Kitabı oku: «Schlachtfest», sayfa 5

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„Ich? Ich habe gar nichts gesehen!“, antwortete der sofort.

„Und Ihr Name ist?“

„Tom Borgmeier.“ Der etwa 20-jährige junge Mann hatte dunkelblondes Haar, das sich durch die Feuchtigkeit kräuselte. Sein durch Akne vernarbtes Gesicht hatte einen aufmüpfigen Ausdruck angenommen.

„Hören Sie, wir hatten von dem Menschenauflauf unten an der Ems gehört und sind dann natürlich hin“, mischte sich der langhaarige ein. Er sah ausnehmend gut aus, hatte strahlende blaue Augen, weiße gleichmäßige Zähne und ein fein geschnittenes Gesicht. Er hätte ein Model sein können. Oder ein Tarzandarsteller.

„Danke, ich kann für mich selbst sprechen.“ Tom Borgmeier fühlte sich offenbar von seinem Mitstreiter bevormundet. Die beiden sahen sich feindlich an.

„Wir benötigen Sie nicht als Zeugen für den Fund der Leiche, sie alle könnten wichtige Beobachter für den Tathergang sein“, teilte Enna mit. „Haben Sie evtl. verdächtige Fahrzeuge gesehen, Spaziergänger, die sich merkwürdig benommen haben oder ähnliches?“

Sie stieß auf eisiges Schweigen. Einige der jungen Leute sahen sich an, schüttelten aber dann mit dem Kopf.

„Wir wissen gar nichts, das sehen Sie doch!“, rief Tom Borgmeier wütend. „Sie verschwenden hier ihre Zeit.“

„Ob wir unsere Zeit verschwenden oder nicht, das dürfen Sie ruhig uns überlassen.“

Enna warf Kötter-Stroth einen Blick zu. „Wir brauchen die Personalien von jedem einzelnen von Ihnen“, verkündete sie dann. Ein Raunen ging durch die Gruppe, gefolgt von aufgeregtem Stimmengewirr. Kötter-Stroth zückte seinen Notizblock und begann sofort damit, die Daten aufzunehmen. Enna wandte sich wieder den Anführern zu.

„Und ihr Name ist?“ fragte sie den langhaarigen.

„Marco Theding. Ich leite diese Gruppe seit drei Jahren“, gab er bereitwillig an.

„Das glaubt er zumindest“, warf Tom Borgmeier ein. Die feindliche Stimmung zwischen den beiden Aktionisten war deutlich spürbar.

„Ich bin ordnungsgemäß per Abstimmung in diese Position gewählt worden.“ Marco Theding sprach ruhig und mit fester Stimme. Er schien seinem aufgewühlten jüngeren Mitstreiter in allem überlegen. Tom Borgmeier wirkte neben der strahlenden Erscheinung des Marco Theding wie zweite Wahl.

„Hach! Gewählt? Weiß doch hier jeder, dass du dir die Position erschlafen hast!“ Tom lachte hämisch. Marco Theding machte einen Schritt auf seinen Widersacher zu.

„Leute, Leute!“, ging Enna dazwischen. So kam sie hier nicht weiter. „Sie beide würde ich in der nächsten Woche gerne auf dem Revier sehen!“

„Ach würden Sie? Da muss ich erst mal in meinem Terminkalender nachsehen“, Tom schien sich in seine Wut hinein zu steigern. Enna hatte keine Ahnung, was ihn so aufregte.

„Das war keine Bitte, sondern eine Aufforderung, der Sie Folge zu leisten haben“, teilte sie im unmissverständlich mit.

„Natürlich kommen wir“, sagte Marco Theding schnell und sah Tom an. Dieser gab einen Grunzlaut von sich, erwiderte aber nichts.

„Mein Kollege hier hat es nicht so mit der Polizei, nehmen Sie das bitte nicht übel!“, sagte Marco.

„Wer hat das schon!“, legte Tom patzig nach.

Enna sah keinen Sinn darin, diesem jugendlichen Kräftemessen weiter beizuwohnen. Offensichtlich hatte tatsächlich niemand etwas gesehen. Die beiden Streithähne würde sie sich noch einmal vorknöpfen. Enna nahm sich vor, die beiden getrennt zu den Hintergründen ihres Streits zu befragen. Heute wollte sie nur noch nach Hause, zurück auf ihr Sofa, umgeben von ihrem Chaos aus Kisten und Kartons. Nachdem ihre Kopfschmerzen sich gelegt hatten, und alles was sie heute tun konnte erledigt war, überfiel sie ein übermächtiges Ruhebedürfnis. Die Auseinandersetzung mit den jungen Leuten hatte sie den letzten Rest ihrer spärlich vorhandenen Energie gekostet. Sie war vorzeitig und ohne Vorwarnung in ihren neuen Job gestoßen worden, ihr erster Fall gleich ein Mordfall. So hatte sie sich das nicht vorgestellt. Aber wenigstens wurde es nicht langweilig.

