Kitabı oku: «Verhaltenstherapie emotionaler Schlüsselerfahrungen», sayfa 6
Fazit: Aus den biologischen Grundlagen ergibt sich eine Hierarchie psychischer Strukturen mit einer Dominanz grundlegender Bedürfnisse und einem Primat präkognitiver Prozesse (Erregung, Aufmerksamkeit, primäre Emotionen) vor den Prozessen der kognitiven Verarbeitung (mit sekundären Emotionen) und einer Rückwirkung der kognitiven Verarbeitung auf die primären emotionalen Prozesse, wenn diese aktiviert werden! Sie zeigen die Bedeutung emotionaler Erfahrungen und Erinnerungen auf, die sich nicht löschen lassen. Neurochemisch erweist sich, dass grundlegende Erfahrungen ständig (unbewusst) präsent sind und die im Alltagsverstand sinnvolle Unterscheidung zwischen Gegenwart und Vergangenheit dadurch an Bedeutung verliert. Gerade bei starken emotionalen Erfahrungen gilt, dass Gegenwärtiges und Erinnertes miteinander verschmelzen und im ungünstigen Fall negative Erfahrungen perpetuieren («Gefängnis der erinnerten Gegenwart»). Und es erweist sich, dass Psychotherapie mit spezifischen Veränderungen der Hirnstrukturen und des Körpers verbunden ist, jedenfalls dann, wenn neue emotionale Erfahrungen gemacht werden. Die subtilste Analyse neuronaler Vorgänge sagt jedoch absolut nichts aus über die subjektive Seite der menschlichen Erfahrung. Diese Seite erschließt sich nur im Gespräch. Aber: Wirksame Psychotherapie ist immer auch Neurotherapie und Körpertherapie und sogar Gentherapie, wenn man an die Forschung zur Genexpression von Kandel denkt. Die Neurobiologie erweist sich insgesamt als wichtige schulenübergreifende Brücke und kann den konzeptuellen Abstand zwischen einer modernen Verhaltenstherapie, einer modernen Psychoanalyse und einer modernen Gesprächstherapie verringern.
Konsequenzen für die Praxis
Psychobiologisch haben Gefühle einen größeren Einfluss auf das Denken als umgekehrt. Eine wirksame Therapie setzt an präkognitiven Prozessen an, bezieht kognitive Prozesse ein, hat körperliche und genetische Auswirkungen und knüpft an eine ursprüngliche emotionale Beteiligung des Patienten an. Sie folgt nicht primär einem Trainingskonzept, sondern einer emotionalen Transformation vorhandener Erfahrungen, zumal sich belastende Erfahrungen ohnehin nicht löschen lassen. Die konventionelle Unterscheidung von «Vergangenem» und «Hier und Jetzt» gilt nicht für unverarbeitete und zeitlos abgespeicherte Erfahrungen, die aktuell immer noch starke Emotionen auslösen und den Zugang zur Befriedigung von Grundbedürfnissen erschweren.
2.2 Gedächtnispsychologie
Ein ausschließlich kognitives Verständnis der Funktionsweise des Menschen, wie sie lange Zeit durch die kognitive Psychologie nahegelegt wurde, wird nicht nur durch die Hirnforschung, sondern auch die Gedächtnisforschung infrage gestellt. Beide Forschungsrichtungen haben die moderne Emotionstheorie mitbegründet. Die ältere psychoanalytische Unterscheidung in Bewusstes und Unbewusstes kehrt hier wieder in der Unterscheidung von expliziten und impliziten Gedächtnissystemen. Dabei hat sich das Verständnis beider Gedächtnissysteme erheblich differenziert.
