im Begriff war, mich als Student für das Lehramt einschreiben zu lassen. Ich, der spärlich kopfbehaarte ältere Herr mit den bereits ergrauenden Schläfen. Auch als ich das Gebäude betrat, änderte sich an diesem Gefühl nichts. Die einzige Aufmunterung war der Anblick der vielen jungen und teilweise recht hübschen Mädchen in diesem Gebäude. Aber gehörte ausgerechnet ich in diese Welt? Es war Jahre her, dass ich zuletzt ein Schulgebäude betreten hatte – es war damals darum gegangen, dass man meiner Tochter in der HAK eine Entscheidungsprüfung zwischen vier und fünf hatte vorenthalten wollen. Die Erinnerung an die überhebliche, selbstherrliche und komplizierte Person, welche meine Tochter damals unterrichtet hatte, stieg in mir hoch. Ich hatte während der Schulzeit meiner Kinder nur wenige aufrechte, kompetente und engagierte Persönlichkeiten in diesem Metier angetroffen. Zumeist war ihnen der Überdruss an ihrer Tätigkeit anzumerken gewesen. Obwohl es an der PH Domstadt Gott sei Dank keine Garderobe mit »Hausschuhduft« gibt, stieg mir auf der Treppe eine Art Schulgeruch in die Nase. Soll ich das jetzt wirklich machen? Schon stand ich im Büro. Eine ältere Dame (in Wirklichkeit war sie wahrscheinlich etwa gleich alt wie ich) übernahm meine Unterlagen. Nein, sie könne das leider nicht kopieren. Wenn ich meine Originale gleich wieder mitnehmen möchte, solle ich mir beim Kopierer am Gang die Dokumente selbst kopieren, sie würde dann anhand der Originale die Echtheit prüfen und die Kopien zu ihren Akten nehmen. So stand ich mit meinem Zettelpack wieder im weitläufigen Treppenhausbereich. Ein Kopierer war rasch gefunden. So, wie geht das jetzt, wo kann ich da einen Euro einwerfen oder wie … nach einigem Herumfragen hatte ich schließlich fünf Euro »Paycash« oder wie immer das heißt auf meine Bankomatkarte geladen, damit konnte ich die paar Kopien machen. Im Büro übergab ich nun alle Kopien, die tatsächlich nochmals ordentlich mit den Originalen verglichen und in meinen Akt genommen wurden. In etwa zwei Wochen seien dann die Aufnahmetests, und zwar verteilt auf drei Tage, diese Tage müsse ich mir unbedingt frei halten, diese Tests seien obligatorisch für eine Aufnahme.
Karriereknick
Als ich mich seinerzeit bei den Bammers bewarb, war dort die Position eines »Marketing-Managers« ausgeschrieben. Zwar hatte ich keine fundierte Marketingausbildung, war jedoch immer im Bereich der Gestaltung, der Werbung, fallweise der Pressearbeit und auch im Randbereich des Marketings eingesetzt. Das war im Vorstellungsgespräch überhaupt kein Hindernis. Ich konnte sehr gelungene Arbeitsproben vorlegen. Meine Kreativität und die erkennbare Fähigkeit, Ideen in gelungener Weise umzusetzen, befähigten mich demnach, in diesem Unternehmen die Position des Marketingmanagers einzunehmen. Als bald darauf Visitenkarten produziert werden mussten, setzte ich diese Jobbezeichnung stolz unter meinen Namen.
