Kitabı oku: «Warum es keine Höhlenmalereien über die Liebesabenteuer der erfolgreichsten Mammutjäger gibt», sayfa 2

Yazı tipi:

«Morgen, Chefin», sagte Felix leise. «Nein, um ehrlich zu sein, geht es mir… nicht gut.»

«Wissen Sie, den Eindruck hatte ich schon am Freitag. Warum reden Sie denn nicht mit mir? Was ist los?»

«Nun... also… das lässt sich nicht so einfach in Worte fassen. Ich… ach, ich weiß auch nicht. Verdammt noch mal.»

Die andere Seite der Leitung blieb für einige Sekunden stumm. «Hören Sie Felix», sagte die Lärchinger dann, «was immer Sie plagt – Sie wissen, Sie können mit mir darüber reden. Aber vorher brauche ich Sie an der Wochenauftaktskonferenz. Wir haben eine arbeitsreiche Woche vor uns. Das gilt auch für Sie. Sie betreuen wichtige Dossiers. Die Kanter-Sache ist heiß. Die muss man schmieden! Und Holger Krohn hat heute früh angerufen. Er hat das ganze Wochenende über versucht, Sie zu erreichen. Er war sehr kurz angebunden, aber er erwartet Ihren Rückruf. Es gibt anscheinend wichtige News. Also, Felix: Geben Sie sich einen Ruck, kommen Sie an die Konferenz, versuchen Sie, sich für eine Stunde zusammenzunehmen und danach können Sie mir Ihr Leid klagen. Okay?»

Während Isabel Lärchingers Redeschwall über Felix niederging, drückte er mit einem gequälten Gesichtsausdruck seinen Kopf so fest gegen die Zimmerwand, dass es ihn an Stirn und Nacken schmerzte.

«Felix, sind Sie noch da?»

«Mhm. Ja. Noch da.»

«Können Sie in einer halben Stunde hier sein? Ginge das?»

«Also…» Felix tat einen schweren Atemzug. «Denke wohl schon.»

«Super. Ich danke Ihnen. Und keine Sorge, gemeinsam packen wir Ihre Krise schon. Bis gleich.»

Nachdem die Lärchinger aufgelegt hatte, verharrte Felix mit geschlossenen Augen an der Wand, seinen hängenden Kopf dagegengelehnt.

«So kann das nicht weitergehen», sagte er zu sich selbst und schüttelte den Kopf. Das Kopfschütteln ging langsam in ein heftiges Kopfhämmern gegen die Wand über.

«So. Kann. Das. Nicht. Weitergehen.»

Zu dieser Überzeugung gelangte Felix regelmäßig – ungefähr vierteljährlich; vor allem zu Jahresbeginn. Immer dann, wenn sich so viel Frust in ihm angesammelt hatte, dass sein Verdrängungsmechanismus zeitweilig den Dienst versagte, und er sich der aufrichtigen Auseinandersetzung mit der Erbärmlichkeit seines Daseins nicht mehr entziehen konnte. Doch dieses Mal waren Felix‘ Worte mehr bilanzierende Feststellung als Absichtskundgabe. Denn so kaputt war er noch nie. So kaputt, dass ihm fürwahr tage-, fast wochenlang keine Idee, nicht mal ein Ansatz davon, für einen Artikel zufallen wollte.

So kaputt, dass er morgens einfach liegen und der Arbeit fernblieb. Obschon er sich jeden Tag zwingen musste, sich zur Arbeit zu schleppen, hatte es so etwas noch nie gegeben. Er spürte, dass seine Ressourcen im Begriff waren auszubrennen, zu erlöschen. Und es war ihm klar, dass er, würde sich nichts ändern, auf eine Tragödie zusteuerte.

Es musste sich etwas ändern.

Felix hielt einen Moment inne, bevor er sich überwinden konnte, seinen Badge durch das Lesegerät zu ziehen. Er stand vor dem Personaleingang des Gebäudes, in dem die Redaktion der ‹Sternwarte› untergebracht war: Eine beachtliche, direkt am Alsterfleet gelegene, langgezogene zehngeschossige Baute, die klassische hanseatische Rotklinkerfassadenelemente mit großflächigen, modernen Glasfronten kombinierte.

Felix sah seinem Befinden entsprechend aus; notdürftig frisiert und rasiert und sein Blick sprach Bände.

«Ist der Badgeleser kaputt?»

Felix drehte sich erschrocken um und blickte in das Gesicht eines ihm flüchtig bekannten Mitarbeiters der Layout-Abteilung.

«Was?», fragte Felix.