Das explizit-deklarative Gedächtnis besteht linkskortikal aus semantischen Inhalten (Gedanken), abstraktem Fakten- und Wissensgedächtnis, zeitlich-räumlich konkreten Ereignissen und rechtskortikal (unter Einbeziehung des oberen limbischen Systems) aus episodischem Gedächtnis in Verbindung mit dem autobiografischen Gedächtnis und kontextuell eingebetteten und auch körperlich repräsentierten Erinnerungen. Das implizit-nondeklarative prozedurale Gedächtnis besteht aus situativ aktivierbaren Erlebnissen, somatischen Repräsentanzen und sensorisch-perzeptuellen Wahrnehmungen. Während das explizite Gedächtnis willentlich (top-down) aktivierbar ist und als bewusste Erinnerung in die Veränderung von Verhaltensweisen einbezogen werden kann, ist das implizit-prozedurale Gedächtnis autonom und reflexhaft in Situationen aktivierbar. Die impliziten Gedächtnisinhalte laufen schnell und automatisch ab; die expliziten Inhalte unterliegen einer reflektierenden Verarbeitung und laufen deutlich langsamer ab (s. hierzu auch die Ergebnisse von Kahneman in Kap. 2.4). Problematisch sind daher hochgradig emotionale Gedächtnisinhalte im Zusammenhang mit einem «Bauchgefühl», die zur äußeren Situation nur teilweise passen, aber ähnlich eingestuft werden. Schnell können implizite Erlebensmuster aktiviert werden, die mit alten Bewältigungsreaktionen gekoppelt sind und deren Herkunft nicht wahrgenommen oder beeinflusst werden kann. Die Eigendynamik eines Bauchgefühls kann der kognitiven Einschätzung widersprechen, und beide neuronale Repräsentanzen sind umso schlechter miteinander verbunden, je belastender und unverarbeiteter der ursprüngliche emotionale Stressor ist. Eine Infragestellung der eigenen Reaktionen kann zwar «von oben» (kognitiv / top-down) erfolgen, aber die Beeinflussung der impliziten Reaktionen gelingt dadurch nicht oder muss durch Triggerreize aktiviert und in der Aktivierung (bottom-up) verfügbar gemacht, vernetzt und modifiziert werden. Die emotional belastenden Inhalte müssen also mit allen körperlichen und emotionalen Facetten zum Gegenstand bewusster Aufmerksamkeit werden und in der aktivierten Situation kognitiv-sprachlich verarbeitet werden, bis eine deutliche Beruhigung und Klarheit eintritt und die Erinnerungen von der Gegenwart unterschieden werden können. Die bottom-up-Aktivierung dieser Situationen in einer therapeutischen Sitzung ist daher mit deutlich höheren Emotionen verbunden als ein kognitives Vorgehen und stellt andere Anforderungen an die Gesprächsführung und an eine Sicherheit bietende therapeutische Beziehung.
Problematisch kann für die Psychotherapie das Phänomen der falschen Erinnerungen sein (false memory syndrome) im Kontext einer unprofessionellen Haltung oder Gesprächsführung. In Zuständen höherer emotionaler Erregung nimmt die Beeinflussbarkeit zu, sodass eine suggestive Einflussnahme seitens des Therapeuten zu einer Abspeicherung eines falschen autobiografischen Gedächtnisses führen kann. Man denke hier zum Beispiel an eine «aufdeckende» Gesprächsführung, die den «Nachweis» von Missbrauch oder schweren Erziehungsfehlern der Eltern zum Ziel hat. In anderen Kontexten kann eine suggestive Gesprächsführung dazu führen, dass Personen sich präzise an frühere Leben erinnern (selten entdeckt hier ein Klient sein früheres Leben als Bauer oder Arbeiter, häufiger «entdecken» Klienten, dass sie früher einflussreich waren oder ein Opfer großer Ungerechtigkeit). Diese Probleme sind ein wichtiges Argument für eine professionelle Gesprächsführung, um Patienten vor suggestiver Einflussnahme zu bewahren.
