Kitabı oku: «Verhaltenstherapie emotionaler Schlüsselerfahrungen», sayfa 8

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2.6 Entwicklungspsychologie, Selbstentwicklung und Selbstwert

Die Begriffe Selbst, Identität, Persönlichkeit sind eng miteinander verbunden, wenn es um die emotionale, soziale und sexuelle Entwicklung geht. Erikson (1973) unterscheidet demnach acht Phasen, die jeweils durch Krisen eingeleitet werden und die «Bewältigung einer Entwicklungsaufgabe» zum Ziel haben. Ergänzt wurde dies in der folgenden Übersicht mit der entwicklungspsychologisch bestätigten Annahme vorrangiger Bedürfnisse nach Sullivan (1953) (s. Tab. 7).

Beide Entwicklungsansätze sind kompatibel mit den Ansätzen der Bindungsforschung. Ihnen gemeinsam ist auch eine Relativierung des Triebbegriffs und der biologischen Bedürfnisse zugunsten lebenslang dominierender emotionaler Bedürfnisse.

Tabelle 7: Prototypische Entwicklungsphasen (Erikson, Sullivan)


Kritik an Stufenmodellen der Entwicklung bezieht sich vor allem auf die Tatsache, dass der Mensch durchaus auf verschiedenen inneren Ebenen «funktionieren» kann (siehe hierzu auch den Modus-Begriff in der Schematherapie) und eine persönliche Entwicklung nicht linear verlaufen muss. Deswegen werden in der Entwicklungspsychologie inzwischen engere von weiter gefassten Stufenmodellen unterschieden, die keine zeitlichen Implikationen haben. Trotzdem bieten Entwicklungsmodelle wie das von Erikson (1973) oder Sullivan (1953) eine gute Orientierung, wie man sich Entwicklung und vor allem Entwicklungsaufgaben vorstellen kann. Und sie erlauben es, als übergeordnetes Entwicklungsziel ein kohärentes Selbst zu sehen, das mit der inneren Vielfalt integrierend umgehen kann. Der Ansatz von Erikson ist später auch von Marcia (1993) empirisch operationalisiert worden, weicht aber aktuell einem offeneren Ansatz. Die Entwicklungspsychologie hat sich bis heute den Ansatz von Piaget zu eigen gemacht und weiterentwickelt: Im Rahmen des Zwei-Prozess-Modells der Entwicklungsregulation (Brandtstädter & Rothermund 2002) entwickeln sich Menschen weiter, indem sie sich entweder der Realität anpassen (Akkomodation) oder die Wahrnehmung und Bewertung der Realität und des eigenen Selbstbilds modifizieren (Assimilation). Ersteres wird von der aktuellen Entwicklungspsychologie als «Problemverarbeitung» bezeichnet und Letzteres als «intentionale Selbstentwicklung» mit dem Ziel der Resilienz und Verringerung der Bedrohungen für das Selbstkonzept (Greve & Leipold 2012 S. 575f.). Dadurch wird auch eine duale Sichtweise auf Psychotherapie als Entwicklungsarbeit möglich: Es geht nicht nur um die Bewältigung von Problemen, sondern gerade dann, wenn bestimmte Probleme sich häufen, eher um die Weiterentwicklung der eigenen Wahrnehmung und des eigenen Selbst. Diese Akzente kann man auch im Kontrast zwischen den Schwerpunkten psychoanalytischer Therapie und Verhaltenstherapie wieder entdecken. Greve & Leipold (2012) resümieren: «Entwicklung findet jederzeit statt und ist jederzeit möglich» (S. 577).