«Ob der Badgeleser kaputt ist, habe ich gefragt.»

«Äh, nein… nein, ich denke nicht. Keine Ahnung.»

«Alles in Ordnung mit Ihnen?», wollte der Layouter misstrauisch von Felix wissen.

Nein, nichts ist in Ordnung, Mann! Es ist verdammt nochmal Montagmorgen, ich hasse meinen Job, ich hasse mein Leben und ich hasse ganz besonders deine dämliche Fresse, wie sie unter deinen lächerlichen langen Haaren hervorlugt, du blöder Hippie-Punk! Und jetzt lass mich gefälligst in Frieden und geh in den Hinterhof deinen Joint rauchen, damit du nachher den unerträglichen Mist, den ich mir aus den Fingern saugen muss, in hübsche, bunte Farben verpacken kannst! – wollte Felix am liebsten herausschreien. Was er aber nicht tat. Stattdessen gab er ein knappes «Ja, alles okay» zurück. Der Layouter zog – jetzt mit noch misstrauischerem Blick – wortlos seinen Badge aus der Tasche und öffnete die Tür. Ebenfalls wortlos folgte ihm Felix hinein – wie einst ein verdammter Grieche Charon hinab in den Hades folgte. Der Layouter durchquerte mit zügigen, großen Schritten die Eingangshalle, während er eine nicht zu identifizierende Melodie über seine Lippen gleiten ließ. Auf der gegenüberliegenden Wand der Eingangshalle drückte er den Nach-oben-Knopf des Liftes – worauf sich sogleich die Türe von Lift Nr. 2 öffnete. Er betrat die Liftkabine und blockierte die Lichtschranke, um die Türe für Felix offenzuhalten, was diesem nicht entgangen war. Das Letzte aber, was Felix jetzt brauchen konnte, war es, die Enge eines Aufzuges mit einem pfeifenden Langhaarigen zu teilen, der an einem Montagmorgen unanständig motiviert war. Wäre es so weit gekommen, hätte er den Mann töten müssen. Und zwar auf bestialische Art. Um ein Zeichen zu setzen. Felix machte mit seiner Hand eine ablehnende Geste und fügte hinzu, er werde zu Fuß gehen.

«Okay. Wie Sie meinen», sagte der Layouter und betätigte die Türe-zu-Taste. Felix starrte missmutig auf die nun geschlossene Lifttüre. Nach einiger Zeit schlurfte er zu der Bedientafel zwischen den Aufzügen und drückte seinerseits den Nach-oben-Knopf. Wenig später bestieg er Lift Nr. 1 und fuhr hinauf in den vierten Stock – in die Redaktion.

Die Redaktion. Die heiligen Hallen der Banalität. Epizentrum der gesellschaftlichen Verdummung. Tummelplatz der Nachkommen der Dichter und Denker. Nur schon die Räumlichkeiten alleine stießen Felix ab. Er ging durch den kurzen Korridor, der zwischen den Büros hindurchführte – entgegen dem Trend der modernen Business-Architektur verfügten die Schreiberlinge der ‹Sternwarte› über abgeschlossene Zweierbüros. Darauf hatte seinerzeit die Lärchinger bestanden. Sie hatte befürchtet, dass die Qualität der Artikel leiden könnte, wenn ihre Schäfchen in einem lärmigen Großraumbüro arbeiten müssten.

‹Qualität›! ‹Artikel›! – Bullshit!, spottete Felix in Gedanken, während er auf die große, offene Fläche zuschritt, die am Ende des Korridors lag und an die dahinter der Konferenzraum und das Büro der Lärchinger anschlossen. Die Lärchinger nannte diesen als Begegnungszone konzipierten Teil der Redaktionsräumlichkeiten ‹Rockefeller Plaza›. Ein Einfall, auf den sie unverhohlen stolz war. Sie hatte sich seinerzeit kaum mehr eingekriegt, als sie von diesem Geistesblitz elektrisiert worden war. Inspirationsquelle für jenen war der zwei Meter hohe künstliche Tannenbaum aus dem Adventssortiment eines Baumarkts gewesen, den die Lärchinger in der Mitte des ausladenden Raumes auf einem Kunststoffsockel im Marmorimitat-Design hatte installieren lassen und an den sie während des Jahres jede Woche den ihrer Meinung nach besten Beitrag hängte – die als motivationsstiftend verstandene Versinnbildlichung ihres heißgeliebten Christbaum-Mottos. Durch diesen grünen Kunststoffbesen mit den laminierten Papierfetzen daran fühlte sich die Lärchinger nämlich an den berühmten Weihnachtsbaum erinnert, den sie jeweils zur Adventszeit auf der Lower Plaza des Rockefeller Centers in New York City aufstellen. Auf so eine Idee musste man erstmal kommen. Die war nicht nur originell, sondern damit erhielt die Redaktion durch die Reminiszenz an New York auch einen gewissen kosmopolitischen Touch – meinte die Lärchinger. Felix jedenfalls konnte weder diese kosmopolitische Benamsung noch den blöden Baum ausstehen. Und sicher nicht deswegen, weil noch nie ein einziger Beitrag aus seiner Feder zwischen den synthetischen Tannnadeln baumeln durfte.