Stoffels & Ernst (2002) diskutieren vier Unterscheidungskriterien von Erinnerungen und Pseudoerinnerungen in Anlehnung an die False-Memory-Syndrome-Foundation: Pseudoerinnerungen sind wahrscheinlicher, wenn (1) sie unter Erwartungsdruck und voreingenommener «Suche» aktiviert werden; wenn (2) visuell-situative Details, Körpererinnerungen oder Traumbilder vorherrschen und die Erinnerung emotional diffus bleibt; wenn (3) konkrete traumatische Inhalte als «verdrängt» vorweggenommen werden und wenn (4) Erinnerungen vor dem dritten Lebensjahr behauptet werden (S. 449). Die Suggestivität unprofessionell agierender Psychotherapeuten findet sich auch wieder in der Präferenz bestimmter Diagnosen aus bestimmten persönlichen oder beruflichen Interessen, ohne dass die erforderlichen diagnostischen Kriterien präzise beschrieben werden (s. hierzu auch Kap. 3.2.8). Gerne wird allerdings von manchen diese Möglichkeit der negativen Beeinflussung von Patienten dramatisiert. So findet man zum Beispiel bei Eiling et al. (2014) die Formulierung, dass die Aktivierung von Erinnerungen aus der Kindheit «sehr leicht zur Produktion falscher Erinnerungen führen» würde, und es gebe «keine Belege, dass diese Techniken hilfreich sind» (S. 178). Für die erste Aussage zitieren die Autoren keine Belege, und die zweite ist schlichtweg falsch und steht im Kontrast zu Befunden der Traumaforschung oder zu Befunden der CBASP oder Schematherapie (s. Kap. 5.3.2). Man kann den Autoren bestenfalls dahingehend zustimmen, dass die bloße Aktivierung irgendwelcher Erinnerungen noch keine Behandlung ist (s. Kapitel zur Traumaforschung) und die aktivierten Gedächtnisinhalte einer inneren Abspeicherungslogik folgen und nicht als äußerlich korrekte Aufzeichnung – die es nicht gibt – zu verstehen sind. Ansonsten kann man die komplette Ignoranz von Kindheitserfahrungen und die Dramatisierung eines dem Therapeuten ausgelieferten Patienten als verzerrte Wahrnehmung einer professionellen Arbeit und der Wirklichkeit der Patienten bezeichnen. Dormann (2012) weist zu Recht darauf hin, dass die «Videorekorder-Theorie» des Gedächtnisses aus den Siebzigerjahren überholt sei, dass sich das autobiografische Gedächtnis stattdessen in ständiger Überarbeitung befinde und es in der Behandlung nicht um die objektive Vergangenheit gehe, sondern um die aktuellen Spuren im Gedächtnis. Diese sollten dann allerdings auch Berücksichtigung finden ohne Angst vor der Imaginationsarbeit und einem angeblich zwangsläufig in der Methode liegenden erhöhten Risiko zur Provokation «falscher» Erinnerungen.
Es gibt allerdings keine Beziehung ohne Beeinflussung. Nur sollte diese nicht suggestiv oder manipulativ sein – auch wenn dies im kurzfristigen «Interesse» eines Patienten zu sein scheint bzw. Teil eines implizit vertrauten emotionalen Zustands sein kann –, sondern immer dem grundlegenden Ziel des Patienten an emotionalem Wachstum und Selbstbestimmung dienen. Der wichtigste Schutz vor eigener unbewusster Suggestivität (z. B. bei unverarbeiteter Wut/Ohnmacht in Bezug auf die eigenen Eltern und einem darauf folgenden Ehrgeiz zur Entlarvung der Eltern anderer) liegt in einer ausreichenden Selbsterfahrung bzw. in der Verfügbarkeit und Handhabbarkeit eigener relevanter emotionaler Erfahrungen.
Fazit: Insgesamt hat die moderne Gedächtnispsychologie die Vorstellung einer kognitiven Verarbeitung erheblich differenziert. Gedächtnispsychologisch wird die Unterscheidung impliziter und expliziter Gedächtnisstrukturen und auch die Unterscheidung körpernaher, perzeptiver, episodischer und semantisch-kognitiver Strukturen bestätigt. Dies führt zu einer Differenzierung des Blicks auf die innere Repräsentanz von Lernerfahrungen und auch einer differenziellen therapeutischen Aktivierung von Gedächtnisinhalten. Der Kognitionsbegriff muss daher differenziert werden und eingebettet sein in einen neuen Rahmen. Jedoch dient der Begriff Kognition in der Klinischen Psychologie meist wie vor 30 Jahren immer noch als «Omnibuskonzept» für alle inneren Prozesse. Zudem lässt sich aus der Gedächtnisforschung folgern, dass die Gesetze der Lerntheorie nur einen Teilbereich der inneren Verarbeitung erfassen und dass für das Verständnis der Ätiologie und Behandlung von Störungen auch emotionspsychologisch und gedächtnispsychologisch fundierte Konzepte herangezogen werden sollten.
