Kitabı oku: «Später Aufbruch», sayfa 5
Der Kampf der Titanen
Einst war Herr Bammer sehr enttäuscht von der Sparkasse. Offenbar hatte ein Kunde über dieses Bankinstitut sein Unternehmen finanziert, war finanziell ins Straucheln geraten und die Bankdiener hatten es verabsäumt, Herrn Bammer vorab zu informieren und ihm vor Eintritt des Desasters das ihm noch zustehende Geld zu überweisen. Nun, so etwas konnte der Magnat nicht einfach hinnehmen. Er beschloss, dass es künftig keinerlei Geldflüsse mehr zwischen dem Bammer’schen Imperium und dem Bankenmoloch geben dürfe. Erwartete Herr Bammer, dass der Generaldirektor der Bank möglicherweise demnächst ganz zerknirscht in der Firma auftauchen würde, mit einem Strauß Blumen und einer Flasche guten Weines, sich entschuldigte und den aushaftenden Betrag aus dem Geschäft mit seinem Kunden reumütig an unsere Buchhaltung übergeben würde? Man weiß es nicht.
Für uns Mitarbeiter war dies aber eine sehr mühsame Phase: Ich hatte beispielsweise einen sehr zuverlässigen und kompetenten Lieferanten, der eben auch sein Firmenkonto bei der Sparkasse hatte. Nachdem einige kleine Rechnungen über längere Zeit nicht beglichen worden waren, wandte sich mein Lieferant an mich und erkundigte sich nach dem Grund. In der Buchhaltung erfuhr ich, dass man diese Zahlungen deshalb nicht überweisen könne, weil das Konto eben beim falschen Geldinstitut sei. Darauf sprach ich den Chef an. Er meinte, ich könne ja meinem Lieferanten ausrichten, wenn er auch in Zukunft mit uns Geschäfte machen möchte, dann solle er sich doch demnächst ein Konto bei der Raiffeisenkasse zulegen. Aber auch wir Mitarbeiter bekamen immer wieder den Auftrag, unser Konto von diesem Bankinstitut weg zu verlegen, außer mir betraf dies jedoch nur mehr zwei oder drei Personen. Anfangs lief es noch so, dass die Chefin am Zahltag auf die Raiffeisenbank fahren musste, unser Gehalt erhielten wir wie zu Großvaters Zeiten knapp vor Dienstschluss im papierenen Lohnsackerl. Man hatte dieses Geld halt dann einige Zeit zuhause herumliegen, bis jemand aus der Familie zu Banköffnungszeiten die Einzahlung vornehmen konnte. Der Chefin war es aber bald zu blöd, stets auf die Bank zu pilgern und unsere Gehälter abzuheben. So erhielten wir später einen Barscheck. Das machte die Situation nicht besser: Wochentags war es komplett unmöglich, die Bank zu ihrer Öffnungszeit zu erreichen. Hatte man, wie ich bisweilen, den Freitagnachmittag mit einer Fortbildung verplant, so konnte man den Scheck oft erst nach acht bis zehn Tagen einlösen, das Konto schmierte in dieser Zeit ganz schön ins Minus ab. Einmal bat ich die Chefin, ob ich denn nach Erhalt des Schecks meine Mittagspause um 15 Minuten vorverlegen könne, damit ich den Scheck noch vor zwölf Uhr einlösen kann. Dies wurde mir in diesem einen Fall gewährt, nicht jedoch ohne den strengen Hinweis, dass ich im nächsten Monat ein Konto bei der richtigen Bank haben sollte.
Dieser Zirkus dauerte sicherlich mehr als ein Jahr. Sybilla, unsere Starbuchhalterin, war es schließlich, welche den Chef davon überzeugen konnte, dass er die Sparkasse mit seinen Maßnahmen wohl nur schwer in die Knie zwingen konnte, so folgte schließlich die Rücknahme derselben.