Eine an der neurobiologischen Reifung ansetzende Entwicklungstheorie, die zudem mit den Befunden von Damasio und den in der vorhergehenden Tabelle genannten Selbststrukturen und der Theorie der Entwicklung struktureller Fähigkeiten zur Emotionsregulation von Rudolf (2004) kompatibel ist, ist die Theorie von Daniel Stern (1995). Anhand prospektiver (!) Entwicklungsstudien entwickelte er ein Konzept der frühen Reifung: 1. In den ersten zwei Lebensmonaten entwickelt sich das «auftauchende Selbst», in dem der physische Zustand des Organismus in Abhängigkeit von den Umweltinteraktionen in all seinen Dimensionen fortlaufend abgebildet wird. 2. Zwischen dem 3. bis 9. Monat taucht das Empfinden einer Urheberschaft, eines Gewahrseins und eines Wollens auf (Intentionalität) mit ersten Eindrücken einer zeitlichen Kontinuität des Selbst, rudimentären Emotionen ohne Kontrolle und wachsender Wahrnehmung der körperlichen Kohärenz («Kernselbst»). 3. Zwischen dem 9. bis 18. Monat taucht das Teilen der Aufmerksamkeit mit anderen auf; das Kind beginnt den Blick der Mutter gezielt zu beobachten, um zu sehen, wohin die Mutter schaut und wie sie das, was sie sieht, bewertet (Rückversicherung), und es beginnt seine Wünsche durch Gesten zu begleiten; Intentionen und Gefühle können mit anderen geteilt werden; sämtliche Elemente der inneren und äußeren Welt (Objekt, Affektivität, Selbstwert, Sicherheit, Grad der Bedürfnisbefriedigung) werden zu einem Gesamterleben organisiert (subjektives Selbst). Auf dieser Stufe bauen sich auch implizite Erfahrungsprototypen auf, in denen sich das Kind auch mit verzerrten Wahrnehmungen der Bezugsperson identifiziert (verifiziert zum Beispiel an Studien Sterns mit depressiven Müttern). 4. Mit Auftauchen der Sprache entwickelt sich die Möglichkeit zu Aussagen in einer bewussten repräsentationalen Welt (narratives Selbst), die einerseits mit der erlebten Welt diskrepant sein kann, die aber einen Zuwachs an Möglichkeiten der Interaktion und der Selbststeuerung beinhaltet.

Im Folgenden sollen die verschiedenen Begrifflichkeiten von Stern, Damasio und Rudolf der Übersicht halber in einer Tabelle dargestellt werden. (s. Tab. 8)

Für Rudolf (2004) ist das Konzept der strukturellen emotionalen Reifung auch ein wichtiger differenzialdiagnostischer Ansatzpunkt für die Unterscheidung von leichten Persönlichkeitsstörungen (mit gut wahrnehmbaren Konflikten) und schweren Persönlichkeitsstörungen (die ohne Selbstreflexion die Probleme nach außen verlagern und die Objektwelt als Zumutung oder als unerträglich erleben); Letztere haben deutliche Schwierigkeiten mit einer der vier strukturellen Fähigkeiten bzw. konnten diese unter hohen (evtl. traumatischen) Belastungen oder geringer Unterstützung nicht entwickeln.