Konsequenzen für die Praxis
Die innere Repräsentanz emotionaler Erfahrungen – vor allem belastender Erfahrungen mit beeinträchtigter Verarbeitung – erschließt sich nicht durch kognitive oder situative Beschreibungen, sondern hat eine eigene, nicht vorhersehbare Abspeicherungslogik. Sie erschließt sich erst im Kontext sorgfältiger sukzessiver Aktivierung unter Einbeziehung der prozedural-körperlichen, der perzeptiven und der visuell-episodischen Ebene. Daher bedarf diese Arbeit zusätzlich zur professionellen Gesprächsführung einer speziellen Methodik in Anlehnung an hypnotherapeutische Vorgehensweisen (Imaginationsarbeit).
2.3 Emotionspsychologie und Kommunikationspsychologie
Die frühe Emotionsforschung war deutlich von der Kognitionsforschung getrennt; sie gehen erst in den letzten zwei Dekaden deutlicher ineinander über. Brosch & Scherer (2008) schreiben: «Emotionen spielen eine zentrale Rolle bei der Determinierung der Verhaltensreaktion auf Ereignisse, die von hoher Wichtigkeit für die Bedürfnisse und Ziele eines Organismus sind. Emotion kann dabei als eine vermittelnde Schnittstelle zwischen Umweltinput und Verhaltensoutput betrachtet werden. … Die besondere Rolle der Emotionen scheint darin zu bestehen, dass sie eine intelligente Schnittstelle sind, die zwischen Input und Output auf der Basis dessen vermittelt, was zu einem gegebenen Zeitpunkt am wichtigsten für den Organismus ist» (S. 196f). Frijda (1998) nennt Emotionen ein «Interessenrealisierungs-System». Bereits vor gut 30 Jahren wurde das Fehlen einer adäquaten Emotionstheorie für die «ständig labile und prekäre Situation in der Psychologie» verantwortlich gemacht (Traxel 1981).
Wichtige Impulse für die Emotionsforschung gingen inzwischen von der Hirnforschung aus (LeDoux 1998, Damasio 2004). Von dieser Seite her hat sich die Unterscheidung in präkognitiv tief verwurzelte Affekte (mit Dominanz des limbischen Systems) und sekundäre Emotionen (mit starker Beteiligung des präfrontalen und somatosensiblen Kortex) bestätigt. Die starke Beteiligung des somatosensiblen Kortex spricht für eine hohe Bedeutung von körperlichen Veränderungen für die emotionale Aktivierung und Verarbeitung.
Schon in der ersten Emotionstheorie (appraisal theory, Arnold 1960) wurde eine primäre/impulsive Bewertung (Appraisal) von einer sekundären/kognitiven Bewertung unterschieden. Kruse (1985) folgerte in einer ausführlichen Literaturstudie zur Emotionsforschung und ihrer Bedeutung für die Psychotherapie, dass eine Emotionstheorie für zahlreiche psychologische Forschungsbereiche wie auch für die Psychotherapie im Zentrum eines Verständnisses für Veränderungen stehen sollte und wegen der engen Bezüge zu zentralen Bedürfnissen auch mit einer Motivationstheorie und wegen der starken Abhängigkeit von persönlichen Bewertungsmustern mit der Persönlichkeit auch mit einer Selbstregulationstheorie/ Persönlichkeitstheorie in Beziehung gesetzt werden sollte. Diese Forderungen werden z. B. von dem Prozessansatz von Scherer erfüllt. Auch Scherer (1981) hatte eine angemessene Emotionstheorie als zentrale Aufgabe der Psychologie eingefordert und hat bis heute die ursprüngliche Theorie von Arnold weiterentwickelt. Er legt eine modernisierte Appraisal-Theorie vor (KPM Komponenten-Prozess-Modell der Emotion, Scherer 2001, Scherer 2005, Brosch & Scherer 2008), in der die emotionale Verarbeitung als differenzierter Prozess von Stimulus Evaluation Checks (SEC) erfasst