Magistrat sucht händeringend Personal
Von der Frau Magister beim AMS hatte ich inzwischen eine Absage bekommen. Trotz der stetig steigenden Zahl an Arbeitslosen konnte man anscheinend mit den vorhandenen Mitarbeitern komfortabel das Auslangen finden. Na ja, wenn die Berater sich bei den Terminen entsprechend knapp halten und ihre Klienten bald wieder zur Tür drängen, dann geht es sich ja immer noch aus, zwischendurch mit der Kaffetasse einen Rundgang durch die Büros der Kollegen zu starten.
Eine große Gratiszeitung war in diesen Tagen mit folgendem Aufmacher erschienen: »Domstädter Magistrat sucht 600 Mitarbeiter«. Auf fast zwei Seiten des Innenteils wurde die dramatische Situation geschildert: Viele Magistratsbedienstete gingen derzeit in Pension, Tendenz in den nächsten Jahren stark steigend. Leider würden jedoch gut qualifizierte Kräfte viel lieber in die Privatwirtschaft strömen, weil dort die Bezahlung angeblich besser sei. Mit großem Foto präsentierte man den besorgten Magistratsdirektor, der die Leser und deren nähere Umgebung flehentlich ersuchte, sich doch umgehend beim Magistrat zu bewerben, um dem drohenden Personalengpass halbwegs entgehen zu können. »Nun, dem Manne kann geholfen werden«, dachte ich und schrieb schnurstracks eine flotte Bewerbung an die Domstädter Stadtverwaltung.
Von Adele – diese war in der Zwischenzeit ebenfalls Magistratsmitarbeiterin geworden – hatte ich gehört, dass sie es sich im Vergleich zu ihrer »Bammer-Zeit« angeblich nicht schlechter gemacht habe. Nicht nur dass das Grundgehalt in dieser Institution durch allerlei Zulagen aufgefettet werde, nein, auch die sogenannten Biennalsprünge seien beim Magistrat durchaus Usus. Man muss wissen, dass diese »Erfindung« in der Privatwirtschaft allgemein und bei den Bammers in besonderer Weise nicht genützt wird. Jedes Jahr stehen Ende Jänner 0,5 bis 2,5 % mehr am Lohnzettel, je nachdem, wie die Gewerkschaft halt verhandelt hat. Wenn jemand der Meinung ist, über diese Anpassungen hinaus ein kleines Plus verdient zu haben, so ist man gerne eingeladen, sich bittstellend bei Chef oder Chefin einzufinden, die eigenen überragenden Leistungen glaubhaft darzustellen und dann monate- oder jahrelang zu warten, ob es der Gang der Geschäfte erlauben würde, einem Mitarbeiter noch »Extrabutter« aufs Brot zu schmieren. Adele dagegen konnte bereits jene beeindruckende Summe nennen, mit der sie in 25 Jahren in Pension gehen würde. So schlecht kann es also auch für mich nicht werden.
Der Magistrat würde mit mir einen umfassend gebildeten, engagierten Mitarbeiter erhalten, der in verschiedensten Bereichen einsetzbar sein würde. Nicht nur hatte ich natürlich Routine in allen Belangen von Öffentlichkeitsarbeit und Medienproduktion, auch Gespür für das Verfassen von komplexen Texten und ein gesellschaftspolitisches und juristisches Wissen weit über das Durchschnittsniveau hinaus konnte ich vorweisen. Noch dazu war ich sehr lernfähig und auch -willig, wie ich durch meine zahlreichen Fortbildungen beweisen konnte. Der Magistratsdirektor würde angesichts meiner Bewerbung vermutlich in lauten Jubel ausbrechen, glorreiche 17 Jahre in der Verwaltung unserer Landeshauptstadt könnten also meine Berufslaufbahn abrunden.