„Wir benötigen auch noch die Namen aller Personen, die hier gestern und vorgestern Nacht gezeltet haben“, bat sie Marco Theding. Er war auf jeden Fall der Zugänglichere der beiden.

„Das haben wir alle, alle die heute hier sind. Die meisten von uns studieren und in den Semesterferien sind wir fast immer komplett hier im Camp versammelt. Zumindest die, die wirklich bei der Sache sind.“

„Was studieren Sie?“

„Wirtschaftswissenschaften in Münster.“ Tom Borgmeier tauchte wieder neben ihm auf.

„Das studiert er offiziell“, warf er dazwischen. „Und das glauben seine stinkreichen piekfeinen Eltern auch. Über Wirtschaften weiß Papas Liebling tatsächlich auch eine ganze Menge, und noch so einiges mehr, was man nicht an der Uni studieren kann“, stänkerte er weiter. Marco Theding hatte nun anscheinend genug davon. Er packte ihn plötzlich am Kragen und zog ihn zu sich heran, Angesicht zu Angesicht. „Da reden wir später drüber“, zischte er ihn an. Dann ließ er ihn los. Tom stolperte zur Seite, machte eine wegwerfende Handbewegung und ging wortlos davon.

#

Tom hatte sich in seinem Zelt entnervt auf die Isomatte fallen lassen und beobachtete durch die halb geöffnete Zelttür, wie sich die Gruppe langsam zerstreute, nachdem die Beamten das Camp verlassen hatten. Es ärgerte ihn, dass Marco schon wieder Aufmerksamkeit bekommen hatte, die ihm nicht zustand. Immer wieder musste er sich in den Vordergrund spielen. Die Aufmerksamkeit der attraktiven Polizistin hätte er gerne selbst gehabt. Warum sah niemand, was für ein Blender und Opportunist Marco war?

Sie waren gerade dabei gewesen, die Sache mit der toten Frau zu besprechen, als die Ordnungshüter eintrafen. Er hatte sofort gesehen, dass es Susanna war, die Tochter seines Ziehvaters Heinz. Zu Susanna hatte er kein Verhältnis. Sie hatten nie viel miteinander zu tun gehabt. Seit er und Marco vom Fundort auf der Emswiese zurück waren, hatten sie unter vier Augen darüber diskutiert. Diesmal würde er sich nicht von Marco ausbooten lassen, das hatte er sich geschworen. Er würde aufpassen, wie ein Luchs. Diesmal war Marco zu weit gegangen. Noch durchschaute er die Sache nicht völlig, aber er würde dahinterkommen, was da gelaufen ist. Marco verhielt sich mehr als verdächtig. Diesmal hatte er die besseren Karten, und die würden Marco definitiv schlecht aussehen lassen.

„Hey!“ Marco blickte durch den schmalen Spalt. „Alles klar bei dir?“

„Klar ist alles klar!“ Doch sein Ärger war immer noch nicht verraucht.

„Darf ich reinkommen?“ Marco lächelte ihn an. Tom blickte den zehn Jahre älteren Tierschützer nachdenklich an.

„Gut. Komm rein!“ Marco kroch in das kleine graue Kuppelzelt und machte es sich auf dem Boden bequem. Er hatte Mühe, seine langen Beine unterzubringen. Schließlich setzte er sich Tom gegenüber in den Schneidersitz.

„Ich war’s nicht!“, begann Marco.

„Ja, ich bestimmt nicht!“ Tom lag auf dem Rücken und starrte auf die Zeltkuppel über ihm. Er hatte nicht die Absicht, sich wieder von ihm bequatschen zu lassen.

„Dann ist doch alles klar, Alter! Ihr habt der Ollen die Klamotten geklaut, das ist vielleicht nicht erlaubt, aber auch kein Verbrechen!“ Marco saß entspannt lächelnd vor ihm. Könnte er so entspannt sein, wenn er Susanna auf dem Gewissen hätte, fragte Tom sich. Aber Marco hatte ein Pokerface, damit hatte er ihn schon oft getäuscht. Alles war immer so easy für ihn. Und fast immer hatte er Erfolg mit seiner lässigen Art.