wird: 1. Relevanz (Aufmerksamkeitsrichtung und Gedächtnisaktivierung: neu? angenehm? bedeutsam?), 2. Implikation (Gedächtnisaktivierung und Verknüpfung mit Handlungsimpulsen, Bedürfnissen, Erwartungen, Dringlichkeit), 3. kognitive Einschätzung (der Bewältigungsmöglichkeiten), 4. Einschätzung der Bedeutung für die Persönlichkeit (Kompatibilität mit dem Selbstkonzept und inneren wie äußeren Standards). Kognitive Prozesse sind demnach weniger für die Emotionsentstehung relevant als vielmehr für die Emotionsverarbeitung! Und in allen Teilschritten des emotionalen Verarbeitungsprozesses nach dem KPM-Modell erfolgen Rückkopplungen auf die Physiologie, Handlungsimpulse, Ausdrucksmotorik und die subjektive Gefühlsqualität; die Verarbeitung beeinflusst in zahlreichen Rückkopplungsschleifen, welchen Einfluss das primäre emotionale Geschehen auf das Gesamterleben hat. Im EEG konnte objektiviert werden, dass die primäre Bewertung und Emotionsentstehung impulshaft abläuft (30–50 ms) und die kognitive Bewertung der Bewältigungsmöglichkeiten und der Kompatibilität mit dem Selbstbild sich davon abgrenzen lässt (100–150 ms). Das KPM-Modell ist weitgehend experimentell bestätigt, wurde jedoch noch nicht theoretisch in die Entwicklungspsychologie, in den psychotherapeutischen Kontext oder in Theorien gestörter Emotionsregulation eingearbeitet oder an klinischen Populationen überprüft.
Die wohl bekannteste Emotionstheorie im klinischen Kontext – die experimentell nicht fundiert ist und eher als Nebenprodukt der Depressionstheorie verstanden werden kann –, ist die von A. T. Beck. Zentral ist hier die Unterscheidung von automatischen Gedanken, die reflexhaft ablaufen, und irrationalen Grundannahmen, die quasi als Metakognitionen die gedankliche Aktivität strukturieren. Für die Analyse stehen die «kognitiven Fehler» der automatischen Gedanken und das Erschließen dysfunktionaler Grundannahmen im Mittelpunkt. Emotionen werden als Resultat der kognitiven Verarbeitung angesehen und somit ausschließlich als Folge. Damit wird die Aneignung funktionaler Kognitionen und Verhaltensweisen in den Vordergrund gestellt, und das nicht bewertende Erkunden primärer emotionaler Prozesse gerät in den Hintergrund. Die therapeutische Haltung ist demzufolge eine, die das Umlernen (die kognitive Umstrukturierung) stärker betont als die Selbsterkundung und die Akzeptanz von Emotionen. Selbstwahrnehmung taucht in diesem Ansatz nur auf als strukturierte Selbstbeobachtung der Veränderung der Emotionen infolge (!) kognitiver Bewertungen oder Aktivierungen (3- oder 5-Spalten-Protokolle). Die für die Psychotherapie wesentliche Unterscheidung in präkognitive Affekte und kognitiv beeinflusste sekundäre Emotionen wird nicht vollzogen.
Die Studien von Ekman & Friesen mithilfe ihres eigens entwickelten Mimikanalysesystems (FACS- Facial Action Coding System 1975) gehen jedoch ebenfalls in die Richtung einer affektiv-kognitiven Doppelstruktur von Emotionen: Es lassen sich in der Mimikanalyse sog. «mikromomentane Reaktionen» nachweisen, die sich in der Regel im Millisekundenbereich bis unterhalb 1 Sekunde abspielen und oft nicht bewusst sind; dann bewusste Emotionen, die in der Regel mehrere Sekunden bis Minuten anhalten; und aus der Physiognomie lassen sich teilweise überdauernde emotionale Stimmungslagen ablesen, die stark mit der Persönlichkeit bzw. der langfristigen Verarbeitung von emotionalen Erfahrungen verbunden sind.