Diese Bewerbung wollte ich persönlich einbringen und mich dadurch noch etwas mehr von der Masse der Bewerber abheben. Nach einigem Herumfragen hatte ich schließlich jenes Büro im dritten Stock des Schlosses Mirabell gefunden, wo man persönliche Bewerbungen abgeben kann. Ich klopfte an die riesige weiße Holztür. Drinnen hörte ich wohl Stimmen, konnte aber nicht ausmachen, ob man mich hineingebeten hatte. So öffnete ich ganz vorsichtig einen Spalt weit. »Bitte warten Sie draußen, wir haben noch etwas zu besprechen«, herrschte mich eine Frauenstimme an. Nun gut, so wartete ich halt einige Minuten. Daran würde ich mich ohnehin gewöhnen müssen, dass Besprechungen unter Kolleginnen etwas dauern können, wird ja nicht ganz unüblich sein beim Magistrat. Schließlich wurde ich dann doch vorgelassen. Zwei Wochen später erreichte mich ein kleines, dünnes Kuvert aus dem Domstädter Magistrat. Ein Personalverantwortlicher teilte mir höflich mit, dass man gerade für mich in diesem Betrieb keinerlei Verwendung habe. Bis heute quält mich der leise Verdacht, dass man dem Magistratsdirektor gar nichts von meiner Bewerbung erzählt hat und ihn stattdessen seine verzweifelte Suche nach wirklich guten Mitarbeitern bis in alle Ewigkeit fortsetzen lässt.
Der Feuerwehr-Skandal
Die Bammers legten immer extrem viel Wert darauf, dass die Mitarbeiter ein Maximum an Leistungsfähigkeit in die Firma einbrachten und keinerlei Energie für »Nebensächlichkeiten« verschwendeten. Deshalb hatten alle Angestellten in ihrem Dienstvertrag auch einen Passus, dem zufolge sie keinerlei entgeltliche Nebentätigkeit ausführen dürften, es sei denn, diese wäre von der Geschäftsleitung ausdrücklich genehmigt worden. Dass sich diese Regelung auch auf unentgeltliche Einsätze bezog, bekamen die Kollegen in verschiedenen Fällen zu spüren. So wurde beispielsweise unserem Allround-Manager Albrecht einmal Folgendes zum Verhängnis: Als engagiertes Mitglied einer Musikkapelle nahm er sich dereinst zwei oder drei Tage Urlaub, in denen er sich um die Organisation eines Festes und den Aufbau eines Bierzeltes kümmerte. Selbst während des Festes stand er fallweise persönlich am Tresen und ließ das Bier fließen. Natürlich wollte man am Beginn der darauffolgenden Woche wissen, wie denn der Urlaub gewesen sei. Albrecht berichtete frei von der Leber weg vom Fest und von seinem ehrenamtlichen Einsatz. Es dauerte nicht lange, da wurde er zum Chef gerufen. Wie er denn dazu komme, sich in seinem Urlaub derartigen Arbeitseinsätzen zu widmen, wurde er gefragt. Schließlich sei Urlaub in den einschlägigen Regelungen als »Erholungsurlaub« definiert, daher habe sich der Arbeitnehmer im Urlaub gefälligst zu erholen und nicht irgendwelchen freiwilligen Tätigkeiten nachzugehen. Man kann davon ausgehen, dass alle, die von diesem an sich geheim zu haltenden Gespräch erfuhren, sich fortan hüteten, über allfällige ehrenamtliche Tätigkeiten in der Firma zu sprechen.