„Richtig. Das haben wir gemacht“, gab Tom zu. „War nicht korrekt, aber mehr ist nicht passiert. Aber was hast du gemacht?“

„Alter, ich habe die Frau gesucht, weil ich ihr helfen wollte, glaub mir endlich!“, flehte Marco. „Man konnte sie doch nicht nackt im Wald herumlaufen lassen! Hätte sie dich angezeigt, wäre das eine Katastrophe für unser Image gewesen. Da hätten wir einpacken können! Nur weil ihr so eine Scheiße macht!“ Er gestikulierte wild mit den Armen.

„Und deswegen hast du sie kurz mal um die Ecke gebracht! Um alles zu vertuschen.“

„Du spinnst doch! Was traust du mir eigentlich zu? Alter, ich habe das auch für dich gemacht, um deinen verdammten Arsch zu retten!“ Seine Stimme wurde mit jedem Satz schriller.

„Was gemacht?“ Tom wurde hellhörig. Er wartete nur darauf, dass Marco sich verplapperte. „Was genau hast du mit ihr gemacht?“

„Ich habe sie nicht angerührt. Sie lag einfach so da, mitten auf dem Waldweg, mit der Kopfwunde. Hat aber kaum geblutet. Sie war sturzbesoffen! Dachte ich.“

„Kopfwunde?“ Tom pfiff durch die Zähne. „Du lügst! Die Kommissarin sagte, sie wäre erwürgt worden. Und wie kommt sie dann wohl vom Waldweg runter an die Ems?“

„Mein Gott! Es war dunkel und ich habe sie natürlich nicht komplett auf irgendwelche Blessuren untersucht! Jetzt mach keinen Aufstand! Uns kann keiner was. In ein paar Wochen ist das Camp hier aufgelöst und keiner denkt mehr an uns.“ Marco verlor langsam die Beherrschung. „Aber ich habe sie nicht angerührt, damit das klar ist!“

„Ich glaub dir kein Wort.“

„Mann! Ich war selbst total schockiert, als ich sie da hab‘ liegen sehen. Was sollte ich denn machen? Hätte ich die Polizei gerufen, hätte man mich doch sofort verdächtigt! Allein mit ihr, mitten im Wald, angetrunken nach einem Fest! Die reimen sich doch sofort was zusammen. Da habe ich keinen Bock drauf. Wir sind für andere, wichtigere Dinge hier.“

Tom lauschte auf jedes Wort, darauf hoffend, dass er sich irgendwie verriet. Ein Mord lässt niemanden kalt, auch nicht den coolen Marco. Da konnte ihm schnell ein Fehler unterlaufen.

„Ach, glaub doch was du willst!“ Marco resignierte.

Jetzt drehte Tom sich auf die Seite und blickte ihm direkt ins Gesicht. Er hatte ihn da, wo er ihn haben wollte. Und er genoss es. Er war nun völlig ruhig.

„Was soll ich denn glauben? Du steigst mitten in der Nacht angetrunken einer nackten Frau hinterher und zwei Tage später liegt sie tot im Gebüsch. Und du willst mir erzählen, dass du nichts damit zu tun hast? War’s schön mit Ihr? Hast du sie ordentlich durchgefickt?“ Tom war immer noch völlig ruhig, als er das sagte. Endlich konnte er ihm die Demütigungen der letzten Monate heimzahlen. Die Sache mit Eva, die Frauengeschichten, die er ihm kaputtgemacht hatte, alles.

Marco blickte entnervt zu Boden.

„Ich habe sie nicht angerührt. Und jetzt sag ich dir mal was. Das was der Frau passiert ist, geht auf eure Kappe! Ihr habt sie ausgezogen und ausgesetzt. Dann ist sie einem Perversen in die Hände gefallen, der sie vergewaltigt und umgebracht hat!“

„Ja einem Perversen, das sehe ich genauso!“ Tom blickte ihm fest in die Augen. Endlich hatte er ihn in die Enge getrieben. Er kostete den Moment noch einmal voll und ganz aus. Jetzt war er selbst einmal der Coole. Doch Marco schien sich wieder gefasst zu haben und wollte sich nicht provozieren lassen. Er erwiderte seinen starren Blick.

„Und? Was willst du jetzt machen, du Idiot? Es der Polizei erzählen? Dann erzählst du denen auch, was ihr gemacht habt, oder ich werde es erzählen. Und was denkst du, was die dann glauben? Ein paar notgeile kleine Jungs haben Panik gekriegt und ihr Opfer mundtot gemacht, das werden sie denken! Ihr hängt da genauso drin!“

„Du Scheißkerl!“ Tom platzte wieder der Kragen. Er wollte auf ihn losgehen.