Normalerweise herrschte auf der ‹Rockefeller Plaza› rege Betriebsamkeit. Besonders morgens um diese Zeit, da sich hier auch die Kaffeemaschine befand. Doch heute – wie jeden Montagmorgen – waren die Büroräumlichkeiten wie ausgestorben, da alle Redakteure an der Wochenauftaktskonferenz im großen Sitzungsraum weilten.

Felix blieb auf der ‹Rockefeller Plaza› stehen. Obwohl der Sitzungsraum durch eine große Milchglaswand von der ‹Rockefeller Plaza› abgetrennt war, konnte Felix die Lärchinger ohne Weiteres ausmachen: Ein hellgolden schimmernder Fleck, der emsig hinter der trüben Scheibe umhertanzte.

Er stieß einen Seufzer aus und öffnete die Glastüre, möglichst unauffällig, und nur so weit, dass er sich gerade noch hindurchzwängen konnte. Sofort stürmte die Stimme seiner Chefin seinen Schädel. Dieses glockenhelle, jedes Wort präzise betonende, atemlose Stakkato, dessen Echo Felix seit Freitag verfolgte. Der Klang alleine hätte schon ausgereicht, um ihm einen grässlichen Cluster-Kopfschmerz zu verpassen. Doch da waren noch die Worte und Sätze, die unweigerlich mitflossen – und die Pein ins schier Unerträgliche steigerten.

Felix setzte sich, ohne seine Chefin anzusehen, auf einen freien Sessel am anderen Ende des Konferenztisches.

In den acht Jahren, in denen er nun schon unter Isabel Lärchinger arbeitete, hatte er sich die unverzichtbare Fertigkeit antrainiert, möglichst wenig von ihrer Logorrhoe durch seine kognitiven Schleusen hindurchdringen zu lassen – und doch so viel davon aufzunehmen, dass er mit einer Fehlerquote von nicht höher als 30 bis 40 Prozent danach seine Aufgaben erledigen konnte. So, und nur so, überstand er die unzähligen Redaktionskonferenzen und ‹One-to-one-Briefings› mit der Lärchinger. In den Phasen höchster Chefredakteurinnenaktivität, wie sie letzte Woche über Felix hinweggedonnert war, war dieses Verhaltenskonzept gar geradezu überlebensnotwendig.

An Tagen wie heute allerdings, wenn er eine von seinen regelmäßigen Sinnkrisen durchmachte, zwang er sich hinzuhören; jedes Wort sollte sich in seine Hirnrinde brennen. Es war fast ein Drang zu dieser Art der Selbstqual, der ihn dann jeweils überkam. Der eine, wenngleich auch lediglich in seinem Unterbewusstsein wuchernde Anlass für dieses absonderliche Verhalten war darin zu finden, dass Felix in diesen luziden Momenten, in denen er etwas aus seinem Dämmerzustand herausfand, das Bedürfnis hatte, sich selbst zu spüren; zu spüren, dass er doch noch ein bisschen am Leben und noch nicht vollends in seiner Lethargie ersoffen war. Das andere Motiv war weit weniger pathologisch und durchaus pragmatisch; es war die Hoffnung, derart den nötigen Antrieb in seinem trägen Hintern zu provozieren, um endlich entschlossen der Lärchinger gegenüberzutreten und ihr ins Gesicht sagen zu können, was ihr ins Gesicht gesagt gehörte.

Das ist sie!, belehrte er sich selbst. Das ist die Lärchinger! Und nicht diese zuckersüße Florence Nightingale für Seelenkrüppel.

Felix kniff die Augen zusammen und versuchte achtzugeben. Achtzugeben nicht etwa auf das, was die Lärchinger sagte, sondern darauf, nicht sofort wieder ins gedankliche Nirwana abzudriften.

Los, gib’s mir! Kein Erbarmen!, feuerte er seine Chefin innerlich an.

Und die Lärchinger sollte ihn nicht enttäuschen.