Noch viel schlimmer erging es unserem Lehrling Christian. Christian hatte als Lehrling ohnehin keinen besonders guten Stand, zumal seine Mutter infolge von Scheidung Alleinerzieherin war – solche »desolaten Verhältnisse« waren von der Geschäftsleitung naturgemäß nicht sehr gerne gesehen. Christian war aber dennoch ein putzmunterer Kerl, der sich mit großem Enthusiasmus bei der Freiwilligen Feuerwehr engagierte. In der Gemeinde, in welcher die Firma Bammer ihre Betriebsstätte hat, wütete einst ein Jahrhunderthochwasser. Die Feuerwehr brauchte jeden Mann, natürlich fragte man auch Christian. Zumal zu diesem Zeitpunkt keine wirklich dringenden betrieblichen Erfordernisse dagegen standen, genehmigte ihm sein Abteilungsleiter einige Urlaubstage. Schon bald bemerkte die Chefin das Fehlen des Lehrbuben. Als sie schließlich erfuhr, dass Christian sich freigenommen hatte, um bei der Beseitigung der Hochwasserschäden zu helfen, sah sie darin DIE Chance für einen erstklassigen Skandal. Natürlich kann man einen Lehrling nicht ernsthaft mit Kündigung bedrohen, schon gar nicht wegen eines ehrenamtlichen Engagements. Nichtsdestotrotz ließ sie Christian spontan direkt vom Einsatzort in die Firma beordern. Ich als zufälliger Augenzeuge der darauffolgenden Besprechung habe heute noch ein Bild im Gedächtnis: Durch die Glastür des Besprechungsraumes sah ich die Chefin, wie sie Christian mit krankhaft stierendem Blick durch ihre massiven Brillengläser fixierte und wild gestikulierend auf ihn einredete. Christian selbst saß ihr mit gesenktem, hochrotem Kopf gegenüber und ließ die Tirade schweigend über sich ergehen. Wie ich später erfuhr, wurde Christian in diesen Minuten vor folgende Entscheidung gestellt: Wenn er seine Lehre in dieser Firma erfolgreich fortsetzen und abschließen wolle, so müsse er umgehend der Feuerwehr entsagen. Wenn ihm aber die Feuerwehr wichtiger als seine Lehre sei, dann brauche er sich in dieser Firma nicht mehr blicken zu lassen, ihm wurde also eine Selbstkündigung nahegelegt. Dies war das letzte Mal, dass ich Christian in der Firma sah.
Die Feuerwehr war in weiterer Folge auch ein Thema bei anderen Angestellten, die sich in dieser Organisation engagierten: Ein Verlassen des Arbeitsplatzes beim Erklingen der Sirene war ohnehin völlig tabu – die Firma braucht die Mitarbeiter schließlich permanent auf ihrem Platz. Falls aber jemand in der dienstfreien Zeit ausgerückt war, so hielt derjenige schön seinen Mund, um nur ja nicht in Verdacht zu geraten, die in der Firma ja so dringend benötigten Energien anderweitig vergeudet zu haben.
Im darauffolgenden Frühjahr war eine große Messe. Chef, Chefin und Junior waren daher persönlich nicht zugegen, als mitten am Vormittag in einer Wand der ehemaligen Lackierhalle nach Schweißarbeiten Lackreste zu brennen begannen. Die Mitarbeiter vor Ort reagierten rasch, innerhalb kürzester Zeit hörte man die Sirene. Und wieder vergingen eher Sekunden denn Minuten, schon war der erste Einsatzwagen eingetroffen. Die wackeren Männer orteten den schwelenden Brand zielsicher, entfernten Blechabdeckungen und waren des Feuers binnen weniger Minuten Herr. Zwei weitere Einsatzfahrzeuge standen inzwischen auf dem Firmengelände. Insgesamt sah ich gut und gern 20 Männer, die vermutlich spontan ihren Arbeitsplatz verlassen hatten, um die Firma Bammer vor gröberem Schaden zu bewahren. Nämlich genau jene Firma Bammer, welche ihren Mitarbeitern striktest untersagt hatte, beim Ertönen einer Sirene den Arbeitsplatz zu verlassen. Zu dieser Zeit war »Fremdschämen« noch kein gängiger Ausdruck, aber genau dieses Gefühl plagte mich am besagten Vormittag.