Tabelle 8: Entwicklungspsychologische und neurobiologische Konzepte


Die Selbstentwicklung orientiert sich also an den interpersonellen Erfahrungen mit der Befriedigung von Bedürfnissen, und das Ausmaß der Befriedigung (Kongruenz) korreliert direkt mit dem Selbstwert. Diese motivationale Sichtweise des Selbstwertes definiert ihn als die jeweilige Einschätzung der eigenen Möglichkeiten zur Befriedigung von Bedürfnissen. Daher ist der Begriff «Selbstwertschätzung» oder einfach «Selbstwert» zutreffender als der Begriff «Selbstwertgefühl» oder die Reduktion des Selbstwerts auf den expliziten kognitiven Anteil (Selbstkonzept). Wird der Selbstwert zu einem separaten Bedürfnis, das möglichst direkt befriedigt werden soll (wie im Begriff der Selbstwerterhöhung), oder zu einer Kognition, die umstrukturiert werden soll, dann bekommt er etwas Manipulierbares oder Kompensatorisches («Jetzt will ich mich als wertvoll ansehen/ mich besser fühlen») von eher kurzem emotionalem Effekt, der schnell wieder unter dem Druck der Gesamtrealität und einer negativen Befriedigungsbilanz zusammenbrechen kann. Im alltäglichen und im klinischen Kontext kann man sehr oft beobachten, dass unzufriedene Menschen mit einem schwachen Selbstwertgefühl sich etwa nicht der Befriedigung zentraler Grundbedürfnisse zuwenden, sondern eher kompensatorisch den Selbstwert erhöhen durch Bestätigung über Geld, Macht, Prestige und eine Erhöhung der Anspruchshaltung («mein Haus, mein Boot, mein toller Körper, meine optimal geförderten und begabten Kinder, meine vielen Freunde»). Diese Ansprüche generieren eher einen permanenten Zwang als echte Befriedigung. Stabiler Selbstwert lässt sich nicht durch Kompensation erlangen, sondern nur durch einen aufrichtigen Umgang mit sich und seiner Geschichte. Dies schließt auch ein Spüren verletzter Bedürfnisse und die wachsende Entschiedenheit ein, sich den erforderlichen Raum für ihre Befriedigung zu geben. Im Umkehrschluss: Jede intensive oder auch unterschwellig dauerhafte Verletzung von Bedürfnissen ist mit einem negativen Einfluss auf den Selbstwert verbunden. Dabei spielt die Identifikation mit den Erfahrungen der Eltern eine große Rolle: Alles, was eine Bezugsperson dazu veranlasst, Zustimmung und Zuwendung zu geben, wird verinnerlicht als «gutes Ich»; alles, was auf Missbilligung stößt oder bei der Bezugsperson Angst auslöst, wird als «schlechtes Ich» organisiert; und alles, was erhebliche Angst beim Gegenüber auslöst und nicht bewusst werden darf, wird organisiert zu einem «Nicht-Ich» bzw. einem «dissoziierten System» (Sullivan 1953 S. 188 f.). Letzteres führt zu kompletter Nichtwahrnehmung, lässt sich parallel zum Konzept der «desorganisierten Bindung» (Bindungstheorie) betrachten und erhöht erheblich die Wahrscheinlichkeit späterer psychischer Störungen (desorganisierte-instabile Bindungen in Verbindung mit einem desintegrierten Selbst führen häufiger zu schweren Störungen). Das «schlechte Ich» erzeugt dagegen Angst und geringe Selbstachtung und ist mit deutlich schlechterer Bedürfnisbefriedigung verbunden.

Rudolph, Schütz und Schröder-Abe (2009 S. 207–226) diskutieren das Konzept des Selbstwerts und konstatieren einen bedeutsamen Anteil der Selbstwertschätzung an zahlreichen Störungen (vor allem Depressionen und Persönlichkeitsstörungen). Passend zur Differenzierung in ein erlebendes Selbst und ein autobiografisches Selbst unterscheiden sie eine implizite von einer expliziten Selbstwertschätzung, die oft miteinander nur gering korrelieren! Im Falle einer gezielten Erhöhung des expliziten Selbstwerts könne es bei Fortbestehen eines geringen impliziten Selbstwerts zu einer Selbstwertdiskrepanz und einem instabilen Selbstwert kommen (S. 223). Die Strategie des gezielten Aufbaus eines positiven expliziten Selbstwerts wird kurzfristig als stabilisierend wahrgenommen; sie entspricht aber mittelfristig einer kompensatorischen Pseudobewältigung emotionaler Verletzungen und führt zu erhöhter Selbstwertdiskrepanz, die mit weiteren Problemen der Emotions- und Selbstwertregulation einhergeht. In gesteigertem Maße trifft dies zum Beispiel auf narzistisch gestörte Menschen zu. In Therapien lassen sich diese Menschen als Personen mit einem erheblich verletzten impliziten Selbstwert und einer geringen Neigung, sich mit den eigenen Verletzungen auseinanderzusetzen und diese durch fassadenhaftes Verhalten und Selbstdarstellung zu überspielen, charakterisieren. Psychotherapeutisch relevant ist daher die Beeinflussung der negativen Einflüsse auf den impliziten Selbstwert. Therapieziel sollte somit generell die Transformation negativer Einflüsse sein und die sich daraus ergebende Kohärenz zwischen implizitem und explizitem Selbstwert (als Authentizität, Aufrichtigkeit oder als gesundes Selbstbewusstsein).