Felix hatte einen idealen Zeitpunkt erwischt; die Kollegen steckten noch immer mitten in der Blattkritik. Die Blattkritik stand am Anfang jeder Wochenauftaktskonferenz und beinhaltete die ausführliche, im Monolog gehaltene Rückschau der Lärchinger auf die Ausgabe vom vorangegangenen Freitag. Dazu gehörte es, dass sie zunächst alle Redakteure für deren Einsatz und Mitarbeit lobte, um danach aber sogleich bei jedem Einzelnen eine detaillierte Mängelliste abzuarbeiten. Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Lärchinger hätte es selbstverständlich nie zugelassen, dass ein qualitativ ungenügender Beitrag das Gut zum Druck – oder die ‹Imprimatur›, wie sie es bevorzugte, diesen entscheidenden Schritt in der wöchentlichen Heftproduktion zu nennen – erhalten hätte. Zu diesem Zweck stellte sie ihren Schäfchen während der ganzen Woche bis zur Schlussredaktionssitzung unermüdlich nach und unterzog sie ihrer von ihr selbst ganz ironiefrei als Support verstandenen ‹Supervision›. Die Blattkritik war denn auch vielmehr dazu da, die einzelnen im Rahmen der Supervision festgestellten und ausgemerzten Abweichungen von den Lächinger'schen Gütestandards nochmals vor versammelter Runde auszubreiten und ausführlich zu besprechen – des Lerneffekts und damit der Qualitätssicherung wegen natürlich. Hin und wieder kam es zwar durchaus auch vor, dass die Lärchinger einen Redakteur sich bei einzelnen Punkten durchsetzen ließ. Spätestens wenn sie jeweils am Freitag das gedruckte Heft in den Händen hielt, bereute sie dies indes. Derartige Nachlässigkeiten fanden dann stets breiten Niederschlag in der Blattkritik.

Die Lärchinger schickte sich gerade an, einen Bericht von Felix‘ Kollegin Ute Neubauer-Grünefeld über die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit zu sezieren. Jener Bericht thematisierte in der aktuellen Ausgabe die schwierige Pflicht, vor der die junge Frau zurzeit stand. Im Oktober dräute ihr erster Besuch in Deutschland; sie sollte zusammen mit ihrem Mann Kronprinz Haakon das norwegische Generalkonsulat hier in Hamburg eröffnen. Das Schwierige an ebendieser Pflicht hatte seine Ursache in einem erschütternden Vorfall aus dem Jahre 2002. Bereits damals hätte das Paar nämlich einen Staatsbesuch in Deutschland absolvieren sollen; diesen hatte Mette-Marit jedoch absagen müssen, da sie nur kurz zuvor gravierende Verbrennungen im Gesicht und eine Hornhautverletzung erlitten hatte. Dafür zu verantworten hatte sich – ausgerechnet – ein deutsches Fernsehteam des Senders ‹n-tv› um die Moderatorin Sandra Maischberger, dem sich der Thronfolger und seine Frau in Oslo in der Woche vor der Abreise nach Deutschland für ein Interview zur Verfügung gestellt hatten. Die Scheinwerfer der TV-Crew hatten dabei zusammen mit dem Sonnenlicht so unerbittlich auf die beiden Norweger eingebrannt, dass sich Mette-Marit eben besagte Verletzungen zugezogen hatte.

Nun aber war der Moment gekommen, in dem sich Mette-Marit ihrem Trauma stellen musste und jenem Volk ihre Ehre erweisen sollte, dessen Mediengesandte sie so schrecklich entstellt hatten. Wie mochte es da wohl in der Gefühlswelt der Kronprinzessin zu- und hergehen? Ganz und gar nicht gut, war Ute Neubauer-Grünefeld in ihrem Elaborat zum dramatischen Schluss gekommen.

«Okay, ich möchte, dass wir Utes Arbeit jetzt zuerst einmal zusammen lesen», sagte die Lärchinger, während sie mittels Fernbedienung zur nächsten Folie ihrer PowerPoint-Präsentation schaltete, die mit dem Text von Utes Bericht vollgeschrieben war. Ute derweil senkte ihre Brauen so weit herab, auf dass man nicht zu sehen vermochte, wie sie ihre Augen verdrehte. Als ob der finstere Blick besser gewesen wäre.

«Lassen Sie den Text bitte einfach auf sich wirken», instruierte die Lärchinger ihre Redakteure weiter. «Und sagen dann frei heraus, was Ihnen als Erstes durch den Kopf geht, ja?»