Man hält es kaum für möglich, aber eine Steigerung der Peinlichkeit war noch erreichbar: Nachdem Alfred Bammer von seinem Messeauftritt zurückgekehrt war, dürfte ihn doch in irgendeiner Weise sein Gewissen geplagt haben. Als er sich bei der Feuerwehr für den raschen und erfolgreichen Einsatz bedankte, überreichte er den namhaften Betrag von 1000 Euro als Spende. Die örtliche Feuerwehr wiederum revanchierte sich bei ihrem großzügigen Gönner mit einer protzigen Urkunde, für die ich eigentlich einen schönen Platz im Foyer hätte suchen sollen. In dieser speziellen Angelegenheit entschloss ich mich allerdings für einen stillen Boykott und »vergaß« so lange, diese Urkunde aufzuhängen, bis auch der Chef darauf vergessen hatte. Dafür schaue ich auch heute noch gerne in den Spiegel.
Studieren, ohne zu verarmen
Ich hatte inzwischen einen Beschluss gefasst: Angesichts meiner zahlreichen erfolglosen Bewerbungen einerseits und der höchst erfolgreich absolvierten Aufnahmeprüfung an der Pädagogischen Hochschule wollte ich jetzt alles daransetzen, diesen neuen Weg auch gehen zu können. Was die Beraterin vom AMS davon hielt, ist ja schon bekannt. Daher suchte ich intensiv nach Möglichkeiten, eine Finanzierung für das geplante Vorhaben auf die Beine zu stellen. Da gibt es ja dieses »Selbsterhalterstipendium«, auf welches man Anspruch hat, sobald man sich über vier Jahre hinweg selbst erhalten und in unser Sozialsystem einbezahlt hatte. Lächerliche vier Jahre hätten also genügt, um eine Unterstützung von über 700 Euro monatlich zu erhalten. Damit, mit dem Einkommen meiner Frau und mit den Rücklagen, die wir über die Jahre geschaffen hatten, wäre wohl knapp über die Runden zu kommen. Der Pferdefuß war allerdings, dass es diese Unterstützung nur gibt, wenn man sein Studium vor dem 35. Geburtstag antritt. Da hatte ich Tor wohl um 14 Jahre zu lange gearbeitet, um dieses Zuschusses würdig zu sein. Pech halt!
Auch gibt es für Arbeitnehmer die sogenannte Bildungskarenz. Maximal ein volles Jahr lang erhält jemand vom AMS das Arbeitslosengeld, wenn er es schafft, im Einvernehmen mit dem Dienstherrn eine Auszeit zu vereinbaren, und diese dazu nützt, seinen Horizont bildungsmäßig zu erweitern. Nun, bei mir lief ja schon die Kündigungsfrist und wie man die Herrschaften Bammer kennt, deren Einverständnis wäre wohl in tausend Jahren nicht zu erhalten gewesen. Also nochmals Pech gehabt.
In den Weiten des Internets präsentierte das AMS auch eine Liste von Berufen, in welchen ein derartiger Mangel an kompetenten Bewerbern herrscht, dass man bereit wäre, auch eine über ein Jahr hinausgehende Ausbildung durch ein Fachkräftestipendium zu fördern. Man hatte dabei jedoch das Gefühl, dass ebendiese Liste schon sehr lange Zeit nicht den aktuellen Gegebenheiten angepasst worden war. Natürlich – Pflegekräfte werden nicht nur gestern und heute dringend benötigt, es ist absehbar, dass hier weiterer Bedarf herrscht. Aber von einigen der genannten Berufe hatte man durchaus den Eindruck, dass sie nicht jenem Bedarf entsprechen, der aktuell von der Wirtschaft in Inseraten und im Internet dringend nachgefragt wird. Andererseits hatte man auf Bereiche wie jenen des NMS-Pädagogen vollkommen vergessen. Die Warnungen, dass es in diesem Bereich demnächst zu einem Engpass kommen könnte, waren ja noch nicht so lange öffentlich zu hören. Das bedeutet: Hätte ich mich beispielsweise für den Beruf des Sonderpädagogen interessiert, wäre eine dreijährige Umschulung durch das AMS förderbar gewesen. Für den »stinknormalen« Hauptschullehrer (auch NMS-Lehrer), bei dem ebenfalls ein Kräftemangel zu entstehen drohte, konnte man von offizieller Seite eine Umschulung offenbar nicht ermöglichen.