Alle Angestellten der Firma absolvierten etwa einmal jährlich ein Gespräch bei der Chefin. »Novembergespräche« hatten diese Unterredungen ursprünglich geheißen, wohl in Anbetracht der Stimmung, welche deren Ankündigung alljährlich unter den betroffenen Mitarbeitern auszulösen vermochte. Später wurden sie in »Mitarbeitergespräche« umbenannt. Etwa fünf Jahre nach meinem Eintritt in die Firma absolvierte Stella ein solches Mitarbeitergespräch. Stella war die Freundin unseres Juniors und zu dieser Zeit in der Telefonzentrale beschäftigt. Leider war sie nach etwa einem Jahr mit dieser Tätigkeit nicht mehr recht glücklich und wollte ein interessanteres Betätigungsfeld. Natürlich hatte sie erkannt, dass mein Arbeitsbereich eines der interessantesten Beschäftigungsfelder im Unternehmen darstellte, daher deponierte sie bei der Chefin den Wunsch, mittelfristig in eine Tätigkeit im Marketingbereich wechseln zu wollen. Da dieses Ansinnen noch in der Zeit vor dem »Großen Zerwürfnis« geäußert wurde, sann man in der Geschäftsleitung darüber nach, wie der Schwiegertochter in spe dieser Wünsch erfüllt werden könne. Eines Tages rief mich der Chef zu sich: »Als wir Sie damals eingestellt haben, da haben wir ja eigentlich nicht genau gewusst, was dieser Marketingbereich alles umfasst.« Man habe nun festgestellt, dass ich ja fachlich leider nicht ausreichend qualifiziert sei, um weiterhin als Marketingmanager fungieren zu können. Herr Bammer schlug vor, ich solle künftig die Arbeitsbezeichnung »Werbe- und PR-Manager« erhalten, weil dies ja mein Betätigungsfeld optimal bezeichne. So weit hatte er ja recht. Nachdem Stella jedoch im Kollegenkreis keinen Hehl aus ihren Ambitionen gemacht hatte, wusste ich sehr wohl, wer in naher Zukunft »Marketingmanager« unserer Firma werden sollte. Immerhin hatte Stella eine Fachschule für Textiltechnik absolviert, konnte walken und stricken und war auch irgendwie kreativ. Daher fragte ich den Chef, ob denn jemand anderes für die Position des »Marketingmanagers« vorgesehen sei … dies wurde natürlich vehement in Abrede gestellt. So schrieb ich also – völlig vom Gegenteil überzeugt – ein Protokoll, das ich an Chef, Chefin und den Junior sandte und in welchem festgehalten war, dass mir niemand als Marketingmanager vor die Nase gesetzt würde. Das bereits erwähnte »Große Zerwürfnis« (auf das wir sicherlich noch kommen werden) verhinderte schließlich, dass Stella wirklich Marketingmanagerin wurde.
Vorsichtig war ich trotzdem. Unverzüglich begann ich mit einer berufsbegleitenden Ausbildung zum »ISO zertifizierten Marketingmanager«, welche ich zwei Jahre später erfolgreich abschließen sollte. Das Zertifikat darüber hinterlegte ich bei Suuus, welche die Personalakten verwaltete und von der ich mit Sicherheit wusste, dass sie ca. binnen einer Minute die Chefin von meinem provokanten Verhalten benachrichtigen würde. Schließlich würde es nun nicht mehr ganz so einfach sein, irgendeine nicht ausgebildete Person als »Marketingmanager« einzusetzen und mich dieser zu unterstellen. Die Strafe folgte auf dem Fuß: Es wurde daraufhin festgestellt, dass ich die Bezeichnung »Werbe- und PR-Manager« eigentlich ja auch zu Unrecht führen würde, weil ich ja doch kein Manager sei. Der Junior war es schließlich, der für mich eine neue, besser geeignete Dienststellenbeschreibung erfand: »Creative Activities« stand von da an unter meinem Namen auf den Visitenkarten. Gott sei Dank geschah dies bereits zu jener Zeit, da ich die Firma dienstlich kaum mehr verlassen durfte, daher konnte ich auch nicht allzu viele dieser peinlichen Visitenkarten unters Volk bringen.