Diese Kohärenz hängt von der Verarbeitung verletzender emotionaler Erfahrungen mit negativem Einfluss auf den Selbstwert ab und von der Fähigkeit, sich den real verletzten Bedürfnissen zuzuwenden und diese zu befriedigen. Im Sinne des motivationalen Selbstwertbegriffs von Grawe kann man einen stabilen oder kohärenten Selbstwert sowohl als Ergebnis einer Schwächung von Vermeidungskomponenten durch Konfrontation mit vermiedenen (verletzenden) Erfahrungen sehen als auch als eigenständiges Bedürfnis. Es ist konzeptuell sinnvoller, von der Erlangung eines stabilen und kohärenten Selbstwerts zu sprechen als von einer Selbstwerterhöhung.

Konsequenzen für die Praxis

Selbstentwicklung dient der Integration einer Vielzahl von Bedürfnissen in die Lebensführung. Die Wahrnehmung der persönlichen Entwicklung einer Person betrifft nicht nur alle früheren Entwicklungsphasen, sondern schließt auch die aktuellen Herausforderungen in der Biografie ein; was ist der anstehende persönliche Entwicklungsschritt? Zentrales Merkmal einer gelingenden Selbstentwicklung ist eine erlebte Kohärenz zwischen implizit gefühltem und explizit wahrgenommenem Selbstwert und die Verbesserung der Befriedigungsbilanz. Die Bearbeitung der Beeinträchtigung des impliziten Selbstwerts durch unverarbeitete Erfahrungen ist dabei der Schlüssel für eine langfristige Verbesserung der Befriedigungsbilanz. Darauf folgen die Beachtung und verstärkte Bemühung um die vernachlässigten bzw. verletzten Bedürfnisse und der Abbau der Befriedigung als kompensatorisch erkannter Scheinbedürfnisse.



2.7 Persönlichkeit und Persönlichkeitsstörung

Der Persönlichkeitsbegriff ist eng mit dem Begriff des Selbst verbunden und steht auch in Grawes Modell des psychologischen Funktionierens an oberster Stelle quasi als Klammer für alle psychologischen Teilprozesse (Grawe 1998). Der Mensch – so Grawe – strebt grundsätzlich nach Übereinstimmung mit sich selbst (Kongruenz /Identität/Assimilation) und nach Übereinstimmung mit der äußeren Wirklichkeit (Konkordanz/Anpassung/Realisierung von Bedürfnissen, Akkomodation). Er strebt nach Spannungsreduktion und einer Balance von beidem (Konsistenz). Anders formuliert: Er steht in einem Spannungsfeld zwischen Stabilität und Lebendigkeit. Riemann (1990) spricht in seinem Klassiker Grundformen der Angst von zentrifugalen Kräften (zum Selbst) und zentripetalen Kräften (zum anderen, zur Welt), die beide die Persönlichkeit formen. Was kann man aus der empirischen Forschung zum Begriff der Persönlichkeit lernen?

Da gibt es zum einen den Begriff des biologisch determinierten «Temperaments» (Antrieb, Aktivitätsniveau, Vitalität und Gefühlsintensität), das sich über die relevanten Entwicklungsphasen (Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter) hinweg als sehr beständig erwiesen hat (Caspi & Roberts 1999). Davon unterschieden wird die psychosoziale Aneignung einer wandelbaren «Persönlichkeit».