Ein skurriles Gespräch
Bei Firmen, welche mir nicht innerhalb kürzester Zeit eine Absage geschickt hatten, konnte ich »ganz schön lästig« sein. So hatte ein Unternehmen aus dem technischen Bereich gleich mehrere Stellen ausgeschrieben, in einem nicht allzu weit entfernten Ort im Speckgürtel von Salzburg wollte diese Tiroler Firma eine neue Zentrale gründen und suchte Personal für den Verkauf, Techniker, Sekretärinnen und Marketingfachleute. Das Produkt der Firma schien mir ausgesprochen interessant zu sein, die Anforderungen für die ausgeschriebenen Stellen eines PR-Fachmannes und auch für jene des Werbemittel-Producers erfüllte ich jeweils perfekt. Nachdem ich bereits ein Schreiben mit der Bitte um etwas Geduld erhalten hatte, ließ ich etwa zwei Wochen ins Land gehen. Dann fasste ich mir ein Herz und rief bei jener jungen Dame an, welche mir kurz nach dem Absenden meiner Bewerbung bereits ein E-Mail geschickt hatte. »Das ist gut, dass Sie sich jetzt melden, ich koordiniere nämlich gerade die Vorstellungstermine«, meinte die junge Frau. »Wie war gleich noch mal der Name … aha … hab Sie schon gefunden. Alsoooo … hätten Sie morgen um
16 Uhr Zeit? Sie finden uns … bla, bla, bla ...« Natürlich hatte ich Zeit.
Nun muss ich aber – um das Sonderbare an diesem Bewerbungsgespräch herauszuarbeiten – etwas weiter ausholen. Bereits Jahre zuvor hatte ich aufmerksam mitverfolgt, wie Domstadt sich erfolglos um die Durchführung Olympischer Winterspiele bewarb. Dass im Zuge dieser Olympiabewerbung die diversen Politiker von Stadt und Land kreuz und quer durch die Welt jetteten und sich in den nobelsten Hotels »Anregungen und Ideen« für die geplante Durchführung der Spiele holten, ohne noch irgendetwas in der Tasche zu haben, war ja kein Wunder. Als die Umstände der gescheiterten Bewerbung später untersucht wurden, kam zutage, dass an einen Berater aus dem Domgau ein Millionenhonorar überwiesen worden war – angeblich soll der Herr ein Ein-Mann-Unternehmen betreiben, in seiner Abrechnung jedoch fiktive Arbeitsstunden von etwa zehn Mitarbeitern verrechnet haben. Just in jenen Tagen, als ich mich bei der Tiroler Firma bewarb, las ich in der Zeitung, dass der Berater R. nun dringend vom Gericht gesucht werde, jedoch nicht einmal von seinem Rechtsanwalt erreicht werden könne und gegenwärtig im Ausland vermutet werde.
Ich komme also pünktlich um 16 Uhr in das von der jungen Sekretärin beschriebene Gebäude. Dieses muss ich über eine seitlich gelegene Laderampe betreten, über den Haupteingang wären die Büros der Firma gar nicht erreichbar. Durch ein Labyrinth von schmalen, frisch getünchten Gängen gelange ich schließlich in einen etwas offeneren Bereich und sehe durch eine teilweise verklebte Scheibe bereits einen jungen Bewerber mit einem älteren Herrn. Vorne an der Ecke sitzt in einem ebenfalls kahlen Büro mit provisorischem Ikea-Schreibtisch die Sekretärin. Sie bringt mich in einen fensterlosen, neonbestrahlten Innenraum, in welchem bereits ein weiterer Bewerber über einem Fragebogen brütet. Auch ich erhalte einen solchen und einen Kugelschreiber gleich dazu. Nachdem ich das Formular fertig ausgefüllt habe, beginne ich ein Gespräch: »Für welche Stelle hast du dich beworben?« »Fürs Marketing.« (War ja klar). »Und was hast bisher gemacht?« »Bin bei Privatradio Domland, aber die sind mit dem Gehalt Monate im Rückstand, grad jetzt hab ich die erste Hälfte vom letzten Weihnachtsgeld gekriegt.« Es stellt sich heraus, dass der junge Mann Anzeigenverkäufer für Radiospots ist und die geforderte Qualifikation (Grafikprogramme, Texterfahrung, Videoschnitt usw.) mitnichten beherrscht, aber dafür ist er vielleicht halb so alt wie ich.