Selbstverständlich war ich nicht der Einzige, dem solches widerfuhr. Bereits kurz nach meinem Eintritt in die Firma gab es ein kleines Fest: Tom, unser vom Chef über alles geschätzter Produktionsleiter, und Juppe, ein verdienter Kollege, der zudem weitschichtig mit dem Chef verwandt ist, wurden in Anwesenheit des Teams zu Prokuristen ernannt. Ich hatte damals die ehrenvolle Aufgabe, ansprechende Urkunden für diese Ernennung zu kreieren und auf besonders hochwertigem Papier auszudrucken. Der Chef überreichte den beiden die schön gerahmten Dokumente, welche von den neuen Prokuristen mit stolzgeschwellter Brust entgegengenommen wurden. Das Ganze hatte jedoch einen Pferdefuß: Im Kollektivvertrag des metallverarbeitenden Gewerbes ist für Prokuristen ganz eindeutig eine Gehaltsstufe vorgesehen, die den beiden Kollegen ein weitaus höheres Salär zugedacht hätte, als diese zum damaligen Zeitpunkt hatten – der Chef hätte also zusätzlich zu den Kosten für Urkunden, Bilderrahmen und Sekt auch noch die Bezüge der Ernannten erhöhen sollen. Damit war der Spaß auch gleich wieder vorbei. Als ich mich einige Wochen später mit Tom unterhielt und ihn scherzhaft »Herr Prokurist« nannte, verriet er mir hinter vorgehaltener Hand, dass ihm und Juppe dieser Titel mittlerweile aus pekuniären Gründen wieder aberkannt worden sei. Das solle aber niemand in der Belegschaft erfahren, nach außen solle dieser Schein gewahrt bleiben. Tom arbeitet heute als Leiter der US-Niederlassung eines deutschen Großunternehmens und wird sich vermutlich mit einigem Schaudern an die damaligen Ereignisse zurückerinnern.
Erstes Bewerbungsgespräch
Eines muss ich aber zugeben: Bereits meine dritte Bewerbung war insofern erfolgreich, als ich zu einem Gespräch samt Persönlichkeitstest eingeladen wurde. Ein Domstädter Headhunter hatte die Position ausgeschrieben. Besetzt werden sollte die Stelle des Marketingmanagers in einem Unternehmen, welches im Eigentum dreier Domländer Körperschaften steht.
Zuvor jedoch war Einkaufen angesagt: Ich hatte meinen Kleiderkasten gesichtet und war mit dem Vorgefundenen nicht recht zufrieden gewesen. Zwar war eine reichliche Auswahl an beliebig kombinierbaren und auch ziemlich neuwertigen Teilen vorhanden, allerdings bevorzugte ich auch in der Arbeit ein eher legeres Outfit – nicht unbedingt optimal für Vorstellungsgespräche. Ganze zwei Nachmittage investierte ich in die »Gestaltung« meines Auftritts. Dabei ließ ich mich von einer umfangreichen Damenriege beraten – meine Frau und ihre Freundin, meine Tochter, meine Schwester und meine Nichte durften meine Einkäufe unterstützen und mich beim Kombinieren beraten. So gelang es mir schließlich, elegant, aber nicht arrogant, lässig, aber nicht schlampig, gediegen und doch nicht altmodisch meinem Termin entgegenzueilen.
Mitte Juni konnte ich in den Räumlichkeiten des Vermittlers meinen Termin wahrnehmen. Es war einer der wärmsten Tage des bisherigen Sommers. Nicht etwa dass eine sengende Sonne ihre unbarmherzigen Strahlen zu uns herabgesandt hätte, nein, es war nur ein wenig sonnig und dann auch wieder bewölkt. Aber die vorangegangenen verregneten Wochen und die an diesem Tage doch sehr präsente Mittsommersonne sorgten für ein tropisch warmes Klima. Mein Termin: ausgerechnet am frühen Nachmittag. Im klimatisierten Besprechungsraum hieß mich ein älterer, kompetent wirkender Herr willkommen. Rasch entwickelte sich ein gutes Gespräch, meinem Gesprächspartner war anzumerken, dass er psychologisch gut geschult war. Aber nachdem ich beschlossen hatte, mich in keinster Weise zu verstellen und ganz und gar mich selbst zu verkaufen, lief die eineinhalbstündige Unterredung für mich perfekt. Es war mittlerweile halb vier geworden. Man hatte mich bereits im Vorfeld ersucht, »genügend Zeit mitzubringen«, da der umfassende Computertest doch zumindest eineinhalb Stunden dauern werde. Der Berater verabschiedete sich an dieser Stelle von mir, er werde bei Beendigung des Tests vermutlich nicht mehr im Hause sein. Dann führte mich eine Sekretärin in den Computerraum und erklärte mir den Ablauf. In dieser Kammer war es ziemlich warm, zumal sie exakt nach Westen ausgerichtet war und sich die Sonne mittlerweile an diese Gebäudeseite geschlichen hatte. Das Angebot, die Klimaanlage einzuschalten, lehnte ich jedoch dankend ab, ich vertrage diese generell nicht besonders gut.