Das dimensionale Konzept der fünf verschiedenen Persönlichkeitsdimensionen (Big Five) hat die älteren Persönlichkeitskonzepte abgelöst. Die Dimensionen sind: Neurotizismus vs. Ausgeglichenheit, Extra- vs. Introversion, Offenheit vs. Verschlossenheit und Verträglichkeit vs. Unfreundlichkeit. Diese dimensionale Unterscheidung ist jedoch sehr weit weg von klinisch relevanter Diagnostik. Die klinische Achse II-Diagnostik unterscheidet zehn Persönlichkeitsstörungen (ICD-10) bzw. zwölf Persönlichkeitsstörungen (DSM-IV Fk). Mit dieser Diagnostik sind trotz verbesserter Reliabilität allerdings substanzielle Probleme verbunden (mangelnde Validität, mangelnde empirische Fundierung der Kriterien und Schwellenwerte, hohe innere Komorbiditäten verschiedener Persönlichkeitsstörungen, mitunter unklare Abgrenzung zur Achse I, die stigmatisierende Sprache und Defizitorientierung) (s. Schmitz et al. 2001).

Das reale Vorhandensein von Persönlichkeitsstörungen wird nach einer Studie von Rudolf (2006) unterschätzt: Während nur in 4 Prozent der Behandlungsfälle ambulanter Psychotherapie Persönlichkeitsstörungen diagnostiziert werden, liegen diese bei psychiatrischen Patienten mit einer Häufigkeit von bis etwa 40 Prozent vor und in der Allgemeinbevölkerung mit ca. 10–15 Prozent! Die Komorbidität von Achse-I-Störungen und Achse-II-Störungen ist somit erheblich. Aber es gibt vermutlich eine Hemmschwelle der Diagnose, weil bei manchen Psychotherapeuten, aber auch in der Allgemeinbevölkerung die Einschätzung vorliegt, dass man eine Persönlichkeit nicht ändern kann, und somit eine kategoriale Störungsdiagnose mit einer irreversiblen Schädigung gleichgesetzt werden könnte. Tatsächlich fand sich irritierenderweise in der Konzeption der Multiaxialen Diagnostik des DSM-IV die Kategorie Persönlichkeitsstörungen auf einer Achse zusammen mit geistigen Behinderungen, was der Akzeptanz dieser diagnostischen Kategorie sicher nicht geholfen hat. Zudem zeigt sich eine Persönlichkeitsentwicklung langfristig wandlungsfähiger, als dies auf den ersten Blick durch den Begriff vermittelt wird (z. B. das maturing out– Konzept, wonach sich vorhandene Stile auch auswachsen können).

Im Hinblick auf die Persönlichkeitsdiagnostik des ICD-11 und des DSM-V scheint ein Wandel dahingehend anzustehen, dass die Unterscheidung der einzelnen Stilmerkmale abgelöst wird durch die Unterscheidung des Schweregrades einer Persönlichkeitsstörung. Dieser Schritt erfolgte aufgrund der Häufigkeit des Vorkommens einzelner Stile, der zu geringen Reliabilität und der geringeren Relevanz für die übergeordnete Behandlungsstrategie als der Schweregrad. Zentrale Dimensionen zur Beurteilung des Schweregrades sind das Funktionsniveau des Selbst (Identität, Selbstkontrolle) und der interpersonellen Beziehungen (Empathie, Intimität); zur Beurteilung der Art der Persönlichkeitsstörung werden im DSM Merkmale analog zu den Big-Five-Dimensionen herangezogen, um sechs Persönlichkeitsstörungen (PS) zu unterscheiden; im ICD-11 sollen keine Störungskategorien mehr unterschieden werden zugunsten einer rein dimensionalen Beurteilung der Beeinträchtigung. Damit weicht die kategoriale Diagnostik allmählich einer dimensionalen Diagnostik komplexer Merkmalsprofile.