„Hey! Hey! Ganz ruhig!“ Marco hob abwehrend die Hände. „Das bringt uns nicht weiter, wenn wir uns an die Gurgel gehen!“ Tom ließ sich wieder zurück auf die Matte fallen und starrte auf seine Füße. Für einen langen Moment herrschte Schweigen zwischen ihnen.

„Wir müssen zusammenhalten! Für unsere gemeinsame Sache. Und für uns selbst“, beschwor Marco ihn.

Wieder einmal hatte Tom keinen wirklichen Trumpf in der Hand. Marco hatte Recht. Was er und eine Handvoll Leute aus dem Camp mit der Frau gemacht haben, war nicht in Ordnung, auch wenn sie ihr nur eine Abreibung verpassen wollten. Und nun machte es sie möglicherweise für einen Mord verdächtig. Das würde ihn davon abhalten, der Polizei alles zu erzählen. Auch wenn dieses Schwein wieder einmal davonkommen würde.

„Also gut“, sagte Tom schließlich. „Für die gemeinsame Sache. Und nur dafür.“

Marco hatte ihn ausgetrickst. Er hatte die Situation ausgenutzt, und jetzt hingen sie da alle drin. Für einen Mord, den sein schärfster Widersacher begangen hatte, wollte er nicht geradestehen müssen. Aber irgendwann würde er es ihm heimzahlen. Irgendwann.

#

Sie hatte ihr Emsland wieder. Es war nicht unbedingt gewollt, aber nach der Trennung war es für Enna das Beste. In Münster gab es keine Alternative. Rüdiger war der stellvertretende Polizeipräsident. Irgendwie wären sie über ihre Arbeit immer verbunden gewesen, wenn sie geblieben wäre. Sie hatte einen klaren Schnitt gewollt und sie hatte ihn bekommen. Neben Münster gab es für sie nur einen Ort, an dem sie sich vorstellen könnte zu leben. Ihre Heimat. Und so hatte Rüdiger seine Beziehungen spielen lassen und ihr den Posten der Hauptkommissarin in Maarsum besorgt, Revier Sachsenstraße 10. Trotz allem hatten sie sich im Guten getrennt, einvernehmlich. Da war kein Mittelweg. Enna war nicht der Typ für Kompromisse, für sie gab es nur Alles oder Nichts. Sie hatte ihn gewollt, ganz und gar. Nach drei Jahren hatte sie geglaubt, das Recht zu haben, mehr zu fordern. Sie hatte sich geirrt. Von jetzt an wollte sie keinen Kontakt mehr mit ihm, das hatte sie ihm ganz klar mitgeteilt. Ihr Abschied war still, noch nicht einmal ein ‚Melde dich mal!‘ Sie waren fast wortlos auseinander gegangen, ein leiser Vorwurf in seinen warmen braunen Augen. An Freundschaft zwischen ehemaligen Partnern hatte sie noch nie geglaubt.

Enna lag wieder auf ihrem Sofa, zu erschöpft, um noch ein Buch in die Hand zu nehmen. Sie hatte den Fernseher für die Nachrichten eingeschaltet. Der Tag hatte so viel Kraft gekostet, dass sie nur daliegen und ihren Gedanken und Gefühlen freien Lauf lassen konnte. Nicht einmal das Neueste vom Tage nahm sie wahr. Was konnte es auch Schlimmeres geben, als eine getötete junge Frau? Mitten aus dem Leben gerissen, nur wenig jünger als sie selbst. Sie hatte es der toten Susanna von Angesicht zu Angesicht geschworen und wiederholte diesen Schwur noch einmal vor sich selbst. Sie würde Susannas Mörder finden. Hatte sie beim Gedanken an Rüdiger noch ihre Gefühle verdrängen können, gab es nun kein Halten mehr. Die warmen Tränen liefen ihr Gesicht herunter und benetzten den Bezug des Sofas. Sie würde nie begreifen, was Menschen dazu trieb, einen anderen zu töten. Es fehlte ihr jegliches Verständnis, wie man einem menschlichen Wesen das antun konnte, was es am meisten fürchtete: Den Verlust des eigenen Lebens. Die größtmögliche Respektlosigkeit, die es auf der Welt gab. Sie konnte sich sehr gut vorstellen, dass man sich wehrte und zuschlug, um das eigene Leben zu retten. Auch dass die Gegenwart eines anderen Menschen unerträglich werden konnte, aber die vorsätzliche Tötung wollte ihr nicht begreiflich werden. Es gab immer eine Möglichkeit den Vorsatz zu vermeiden, zum Beispiel durch Flucht. Sie hatte viel mit Rüdiger über solche Dinge diskutiert, Ursachen und Anlässe, warum Menschen Verbrechen begingen. Rüdiger hatte einen unglaublichen Wissensschatz, was Kriminalistik betraf, und sie hatte es geliebt und davon profitiert, sich mit ihm darüber auseinander zu setzen.