Sie nippte an ihrem Glas Wasser und begann dann wohlprononciert Utes Bericht vorzulesen; dabei schritt sie mit dem Heft in der Hand bedächtig auf und ab. Felix hatte seine Chefin zu diesem Zeitpunkt noch nicht ein einziges Mal angesehen.

Nachdem sie geendet hatte, schaute sie angestrengt nachdenkend in die Runde.

«Also?»

Stille.

«Nun, meine Herrschaften», setzte die Lärchinger nur zwei Sekunden später wieder ein, sodass ja keiner aus dem Plenum die Gelegenheit zu einer Wortmeldung gehabt und ihr womöglich noch ihre sorgfältig zurechtgelegte Lektion durchkreuzt hätte, «sagen Sie selbst: Fehlt hier nicht etwas? Also mir geht es so. Ich fühle mich ein Stück weit im Stich gelassen. Denn wenn ich diesen Bericht lese, dann regt sich doch was im Hinterkopf. Als gesellschaftsinteressierte Leserin weiß ich nämlich, dass da eine – wenn Sie so wollen ‹adlige› – Verbindung existiert zwischen Deutschland und Norwegen. Warum aber wird die nicht thematisiert?»

«Was denn für eine Verbindung?», fragte Gerd Höpfner, der stellvertretende Chefredakteur und Ressortleiter ‹Politik›.

«Hat sich Ernst-August mal an einer Mauer des norwegischen Palastes versäubert?», mutmaßte Lars Huber, Ressortleiter ‹Musik›, vergnügt.

Die Kollegen lachten – mit Ausnahme von Isabel Lärchinger, Ute und Felix.

«Lassen Sie uns ernst bleiben, okay?», machte die Lärchinger den Albereien bestimmt ein Ende.

«Die Königin!», sagte Susanne Schwarzgut, Ressortleiterin ‹Fashion›. «Das ist eine Deutsche, nicht?»

«Nein», korrigierte sie ihre Kollegin Linda DeSimone, Ressortleiterin ‹Sport›, «du verwechselst das mit Schweden. Königin Silvia ist eine Bürgerliche aus Deutschland.»

«Ich glaube du verwechselst das», erwiderte Susanne. «Silvia ist doch die Königin von Norwegen.»

«Nein, die heißt Sonja. Und ist gebürtige Norwegerin.»

«So wie ich das sehe, liegt ihr beide falsch», sagte Gerd. «Ist es nicht die holländische Königin, die irgendwie deutsche Wurzeln hat?»

«Und heißt die nicht passenderweise Sarah oder Sandra?», fragte Lars grinsend.

«Sie nicht», beantwortete Susanne Gerds Frage, ohne Lars zu beachten. «Aber ihr verstorbener Gatte war aus Deutschland. Das weiß ich mit Sicherheit.»

«Sehen Sie, Isabel», ging Ute ihre Chefin gereizt an. «Unter anderem deshalb wollte ich das Thema nicht anschneiden. Es stiftet Verwirrung.»

«Bitte vergessen Sie nicht, dass wir hier alle Fachspezialisten sind», konterte die Lärchinger den Einwand. «Unsere Leser dagegen sind Generalisten. Die kennen sich auf allen Parketten des gesellschaftlichen Geschehens aus.»

Fachspezialisten? Generalisten? Mein Gott, was für eine unglaubliche SCHEIßE!, schrie Felix – zu seiner eigenen Enttäuschung gelangten die Worte leider nur bis zu seiner Schädeldecke, wo sie für die Außenwelt unhörbar zerschellten.