Was die Erfassung von einzelnen Persönlichkeitseigenschaften schwierig macht, ist die Tatsache, dass sich im Lebensverlauf besonders der ersten 30 Jahre verschiedene Stile überformen (d. h. zu- und abnehmen) können und in unterschiedlich starker Ausprägung gleichzeitig vorhanden sein können. Dies impliziert auch, dass Persönlichkeitsstile Veränderungen unterworfen sind, die Persönlichkeitsentwicklung niemals vollständig abgeschlossen ist und eine Persönlichkeit auch im Rahmen einer Psychotherapie Veränderungen erfährt. Es stellen sich zwei Fragen, auf die in den nächsten beiden Abschnitten eingegangen werden soll.


2.7.1 Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsstilen und -störungen

Wie lässt sich ein allgemeinpsychologisches Verständnis von Persönlichkeit mit einem psychopathologischen Konzept der Persönlichkeitsstörung verbinden?

Eine Antwort auf diese Frage bieten die Ansätze von Millon (1981, 1990, 1996) und Oldham & Skodol (1996). Millon verbindet Entwicklungspsychologie, Entwicklungspathologie, Lerntheorie und Biologie in einem biopsychosozialen Reifungskonzept. Ausgehend von den polaren Grundbedürfnissen zwischen Autonomie und Bindung (als polares Spannungsfeld für die Stufen der Selbstentwicklung nach Kegan 1986) postulierte Millon einen dialektischen Prozess der Persönlichkeitsentwicklung, der sich grob in vier Stufen vollzieht: 1. Sensory attachment: Kleinkindphase mit starker Abhängigkeit von physischer Präsenz der Eltern; 2. Sensomotorische Autonomie: Großkindphase mit eigenständiger Erprobung und Entdeckung der Umwelt; 3. Pubertät-Gender-Identität: Hier steht die Geschlechtsidentität, die Entwicklung eines Selbstbildes und die Bewährung im außerfamiliären Kontext im Vordergrund; 4. Intrakortikale-integrative Reifung: Heranreifung des reflektierenden Erwachsenen; hier steht die Ausbildung der Reflexion, die Integration von Ratio und Emotionen und die Entwicklung von Wertorientierung im Vordergrund. Persönlichkeitsmuster werden als Zusammenspiel biologischer, kognitiver, emotionaler und interpersoneller Dimensionen verstanden. Beeinträchtigte Entwicklungen führen zu unausgewogenen Persönlichkeitsmustern, die interpersonelle und emotionale Auffälligkeiten mit sich bringen. Diese Muster sind als Verarbeitungsformen in einem dynamischen Entwicklungsprozess und als Schutz der eigenen Vulnerabilität zu sehen (Bewältigungsstrategien im Umgang mit belastenden familiären und außerfamiliären Erfahrungen). Dadurch unterscheidet sich dieser Ansatz zum Beispiel von Beck (1993), der spezifische kognitive Profile (Selbstbild, Bild über die Mitmenschen, Grundannahmen mit Auswirkungen im emotionalen und interpersonellen Bereich) zum Kern von Persönlichkeitsstörungen macht. Die therapeutische Konsequenz besteht für Beck in einer für jede Persönlichkeitsstörung spezifischen Behandlung der kognitiven und interpersonellen Selbstaufrechterhaltung dysfunktionaler kognitiver Schemata. Auch die kognitiven Ansätze berücksichtigen die Tatsache, dass diese Strategien im Umgang mit schwierigen Erfahrungen in der Kindheit gelernt wurden und der emotionale Zugang zu diesen Episoden die kognitive Umstrukturierung erleichtert. Der emotionale Zugang wird hier jedoch nicht systematisch unterstützt, und das eigentliche Umlernen findet kognitiv und verhaltensorientiert im Alltag mithilfe einer Reihe von Übungen statt. Dieser Ansatz wurde als zu eingeschränkt bereits früh kritisiert (Safran & Segal 1990) insbesondere auch hinsichtlich des rationalistischen Weltbildes, der eingeschränkten Emotionstheorie,der zu starken Fremdsteuerung und desTrainingscharakters des Prozesses durch strukturierte Übungen. Eine Kritik, die vom Mainstream nicht aufgenommen wurde.