Enna schaltete den Fernseher aus und drehte sich schwungvoll auf die Seite, als könne sie so den Schmerz aus ihrer Seele schütten. Rüdiger von Hatten war ihr Leben gewesen. Er war in ihrem Kopf, seit mehr als drei Jahren. Und da wollte er nicht so einfach verschwinden. Sie ahnte, dass seine Vertreibung aus ihren Gedanken ein langwieriger Prozess sein würde.

Es war still im Haus. Er fehlte ihr so. Die einzigen Geräusche, waren die der Dämmerung, die durch die geöffnete Terrassentür nach innen drangen. Die wunderschön melodisch singende Amsel auf ihrem Zaun und der Wind in den Bäumen an ihrer Grundstücksgrenze. Die Tränen wollten nicht aufhören zu fließen und sie hielt sie nicht zurück. Irgendwann würden sie versiegen. Irgendwann würde wieder alles gut sein.

Sie musste eingeschlafen sein. Das Klingeln des Mobiltelefons drang aus weiter Ferne zu ihr durch. Hastig erhob sie sich und blickte auf das Display. Rüdiger. Ihr Herz begann schneller zu schlagen, doch sie zögerte. War es vernünftig, jetzt mit ihm zu sprechen? Sie brauchte ihn jetzt, also nahm sie ab.

„Hi, wie geht’s?“ Ihre Stimme klang schrill und heiser.

„Guten Abend!“ Rüdiger hatte aufgehört, sie mit ‚Schatz‘ oder ‚Liebste‘ anzureden, wie er es früher getan hatte. „Wie war das erste Wochenende in der neuen alten Heimat?“ Enna schluckte. Es tat so gut, seine vertraute Stimme zu hören und sie wünschte, sie wäre bei ihm. Seit der Trennung hatte sie ein dumpfes Gefühl der Trauer in der Magengegend, jedes Mal, wenn sie sich begegneten oder telefonierten.

„Hier ist ein Mord passiert“, platzte sie heraus. „Ich war schon heute im Einsatz, nix mit Wochenende!“

„Oh, tut mir leid. Da wirst du gleich ins kalte Wasser geworfen.“

„Ist ja nicht so, dass das neu für mich wäre“, wiegelte Enna ab. Sie wollte nicht als Weichei vor ihm dastehen. Mordfälle hatte sie in Münster schon mehr als einen bearbeitet.

„Ich weiß. Und du schaffst das. Ich hätte dir nur gewünscht, dass dein Einstieg in den neuen Job etwas gemächlicher abläuft“, sagte er mitfühlend.

„Lieber ein Sprung ins warme Wasser“, lachte Enna. „Das hätte ich mir auch gewünscht, das kannst du mir glauben. Aber was soll’s. Ich habe alles im Griff.“ Sie merkte, wie gut es tat, mit ihm zu sprechen. Doch die Vernunft meldete sich zurück.

„Warum rufst du an?“, fragte sie ihn. Die Leitung war so lange still, dass sie fast glaubte, er hätte aufgelegt.

„Ich wollte deine Stimme hören“, gab er dann zu. Enna atmete tief durch.

„Hör mal, du weißt, was wir abgesprochen haben.“

„Ich weiß. Aber es ist das erste Mal, dass wir so endgültig getrennt sind, und so weit voneinander entfernt“, jammerte er.

„Rüdiger, es gibt kein ‚wir‘ mehr. Ich möchte, dass du das begreifst.“ Er sollte sie gut genug kennen, um zu wissen, dass sie einen einmal gefassten Entschluss durchzog, mit allen Konsequenzen. Es war nicht fair, sie auf eine Beziehung anzusprechen, gleich welcher Art diese wäre.

„Nur dies eine Mal“, wiegelte er ab. „Unser Abschied war irgendwie so stumm. Ich wollte dir alles Gute wünschen.“

„Okay. Vielen Dank. Ich wünsche dir auch alles Gute!“ Und das meinte sie auch so.

„Halt die Ohren steif. Du bist eine gute Polizistin, du schaffst das!“

„Ich schaffe das!“, wiederholte sie, wie um sich selbst Mut zu machen. Auf keinen Fall wollte sie sich von ihm einwickeln lassen. Sie sagten sich Lebewohl. Nachdem Enna aufgelegt hatte, wollte das dumpfe Gefühl in ihrem Bauch nicht verschwinden. Sie zwang sich an etwas anderes zu denken. Morgen war ein neuer Tag. Und ein wichtiger. Sie würde ihre neue Stelle antreten. Und sie hatte ein Verbrechen auf zu klären. Das war nun das wichtigste in ihrem Leben.