In Videoanalysen therapeutischer Interaktionen hat die Anwendung des FACS die empirische Bestätigung für zahlreiche Zusammenhänge erbracht. So weist das emotionale Verhalten zwischen Therapeut und Patient hohe und komplexe Zusammenhänge auf, es besteht eine intensive emotionale Wechselseitigkeit, sodass auch von dieser Seite die immense Bedeutung der therapeutischen Beziehung und Interaktion aufgezeigt werden kann (Merten 2001). Es kommt im Therapieverlauf zu einem Abbau negativer Affekte und einer Häufung positiver Affekte aufseiten des Patienten. Der Anteil unbewusster Mimik aufseiten des Therapeuten (insbesondere bei Verachtungsreaktionen) weist einen hohen Zusammenhang mit späterem Misserfolg in der Therapie auf! In nicht erfolgreichen Therapien war eine erhöhte Ärgermimik aufseiten des Therapeuten und des Patienten und eine verstärkte Neigung zur Maskierung des Ärgers durch Freundlichkeit und Lächeln aufseiten des Patienten zu erkennen. In den erfolgreichen Therapien wurden Emotionen aufseiten des Patienten nicht mehr maskiert, traten zunehmend positive Emotionen auf und eine Abnahme körperbezogener Beschwerden (als somatische Fehlverarbeitung von Emotionen).
In den zahlreichen Einzelfallanalysen von Merten (2001) waren aber auch sehr individuelle und störungsspezifische Muster in der emotionalen Veränderung erkennbar, sodass deutlich wurde, dass therapeutische Prozesse sich nur in Grenzen verallgemeinern lassen.
Schulz (2000) konnte mittels des FACS nachweisen, dass Patienten mit strukturellen Persönlichkeitsstörungen deutlich weniger Mimiksignale geben und ihre Mimik sehr viel mehr unvollständige Mimikelemente beinhaltet; der Ausdruck ist insgesamt deutlich reduzierter und unstrukturierter. Es kommt bei solchen Patienten nach Rudolf (2004 S. 62) eher zu dauerhaften emotionalen Mischzuständen wie hilflose Resignation, wütende Enttäuschung, schmerzliche Verzweiflung, hoffnungslose Besorgtheit, empörte Gekränktheit, vorwurfsvolles Anklagen.
Rudolf (2004) unterscheidet emotionale Kommunikation über den spontanen mimischen und körperlichen Ausdruck von symbolischer Kommunikation. Mimische Kommunikation ist überwiegend nicht bewusst, bringt den eigenen emotionalen Zustand zum Ausdruck, ist nicht immer identisch mit dem bewusst erlebten Gefühl, hat eine Signalfunktion für das Gegenüber, schafft die Basis für eine gelingende sprachliche Verständigung, kann maskiert oder unterdrückt werden. Die symbolische (sprachliche) Kommunikation ist nicht primär auf den Zuhörer ausgerichtet, sondern auf das Thema des Sprechers. In diesem Zusammenhang ist auch die Vier-Ebenen-Theorie der Kommunikation von Bedeutung (Schulz von Thun 1981a/1981b/1998), wonach neben jeder inhaltlichen symbolischen Aussage auch weitere drei Ebenen eine Rolle spielen.
Tabelle 3: Ebenen der Kommunikation nach Schulz von Thun (1981a)

Die in der Kommunikationspsychologie übliche Unterscheidung zwischen Sprechern und Empfängern kann für eine Momentaufnahme und eine Kommunikationsanalyse sinnvoll sein; die komplexe Wechselwirkung zwischen beiden kann sie allerdings kaum wiedergeben. Rudolf (2004 S. 31f) weist darauf hin, dass es schnell zu «Verwechslungen» von emotionaler und symbolischer (inhaltlicher) Ebene kommen kann, wenn ein Affekt, der eigentlich einem inneren Objekt gilt (z. B. dem Vater), in die aktuelle Kommunikation und Beziehung «eingespeist» wird. Es erfordere eine «stabile psychische Struktur der Beteiligten, damit sie ihre Affekte an ihr Thema binden können» und durch die Beherrschung subtiler Interaktionsregeln eine verlässliche emotionale Beziehung herstellen und gleichzeitig ein emotional bedeutsames Thema austauschen und klären können (zum Beispiel durch eine Markierung themenbezogener und beziehungsbezogener Emotionen durch wechselnde lächelnde Rückversicherung).