Mit einiger Verspätung werde ich schließlich vorgelassen und staune nicht schlecht: Mir gegenüber sitzt der von Gericht und Anwalt verzweifelt gesuchte Berater R. und schielt mich – über den Rand seiner Lesebrille hinweg – an. Na so was! Natürlich lasse ich mir nichts anmerken, könnte ja auch kontraproduktiv sein. Das Gespräch verläuft, wie ein Bewerbungsgespräch eben verläuft. Wir kommen darauf zu sprechen, warum ich denn nicht länger für die Firma Bammer tätig sein wollte. Ich stelle richtig, dass dies ja nicht auf meinem Mist gewachsen sei, und vermute Kostengründe für meine Kündigung. R. möchte wissen, ob ich denn bereits viele Bewerbungsgespräche geführt hätte. »Nein«, antworte ich und führe ins Treffen, dass man eben mit 48 Jahren nicht mehr von jedem Unternehmen gerne eingeladen wird. »Aber von mir wurden Sie ja eingeladen, Ihre Chancen sind so gut wie die jedes anderen Bewerbers hier.« Dem Herrn R. glaube ich das auch, schließlich ist er mindestens zehn Jahre älter als ich. »Wissen Sie eigentlich, dass Sie lügen dürfen?« »Was, warum sollte ich Sie anlügen?« »Nein, was Ihr Alter betrifft, Sie dürfen in einer Bewerbung ein anderes Alter angeben, deshalb dürfen Sie keinesfalls diskriminiert werden.« Für mich eine interessante Erkenntnis. Ich denke ernsthaft darüber nach, mich in weiteren Bewerbungen um zehn Jahre jünger zu machen. Nun möchte ich meine Arbeitsproben vorlegen, zumindest jene, die ich in gedruckter Form in einer hochwertigen, schweren Ledermappe extra zu diesem Zwecke mitgeschleppt habe. Auch Fotos der von mir gestalteten Messen sind darin enthalten. R. blickt kurz in die Mappe, bereits nach zweimaligem Umblättern ist ihm etwas Ungeduld anzumerken. Haben Sie denn kein iPad? Zu diesem Zeitpunkt hatte ich jedoch nur ein veraltetes Samsung-Tablet mit etwa zwei kg Gewicht und einer erbärmlichen Auflösung. Dieses mitzunehmen habe ich tunlichst vermieden. »Also, wenn Sie sich für eine derartige Stelle bewerben, müssen Sie technisch schon auf dem neusten Stand sein, mit einer Ledermappe können Sie heute niemanden mehr beeindrucken.« Dann geht es darum, welche Filme ich bei den Bammers erstellt habe (auf die gelungenen Videos bin ich extrem stolz). R. aber möchte sehen, was ich an privatem Videomaterial habe. Ich solle mich ja selbst mit diesen Videos auf YouTube oder auf meinem tollen fiktiven iPad präsentieren, das sei ja wohl das Mindeste, wenn ich mich um so eine Stelle bewerbe. »Na sicher, Herr R.,« denke ich, »als künftiger Arbeitsloser habe ich natürlich keine anderen Sorgen, als in ein iPad und eine moderne Videoschnittsoftware zu investieren, um den Herrn Berater zu beeindrucken. Die Million hat man schließlich Ihnen überwiesen und nicht mir …«
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.