Montag

Harald Fehrmann war ein Mann, der ohne Smalltalk auskam. Das war zeitlich sehr effektiv. Ennas Chef hatte es bereits eilig, als sie ihn in dem ihr zugewiesenen Büro antraf, wo er mit einer Tasse Kaffee in der Hand auf der Kante ihres Schreibtisches saß. Sein faltiges Gesicht verriet sein Alter, er musste an die Sechzig sein, doch seine schlanke Figur war tadellos, in dem grauen Maßanzug, und hätte auch einem jüngeren Mann gehören können. Den Kaffee nahm er schluckweise zu sich und teilte ihr dazwischen mit, dass er aus diversen Gründen, die er ansprach, ohne nähere Details zu nennen, gleich wieder zurück in sein Büro nach Papenburg müsse. Er sei nur an diesem Morgen hier, um sie kurz zu begrüßen und einzuweisen. Er würde ihr die volle Verantwortung für den Fall überlassen und sie hätte sein vollstes Vertrauen. Während sie seinen Ausführungen lauschte, versuchte sie sich zu erinnern, ob er ihr einen guten Morgen gewünscht hatte. Sie war sich nicht sicher.

Er platzierte seine leere Kaffeetasse mitten auf ihrem Schreibtisch.

„Kommen Sie, kommen Sie, Frau Kolder, ich stelle Sie dann mal den Kollegen vor.“ Mit diesen Worten schob er Sie durch die Tür in den Flur des Polizeireviers und weiter in einen großzügigen, modern gestalteten Büroraum, in dem drei Männer, zwei davon in Zivil, an ihren Schreibtischen saßen und arbeiteten oder sich unterhielten. Zwei von ihnen kannte Enna bereits, es waren Kötter-Stroth und der junge Schellenberg von der Spurensicherung. Sie war überrascht, als sie bemerkte, dass sie auch die dritte Person bereits kannte. Der niederländische Beamte, der sie auf dem Schlachtfest vom Boden aufgelesen hatte, drehte sich auf seinem Bürostuhl um und grinste sie frech an.

„Meine Herren, guten Morgen“, begann Fehrmann und klatschte einmal in die Hände. „Ich stelle Ihnen hier ihre neue Kollegin vor, Frau Enna Kolder. Frau Kolder kommt aus Münster zu uns und hat dort schon sehr erfolgreich an Mord und Schwerverbrechen mitgearbeitet und wird in dieser Abteilung, wie Sie ja bereits wissen, als Hauptkommissarin die Leitung übernehmen. Ich bin sicher, Sie wird das ganz ausgezeichnet machen.“ Fehrmann redete schnell, ohne Punkt und Komma, und machte sich nicht die Mühe, seine Worte besonders zu betonen. „Frau Kolder, Sie kennen bereits Herrn Kötter-Stroth und Herrn Schellenberg, wie ich hörte, da Sie ja schon ganz unverhofft in das Geschehen hier eingreifen mussten, sozusagen.“ Enna schüttelten ihnen die Hand und die Männer wünschten ihr ein herzliches Willkommen. „Ich möchte Ihnen noch unseren Kollegen aus den Niederlanden vorstellen, Oberkommissar Joris Sollewijn aus Utrecht“, fuhr Fehrmann hastig fort. Enna und Joris gaben sich die Hand. Joris Sollewijn grinste sie wissend an.

„Angenehm“ ließ er höflich verlauten. „Geht es wieder?“ Enna hatte damit gerechnet, von ihm auf ihre unglückliche Lage auf dem Schlachtfest am Samstagabend angesprochen zu werden. Trotzdem fiel ihr so schnell keine passende Antwort ein.

„Alles bestens, danke“, sagte Sie nur.

„Ich sehe, Sie verstehen sich bereits. Da bin ich überflüssig“, warf Fehrmann in seiner monotonen Sprechweise ein. „Ich muss leider augenblicklich wieder zurück nach Papenburg. Wünsche Ihnen noch einen schönen Arbeitstag und Ihnen, Frau Kolder, alles Gute für den neuen Posten!“ Damit verschwand er in Richtung Flur, nahm seinen Mantel vom Haken und warf ihn sich über den Arm. Die Männer sahen ihm noch nach. Dann sahen sich alle an und Enna hatte das Gefühl es wäre an ihr, ein paar Worte zu sagen. Sie hasste solche Situationen, sie war keine große Rednerin.