Zum ersten Mal seit seinem Eintreffen sah er nun seine Chefin an; musste sie einfach ansehen: Adrett gekleidet war sie, wie immer; heute sogar noch etwas adretter als sonst. Sie trug ein dunkelmarinblaues Nadelstreifen-Deuxpièces, darunter eine weiße Bluse mit weitem Kragen. Ihren überlangen Hals hatte sie mit einer – zweifellos echten – Perlenkette behängt. Ebensolche Ohrringe lugten unter ihrem makellos frisierten blonden Haar hervor. An sich durch und durch eine elegante Erscheinung – wenn da nicht das den Gesamteindruck etwas abschwächende Pferdegesicht gewesen wäre. In seiner langgezogenen Form passte es perfekt zu dem Hals, auf dem es saß. Dazu fügten sich die – regelmäßig gebleichten – Zähne, die mit Unter- und Oberlippe einen ständigen Kampf um Raum ausfochten. Unnötig zu erwähnen, dass die Zähne durch ihr leuchtendes Kunstweiß nur noch mehr auffielen, wenn die Lärchinger den Mund geöffnet hatte – was eigentlich so gut wie immer der Fall war. Dennoch: Die Lärchinger wirkte insgesamt optisch eindrücklich. Ein Mensch, dem man rein vom Äußeren her durchaus zutraute, über eine durchschnittliche oder gar darüber hinausgehende Vernunftbegabung zu verfügen. Eine Frau von Welt, von der Passanten auf der Straße wahrscheinlich dachten, sie sei Bankerin, Anwältin – Beraterin vielleicht. Irgendeine Tätigkeit, die… na ja… eben vernünftig war. Eine Tätigkeit, die am Ende eines Arbeitstages vielleicht sogar einen Mehrwert für die Gesellschaft erzeugt haben würde. Doch aus dem Mund dieser Frau quoll Unsinn über Unsinn. Wie konnte sich ein erwachsener Mensch nur mit einer so unerschütterlichen Überzeugung während fünfzig bis sechzig Stunden in der Woche einem solchen Kokolores widmen, der ihre Arbeit war? Fünfzig bis sechzig Stunden in der Woche; nicht einmal jeder Mensch mit einem richtigen und wichtigen Job arbeitete so viel. Die Lärchinger nahm ihre Sache mehr als ernst.

War das schon alles, was du draufhast? Ach, komm schon, das kannst du besser. Viel besser!, trieb Felix seine Chefin erneut an. Lass mich jetzt nicht hängen. Leg noch einen Zahn zu!

Und die Lärchinger zeigte sich so gehorsam wie ein Fluss, dem man das Fließen befahl.

«…sollten Sie nie unsere Leser unterschätzen. Die wissen, dass König Harald V. von Norwegen dem deutschen Haus Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg entstammt. Das muss man in einer solche Story unbedingt thematisieren und…»

«Aber darüber haben wir doch letzte Woche stundenlang diskutiert», fiel eine erregte Ute, der Verzweiflung nahe, der Chefin ins Wort. «Sie kennen meine Meinung. Ich finde, dass es für die Story keine notwendige Relevanz hat, ob Mette-Marit in ein deutschstämmiges Königshaus eingeheiratet hat. Damit hätten wir den Bericht nur unnötig aufgebläht und auf die Weise vom Kernthema abgelenkt.»

«Wie können Sie nur von ‹unnötig› und ‹fehlender Relevanz› sprechen?», spielte die Lärchinger Entsetzen vor. Selbstverständlich kannte sie Utes Argumente bestens. Aber jetzt hielt sie Unterricht – und die angebliche Überraschung über Utes mangelnde Sensibilität war der Dramaturgie der heutigen Lehrstunde geschuldet. «Sie scheinen zu vergessen, was unser Geschäft ist, meine Liebe. The very meaning of our business meine ich: Emotionen! Emotionen sind das eigentliche Produkt unserer täglichen Arbeit. Nicht die Geschichten; die sind – etwas sehr provokativ gesagt – im Grunde genommen nur Mittel zum Zweck. Nein, es geht doch letztendlich darum, mit unseren Storys für Emotionen bei der Leserschaft zu sorgen; unsere Leser wollen wissen, wie es sich in der Haut der Stars, Promis und Adeligen anfühlt. Das ist der Punkt, auf den wir uns fokussieren müssen. Und wie kriegen wir das hin? Indem wir den Leser in die Haut, in die Leben dieser Menschen hineinversetzen. Sprich in deren Emotionalität hineinversetzen. Das wiederum bedingt, dass wir das ganze Drumherum, das ‹Setting›, in dem sie sich bewegen, so akkurat und detailliert wie nur möglich nachzeichnen – und dann natürlich kreativ aufpeppen; Sie wissen schon: Die Tanne zum Christbaum ausschmücken. Sie können auf der Klaviatur des People-Journalismus nur dann eine Symphonie erklingen lassen, wenn Sie mit allen Tasten spielen. Alleine mit den weißen bringen Sie nur Geklimpere zustande; es braucht auch die Halbtöne dazwischen. Benutzen Sie alle Tasten, die Ihnen zur Verfügung stehen. Wir spielen hier keine Fahrstuhlmusik, sondern Rachmaninow… oder Jerry Lee Lewis. Ja! Das ist noch besser. Das Klavier darf am Ende ruhig brennen.»

Die Lärchinger lachte übermütig über den Scherz am Schluss ihres Vortrages, den sie kurzatmig mit hoher Sprechgeschwindigkeit gehalten hatte, wie es bei Menschen üblich ist, die sich vor lauter Begeisterung über sich selbst ereifern. Ihre Schäfchen lachten ebenfalls. Und viele noch nicht einmal deswegen, weil sie artige Speichellecker waren.