Oldham & Skodol (1996) haben ein Kontinuum zwischen gesunden Persönlichkeitsstilen, Persönlichkeitsakzentuierungen und Persönlichkeitsstörungen beschrieben und schlagen auf dieser Grundlage auch mögliche therapeutische Übungen vor. Sie beschreiben 13 Persönlichkeitsstile/Persönlichkeitsstörungen und haben ein Diagnostikinventar («Persönlichkeitsporträt» Oldham & Morris 1998) entwickelt, das auch als «Kognitive VT bei unflexiblen Persönlichkeitsstilen» von Schmitz et al. (2001) mit einer reduzierten Anzahl von 6 Stilen aufgegriffen wurde. In diesem Manual werden auch die 8 Kommunikationsstile von Schulz von Thun als Hilfsmittel für die Interaktionsanalyse aufgegriffen, die sich sehr gut mit Persönlichkeitsstilen in Beziehung setzen lassen. Mit dieser tabellarischen Übersicht (s. Tab. 9) sollen lediglich gewisse inhaltliche Entsprechungen aufgezeigt werden, ohne dass zwischen den Spalten Korrelationen oder sogar Kausalitäten impliziert werden können.


Tabelle 9: Kommunikationsstile, Persönlichkeitsstile und Persönlichkeitsstörungen (Makroebene)

(eine ausführliche Beschreibung der Persönlichkeitsstile findet sich im Anhang 4)


Die sowohl kategoriale als auch dimensionale Betrachtung von Persönlichkeitsstilen führt zu der Erkenntnis, dass sich gesunde Stile unter ungünstigen Belastungs- und Entwicklungsbedingungen zu Persönlichkeitsstörungen entwickeln können, während bei gelingender Bewältigung belastender Entwicklungsphasen schwierige Bewältigungsmuster »auswachsen» können (maturing out). Wenn zum Beispiel Impulsivität und Neurotizismus zwischen der Pubertät und dem jungen Erwachsenenalter absinken, dann resultiert später eine deutlich geringere psychopathologische Belastung (Barnow et al. 2007, Barnow et al. 2010). Daher ist die Entwicklungsperspektive für die Erfassung der Persönlichkeit hinzuzuziehen. Zudem sollte sich die Therapie an Aspekten orientieren, die zentral sind sowohl für einen Persönlichkeitsstil/-störung (Achse II in ihrer klinischen und subklinischen Ausprägung) als auch für die resultierende psychopathologische Belastung (Achse I). Diagnostisch wird mit dem DSM-5 und mit dem ICD-11 die Bedeutung der einzelnen Kategorien geringer und die Beurteilung des Schweregrades einer Persönlichkeitsstörung wesentlich wichtiger (s. auch Kap. 6.2.5 und die Einbeziehung des Integrationsniveaus Tab. 14).

Fazit: Ein bestimmter Persönlichkeitsstil kann unter ungünstigen Belastungen zu einer Persönlichkeitsstörung werden. Da aber eine Persönlichkeit aus mehreren Stilen besteht, besteht kein zwingender Zusammenhang zwischen einem Stil und einer bestimmten Störung. Ebenso wenig kann man die Persönlichkeit durch ein kognitives Schema beschreiben, sondern eher durch komplexe dimensionale Merkmalsmuster wie die Erfassung des Funktionsniveaus des Selbst und der interpersonellen Beziehungen. Gegenwärtig stellt die Gegenüberstellung von Kommunikationsstilen, Persönlichkeitsstilen und Persönlichkeitsstörungen eine gute inhaltliche Heuristik dar, die jedoch im Einzelfall durch eine biografische und eine aktuelle Analyse komplexerer Stilmuster ergänzt werden sollte. Dies wird möglicherweise bald durch die anstehenden Revisionen in den Diagnostiksystemen durch andere Merkmalsanalysen erneuert.


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09 kasım 2024
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936 s. 44 illüstrasyon
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9783456755212
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