„Tja, wir hatten uns ja größtenteils schon vorher bekannt gemacht“, begann sie. „Ich möchte mich für das herzliche Willkommen bedanken und das würde ich gerne mit einem kleinen Einstand tun. Wie Sie wissen, war ich am Wochenende mit dem Leichenfund in der Emswiese bereits ziemlich eingespannt und so ist mir leider bisher keine Zeit geblieben, etwas zu organisieren. Das werde ich aber sofort als meine erste Amtshandlung nachholen und beim nächsten Bäcker etwas Leckeres für das Revier bestellen.“ Sie blieb etwas unschlüssig vor den Leuten stehen „Ich hoffe auf eine gute Zusammenarbeit und wünsche Ihnen noch einen schönen Arbeitstag.“ Die Männer lächelten und nickten ihr zu, oder taten gar nichts. Es war ihre erste Stelle als Chefin und Enna musste sich noch daran gewöhnen, allein für ein Team verantwortlich zu sein. Dann verließ Sie das Büro, um sich den übrigen Beschäftigten im Polizeirevier vorzustellen und sich anschließend in ihr eigenes Büro zurückzuziehen.

Enna orderte Mettbrötchen mit Zwiebeln, Käsebrötchen und Apfelkuchen, bei der Bäckerei, die der Polizeidienststelle gegenüberlag. Sie verschaffte sich zunächst einen Überblick über die Akten, die man ihr fein säuberlich auf den Schreibtisch gelegt hatte. Dann warf sie einen Blick in ihren PC und überprüfte die hier verwendeten Programme auf ihre Funktion. Sie wusste, dass für eine gründliche Einarbeitung erst einmal keine Zeit war. Der Mord an Susanna Schnieders-Kösters schwebte über allem und ließ ihre Gedanken nicht los. Seine Aufklärung war ihr vorrangigstes Ziel und hatte Priorität vor allem anderen. Dafür musste sie unbedingt sofort handeln. Die Befragung von Zeugen und Verdächtigen ließen sich nicht aufschieben. Sie sah in Ihrem Terminkalender, dass Reinhard Haverland bereits für den Nachmittag eingetragen war, die beiden jungen Tierschützer, die sie herbestellt hatte, hatten sich noch nicht gemeldet.

Enna sah sich im Raum um. Es war alles ordentlich, aber die Ausstattung war nicht so modern, wie in ihrem alten Revier. Der Schreibtisch musste in der Anschaffung einmal teuer gewesen sein. Aber das war sicher Jahre her. Das würde also für die nächsten Jahre ihre Wirkungsstätte sein. Sie würde sich daran gewöhnen.

Nachdem Enna die Akten gesichtet hatte, beschloss sie mit ihrem Team zusammen zu frühstücken. Die Bäckerei hatte die bestellen Sachen geliefert und da sie heute früh noch nichts herunter bekommen hatte, merkte sie jetzt, wie groß ihr Hunger war. Sie war sich nicht sicher, ob ihr Magen gestreikt hatte, weil sie aufgeregt wegen ihres neuen Postens war, oder weil der gestrige Abend noch nachwirkte. Sie hatte sich über Rüdigers Anruf gefreut, aber auch geärgert und hoffte, dass er ihre Abmachung, erst mal auf Abstand zu gehen, nicht weiter missachtete. Enna atmete tief durch, dann stand sie auf und ging in das Gemeinschaftsbüro ihrer Mitarbeiter herüber.

Die Männer saßen an Ihren Schreibtischen und blickten auf, als sie den Raum betrat.

„Das Frühstücksbuffet ist eröffnet!“ rief sie fröhlich und nahm die Folie von den Tabletts herunter. Kötter-Stroth stand als erster auf und rieb sich die Hände.

„Vielen Dank, Frau Kolder, da lass ich mich nicht lange bitten!“ Er bediente sich bei den Mettbrötchen und Paul-Peter Schellenberg, der junge Kommissar-Anwärter, schloss sich ihnen an. Enna wusste aus ihrer Jugendzeit, dass Brötchen mit frischem Schweinemett und gehackten Zwiebeln in dieser Gegend als Delikatesse galten. Sie nahm sich selbst ein Brötchen und gesellte sich zu den beiden.

„Und? Schon ein wenig eingelebt hier?“, fragte Kötter-Stroth freundlich.

„Kaum. Dafür bin ich wahrscheinlich noch zu kurz hier“, antwortete sie, ebenso freundlich. Die Kommunikation mit ihren Mitarbeitern war ihr sehr wichtig. „Aber ich bin sicher, das wird nicht mehr lange dauern. Ich denke es wird mir hier gefallen.“ Sie biss herzhaft in ihr Brötchen. Der Zwiebelduft erfüllte den ganzen Raum. Joris Sollewijn hatte telefoniert, nun starrte er auf seinen Bildschirm.