Auch die Signalisierung von Sprechwunsch, Beendigungswunsch, das aufmerksame Zuhören und das Hineinversetzen in die Perspektive des Gegenübers erzeugen ein Wir-Gefühl des emotionalen Rapports und eine verlässliche Beziehungsgrundlage. Erst die Beherrschung solcher Regeln macht die Kommunikation zu einem echten Gespräch, in dem sich beide wechselseitig wahrnehmen und austauschen (s. auch Kap. 6.2.4 ). Das Ausdrücken von Emotionen (nonverbal, präverbal, paraverbal) ist direkt mit einem vertieften Erleben der Befindlichkeit gekoppelt; hierzu der Emotionsforscher Tomkins (1970): «The expression of affect deepens the experience of affect» (S. 141). Vertieftes Erleben ist noch keine Verarbeitung, aber eine Voraussetzung dafür.
Rudolf (2004) schlägt eine phänomenologische Brücke zwischen Entwicklungs- und Emotionspsychologie mit seinem Modell der «Affektkaskade» und dem Konzept einer Entwicklung «struktureller Fähigkeiten zur Emotionsregulation», die mit dem Begriff der Persönlichkeitsstruktur und -störung verbunden werden (S. 58f.). Im Unterschied zum experimentellen Prozessmodell von Scherer bezieht das auf systematischen Beobachtungen und den Erkenntnissen der Mimikforschung aufgebaute Affektkaskadenmodell von Rudolf (2004 S.40f) den interpersonellen Aspekt mit ein und bietet sich somit als Schnittstelle an für entwicklungspsychologische Aspekte und die Diagnostik von strukturellen Persönlichkeitsstörungen (siehe Abschnitt zur Strukturtheorie). Aufgrund der Befunde zur Mimikanalyse in gesunden wie erkrankten Populationen kommt der Autor zu einer Definition von Emotionen als «simultaner Kommunikation nach innen und außen», die primär körperliche Aspekte hat, von daher auch die Körperwahrnehmung und das Körperbild beeinflusst, eng mit grundlegenden Bedürfnissen gekoppelt ist, nur teilweise bewusst wird, daher nicht unbedingt identisch ist mit dem bewusst erlebten Gefühl, und durch andere Gefühlsausdrücke maskiert oder unterdrückt werden kann. Dieses Modell soll der Übersicht wegen als Tabelle (s. Tab. 4) wiedergegeben werden; die Aspekte des Körpererlebens werden von Rudolf beschrieben, aber nicht Aspekten des Modells zugeordnet; die Zuordnung dient hier mehr der Anschaulichkeit für die Komplexität einer emotionalen Reifung:
Rudolf (2004) verknüpft die Affektverarbeitung auch mit dem Stressparadigma; demnach können leichte bis mittelschwere emotionale Stressoren als Reifungsaufgaben (Herausforderungen) angenommen und bewältigt werden. Resistenz und Toleranz im Umgang mit emotionalen Belastungen kann aufgebaut werden. Bei schweren oder gar traumatisierenden emotionalen Stressoren steigt das Risiko der Abkopplung von emotionaler Erregung und kortikaler Verarbeitung. Hier gilt die Erkenntnis des Emotionsforschers Tomkins (1970): «Affect makes good things better and bad things worse» (S. 147). Das Resultat dieser Abkopplung ist eine verminderte kognitive Repräsentanz negativer emotionaler Erfahrungen mit unterschiedlich starken Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung (s. auch Kap. 6.2.4).