«Also, Ute», kehrte die Lärchinger wieder zurück zum Ernst des Alltags, «Dieser Storyaspekt will verwertet sein. Und zwar so, wie wir das eigentlich schon letzte Woche ausgearbeitet hatten: Machen Sie sich ein paar ernsthafte Gedanken darüber, wie seelisch belastend es für Mette-Marit mit ihrem Deutschland-Trauma sein muss, gezwungen zu sein, inmitten dieser deutschstämmigen Großfamilie zu leben. Da wir das Ganze ja jetzt nicht mehr in den ursprünglichen Bericht einbauen können, benutzen wir es für ein Follow-up: Halbe Seite, mit ein, zwei einschlägigen Bildern; das heißt rund dreihundert Worte. Und wissen Sie was? Wir bauen den Besuch von Mette-Marit und Haakon damit dann auch gleich zu einer ganzen Serie aus, die ihren Höhepunkt nächsten Monat finden wird, wenn die beiden herkommen.»

«Ja…», sagte Ute nachdenklich. «Wenn wir das so machen, ist das, glaub ich, eine richtig gute Sache. Ja, definitiv. So dosieren wir Informationen und Emotionen dramaturgisch geschickt und lassen nicht gleich eine ganze Flut auf unsere Leser los. Außerdem wirft die ganze Geschichte so Stoff für mehrere Wochen ab. Warum sind wir nicht gleich darauf gekommen?»

Eine berechtigte Frage; man hätte den Verdacht hegen können, dass es sich die Lärchinger aufgespart hatte, diesen ‹Kunstgriff› an der Wochenauftaktskonferenz aus dem Ärmel zu zaubern, um Ute vor versammelter Mannschaft vorzuführen und ihre Überlegenheit zu demonstrieren. Aber damit hätte man ihr unrecht getan. Sehr sogar. Wenn sie auch den Moment zelebrierte, tat sie dies allein um der Sache und des gemeinsamen Weiterkommens willen und keinesfalls, um Ute zu demütigen. Eine derartige Interpretation ihres Wirkens hätte ihr gar einen Riesenschreck versetzt. Nein, es war schlicht so, dass sie letzte Woche derart mit Felix beschäftigt gewesen war, dass alles andere daneben zu kurz gekommen war.

«Fein», konstatierte die Lärchinger schließlich zufrieden. «Schön, dass wir das doch noch so hingekriegt haben, dass es für alle stimmt. Damit hätten wir dann die Blattkritik für heute sozusagen mit einem fließenden Übergang abgeschlossen. Wir sind ja nämlich schon mittendrin in der Sondierung der für diese Woche anstehenden Arbeiten. Ute, soweit ich weiß, gibt’s bei Ihnen sonst zurzeit nichts wirklich Brisantes, oder?»

«Nein», antwortete Ute, ohne den Kopf zu heben, den sie über ihren Notizblock gebeugt hielt; sie hatte sich sofort darangemacht, das Besprochene penibel festzuhalten. «Zumindest nichts, worüber nicht die Konkurrenz schon ausführlich berichtet oder berichtet hat.»

«Okay… Wissen Sie was? Wir dehnen das Mette-Marit-Follow-up auf eine ganze Seite aus. Dann müssen wir nur noch eine weitere vollkriegen; ich erinnere daran, dass zwei Nettoseiten pro Ressort und Woche mindestens rausschauen sollten. Schöpfen Sie für den restlichen freien Platz aus Ihrem Fundus; machen Sie uns was Schönes zurecht.»

«Ja, gut», sagte Ute. «Ich habe gerade kürzlich bei mir selbst gedacht, dass wir schon eine Zeitlang die Grimaldis nicht mehr ‹zu Gast› hatten. Und dann mache ich wahrscheinlich noch was über die Royals. Die sind ein sicherer Wert.»

«Gut. Gut.» Die Lärchinger reckte sich und rieb dabei mit den flachen Händen über ihre Oberschenkel. «Dafür haben wir im Ressort ‹Politik› diese Woche eine umso brisantere Sache auf dem Herd. Gerd, Sie haben da ja dank eines zufälligen privaten Kontaktes einen echten Knüller über den niedersächsischen Minister für Soziales, Lutz Gröhlmann, für uns an Land gezogen, nicht? Es scheint mehr als nur ein Gerücht zu sein, dass er eine bizarre Liaison mit einer Asylbewerberin aus Kamerun unterhält, die er nicht zuletzt kraft seines Amtes kennengelernt hat.»