„Joris, was ist? Keinen Hunger?“, fragte Paul-Peter Schellenberg ihn. Doch der schien vertieft in seine Arbeit und reagierte nicht.

„Sind Sie beide aus dieser Gegend?“, fragte sie ihre Kollegen dann.

„Ich nicht“, antwortete Schellenberg, noch kauend. „Aus dem Osten. Bitterfeld.“

„Oh ha!“, entfuhr es Enna.

„Ist schon lange nicht mehr, wie es mal war.“ Sein langer Vollbart war voller Brötchenkrümel. Enna nickte. Es war nun schon sehr lange her, als Chemieindustrie ohne jeglichen Umweltgedanken den Ort und die ganze Gegend in der ehemaligen DDR verpestet hatte.

„Und Sie?“ Sie wandte sich an Kötter-Stroth.

„Waschechter Emsländer, möchte ich mal behaupten.“ Kötter-Stroth grinste über sein ganzes rundes Gesicht. „Hier geboren, aufgewachsen, und eigentlich auch nie wirklich weg gewesen.“ Genauso hatte Enna den älteren Mitarbeiter auch eingeschätzt. Verglichen mit Rüdiger, der etwa gleich alt war, war Kötter-Stroth ein völlig anderer Typ. Konservativ, traditionell, und auch äußerlich fast das völlige Gegenteil. Kötter-Stroth war kaum größer als 1,75 Meter und leicht untersetzt. Ein grauer Haarkranz und eine etwas altmodische Metallrand-Brille zierten sein freundliches, glattrasiertes Gesicht, in dem sich am Kinn ein Grübchen formte, wenn er lachte. Traditionell und konservativ war Rüdiger in gewisser Weise jedoch auch. Er hielt an einer, aus ihrer Sicht, lieblosen Ehe aus Gründen fest, die sie nicht nachvollziehen konnte, aufgrund seines Stands in der Münsteraner Gesellschaft. Aber war das wirklich so? Ihr war bisher nie der Gedanke gekommen, dass Rüdiger sie doch nicht so geliebt haben könnte, wie er immer wieder beteuert hatte. Und dass er seine Frau möglicherweise mehr liebte, als er ihr immer wieder weißmachen wollte. Der Gedanke verdarb ihr den Appetit. Sie bemerkte, dass die beiden anderen sie anstarrten und lächelte. Sie war wieder in Gedanken versunken gewesen. Es war ihr peinlich.

„Herr Sollewijn, kommen Sie, greifen Sie zu, bevor alles weg ist!“ Sie versuchte ihre Gedanken auf ein anderes Thema zu lenken. Sie bemerkte, wie Schellenberg und Kötter-Stroth sich vielsagend ansahen. Merkwürdig, dass er sich so ausgrenzte. Hoffentlich war das keine Gewohnheit. Sie wollte, dass das Team sich untereinander versteht. Der Oberkommissar schaute von seiner Arbeit auf.

„Oder sind Sie Vegetarier?“, fragte sie ihn. An diese Möglichkeit hatte sie zuvor nicht gedacht. Schließlich stand Joris Sollewijn ein wenig widerwillig von seinem Platz auf und gesellte sich zu ihnen.

„Nein, ich esse sehr gerne Fleisch“, antwortete er. „Allerdings nicht in dieser Form. Wir Holländer bevorzugen es gut durch, wie man so sagt.“

„Ha! Aber die Matjes, die zieht ihr euch auch so rein!“ Kötter-Stroth lachte.

„Ich werde mir heute Nachmittag ein Stück von diesem leckeren Apfelkuchen gönnen“, kündete Joris an und betrachtete das Gebäck eingehend. „Vielen Dank dafür, das ist sehr nett von dir!“, fügte er höflich an. Enna wurde trotz seiner freundlichen Worte das Gefühl nicht los, dass er etwas gegen sie hatte. Und hatte er sie gerade etwa geduzt?“ Joris Sollewijn schien seinen Fauxpas bemerkt zu haben und blickte vom Kuchen auf.

„Oh, Verzeihung. Gewohnheit! Wir duzen uns hier eigentlich. Und so bin ich es auch aus Holland gewohnt.“ Er funkelte sie feindselig an. Sie konnte sich nun sicher sein, dass da von seiner Seite etwas war, was sie vielleicht irgendwann mal mit ihm besprechen sollte. Kötter-Stroth hörte auf zu kauen.

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