Tabelle 4: Das Affektkaskadenmodell nach Rudolf (2004)

Aus der Tatsache, dass Psychotherapie primär ein emotionales Geschehen ist und die sehr verbreitete becksche Theorie lediglich eine verkürzte Sicht auf dieses Geschehen bietet, ergibt sich die Notwendigkeit einer erweiterten emotionstheoretischen Fundierung. Man muss es fast schon als eigentümlich betrachten, dass die kognitive Theorie nach wie vor in der Verhaltenstherapie vorherrschend ist, während sich in zahlreichen anderen Wissenschaften in den letzten 15 Jahren eine Art «affektive Revolution» ereignet hat bis in die Soziologie, Mikroökonomie und Informatik, worauf auch die Gründung des bisher einzigen Lehrstuhls für «Affective Sciences» in Genf (Prof. em. Klaus Scherer) zurückzuführen ist. Die affektive Revolution in der Verhaltenstherapie bleibt jedoch nach wie vor aus oder wird unter dem Begriff «Schematherapie» ausgelagert. Hautzinger als bekanntester deutscher Vertreter der kognitiven Therapie empfiehlt den Auszubildenden in seinen Seminaren, Patienten zunächst nicht nach Emotionen zu fragen, sondern primär nach kognitiven Inhalten mit dem ergänzenden Hinweis, dass Emotionen «später» in der Therapie eine Rolle spielen würden, und bleibt insofern ganz dem kognitiven Paradigma treu. Durch diese Trennung kann dann dem Patienten auch leichter der Eindruck vermittelt werden, alle Emotionen seien kognitiv verursacht.
Fazit: Der Emotionsbegriff sollte (wieder) differenzierter gehandhabt werden als in der gegenwärtigen kognitiven Theorie. Primäre Emotionen haben eine präkognitive Struktur aus physiologischer Aktivierung, selektiver Aufmerksamkeit, primärem Erleben mit ersten Ausdrucks- und Handlungsimpulsen. Davon abgrenzbar sind die von der kognitiven Verarbeitung abhängigen sekundären Emotionen und Handlungen. Primäre Emotionen entstehen impulshaft und sind mit einer Aktivierung emotionaler Gedächtnisstrukturen verbunden. Ihre Verarbeitung hängt ab von den vorhandenen interpersonellen und kognitiven Möglichkeiten. Daher sind duale oder mehrdimensionale Modelle emotionaler Verarbeitung (bottom-up-Aktivierung primärer Emotionen und top-down-Regulation über eine Beeinflussung kognitiver Prozesse und damit verbundener sekundärer Emotionen) besser geeignet als vereinfachte kognitive oder emotionsfokussierte Modelle. Emotionen haben eine zentrale Signal- und Verständigungsfunktion sowohl für die innere Kommunikation in Richtung auf das Selbst als auch auf die äußere Kommunikation in Richtung auf andere. Sie sind somit die Schnittstelle sowohl für die Selbstwahrnehmung als auch für die interpersonelle Kommunikation: Vertieftes Erleben und Ausdrücken von Emotionen sind untrennbar miteinander verbunden.
Konsequenzen für die Praxis
Emotionen sind sowohl präkognitiv geprägte als auch in Teilen kognitiv geprägte Kommunikation nach innen (Selbst) und nach außen (andere) und signalisieren je nach körperlicher Intensität persönliche Bedeutsamkeit. Man kann primäre und sekundäre Emotionen unterscheiden. Belastende primäre Emotionen sind eng an die Aktivierung primärer unverarbeiteter Belastungen gekoppelt. Das Risiko einer Abkopplung von primären und sekundären Prozessen steigt mit der Schwere des emotionalen Stressors bzw. dem Grad der Belastung. Sekundäre Emotionen sind eng an die kognitive Verarbeitung/ Persönlichkeitsentwicklung gekoppelt. Beide Aspekte sollten unterschieden und berücksichtigt werden. Eine emotionale Kommunikation ist stark auf den Ausdruck eigener Gefühle bezogen, eine inhaltliche Kommunikation ist stärker auf die Verständigung mit dem Gegenüber ausgerichtet. Die therapeutische Kommunikation besteht aus permanenter emotional-impliziter und kognitiv-expliziter Wechselseitigkeit und ist für den Patienten einerseits primäre Emotionsaktivierung (bottom-up) und andererseits auch sekundäre Verarbeitung unverarbeiteter Belastungen.