Am Bildschirm erschienen nun verschiedene Zahlen- und Buchstabenreihen, wobei es galt, nicht passende Elemente zu finden und in ein Kästchen einzutragen. Von Frage zu Frage wurde dies schwieriger, sodass ich bald drei oder vier Minuten benötigte, um eine Entscheidung zu treffen. Trotzdem quälte ich mich beharrlich durch die Aufgaben. Es hätte ja schließlich auch der Fall sein können, dass man anhand dieses zermürbenden Tests erkunden wollte, wie ausdauernd und belastbar ich denn sei. Als Nächstes erschienen Tabellen, sechs senkrechte Kolonnen und sechs Zeilen mit Zahlen. Oberhalb der Tabellen wurde erklärt, welche Zahlen an welcher Stelle durch eine andere Zahl zu ersetzen sind, dann erschienen Rechenaufgaben mit den Zahlen, die ja nun nicht mehr sie selbst waren, sondern im Geiste ersetzt werden mussten. Dabei wurde über drei oder vier Instanzen gerechnet, man musste sich also doch ziemlich konzentrieren und das Kurzzeitgedächtnis ausgiebig strapazieren.
Direkt eine Erleichterung war dann der Worttest. Der Schirm zeigte jeweils ein selten verwendetes Wort, zumeist Fremdwörter. Sogleich erhielt man sechs Vorschläge, denen die Bedeutung des zuvor gesehenen Wortes zugeordnet werden musste. Gott sei Dank kann ich auf einen gediegenen Wortschatz zurückgreifen, diese Aufgabe kostete mich wohl keine 20 Minuten. Nun, es war mittlerweile halb sechs geworden. Ich fragte mich, wie lange wohl die Sekretärin Dienst hatte. Das Sakko und die Krawatte hingen längst am Kleiderständer, der »offizielle Teil« war ja bereits vorüber. Nun kamen Managementaufgaben auf mich zu. Plötzlich sah ich mich in der Rolle von Vorstandsvorsitzenden, von Abteilungsleitern mit hunderten von Mitarbeitern, von Börsenmaklern in prekären Situationen. Etwa zehnzeilige Texte erklärten den jeweiligen Sachverhalt. Meine Aufgabe war es, aus neun Reaktionsmöglichkeiten jene drei herauszufiltern, welche für mich die idealen Lösungen zur Bereinigung einer Situation oder zur Hintanhaltung größeren Schadens darstellen würden. Ich entschied mich, ein menschlicher Manager zu sein. Wenn es irgendwie möglich war, rettete ich meinen Mitarbeitern den Arsch, verhinderte Werksschließungen in Krisengebieten, widersetzte mich Korruptionsangeboten und erschuf innerhalb einer Dreiviertelstunde eine Wirtschaftswelt, nach der sich die Gutmenschen dieser Erde wohl schon lange sehnen. Tatsache ist, dass es in dieser Sequenz keine richtigen oder falschen Antworten gab, die Aufgaben dienten lediglich dazu, jemandes persönlichen Führungsstil zu analysieren. Die Sekretärin hatte mir inzwischen einen Krug Wasser gebracht. Die Managementaufgaben hatte ich wahrlich im Schweiße meines Angesichts erledigt. Auch hatte ich den Verdacht, dass das Fräulein über eine rasche Beendigung meiner Aufgaben nicht unglücklich gewesen wäre. Endlich erschienen die Spielkarten, welche das herannahende Ende der Computersession signalisieren sollten. Es galt, innerhalb einer sehr kurzen Zeit möglichst viele Aufgaben richtig zu erledigen. Gezeigt wurden jeweils vier Spielkarten. Nur wenn exakt zwei der Karten das gleiche Symbol trugen, musste ein »J« eingegeben werden. Sollten jedoch zweimal zwei gleiche Symbole dargestellt sein oder auch drei gleiche Symbole, war ein »N« einzutragen, genauso wenn überhaupt keine gleichen Symbole gezeigt wurden. Eine höchst einfache Aufgabe, nach diesem dreistündigen Test aber doch mühsam. Um halb sieben war ich fertig.
Später sollte ich erfahren, dass ich unter allen Bewerbern unter die ersten drei gereiht worden war, sich der künftige Dienstgeber aber nicht so rasch entscheiden könne und vor Herbst sicherlich keine Entscheidung zu erwarten sei.