Gerds linkes Auge zuckte nervös. Geriet er in schwerere Gemütserregungen, ging er der Kontrolle über Gesichtsmotorik und Artikulation verlustig.

«E-es gibt da ein Problem», sagte er. «Ich habe gerade kurz vor der Konferenz erfahren, d-dass die ‹Blitz›-Zeitung Wind von der Sache bekommen hat. Die bringen das morgen. Offenbar haben die Gröhlmann sogar für ein Interview gekriegt.»

«WAS?», zeigte sich die Lärchinger erschrocken. «Diese verflixten Dailies! Immer wieder!»

Die täglich erscheinenden Boulevard-Blätter, allen voran die ‹Blitz›, waren ihr ein gewaltiger Dorn im Auge. Dazu kamen selbstverständlich noch die diversen Fernsehmagazine, die von Montag bis Sonntag über den Äther liefen. Eine Konkurrenz, gegen die es die ‹Sternwarte› äußerst schwer hatte – und beileibe nicht alleine deswegen, weil sie bloß wöchentlich erschien. In der Tat hatte es die ‹Sternwarte› gegen den überwiegenden Teil der Konkurrenztitel schwer. Eine offene und gangränöse Wunde, die da im Chefredakteurinnenherz klaffte. Und Rückschläge wie dieser waren Salz darauf.

«Nun gut», fasste sich die Lärchinger wieder. «Retten wir, was zu retten ist und quetschen aus der Sache raus, was wir noch können. Machen wir, was wir in solchen Situationen immer tun. Die übliche So-fühlt-sich-seine-Frau-Nummer. Als langjähriger, erfahrener Mitarbeiter wird es Ihnen keine Mühe bereiten, etwas über die Gefühlswelt einer Frau zu schreiben, deren Mann sie mit einer Asylbewerberin aus Kamerun betrügt.»

«Etwas in d-der Art hatte ich mir schon überlegt, Chefin», platzte es fast triumphierend aus Gerd heraus. «Ich dachte da aber an eine Geschichte über die F-familie der Geliebten Gröhlmanns zu Hause in Kamerun. Dass sie zu-zum Beispiel überhaupt nicht begeistert sind von der Liaison zwischen den beiden; dass sie Anhaltspunkte dafür haben, dass Gröhlmann sie als willige Sexsklavin hält, indem er seine Amtsmacht missbraucht», führte er weiter aus.

Isabel Lärchingers Miene hellte etwas auf.

«Gar nicht mal schlecht, Gerd, gar nicht mal schlecht», sagte sie anerkennend. «Das gefällt mir. Machen Sie das so. Aber vermeiden Sie es, zu konkret zu werden, ja? Deshalb Hände weg von Wörtern wie ‹Anhaltspunkte› und dergleichen. Stellen Sie es als Vermutung der Familie dar – aber doch als erhärtete. Und finden Sie etwas euphemistischere Worte für ‹Sexsklavin›. Aber man soll schon merken, was gemeint ist, okay? Und um Gottes willen nichts von Amtsmissbrauch sagen… mindestens nicht direkt.»

«Keine Angst Chefin, ich mach das schon, ich…»

«Und reichern Sie den Artikel mit Bildern von Kamerun oder irgendeines afrikanischen Landes an», setzte die Lärchinger ihre Unterweisung fort, ohne Gerd ausreden zu lassen. «Es soll nach Möglichkeit auch ein paar Menschen drauf haben, von denen man meinen könnte, es sei die Familie der Geliebten. Aber keine Nahaufnahmen und keine zu konkreten Bilder beziehungsweise Bildunterschriften.»

Die Lärchinger steigerte sich mehr und mehr in den Vorschlag ihres Ressortleiters ‹Politik› hinein, der sich seinerseits mehr und mehr zu ärgern begann. Immerhin war er nicht den ersten Tag dabei, wie seine Chefin gerade eben noch selbst betont hatte. Genau so behandelte sie ihn aber. Ihre Instruktionen konnte sie sich sparen, das wusste er selbst alles auch. Diese Reaktion der Lärchinger war indes nichts Außergewöhnliches; so verlief das immer. Da konnte ein Redakteur noch so viel Berufserfahrung haben – sie verschonte keinen mit ihren ‹Ratschlägen›. Normalerweise nahm die der linientreue Gerd auch folgsam und gar mit devoter Dankbarkeit entgegen, aber dieses Mal war er besonders stolz gewesen auf seinen notfallmäßig ausgearbeiteten Vorschlag und hatte sich wohl mehr Lob als Rat von seiner Chefin erhofft.

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